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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit Freunden zusammen, die Sie lange nicht gesehen haben und erzählen sich die Ereignisse der letzten Jahre. Ein Freund erzählt von seinem glatt verlaufenen Leben, und nach 5 Minuten fangen alle zu gähnen an. Ein anderer jedoch zieht die Zuschauer in den Bann einer packenden Geschichte, indem er von seinen Zielen, den unvermittelt auftauchenden Schwierigkeiten, den herben Fehlschlägen und der komplizierten Bewältigung dieser Situationen berichtet. Das ist es, was das Leben spannend und lebenswert macht: Dass der Erfolg im Leben sich allein über die Bewältigung des Scheiterns ergibt. Es klingt paradox, aber das Scheitern ist Voraussetzung jeder Entwicklung und Veränderung. Deshalb gilt: Wer etwas ändern will, braucht ein Problem; und deshalb wartet das Leben auf dich, weil jetzt oder früher oder später eine Veränderung anliegt. Diese These wird im Buch ausführlich dargelegt und auf die drei wesentlichen Lebensbereiche angewendet: •den individuellen, •den partnerschaftlichen •und den gesellschaftlichen Lebensbereich. Das Buch fordert übrigens nicht, wie in einigen Rezensionen behauptet, dazu auf, die "Krise als Chance" zu sehen. Das ist viel zu wenig. Das bedeutet doch nur "Wenn du schon Mist gebaut hast, dann mach wenigstens das Beste draus". Im Scheitern die Voraussetzung für Weiterentwicklung zu sehen hat viel weitreichendere Konsequenzen. Es bedeutet, dass buchstäblich niemand von Problemen und Krisen verschont bleibt. Es bedeutet, dass jeder die "Chance des Bewältigen-Müssens" erhält. Und darüber hinaus, dass diese Notwendigkeit kein Zwang oder Übel darstellt, sondern das Leben erst lebendig und lebenwert macht.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Inhalt
Buch
Vorwort
Der Mann ohne Krisen
Eine Theorie der Veränderung
Veränderung im individuellen Lebensbereich
Die Chance des Bewältigtwerdenmüssens
Langeweile bewältigen
Krankheiten bewältigen
Das Sterben bewältigen
Veränderung im Bereich der Partnerschaft
Paaridentität
Bewältigung auf Beziehungsebene
Beziehungen als eigenständige Wesen
Veränderung im gesellschaftlichen Bereich
Die Erregung des Lebens
Über den Autor
Print: ISBN 978-3-926967-94-7
Epub: ISBN 978-3-926967-38-1
© 2015 by Henny Nordholt Verlag Testorfer Straße 2 D 19246 Lüttow
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www.michaelmary.de
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Dieses Buch will das große Thema Veränderung begreifbar zu machen, und zwar in drei der wichtigsten Lebensbereiche: dem individuellen, dem partnerschaftlichen und dem gesellschaftlichen Bereich.
Veränderungsphasen sind untrennbar mit Problemen und Krisen verbunden. Mittlerweile wird das Wort von der „Krise als Chance“ allgemein akzeptiert. Das ist gut so, aber es reicht bei weitem nicht aus, um die herrschenden Vorurteile gegenüber den damit verbundenen Schwierigkeiten aufzuheben. Denn im Grunde bedeutet die „Krise als Chance“ lediglich: „Wenn Sie Ihre Krise schon nicht verhindern konnten, dann machen Sie wenigstens das Beste daraus – und passen Sie das nächste Mal besser auf.“
Ich werde in meiner Einschätzung der Bedeutung von Problemen und Krisen wesentlich weiter gehen. Ich werde die Krise nicht bloß als unvermeidbares Übel darstellen, sondern als notwendige Voraussetzung jeder Veränderung, werde also den Segen der Krise beschreiben.
Überspitzt formuliert lauten zentrale Thesen dieses Buches:
- Wollen Sie etwas verändern? Dann brauchen Sie ein Problem!
- Wollen Sie etwas Grundlegendes verändern? Dann brauchen Sie eine Krise!
- Wollen Sie in Leben vorankommen? Dann sind Sie auf das Scheitern angewiesen!
Auch der Begriff des Scheiterns erfreut sich nicht der großen Wertschätzung, die ihm zusteht, im Gegenteil: Das Scheitern wird als vermeidbares Versagen und nicht als unabdingbare Bedingung des Erfolges angesehen.
Dabei bringt gerade das Scheitern den Erfolg!
