Wer schön sein will, muss sterben - Melissa Anderson - E-Book

Wer schön sein will, muss sterben E-Book

Melissa Anderson

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Beschreibung

Nun gibt es eine exklusive Sonderausgabe – Gaslicht – Neue Edition In dieser neuartigen Romanausgabe beweisen die Autoren erfolgreicher Serien ihr großes Talent. Geschichten von wirklicher Buch-Romanlänge lassen die illustren Welten ihrer Serienhelden zum Leben erwachen. Es sind die Stories, die diese erfahrenen Schriftsteller schon immer erzählen wollten, denn in der längeren Form kommen noch mehr Gefühl und Leidenschaft zur Geltung. Spannung garantiert! Sie hütete sich, den Hafen aufzusuchen, denn jede anständige Frau von Bristol – so hieß es – vermied es tunlichst, auch nur einen Schritt in das verrufene Viertel der Spelunken und Bordelle zu tun. Aber es gab Tage, an denen Joy Garrett sich besonders einsam und verlassen fühlte. Dann trieb es sie in die Nähe der Menschen, und von weitem betrachtete sie den regen Betrieb, der auf dem Kai und auf den Piers herrschte. Nebeneinander lagen die Kutter, Brigantinen, Schoner und Schaluppen vertäut, und auf der Reede erhoben sich majestätisch die Masten der Klipper und zweier Fregatten. Hafenjollen pendelten zwischen den Schiffen und dem Kai hin und her, es wurden Ladungen gelöscht, oder Frachträume mit Fracht und Proviant gefüllt. Jetzt, am späten Nachmittag, begann sich auch die Szene vor den Kneipen und Kaschemmen zu beleben. Scharen von Sailors und Teerjacken schienen da auf den Beinen zu sein, um ihre Heuer zu vertrinken oder mit leichten Mädchen durchzubringen. War es der Hauch des Abenteuers, das Joy so faszinierte und ihre heimliche Neugierde weckte? Oder war es einfach nur die Abwechslung, die sie auf andere Gedanken brachte? Sie wußte es selbst nicht genau. Jedenfalls war dies eine andere Welt, eine pulsierende Ader des Lebens. Sie lenkte sie von den dumpfen Fragen und deprimierenden Gedanken ab, die das Alleinsein hervorbrachte, und auf gewisse Weise verspürte sie sogar Heiterkeit, wenn sie das Durcheinander beobachtete. Champ, ihr Foxterrier, zerrte an seiner Leine. Das Tier war heute unruhig. Joy versuchte es zu besänftigen. Die Frau beugte sich zu ihm hinunter und streichelte seinen Kopf. »Sei doch nicht so nervös«, sagte sie zärtlich. »Was ist denn los mit dir?« Er gab ein Winseln von sich, dann einen Laut, der beinahe wie ein menschlicher Seufzer klang, und setzte sich auf seine Hinterläufe.

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Gaslicht - Neue Edition – 5 –

Wer schön sein will, muss sterben

Melissa Anderson

Sie hütete sich, den Hafen aufzusuchen, denn jede anständige Frau von Bristol – so hieß es – vermied es tunlichst, auch nur einen Schritt in das verrufene Viertel der Spelunken und Bordelle zu tun. Aber es gab Tage, an denen Joy Garrett sich besonders einsam und verlassen fühlte. Dann trieb es sie in die Nähe der Menschen, und von weitem betrachtete sie den regen Betrieb, der auf dem Kai und auf den Piers herrschte.

Nebeneinander lagen die Kutter, Brigantinen, Schoner und Schaluppen vertäut, und auf der Reede erhoben sich majestätisch die Masten der Klipper und zweier Fregatten. Hafenjollen pendelten zwischen den Schiffen und dem Kai hin und her, es wurden Ladungen gelöscht, oder Frachträume mit Fracht und Proviant gefüllt.

Jetzt, am späten Nachmittag, begann sich auch die Szene vor den Kneipen und Kaschemmen zu beleben. Scharen von Sailors und Teerjacken schienen da auf den Beinen zu sein, um ihre Heuer zu vertrinken oder mit leichten Mädchen durchzubringen.

