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In einer Sturmnacht beobachtet Irla Brandmeister, wie ein Lkw von einer Sturmböe erfasst wird und umkippt. Da sie sich auf dem Rückweg von einem Hausbesuch in ihrem Heimatdorf Haidhagen befindet, nimmt sie den Fahrer kurzentschlossen mit zu sich nach Hause. Sie beginnen, einander kennenzulernen. Am nächsten Morgen ist der Mann mitsamt ihrem Auto verschwunden. Kurze Zeit später wird bei der Bergung des verunglückten Lasters im Laderaum eine männliche Leiche gefunden. Niemand scheint den Toten zu kennen. Bei der Suche nach dem Mörder führen die Spuren nach Haidhagen. Irlas Sicht auf ihre nächste Umgebung ändert sich und damit ihr Leben.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2023
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WER STÖRT,
IST TOT
IRIS SIMON & MAI KAGA
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Iris Simon, Mai Kaga
Veröffentlicht bei Friends in Crime Verlag GbR
c/o autorenglück.de, Franz-Mehring-Str. 15, 01237 Dresden
www.friendsincrime.de
Stillektorat & Korrektorat: Yvonne Schlatter (www.spannungs-lektorat.de) Coverdesign: Coverkitchen Pte. Ltd. (www.coverkitchen.com)
Covergrafik: Arthur Hidden / Envato Elements; Armastas / iStockphoto Satz & Layout: Nuno Moreira (www.nmdesign.org); Gesetzt aus Sabon (Schriftart) Illustration des Verlagslogos: Pablo Ientile (www.pabloientile.com)
ISBN Softcover: 978-3-9825219-0-9
ISBN E-Book: 978-3-9825219-1-6
Druck und Distribution im Auftrag des Verlags:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Die Geschichte und die Personen darin sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind unbeabsichtigt und waren rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Verlag verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlags unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Verlags, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
WER STÖRT,
IST TOT
Kriminalroman
IRIS SIMON & MAI KAGA
Wir danken allen, die uns bei unserem ersten Krimibuch unterstützt und begleitet haben, insbesondere unseren jeweiligen Ehemännern, Familien und den „Kultur-Ladies”. Ein großer Dank geht weiterhin an die professionellen Helfer, die mit ihrer Kompetenz und Erfahrung geholfen haben, diesen Kriminalroman erfolgreich in ein fertiges Buch zu verwandeln.
KAPITEL EINS
Sonntag, 10.3.2019
Es war bereits halb zehn, als Irla das Haus der alten Frau Tegtmeyer mit einem unbehaglichen Gefühl verließ. Verstärkt wurde ihr Unbehagen durch den eisigen Wind des Sturmtiefs Eberhard, der ihr den Schneeregen ins Gesicht peitschte.
Diese Patientin gab ihr Rätsel auf. Noch nie hatte Frau Tegtmeyer sie privat wegen ärztlicher Belange angerufen, darum war sie sofort zu ihr gefahren, trotz der späten Stunde und des Sturms. Die bis dato altersentsprechend gesunde Frau litt unter diffusen Bauchschmerzen und Krämpfen sowie Herzstolpern, war unruhig und klagte über Schlafstörungen mit fürchterlichen Albträumen. Bei der Untersuchung hatte Irla nichts Auffälliges finden können, aber sie hatte die Patientin in die Praxis gebeten, um Weiteres abzuklären. Vermutlich lag es nahe, alles psychosomatisch zu erklären. Frau Tegtmeyer hatte gerade ausführlich erzählt, dass ihr Umzug in eine Wohnung mit Fahrstuhl in naher Zukunft geplant war. Man würde sehen.
Ein weiterer Wasserschwall traf Irla mitten ins Gesicht. Nur mit Mühe konnte sie ihren Weg zum Auto finden. Mit einer Hand umklammerte sie fest ihren Arztkoffer, während sie versuchte, mit der anderen Hand die Kapuze ihrer braunen Barbour-Jacke tiefer zu ziehen und ihr Gesicht zu schützen. Shit. Sie war mal wieder zu schnell aus dem Haus gehuscht, ohne den Wetterbericht zu beachten. Das Resultat waren eine zu dünne Allwetterjacke, keine Mütze und schon gar keine Handschuhe. Mit Mitte vierzig war das eine erstaunlich schwache Leistung. Wenigstens steckten ihre Füße in dicken Outdoorboots.
Endlich erreichte sie das leichtsinnigerweise nicht abgeschlossene Auto, schmiss ihren Arztkoffer auf den Rücksitz und stellte die Sitzheizung auf Maximum.
Ihr Tagesbedarf an Arbeit war reichlich gedeckt. Den ganzen Sonntag hatte sie in der Hausarztpraxis, in der sie arbeitete, Notdienst gehabt. Dann kam noch dieser Notfall dazu, kaum nachdem sie es sich zu Hause gemütlich gemacht hatte.
Also, nichts wie weg nach Hause.
Wegen der Dunkelheit und des Sturmes fuhr sie die vierhundert Meter Richtung Haidhagener Dorfkern besonders vorsichtig. Die Siedlung, in der Frau Tegtmeyer wohnte, lag an der Bundesstraße und wurde von den Haidhagenern etwas unfreundlich als ›der Kropf‹ bezeichnet.
Von den offenen Feldern beidseits der Straße fegte der Wind und der Regen hämmerte auf die Windschutzscheibe, als ginge es darum, sie einzuschlagen. Die Bäume rechts an der Straße beugten sich unter dem Sturm bedrohlich weit in die Fahrbahn.
Trotzdem die Scheibenwischer auf Hochtouren arbeiteten, konnte Irla so gut wie nichts erkennen. Sah sie am Ortseingang etwa Lichter? Nach der Höhe der Scheinwerfer konnte es kein Auto sein. Sollte ihr da tatsächlich ein Lkw entgegenkommen? Bei diesem Wetter? Der Sturm sollte zwar abflauen, aber davon hatte sie noch nichts bemerkt.
Um besser sehen zu können, lehnte sie sich vor und fuhr weiter.