Das Scheitern ist erforderlich, weil erst im Versuch seiner Bewältigung jene Entwicklung einsetzt, die wir schließlich als gelungene und erfolgreiche Veränderung bezeichnen.
Ich hoffe, dass es mir gelingt, diese möglicherweise paradox wirkenden Aussagen nachvollziehbar darzustellen und ich bin zuversichtlich, dass die LeserInnen dieses Buches nach dessen Lektüre den Problemen und Krisen und dem Scheitern in ihrem Leben die Anerkennung zukommen lassen, die diese Lehrmeister verdienen.
Michael Mary
Bei der Frage, wie Veränderung funktioniert, geht es auch um den Einfluss, den Menschen auf die Entwicklung ihres Lebens besitzen. Haben sich meine ersten Bücher mit den Möglichkeiten dieses Tuns befasst, erforschten die letzten dessen Grenzen1, untersuchten den heute grassierenden Machbarkeitsmythos und gingen der Frage nach, ob das Leben mittlerweile tatsächlich so lenkbar geworden ist, wie eine zunehmende Zahl von Psychologen, Wissenschaftlern und Lebensberatern das behauptet.
Der moderne Machbarkeitswahn lebt von dem Versprechen und dem Wunsch, Unsicherheiten, Unglück und Leiden aus dem menschlichen Leben zu verbannen. Dem widersprechend, gebe ich am Ende meines Buches Die Glückslüge eine Empfehlung, die, wie ich aus zahlreichen Rückmeldungen von Lesern erfahren habe, als sehr anregend und hilfreich empfunden wurde. Ich beschreibe Krisen als unvermeidbar und lehrreich und schlage in diesem Zusammenhang vor, das Wort Lösung aus dem Wortschatz zu streichen und durch den Begriff Prozess zu ersetzen. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich schwierige Lebenssituationen nie plötzlich, sondern erst im Verlauf komplexer Veränderungsvorgänge auflösen, deren Verlauf und Ausgang zudem ungewiss ist. Solche Prozesse werden gerade deshalb, weil sie komplex, undurchsichtig und kaum bewusst steuerbar sind, in der Regel krisenhaft erlebt.
Persönliche Veränderungsprozesse und Krisenerleben sind demnach untrennbar miteinander verbunden. Trotzdem haftet am Begriff der Krise stets ein bitterer Beigeschmack. Niemand begrüßt eine solche Lebensphase, auch wenn er danach zugeben wird, er habe der Krise viel Gutes und Neues zu verdanken. Statt Krisen krampfhaft vermeiden zu wollen empfiehlt es sich, eine möglichst gelassene Haltung ihnen gegenüber einzunehmen. Mit dieser Empfehlung endet meine Betrachtung von Veränderungsprozessen in Die Glückslüge.
Ich werde in diesem Buch nun einige wesentliche Schritte weitergehen und die Bedeutung von Krisen nicht bloß als Chance, als Unvermeidlichkeit, sondern als Entwicklungsbedingung veranschaulichen. Ich werde kleine und große Lebenskrise als Phasen beschreiben, in denen sich das Gefühl, lebendig zu sein, intensiviert, in denen Unruhe, Aufregung und schließlich Neuorientierung stattfinden.
Ich werde Krisen als Bedingung der Erneuerung des Lebens beschreiben.
Heute erscheint es zeitgemäß, das Thema Veränderung nicht allein aus psychologischer Perspektive zu betrachten. In den letzten Jahren hat die Soziologie wichtige Erkenntnisse zum Thema geliefert, die sich unter dem Begriff des Systemischen in Wissenschaft, Psychologie und Therapie ausbreiten. Die Erkenntnisse moderner Systemforschung finden auch deshalb zunehmend Beachtung, weil sie neue Erklärungs- und Umgangsmöglichkeiten mit dem Thema Veränderung anbieten.
Deshalb schildere ich zu Beginn des Buches die systemische Sicht auf das Thema Veränderung und erläutere die grundlegenden Begriffe der Systemforschung. Dazu gehört es, Menschen (unter anderem) als psychische Systeme zu begreifen und ihre Umweltbeziehungen darzustellen.
Dabei wird deutlich werden, dass und wie das Leben den Menschen auffordert, ihm zu folgen: Indem es die Umwelt der Psyche verändert, eilt das Leben dem Menschen voraus und ihm bleibt nichts anderes übrig, als sein Zurückbleiben zu bewältigen.