War es der Hauch des Abenteuers, das Joy so faszinierte und ihre heimliche Neugierde weckte? Oder war es einfach nur die Abwechslung, die sie auf andere Gedanken brachte? Sie wußte es selbst nicht genau. Jedenfalls war dies eine andere Welt, eine pulsierende Ader des Lebens. Sie lenkte sie von den dumpfen Fragen und deprimierenden Gedanken ab, die das Alleinsein hervorbrachte, und auf gewisse Weise verspürte sie sogar Heiterkeit, wenn sie das Durcheinander beobachtete.

Champ, ihr Foxterrier, zerrte an seiner Leine. Das Tier war heute unruhig. Joy versuchte es zu besänftigen. Die Frau beugte sich zu ihm hinunter und streichelte seinen Kopf. »Sei doch nicht so nervös«, sagte sie zärtlich. »Was ist denn los mit dir?«

Er gab ein Winseln von sich, dann einen Laut, der beinahe wie ein menschlicher Seufzer klang, und setzte sich auf seine Hinterläufe. Während Joy Garrett in ihren Studien fortfahr, schnupperte der Hund auf dem Boden und begann erneut, an der Leine zu ziehen.

Ein paar Passanten verfolgten amüsiert, wie das Tierchen sich derart heftig ins Zeug legte, daß die hübsche, dunkelhaarige junge Frau ins Stolpern geriet. Champ hechelte wie besessen und traf Anstalten, davonzulaufen.

Joy wurde nun fast ärgerlich. »Also gut«, sagte sie. »Du bist heute unausstehlich, aber ich tu dir den Gefallen. Nur mußt du mir versprechen, daß du gleich wieder zurückkommst. Ich warte nicht lange auf dich. Versprichst du’s mir?«

Champ schaute zu ihr auf, als habe er wirklich verstanden, was sie gesagt hatte, und seine Augen flehten: Mach mich los, bitte!

Sie löste die Leine vom Halsband, und er schoß wie der Blitz davon – in Richtung Hafen. Binnen weniger Augenblicke war er verschwunden, und sie vermochte noch nicht einmal zu sehen, in welche der vielen Gassen er gelaufen war.

Manchmal mußte Champ sich austoben. Aber war es richtig gewesen, ihm ausgerechnet hier diese Freiheit zu gewähren? Joy bereute es bereits. Im Hafen lauerten Gefahren. Der ruhige Vorort, in dem sie wohnte, war der ideale Platz für einen Hund. Er hatte genug Auslauf auf den Wiesen und im Birkengehölz. Im Hafen jedoch kannte er sich nicht aus, und leicht konnte ihm etwas passieren.

Oder bildete sie es sich nur ein? Unschlüssig stand sie eine Weile da und wartete darauf, daß er zu ihr zurückkehrte. Aber der Hund tauchte nicht wieder auf. Es wurde rasch dunkler, und hier und da flammten die ersten Lichter auf. Blutrot neigte sich der Feuerball der Sonne im Westen der See entgegen, und es würde nicht mehr lange dauern, bis er eintauchte und versank.

Joy Garrett biß sich auf die Unterlippe. So eine Schnapsidee, dachte sie, warum hast du dich von ihm herumkriegen lassen? Natürlich brachte sie es nicht fertig, sich einfach umzudrehen und wegzugehen. Champ fand den Weg zurück nach Hause nicht allein, er war im Grunde doch eher ein Stadthund. Und sie hing an ihm, denn er war das einzige Wesen, das ihr als Erinnerung an eine vergangene Zeit geblieben war, die nie mehr wiederkehren würde.

Sie verlieh sich einen innerlichen Ruck und machte sich auf den Weg zum Hafen. Es war ihr egal, was die Leute von ihr dachten. Im übrigen hatte sie auch keine Angst. Es ging ihr jetzt darum, Champ so schnell wie möglich wiederzufinden und mit ihm nach Hause zu gehen.