Wenige Sekunden später waren die Umrisse eines Lastwagens erkennbar.
Urplötzlich erfasste eine Windböe das Fahrzeug und riss es mit einem gewaltigen Aufprall um. Der Lkw landete zur Hälfte auf dem Bürgersteig und zur anderen auf dem Feld, von wo aus er ein weiteres Stück feldeinwärts rutschte. Dort blieb er liegen.
Hatte sie das wirklich erlebt?
Adrenalin kroch in ihr hoch.
Sie musste sofort Hilfe holen.
Nein, das dauerte zu lange.
Als sie die Höhe des gestrandeten Lkws erreichte, blendeten sie die noch funktionierenden Scheinwerfer und verhinderten den Blick in die Fahrerkabine. Von der Unterseite des umgekippten Fahrzeuges und der Fahrertür konnte sie bei der Dunkelheit rein gar nichts erkennen. Um nicht ganz im Dunklen herumstolpern zu müssen, brauchte sie Licht.
Sie wendete und hielt nur wenig entfernt schräg auf der gegenüberliegenden Seite des Lkws. Die Scheinwerfer ihres Wagens beleuchteten den kompletten Unterboden. Die Frontscheibe schien intakt zu sein. Folglich kamen nur die Fahrertür und die Unterseite des Lkws als Zugang infrage.
Hastig wühlte sie in ihrer Arzttasche nach der Taschenlampe, die sie stets anstatt einer Pupillenreflexlampe nutzte, und so ausgerüstet stürmte sie aus dem Wagen.
Irla umrundete das Fahrerhaus, das auf der Beifahrerseite lag, klopfte und rief lauthals. Es kam keine Antwort. Sie konnte schwach durch die Frontscheibe die Umrisse des Fahrers erkennen, der an den Gurten zu hängen schien.
Irgendwie musste sie zu ihm gelangen.
Das Autoblech sah rutschig und glitschig aus vor Nässe. Der Geruch von nassem Eisen und Rasen lag in der Luft. Verzweifelt versuchte sie den Aufstieg, wobei der Wind sie immer wieder drohte herunterzuwehen.
Da erinnerte Irla sich an die einzige Boulder-Erfahrung ihres Lebens. Als teambildende Maßnahme hatte ein ehemaliger Chef ein Gemeinschaftsevent in einer Kletterhalle anberaumt. Sie war eine der Ängstlichsten gewesen. Der Trainer, der sie betreut hatte, hatte wie ein Mantra wiederholt: »Bekomm deinen Kopf in den Griff.« Irgendwann hatte es gefruchtet und sie war wenigstens nicht als absoluter Loser aufgefallen.
Bekomm deinen Kopf in den Griff. Es half auch diesmal.
Sie bekam den Türgriff zu fassen und zerrte mit aller Macht daran, bis die Tür schließlich von einer Böe erfasst wurde und aufschlug. Mit der Taschenlampe versuchte Irla, ein genaueres Bild von der Lage in der Fahrerkabine zu gewinnen. In diesem Moment schien der Lkw-Fahrer wieder zum Leben zu erwachen. Der Mann stöhnte leicht und sah sie geblendet vom Licht verwirrt an. Die ganze Aufregung kam in ihr hoch und entlud sich wortreich.
Was Gerrit wahrnahm, war diese Frau, die ihn aus dunklen Augen vorwurfsvoll anfunkelte. Mit sich überschlagender Stimme ließ sie einen Schwall Worte auf ihn niederprasseln.
»Was sind Sie eigentlich für ein Vollidiot, bei so einem Wetter in der Gegend herumzufahren? Und wieso müssen Sie unbedingt hier stranden? Gibt es dafür nicht bessere Orte?«
Gerrit begriff im Nu, dass er schnellstens wieder klar im Kopf werden und irgendetwas tun musste, um sich aus dieser misslichen Situation zu befreien. Behutsam überprüfte er seine Gliedmaßen und kam zu dem Schluss, dass er zwar etwas hilflos in den Sicherheitsgurten seines Fahrersitzes hing, aber alles an ihm unversehrt war. Nicht zum ersten Mal befand er sich in so einer Lage und hatte sich genau für solche Situationen einen Bodycheck antrainiert. Nun ging es darum, hier herauszukommen. Dafür benötigte er die Hilfe der Frau, die die Fahrertür nur mit Mühe aufhalten konnte.
Er versuchte ein entschuldigendes Lächeln in ihre Richtung.
»Nun?« Die Frau musste gegen den Wind anbrüllen, um sich verständlich zu machen. Dabei musterte sie ihn und ihr Blick verweilte prüfend in seinem Gesicht.
Er entschied sich zu einem lang gestreckten Grunzen, während er vorsichtig den Gurt löste. Zum Glück funktionierte der Mechanismus und er konnte sich langsam aus der Hängeposition befreien. Sollte sie doch denken, was sie wollte.
Als Erstes stellte er die Zündung aus. Danach schaltete er das Standlicht ein und drückte den Knopf der Warnblinkanlage. Den Schlüssel ließ er stecken.
Seine Retterin in der Not hatte sich derweil an den Abstieg gemacht.
Die rechte Körperseite schmerzte höllisch, als er versuchte, sich aufrecht auf die Beifahrertür zu stellen, um sich dann durch die Fahrertür nach draußen zu stemmen. Es schien Ewigkeiten zu dauern, aber schließlich stand er einigermaßen aufrecht neben seinem umgekippten Fahrzeug nah bei der vollkommen zerzausten Frau, die ihn weiterhin – wenn auch schon etwas weniger anklagend – ansah. Jetzt fiel ihm auf, wie kalt ihm war. Die Jacke hatte er ausgezogen und im Führerhaus gelassen, um besser rangieren zu können. Ebenso das Handy, sein Portemonnaie … wie hatte er so wenig umsichtig sein können? Noch einmal in den Lkw zu klettern, war keine Option. Die Böen heulten ihm unvermindert um die Ohren und die Fahrertür war nur mit äußerster Anstrengung offenzuhalten gewesen. Es schien also von Vorteil zu sein, freundlich auf den einzigen Menschen in seiner Nähe zuzugehen.