Sein Zurückbleiben versteht der Mensch als Scheitern, dessen Bewältigung als Erfolg. Insofern ist das Scheitern im Programm des Lebens angelegt und kann dem Menschen nicht als Versagen angelastet werden, es zwingt ihn vielmehr, nach Erfolg zu streben. Aus dem alltäglichen Scheitern ergeben sich die Chancen des Bewältigtwerdenmüssens.
Dieser paradoxe Ausdruck zeigt sehr genau, worum es geht. Das Leben erneuert sich nicht durch gute Absicht und kluge Voraussicht, sondern es bedarf dazu der Bewältigung eines Scheiterns. Ohne eine Notlage, die zur Veränderung zwingt, würde jedes Leben seine Entwicklung einstellen und recht bald sein Ende finden.
So erweist sich das Scheitern als eigentliche Bedingung des Lebens, das erst in der Bewältigung eben dieses Scheiterns seinen Fortgang findet.
Diese Erkenntnisse gilt es dann auf unsere wesentlichen Lebensbereiche zu übertragen. Das geschieht in drei Kapiteln, die sich dem Thema Veränderung im individuellen, im partnerschaftlichen und im gesellschaftlichen Bereich widmen. In allen drei Bereichen wird das Scheitern durch Erwartungen verursacht. Insofern lässt sich das Leben des Menschen als eine Geschichte fortwährend scheiternder Erwartungen und fortwährender Bewältigung von unerwarteten Veränderungen erzählen.
Eine solche Erzählung unterscheidet sich krass von den momentan noch üblichen, an Erfolg und Glück orientierten, eindimensionalen Geschichten über das Leben, die im Scheitern ein Versagen und in der Bewältigung bestenfalls ein (notwendiges) Übel sehen, das sich ersparen könne, wer klug genug handle.
Mir ist klar, dass die Begriffe des Scheiterns und Bewältigens kaum mit Begeisterung aufgenommen werden. Noch immer begegnen mir seitens der Medien Forderungen, Interviews und Artikel „positiv“ zu formulieren. Noch werden allerorts frohe Botschaften des Erfolgs, der Glücksformeln und Lebensrezepte verteilt. Gegen solch unkritische Erfolgshudelei könnte aufgeführt werden, dass beispielsweise das scheinbar positivste Land der Erde, die USA, ständig mit negativsten Bedingungen, mit Gewalt, Rassismus, Armut und Krieg konfrontiert ist. Offensichtlich führt die Leugnung von Problemen letztlich nur tiefer in sie hinein, und auf diesem Wege setzt sich das Scheitern gegen jeden Zwang zum so genannten Positiven durch.
Auch hierzulande breitet sich momentan das Scheitern aus. Die Aufschwungphase der Nachkriegszeit gehört der Vergangenheit an, die Wirtschaft läuft längst nicht mehr von selbst. Die Verteilung des Reichtums im Rahmen der Globalisierung mutet den Menschen unerwartete Einschränkungen zu. Hinzu kommen Börsenkrise, umfassende Arbeitslosigkeit bis in die Mittelschicht hinein, Senkung des Lebensstandards, Begrenzungen der Gesundheitsversorgung, Umkehrung der Alterspyramide, eine weltweite Finanzkrise etc.
Generell nimmt die Verunsicherung durch veränderte Lebensbedingungen zu: instabile Partnerschaften und zunehmende Scheidungsgefahr, labilere Familienformen, nicht kalkulierbare Lebensläufe, eine sich ausbreitende Zukunftsangst – in einem insgesamt weniger verlässlichen Leben sind die Facetten des Scheiterns allgegenwärtig.
Beängstigend scheinen diese Entwicklungen, und dennoch eigenartig spannend. Es steckt eine Faszination darin, eben die Faszination des Ungewissen, des Lebendigen. Die Faszination eines zu bewältigenden Lebens. Was wird auf uns zukommen? Was werden wir gewinnen, indem wir etwas verlieren? Wie werden wir das Scheitern bewältigen?
Stellen Sie sich vor, am Ende Ihres Lebens eine Biographie zu schreiben. Wodurch würde dieses Buch spannend, fesselnd, aufregend? Womit könnten Sie Begeisterung beim Leser hervorrufen und seine Aufmerksamkeit fesseln? Indem Sie langweilige Erfolgsgeschichten abspulen?
