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Ein alter Landsitz. Ein sabotierter Backwettbewerb. Ein mysteriöser Mord. Ein kulinarischer Wohlfühl-Krimi rund um den TV-Backwettbewerb Bake Week - ideal zum Miträtseln und Genießen! Betsy Martin, Starköchin und Jurorin, öffnet zum zehnten Mal ihre Türen für die "Bake Week", einen erfolgreichen Backwettbewerb eines bekannten Streamingdiensts. Mit dem Fernsehteam, den Teilnehmern und Teilnehmerinnen muss sie dieses Jahr auch einen zweiten, jüngeren Juror auf ihrem Landsitz und Elternhaus Grafton Manor willkommen heißen – ihre Begeisterung über die Konkurrenz hält sich allerdings in Grenzen. Das Ensemble des Wettbewerbs ist wie stets bunt gemischt: Neben einer großmütterlichen älteren Dame sind ein wissenschaftlicher Perfektionist, eine ehrgeizige junge Frau, ein gelangweilter Start-up-Millionär, ein Familienvater und eine labile Hobbybäckerin vertreten. Doch hinter den Fassaden – nicht nur des Hauses, sondern auch der Menschen – verbergen sich Rätsel und Geheimnisse. Kleine Sabotageakte eskalieren und es kommt, wie es kommen muss: Bald liegt eine Leiche am Set. Jessa Maxwell lässt uns in "Wer den Löffel abgibt" nicht nur von Kuchen und dampfendem Brot träumen, sondern schafft eine perfekte Balance zwischen Humor, Behaglichkeit und der Spannung eines klassischen Whodunit-Krimis!
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jessa Maxwell
Kriminalroman
Aus dem amerikanischen Englisch von Kristina Lake-Zapp
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wie jedes Jahr wurde für den TV-Backwettbewerb „Bake Week“ ein buntes Ensemble an Teilnehmer:innen gefunden: die großmütterliche ältere Dame, der wissenschaftliche Perfektionist, die ehrgeizige junge Frau, der gelangweilte Start-up-Millionär, der Familienvater … Doch ganz anders als sonst steht die Starbäckerin und Jurorin der Show, Betsy Martin, nicht allein im Rampenlicht, sondern muss sich zum zehnjährigen Jubiläum die Aufmerksamkeit mit einem zweiten, jüngeren Juror teilen. Auch hinter den ehrgeizigen Konkurrent:innen steckt dieses Jahr mehr, als der erste Blick verrät. Von Beginn an bestimmen Geheimnisse und Sabotage den Wettbewerb, und es kommt, wie es kommen muss: Bald liegt eine Leiche am Set.
Widmung
PROLOG
BETSY
ZWEI WOCHEN ZUVOR
VIER TAGE ZUVOR
GERALD
HANNAH
PETER
STELLA
LOTTIE
TAG EINS
BETSY
HANNAH
PRADYUMNA
LOTTIE
STELLA
GERALD
HANNAH
PETER
BETSY
STELLA
HANNAH
PRADYUMNA
TAG ZWEI
BETSY
STELLA
LOTTIE
PRADYUMNA
GERALD
HANNAH
BETSY
STELLA
PRADYUMNA
LOTTIE
HANNAH
PRADYUMNA
LOTTIE
STELLA
TAG DREI
Gerald
BETSY
PRADYUMNA
STELLA
GERALD
LOTTIE
HANNAH
BETSY
PRADYUMNA
LOTTIE
HANNAH
GERALD
STELLA
PRADYUMNA
HANNAH
STELLA
BETSY
LOTTIE
PRADYUMNA
STELLA
LOTTIE
PRADYUMNA
HANNAH
LOTTIE
BETSY
EIN JAHR SPÄTER
STELLA
LOTTIE
GERALD
HANNAH
PRADYUMNA
Epilog
BETSY
DANK
Für Tim, die Glasur und den Kuchen
Betsy drückt ihr Handy ans Ohr und versucht, etwas zu verstehen. Der Wind heult, Regen prasselt gegen die Scheibe.
»Wir stecken hier draußen fest. Es wird wohl noch eine Weile dauern.« Melanies Stimme knistert. »Der Sturm hat mehrere Bäume entwurzelt. Wir warten darauf, dass die Einsatzkräfte die Straße räumen, aber bislang sind sie nirgendwo zu sehen. Wir werden wohl erst …«
»Ihr seid von Grafton Manor abgeschnitten?« Betsy spürt, wie Panik in ihr aufsteigt. Das ganze Team hat bereits Feierabend gemacht, alle haben eilig zusammengepackt und sind vor dem Unwetter in die Stadt zurückgekehrt. Nur Archie, sie und die Kandidaten sind noch auf dem Landgut. Diese Vorstellung erfüllt sie mit Furcht. Schaudernd zieht sie ihren dünnen Kaschmirpulli enger um sich.
»Was haben Sie gesagt, Betsy? Die Verbindung reißt immer wieder ab. Jemand muss nach dem Zelt sehen! Darin lagert tonnenweise Kameraausrüstung. Mir ist klar, dass Sie nicht für das Technikzeug zuständig sind, aber könnten Sie bitte rausgehen und nachschauen, ob die Zeltklappen geschlossen sind? Ich bete nur, dass das Zelt dem Sturm standhält. Angeblich soll es noch schlimmer werden. Tut mir leid, dass ich Sie darum bitten muss, aber leider fällt mir niemand anderes ein. Ich habe versucht, Archie zu erreichen, doch er geht nicht ans Telefon. Wäre es möglich, dass Sie …« Melanies Stimme reißt mitten im Satz ab.
»Ich mache das schon«, erwidert Betsy ungehalten. Auf keinen Fall wird sie den Mann um irgendetwas bitten, nicht ausgerechnet ihn, nach dem, was er getan hat. »Auch wenn es absolut … inakzeptabel ist.«
Leicht verärgert legt sie auf. In den zehn Jahren, die sie die Bake Week nun schon moderiert, hat sie noch nie die Drecksarbeit erledigen müssen. Während eines sintflutartigen Regengusses das Zelt zu überprüfen, noch dazu bei Dunkelheit und Sturm, steht definitiv nicht in ihrer Jobbeschreibung. Sie holt tief Luft. Zum Teil ist es ihre Schuld, dass das Team in der Stadt ist. Sie konnte die Vorstellung einfach nicht ertragen, dass ständig jemand mit schmutzigen Schuhen und Ausrüstung durch das alte Herrenhaus stapft.
Ein Blitz zuckt vor dem Fenster auf, gefolgt von einem heftigen Donnerschlag. Betsy betritt ihren begehbaren Kleiderschrank und greift nach der schweren gelben Regenjacke ihres Vaters. Als sie die Arme hineinschiebt, stellt sie enttäuscht fest, dass die Jacke nicht mehr nach seinen Zigarren riecht, sondern leicht modrig, nach Moschus, wie alles, was in Grafton Manor länger nicht benutzt wird. Nach Verfall. Ein Geruch und ein Zustand, gegen den sie permanent ankämpft.
Sie verspürt einen Anflug von Schuldgefühlen. Richard Grafton wäre am Boden zerstört, wenn er das alte Herrenhaus so sehen könnte. Er hatte Grafton Manor geliebt, und er hätte eine Möglichkeit gefunden, es zu erhalten, ganz gleich zu welchem Preis. Seufzend streckt sie sich, um eine alte Metalltaschenlampe von einem der oberen Regalböden zu nehmen.
