Wer hat Angst vor Jasper Jones? - Craig Silvey - E-Book

Wer hat Angst vor Jasper Jones? E-Book

Craig Silvey

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Beschreibung

Laura Wishart ist fort. Ein für alle Mal. Sie wurde auf einer seltsamen Lichtung getötet, die nur Jasper Jones bekannt ist. Und ich habe sie dort hängen sehen. Australien 1965. Mitten in der Nacht wird der 13-jährige Charlie Bucktin vom Klopfen an seinem Fenster geweckt. Draußen steht Jasper Jones, der Außenseiter der kleinen Stadt Corrigan und zugleich ein unbestimmter Held für Charlie. Jasper bittet ihn um Hilfe, und so stiehlt sich Charlie mit ihm durch den nächtlichen australischen Busch – voller Angst, aber auch voller Abenteuerlust. Auf einer geheimen Lichtung wird Charlie Zeuge von Jaspers schrecklicher Entdeckung. Mit diesem beklemmenden Geheimnis in seinem Herzen durchlebt Charlie eine Zeit der Angst, der falschen Verdächtigungen – und des Erwachens. In einem einzigen drückend heißen Sommer, in dem sich Charlies Leben für immer verändert, wird er lernen, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden und sich vor Gerüchten zu fürchten wie vor einem Fluch. «Der wunderbar geschriebene Roman erzählt von Freundschaft, Rassismus und sozialer Ausgrenzung. Eine Hommage an ‹Wer die Nachtigall stört› und ‹Die Abenteuer des Huckleberry Finn›.» (Marie Claire UK)

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Seitenzahl: 587

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Craig Silvey

Wer hat Angst vor Jasper Jones?

Aus dem Englischen von Bettina Münch

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelCricket-GlossarZitatnachweis
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1

Jasper Jones ist an mein Fenster gekommen.

Ich weiß nicht, warum, aber es ist so. Vielleicht steckt er in Schwierigkeiten. Vielleicht kann er sonst nirgendwohin.

Auf jeden Fall hat er mir gerade eine Scheißangst eingejagt.

Es ist der heißeste Sommer, an den ich mich erinnern kann; die dumpfe Hitze sickert auf die geschlossene Veranda, auf der ich schlafe, und setzt sich dort fest. Hier drinnen fühlt es sich an wie am Erdkern. Nur die kühlere Luft, die sich durch die schmalen Glaslamellen meines Fensters zwängt, verschafft mir Erleichterung. Schlafen ist so gut wie unmöglich, deshalb verbringe ich den Großteil der Nächte damit, im Licht meiner Kerosinlampe zu lesen.

So war es auch heute. Als Jasper Jones urplötzlich gegen meine Jalousie klopfte und meinen Namen zischte, sprang ich vom Bett, sodass meine Ausgabe von Knallkopf Wilson zu Boden fiel.

«Charlie! Charlie!»

Wie ein Sprinter kniete ich mich vors Fenster, angespannt und nervös.

«Wer ist da?»

«Charlie! Charlie, komm raus!»

«Wer ist da?»

«Ich bin’s, Jasper!»

«Was? Wer?»

«Jasper. Jasper!» Dann hielt er sein Gesicht direkt ins Licht. Die Augen grün und wild. Ich blinzelte.

«Wirklich? Was ist los?»

«Ich brauch deine Hilfe. Komm einfach raus, dann erklär ich’s dir», flüsterte er.

«Was? Warum?»

«Herrgott noch mal, Charlie! Jetzt mach schon! Komm raus.»

Er ist also hier.

Jasper Jones steht vor meinem Fenster.

Aufgeregt klettere ich aufs Bett, nehme die staubigen Glaslamellen heraus und staple sie auf meinem Kopfkissen. Dann schlüpfe ich schnell in ein Paar Jeans und blase meine Lampe aus. Als ich mich mit dem Kopf voran durch das Fenster zwänge, zieht irgendetwas Unsichtbares an meinen Beinen. Es ist das erste Mal, dass ich es wage, mich von zu Hause fortzuschleichen. Dieser Nervenkitzel, gepaart mit der Tatsache, dass Jasper Jones meine Hilfe braucht, verleiht dem Moment schon etwas Unheimliches.

Mein Abgang aus dem Fenster erinnert ein bisschen an die Geburt eines Fohlens. Plump und ungelenk rutsche ich heraus, direkt ins Gerberabeet meiner Mutter. Ich steige hastig aus der Rabatte und tue, als hätte es nicht weh getan.

Es ist Vollmond heute Nacht und sehr still. Wahrscheinlich ist es den Hunden in der Nachbarschaft zu heiß, um Alarm zu schlagen. Jasper Jones steht mitten im Garten hinter unserem Haus. Er tritt von einem Fuß auf den anderen, als würde der Boden glühen.

Jasper ist groß. Obwohl er nur ein Jahr älter ist als ich, wirkt er wesentlich reifer. Sein Körper ist drahtig, aber kräftig. Figur und Muskulatur sind bereits voll entwickelt. Sein Haar ist eine wilde, struppige Matte. Es ist ziemlich offensichtlich, dass er es sich selbst zurechtstutzt.

Jasper ist aus seinen Klamotten herausgewachsen. Sein Hemd ist schmuddelig und spannt sich über der Brust, und seine kurze Hose ist über den Knien abgeschnitten. Er sieht aus wie ein Schiffbrüchiger.

Er macht einen Schritt auf mich zu. Ich weiche zurück.

«Also dann. Bist du bereit?»

«Wie bereit? Bereit wofür?»

«Ich hab dir doch gesagt, dass ich deine Hilfe brauch. Los, komm, Charlie.» Seine Augen huschen von hier nach da, und er verlagert das Gewicht.

Ich bin neugierig, aber ich habe Angst. Am liebsten würde ich mich umdrehen und in den Pferdearsch zurückkriechen, aus dem ich gerade gerutscht bin, um wieder sicher und geborgen im heißen Leib meines Zimmers zu hocken. Aber das hier ist Jasper Jones, und er ist zu mir gekommen.

«Moment, warte mal», sage ich, als ich merke, dass ich barfuß bin. Ich laufe zur Hintertreppe, wo meine Sandalen blank geputzt und akkurat nebeneinanderstehen. Während ich die Schnallen schließe, wird mir klar, dass ich es durch das Anziehen dieser Bubischuhe schon in wenigen Sekunden geschafft habe, wie ein Mädchen dazustehen. Also lege ich beim Zurückjoggen so viel Männlichkeit an den Tag, wie ich zustande bringe, was selbst im Mondlicht eher an ein gichtkrankes Huhn erinnern muss.

Ich spucke, schniefe und reibe mir die Nase. «Alles klar, Mann. Bist du so weit?»

Jasper gibt keine Antwort. Er dreht sich einfach um und geht los.

Ich folge ihm.

Nachdem wir über unseren Gartenzaun geklettert sind, machen wir uns auf den Weg hinunter nach Corrigan. Die Häuser drängen sich immer enger aneinander, bis sie in der Ortsmitte plötzlich aufhören. Um diese Uhrzeit wirken die Gebäude armselig und farblos. Es fühlt sich an, als würden wir mitten durch eine alte Postkarte latschen. Am östlichen Ortsrand, hinter dem Bahnhof, mausern sich die Häuser wieder, und die Straßenlampen, an denen wir stumm vorbeigehen, beleuchten Rasenflächen und Gärten. Ich habe keine Ahnung, wohin wir unterwegs sind. Je weiter wir gehen, desto angespannter werde ich. Trotzdem hat es auch etwas Verwegenes, wach zu sein, wenn der Rest der Welt schläft. Als ob ich etwas wüsste, was die anderen nicht wissen.

Wir sind eine Ewigkeit unterwegs, doch ich stelle keine Fragen. Irgendwo außerhalb der Stadt, jenseits der Brücke und dem breiten Teil des Corrigan River, wo die Felder anfangen, bleibt Jasper stehen, um sich eine Zigarette in den Mund zu schieben. Wortlos schüttelt er die zerknüllte Packung in meine Richtung. Ich habe noch nie geraucht. Und mir wurde auch mit Sicherheit noch nie eine Zigarette angeboten. Ich spüre Panik in mir aufsteigen. Um gleichzeitig abzulehnen und trotzdem Eindruck zu schinden, lege ich beide Hände auf den Bauch und blase kopfschüttelnd die Backen auf, als wollte ich andeuten, heute Abend schon dermaßen viele gequalmt zu haben, dass ich einfach keine mehr mag.

Jasper Jones hebt eine Augenbraue und zuckt die Achseln.