Nein, sondern indem Sie Geschichten grandiosen Scheiterns und erstaunlicher Bewältigungen erzählen. Alle großen Romane leben von dieser Spannung, und weil diese Romane vom Leben erzählen, lebt auch das Leben selbst von dieser Spannung.
Wem es gelingt, dem Scheitern nicht allein verunsichert und ängstlich, sondern auch mit Neugier zu begegnen, der spürt den Kitzel des Lebendigen. Wer das Scheitern akzeptiert und es bewältigt, mag eine Zufriedenheit empfinden, wie nur ein vollständig gelebtes Leben sie hervorbringt.
So mag es denn kommen das Scheitern, ... wir können gespannt auf seine Bewältigung sein.
Ein Mann, der sein Leben scheinbar im Griff hat, landet (Gott sei Dank) dennoch in einer Lebenskrise.
Vor mit sitzt ein 55-jähriger Mann, der den Ablauf seines bisherigen Lebens bis ins Detail zu schildern vermag.
Bisher sei alles ganz nach Plan verlaufen, er könne auf ein reibungsloses Leben zurück blicken. Phase Eins seines Erwachsenendaseins habe er der beruflichen Entwicklung gewidmet. Dabei sei er so gut vorangekommen, dass er sich mittlerweile zur Ruhe setzen könne. Phase Zwei war dem Aufbau einer Familie gewidmet, was ebenfalls erwartungsgemäß verlaufen sei. Inzwischen machten sich die erwachsenen Kinder daran, das Haus zu verlassen und er bereite sich auf Phase Drei vor. Diese bestünde in der Planung seiner Restlebenszeit.
Der Begriff „Restlebenszeit“ und vor allem die Betonung, in der er dieses Wort ausspricht, erinnern mich an einen Verwaltungsvorgang. Was er von seinem „Restleben“ denn erwarte, wollte ich erfahren? Seine Antwort lautet zusammengefasst: Alles scheine perfekt zu sein, aber auch leblos. Ein Tag sähe wie der andere aus. Die kommenden Ereignisse seien vorhersehbar. Nichts würde ihn überraschen, nichts wirklich freuen. Der Alltag quäle ihn, und das lasse ihm keine Ruhe.
„Dann lassen Sie uns jetzt ausreichend Überraschendes und Lebendiges und Freudiges für Ihre Restlebenszeit planen“ schlage ich ihm vor und will wissen, was er beispielsweise am 17. September 20xx spontan erleben wolle.
Der Mann sieht mich etwas verdutzt an, dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht, das von einer Phase stiller Traurigkeit abgelöst wird, gefolgt von einem längeren Schweigen, das einige Erklärungen hervorbringt.
Er müsse zugeben, sagt der Mann, er wisse nicht weiter. Diese eigenartige Leere, die er jetzt in diesem Augenblick und seit geraumer Zeit verstärkt wahrnehme, habe er stets zu vermeiden gesucht. Seine Lebensplanung habe darauf beruht, vorher zu wissen, wie es weitergehen soll. Mit Ungewissheit könne er nicht umgehen. In den letzten Jahren verfolge ihn daher der Gedanke, sein Leben sei gescheitert. Er frage sich sogar, ob er jemals richtig gelebt habe. Dann fügt er entschlossen hinzu, so ginge es auf jeden Fall nicht weiter. Auf meine Frage, ob er sich in einer Krise befinde, in einer Sinnkrise, antwortet er zögerlich. Ja, so könne man das nennen - wenn man unbedingt wolle.
Nun ist der Mann, der ein reibungsloses Leben plante, in seinem 56. Lebensjahr in eine Krise geraten. Er spricht sogar davon, sein Leben wäre gescheitert. Statt als lebendig und anregend empfindet er sein Leben als leblos und freudlos. Er weiß nicht weiter und ist mit seinem Latein am Ende, was er als Krise erlebt.
Was nun? Soll man den Mann dafür bedauern, in eine Krise geraten zu sein? Keinesfalls, ganz im Gegenteil: man sollte ihn dazu beglückwünschen! Gott sei Dank ist er an diesem Punkt mit seinen Plänen und Planungen gescheitert. Sonst wäre er mit seiner „Restlebenszeit“ in gewohnter Manier verfahren und hätte die gesuchte Lebendigkeit gekonnt und perfekt verplant!
Jetzt erst, auf dem Hintergrund der Erkenntnis, „Phase Drei“ seines Lebens eben nicht planen zu können, hält er inne und besinnt sich.