Die Taschenlampe in der Hand, geht sie durch den Flur zur Haupttreppe. Der Regen trommelt wie verrückt gegen die beiden bodentiefen Fenster im Foyer. Betsy eilt die Stufen hinunter zur Haustür und fühlt sich schon jetzt verletzlich. Schutzlos den Elementen ausgeliefert. Sie setzt die Kapuze auf, öffnet die schwere Holztür und kämpft gegen die Böen an. Das Zelt steht keine drei Meter vom Haus entfernt, doch der Regen ist so stark, dass er aussieht wie ein weißer Schleier. Betsy wappnet sich und geht hinaus. Der Wind peitscht ihr das Wasser schräg ins Gesicht, sodass sie kaum etwas sehen kann, als sie die von zwei Löwen flankierte Eingangstreppe hinuntersteigt. Die Köpfe der Löwen ruhen müde auf den überkreuzten Tatzen, als hätten sie sich dem Unwetter ergeben. Sie geht über den kurzen Kiesweg zum Rasen. Sobald sie einen Fuß daraufsetzt, versinkt ihr rechter Absatz im Matsch und bleibt stecken. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren. Sie schlüpft aus dem Schuh und versucht, ihn auf einem Bein hüpfend herausziehen. Der durchweichte Boden gibt den Schuh mit einem schmatzenden Geräusch frei. Betsy schiebt ihren nassen Fuß hinein. Trotz der Regenjacke ihres Vaters ist sie schon jetzt völlig durchweicht. Aufgebracht denkt sie an die Aufräumarbeiten, die vorgenommen werden müssen, bevor sie weiterdrehen können. Alles wird sich verschieben, und das kostet Geld, jede Menge Geld. Diese Staffel gerät zu einem grauenhaften Desaster.
Nachdem sie den Medien Material vom ersten Drehtag zugespielt hatten, schrieb die Post: »Die Chemie stimmt nicht«, und das unter der Headline WAS WIRD AUS DERBAKE WEEK? Als ginge die Presse davon aus, dass das Problem sie beide wären. Sie und Archie. Niemand hatte sich je über ihre Chemie beschwert, bevor er kam. Es hatte überhaupt nie ein Problem gegeben, bevor er kam.
Wütend öffnet Betsy die Zeltklappe und schaltet ihre Taschenlampe ein. Der Regen trommelt lautstark auf das spitz zulaufende Leinendach. Sie lässt den Lichtstrahl durchs Zelt gleiten. Jede der Backstationen ist sorgfältig vorbereitet, wie immer am Ende eines Drehtages. Das Team räumt auf, bevor die Bäckerinnen und Bäcker am frühen Morgen zurückkehren, um erneut jede erdenkliche Oberfläche mit Mehl und Teig zu beschmutzen. Jetzt stehen die Standmixer akkurat in Reih und Glied, die Siebe und Backutensilien liegen sorgfältig arrangiert auf den einzelnen Tischen. Eine fröhliche Kulisse aus Pastelltönen und hellem Holz. Eine nette Kulisse, die hervorragend zu der publikumsnahen Nettheit der Sendung passt. Außerdem sind die Kandidatinnen und Kandidaten – sorgfältig ausgewählt und bis ins kleinste Detail überprüft – in der Regel ebenfalls nett. Dafür sorgt Betsy. Manche von ihnen sind vielleicht ein wenig verbissen, das ja, aber sie geben sich so viel Mühe, strengen sich so verzweifelt an, perfekt zu sein, zu gewinnen, und genau deshalb darf man ihnen ihre Verbissenheit nachsehen. Betsy weiß, dass sie niemals so hart arbeiten musste wie manche von ihnen. Bei der derzeitigen Gruppe ist das nicht anders. Selbstverständlich gab es einige … Herausforderungen. Diesmal war es sicher nicht einfach.
Ein weiterer Blitz zuckt am Himmel auf, und als wäre er ganz in der Nähe eingeschlagen, kracht unmittelbar darauf der Donner. Betsy schaudert und durchquert das Zelt. Auf der rechten Seite sind die Kameras nebst Zubehör aufgereiht. Es sieht so aus, als wäre hier alles in Ordnung. Der Boden ist trocken.
Sie lässt den Lichtstrahl ein weiteres Mal durchs Zelt schweifen, bereit, ins Haus zurückzukehren und sich mit einem Glas Portwein aufzuwärmen. Bereit, zu vergessen, was heute passiert ist, oder es zumindest zu versuchen.
Doch dann fällt ihr Blick auf etwas im vorderen Bereich des Zelts. Ein Gegenstand liegt auf dem Tisch der Jury. Sie richtet die Taschenlampe darauf. Es sieht aus wie ein Kuchen. Jemand muss ihn nach der Back-Challenge des Tages dort vergessen haben, was seltsam ist. Für gewöhnlich arbeitet das Team gründlich, nach einem Drehtag bleibt nichts zurück. Jetzt kann sie sehen, dass der Kuchen fertig gebacken ist, eine Scheibe ist bereits abgeschnitten. Kirschrote Flüssigkeit tropft vom Präsentierteller und läuft an der Rückseite des Tisches hinunter, wo sie sich mit einer großen Wasserpfütze vermischt. Der Regen hat tatsächlich einen Weg ins Zelt gefunden. Schweren Herzens tritt Betsy näher. Diese Sauerei wird die Dreharbeiten noch weiter verzögern. Es wird noch teurer, noch anstrengender werden.
Ein Wassertropfen landet auf ihrem Gesicht. Betsy fährt zusammen. Sie hebt die Hand und wischt ihn ab. Die Flüssigkeit fühlt sich klebrig an. Als sie die Finger ins Licht hält, stellt sie schockiert fest, dass sie hellrot verschmiert sind.
Sie richtet die Taschenlampe nach oben. Der Lichtstrahl zuckt über das spitz zulaufende Zeltdach, dann verharrt er. Noch bevor ihre Augen den grauenvollen Anblick über ihr richtig erfassen können, fängt sie an zu schreien.
Zur sofortigen Veröffentlichung:
Grafton, Vermont, 23. Mai 2023 – Der Streamingdienst Flixer gibt bekannt, dass die Dreharbeiten zur zehnten Staffel der Erfolgssendung Bake Week beginnen. Die beliebte Backshow, die vor einem Jahrzehnt die Herzen der Welt eroberte, setzt in dieser Staffel zum zehnjährigen Jubiläum mit einem neuen Co-Moderator noch eins drauf. Betsy Martin, die erfahrene Jurorin und Schöpferin der Show, wird natürlich dabei sein, doch in diesem Jahr wird sie unterstützt von dem preisgekrönten Bäcker und Cutting Board-Moderator Archie Morris. Zum ersten Mal seit Beginn der Sendung wird sich Betsy das Zelt also mit einem weiteren Moderator teilen. Die Dreharbeiten finden wie gewohnt auf dem Anwesen von Betsy Martins Familie in den Bergen im Norden von Vermont statt.
Sechs Hobbybäcker und Hobbybäckerinnen werden am 5. Juni in Grafton Manor eintreffen, wo sie um den Titel »Amerikas Back-Champion« kämpfen. Von Montag bis Donnerstag werden sie in vier ganztägigen Challenges gegeneinander antreten, bevor am Freitag der entscheidende Showdown zwischen den letzten beiden Kandidaten beginnt. Der Sieger erhält einen Vertrag für ein eigenes Backbuch, das bei Flying Fork Press, dem führenden Koch- und Backbuchverlag Amerikas, Teil der Verlagsgruppe Magnus Books, erscheinen wird. Am wichtigsten aber ist, dass die Gewinnerin oder der Gewinner die begehrte Trophäe »Goldener Löffel« mit nach Hause nimmt.
Im Folgenden stellen wir die sechs Bäcker und Bäckerinnen vor, die mit größter Sorgfalt aus über zehntausend eifrigen Bewerbern ausgewählt wurden. Zu Hause sind sie allesamt exzellent – und nun möchten wir sehen, wie sie sich im weißen Zelt schlagen!