Er hielt ihr die Hand entgegen. »Hallo, es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereite. Mein Name ist Gerrit Walther.«
Das musste an Demut und Freundlichkeit reichen. Schließlich erwartete er von ihr lediglich einen Telefonanruf bei der Polizei.
Wie geahnt, ergriff sie seine Hand nicht, aber zumindest erwiderte sie in einem schroffen Ton: »Irla Brandmeister. Haben Sie sich verletzt? Können Sie alles bewegen? Ich werde gleich einen Krankenwagen rufen. Immerhin waren Sie kurz bewusstlos.« Dabei machte sie Anstalten, ihn anfassen und näher untersuchen zu wollen.
»Nein, nein.« Er zuckte zurück. »Alles in Ordnung. Bitte bloß keinen Krankenwagen. Aber was ist mit dem Lkw?«
Etwas ratlos sahen sie sich das Szenarium an. Erst jetzt sah er die ganze Katastrophe. Die Ladetüren hatten sich bei dem Sturz geöffnet und diverse Krankenhausbetten quollen heraus. Zum Glück hatten sich die Einzelteile aufgrund ihres Gewichts nicht weiter über die Straße verteilt, aber daran, die Türen zu schließen, war nicht zu denken. Die gesamte Ladung war schutzlos dem peitschenden Regen und den Sturmböen ausgesetzt. Wäre er nicht ein krisenerprobter und beherrschter Mensch, das wäre eine Situation, um vor Frustration und Hilflosigkeit loszuheulen. Tat er aber natürlich nicht.
Mussten sie jetzt nicht ein Warndreieck aufstellen, um die Unfallstelle abzusichern? Jede denkbare Maßnahme erschien allerdings sinnlos angesichts des anhaltenden Windes, der auch an ihnen zerrte. Wiederholt musste er schützend nach der Frau neben sich greifen, die immer wieder drohte, von einer besonders heftigen Windböe umgeweht zu werden. Die Straße war nicht blockiert, auf den Bürgersteig würde sich in der folgenden Nacht wohl kaum ein Mensch verirren und wenn, spendeten das Standlicht und die Warnblinker noch eine Weile Licht.
Inzwischen waren beide von dem Schneeregen, der ihnen vom Wind entgegengeklatscht wurde, vollkommen durchnässt. Es musste schnellstens etwas passieren.
Gerrit wandte sich an Irla und musste sie über den Sturm hinweg geradezu anschreien: »Könnten Sie bitte die Polizei anrufen? Ich habe mein Handy im Lkw gelassen.«
Bildete er es sich ein oder verdrehte sie tatsächlich die Augen? Etwas unsanft, wie er fand, ergriff sie seine linke Schulter und drehte ihn zur anderen Straßenseite um, wo er jetzt erst das dort parkende Auto bemerkte. Sie ging bereits darauf zu und bedeutete ihm, ihr zu folgen.
Nachdem sie in dem schwarzen Alfa Romeo eingestiegen waren, verharrten sie einen Augenblick erschöpft. Nicht, dass es warm im Auto gewesen wäre, aber windstill und ruhig. In seinen Ohren rauschte es anhaltend.
Irla drehte sich zu ihm um und er konnte sie das erste Mal etwas genauer betrachten. Ihre lockigen dunklen Haare klebten wie ein Helm an ihrem Kopf und ihre sehr dunklen, großen Augen musterten ihn forschend unter schwungvollen Augenbrauen. Noch schöner hätte er sie gefunden, wenn ihre Lippen beim Öffnen nicht wieder solch forsche Töne durchgelassen hätten.
»Ich brauche Ihren vollständigen Namen und das Autokennzeichen.«
Etwas überrumpelt entschlüpften ihm nur wenig geschliffene Worte. »Äh … Also, mein Name ist Gerrit Walther. Das Kennzeichen … keine Ahnung. Es ist ein Leih-Lkw. Von hier aus kann man es nicht erkennen. Die Papiere, das Handy, alles liegt noch in der Fahrerkabine.« Er winkte ab und murmelte: »Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dass das nicht so clever war.«
Ohne einen weiteren Kommentar abzugeben, kramte Irla ihr Handy aus der Jackentasche und tippte eine Nummer. Es dauerte nicht lang, bis sie verbunden war.
»Guten Abend. Mein Name ist Irla Brandmeister. Ich möchte einen Unfall in Haidhagen melden. Ein Lkw ist von der Fahrbahn abgekommen und im Feld gelandet.«, sagte Irla temporeich. »Ach, hallo Jörg.« Sie atmete erleichtert auf. »Danke der Nachfrage, aber ich bin okay … Ja, ich bin vor Ort«, bestätigte sie. »Er befindet sich direkt am Ortsausgang Richtung Haidhagen-Femkehof … Genau. Richtung Kropf … Nee, die Fahrbahn wird nicht blockiert und es ist niemandem etwas passiert. Der Fahrer sitzt hier neben mir und ist quietschfidel. Er heißt Gerrit Walther. Der Lkw ist gemietet und er weiß im Moment das Kennzeichen nicht. Ich fotografiere es und schicke es dir … Nein, seine Sachen liegen im Fahrzeug, aber noch mal kommen wir da nicht rein, der Sturm ist zu stark … Ha ha, das stimmt, so schnell wird er da nicht verschwinden können. Ich werde mir eine Lösung für den Fahrer überlegen … Ja, mach ich. Bis morgen.«
Sie nahm das Telefon vom Ohr und wandte sich ihm zu.
»Scheiße. Nichts zu machen. Wir müssen uns selbst helfen. Die Polizei und die Feuerwehr sind gerade in der ganzen Region im Einsatz. Da hier keine Gefahr im Verzug ist, wird heute keiner kommen – Eigenschutz.«
»Und wo soll ich bleiben?« Gerrit, dem es gar nicht gefiel, nicht die Zügel in der Hand zu halten, konnte sein Unwohlsein kaum verbergen.
Das fand ›Kommandeurin Irla‹ anscheinend nicht wichtig. Sie reagierte gar nicht darauf, sondern sah sich geschäftig um.