Was motiviert ihn zu diesem Innehalten? Weder Vorausschau noch bewusste Lebensplanung, weder Absicht noch Weitsicht, sondern schlicht und einfach der Fakt, dass es so nicht weitergeht. Dass er mit seinem alten Latein am Ende ist. Dass ihm der Sinn allen Planens abhanden gekommen ist. Dass seine bisherigen Konzepte nicht mehr funktionieren. Einzig aus diesen Gründen sucht er nach etwas Neuem.
Das Gefühl der Leere, die Resignation, das Nicht-Weiter-Wissen, sein Scheitern - kurzum all das, was er als Krise empfindet - ist wichtig. Es weist ihn darauf hin, dass ihm das Leben enteilt ist, und es motiviert ihn, dem Leben zu folgen.
Ohne Scheitern kein Erfolg.
Schauen wir uns genauer an, wie die Bereitschaft des „Mannes ohne Krisen“ entstand, sein Leben zu ändern. Man könnte den Verlauf dieser Entwicklung folgendermaßen beschreiben:
Der Gemütszustand des Mannes wird gestört, rätselhafte emotionale Zustände von Leere quälen ihn und lassen ihm keine Ruhe. Er befasst sich notgedrungen mit diesen Störungen und erkennt, dass seine Sehnsucht nach Lebendigkeit dahinter steht. Er realisiert gleichzeitig, ein starres und freudloses Leben zu führen und stellt fest, keine Alternative zu seiner bisherigen seelischen Planwirtschaft zu haben. Das deprimiert ihn. Genau diese deprimierende Leere hatte er zeitlebens vermeiden wollen, jetzt steckt er mitten in einer Krise und erlebt diese als Scheitern. Um die Krise zu bewältigen, macht er sich auf die Suche.
Halten wir fest: Erst das spürbare Leiden an seiner Lebensführung stellen die Bereitschaft her, sich auf die Suche nach einem lebendigeren und freudvolleren Leben zu begeben.
Zieht man eine verallgemeinernde Schlussfolgerung aus dieser Ablaufbeschreibung, so lautete diese: Ohne Krise keine Veränderungsbereitschaft.
Dieser Mechanismus scheint vernünftig zu sein. Denn wenn im Leben alles (scheinbar oder tatsächlich) gut läuft, gibt es nicht den geringsten Grund, etwas zu verändern. Veränderungsbedarf stellt sich erst dann ein, wenn bisherige Lebenskonzepte keine zufriedenstellenden Ergebnisse und Erfahrungen mehr liefern.
Erst wenn es so nicht mehr weiter geht, das heißt, wenn ein Mensch über ein für ihn akzeptables oder erträgliches Maß hinaus leidet, wird das Projekt Veränderung in Angriff genommen.
Warum aber sollte dieser Mechanismus zwingend eintreten? Schließlich glauben die meisten Menschen, durch gewissenhafte Planung, exakte Prognosen und weit blickende Vorausschau, durch eine so genannt „richtige“ Lebensführung ließen sich Leid und Krisen vermeiden. Einer solchen Auffassung möchte ich jedoch vehement widersprechen.
Ich bin nämlich der Auffassung, dass der Mensch sein Leben nicht auf das Leben einstellen kann und alle Versuche, Probleme und Krisen zu vermeiden, aussichtslos sind, und zwar aus einem recht einfachen Grund. Weil zwischen dem Leben und seinem Leben ein riesiger Unterschied besteht. Das Leben ist viel zu groß und viel zu unüberschaubar, als dass ein Mensch es erfassen könnte.
Als das Leben bezeichne ich hier jenen endlosen Raum von Möglichkeiten, Vorgängen und Ereignissen, von denen ein Mensch zu einem gegebenen Zeitpunkt nichts weiß, obwohl sie ihn jederzeit betreffen können.
Beispielsweise sieht niemand kommen, was im nächsten Augenblick, in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag geschehen wird. Wer sich am Nachmittag auf den Weg zum Bäcker begibt, dem kann vieles passieren, mit dem er nicht rechnet: Er könnte von einem Auto angefahren werden, die Frau oder den Mann seines Lebens treffen, in eine Schlägerei verwickelt werden oder ein gut gefülltes Portemonnaie finden oder …
Haben nicht die meisten Menschen geglaubt, ihre Arbeitsplätze und ihre Renten und damit ein ausreichendes Einkommen im Alter wären gesichert? Hat jemand den Irak-Krieg kommen sehen oder die weltweite Finanzkrise? Weiß irgendwer, wie sein Leben in einem Jahr aussehen wird? Nein. Das Leben ist nicht einmal in den nächsten Minuten sicher vorhersehbar, geschweige denn auf lange Sicht.