STELLA VELASQUEZ
Die ehemalige Republic-Journalistin lebt in Brooklyn, New York. Stella, die die Kunst des Backens in sage und schreibe weniger als einem Jahr erlernt hat, ist die unerfahrenste Teilnehmerin des Wettbewerbs, obwohl ihr Können dem einer sehr viel erfahreneren Bäckerin entspricht. Sie liebt Kuchen über alles, und sie liebt es, diese für Freunde in New York zu backen und zu verzieren. Stella ist ganz verrückt nach der Bake Week, und sie sagt, dass Betsy Martin und ihre Show ihr durch so manche schwere Zeit in ihrem Leben geholfen haben. »Es ist mir eine gewaltige Ehre, an der Sendung teilnehmen zu dürfen, obwohl ich noch eine Anfängerin bin. Meine Heldin Betsy Martin kennenzulernen, wird alle Mühen wettmachen.«
HANNAH SEVERSON
Hannah stammt aus Eden Lake in Minnesota. Sie ist der ganze Stolz des örtlichen Diners, dem Polly’s, wo sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr als Bäckerin und Kellnerin arbeitet. Ihre innovativen Pie-Rezepte haben sie zu einer lokalen Berühmtheit gemacht. Mit ihren einundzwanzig Jahren ist Hannah eine Art Wunderkind und die zweitjüngste Teilnehmerin in der Geschichte der Bake Week, was ihrer Leidenschaft fürs Backen geschuldet ist. Wenn sie nicht gerade mit ihren Pies in Polly’s Diner für Aufruhr sorgt, erprobt sie gern ihre Rezepte für Brot und Desserts an ihrer Familie und den Nachbarn – und vor allem auch an ihrem Freund Ben. »Backen bedeutet mir alles, und ich kann es kaum erwarten, der Welt zu zeigen, was in mir steckt«, sagt sie selbstbewusst.
GERALD BAPTISTE
Gerald Baptiste kommt aus der New Yorker Bronx und arbeitet als Mathelehrer an einer Highschool. Seine Freizeit verbringt er damit, neue Zutaten für seine geradezu hochwissenschaftlichen Backwaren zu beschaffen. Aus diesem Grund hat Gerald enge Beziehungen zu einheimischen Getreidebauern geknüpft, die er oft im Hinterland besucht. Wenn er kann, mahlt er gern sein eigenes Mehl, außerdem stellt er seine eigenen Essenzen und Extrakte her. »Beim Backen geht es genau wie im Leben darum, das bestmögliche Ergebnis mit den gegebenen Variablen zu erzielen.«
PRADYUMNA DAS
Der Start-up-Unternehmer Pradyumna ist der Gründer und ehemalige CEO von Spacer, einer App, die freie Parkplätze in städtischen Gebieten ausfindig macht. Seit er sein Unternehmen verkauft hat, widmet er sich dem entspannteren Zeitvertreib des Backens. Er backt für Freunde, die er häufig in seinem Bostoner Penthouse bewirtet. Seine Herangehensweise an das Backen ist eher lässig, und er improvisiert bei seinen einzigartigen Kreationen oft mit Zutaten und Techniken. »Für mich geht es bei dem Wettbewerb nicht ums Gewinnen, sondern darum, neue Erfahrungen zu sammeln und meine Grenzen auszutesten, um zu sehen, was für eine Art Bäcker und Mensch in mir steckt.«
LOTTIE BYRNE
Lottie ist eine ehemalige Krankenschwester aus Kingston, Rhode Island. In ihrer Freizeit backt Lottie liebend gern Leckereien für ihre Tochter Molly. In ihrem Cottage findet sich eine beeindruckende Sammlung von Rührschüsseln. Das Backen hat Lottie von ihrer Mutter gelernt, und sie hat schon sehr früh damit begonnen, sich eigene Rezepte auszudenken. Ihre Spezialität ist es, traditionellen Backwaren einen modernen Pfiff zu verleihen. »Es war schon immer mein Lebensziel, an der Bake Week teilzunehmen, und ich kann es kaum erwarten, Betsy Martin zu zeigen, was für eine leidenschaftliche Bäckerin ich bin.«
PETER GELLAR
Peter lebt mit seiner Familie in Woodsville im Bundesstaat New Hampshire. Er arbeitet im Bauwesen und ist auf die Restaurierung alter Bauwerke spezialisiert. Wenn Peter nicht an der Ostküste unterwegs ist, um Stuck und Intarsienböden zu reparieren, findet man ihn an seinem Lieblingsort – zu Hause in seiner Küche, wo er wahre Köstlichkeiten für seinen Ehemann Frederick und die drei Jahre alte Tochter Lulu zaubert. »Rezepte sind wie Architektur: eine Kombination aus erprobten Methoden mit persönlichen Noten. Genau das macht ein Gebäck unvergesslich.«
Ich war nicht überrascht, als der Anruf kam, trotzdem beschleunigte sich mein Herzschlag rapide. Das weiß ich genau, weil meine Uhr aufleuchtete und mir einen Belohnungspunkt für das Training gab. Ich war auch nicht überrascht, als man mir mitteilte, dass man mich als Teilnehmer für die Bake Week ausgewählt hatte, denn ich bin ein exzellenter Bäcker. Jeder kann ein exzellenter Bäcker sein, wenn er diszipliniert genug ist. Es ist alles nur Chemie. Um einen perfekten Kuchen zu backen, braucht man lediglich die richtigen Gleichungen. Für eine knusprige Mille-feuille müssen die Zutaten genau abgemessen sein, dasselbe gilt für einen auf der Zunge zergehenden Florentiner oder eine Pie-Kruste mit perfektem Biss. Die Temperatur muss wohlüberlegt und genau eingestellt und kontrolliert werden, wenn man möchte, dass ein Soufflé aufgeht oder eine Schokoladenglasur glänzt, als wäre sie aus Glas. Überall im Leben kommen Gleichungen vor, man muss nur genau hinschauen.
Angenommen, Sie sind bereit, für eine Backsendung im Fernsehen den ganzen Weg von Ihrem Apartment in der Bronx zu einem Landsitz in Vermont mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich zu nehmen, so wie ich es jetzt tue, dann müssen Sie sich mit den Fahrplänen vertraut machen. Sie fahren mit der U-Bahn-Linie D bis 34th Street, nehmen den nordwestlichen Ausgang und gelangen so zur 34th Street. Anschließend gehen Sie zwei Avenues in westliche Richtung zum nordöstlichen Eingang der Moynihan Train Hall. Es bleiben Ihnen exakt elf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges nach Vermont, Abfahrtzeit 8:15 Uhr. Um genau 15:45 Uhr erreichen Sie Brattleboro. Dort haben Sie Zeit für einen Kaffee in einem Café gegenüber dem Bahnhof, bevor Sie in den Shuttlebus steigen, der Sie zum Eingang von Grafton Manor bringen wird.
Ich habe Grafton Manor anhand von Bauplänen kartiert, die ich aus der Online-Datenbank der Vermont Historical Society heruntergeladen habe. Das Haus ist riesig, aber nun habe ich den Eindruck, das Anwesen zu kennen, was angenehm ist, da ich mich im Allgemeinen nicht gern an neuen Orten aufhalte, schon gar nicht mit Fremden und gleich für eine ganze Woche. Ich habe mir mögliche Routen von den Gästezimmern zum Speiseraum eingeprägt, vom Speiseraum zum Zelt, und die Zeit berechnet, die ich dafür benötigen werde.
Ich bin die Variablen meiner Reise so oft durchgegangen, dass ich nun kaum auf meinen eigens erstellten Zeitplan blicken muss, als ich mit meinen Taschen aus der U-Bahn steige und zügig den Bahnsteig entlanggehe. Ein Mann spielt Geige, Bach. Ich erkenne sofort die Sonate Nr. 1 für Violine in g-Moll. Da es mir gelungen ist, einen Expresszug zu erwischen, erlaube ich mir, zwei Minuten stehen zu bleiben, um zu lauschen. Ich schließe die Augen. Die Musik trägt mich weg von dem schmutzigen U-Bahnsteig und zurück an den Küchentisch meiner Kindheit. Ich erinnere mich an jedes Detail, an jede Kerbe im Holz, an jede Träne auf den Stühlen mit Vinyllehne, auf denen ich sitzen musste, bis ich meine Hausaufgaben erledigt hatte. Meine Mutter pflegte derweil das Radio anzustellen und die winzige Küche mit großartigen Symphonien zu füllen. Klassische Musik sei gut zum Lernen, behauptete sie. Während ich mathematische Gleichungen löste, backte sie. Die Luft war geschwängert von dem Duft der Kuchen im Ofen, der geschmolzenen Schokolade und dem zuckersüßen Obst, das auf der kleinen Herdplatte einkochte.