Er dreht sich um und lehnt sich mit der Hüfte an einen Torpfosten. Während er an seinem Glimmstängel zieht, schaue ich an ihm vorbei und erkenne, wo wir sind. Ich weiche zurück. Geisterhaft im Mondlicht kauert drüben das verwitterte Cottage von Mad Jack Lionel. Hastig werfe ich einen Blick auf Jasper. Hoffentlich ist das nicht unser Ziel. Für die Kinder von Corrigan ist Mad Jack das Objekt wilder Spekulationen und Phantasien. Nicht eines hat ihn je wirklich zu Gesicht bekommen. Es gibt zwar einige Anwärter, die sich vollmundig irgendwelcher Sichtungen oder Begegnungen brüsten, doch sie werden leicht als Lügner enttarnt. Dennoch irrlichtern sämtliche Geschichten und Gerüchte um eine einzige unbestreitbare Tatsache: dass Jack Lionel vor einigen Jahren eine junge Frau umgebracht hat und seitdem nie mehr außerhalb seines Hauses gesehen wurde. Keiner von uns kennt die wahren Umstände der Geschichte, auch wenn regelmäßig neue Theorien auf den Markt geworfen werden. Natürlich haben Umfang und Art seiner Verbrechen im Laufe der Zeit immer schlimmere Ausmaße angenommen, sodass der Heuhaufen, in dem die Nadel steckt, ständig größer wird. Und so, wie die Legende immer weiterwächst, ergeht es auch unserer Furcht vor dem verrückten Killer im Versteck seines Hauses.

Eine beliebte Mutprobe in Corrigan besteht darin, etwas von Mad Jack Lionels Grundstück zu stehlen. Steine, Blumen und Müll jedweder Art werden stolz und in aller Hast aus dem wuchernden trockenen Gras vor seinem Haus geholt, um anschließend staunend untersucht zu werden. Die seltenste und ruhmreichste Großtat besteht darin, von dem großen Baum, der neben Jack Lionels Cottage aufragt wie die aus dem Grab fahrende Hand eines Zombies, einen Pfirsich zu stehlen. Einen Pfirsich von Mad Jack Lionels Grundstück zu klauen und aufzuessen ist die Fahrkarte zu sofortigem Ruhm. Der Pfirsichkern wird als Andenken an die Heldentat aufbewahrt und allgemein bewundert und geneidet.

Ich frage mich, ob wir hier sind, um Pfirsiche zu stehlen. Ich hoffe nicht. Ich habe zwar nichts gegen die Vorstellung, mein Ansehen zu stärken, doch fehlt es mir von Geburt an an Mut und Schnelligkeit; Eigenschaften, die für diese Operation unerlässlich sind. Außerdem weiß ich, dass, selbst wenn es mir auf wundersame Weise gelänge, einen Pfirsich zu ergattern, niemand, nicht einmal Jeffrey Lu, mir jemals glauben würde.

Dennoch sehe ich, dass Jasper angestrengt zum Haus hinüberstarrt. Er schnippt seine Zigarette fort und tritt sie aus.

«Sind wir da?», frage ich. «Wollten wir hierher?»

Jasper dreht sich um.

«Was? Nein, Charlie, ich wollte bloß eine rauchen.»

Ich versuche mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen, während wir Lionels Grundstück inspizieren.

«Glaubst du, dass alles stimmt, was über ihn gesagt wird?», frage ich.

«Ich schätze schon. Meistens reden die Leute ja nur Bockmist, aber der Kerl ist mit Sicherheit verrückt.»

«Ganz klar», sage ich und schniefe und spucke wieder. «Hundertprozentig.»

«Ich hab ihn gesehen, weißt du. Schon ein paarmal.» Jasper sagt es so selbstverständlich, dass ich ihm glaube. Ich strahle ihn an.

«Ehrlich? Wie sieht er aus? Ist er groß? Hat er wirklich eine lange Narbe im Gesicht?»

Doch Jasper schiebt lediglich ein bisschen Dreck über seinen Zigarettenstummel und wendet sich ab, als hätte er mich nicht gehört. Wir gehen weiter.

«Komm», sagt er.

Wir treffen wieder auf den Fluss. Eine Zeitlang laufen wir an seinem ausgefransten Ufer entlang nach Osten. Keiner von uns sagt etwas. Die Papierborken- und Eukalyptusbäume, die uns umgeben, sehen im silbrigen Licht unheimlich aus, und ich merke, dass ich mich Jaspers Schritten anpasse.

Die Gegend erscheint mir immer fremder. Die Ufer werden zunehmend wilder und unwegsamer, je schmaler der Fluss wird, und die Böschungen sind von niedrigem Gestrüpp überwuchert. Bald müssen wir auf die schmalen Kängurupfade ausweichen, die nicht mehr ganz so dicht am Wasser verlaufen.

Jaspers Schritte sind lang und kraftvoll. Ich gehe hinter ihm und sehe im Dämmerlicht, wie sich seine Waden anspannen. Seine Gewissheit und seine Präsenz machen es mir leicht, ihm zu folgen. Natürlich habe ich immer noch Angst, aber es hat auch etwas Beruhigendes, sich in seinem Dunstkreis aufzuhalten. Ich vertraue ihm unbesehen, auch wenn ich keinen Grund dazu habe und damit ziemlich allein dastehe.

Jasper Jones genießt in Corrigan einen grauenhaften Ruf. Er ist ein Dieb, ein Lügner, ein Schläger und ein Schulschwänzer. Er ist faul und unzuverlässig. Ein Wilder und eine Waise oder jedenfalls so gut wie. Seine Mutter ist tot und sein Vater ein Taugenichts. Er ist derjenige, den einem die eigenen Eltern als warnendes Beispiel vor Augen halten: So wirst du enden, wenn du nicht gehorchst. Jasper Jones ist der lebende Beweis dafür, wohin einen schlechte Anlagen und eine miese Lebenseinstellung führen.

In allen Familien von Corrigan ist sein Name der erste, der fällt, wenn es irgendwie Ärger gibt. Egal, um welchen Fehltritt es sich handelt und wie offensichtlich die Schuld des eigenen Kindes auch sein mag, immer lautet die erste Frage der Eltern: Warst du mit Jasper Jones zusammen? Und natürlich folgt darauf meistens eine Lüge. Die Kinder nicken, weil die Beteiligung von Jasper Jones sie auf der Stelle von jeder Schuld losspricht. Es bedeutet, dass sie auf Abwege gebracht wurden, dass ihnen der Teufel persönlich aufgelauert hat. Also wird der Fall zu den Akten gelegt, doch die Botschaft ist klar: Halte dich von Jasper Jones fern.

Ich hatte gehört, dass man ihn als Mischling bezeichnete, und es nie ganz verstanden, bis ich es eines Abends am Abendbrottisch erwähnte. Mein Vater ist ein ruhiger und vernünftiger Mann, aber bei diesen Worten warf er sein Besteck hin und funkelte mich durch seine dicke schwarz gerandete Brille wütend an. Er wollte wissen, ob ich begriff, was ich da gerade gesagt hatte, was nicht der Fall war. Daraufhin beruhigte er sich und erklärte es mir.

Noch am gleichen Abend kam er mit einem Stapel Bücher in mein Zimmer und bot mir genau das an, was ich mir mein Leben lang gewünscht hatte: die Erlaubnis, aus seiner Bibliothek zu lesen, was ich wollte. Die Bücherreihen und -stapel meines Vaters faszinierten mich, seit er mir das Lesen beigebracht hatte, doch immer hatte er selbst entschieden, welche Titel er für mich als passend erachtete. Daher war dies ein wichtiger Moment, und mir war klar, dass auch er ihn für bedeutend hielt. Allerdings fragte ich mich, ob es dazu gekommen war, weil er fand, dass ich allmählich erwachsen wurde, oder weil er fürchtete, Corrigan könnte mich in eine Richtung lenken, die ihm Sorgen bereitete.

So oder so war ein Verbot aufgehoben worden. Für den Anfang übergab er mir einen Stapel ledergebundener Ausgaben von amerikanischen Südstaatenautoren: Welty, Faulkner, Harper Lee, Flannery O’Connor. Der größte Teil des Stapels jedoch stammte von Mark Twain. Es musste ein Dutzend Bücher von ihm dabei gewesen sein.

Während mein Vater sie vorsichtig auf meinem Schreibtisch ablegte, erklärte er mir, dass Twain der Grund sei, warum er Literatur unterrichte. Es gebe nichts, was er einem nicht beibringen könne, und nichts, wozu er keine Meinung habe. Twain sei der beste Ratgeber, sagte er, und wenn jeder Mensch in seinem Leben mindestens eines seiner Bücher lesen würde, wäre die Welt ein wesentlich besserer Ort.

Er strich mit dem Daumen über meinen Wirbel, wie er es hin und wieder tat, zerzauste mir das Haar und lächelte.

Das war im Winter. Inzwischen habe ich die Hälfte des Stapels geschafft. Ich verstehe, warum er die Bücher ausgewählt hat. Harper Lee hat mir am besten gefallen, aber meinem Vater habe ich erzählt, Huckleberry Finn sei mein Lieblingsbuch. Faulkners Schall und Wahn habe ich angefangen, musste es aber wieder aufgeben. Ehrlich gesagt hatte ich nicht den blassesten Schimmer, um was es eigentlich ging. Und ich weigerte mich, meinen Vater zu fragen. Ich wollte nicht, dass er glaubte, ich hätte nicht genug Grips.

Denn das war im Grund alles, was ich besaß. Corrigan ist eine Stadt, in der Sport die soziale Währung darstellt. Die meisten Kinder suchen und finden ihresgleichen beim Sport. Der Großteil der Einwohner ist bei der Mine beschäftigt und der Rest im Elektrizitätswerk, daher gibt es keine großen Klassenunterschiede. Also haben die Kinder ihre eigene Hierarchie eingeführt, die sich an ihrer Fähigkeit im Umgang mit einem Ball orientiert statt an ihrer Kleidung oder der Marke des Familienwagens. Ich bin ein lausiger Sportler und ein besserer Schüler als die meisten, was mir im Klassenzimmer nichts als Verdruss einbringt und Groll bei der Zeugnisausgabe. Aber wenigstens bin ich ihnen in etwas überlegen, auch wenn es ein einsamer Triumph ist.