Natürlich leben die Menschen dennoch so, als ob sie wüssten, was auf sie zukommt. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich nach solchen Zukunftsvorstellungen zu richten, ansonsten würden sie rat- und tatenlos herumsitzen. Ebenso natürlich ist es aber, dass sich das Leben nicht an diese Planungen hält. Ganz im Gegenteil. Wer alte Menschen interviewt kann erfahren, dass deren Leben oft und gerade in wichtigen Punkten völlig unerwartete Wendungen genommen hat, von denen sie nichts wussten und nichts wissen konnten.
Für den Menschen bedeutet das: SeinLeben wird immer wieder durch das Leben verändert, ohne dass er sich auf diese Veränderungen einstellen kann.
Ein zutreffender Name für das Leben lautet daher: das Nichtwissen.
Dem Leben gegenüber steht sein Leben als jener kleine überschaubare Bereich, innerhalb dessen ein Mensch an den schier unendlichen Möglichkeiten des Nichtwissens teilhat. Was zu seinem Leben gehört, darüber ist er halbwegs orientiert, darauf hat er sich eingestellt und damit kann er umgehen. Zu seinem Leben gehört das Wenige, was ein Mensch weiß und vor allem das, was er zu wissen glaubt: seine Erwartungen.
So sehen wir den Menschen auf dem scheinbar sicheren Boden seines Wissens und seiner Erwartungen stehen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Unerwartete begegnet. Mit dem Unerwarteten kann er nicht rechnen, und auf das Unerwartet kann er sich nicht sogleich einstellen. Deshalb zieht das Leben in diesem Augenblick an ihm vorbei.
Da er nicht rechtzeitig auf den vorbeifahrenden Zug des Lebens aufspringen kann, da er nicht auf das Unerwartete reagiert, rauscht das Leben an ihm vorbei und lässt ihn zurück, und er läuft Gefahr, mit dem Leben nicht mehr zurechtzukommen.
Es macht demnach Sinn zu behaupten, das Leben fordere die Menschen von Zeit zu Zeit auf, ihm zu folgen und es würde dies tun, indem es sie mit Unerwartetem konfrontiert.
Die Begegnung mit etwas Unerwartetem geht nicht spurlos an einem vorüber. Sie löst Irritationen unterschiedlichster Intensität aus, Unsicherheiten, Ängste, Leiden oder Krisen. Ein Krisenempfinden entsteht, wenn ein Mensch realisiert, dass das Leben an ihm vorbeigerauscht ist – dass etwas geschehen ist, das ganz und gar nicht zu seinen Erwartungen passt. Diese Empfindung ist vergleichbar mit der Reaktion, die man am Bahnhof zeigt, wenn man mit Koffern in beiden Händen die Treppe zum Bahnsteig hoch geht und feststellt, dass der Zug sich gerade in Bewegung setzt. Man läuft erschreckt los und versucht, den Zug noch zu erreichen.
Der Mensch, der feststellt, dass ihm das Leben vorausgeeilt ist, wird alles tun, sein Zurückbleiben zu bewältigen.
Er wird versuchen, seine Erwartungen an das Leben anzupassen, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen und das Unerwartete in sein Leben zu integrieren. Er wird nach Möglichkeiten suchen, seine Situation zu bewältigen. Um sein Zurückbleiben zu bewältigen wird er sein Leben auf das Leben abstimmen.
Da sein Aufholversuch nicht freiwillig erfolgt, kann man nur vom Bewältigenmüssen solcher Situationen sprechen.
Das Leben eilt dem Menschen voraus, es enteilt ihm sozusagen, und er sieht sich gezwungen, ihm zu folgen. Jeden Moment kann etwas Unwahrscheinliches oder scheinbar Unmögliches geschehen, jeden Augenblick kann sich eine unerwartete Entwicklung ergeben. Nur eines scheint relativ gewiss zu sein: Die nächste Begegnung mit dem Unerwarteten, die nächste Unsicherheit, die nächste Krise, die nächste Chance des Bewältigenmüssens kommt bestimmt. Das gilt auf sozialer Ebene, in Partnerschaften und im Leben des Einzelnen auf vergleichbare Weise.