Meine Mutter war aus Grenada immigriert. Sie hatte eine Ausbildung als Chemikerin absolviert, doch als sie in die Vereinigten Staaten kam, wurde ihr Abschluss nicht anerkannt, also nahm sie eine Putzstelle bei einer reichen Familie in Manhattan an. Als die Ehefrau mitbekam, dass sie ausgezeichnet kochen und backen konnte, war sie fortan auch für die Mahlzeiten zuständig. Es waren ihre Kuchen, die ihr die meiste Aufmerksamkeit einbrachten. Schon bald baten alle Familien in Tribeca meine Mutter, Gebäck für die Geburtstagsfeiern ihrer Kinder oder ihre abendlichen Cocktailpartys zu backen.
Meine Mutter nahm das Backen sehr ernst und übte zu Hause, und oftmals machte ich mitten in der Nacht einen Abstecher zu ihr in die Küche, und sie gab mir ein Glas warme Milch und ließ mich probieren, was immer sie gerade zubereitete. In dem Jahr, als ich fünfzehn wurde, hatte sie fast zwei Jahrzehnte lang geduldig Erfahrung gesammelt und Geld gespart, und sie eröffnete endlich eine eigene Bäckerei. Ich bettelte darum, dort arbeiten zu dürfen, anstatt in die Schule zu gehen, aber sie wollte davon nichts wissen. Meine Backausbildung erfolgte nach den Hausaufgaben und nur, wenn es die Zeit erlaubte. All dies habe ich im Bewerbungsvideo erzählt, in dem ich auch meine Fachkenntnisse in Sachen handgemahlenes Mehl erwähnte.
Die Dreharbeiten fallen in die Sommerferien, sodass mir mein Lehrerberuf dabei nicht im Weg steht. Selbstverständlich folge ich normalerweise auch in der unterrichtsfreien Zeit einem festen Tagesablauf. Ich habe deshalb die Vorteile und Nachteile daran, an der Show teilzunehmen, aufgelistet, und alles spricht dafür, dass ich hinfahre. Wenn ich gewinne – die Chancen dafür stehen eins zu sechs, wenn nicht höher –, habe ich mir selbst bewiesen, dass ich bin, was ich denke zu sein, habe bewiesen, dass meine Berechnungen korrekt sind. Wenn ich verliere, werde ich nach spätestens einer Woche zu meinem normalen Zeitplan zurückkehren.
Ich gebe dem Geigenspieler zehn Dollar, gehe weiter zum Ausgang und trete hinaus in den strahlenden New Yorker Morgen. Anschließend bahne ich mir den Weg die 34th Street entlang, dränge mich zwischen Touristen und Passanten hindurch und weiche Männern auf dem Gehsteig aus, die gefälschte Markensonnenbrillen und Eis verkaufen. Ich hatte sie in meinen Zeitplan eingerechnet. Endlich erreiche ich den nordöstlichen Eingang zum Bahnhof und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr: 8:04 Uhr.
Ich verspüre die wohlige Gewissheit, rechtzeitig zu sein, alles richtig gemacht zu haben. Beschwingt trage ich meine Taschen in die Bahnhofshalle und werfe einen Blick auf die Anschlagtafel, nur um sicherzugehen, obwohl ich die Abfahrtzeit selbstverständlich kenne.
Doch der Zug nach Vermont ist nicht dort angeschlagen, wo er angeschlagen sein sollte – gleich zwischen dem Northeast Regional und dem Hochgeschwindigkeitszug nach Washington. Meine Augen scannen die Tafel und entdecken ihn weiter unten, versehen mit dem rot blinkenden Zusatz: Zugverspätung, genauere Informationen folgen.
Kalte Furcht macht sich in mir breit. Eine Sache läuft nie gut, wenn sie nicht nach Plan erfolgt.
Ernüchtert stelle ich fest, dass sich Vermont, abgesehen von der Welle blauer Berge in der Ferne, nicht wesentlich von Eden Lake in Minnesota unterscheidet, wo ich herkomme. Die gleichen Kleinstädte, die sich an die Ränder der ewig gleichen State Highways schmiegen, die gleichen einsam gelegenen Tankstellen und halb leeren Einkaufszentren. Die gleichen einsam gelegenen weißen Kirchen mit den gleichen unkrautüberwucherten Parkplätzen. Als ich auf dem Rücksitz eines schwarzen SUVs an einer dieser Kirchen vorbeifahre, sehe ich schon von der Straße aus, dass die Farbe von der Fassade abblättert.
Der Fahrer hat mich am Flughafen in Burlington abgeholt, er hat ein Schild mit meinem Namen – Hannah Severson – in die Höhe gehalten, genau wie es mir die Koordinatoren von der Bake Week mitgeteilt hatten. Um ehrlich zu sein, hatte ich ein bisschen mehr Tamtam erwartet. Nicht dass ich dachte, Betsy Martin würde mich persönlich in Empfang nehmen, aber vielleicht jemand vom Team, ein Produzent oder Assistent, der den Fahrer begleitete, um mich willkommen zu heißen und sich während der Fahrt mit mir zu unterhalten. Der Fahrer hievte bloß schweigend mein Gepäck auf einen Wagen und schob ihn hinaus auf den Parkplatz. Ich nahm an, dass ich ihm folgen sollte.
»Die Fahrt dauert gute zwei Stunden«, sagte er, öffnete die Fond-Tür und reichte mir eine kleine Flasche Wasser.
Begleitet von dem leisen Summen der Klimaanlage, fahren wir durch die ländliche Gegend, jede Stadt, die wir passieren, ist kleiner und leerer als die vorige. Ich gebe mir alle Mühe, meine anfängliche Enttäuschung abzuschütteln. Meine Teilnahme an der Sendung ist lediglich ein Sprungbrett für meine Zukunft, aber längst nicht alles, versuche ich mir einzureden. Im Grunde schwebt mir etwas viel Glamouröseres vor, schließlich bin ich erst einundzwanzig. Noch sehr jung. Die zweitjüngste Kandidatin, die je bei der Bake Week mitgemacht hat. Außerdem gibt es in Eden Lake nichts, was mit Grafton Manor vergleichbar wäre. In weniger als zwei Stunden werde ich dort sein.
»Hab einfach Spaß«, hat Ben heute Morgen zu mir gesagt, als er mich am Flughafen absetzte. Ich beugte mich vor, um ihm einen Abschiedskuss zu geben, und sein Jagdhund Sam steckte den Kopf zwischen unseren Sitzen hindurch und leckte mein Kinn. Ich streichelte ihn lachend und nahm mir vor, später mein Make-up zu überprüfen.
»Versprochen«, sagte ich und setzte mein fröhlichstes Gesicht auf, das Gesicht, das Ben so gern mag – das Gesicht, das jeder mag. Insgeheim aber dachte ich: Du hast ja keine Ahnung, was das für mich bedeutet. Spaß ist ein flüchtiges, vorübergehendes Vergnügen. Spaß kommt angeflogen wie eine Wolke und verpufft, bevor man ihn überhaupt zu fassen bekommt. Erfolg dagegen ist etwas, woran man sich festhalten kann, etwas, worauf man zählen kann und was einen überallhin begleitet, wie eine Designer-Handtasche. Bei der Bake Week dabei zu sein, ist alles für mich. Es ist meine Chance – vielleicht meine einzige –, etwas Bedeutendes mit meinem Leben anzufangen. Etwas Besseres, Größeres, als nur in Polly’s Diner zu arbeiten.
Vor meiner Abreise schmissen meine Kollegen eine Party für mich. Brian, Lucille und Sarah waren die Organisatoren: Sie hängten Krepppapier-Girlanden auf, schoben alle Tische zur Seite, um Platz zum Tanzen zu schaffen, und luden jeden aus der Stadt ein, den ich kenne. Polly schloss das Diner früher, und alle kamen, um Wein aus Kanistern zu trinken und Pie aus der gekühlten Drehvitrine zu futtern. »Ich wusste schon immer, dass Hannahs Pies etwas ganz Besonderes sind«, sagte Polly an jenem Abend zu allen, die ihr zuhörten, als würde so ein wenig von meinem Glanz auf sie abfärben.