Natürlich bedeutet das auch, dass ich mehr oder weniger ignoriert werde. Noch schlimmer ist es für meinen besten und einzigen Freund, Jeffrey Lu, der jünger und kleiner ist als ich und auch klüger, wenn ich ehrlich bin. Jeffrey hat eine Klasse übersprungen und ist mein Hauptkonkurrent auf dem Weg zum Klassenbesten. Abgesehen von Eliza Wishart. Aber keiner von beiden stört mich bei diesem Wettrennen. Am wenigsten Eliza.

Jeffreys Eltern sind Vietnamesen, daher wird er von den Jungen in der Schule rücksichtslos schikaniert und verdroschen. Wahrscheinlich ist er schlimmer dran als Jasper Jones. Trotzdem verschmerzt er alles erstaunlich gut, was mein schlechtes Gewissen besänftigt, weil ich nie genug Mut aufbringe, um dazwischenzugehen. Jeffrey ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Er hat eine Art zu lächeln, die niemand ausradieren, vertreiben oder aus ihm herausprügeln kann. Und im Unterschied zu mir lässt er sich nie dazu herab, boshaft oder gehässig zu werden. In gewisser Weise hat er mehr Selbstbewusstsein als diese rachsüchtigen Bastarde mit ihren Pfirsichkernen in der Tasche. Auch wenn ich ihm das nie sagen würde.

Als Jasper Jones stehen bleibt und mich an der Schulter packt, zucke ich zusammen, als hätte mir jemand einen Stromschlag versetzt. Ich schiebe meine Brille zurück und warte. Jasper zwängt sich durch ein Gebüsch und schleust mich hindurch. Wir verlassen den Pfad. Ich zögere.

«Wohin gehen wir? Wofür brauchst du mich?»

«Ist nicht mehr weit, Charlie. Du findest es noch früh genug raus.»

Ich vertraue ihm. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich habe mich zu weit von zu Hause entfernt. Wenn er mich hier und jetzt im Stich lassen würde, fände ich nie allein zurück.

Ich kann den Fluss nicht mehr hören, und das Blätterdach über uns hat das Mondlicht gestohlen. Während wir vorwärtsdrängen, fällt es mir immer schwerer, mir vorzustellen, welche Art von Hilfe Jasper brauchen könnte. Mir ist nicht klar, welche einzigartige Fähigkeit ich zu bieten habe. Wir sind eine merkwürdige Allianz, Jasper und ich. Bis zu diesem Tag haben wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. Ich bin überrascht, dass er meinen Namen kennt, ganz zu schweigen von meiner Adresse. Er geht so gut wie nie zur Schule, immer nur lange genug, um sich in die Football-Mannschaft aufnehmen zu lassen. Ich habe ihn immer nur flüchtig aus der Ferne gesehen, daher kann ich mich der Begeisterung darüber, derartig einbezogen zu werden, nicht erwehren. Im Geiste formuliere ich schon meinen Bericht für Jeffrey.

Wir sind jetzt in ziemlich dichtem Buschgelände. Es ist unnatürlich still. Jasper hat immer noch kein Wort von sich gegeben, zu dem ich ihn nicht gedrängt hätte, und seine Antworten waren kurz und schroff. Obwohl es in der Landschaft keine Orientierungspunkte gibt, scheint er den Weg genau zu kennen, und ich bin dankbar dafür. Ich halte mich dicht hinter ihm, wie ein treuer, nicht angeleinter Hund. Meine Anspannung wird immer stärker. Ich frage mich, ob meine Eltern gehört haben, wie ich fortging. Ich bin mir nicht sicher, was sie tun würden, wenn sie mein Zimmer leer vorfänden. Die Laken zerknüllt, das Bett geräumt, die Fensterlamellen aufeinandergestapelt. Sie würden annehmen müssen, ich sei entführt worden. Gekidnappt. Nie im Leben würden sie glauben, dass ich mich aus eigenem Entschluss davongeschlichen hatte. Das ist mit Abstand mein schlimmstes Vergehen. Wenn nicht sogar mein einziges. Und wenn man mich erwischen würde, wäre ich vermutlich der einzige Junge in Corrigan, der mit Fug und Recht behaupten könnte, von Jasper Jones auf Abwege geführt worden zu sein.

Jasper wird schneller. Die Zweige und Sträucher federn mit größerer Wucht zurück. Ein Adlerfarn hat mir den Arm aufgekratzt. Ich beklage mich nicht. Passe einfach mein Tempo an. Unsere Füße marschieren im gleichen zackig-militärischen Rhythmus. Ich schwitze.

Dann bleibt Jasper stehen.

Genau hier. Am Fuß eines riesigen, uralten Jarrah-Baums. Sein Umfang ist gewaltig. Ich starre hinauf, um zu sehen, wie hoch er in den Himmel ragt, und spüre meinen Puls in den Schläfen hämmern. Ich keuche und muss mir die Brille putzen. Als ich den Kopf wieder senke, merke ich, dass Jasper Jones mich anstarrt. Ich kann seine Miene nicht deuten. Es ist, als wäre er kurz davor, von etwas sehr Hohem herunterzuspringen. Ich wende den Kopf ab und habe plötzlich Angst. Eine schreckliche Vorahnung verdrängt meine Anspannung. Irgendetwas stimmt nicht. Es ist etwas passiert. Ich will weglaufen, ich will nicht mehr hier sein.

Er deutet auf einen Vorhang aus Akazienzweigen links neben dem gewaltigen Baum.

«Dahinter ist es», sagte er.

«Was? Was ist dahinter?»

«Das wirst du schon sehen, Charlie. Ach, Scheiße. Du wirst es sofort bereuen, wenn du’s siehst. Noch isses nicht zu spät. Bist du sicher, dass du mir helfen wirst?»

«Kannst du es mir nicht einfach sagen? Was ist los? Was ist dahinter?»

«Ich kann nicht. Ich kann’s einfach nicht, Kumpel. Aber ich vertrau dir, Charlie. Ich denke, ich kann dir vertrauen.»

Das ist keine Frage, auch wenn es den Anschein hat.

Ich glaube, bei jedem anderen hätte ich gekniffen und auf der Stelle kehrtgemacht. Ich hätte nie den Kopf gesenkt und mich durch die Akazienzweige gezwängt, hätte die gelben kugelförmigen Blüten nicht abgeschüttelt, die sich wie Konfetti in meinem Haar verteilten. Ich hätte nie an den rauen Stamm gefasst, um nicht ins Stolpern zu geraten, und nie die Blätterranken beiseitegeschoben. Ich hätte nie den Kopf gehoben, um diese schöne Lichtung zu betrachten. Und ich hätte nie an Jasper Jones vorbeigeschaut, um sein Geheimnis zu entdecken.

Aber ich mache nicht kehrt. Ich bleibe und folge Jasper.

Und ich sehe es.

Und mit einem Mal wird alles anders.

Die Welt bebt, dreht sich im Kreis und zerbricht.

Ich schreie, aber die Schreie klingen gedämpft. Ich kriege keine Luft mehr. Es ist, als wäre ich unter Wasser, taub und am Ertrinken. Jasper Jones hält mir den Mund zu und zieht mich mit der anderen Hand an sich. Meine Hüften drängen zurück, zurück, zurück, weg von hier, aber meine Füße sind auf der Lichtung festgewachsen. Zum Glück füllen sich meine Augen mit Tränen, die alles verschwimmen lassen, bis ich sie fortblinzle. Und wieder sehe ich es vor mir. Jasper hält mich eisern fest. Er umfasst meinen schmächtigen Körper mit Leichtigkeit. Es ist grauenhaft. Zu grauenhaft, um es in Worte zu fassen.

Es ist ein Mädchen.

Ein Mädchen in einem schmutzigen cremefarbenen Spitzennachthemd. Sie ist blass. Im Silberlicht sehe ich, dass ihre Arme voller Kratzer sind. Und ihre Waden. Ihr Gesicht ist schmutzig, voller blauer Flecken und Blut. Und sie hängt an einem dicken Seil, das am Ast eines Silbereukalyptus befestigt ist. Sie rührt sich nicht. Ist ganz schlaff. Ihre Füße sind nackt und nach innen gedreht. Ihr langes Haar ist unter der Schlinge eingeklemmt. Ihr Kopf baumelt zur Seite wie auf einem biblischen Gemälde. Sie sieht enttäuscht und traurig aus. Ergeben.

Ich kann nicht wegsehen, Jasper nicht hinsehen. Mit dem Rücken zum Mädchen hält er mich fest, fängt meine Bewegungen ab, bis ich stillhalte. Mein Atem geht schnell und zittrig. Ich verstehe das nicht. Er hat es gewusst. Er hat es gewusst und mich hierhergebracht. Damit ich ein Mädchen an einem Baum hängen sehe. Sie ist tot. Gestorben. Jasper lässt meine Schulter los, als ich anfange zu sprechen. Ich kann mich kaum auf den Füßen halten.