Braucht es Belege für eine solche Aussage? Auf gesellschaftlicher Ebene könnte man die unerwartete Börsenkrise aus dem Jahr 2001 nennen, ebenso wie den unerwarteten Zusammenbruch des Ostblocks. Gleiches gilt für die unerwarteten Ereignisse des 11. Septembers in New York, den gigantischen Tsunami vom Dezember 2004 in Asien oder die weltweite Finanzkrise 2011. Was wird als nächstes kommen? Niemand weiß, wie sich die Welt in den nächsten Jahren entwickeln wird.
Genau so verhält es sich im Bereich menschlicher Beziehungen. Eine Scheidung kommt trotz allem unerwartet und ganz bestimmt unabsichtlich. Die nächste Verliebtheit geschieht ebenso überraschend. Eine Freundschaft platzt unbeabsichtigt. Ein nahe stehender Mensch stirbt unvermittelt. Die Kündigung des Arbeitsplatzes schockiert, ein Unfall stößt plötzlich zu, eine Krankheit stellt sich aus dem Nichts heraus ein.
Sähe man das Unerwartete kommen, könnte man sich darauf einstellen. Doch alle Voraussagen können lediglich sichtbare Einflüsse berücksichtigen und müssen zudem davon ausgehen, dass diese in Zukunft erhalten bleiben. Weil jedoch das Nichtwissen nicht darin enthalten sein kann, sich aber früher oder später in die Ereignisse einmischt, stellen sich Voraussagen in den meisten Fällen als unzutreffend dar. Das gilt für alle Arten von Voraussage, für persönliche, für gesellschaftliche, für politische und wirtschaftliche.
Deshalb, weil man die Entwicklungen und Veränderungen des Lebens nicht vorhersehen kann und weil man sich nur auf das Naheliegende, das schon Sichtbare, Fühlbare und Greifbare, einzustellen vermag, ist das Scheitern unvermeidlich.
Zu scheitern bedeutet entgegen des landläufigen Gebrauchs dieses Begriffes allerdings nicht, versagt zu haben. Sein Scheitern kann dem Menschen nicht angekreidet werden, da es nicht auf ein fehlerhaftes Lebenskonzept zurückzuführen ist. Immerhin hat seine Lebensweise bisher ihren Zweck erfüllt.
Das Scheitern wird vielmehr durch Veränderungen herbeigeführt, die das Leben mit sich bringt.
So markiert das Scheitern lediglich einen Punkt, von dem aus es anders weitergehen muss, wenn es weiter gehen soll. Der Sozialwissenschaftler Dirk Baecker formuliert das folgendermaßen:
Das Leben gewinnt seine Fortsetzung aus der Bewältigung des alltäglichen Scheiterns.2
Landläufig herrscht hingegen die Meinung, das Leben würde sich aus Visionen und Plänen, guten Ideen und gewollter, vorausschauender Veränderung entwickeln. Diese Vorstellung wird durch den grassierenden Machbarkeitsmythos noch gestützt. Dieser fundamentale Irrtum speist sich aus der Hoffnung, man könne sich das Scheitern ersparen, indem man „richtige“ Strategien entwirft und sich „rechtzeitig“ auf Entwicklungen einstellt. Doch diese Hoffnung trügt. Die richtige Strategie ist nicht planbar, die richtige Reaktion nicht im Voraus bestimmbar. Passende Strategien und Reaktionen ergeben sich erst aus dem Versuch, das Scheitern zu bewältigen.
Diese Ausführungen führen zu der ebenso unvermeidlichen wie scheinbar unerfreulichen Schlussfolgerung: Das Scheitern bringt den Menschen voran, nicht das Gelingen. Die Krise bringt den Wandel.
So, wie es dem „Mann ohne Krisen“ geschehen ist.
Mensch, Beziehung und Gesellschaft stellen abgeschottete Systeme dar, die für die Veränderung ihrer jeweiligen Umwelt weitgehend blind sind. Um sich verändern zu können, sind diese Systeme auf Störungen angewiesen.
Scheinbar selbstverständlich geht man davon aus, dass ein einzelner Mensch, eine Beziehung oder eine Gesellschaft sich verändern müsse. Das sagt sich leicht daher. Wie Veränderung funktioniert, wird allerdings erst verständlich, wenn man die Bedingungen einer Veränderung und auch die ‚Gegenstände’, auf die sie sich bezieht, näher untersucht. Wir kommen also um eine kurze Theorie der Veränderung nicht herum.
Lassen Sie mich diese Theorie mit den „Gegenständen“ der Veränderung beginnen.