Von dem Moment an, als der Anruf einging und man mir mitteilte, dass ich als Kandidatin bei der Bake Week antreten würde, veränderte sich alles. Alle wollten plötzlich in meiner Nähe sein. Ich fühle mich schuldig, weil ich weiß, dass ich nie wieder jemandem im Diner ein Stück Pie servieren werde, wenn ich jetzt alles richtig mache.
Es ist nicht so, dass ich es hasse, bei Polly’s zu arbeiten, aber wer würde nicht versuchen, sich über die Teilnahme bei der Bake Week eine Karriere aufzubauen? Ich habe die gewaltige Instagram-Präsenz der vorherigen Gewinner gesehen, die erfolgreichen YouTube-Kanäle, das Backbuch und die Werbeverträge, die sie an Land ziehen konnten. Eine der Gewinnerinnen hat ihr eigenes Kochgeschirr herausgebracht – Töpfe und Pfannen mit im Stiel eingraviertem Namen in goldener Kursivschrift –, das in Geschäften im ganzen Land und auf dem Shoppingsender QVC vertrieben wird. Die Bake Week hat ihr Leben verändert. Es ist nichts Falsches daran, dass ich meins ebenfalls verändern möchte.
Endlich biegt der SUV vom Highway auf eine schmale Straße ab, die durch einen dunklen Kiefernwald führt. Ich versuche, meine Nerven zu beruhigen, indem ich tief Luft hole und mir befehle, mich zusammenzureißen. Ich möchte nicht völlig aufgelöst in Grafton Manor eintreffen, auch wenn ich so aufgeregt bin, dass ich platzen könnte. Noch aufgeregter als bei meinem Highschool-Abschluss – als Erste in meiner Familie habe ich im Juni die Bühne betreten und mit einem Zeugnis über die Allgemeine Hochschulreife wieder verlassen –, noch aufgeregter als bei meinem ersten Date mit Ben. Die Bake Week kann mich im Leben weiter bringen, als die Schule oder Ben es je könnten. Solange ich es nicht vermassele. Ich kann die Vorstellung nicht ertragen, dass ich die Sendung als eine der ersten Kandidatinnen verlasse und sofort wieder in Vergessenheit gerate – der Ruhm erloschen, noch bevor die Social-Media-Accounts verifiziert werden konnten.
Ich blicke auf meine Hände. Obwohl ich mir wegen der bevorstehenden Dreharbeiten alle Mühe gegeben habe, es nicht zu tun, habe ich auf dem Weg zum Flughafen meine Nagelhaut mit den Zähnen bearbeitet. Hoffentlich habe ich daran gedacht, eine Nagelfeile einzupacken.
Ich nehme eine kleine Puderdose aus der Handtasche und betrachte mich im Spiegel, um mich zu vergewissern, dass mein Pony richtig liegt. Das Make-up, das ich während des Flugs korrigiert habe, ist noch in Ordnung, aber ich lege trotzdem eine frische Schicht Lipgloss auf.
Der SUV fährt um eine Kurve und aus dem Wald hinaus. Wir rollen durch ein großes steinernes Tor, dann kommt Grafton Manor in Sicht. Ich blicke aus dem Wagenfenster an der Fassade empor, und mir klappt die Kinnlade herunter. Obwohl ich das imposante Herrenhaus millionenfach im Fernsehen gesehen habe, schnürt sich meine Brust zusammen. In natura wirkt es mit seinen hellgrauen Steinen, den riesigen Fenstern und den vielen Kaminen noch beeindruckender. Ein bisschen erinnert es mich an die Harry Potter-Filme.
Vor dem Haupteingang bleiben wir stehen. Dort befindet sich die Treppe mit den beiden Löwen, auf der Betsy zu Anfang der Sendung steht. Jetzt wartet eine schlanke Brünette auf dem Treppenabsatz, ein Clipboard in der Hand. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich tatsächlich in Grafton Manor bin und nicht halluziniere. Nach so hartem Üben, nach so vielen Jahren, die ich Kuchen, Torten und allen möglichen anderen Backwaren gewidmet habe, bin ich nun endlich hier. Die viele Zeit, die ich mit Fondant zugebracht habe oder dem Spritzen von Zuckerguss auf Pappbogen, bis jede Linie, jedes mattgrüne Blütenblatt und jede zuckersüße rosa Rosenknospe perfekt war, hat sich bezahlt gemacht. Hannah Severson aus Eden Lake in Minnesota ist Kandidatin bei der Bake Week.
Ich steige aus dem SUV und lege den Kopf in den Nacken, um zu sehen, wo das Dach den Himmel berührt. Der Fahrer nimmt mein Gepäck aus dem Kofferraum. Ich habe noch nie ein so großes Haus gesehen. Es erinnert mich an den Französischunterricht in der Highschool, als wir über Versailles gesprochen haben. Ich verspüre das Bedürfnis, über die Zufahrt zu wirbeln und Rad zu schlagen, aber ich ermahne mich, ruhig zu bleiben. Ich möchte nicht wirken wie ein Kind. Kinder gewinnen nicht bei der Bake Week, und ich bin hier, um zu gewinnen.
Als der Fahrer eine meiner Taschen auf den Kies fallen lässt, zucke ich zusammen. Mein ganzes Make-up ist da drin. Es darf auf keinen Fall etwas kaputtgehen. Hier draußen gibt es keine Sephora-Filialen, und ich möchte, dass alles perfekt ist. Ich möchte perfekt sein. Ich sammle meine Habseligkeiten ein und versuche, extra gerade zu stehen, dann gehe ich so selbstbewusst wie möglich auf die Frau auf der Treppe zu, während ich gegen das Gefühl ankämpfe, ich hätte es nicht verdient, hier zu sein. Ich darf mir jetzt keinen dummen Fehler erlauben. Mom sagt immer, es gibt nur eine Chance, einen guten ersten Eindruck zu machen, und die werde ich nicht vermasseln.
Die Bogenfenster von Grafton Manor starren blicklos auf mich herab, als ich in meinem Pick-up vorfahre. Ich lasse das Seitenfenster herunter und betrachte das kunstvolle Mauerwerk der Fassade. Ich liebe diese Art von Architektur. Viktorianisch, erinnert aber an den jakobinischen Stil, von dem die Engländer Anfang bis Mitte des siebzehnten Jahrhunderts so begeistert waren. Dieses Herrenhaus ist ein ganz besonderes Exemplar. Unglaublich. Natürlich habe ich es Tausende Male im Fernsehen gesehen – ich habe mir jede Folge der Bake Week mindestens zwei Mal angeschaut –, aber dort war es nur Kulisse. Vor Ort gewinnt man einen ganz anderen Eindruck von dem Anwesen. Zunächst einmal steht es mitten im Nirgendwo. Es gibt ein kleines Dorf in der Nähe – in Wirklichkeit nicht mehr als ein paar Häuser, einige Läden, ein Supermarkt, eine Tankstelle und ein Diner an der Straße –, etwa eine Meile entfernt. Aber um zu der nächstgelegenen richtigen Stadt zu gelangen, muss man mehr als fünfundvierzig Meilen durch Wald fahren. Man spürt förmlich, wie abgeschnitten man hier oben ist. Im wahrsten Sinne des Wortes. Unterwegs war ich immer wieder vom Netz abgeschnitten, und ich bezweifle, dass es hier irgendwo guten Empfang gibt.
Wie um meine Befürchtung zu widerlegen, steht ein Mann vor dem Haus und spricht in sein Handy, dann lehnt er sich gegen einen der Marmorlöwen an der Treppe.
»Wissen Sie, wo ich parken kann?«, rufe ich ihm zu. Er deutete auf die Stelle, an der die Zufahrt um die Seite des Gebäudes herumführt.