«Wer ist das?»

Jasper Jones braucht eine Weile, um zu antworten.

«Laura Wishart. Das ist Laura.»

Ich brauche einen Moment.

«O Gott. O Gott. Das ist sie. Sie ist es wirklich.»

«Ja», sagte Jasper leise. Jetzt betrachtet er sie. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihn sacht den Kopf schütteln. Er wirkt mit einem Mal so mager. Und krumm. Wie ein kleiner Junge. Ich bin völlig durcheinander. Alles erscheint mir verzögert und traumartig. Ganz im Ernst. Als wäre ich nicht wirklich hier und das hier würde nicht passieren. Es ist alles bloß eine Erscheinung. Ich bin entrückt. Schaue von außerhalb meines Körpers zu und sehe alles auf einem Bildschirm.

«Tut mir leid, Charlie. Tut mir wirklich leid, Kumpel. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll.»

Ich umklammere meine Ellbogen. Wende mich Jasper zu.

«Warum hast du mich hergebracht? Ich sollte nicht hier sein. Ich muss nach Hause. Du musst jemandem davon erzählen.»

«Warte, Charlie, noch nicht. Noch nicht.» Seine Bitte ist inständig. Wir verstummen.

«Warum hat sie das gemacht? Was ist …? Ich meine, was? Ich verstehe das nicht. Was ist passiert?» Ich flüstere fast.

«Das hat sie nicht gemacht. Nicht selber, meine ich. Das war sie nicht.»

«Wie meinst du das?»

«Ich meine, dass sie’s nicht selber gemacht haben kann, Charlie.»

«Was? Warum nicht?»

«Sie kann’s nicht gewesen sein. Sieh bloß mal das Seil an. Siehst du? Es ist meins. Mein Seil. Ich nehme es, um mich daran in den Stausee zu schwingen. Da, siehst du? Aber hinterher versteck ich es immer. Ich lege es ganz oben über den Ast, damit es keiner sieht.»

Jasper redet schnell. Zu schnell, um mitzukommen. Zum ersten Mal schaue ich mich in der Umgebung um. Hinter dem Eukalyptusbaum, der unten breit und hohl ist wie ein offenstehendes Zelt, befindet sich ein kleiner Wassertümpel. Die Fläche davor, auf der wir jetzt stehen, liegt komplett frei und ist von hohen Sträuchern und Bäumen umgeben. Eine seltsame kleine Enklave. Sie könnte bei Tag etwas Besonderes und Wunderbares sein, stelle ich mir vor. Eine ruhige Oase im Busch. Aber im Moment wirkt sie düster und beklemmend. Ich muss fort. Ich kann nicht hierbleiben. Laura Wishart ist gestorben. Und sie ist hier. Ich kann gar nicht hinsehen.

Der Eukalyptus ragt mehr als viereinhalb Meter in die Höhe, ehe der dicke Ast abzweigt, an dem das Seil befestigt ist. Bis auf einen großen schwarzen Astknoten auf halber Höhe gibt es weder Griffe noch Tritte.

«Außerdem ist es scheißschwer, dort hochzukommen», fährt Jasper fort. «Man muss sich regelrecht mit den Schienbeinen hochschieben. Wie bei diesen Palmen, weißt du? Laura hätte da nie hochklettern und es selber abwickeln können. Nie im Leben.»

«Was ist mit einem Stock oder so was? Vielleicht hat es sich auch von selbst gelockert. Im Wind. Keine Ahnung.»

«Ich seh hier keine Stöcke, Charlie, du vielleicht? Und windig ist es auch nicht. Außerdem kann es sich nicht gelockert haben, weil ich es immer um den Ast wickle und festzurre. Ich will nämlich nicht, dass jemand was von dem Platz hier mitkriegt.»

Ich nicke benommen. Kann nicht richtig denken.

Wieder wird es still.

«Und was willst du damit sagen? Was bedeutet das?»

«Hör mir doch zu, Charlie. Ich will damit sagen, dass sie’s nicht selber gemacht hat.»

«Und wer war es dann?», frage ich, ehe ich, urplötzlich von kaltem Grauen und Furcht erfüllt, vor ihm zurückweiche. Ich ersticke bald an dem Wort:

«Du?»

Er dreht sich zu mir um, und sein Blick ist voller Verblüffung und Verachtung. Dann schüttelt er ungeduldig den Kopf und reckt das Kinn.

«Was? Verdammt noch mal, Charlie. Ich dachte, du hättest was auf dem Kasten, Mann. Du glaubst, dass ich das war? Ist das dein Ernst?»

«Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.»

Und das stimmt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich fühle mich einfach nur krank und sehr müde. Ich will hier weg.

Kopfschüttelnd dreht Jasper sich wieder zu mir um und spuckt aus.

«Hör mal, Charlie. Ich muss dir was erklären. Der Platz hier, diese Lichtung, gehört praktisch mir. Ich bin zwar nicht der Einzige, der jemals hier war, aber ich bin der Einzige, der weiß, wie man herkommt. Es ist noch nie einer ohne mich hier gewesen. Noch nie. Jedenfalls bis jetzt. Bis heute Nacht. Hier bin ich nämlich die meiste Zeit. Ich schlafe hier und esse hier, wenn ich nicht zu Hause bin. Das hier ist sozusagen mein Zuhause. Verstehst du?»

Er hält inne, um sich am Hinterkopf zu kratzen und sich mit dem Arm über die Stirn zu wischen. Er räuspert sich.

«Jedenfalls komme ich heute Abend hierher. Und das Erste, was ich sehe …», Jasper verstummt, scharrt mit den Füßen und fährt mit belegter Stimme fort: «Verdammte Scheiße, das Erste, was ich sehe, ist sie da oben. Ich hab Laura sofort erkannt. Bin hingerannt, hab ihre Beine gepackt und versucht, sie hochzuheben. Hab versucht, sie zu halten. Aber sie war schon tot, Charlie. Ich hab gespürt, dass sie tot ist, verstehst du?»

Wie im Nebel stürmt alles auf mich ein. Mein Mund steht sperrangelweit offen.

«Und was hast du gemacht?», frage ich.

«Na ja, ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll. Ich hab sie einfach losgelassen und angeguckt. Aber dann hab ich es hier nicht mehr ausgehalten. Es ging einfach nicht. Also bin ich abgehauen. Und dann bei dir aufgekreuzt.»

«Und du glaubst, jemand anders hat das getan? Jemand hat sie erhängt?»

«Das tu ich, Charlie. Sieh dir bloß ihr Gesicht an. Es ist grün und blau geschlagen. Das hat sie ja wohl nicht selbst gemacht, oder? Jemand hat ihr das angetan.»

«Aber wer?»

«Das weiß ich nicht.»

Ich weiche zurück und suche die Bäume ab. Mir zittern die Knie. Das hier ist ein Albtraum. Es muss einer sein. Das erlebe ich nicht wirklich.

«Himmel noch mal, Jasper! Was ist, wenn er immer noch hier draußen ist? Wenn er uns in diesem Moment beobachtet? Was hast du dir nur dabei gedacht? Warum hast du mich hierhergebracht?»

Ich suche immer weiter. Es fühlt sich an, als würden die Bäume näherkommen.

«Immer mit der Ruhe, Charlie. Es ist niemand hier.»

«Woher willst du das wissen?», kreische ich wie ein Mädchen.

«Keine Ahnung. Ich weiß es einfach. Das sehe ich», sagt er ruhig.

Doch die Angst sitzt mir im Nacken. Ein widerliches Prickeln auf der Haut. Ich habe das Gefühl, dass uns jemand beobachtet. Und genau zuhört. Laura Wisharts Leichnam ist quälend und surreal. Er ist so nah. Ich habe immer noch nicht ganz begriffen, dass sie tot ist, dass das hier nicht mehr Laura Wishart ist. Es ist eine leere Hülle. Eine Wachspuppe. Eine abgestreifte Haut. Merkwürdigerweise kann ich keine warmen Gefühle für sie aufbringen. Es ist, als hinge ein Teil von mir selbst dort oben, schlaff und gefühllos.

Dennoch ist klar, dass sich an diesem stillen Ort etwas Grauenhaftes abgespielt hat. Und wir befinden uns in seinem Kielwasser und werden von den Wellen hin und her geworfen. Laura Wishart ist tot. Schaut hin. Mausetot. Da hängt sie, an dem Baum dort drüben. Genau dort. Mitten in Jasper Jones’ Welt. Sie baumelt direkt über seinem Stückchen Erde.

Zwei Jungen und ein Leichnam.

Ich höre Trommeln im Kopf: tot, tot, tot. Ich kriege auf dieser kleinen Lichtung kaum noch Luft. Etwas hat sich verschoben. Eine Blase ist geplatzt. Ich will raus. Ich fühle mich schwach. Ich sollte gar nicht hier sein, will wieder zu Hause sein, doch das kommt mir weit, weit weg vor. Und dann ist da die bedrohliche Tatsache, dass ich, selbst wenn ich von hier verschwände, beim besten Willen nicht dorthin zurückfinden würde.

Nein, es ist zu spät. Genau wie Jasper Jones habe ich es gesehen. Und jetzt hänge ich mit drin.