Auf dem Kai fand sie sich unter Menschen aller Nationen und Schattierungen wieder. Ein Gewirr von verschiedenartigen und seltsamen Sprachen nahm sie gefangen in einer Aura des Geheimnisses und der Rätselhaftigkeit. Die Luft schien zu duften, nach Tabak, Tee und Bier; aber natürlich wußte Joy, daß die Romantik, die Landratten mit dem Leben der Seefahrer verbanden, eine reine Illusion war. Männer mit Bärten und Ohrringen begegneten ihr; Europäer, Afrikaner und Asiaten. Einer trug einen Seesack, ein anderer humpelte, weil er ein Holzbein hatte. Ein riesiger glatzköpfiger Mann trug einen Papagei auf der Schulter mit sich herum, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Grell geschminkte Mädchen und Frauen lehnten in Gassen und Hauseingängen, und mancher Sailor blieb auf ihr Lächeln und die leisen, lockenden Worte hin stehen.

Von Champ war nicht die Spur zu entdecken. Die junge Frau wurde immer unruhiger. Sie betrat die Gasse, in der er ihrer Meinung nach verschwunden war, und hielt nach allen Seiten Ausschau. Daß er auf der Suche nach Hundedamen war, war so gut wie sicher. Deshalb konnte er sich nicht in Luft aufgelöst haben.

Joy wich einem Betrunkenen aus, der an ihr vorbeitorkelte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand und atmete tief durch. Was jetzt? dachte sie. Hier finde ich ihn nie, genausogut könnte ich eine Stecknadel im Heuhaufen suchen.

Ein Mann mit einem breitkrempigen schwarzen Hut, einem roten Hemd und schwarzen Hosen trat auf sie zu und grinste sie an.

»Schätzchen«, sagte er. »Hast du Sorgen? Hast du deinen Freier verloren?«

»Nein«, antwortete sie entsetzt und verwirrt. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«

Der Unbekannte hob den Kopf, und Joy sah, daß er abstoßend häßlich war. Seine Nase war platt, was von einigen deftigen Hieben herzurühren schien, sein Gesicht war von Narben verunstaltet, und er hatte nur noch ein paar Zähne im Mund, obwohl er nicht sehr alt sein konnte. Er sprach amerikanisches Englisch mit starkem Slang, und er schien bereits einiges getrunken zu haben, wie sie aus der Fahne schloß, die ihr entgegenschlug.

»Das ist eine Masche, die bei mir zieht«, sagte er grinsend. »Ziere dich ruhig ein bißchen. Das gibt der Sache einen besonderen Reiz. Oh, ich kenne euch Weibsbilder.«

Joy Garrett sah ihn fest an und versuchte, ihrer Stimme einen harten Klang zu verleihen, als sie erklärte:

»Wenn Sie nicht sofort weggehen, rufe ich Hilfe. Belästigen Sie mich nicht.«

»Darling, ich heiße Shannigan, und ich bin der friedlichste Mensch der Welt.« Er griff sich in die Hosentasche. »Ich habe hier die stolze Summe von zwei englischen Pfund, und ich wäre froh, wenn ich sie mit dir verjubeln könnte.«

»Die junge Frau versuchte, sich an ihm vorbeizuschieben, aber der Unbekannte griff nach ihrem Arm und hielt sie zurück. Sie wollte sich losreißen, aber seine Hand war wie eine eiserne Klammer, sie gab sie nicht mehr frei.

»Lassen Sie das!« rief sie aus Angst und Wut.

»Wohin willst du denn so schnell?« fragte er.

»Das geht Sie überhaupt nichts an!«

»Komm mit, Honey, wir lassen die Mäuse auf dem Tisch tanzen«, sagte er, lachte und zog sie näher zu sich heran.

Joy wehrte sich nach Kräften, aber sie hatte keine Chance gegen ihn. Er war dünn, aber stark wie ein Bär. Sie stieß einen Schrei aus, als sie seinen heißen, übelriechenden Atem auf der Wange spürte.

»He«, sagte Shannigan. »Jetzt hör aber auf. Du machst hier wirklich noch alles verrückt. Komm, ich weiß ein feines Plätzchen für uns zwei.«

Plötzlich tauchten zwei Gestalten neben ihm auf; große Männer mit breiten Schultern.