Ich folge dem schmalen Weg zu einem kleinen Parkstreifen und stelle den Pick-up neben einem protzigen weißen BMW ab. Der Rest der Parkfläche wird zum Großteil von einem riesigen Trailer eingenommen. Technisches Equipment für den Dreh, vermute ich, während ich meine Reisetasche von der Ladefläche des Pick-ups nehme und um die Ecke zum Haupteingang biege. Die Hauswand hier ist mit Efeu bewachsen, das an der rauen Mauer bis zum Schieferdach emporklettert und die Fenster umrankt. Es raschelt im Wind und lässt diese Seite des Gebäudes lebendig erscheinen, vergänglich.
Ich nicke dem Mann zu, der immer noch in sein Handy spricht, gehe zwischen den Löwen hindurch die Stufen hinauf und stoße eine eisenbeschlagene Tür auf. Drinnen muss ich blinzeln, um meine Augen an das dämmrige Licht zu gewöhnen. Ich stehe in einer großen, offenen Eingangshalle. Vor mir führt eine prächtige, breite Treppe zu einem Treppenabsatz im ersten Stock. Dort teilt sie sich in elegantem Schwung nach rechts und links in den West- und Ostflügel des alten Herrenhauses. Von oben muss sie aussehen wie ein Wasserfall aus Mahagoni.
Eine Frau steht neben einer Rüstung, die das Foyer bewacht. Sie trägt einen eng anliegenden Rock, und ihre glänzenden braunen Haare sind im Nacken zu einem eleganten Knoten geschlungen. Dort, wo ich herkomme, sind nicht viele Frauen so zurechtgemacht. Sie blickt auf ein Clipboard, einen Bleistift zwischen den Fingern. Ihr Gesicht zuckt nervös, als sie mich endlich bemerkt. »Tontechniker benutzen den Hintereingang«, blafft sie.
»Ich bin zum Backen hier«, entgegne ich. »Falls das okay ist.«
Sie runzelt die Stirn und blättert durch ein paar Seiten. Auf jeder sehe ich ein Porträtfoto. Endlich gelangt sie zu einer Großaufnahme von meinem Gesicht. Verlegen blickt sie auf.
»Oh, das tut mir leid … Peter! Willkommen!«
»Schon gut, ich bin daran gewöhnt«, sage ich. Das entspricht der Wahrheit. Außerdem bin ich bei der Arbeit, die ich verrichte, in der Regel tatsächlich derjenige, der die Hintertür benutzt. Mir ist klar, dass ich keinen Preis für den bestgekleideten Mann gewinnen werde, aber ich trage mein neuestes Flanellhemd, und ich habe mir die Haare schneiden lassen, bevor ich losgefahren bin. Nicht dass es leicht wäre, meine Locken zu bändigen. Meine Haare haben ihr eigenes Ökosystem, behauptet Frederick gern, um mich zu necken.
Die Frau bemüht sich überschwänglich, wiedergutzumachen, dass sie mich nicht erkannt hat. Sie lächelt, aber ihr Gesicht wirkt irgendwie gequält, als wäre sie nicht sonderlich geübt im Lächeln. »Ich bin Melanie, die Aufnahmeleiterin bei der Bake Week. Ich sorge für einen pünktlichen Ablauf und dafür, dass alle dort sind, wo sie zum jeweiligen Zeitpunkt sein sollen. Sie werden mich in dieser Woche häufig zu Gesicht bekommen. Gemäß der Bake Week-Regeln muss ich Sie bitten, mir Ihr Mobiltelefon auszuhändigen. Anschließend begleite ich Sie zu Ihrem Zimmer, wo Sie sich vor dem Abendessen ein wenig ausruhen können.«
Etwas zögernd reiche ich ihr mein ramponiertes Handy und sehe zu, wie sie es in eine Schachtel legt, auf ein anderes Handy in einer rosa Glitzerhülle.
»Sollen wir?« Sie lächelt wieder. Ihre Nackenmuskeln spannen sich an, als sie auf die Treppe deutet. »Sie können Ihr Gepäck stehen lassen. Jemand wird sich später darum kümmern.«
»Danke, aber ich habe nur die hier, und die kann ich selbst tragen«, sage ich und klopfe auf die Reisetasche, die von meiner Schulter hängt. Ihre Lippen werden schmal, aber sie nickt kapitulierend. Ich folge ihr die massive Haupttreppe hinauf, bewundere den glatten Handlauf und die kunstvoll geschnitzten Streben. Es gibt viele viktorianische Häuser in Vermont, doch die Größe von Grafton Manor und die Handwerkskunst, der ich in diesem Haus begegne, sind mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gesehen habe. Wir kommen zu dem großen Absatz mit einem prächtigen Geländer im ersten Stock.
»Sie sind im Westflügel untergebracht«, teilt Melanie mir mit und führt mich die entsprechende Treppe zum zweiten Stockwerk hinauf. Oben angekommen, bleibt sie stehen und deutet auf die identische Treppe auf der gegenüberliegenden Seite. »Im Ostflügel, hinter der Glastür, geht es zu Betsy Martins privaten Räumlichkeiten, die für die Gäste tabu sind. Wenn Sie etwas benötigen, kontaktieren Sie einen unserer Mitarbeiter über das Telefon in Ihrem Zimmer. Im Dossier befindet sich eine Namensliste.«
Ach ja, das Dossier. Es kam mit der Post, ein Expresspaket, dessen Empfang ich quittieren musste, mehr oder weniger mit Blut. Natürlich erst, nachdem ich die umfangreiche Verschwiegenheitserklärung unterschrieben und mich verpflichtet hatte, keines der Details von der Bake Week vor Sendebeginn durchsickern zu lassen. Die Produzenten sind auf Geheimhaltung bedacht, verständlicherweise soll vor Ausstrahlung der Sendung nichts über den Verlauf an die Öffentlichkeit gelangen. Die Regeln sind dazu da, die Show zu schützen, und ich werde sie respektieren. Vorausgesetzt, ich kann mich an alle erinnern. Das offizielle Bake Week-Dossier ist ein riesiger, spiralgebundener Klotz, in dem die Dos and Don’ts aufgeführt sind und hilfreiche »Vorschläge« gemacht werden, wie man vor der Kamera aussehen und agieren sollte. Ich habe mein Bestes gegeben, mir alles zu merken, aber vielleicht sollte ich es heute Abend noch einmal lesen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Es wäre zu peinlich, wenn ich die Show gefährde.
Wir gehen weiter durch einen langen, dämmrigen Flur, von dem weitere kleinere Flure abgehen, bis Melanie abrupt vor einer der Türen stehen bleibt. Sie vergewissert sich auf ihrem Clipboard, dass wir richtig sind, dann stößt sie die Tür auf.
»Da wären wir, ich hoffe, Sie fühlen sich wohl.«
Die Augen wegen des einfallenden Nachmittagslichts verengt, gehe ich an ihr vorbei. Mein Zimmer gleicht seine bescheidene Größe mit einer unglaublich hohen Decke aus, die sich von den Ecken aus nach oben wölbt, und einem Fenster, das sich vom Fußboden an in die Höhe erstreckt und sich zu einer Spitze verjüngt, wie man es von Kirchenfenstern kennt. An einer Wand stehen ein Frisiertisch und eine hohe Kommode. Der Raum wird dominiert von einem großen Bett mit geschnitzten Holzpfosten, die spiralförmig zur Decke zeigen. Über dem Kopfende hängt ein Gemälde des Herrenhauses aus früheren Zeiten an feinen Drahtseilen, die an der Zierprofilleiste befestigt sind.
Ich liebe diese viktorianischen Häuser – mit all ihren Marotten kommen sie mir irgendwie menschlich vor, fast wie alte Freunde. Mehr als alles genieße ich es, ihre Geschichten, ihre Vergangenheit in Erfahrung zu bringen. Ich hatte zwar nie genug Geduld für die akademische Welt, sonst wäre ich sicher Historiker geworden, vielleicht habe ich mich aber deshalb der Restaurierungsarbeit verschrieben.