In Gerrits Kopf breitete sich Leere aus, in die kurz darauf Gedanken mit einer Eindringlichkeit prasselten, die ihn zu ersticken drohten. Wo sollte er nur hin? War die Ladung einigermaßen sicher? Er musste dringend über seinen Verbleib und den des Lkws informieren. Wie hatte er nur so gedankenlos sein können, sein Handy, Portemonnaie und Rucksack im Lkw zu lassen? Genauso die Dokumentenmappe! Es führte kein Weg daran vorbei, er musste sie noch holen und die Ladung kontrollieren. Ihm wurde immer elender zumute, als er an die Hilfsgüter dachte. Nicht auszudenken, wenn die Krankenhausbetten unbrauchbar wurden; ganz abgesehen von der speziellen Zusatzfracht.
Irla schien ausreichend über die Lage nachgedacht zu haben. Sie wandte sich ihm zu und hatte gerade den Mund geöffnet, als es aus ihm herausbrach:
»Ich muss die Ladung überprüfen. Außerdem brauche ich mein Handy. Ich muss noch mal in die Fahrerkabine.« Um seine Entschlossenheit zu demonstrieren, legte er seine rechte Hand an den Türgriff.
»Nix da, ohne mich«, sagte Irla und umgriff das Lenkrad. »Sie können da gern wieder raus und sich den Tod holen, aber ich fahre jetzt. Meinetwegen kommen Sie mit zu mir. Eine andere Unterkunft bietet sich gerade nicht an. Sie müssen dringend in die Wärme.« Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.
Allein hatte Gerrit in diesem Wetter keine Chance. Er war auf sie angewiesen und der Situation vollkommen hilflos ausgeliefert. Aber so viel hing von seiner Fracht ab.
»Also, kann ich fahren oder steigen Sie aus?«
»Äh, also … in Ordnung. Sie haben recht. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, mich zu beherbergen. Könnten wir aber nicht vielleicht um den Lkw …« Die letzten Worte verloren sich im Klappern seiner Zähne und der anspringende Motor tat sein Übriges. Also ergab Gerrit sich in sein Schicksal.
Diese Frau, die in ihrer bestimmenden Art so gar nicht seiner Vorstellung von einer Frau entsprach, fuhr trotz Dauerregen und Finsternis zielsicher mal links, mal rechts, dann geradeaus, bis sie schließlich an einem Bordstein vor einem hell erleuchteten Haus anhielt.
»Hier wohne ich.« Dabei zeigte Irla in die Richtung des Hauses. »So, jetzt nichts wie raus hier.« Mit dem Schlüssel in der Hand und ohne auf ihn zu warten, eilte sie auf die Haustür zu.
Gerrit öffnete die Beifahrertür, um ihr zu folgen. Eine Windböe mit einem Schwall Wasser erfasste ihn und ließ ihn erschauern. Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, bis er das Haus erreichte und von Irla hineingebeten wurde.
Als seine Augen sich an das aufleuchtende Licht gewöhnt hatten, fand er sich in einem holzvertäfelten Vorraum mit einer Garderobe wieder, gleich drei dunklen hölzernen Zimmertüren und einem hohen, schmalen Spiegel. Sein Spiegelbild jagte ihm einen wahren Schrecken ein: Müde, verquollene Augen blickten ihm aus einem bleichen Gesicht entgegen. Seine sonst so gut sitzenden dunklen Haare waren tropfnass und sahen verfilzt aus, die Hose und das Sweatshirt waren ebenfalls durchweicht und zudem verschmutzt.
Seine Begleiterin schmiss die Autoschlüssel auf die Ablage, schlüpfte in Windeseile aus ihrer Jacke und den Schuhen und verschwand hinter einer der Zimmertüren.
Aus seinen schlammverschmierten Wanderstiefeln quatschte das Wasser. Erleichtert entledigte er sich seiner Schuhe, da kam Irla auch schon mit einem dunkelgrünen Frotteebademantel und diversen Handtüchern zurück.
»Ich zeige Ihnen das Gästebadezimmer im Souterrain. Die Heizung habe ich bereits angestellt. Sie sollten sich beeilen, aus den nassen Klamotten herauszukommen. Solange Sie duschen, suche ich ein paar Sachen für Sie heraus und lege sie vor die Tür.«
»Danke, wirklich sehr hilfreich.« Gerrit war zu nichts anderem fähig, als folgsam hinter ihr herzustolpern. Das Badezimmer entpuppte sich als ein rosafarbener Albtraum der 60er-Jahre; kaum zu glauben, dass es so etwas überhaupt noch gab.
Während Gerrit im Bad verschwand, lief Irla die Treppe hinauf, die ins Esszimmer führte. In diesem Zwischenraum befanden sich insgesamt fünf Türen, welche zur Kellertreppe, zum Flur, zum Wohnzimmer, zum Schlafzimmertrakt und zur Küche führten. Alle Fenster sowie die Terrassentür waren mit dunkelbraunen Holzjalousien verschlossen. Trotzdem war es ungemütlich kühl und die Jalousien klapperten unter dem Dauerwind.
Was hatte sie sich dabei gedacht, diesen wildfremden Typen mit zu sich nach Hause zu schleppen? Alternativ hätte sie versuchen können, ihn im Haidhagener Hotel unterzubringen. Allerdings war die Rezeption zu dieser Zeit definitiv nicht besetzt. Es wäre zeitraubend gewesen, jemanden zu erreichen. Außerdem wollte sie lieber ein ärztliches Auge auf ihn werfen. Immerhin hatte er ein Trauma erlebt, auch wenn ihn seine Gesundheit nicht sonderlich zu besorgen schien.
Im Geiste konnte sie förmlich sehen, wie ihre engste Freundin Aki sie mit konzentrierter Miene ansah und ein wenig amüsiert die Augenbrauen ihrer ostasiatischen, tiefgründigen Augen hob. »Warst du da etwa wieder sehr spontan?« Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Ja, sie war mal wieder voll in Fahrt gewesen und hatte sich unüberlegt in ein – hoffentlich nur harmloses – Abenteuer gestürzt. Keinesfalls wollte sie sich jetzt in irgendwelchen Gruselgeschichten verlieren.