»Was machst du denn da, Shannigan?« sagte der eine. »Laß die Lady gefälligst in Ruhe.«

»Lady? Daß ich nicht lache. Roker, hau ab, ich habe Landgang wie du, und du hast mir nichts zu befehlen.«

»Irrtum«, sagte der Mann, der Roker hieß. »Die Regeln der Borddisziplin gelten auch an Land. Laß die Dame los und verschwinde.«

»Das sieht doch jeder, daß sie keine von denen ist«, sagte der andere Mann, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte.

Shannigan senkte den Kopf ein wenig und sah die beiden böse an. Er ließ aber doch Joys Arm los.

»Boston-Harry, du bist auch so ein Schlauberger, was? Du weißt immer alles besser, oder? Aber ich…«

»Los, entschuldige dich bei der Dame«, sagte Roker.

»Das ist nicht nötig«, erwiderte die junge Frau, und sie wunderte sich selbst über den Mut, mit dem sie sich an Shannigan wandte. »Aber merken Sie sich, daß Sie nicht jede Frau wie ein billiges Flittchen anreden können.«

»O Madam«, sagte Shannigan höhnisch. »Ich kenne Flittchen und Hafenhuren, die besser als jede hochwohlgeborene Lady sind.«

»Jetzt ist es aber genug«, entgegnete Roker aufgebracht. »Haue ab!«

»Nichts für ungut«, meinte Shannigan, dann verschwand er in der Dunkelheit.

»Madam«, sagte der Mann, den Shannigan Boston-Harry genannt hatte. »Bitte, verzeihen Sie unserem Kameraden. Er gehört zu unserer Crew, aber wir schämen uns für ihn. Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Danke, nein«, erwiderte sie hastig. Sie hatte es jetzt eilig, diese Umgebung zu verlassen. »Ich habe nur … es ist spät geworden, ich habe mich in der Zeit vertan.« Sie murmelte einen Gruß, dann verließ sie die Gasse und kehrte irritiert auf den Kai zurück. Von Champ war immer noch nichts zu sehen. Was war geschehen? Hatte ihn jemand getreten oder geschlagen? Sie mußte ihn finden – um jeden Preis.

*

Joy Garrett wanderte auf dem Kai auf und ab. Noch zweimal wurde sie angesprochen, aber es gelang ihr, die Männer, die nicht ganz so aufdringlich wie Shannigan waren, schnell wieder abzuwimmeln. Sie gab nicht auf – und als sie den Hund auf dem Kai nicht entdeckte, begab sie sich noch einmal in das Gewirr der Gassen.

Sie sah einen kleinen Hund, der in einer Toreinfahrt verschwand, und lief ihm sofort nach. Als sie aber durch das Tor schritt und den dahinter befindlichen Hof betrat, stellte sie fest, daß es sich um einen Beagle handelte, was im Dunkeln auf Anhieb nicht zu erkennen gewesen war.

Sie wollte sich schon wieder abwenden, da überquerte ein großer Mann den Hof und näherte sich ihr. Er trug einen eleganten Anzug, einen Hut und polierte Schuhe, und in der rechten Hand hielt er ein Stöckchen.

»Ich bitte um Verzeihung, Madam«, sagte er galant. »Womit kann ich dienen?«

Er war ein richtiger Gentleman, nobel vom Scheitel bis zur Sohle, das merkte man auf Anhieb. Joy faßte Vertrauen zu ihm. Warum sollte sie ihm nicht erzählen, was geschehen war?

»Ich suche meinen Hund«, erwiderte sie. »Einen kleinen Fox, er heißt Champ. Er ist mir weggelaufen.«

Der Mann warf dem Beagle einen Blick zu. »Jetzt verstehe ich. Ja, mein Hund stromert auch seit ein paar Tagen herum und schaut nur ab und zu zu Hause vorbei.« Er beschrieb eine ausholende Geste. »Dies ist mein Heim, Madam. Mein Name ist Gordon Frost, und ich besitze einige Lagerhäuser im Hafen.«

»Sehr erfreut, Mister Frost. Ich bin Joy Garrett.«

»Sie stammen nicht aus Bristol?«

»Ich bin vor einem Jahr hergezogen«, antwortete sie.