«Jasper, ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich weiß nicht, warum ich hier bin», sage ich und betrachte Laura Wisharts nackte, schmutzige Füße. «Es ist so schrecklich. Wir müssen es jemandem erzählen.»

Jasper betrachtet mich mit zermürbender Intensität.

«Nein, das geht nicht. Wir können es niemand erzählen. Niemand, Charlie.» Er presst die Lippen zusammen, seine Augen sind weit geöffnet.

«Wir müssen es selbst rausfinden, Charlie.»

«Was meinst du mit rausfinden?»

«Wir müssen rausfinden, wer’s getan hat. Wer Laura umgebracht hat. Wer hier hergekommen ist und ihr das angetan hat.»

Ich schüttele kurz den Kopf, bevor ich antworte.

«Was redest du da? Nein, das müssen wir nicht! Wir gehen zur Polizei! Das machen wir. Wir gehen zum Sergeant, sagen ihm, was passiert ist und wo sie ist, und dann finden die es raus. Die sind dafür zuständig. Wir können das nicht für uns behalten. Ihre Familie muss Bescheid wissen. Das hat nichts mit uns zu tun.»

«Scheiße, Charlie. Du hast wirklich keine Ahnung, was?»

«Warum?»

«Mach die Augen auf, Kumpel.»

«Was soll das heißen? Sie sind offen! Was willst du damit sagen?»

Jasper seufzt abgrundtief.

«Verdammt noch mal. Hör zu, Charlie, wir können keiner Menschenseele davon erzählen. Auf keinen Fall. Schon gar nicht der Polizei. Weil sie es sofort mir in die Schuhe schieben. Kapiert? Die kommen her, sehen, dass das hier mein Platz ist, sehen ihr Gesicht und wie man sie zugerichtet hat und dass das hier mein Seil ist. Und dann behaupten sie, ich wär’s gewesen, der sie gelyncht hat. Die verknacken mich und sperren mich ein, ohne lange zu fackeln, Kumpel.»

«Was? Aber warum? Das ist doch Schwachsinn, Jasper. Das wird nicht passieren.»

«Wirklich?» Jetzt zeigt er auf mich und richtet sich auf wie eine Schlange. «An wen hast du denn als Erstes gedacht? Was ist als Erstes aus deinem Mund gekommen?»

Er kommt wie von selbst. Wie wenn einem zum ersten Mal klarwird, dass es so etwas wie Magie nicht gibt. Oder dass niemand einem die eigenen Gebete erfüllt oder einem wirklich zuhört. Dieser eisige Moment des Erschreckens, wenn einem die Füße unter dem Leib weggetreten werden und man von einem Funken der Erkenntnis in die Knie gezwungen wird. Er hat recht. Jasper Jones hat recht. Er steckt wirklich in der Klemme.

Natürlich wird man ihn beschuldigen. Natürlich wird ganz Corrigan ihm die Sache in die Schuhe schieben. Es spielt keine Rolle, was er sagt. Sein Wort ist keinen Pfifferling wert. Alles, was zählt, ist der Tod dieses Mädchens und das, was sich diese Stadt zurechtphantasiert. Sie werden ihm Handschellen anlegen und ihn abtransportieren. Den Ausgestoßenen, der die Tochter des Bezirkspräsidenten Wishart umgebracht hat. Er hat nicht den Hauch einer Chance.

«Und was machen wir jetzt? Was ist mit Laura?», frage ich. «Sie werden nach ihr suchen, sobald sie merken, dass sie weg ist. Sie finden sie so oder so.»

Jasper schüttelt nur den Kopf, während er eine Zigarette aus der Packung fischt. Ich merke, dass er ein bisschen zittert. Er beantwortet meine Frage nicht. Stattdessen spinnt er einen anderen Gedanken fort. «Ich kapier das einfach nicht, Charlie. Warum hier? Wie kann das hier passieren? Jemand muss ihr gefolgt sein. Jemand weiß von dem Ort. Ich glaub nicht, dass es Zufall war. Das kann nicht sein.»

«Glaubst du, dass jemand versucht, dir die Sache anzuhängen?», frage ich. Jasper bietet mir eine Zigarette an, und wieder tue ich so, als hätte ich schon mehr als genug geraucht.

«Kann schon sein, Charlie.»

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen.

«Aber vorhin hast du gesagt, es wären schon mehr Leute hier gewesen. Mit dir. So wie ich heute Nacht.»

«Ja, ich weiß. Aber du bist der einzige Kerl, der hier war, und die andern kann ich an einer Hand abzählen.»

«Hast du Laura Wishart schon mal mitgenommen?»

Jasper Jones vergräbt die Hände in den Hosentaschen und schaut zu Boden.

«Ja, hab ich. Ein paarmal, Charlie. Ziemlich oft sogar. Aber ich hab sie jedes Mal auf einem anderen Weg durch den Busch gelotst, damit sie nicht von allein herfindet.»

«Warum hast du das gemacht?»

«Na, was glaubst du wohl? Ich will nicht, dass jemand anders den Weg kennt. Ist schwer zu erklären. Manchmal ist es in Ordnung, das hier mit jemand zu teilen, aber ich will es trotzdem für mich behalten.»

Ich nicke.

«Aber mit Laura war es nicht so, wie du denkst», fährt er hastig fort, auch wenn mir nicht klar ist, was er damit meint. «Sie war nicht wie die anderen Mädchen im Ort. Sie hatte was auf dem Kasten, Charlie. Sie war nicht so klug wie du. Sie war anders. Weise irgendwie. Wir haben uns richtig gut verstanden. Sie wollte immer herkommen. Hat mich ständig gedrängt. Und ich hab’s gern gemacht. Weißt du, wie das ist, wenn man jemand trifft und das Gefühl hat, ihn schon sein Leben lang zu kennen? Genauso war’s. Ganz leicht. Nicht so wie mit den anderen Mädchen, die hier war’n. Wir haben nie viel rumgemacht, Laura und ich, obwohl sie älter gewesen ist. War irgendwie komisch, was das anging. Aber es hat mir nicht wirklich was ausgemacht. Es war nicht der Grund, warum ich sie hergebracht hab.»

Nichts davon vertreibt meine Verwirrung. Jasper lässt die Schultern hängen. Er wirkt traurig und geschlagen.

«Aber wer würde so etwas tun? Wer? Du hast sie gekannt. Gibt es jemanden, der so etwas fertigbringt? Wer würde so etwas wollen?»

«Ich hab einen Verdacht», sagt er und steckt sich eine weitere Zigarette an. Obwohl sich kein Lüftchen regt, schirmt er die Zigarettenspitze mit der Hand ab. Diesmal bietet er mir keine an, obwohl ich mir fast wünsche, er würde es tun.

«Ich glaube, ich weiß, wer dafür in Frage kommt. Ist mir sofort eingefallen und geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht hab ich ja recht.»

«Wer?» Ich beuge mich vor.

Er klopft die Asche von der Zigarette ab, lässt den Arm sinken und dreht sich zu mir um.

«Jack Lionel. Ich glaube, es war Jack Lionel.»

Ich reiße die Augen auf.

«Weißt du, Charlie, wenn ich sage, dass ich ihn ein paarmal gesehen hab, dann deshalb, weil er es auf mich abgesehen hat, mehr als sonst jemand in der Stadt. Glaubs mir. Er ist ein verdammter Irrer. Jedes Mal, wenn ich auf dem Weg hierher an seinem Haus vorbeigehe, und ich meine jedes einzelne Mal, kommt er auf die Veranda, winkt und schreit und ruft meinen Namen. Ganz merkwürdig. Er kennt meinen Namen, Charlie. Ich glaub, er ist hinter mir her. Ganz bestimmt.»

Mir ist das alles zu viel. Zu schnell. Ich bin hoffnungslos durcheinander. Und ich habe Angst. Jetzt ist mir wirklich nach einer Zigarette zumute. Ich sehe zu, wie die bernsteinfarbene Glut bei jedem Zug aufwallt. Es sieht beruhigend aus. Ich bin müde. Will mich hinsetzen. Oder mich auf dieses weiche Fleckchen Erde legen. Aber ich kann nicht. Ich hänge mit drin. Das ist es, was ich nicht kapiere: dass ich irgendwie in diese Sache verwickelt worden bin.

«Aber was hat das mit Laura zu tun? Wenn Mad Jack Lionel hinter dir her ist, warum sollte er so was tun?»

«Weil er jedes Mal, wenn ich mit Laura vorbeigegangen bin, draußen auf der Veranda gestanden und gebrüllt hat. Er hat sie gesehen. Er hat gewusst, dass wir oft zusammen sind. Und sie hat ihn auch gesehen. Hat mächtig Schiss vor ihm gehabt. Er hat sie ganz schön aufgeregt und nervös gemacht. Vielleicht ist er uns gefolgt. Er ist der Einzige, der mir einfällt. Oder er hat irgendwie gewusst, wo wir hingehen. Vielleicht kennt er die Lichtung. Vielleicht war er es, Charlie.»

Jasper erahnt meine nächste Frage.

«Er sieht mich jede Nacht, rennt raus und schreit und ruft und macht. Jede Nacht. Außer heute, Charlie. Weißt du noch? Es hat kein Licht gebrannt. Nichts. Dabei haben wir draußen gewartet. Aber es kam kein Mucks.»