Dabei fiel ihr siedend heiß ein, dass sie vergessen hatte, das Autokennzeichen wie versprochen zu fotografieren. Mist, aber na ja. Der Wagen würde auch morgen noch im Feld liegen und heute Nacht half das Wissen um das Kennzeichen niemandem weiter. Es sei denn, der Mann stellte sich als …
So ein Quatsch. Was war schon groß passiert? Durch einen Zufall hatte sie den Lkw-Unfall mitbekommen und den Fahrer aus der misslichen Lage befreit. Auf keine Weise hatte sich Gerrit aufgedrängt. Morgen früh würde er wieder seiner Wege gehen und eins dieser kleinen Erlebnisse sein, die man bei Gelegenheit zum Besten gab.
Das Wasser rann aus ihren Haaren über ihr Gesicht und sie fröstelte. Sie musste kurz duschen, sich umziehen, irgendetwas Essbares auftreiben und gucken, wie es weiterging. Und doch, ein wenig neugierig war sie auf diesen Gerrit. Eine Viertelstunde später hantierte sie in der Küche.
Als er nach einer halben Ewigkeit die Treppe heraufkam und in der offenen Küchentür auftauchte, konnte Irla ihre Irritation kaum verbergen. Da stand ein gut aussehender Mann, etwas größer als sie, die dunklen, nassen, nach hinten gekämmten Haare betonten seine hohe Stirn und die markanten Wangenknochen. Durch die tiefen Augenringe und leicht geschwollenen Unterlider wirkten seine dunklen Augen schwermütig, der Dreitagebart betonte eine gewisse Verlebtheit.
Was gar nicht passte, war die Kleidung, die formlos an ihm herunterhing. Es war die hellbraune, ausgebeulte Cordhose ihres verstorbenen Vaters, komplettiert mit einem seiner rotweinfarbenen Pullunder über einem rot-grau karierten Hemd. Nur der Gürtel des aktuellen Trägers hielt die Hose halbwegs an ihrem Platz. Insgesamt schien er sich in dieser Aufmachung unwohl zu fühlen.
»Hallo.« Er sah sie aufmerksam und abwartend an. »Das war sicherlich die allerbeste Dusche meines Lebens.«
»Das wird wahrscheinlich an dem Designerbadezimmer liegen. Nichts wirkt belebender als rosa«, bemerkte Irla süffisant, während sie in einem Topf rührte, rief sich dann aber zur Ordnung. Konnte sie nicht einmal damit aufhören, einen Spruch nach dem anderen rauszuhauen? »Dort drüben beim Kühlschrank steht ein Becher Tee für Sie. Meine spezielle Wintermischung. Die Suppe ist gleich warm. Holen Sie bitte aus dem Hängeschrank neben dem Kühlschrank zwei Suppenteller und aus der Schublade Esslöffel. Wir essen nebenan am Esstisch. Setzen Sie sich einfach schon mal und trinken Sie den Tee. Der wird Sie zusätzlich von innen aufwärmen. Ich bin gleich fertig.«
Gerrit tat, wie ihm geheißen. Begleitet von dem heftigen Klappern der Rollläden und dem Prasseln des Regens setzte er sich auf einen der drei Kiefernstühle mit einer Sitzfläche aus Korbgeflecht an den ovalen Esstisch.
Neugierig sah er sich um. Auch in diesem Raum sah es aus, als sei die Zeit stehen geblieben. Der Tisch befand sich auf einem grünlichen Orientteppich, an einer Wand stand ein klassisches Küchenbuffet und rechts davon bedeckte ein schwerer grüner Samtvorhang die gesamte Fensterfront. Hinter den Glastüren des Buffets befanden sich alte Sammeltassen und diverse Zinnobjekte. Insgesamt eine eher eigenwillige Kombination. Angestrengt versuchte er, die Namen der Städte auf den Stichen an der Wand gegenüber zu entziffern, was ihm nicht gelang.
Ein köstlicher Geruch von Zimt und Nelken umhüllte ihn, die Wärme des Tees drang in seinen Körper ein und beruhigte sein aufgewühltes Innenleben.
Während er den Tee trank, ging er noch einmal die Situation durch. Es gab nichts, dass er ohne Handy tun konnte. Er hatte keine der benötigten Telefonnummern im Kopf. Die Benachrichtigungen seiner Kontaktpersonen mussten bis morgen warten.
Irla tauchte mit einem Tablett aus der Küche auf, beladen mit einem Suppentopf, Gläsern, einem Brotkorb und einer Wasserkaraffe. Auch sie wirkte entspannter und lächelte ihn fast freundlich an.
»Na, schon wieder aufgetaut? Langsam wird es warm. Ich habe die Heizung aufgedreht.«
Sie verteilte das Essen in die Suppenteller, die bereits auf den fröhlich-bunten Schmetterlingssets standen, wobei diese nicht so recht zu dem übrigen Mobiliar passen wollten. Sie zog einen Mundwinkel nach oben, so als wäre ihr ein Gedanke gekommen, verschwand noch einmal und kehrte mit einer bereits angebrochenen Rotweinflasche und zwei Weingläsern zurück.
Ab diesem Moment mochte er die Frau.
Als er den ersten Schluck des italienischen Montepulcianos die Kehle hinunterrinnen spürte und sich Schwere in seinen Gliedern ausbreitete, erschien nichts mehr dramatisch. Die ganze Situation verbuchte er im Geist als shit happens. Morgen würde er mit der Schadensbekämpfung starten. Jetzt waren nur Suppe, Brot und Wein wichtig und er wollte mehr über seine Gastgeberin erfahren.