»Darf ich mir erlauben, Ihnen bei der Suche behilflich zu sein?« Höflich bot er ihr seinen Arm an. »Oder soll ich Sie nach Hause begleiten? Man wartet doch sicher auf Sie.«

»Nein, ich wohne allein.«

»Dann wollen wir versuchen, Ihren kleinen Champ wieder herbeizuzaubern«, sagte er und lächelte. »Ich denke schon, daß es uns gelingt.«

Sie hakte sich bei ihm ein, und gemeinsam spazierten sie durch das Hafenviertel. Mister Frost war ihrer Schätzung nach Ende der Fünfzig oder gar Sechzig, und sicherlich hatte er einigen Einfluß im Hafengebiet. Jedenfalls wurde Joy nicht mehr belästigt, und sie fühlte sich in seiner Gesellschaft völlig sicher.

Sie sahen einige Hunde und Katzen, aber Champ war nirgends zu entdecken. Schließlich führte der Mann sie zu einer Gastwirtschaft mit alten Bleiglasfenstern, einer wuchtigen Tür und einem schmiedeeisernen Schild, auf dem der Name zu lesen stand: »Endeavour«,

»Hier wohnt einer meiner besten Freunde«, erklärte Gordon Frost lächelnd. »Er ist der Wirt. Er weiß über alles Bescheid, was sich im Hafen tut, und ist ein richtiger Hundenarr. Wenn er nicht weiß, wo Champ sein könnte, dann weiß es keiner.«

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte sie.

»Warten Sie, noch haben wir ihn nicht. Und es gibt ein kleines Problem. Es empfiehlt sich für Sie nicht, daß Sie diese Kneipe betreten, die Gäste sind wilde Kerle und Damen, die einem zwielichtigen Gewerbe nachgehen. Andererseits kann ich Sie aber auch nicht allein hier auf der Straße stehen lassen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, das Haus mit mir durch die Hintertür zu betreten?«

»O natürlich nicht.«

»Sehr gut, danke.« Er hakte sie erneut ein, und durch einen schmalen, finsteren Gang gelangten sie zur Rückseite des Gebäudes, das aus dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert zu sein schien, wie sie schätzte.

Gordon Frost klopfte dreimal an die Hintertür, es schien sich um ein vereinbartes Zeichen zu

handeln. Die Tür wurde geöffnet, und ein buckliger Mann mit froschähnlichen Augen sah sie fragend an.

»Burt, wo ist Bailey?« fragte Joys Begleiter.

»Vorn, die Gäste bedienen«, antwortete der Bucklige mit krächzender Stimme.

»Du wirst ihn ablösen, ich muß ihn sprechen.«

»Jawohl, Mister Frost«, sagte der Mann sofort.

»Laß uns herein.« Frost tippte mit seinem Stöckchen gegen die Tür. Burt wich zurück, und die beiden konnten eintreten. In einem winzigen Raum, der von einer Öllampe erhellt wurde, warteten sie auf Bailey, den Wirt. Nur wenige Augenblicke verstrichen, dann näherten sich schwere Schritte, und ein beleibter Mann mit einem mächtigen grauen Bartgestrüpp erschien.

»Frost, alter Freund!« rief er und breitete die Arme aus. »Wie freue ich mich, dich zu sehen! Warum kommt ihr nicht auf ein Gläschen mit nach vorn?«

»Diese Lady, Mrs. Garrett, ist auf der Suche nach ihrem Hund«, sagte Frost. »Kannst du ihr helfen?«

»Was für ein Hund ist es?«

Wieder erklärte Joy, welcher Rasse Champ angehörte. Bailey sah sie erstaunt an, kratzte sich am Bart und meinte: »Das ist wirklich ein Zufall.«

»Sie wissen, wo Champ ist?« stieß Joy aufgeregt hervor.

»Einer der Gassenjungen hat eben einen kleinen Fox gebracht, der von einem anderen Hund gebissen worden ist«, antwortete der Wirt. »Die Tiere haben sich offenbar um eine Hündin gestritten.«

»Mein armer Champ!« rief die junge Frau entsetzt. »Wo ist er? Ich muß sofort zu ihm!«

»Es geht ihm gut, ich habe ihn schon versorgt«, sagte der dicke Mann. »Aber noch sind wir nicht sicher, daß es auch wahrhaftig Ihr Hund ist.«