Ich lege die Stirn in Falten. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr entrückt und muss mir von innen in die Wange beißen. Tränen brennen mir in den Augen. Ich will wirklich nicht losheulen, aber ich bin wütend. Niedergeschmettert. Und ich habe gewaltige Angst. Keine Ahnung. Ich fühle mich verraten oder so etwas. Aber vor allem habe ich Angst. Meine Stimme überschlägt sich.

«Warte mal, du hattest den Verdacht, dass Mad Jack Lionel gerade jemanden umgebracht hat, und bist zu mir gekommen und hast mich geradewegs zu seinem Haus geführt? Ohne mir zu sagen, warum? Und dann bringst du mich hierher, um mir das zu zeigen? Obwohl es sein kann, dass der verrückte Schweinehund immer noch hier ist und auf dich oder auf uns beide wartet? Warum? Warum tust du mir das an? Verpiss dich. Leck mich am Arsch! Ich hau ab. Ich hau ab, verdammt noch mal.»

Ich beiße mit aller Kraft die Zähne zusammen, um nicht loszuheulen. Meine Nasenflügel beben, meine Zunge schwillt an, und ich habe einen sauren Geschmack im Mund. Ich habe noch niemals so geflucht. Es fühlt sich seltsam an. Und natürlich gehe ich nirgendwohin. Ich sitze hier in der Falle. Es gibt keinen Ausweg. Nicht aus dem Busch und nicht aus diesem Schlamassel. Jasper Jones ist meine Rückfahrkarte.

Er kommt hoch aufgerichtet auf mich zu, die Zigarette zwischen den Lippen, und legt mir die Hand auf die Schulter, was mich auf der Stelle besänftigt.

«Geh noch nicht, Charlie. Bitte, Kumpel. Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß nicht, was ich sonst machen soll. Wirklich nicht. Es tut mir leid. Ganz ehrlich.»

Ich blinzle heftig. Ich schniefe, spucke und rücke meine Brille zurecht. Jaspers Hand bleibt auf meiner Schulter.

«Hör zu. Mit mir kann dir hier nichts passieren, Charlie. Vertrau mir. Du musst mir vertrauen. So wie ich dir. Ich weiß, dass du ein guter Kerl bist. Wirklich. Wir werden das Richtige tun. Ganz sicher.»

Ich schüttle den Kopf.

«Aber was sollen wir nur tun? Siehst du denn nicht, wie hoffnungslos das alles ist? Wir sind doch keine Polizisten! Das hier ist bitterer Ernst! Wir können keine Befragungen durchführen. Wir können mit den Leuten nicht darüber reden. Wir können gar nichts tun!»

«Aber wir können es wenigstens versuchen. Das ist mehr, als die Polizei von Corrigan tun wird, wenn ich jetzt dort reinspaziere und ihnen erzähle, was passiert ist. Die schließen den Fall ab, bevor es überhaupt einer wird, Charlie. Sie werden den verdammten Gerichtstermin schneller ansetzen als die Beerdigung. Und das weißt du. Du kennst diese Stadt. Ich muss hier nichts anstellen, um in Schwierigkeiten zu geraten. Also müssen wir rausfinden, wer es war. Es muss sein.»

Jaspers Argumentation hat etwas Unwiderstehliches, so absurd und unlogisch sie auch sein mag. Es ist nicht schwer zu akzeptieren, dass er recht haben könnte. Dass er wirklich für etwas im Gefängnis landen könnte, was er nicht getan hat. Dass diese Stadt wirklich so falsch und niederträchtig ist. Dass Mad Jack Lionel tatsächlich für diese Sache verantwortlich sein könnte. Dass es an uns liegt. Dass das Unheil, das Jasper droht, wirklich so schwer und böse ist.

Vielleicht gelingt es uns tatsächlich, die Sache aufzuklären und die Dinge geradezurücken. Vielleicht bin ich der einzige Mensch in Corrigan, der Jasper Jones jemals Glauben schenken würde. Vielleicht ist er deshalb zu mir gekommen. Vielleicht hat er mich deshalb ausgesucht. Was nichts anderes bedeutet, als dass er mir von dem Moment an vertraut hat, als er über unseren Gartenzaun sprang und sich meiner verwitterten Schlafveranda näherte. Er muss mich für aufrichtig und gerecht gehalten haben – wie Atticus Finch in Wer die Nachtigall stört: jemand, der würdevoll, vernünftig und klug ist und sich ohne Vorurteile auch für Außenseiter einsetzt. Vielleicht ist Jasper sich auch einfach nur sicher, dass ich es nie fertigbringen würde, sein Vertrauen zu missbrauchen. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem. Sicherheit und Vertrauen.

Obwohl ich es vorziehe, mir vorzustellen, dass ich spätnachts noch auf bin und über Mark Twain brüte, während Jasper Jones zu mir eilt, weil ich so gelassen und weise bin. Als wäre ich Salomon persönlich. Jemand, den man aufsucht, wenn alles schrecklich aus dem Ruder läuft.

Doch das ist meilenweit von der Wahrheit entfernt. Ich habe keine Ahnung, welche Hilfe ich ihm anbieten kann. Ich bin ratlos. Ich kann den Kopf nicht nach links drehen. Ich habe Lauras Körper aus meinem Blickfeld und meinem Geist verbannt, aber sie lässt mich nicht los, sie ist hartnäckig. Sie ist so nah. Es ist zu viel für meinen Verstand. Zu viel auf einmal. Und zu schnell. Viel, viel zu schnell. Es scheint, als gäben wir uns alle Mühe, Laura Wishart absichtlich zu ignorieren. Wie sie da hängt. Am Strick. Nur ein paar Meter entfernt. Wenn wir nicht hinsehen, wenn wir um sie herumreden, wird sie sich in der Dunkelheit auflösen. All das wird nie passiert sein. Und ich kann wieder nach Hause gehen, schlafen und ohne dieses belastende Wissen aufwachen.

Nach längerem Schweigen wende ich mich Jasper zu und schnaufe durch die Nase.

«Also gut. Was ist, wenn ich die Sache melde? Nur ich. Ohne dich. Ich könnte jetzt gleich zur Polizei gehen, oder meine Eltern, und ihr erzählen, was ich gesehen habe. Ohne jemals deinen Namen zu erwähnen.»

Jasper Jones reibt sich mit dem Daumen unterm Kinn. Dann schüttelt er heftig den Kopf.

«Das funktioniert nicht, Charlie. Zuallererst, was hättest du hier zu suchen, ganz allein? Das ergibt doch keinen Sinn.»

Ich zucke die Achseln. «Ich könnte sagen, dass ich mich schon den ganzen Sommer über wegschleiche. Einfach bloß um zu fischen oder so. Zum Herumstreifen. Was auch immer. Das wäre nichts Besonderes.»

«Nimm’s mir nicht übel, Charlie. Aber erstens glaub ich nicht, dass dir das jemand abkauft, am allerwenigsten deine Herrschaften. Und der Sergeant schon gar nicht.»

«Vielleicht aber doch», wende ich empört ein.

«Und zweitens wird ein halbes Dutzend Mädchen aus der Stadt die Stelle hier wiedererkennen, sobald man sie entdeckt, und dann stecken sie der Polizei, wer sie hergebracht hat. Und dann wissen sie, dass du mich gedeckt hast. Sie kommen dahinter, keine Sorge. Dann giltst du als Mittäter, Charlie. Glaubs mir. Und ich hab keine Chance.»

Ich wische mir den Schweiß von den Brauen und fahre mir über den Hinterkopf.

«Also gut. Nehmen wir mal an, wir bringen sie woandershin. Wenn dich hauptsächlich die Tatsache, dass Laura hier ist, in Schwierigkeiten bringt, dann sollten wir sie besser wegschaffen, näher an die Stadt, damit sie von jemand anderem entdeckt wird. Zum ersten Mal sozusagen. Dann hast du doch eine Chance, oder nicht? Auf die Art bist du nicht in ihrer Nähe.»

Ich kann kaum glauben, dass ich das wirklich sage. Das kann ich doch nicht im Ernst vorschlagen. Aber so, wie Jasper sich die Wange reibt, scheint es, als denke er darüber nach. Mir hebt sich der Magen. Ich will es augenblicklich zurücknehmen.

«Ich verstehe, was du meinst, Charlie. Aber es ist zu riskant, Kumpel. Wenn uns jemand sieht und wir erwischt werden, sind wir geliefert. Dann wird nicht mehr lange gefragt, und wir sind so gut wie überführt. Aber selbst wenn sie uns nicht erwischen, ist die Polizei nicht blöd. Die kommen dahinter. Die werden merken, dass Laura weggeschafft wurde. Womöglich hinterlassen wir irgendwelche Spuren oder so. Scheiße, vielleicht verfolgen sie unsere Spur sogar bis hierher zurück.»

«Zu riskant», stimme ich ihm bereitwillig zu.

«Trotzdem gefällt mir der Gedanke. Daran hab ich gar nicht gedacht.»

Ich ändere die Richtung.