»Es gibt indonesische Bihunsuppe, eine absolute Spezialität meines Hauses. Sie kennen diese grüngelben Konservendosen?«
Er lächelte. »Ich bin Gewohnheitskonsument von Bihunsuppe. Sie würden nicht glauben, wie viele Paletten ich davon im Laufe meines Lebens gelöffelt habe.« Er richtete sich auf. »Eigentlich können wir uns auch duzen.«
Sie lächelte freundlich zurück, nickte und erhob erneut das Glas. »Irla.«
»Gerrit.«
Nachdem sie eine Weile schweigend gelöffelt hatten, eröffnete Irla das Gespräch. »Du bist mir noch eine Geschichte schuldig. Was zum Teufel machst du bitte bei solch einem Sturm hier draußen?«
»Möchtest du die Langversion?«
Sie nickte und er begann mit seinem Bericht.
»Es gibt da einen ehrenamtlichen Verein in Pulheim, ganz in der Nähe von Köln, der Hilfskonvois in die Ukraine organisiert. Vor Weihnachten sind das zum Beispiel die klassischen Schuhkartonaktionen, bei denen Weihnachtspäckchen aus Deutschland für Waisenkinder in die verschiedenen Kinderheime der Ukraine, Rumänien oder andere arme Länder gebracht werden. Im Laufe des Jahres transportieren wir Krankenhausbedarf, Schulmöbel und Ähnliches. Dabei unterstützen wir insbesondere eine ukrainische Kleinstadt bei Odessa. Ende letzten Jahres ist dort ein Krankenhaus eingestürzt und es wird eine neue provisorische Krankenstation aufgebaut. Bereits im letzten Sommer wollten wir die Sachen liefern, aber es gab Probleme mit den Papieren. Du glaubst ja gar nicht, wie kompliziert dieser Genehmigungskram ist. Dann bekam einer der ehrenamtlichen Lkw-Fahrer einen Bandscheibenvorfall. Vor Weihnachten war kein anderer Fahrer mit gewerblicher Fahrerlaubnis aufzutreiben. Dieser Transport ist mir deswegen so wichtig.« Er lehnte sich zurück und kaute an einem Stück des Gersterbrotes.
Irla schenkte beiden ein weiteres Glas ein. »Das hört sich sehr ehrenwert an. Aber so ganz klar ist mir noch nicht, warum du nun ausgerechnet hier in Haidhagen spätabends mit dem Lkw gestrandet bist.«
Gerrit hatte derweil seine Serviette zusammengefaltet und neben den leeren Suppenteller gelegt. »Ganz simpel. Der Konvoi mit insgesamt fünf Lkws startet in der Nähe von Köln. Ich bin für das Eintreiben der Hilfsgüter im Norden zuständig. Ein Speditionsunternehmen in Kiel stellt uns kostenlos einen 7,5-Tonner zur Verfügung, den ich aber erst nach Feierabend am Samstag gegen Mittag übernehmen kann. Es ist jedoch nicht zu schaffen, bis zum Lkw-Fahrverbot um 22 Uhr am Samstag die Ladung zusammenzubekommen und bis nach Köln zu fahren. Sicher könnte man auch die Bundesstraßen nutzen. Ich würde in jedem Fall erst tief in der Nacht ankommen. Es ist sinnvoller, die Tour ausgeruht zu starten. Durch den Kontakt eines Unterstützers gibt es hier in Haidhagen die Möglichkeit, den Lkw auf dem Parkplatz der Freiwilligen Feuerwehr zu parken. Im Hotel darf ich kostenlos übernachten und entspannen – ein unglaublicher Luxus, den ich sehr genieße.«
»Und wie oft?«, fragte Irla.
»Das kommt so alle drei Monate vor«, antwortete Gerrit. »Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zur A2. Morgen früh startet der nächste Konvoi. Natürlich wusste ich, dass es stürmisch sein würde, aber es war vorhergesagt, dass es nachlassen sollte. Auf dem Weg vom Hotel zur Feuerwehr bin ich de facto nicht wie Mary Poppins weggeflogen. So ein Fahranfänger bin ich ja nun auch wieder nicht.«
Der Gesichtsausdruck seiner Gegenüberin drückte zunächst eine gehörige Portion Skepsis bezüglich seiner Selbsteinschätzung aus. Doch dann entspannte sie sich, rekelte sich gemütlich zurecht und legte ihre Beine auf den benachbarten Stuhl.
»Respekt. Coole Mission. Wie lange wird es dauern, den Lkw zu bergen? Fahren sie jetzt ohne dich?«
Das war eine gute Frage. Alle notwendigen Papiere und Genehmigungen für den gesamten Konvoi befanden sich in dieser speziellen Tasche auf dem Beifahrersitz des Lkws, oder jetzt eher irgendwo im Fahrerhaus. Da er als einer der wenigen Fahrer Russisch beherrschte, das der ukrainischen Sprache sehr nahekam, war seine Anwesenheit einschließlich der Unterlagen unbedingt erforderlich. Der Konvoi würde ohne ihn nicht starten können. Die Bergung des Lkws und der Ladung waren jetzt nicht das Wichtigste, es gab bedeutend ernstere Dinge zu regeln, ganz zu schweigen von seinem zusätzlichen Auftrag.
Gegen diese Ernüchterung halfen auch der gute Montepulciano und die anheimelnde Atmosphäre nicht. Unter der Dusche hatte er einen Plan gefasst, den er Irla keinesfalls preisgeben wollte. Zu groß war die Gefahr, dass seine Retterin ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde.
»Das wird sich schon regeln lassen. Der Sturm sollte morgen abgeflaut sein, aber so schnell werden wir den Lkw trotzdem nicht bergen können. Wir brauchen dazu einen Kran und natürlich einen Ersatz-Lkw, um das Krankenhausmobiliar umzuladen. Ich hoffe sehr, dass es noch verwendbar ist.«
Während seine letzten Worte verklangen, versank er in Gedanken. Seine Gastgeberin stand derweil auf, räumte das gebrauchte Geschirr ab und brachte eine weitere Rotweinflasche derselben Marke mit.
Als sie ihm einschenken wollte, lehnte er ab. Er musste einen klaren Kopf bewahren, auch wenn er nicht mehr ganz nüchtern war. Während sie sich selbst großzügig nachschenkte, hielt er sich an Wasser und lenkte die Unterhaltung auf sie.