Ich bemerke einen Riss in der Zierleiste, der sich bis zur Ecke der Mauer erstreckt. Es ist ein feiner Riss, bautechnisch irrelevant. Nichts, was ich nicht richten könnte, würde sich mir die Gelegenheit dazu bieten. Mängel an Gebäuden aufzudecken, ist der Macht der Gewohnheit geschuldet, genau wie ein Zahnarzt Mängel an den Zähnen entdeckt, wenn jemand lächelt. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass ich nicht hier bin, um zu arbeiten, sondern um zu backen. Trotzdem würde ich liebend gern die Gelegenheit beim Schopfe packen und helfen, Grafton Manor auf Vordermann zu bringen – die Schrammen im Hartholz auszubessern und die Risse an den bröckelnden Brüstungen. Doch jetzt geht es erst einmal ums Backen.
»Ich werde mich wohlfühlen, ganz bestimmt«, versichere ich Melanie und stelle lächelnd meine Reisetasche auf der geblümten Tagesdecke ab.
Als sie weg ist, setze ich mich für einen Augenblick aufs Bett und lasse die Umgebung auf mich wirken. Anschließend öffne ich die Tasche und hänge die Hemden auf die Bügel im Kleiderschrank. Ich möchte nicht, dass sie morgen früh zerknittert sind. Morgen ist bereits der erste Tag des Backwettbewerbs.
Ich taste auf dem Boden der Reisetasche nach dem Bild und schließe meine Finger um den Rahmen – mein Lieblingsfoto von Frederick und unserer Tochter Lulu im Park. Ich habe ein T-Shirt darum gewickelt, um es zu schützen, und nun packe ich es vorsichtig aus. Dann poliere ich mit dem Shirt das Glas, bevor ich den Rahmen auf den Nachttisch stelle.
Anschließend trete ich ans Fenster und sehe hinaus, die Stirn gegen die kühle Bleiglasscheibe gelehnt. Der Blick geht nach vorn hinaus. Das Zelt befindet sich auf dem Rasen an der Ostseite, ein kleines Stück vom Eingang entfernt, ist von hier aus aber gut zu sehen. Das Haus wirft einen bläulichen Schatten auf das weiße Spitzdach. Ich kann kaum glauben, dass sie die Bake Week tatsächlich bei Betsy Martin zu Hause drehen. Welcher andere Fernsehstar hätte das schon gestattet? Ich nehme an, die Show wirkt dadurch sehr viel intimer.
Die Bake Week ist eine ganz besondere Form der Unterhaltung. Nicht nur eine Sendung für Bäckerinnen und Bäcker, obwohl tatsächlich in erster Linie gebacken wird. Nein, die Bake Week ist noch etwas anderes – eine Art Flucht, der Einblick in eine simplere Form des Seins, wo die Menschen freundlich zueinander sind und Zucker nicht als gesundheitsschädigende Zutat von Junkfood betrachtet wird, sondern als etwas Besonderes, das geteilt und geschätzt werden muss. Wo man mit einem Stück Kuchen »Ich liebe dich« sagen kann.
Ich spüre Aufregung in mir hochsteigen. Ich habe es wirklich geschafft. Wer hätte je gedacht, dass ein so albernes Hobby wie Backen mich an einen Ort wie diesen führen würde? Frederick. Er hat immer an mich und meine Kuchen geglaubt, so sehr, dass ich mich mitunter fragte, ob seine Leidenschaft möglicherweise weniger mir als vielmehr meinen Backkünsten galt. Er war da, um mich bei meinen ersten kläglichen Versuchen, Schichttorten zu backen, anzufeuern. Ich erinnere mich noch genau an meinen allerersten Versuch. Als der Anruf von der Adoptionsagentur kam, war ich allein im Haus. Ein Baby, ein kleines Mädchen, warte darauf, nach Hause geholt zu werden, hieß es. Ich weiß noch, wie ich auf die Uhr schaute. Es war erst 11:30 Uhr. Frederick ist Optometrist, er war mit seinen Patienten beschäftigt, unerreichbar für den Rest des Tages. Nicht wissend, was ich mit meiner aufgestauten Vorfreude anfangen sollte, backte ich einen Konfetti-Biskuitkuchen und krönte ihn mit einer Schicht Buttercreme. Die ganze Zeit über versuchte ich, mir das kleine Mädchen vorzustellen.
Unsere Lulu. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es jemals eine Zeit gab, in der ich nicht jede noch so kleine Kleinigkeit von ihr kannte. Weder ihr schiefes Lächeln noch ihren bockigen Blick, noch die blassen Halbmonde auf ihren Fingernägeln. Als Frederick an jenem Abend nach Hause kam, sah er meinen etwas schief geratenen Kuchen auf der Anrichte stehen. Er schaute von dort zu mir. Ich musste nur nicken, und schon wurden seine Augen feucht. Wir würden Eltern sein.
Natürlich backe ich inzwischen ständig für uns. Das Backen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen, mit denen ich meine kleine Familie umsorge. Ich spüre, wie meine Brust eng wird von der Woge der Dankbarkeit, die in mir aufbrandet. Automatisch halte ich Ausschau nach meinem Handy, um Frederick eine Textnachricht zu schicken, ehe mir wieder einfällt, dass ich es nicht bei mir habe. Die Vorstellung, unerreichbar zu sein, nicht nachfragen zu können, wie es Lulu geht, ist ein merkwürdiges Gefühl, auch wenn mir die Produzenten versichert haben, dass man mich bei einem echten Notfall kontaktieren würde. Plötzlich fühlt sich zu Hause unendlich weit weg an.
Ich springe schnell unter die Dusche und ziehe mir zum Abendessen ein anderes kariertes Hemd an, eines von denen, die ich extra für diese Gelegenheit gekauft habe. Mein Blick fällt auf den schräg gestellten Spiegel über dem Frisiertisch. Meine Haare sind völlig zerzaust, aber das ist nicht ungewöhnlich. Ansonsten sehe ich nicht schlecht aus für zweiundvierzig. Ich versuche, mich auf das Gefühl einzulassen, einfach nur hier zu sein. Was ist backen anderes als eine Möglichkeit, den Menschen um einen herum zu zeigen, dass man sie gernhat?, rufe ich mir in Erinnerung. Ich konzentriere mich darauf, mir vorzustellen, dass Frederick und Lulu die Show anschauen werden, wenn sie ausgestrahlt wird. Selbst wenn es mir gelingt, die ganze Woche über hierzubleiben, wird dies nur eine von vielen Erfahrungen sein, eine Momentaufnahme. Ich muss diese Gelegenheit einfach mit offenen Armen willkommen heißen. Außerdem fühle ich mich so glücklich und beschwingt wie lange nicht mehr. Zeit, nach unten zu gehen und mich der Herausforderung zu stellen.
Ich betrachte mich in dem verschnörkelten Spiegel an der Tür meines Garderobenschranks. Ich habe einen Slip Skirt aus Seide angezogen und dazu einen angesagten Baggy Sweater, beides in Rosétönen. Mein Zimmer in Grafton Manor ist ein hinreißendes Gartenparadies in allen möglichen Grünschattierungen. Die Weinranken auf der Tapete klettern bis zu der Zierprofilleiste unter der Decke empor. Der Himmel, der sich über mein Bett spannt, ist aus smaragdgrünem Damast und gibt mir das Gefühl, mich in einem verwunschenen Garten zu befinden. Hinter dem Fenster ist sogar noch mehr Grün zu sehen – eine lang gestreckte Rasenfläche, begrenzt von dichtem Baumbestand, dahinter die wellenförmigen blauen Berge von Vermont am Horizont. Seit Jahren habe ich nicht mehr so viel Natur gesehen. Von meinem Apartment in Brooklyn aus blicke ich auf einen Baum und ein paar Tauben. Das hier ist etwas ganz anderes. Das Wort, das mir durch den Kopf schießt, ist »majestätisch«.