«Also gut, Jasper. Was ist, wenn wir rauskriegen, wer es war? Mal angenommen, wir finden Beweise, die Mad Jack überführen. Was machen wir dann? Sagen wir ihm, dass er gestehen soll? Schicken wir einen anonymen Brief?»

Jasper Jones zupft an den Härchen auf seinem Arm und zieht die Nase hoch. «Darüber können wir uns immer noch den Kopf zerbrechen, wenn es so weit ist. Ich meine, wir haben keine Ahnung, wie es dann sein wird, oder? Wer weiß? Vielleicht müssen wir das gar nicht entscheiden. Aber versuchen müssen wir’s, Charlie. Das sind wir ihr schuldig, meinst du nicht?»

Ich schüttele sacht den Kopf und seufze. Das ergibt doch keinen Sinn: die Sache mit Lügen zu vertuschen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich versuche zu argumentieren, wie Atticus Finch es tun würde.

«Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass sie dich nicht verantwortlich machen, Jasper. Das wäre doch möglich, oder nicht? Hör mal, wir können das immer noch ehrlich über die Bühne bringen. Es den richtigen Leuten erzählen. Den Behörden. Es machen, wie es sich gehört. Du stehst schließlich unter dem Schutz des Gesetzes, der …»

«Herrgott, Charlie! Einen Dreck werd ich geschützt. Das sagst du bloß, weil du Angst hast. Weil du dir die Hände nicht dreckig machen willst. Du weißt, dass das nicht stimmt. Du weißt, was dann passiert. Für die Leute in der Stadt bin ich ein Tier, das man in einen Käfig sperren sollte, und das hier gibt ihnen den Vorwand, es zu tun. Die brauchen nicht mehr als das, was sie hier sehen. Was zählt, ist nur, wonach es aussieht. Ich steck in der Klemme, Charlie. Richtig in der Klemme. Und ich kann nicht weglaufen, weil sie Laura finden werden, und dann finden sie auch mich. Ich darf jetzt nicht einknicken. Wir müssen das durchziehen.»

Ich lege das Gesicht in die Hände, schiebe meine Brille hoch und reibe mir mit den Handflächen die Augen.

«Durchziehen? Was zum Teufel müssen wir durchziehen?»

«Es gibt nur eins, was mir einfällt. Nur eins, was mich im Moment retten kann.»

Müde und matt hebe ich den Kopf.

«Und was?»

«Wir müssen sie selbst beerdigen. Sie verstecken. Und zwar hier.»

«Was?» Entsetzt starre ich Jasper an.

«Das ist der einzige Weg, Charlie.»

«Das ist nicht der einzige Weg! Jetzt hast du Angst!»

«Ja, ich weiß. Ich hab auch allen Grund dazu. Im Moment ist das für mich die einzige Möglichkeit, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Verstehst du das denn nicht?»

Ich schüttle ungläubig den Kopf. Versuche verzweifelt, mir Alternativen und Auswege auszudenken.

«Nein. Das geht nicht. Wir können sie nicht hier und jetzt begraben. Kapiert? Keine Ahnung. Wir haben weder Schaufeln noch sonst was. Außerdem würde es Stunden dauern. Bevor wir fertig sind, steht die Sonne am Himmel. Und es wird verdammt verdächtig aussehen, wenn ich mich erst wegschleiche und dann komplett verdreckt nach Hause komme, weil ich ein Grab ausgehoben habe, und kurz darauf wissen alle, dass Laura Wishart verschwunden ist.»

«Nicht in der Erde, Charlie. Dadrin.»

Jasper Jones zeigt auf den kleinen Stausee mit seiner papierglatten Oberfläche. Mein Magen zieht sich zusammen.

Wir werden die Tote ertränken.

«Im Tümpel?»

«Ja.»

Ich bin in einer Strömung gefangen, werde gegen meinen Willen immer weiter und tiefer hinabgezogen.

«Aber was ist mit ihrer Familie? Haben die nicht das Recht, ihre eigene Tochter zu begraben? Und sich von ihr zu verabschieden? Und was ist mit Eliza? Mit der letzten Ölung, den Sterbesakramenten und all dem? Was ist mit ihrem Glauben?»

«Glaubst du an so was?»

«Was ich glaube, spielt keine Rolle. Darum geht es nicht.»

«Hör mal. Ich weiß mit Sicherheit, dass ihr alter Herr nichts taugt. Er ist ein Fiesling und säuft schlimmer als meiner. Und ihre Mutter ist mehr tot als lebendig. Die merkwürdigste Frau, die mir je untergekommen ist. Glaubs mir. Ich weiß, dass das nichts damit zu tun hat. Aber letzten Endes interessiert sie die Wahrheit garantiert mehr als die Frage, wie ihre Tochter beerdigt worden ist. Und darum geht es uns doch, Charlie. Wir wollen Zeit schinden, um rauszufinden, wer das gemacht hat. Wer weiß, vielleicht können wir die Sache immer noch geradebiegen, wenn alles vorbei ist und sie Mad Jack weggesperrt haben. Wir wissen schließlich, wo sie ist, nicht?»

Ich glaube ihm kein Wort, werde immer tiefer hinabgezogen. Ich schaue zu Laura Wisharts baumelndem Körper und werde abermals von Angst und Übelkeit übermannt. Sie ist ein Geist. Sie ist nicht echt. Und dieser Ort ist es auch nicht.

«Ich weiß nicht, Jasper. Was ist, wenn es nicht klappt? Wenn wir nie etwas herausfinden und die Wisharts nicht mal ansatzweise die Wahrheit erfahren? Was ist, wenn du dich irrst und wir uns täuschen, was Corrigan angeht und Mad Jack? Und überhaupt?»

Plötzlich springt Jasper auf, schüttelt den Kopf und baut sich vor mir auf. Er schlägt mit der Hand durch die Luft, als wolle er ein vorbeifliegendes Insekt einfangen.

«Was ist dir lieber, Kumpel? Dass ich für nichts und wieder nichts ins Gefängnis gehe, bloß damit die Wisharts anständig Abschied nehmen können? Glaubst du, ich hab das alles geplant? Ich versuch doch bloß das Richtige zu tun, ohne dass ich auch noch aufgeknüpft werde!» Er deutet auf Laura und heftet seine wilden Augen auf mich. «Denn genau das wird passieren, verdammt noch mal! Und das weißt du. Ich schwöre dir noch mal, bei meiner Mutter, dass ich nichts davon gewusst hab! Ich bin heute Nacht hergekommen und hab sie gefunden, und ich hab keine Ahnung, was ich tun soll, außer meinen eigenen Arsch zu retten und dann vielleicht zu versuchen, allem auf den Grund zu gehen. Und dafür brauch ich deine Hilfe. Weil du was auf dem Kasten hast und nicht so bist wie die andern. Ich war mir sicher, dass du das verstehst. Scheiße noch mal, Charlie, ich hab so viel riskiert, als ich zu dir gekommen bin!»

Ich schlage die Augen nieder und schweige.

«Dir zu vertrauen ist eine Riesensache für mich, Charlie. Es ist gefährlich. Und jetzt bitte ich dich um das Gleiche. Ich kann dich nicht zu irgendwas zwingen. Aber ich hab gehofft, dass du die Dinge von meiner Warte aus sehen kannst. Das machst du doch, wenn du liest, nicht? Du siehst die Dinge mit den Augen von andern Leuten.»

Ich nicke.

«Also, Charlie, dann denk mal über den Ort hier nach und darüber, was das für mich bedeutet. Überleg dir, was ich tun soll und was das Richtige ist.»

Ich spüre eine grimmige Resignation. Wie konnte das Leben außerhalb dieses stillen, abgekapselten Fleckchens Erde nur so kompliziert sein? Laura Wishart, ihr leblos dahängender Körper, sollte nicht unsere Verantwortung, nicht unser grässliches Problem sein, das es zu lösen galt. Wir sollten es an die richtigen Leute weitergeben und wie verängstigte Kinder davonlaufen, atemlos mit dem Finger zeigen und uns an einem sicheren Ort verkriechen können. Nicht wir sollten die Wahrheit herausfinden müssen. Laura Wishart wurde erhängt, und Jasper Jones ist in ernsthaften Schwierigkeiten. Und ich stecke irgendwie mittendrin.

Jasper beruhigt sich. Er geht in die Hocke und wühlt in seinen Haaren.

«Nur dass du’s weißt, Charlie. Dir wird nichts passieren, wenn du bleibst und mir hilfst. Gar nichts. Das ist mein Ernst. Wenn irgendwas passiert, tue ich alles, was nötig ist, um dich da rauszuhalten, ja? Darüber musst du dir keine Gedanken machen. Das versprech ich dir.»

Ich nicke wieder.

«Du musst dir ein Herz nehmen, Charlie. Das ist alles. Ich weiß, dass du verstehst, was ich gesagt hab und warum ich so in der Klemme stecke. Ich musste auch schon früh tapfer sein. Schon so lange, wie ich denken kann. Bei mir ist immer alles schnell gegangen, Charlie. Manchmal fühl ich mich uralt. Kannst du das verstehen?»

«Ja, das kann ich», sage ich.

«Hier haben alle vor irgendwas Schiss, weißt du. So ist das nun mal in diesem kleinen Kaff. Dabei ist ihnen das nicht mal klar. Sie halten sich an das, was sie kennen und was ihnen gesagt wurde. Sie kapieren nicht, dass es eine Wahl ist, die man trifft.»