Was genau ist unter den Begriffen Mensch, Beziehung und Gesellschaft zu verstehen? Worauf wird beispielsweise Bezug genommen, wenn man von einem einzelnen Menschen, einem Individuum, spricht? Auf seine biologischen oder sozialen Funktionen? Eher nicht. Obwohl seine biologischen und sozialen Funktionen ebenfalls zu einem Menschen gehören, bezieht man das Thema Veränderung beim Individuum ausschließlich auf seine psychische Funktion und spricht schlicht von „der Psyche“. Wenn ein Individuum sich verändern soll, ist damit eine psychische Veränderung gemeint.
Was aber ist eine Psyche? Wodurch zeichnet sie sich aus? Wodurch lässt sich eine Psyche als solche bezeichnen? Wodurch unterscheidet sich die Psyche von anderen „Bestandteilen“ des Menschen oder auch von Beziehungen?
Diese Frage lässt sich über die Vorgänge beantworten, die sich in einer Psyche abspielen und die ihre Funktion ausmachen, also darüber, was eine Psyche tut: Eine Psyche nimmt wahr.
Die Funktion der Psyche besteht allein in der Wahrnehmung, und in sonst nichts.
Wahrnehmung wiederum bezeichnet der Vorgang, in dem neuronale Impulse (die von Seh-, Hör-, Tastnerven geliefert werden) aufgenommen und gedeutet werden und bestimmte Sinnzuweisungen erhalten, aus denen sich dann bestimmte Handlungsoptionen ergeben.
Halten wir an diesem Punkt fest: Eine Psyche ist durch die Vorgänge (Operationen) definiert, die in ihr stattfinden, und das sind Wahrnehmungen. Deshalb wird eine Psyche als Wahrnehmungssystem bezeichnet.
Damit unterscheidet sich eine Psyche von einer Beziehung oder einer Gesellschaft. Denn weder in einer Beziehung noch in einer Gesellschaft spielen sich Wahrnehmungen ab. Eine Beziehung hat kein Gehirn, eine Gesellschaft ebenso wenig, und deshalb können beide nicht wahrnehmen, nicht deuten, nicht denken, nicht erinnern, nicht projizieren.
Auf die Frage, was eine Beziehung oder eine Gesellschaft tun, gibt es nur eine vernünftige Antwort: sie kommunizieren. Die Funktion von Beziehung und Gesellschaft liegt demnach ausschließlich in der Kommunikation.
Kommunikation ist ein Vorgang, in dem Mitteilungen gemacht und anschließend verstanden werden, was zu neuen Mitteilungen führen, die ebenfalls verstanden werden uns so fort.
Auch Beziehung und Gesellschaft kann man durch die Vorgänge (Operationen) definieren, die in ihnen stattfinden, und das sind Kommunikationen.Beziehung/Gesellschaft sind daher Kommunikationssysteme.
Wir können also psychische von sozialen Systemen unterscheiden, weil sie für den Beobachter erkennbar etwas Verschiedenes tun.
Wenn jemand von der Psyche spricht, bezieht er sich auf Wahrnehmung und wenn er von Beziehung/Gesellschaft spricht, bezieht er sich auf Kommunikation.
Spricht er hingegen vom Körper, bezieht er sich wiederum auf andere, nämlich auf biologische Vorgänge, beispielsweise auf die Zellteilung. Das Tun des Körpers unterscheidet sich vom Tun der Psyche und vom sozialen Tun.
Im Körper laufen biologische Vorgänge ab, weshalb man den Körper als biologisches System bezeichnet.
Wenn man von Psyche, Beziehung/Gesellschaft und Körper spricht, beschreibt man demnach drei unterschiedliche Funktionssysteme. Der Beobachter – und wir alle sind nichts als Beobachter – vermag nur zu beschreiben, was er wahrnehmen kann. Er beschreibt kein wie auch immer vorgestelltes Ganzes, nicht den „ganzen“ Menschen als eine psychische, soziale und biologische Einheit, sondern er beschreibt das, was sich am Menschen beobachten lässt – das Tun einzelner Funktionssysteme.
Es ist nämlich schlicht unmöglich, den Menschen als „Ganzes“ zu definieren, weil sich das Ganze nicht gleichzeitig beobachten lässt. Man kann lediglich sagen, der Mensch funktioniere in verschiedenen Systemen, in einem psychischen, einem sozialen und einem biologischen System.