»Und was hast du bei einem solchen Wetter in der Gegend herumzufahren?«
Ihre ersten Worte hallten noch in seinem Kopf wider. Ihr Lächeln zeigte, dass sie diese Anspielung durchaus verstanden hatte.
»Nenn es eine göttliche Eingebung. Ich bin dein Schutzengel und du solltest mir auf Knien danken.« Er grinste schief und wollte schon etwas Passendes erwidern, da fuhr Irla fort. »Im Kropf, das ist die Häuseransammlung an der Bundesstraße, wohnt eine Patientin von mir. Vorhin hat sie mich angerufen und von recht beunruhigenden Symptomen berichtet. Wie du vielleicht schon vermutet hast, bin ich Hausärztin und habe mir vor Ort ein eigenes Bild gemacht. Apropos Ärztin. Ich würde dich gern untersuchen. Hast du vielleicht Schwindel oder Kopfschmerzen?«
Das erklärte Gerrit das selbstsichere, entscheidungsgewohnte Auftreten. »Danke, aber ich bin in Ordnung. Falls du einen neuen Patienten in mir siehst, vergiss es. Wie ist denn das Bild bei deiner Patientin ausgefallen?«
Er konnte ihr an dem konzentrierten Blick ansehen, wie sie versuchte, ihre Eindrücke in einfache Worte zu fassen, aber dann murmelte sie bloß etwas Unbestimmtes. »Schwer zu sagen. Morgen früh möchte ich unbedingt noch etwas recherchieren. Zum Glück muss ich erst wieder am Nachmittag in der Praxis sein.«
Das kam Gerrits Plänen sehr entgegen, aber bereits jetzt regte sich ein schlechtes Gewissen in ihm. Diese Frau hatte etwas, auch wenn sie so gar nicht seinem üblichen Beuteschema entsprach. Er stand mehr auf anschmiegsame Mädels. In seinen Träumen fand ein Abendessen mit Rotwein wesentlich stilvoller statt. Auf alle Fälle kommandierte seine Traumfrau ihn nicht herum. Und sie konnte kochen. Bihunsuppe war schmackhaft, aber nicht sonderlich originell. Andererseits waren Frauen im Moment nun nicht seine Mission. Einfach höflich bleiben.
Etwas interessierte ihn aber doch: Warum lebte sie bloß in diesem altmodischen Haus in der Pampa Niedersachsens? »Ah, du hast hier in Haidhagen eine Landarztpraxis. Idyllisch. Hut ab.«
Irla sah ihn amüsiert an. »Du meinst eine gute alte Landarztpraxis, deren Tür Tag und Nacht für Patienten offensteht und der Arzt froh gelaunt trotz langen Anfahrtswegs auch noch die Tiere mitversorgt? Nein. Ich bin erst vor zwei Jahren hierher zurückgekommen, um meinen Vater zu betreuen, der vor neun Monaten gestorben ist. Zurzeit arbeite ich als angestellte Ärztin in einer Hausarztpraxis im Nachbarort. So ganz genau weiß ich selbst nicht, wieso ich noch hier bin.« Den letzten Satz schien sie eher zu sich selbst zu sagen.
»Mein Beileid zu dem Tod deines Vaters«, sagte Gerrit. »Das heißt, das hier ist dein Elternhaus?«
Die Antwort kam prompt. »Du hast nicht im Ernst geglaubt, dass ich ein Faible für das Interieur der 60er-Jahre habe, einschließlich Zinnkrügen und Orientteppichen?« Dann kicherte sie.
So ausgekichert zu werden, irritierte Gerrit ein wenig, aber er blieb dran. »Du willst hier nicht wohnen bleiben?«
Nach kurzem Innehalten setzte sich kerzengerade hin. Ernst sah sie ihn an. »Ich weiß es wirklich nicht. Warst du schon einmal in so einer Situation? Du gehst den Weg in deinem Leben so, wie du ihn geplant hast, und plötzlich erscheint es nicht richtig weiterzugehen? Du kannst den Weg nicht mehr erkennen und weil du nicht weiterweißt, verharrst du an einem Punkt, der einigermaßen sicher erscheint.« Dabei sah sie ihn mit einer Eindringlichkeit an, als erwarte sie ernsthaft eine Antwort von ihm. Was ihr aber gleich wieder unangenehm zu sein schien, denn mit fester Stimme fragte sie: »Was machst du beruflich neben dem ehrenamtlichen Lkw-Fahren?«
Okay, sie erwartete doch nicht ernsthaft eine Antwort auf ihre Lebensfrage, was ihn einerseits erleichterte, er andererseits ein klein wenig bedauerte. Gerade zu diesem Thema hätte er viel erzählen können.
»Lkw fahren.«
»Oha, du bist tatsächlich Lkw-Fahrer. Ich hätte gedacht, du bist eher in einem technischen Beruf tätig. Wie bist du dazu gekommen?«
Wenn man ihn aufs Lkw-Fahren ansprach, konnte er nicht anders, als ins Schwärmen zu geraten. »Lkw fahren bedeutet für mich Ruhe, Technik und Größe. Schon allein, wenn man sich durch enge Straßen quetscht und alles regt sich auf. Je mehr sich die anderen aufregen, desto ruhiger werde ich. Man wird gelassener im Verkehr. Keine Tätigkeit erfüllt mich so sehr und hält mich im Gleichgewicht. Seitdem ich das zu meinem Beruf gemacht habe, ist mein Leben ausgeglichener.«
Irla hatte ihm augenscheinlich interessiert zugehört. Bevor sie darauf antworten konnte, streifte er seinen linken Ärmel hoch, um demonstrativ nach der Uhr zu schauen. Dabei legte er eine großflächige Tätowierung frei, die Irla betrachtete.
Es war Zeit, ins Bett zu gehen, obwohl Gerrit nur allzu gern weiter mit ihr unterhalten hätte.