Ich hebe den Kopf und sehe Jasper in die Augen.

«Ich weiß, dass die Leute schon immer Angst vor mir gehabt haben. Vor allem die Kinder, aber auch alte Leute. Sie sind alle auf der Hut. Für sie bin ich fast noch ’n Tier, mit nur halb so viel Rechten. Ein Taugenichts. Und ich hab mich immer gefragt, warum? Sie kennen mich doch gar nicht. Niemand kennt mich. Das hab ich nie kapiert. Aber dann ist mir klargeworden, dass genau das der Grund ist. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist dumm, Charlie. Aber es bedeutet, dass ich sie nicht mehr hasse.»

Wie unheimlich und verdichtet diese Nacht doch ist. Und wie verlassen und verstört ich bin. Wie eine aufgeschüttelte Schneekugel. In mir tobt ein Schneesturm. Alles, was in meiner Welt fest und sicher war, wurde durcheinandergewirbelt und schwebt jetzt in einem Scherbenregen wieder zu Boden. Ein Buch, das ich auswendig konnte, wurde zerrissen und in die Luft geschleudert. Alles wurde mit lautem Getöse auf den Kopf gestellt, wurde herausgerissen und zerbrochen. Ein Dutzend Katastrophen auf einmal. Ich brauche gar nicht erst anzufangen, die Stücke aufzusammeln und wieder so zusammenzusetzen, wie sie gewesen sind. Es ist, als müsste ich aus meiner eigenen Eierschale kriechen. Und ein bisschen so wie Jasper Jones genieße ich nicht länger das Privileg, mir den richtigen Zeitpunkt dafür aussuchen zu können. Ich kann nicht aus meinem Kokon kommen, wenn ich gewillt und bereit dazu bin. Ich wurde vorzeitig herausgezerrt und in der Kälte liegen gelassen.

Die Köpfe vom Baum abgewandt, spüren wir dieser seltsamen, leeren Stille eine Zeitlang nach.

Schließlich schlägt Jasper vor, uns noch einmal umzusehen. Eine letzte, abschließende Überprüfung der Umgebung, bevor wir sie endgültig zerstören. Ich widerspreche nicht, weiche ihm aber nicht von den Fersen und schrumpfe immer mehr in mich zusammen, als wir uns Lauras Leichnam nähern.

Ich bin viel zu abgelenkt, um mich wirklich auf Details konzentrieren zu können. Ich weiß nicht einmal, wonach ich eigentlich Ausschau halten soll. Fußabdrücke, nehme ich an. Beweise. Ein hingekritzeltes Geständnis. Egal was. Allerdings ist mir ohnehin alles fremd, sodass ich nicht beurteilen kann, was sich verändert hat. Was einmal mehr bestätigt, wie hoffnungslos dieser ganze Schlamassel ist. Und wie schlecht unsere Aussichten sind. Jasper hat die Stirn in Falten gelegt und geht mit leicht vorgebeugtem Oberkörper.

Im Mondlicht durchkämmen wir die ganze Gegend. Es dauert nicht allzu lange. Als Jasper die letzten umstehenden Büsche untersucht hat und die Hände über ihre skelettartigen Zweige fahren lässt, nickt er zufrieden.

«Sie müssen auf dem gleichen Weg hergekommen sein, den ich immer gehe. So wie wir vorhin», sagt er schließlich und deutet gedankenverloren auf das Akaziengestrüpp. Er streckt die Hand aus. «Aber sieh mal da drüben, das Gras vor dem Zylinderputzer sieht aus, als hätte jemand drauf rumgetrampelt. Bloß ein bisschen. Keine Ahnung. Muss nichts zu bedeuten haben. Vielleicht hat sie versucht wegzulaufen. Vielleicht auch nicht. Wer weiß. Wir wissen jedenfalls gar nichts. Nicht mal, ob sie sie wirklich erhängt haben. Richtig, meine ich.»

«Wie meinst du das?»

«Hier kann alles passiert sein, Charlie. Sie können sie auch umgebracht und hinterher aufgehängt haben, damit es so aussieht, als ob sie es selbst getan hat. Wir wissen es einfach nicht.»

Ich nicke abwesend und entrückt. Die Vorstellung ist einfach zu viel für mich. Ich frage mich, wie Jasper Jones so ruhig und gelassen bleiben kann. Wie er hier und jetzt solche Überlegungen anstellen kann. Ich folge ihm in einer Art stummer Betäubung.

Als ich aufschaue, sieht Jasper mich an. Voller Geduld. Die Welt dreht sich.

«Bist du bereit, Charlie?»

Ich starre ihn verständnislos an.

Jasper Jones mustert mich noch einen Moment. Dann befiehlt er mir, an Ort und Stelle zu warten, wofür ich ihm dankbar bin. Meine Füße, meine Sandalen sind am Boden festgewachsen.

Ich sehe Jasper zum Eukalyptusbaum hinübergehen. Gebückt betritt er die Aushöhlung am unteren Ende des Stamms. Sobald ich ihn nicht mehr sehen kann, werde ich von Ängsten übermannt. Mein Hintern zieht sich zusammen, und in meinem Kopf ist weißer Nebel. Mit einem breiten Messer in der Hand taucht Jasper wieder auf.

Ich sehe, wie er es in die Gürtelschlaufen seiner abgeschnittenen Hose steckt. Er ist so dicht neben Lauras Körper, so dicht, dass er sie berühren könnte, doch er hält den Kopf gesenkt.

Jasper fängt an zu klettern. Obwohl ich die Szene aus nächster Nähe beobachte und trotz der beklemmenden Enge der kleinen Lichtung und der stickigen Luft fühle ich mich beim Zuschauen fast gänzlich entrückt. Als würde ich einer Spinne dabei zusehen, wie sie eine Wand hochklettert. Jasper schiebt und zieht sich zu dem großen Astknoten hinauf, und ich muss an Jeffrey Lu denken. Morgen tritt sein Lieblingscricketspieler, Doug Walters, zu seinem ersten Testmatch[1] an. Ich könnte wetten, dass Jeffrey heute Nacht vor Aufregung kein Auge zumacht. Und ich frage mich, ob Doug Walters wohl ebenso angespannt und nervös ist wie ich im Moment. Ob er heute Nacht schlafen kann. Ob er jemals einen Toten gesehen hat.

Als er sich dem Ast nähert, wird Jasper langsamer. Zentimeterweise schiebt er sich höher. Er hat recht: Es sieht wirklich nach einer schwierigen Kletterpartie aus. Dafür muss man stark und geschickt sein.

Während ich die Anstrengung und Anspannung in Jaspers Armen und Beinen registriere, frage ich mich, wie Jack Lionel das fertig gebracht haben soll. Es scheint mir ein unmögliches Unterfangen zu sein. Ich würde nicht einmal in die Nähe des Asts oder auch nur des Knotens kommen, wie sollte es dann einem alten Mann gelingen? Doch das frage ich Jasper nicht. Ich stehe hier und warte.

Als er den angewinkelten Ellbogen des Asts erreicht, zieht sich Jasper mit einer Körperdrehung hoch, wobei er die Beine mit einem Gottvertrauen hängen lässt, das ich niemals zustande brächte. Er wirkt völlig furchtlos. Erfahren und routiniert wie ein Zirkusartist. Er schwingt sich hinüber, stemmt sich hoch und setzt sich rittlings auf den Ast. Dann rutscht er schnell zu der Stelle, an der das Seil an den Ast geknotet ist.

Mein Herz hämmert. Plötzlich bin ich deutlich weniger entrückt und entsetzlich unruhig, als er zum Messer greift. Ich bin müde und überreizt. Verängstigt und betäubt. Wahrscheinlich fühle ich alles gleichzeitig, jeder Nerv vibriert. Ich denke nicht mehr an Jeffrey und auch nicht an die Wisharts. Mein Kopf besteht nur noch aus meinem trommelnden Pulsschlag, während ich zusehe, wie Jasper vorsichtig den Strang durchtrennt, an dem Laura hängt. Ich kann meinen Atem hören. Meine Hände sind zu Fäusten geballt, doch ich kann sie nicht öffnen.

Sie fällt ganz plötzlich. Und schnell. Wie ein weißer Drachen, der sich in den Boden bohrt, während der Schwanz gemächlich nachfolgt. Sie fällt in sich zusammen. Wie eine Puppe. Wie ein Sack nasser Knochen. Mit einem dumpfen, schrecklichen Laut schlägt sie auf dem Boden auf. Einem Laut, der mich daran erinnert, dass sie nur noch loses Fleisch ist. Vielleicht sollte ich es nicht sein, aber ich bin trotzdem geschockt von ihrer Leblosigkeit. Sie sieht so schwer aus. So hilflos. Mein Körper prickelt. Als würden überall Ameisen herumkrabbeln. Jasper wirft das Messer herunter. Seine Spitze bohrt sich mühelos in den Boden. Dann lässt er sich den Stamm heruntergleiten.

Unten angekommen, geht er gebeugt und ganz vorsichtig auf sie zu. Ich habe mich nicht von der Stelle gerührt. Ich hoffe, er erwartet nicht, dass ich das Gleiche tue.