Mein Bauch rumpelt nervös. Morgen um diese Zeit wird die erste Back-Challenge schon vorbei sein. Ich versuche, mich nicht allzu sehr an die Vorstellung zu klammern, dass ich weiterkommen könnte. Ich habe noch nicht einmal meine Tasche ausgepackt, sondern nur geöffnet in eine Ecke gestellt, um ja nichts zu beschreien. Außer mir gibt es schließlich noch fünf weitere Bäcker, und mir ist durchaus bewusst, dass ich längst nicht so viel Erfahrung habe wie sie. Nicht einmal ansatzweise. Das weiß ich, weil in dem Dossier, das man uns ausgehändigt hat, unsere Biografien abgedruckt sind. All die anderen Teilnehmer mit ihren Hochglanzfotos und einer langen Liste mit Backerfahrungen, und dann komme ich: mit dem Schnappschuss, den Rebecca von mir im Park gemacht hat. Darunter wird meine so gut wie nicht vorhandene Backpraxis geschildert. Ich kann von Glück sagen, wenn ich den ersten Tag überstehe.
Ich trete an den Frisiertisch und nehme mir Zeit, Lippenstift aufzutragen. Anschließend fahre ich mir mit den Fingern durch die Haare und drehe sie zu einem lockeren Dutt, den ich mit einer Silbernadel feststecke. Ich habe mir selbst versprochen, auf mein Äußeres zu achten, vielleicht nicht ganz so wie früher, aber ich will mir Mühe geben. Immerhin werde ich im Fernsehen sein und nicht in meinem Apartment hocken, wo mich keiner sieht. So weit, so gut. Ich fühle mich benommen von dem Nickerchen, das ich vorhin gemacht habe. Ich hatte einen wundervollen Traum, in dem ich mit Betsy Martin befreundet war und wir Rezepte austauschten.
Als ich mein Zimmer verlasse, um zum Abendessen hinunterzugehen, kommt mir das Haus unheimlich still vor. Ich schaue mich in dem leeren Flur um und mache mir plötzlich Sorgen, dass die anderen Kandidaten schon unten sind. Ich hätte nicht einschlafen dürfen. Es gehört sich nicht, zu spät zu einem Essen mit Betsy Martin zu kommen, auch wenn sie daran nicht in ihrer Funktion als Jurorin teilnimmt, zumindest nicht laut Plan im Dossier. Doch selbst wenn sie nicht unsere Backkünste bewertet, so wird sie uns doch gründlich unter die Lupe nehmen. Ich versuche, die naive Hoffnung zu unterdrücken, dass sie mich sofort mögen wird. Bei dem Gedanken, sie könnte mich für unpünktlich halten, bricht mir der Schweiß aus.
Eiligen Schritts gehe ich erst einen langen Gang entlang und biege dann in einen weiteren ein, wobei ich angestrengt versuche, mich zu orientieren. Als Melanie mich nach meiner Ankunft zu meinem Zimmer geführt hat, habe ich nicht genügend auf den Weg geachtet, und geschlafen hatte ich auch noch nicht. Jetzt habe ich Schwierigkeiten, den richtigen Flur wiederzufinden. Ich gelange zu einem kleinen Treppenabsatz. An der Wand hängt ein riesiges Ölgemälde von einem Mann auf einem Feld. Er sieht gut aus und hat den Kopf leicht schräg gelegt, was ihm einen Hauch von Arroganz verleiht und mich an einige der Männer erinnert, die ich in Brooklyn gedatet habe. Der hier hält ein Jagdgewehr in der Hand, das bei ihm aussieht wie eine Requisite, nicht wie ein Instrument zum Töten. An seiner Seite blickt ein brauner Retriever treu ergeben zu ihm auf, eine Taube im Maul. Auf einer kleinen goldenen Tafel unten am Rahmen steht: Richard Grafton, 1945.
Ich gehe die Stufen hinunter, doch ich finde mich in einer Art Souterrain wieder, bei einer Tür, die aussieht, als würde sie nach draußen führen. Was für ein Labyrinth, denke ich. Ich hätte wirklich besser aufpassen sollen, als Melanie mich nach oben gebracht hat, dann hätte ich mich jetzt nicht derart verlaufen. Nervös mache ich kehrt und steige zwei Treppen hinauf. Oben angekommen, stehe ich erneut vor einem leeren Flur, dem ich folge, bis er abrupt vor drei verschlossenen Türen endet. Ich spüre, wie mich ein klaustrophobisches Gefühl beschleicht, und wähle impulsiv die Tür zu meiner Linken, wobei ich mir inständig wünsche, ich hätte eine Schnur ausgelegt, die mir den Rückweg weist, für den Fall, dass ich die falsche Wahl getroffen habe.
Der Raum, den ich betrete, ist dunkel, die Luft schal und abgestanden, als wäre der Sauerstoff darin genauso alt wie die Möbel. Von hier aus geht es weiter ins nächste Zimmer. Ein Billardtisch steht darin. Ich lausche angestrengt, ob ich irgendwo Stimmen oder das Schlurfen von Schritten hören kann, irgendetwas, was darauf hinweist, dass ich nicht allein bin, aber alles ist totenstill. Eine Episode aus Twilight Zone fällt mir ein, wo sämtliche Menschen verschwunden sind. Meine Achseln kribbeln vor Angstschweiß. Ich bin dankbar, dass ich mich gegen das Seidenoberteil entschieden habe, das ich eigentlich tragen wollte.
Bemüht, nicht in Panik auszubrechen, öffne ich die nächste Tür. Dahinter befindet sich ein schattiges Wohnzimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Drei dick gepolsterte Sessel sind um einen Kamin mit kunstvollem Sims gruppiert, auf dem unter einer Glaskuppel eine Messinguhr steht. Ich horche, ob sie tickt. Würde ich in diesem verschachtelten Kaninchenbau doch bloß mal an eine Stelle gelangen, die mir bekannt vorkommt! Warum höre ich nicht die Stimmen der anderen? Ich benötige unbedingt etwas, woran ich mich orientieren kann. Wahrscheinlich wäre es mir dann sogar möglich, mich zusammenzureißen, aber so verspüre ich das unerfreuliche, vertraute Gefühl der Hysterie in mir aufsteigen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll, also gebe ich ein ersticktes Kichern von mir, das hohl von den holzvertäfelten Wänden widerhallt. Wo sind die anderen?
Es geht dir gut, sage ich mir. Du bist in Sicherheit. Keine Panik. Aber es ist zu spät. Mein Gesichtsfeld beginnt bereits, an den Ecken zu verschwimmen.
Ich schließe die Augen – ein alter Trick, den meine Therapeutin mir beigebracht hat – und zähle bis fünf, während ich tief einatme. Für einige Sekunden halte ich die Luft an, dann stoße ich sie langsam wieder aus, während ich beginne, langsam von zehn herunterzuzählen. Zehn, neun, acht, sieben, sechs … Ich spüre, wie ein Teil der Anspannung aus meinem Körper weicht. Als ich die Augen wieder öffne, höre ich das Quietschen einer sich öffnenden Tür und Schritte hinter der Wand zu meiner Linken. Es ist noch jemand anderes hier, Gott sei Dank! Erleichterung durchflutet mich.
»Hallo?«, rufe ich. Ohne eine Antwort abzuwarten, stürme ich zu der Tür an der linken Wand und reiße sie auf. Der Raum auf der anderen Seite ist größer als die vorherigen, die Fenster gehen auf den Wald hinaus. Ein Sofa mit hoher Lehne befindet sich in der Mitte des Zimmers, davor ein Couchtisch mit einer großen Vase. Darin steht ein gewaltiger Strauß frischer Schwertlilien – ein weiteres tröstliches Lebenszeichen. Die Sonne taucht die Sprossenfenster in ein mattes Rosa. Ich vernehme ein Geräusch auf der anderen Seite des Raumes.
»Hallo?«, rufe ich noch einmal und gehe auf das hochlehnige Sofa zu. Plötzlich habe ich Sorge, dass ich gar keinen Menschen, sondern vielleicht ein Tier gehört habe. Meine Kehle wird trocken. Ich beuge mich über die Sofalehne und nehme aus dem Augenwinkel eine verschwommene Bewegung wahr. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, was ich da sehe. Ein Schrei dringt aus meiner Kehle. Ich taumele zurück. Eine ältere Frau mit schneeweißen Haaren kriecht auf Händen und Füßen über den Fußboden. Sämtliches Blut weicht aus meinem Kopf. Meine Beine geben nach, dann verliere ich das Bewusstsein.
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