Irla schien das Zeichen zu verstehen, stand auf und sagte: »Ich muss kurz ins Bad, dann gucke ich mal nach Bettzeug.«
Als sie wiederauftauchte, war Gerrit bereits aufgestanden und fragte: »Hast du den Krach draußen gehört? Es muss hier dicht am Haus etwas passiert sein. Wir müssen unbedingt draußen nachsehen.«
Ohne nachzufragen, lief sie in den Vorraum, holte aus den Untiefen des Garderobenschrankes einen senfgelben Parka hervor sowie ein Paar riesige Gummistiefel, die sie ihm hinhielt. Dann schlüpfte sie in eine schwarze, gefütterte Regenjacke und ebenfalls in Gummistiefel.
So angezogen fühlte sich Gerrit noch unwohler. Schon die Cordhose samt weinrotem Pullunder waren gewöhnungsbedürftig, aber okay.
»Meinst du nicht, wir sollten eine Taschenlampe mitnehmen?«, fragte er, woraufhin sie eine kleine Lampe aus der Jackentasche herauskramte. Nachdem sie die Außenbeleuchtung eingeschaltet hatte, verließen sie das Haus. Der Wind hatte nur ein wenig nachgelassen. Als sie ums Haus gingen, konnte er durch den erstaunlich hellen Lichtkegel der Taschenlampe einen etwas verwilderten Garten in der Ferne erkennen, der direkt an den Wald angrenzte. An das Wohngebäude schloss sich eine weitläufige Terrasse an, die in eine ausgedehnte Rasenfläche überging. Insgesamt musste das ganze Grundstück sehr groß sein.
Trotzdem sie sich aufmerksam umschauten, konnten sie die Ursache des Lärmes nicht entdecken, sodass sie schließlich unverrichteter Dinge ins Haus zurückkehrten. Wie schon zuvor schmiss Irla ihr Schlüsselbund und die Taschenlampe achtlos auf die Ablage unter dem Spiegel im Flur.
»Ich bin hundemüde«, verkündete Irla als sie aus ihren Sachen schlüpfte. »Du kannst im Schlafzimmer meines Vaters schlafen. Es ist hier im Erdgeschoss. Ein Gäste-WC ist gleich hier vorne bei der Eingangstür. Falls du morgen früher wach bist und duschen möchtest, kannst du das Bad im Keller benutzen. Ich zeige dir noch dein Zimmer.«
Gemeinsam durchquerten sie das Esszimmer. Hinter der Tür neben der Kellertreppe verzweigte sich der Flur nach links und rechts.
Sie zeigte auf die rechte Tür und sagte: »Hier schlafe ich.« Dann drehte sie sich leicht um. »Wann sollten wir aufstehen? Sieben Uhr?«
Er nickte. »Passt.«
Irla öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer. Ein weiteres original 60er-Jahre-Zimmer mit gerüschten Gardinen, einem riesigen Wandschrank mit hellbraun lackierter Holzfront und dazugehörigem Bett erwartete ihn. Zielsicher ging sie auf den Schrank zu und reichte ihm einen braun-beigen Bettbezug, der ein klein wenig muffig roch, sowie einen lindgrünen Frotteepyjama. Es gab Schlimmeres.
Mit einem dankbaren Lächeln nahm er die Wäsche entgegen. »Na dann, gute Nacht. Ich gehe noch rasch ins Gästebad. Wir sehen uns.«
»Gute Nacht. Bis morgen früh.«
Er hörte das dumpfe Klicken, als sich die Tür zu ihrem Zimmer schloss.
Sein Plan musste aufgehen. Es gab keine Alternative.
KAPITEL ZWEI
Montag, 11.03.2019
Wieso musste ausgerechnet jetzt der Wecker klingeln? Irlas Körper gab ihr in Form von hundeelenden Kopfschmerzen zu verstehen, dass es viel zu früh war. Ohne viel Ehrgeiz versuchte sie, die am Abend zuvor konsumierte Menge Rotwein zu ermitteln. So oder so deutlich zu viel. Einfach nur ruhig liegen bleiben und nicht bewegen.
Aber da war noch etwas.
Dieser Mann lag im Schlafzimmer ihres Vaters, wegen ihm klingelte auch der Wecker. Mühsam öffnete sie die Augen und besah das Ziffernblatt. Uff, es war Zeit zum Aufstehen. Schließlich musste Gerrit telefonieren und bestimmt wollte er baldmöglichst zum Lkw, um den Schaden zu begutachten. Angesichts dieser Situation blieb ihr nichts anderes übrig, als das Bett zu verlassen. Ob sie wohl eine Kopfschmerztablette vertragen würde? Oder war ihr Magen dafür zu flau?
Vorsichtig erhob sie sich, drückte eine Hand gegen die Schläfe und ging behutsam in Richtung Bad. Nicht zufällig lagen dort in einer kleinen Porzellandose diverse Magen- und Kopfschmerztabletten. Nachdem sie von beiden eine heruntergeschluckt hatte, machte sie sich langsam fertig.
Die Pillen schienen im Magen bleiben zu wollen und der Schmerz ließ nach, nicht aber diese widerliche, benommene Wattigkeit im Kopf.
Jetzt bloß nicht in den Spiegel gucken und erst mal einen Kaffee kochen.
Während die Maschine durchlief, räumte sie das vom gestrigen Tag stehen gebliebene Geschirr in die Spülmaschine. Dabei musste sie unwillkürlich an einige Gesprächsfetzen des letzten Abends denken. Gern würde sie sich noch ein wenig mit Gerrit unterhalten. Allerdings mussten sie heute Morgen zunächst alles Wichtige in die Wege leiten.
Ein Blick in den Kühlschrank zeigte ihr eine nur geringe Auswahl an Lebensmitteln: Eier und Orangensaft waren da, aber es sollte ja kein raffiniertes Sonntagsfrühstück werden, nur ein Arbeitsessen. Sie beförderte noch ein paar Aufbackbrötchen aus dem Gefrierfach in den Backofen und deckte den Tisch für zwei. Als sie die Frühstücksbrettchen in der Hand hielt, zögerte sie einen Moment und legte sie dann doch zurück. Ein wenig schäbig sahen sie schon aus. Sie nahm zwei schlichte, aber gediegene Teller aus dem Hängeschrank über der Spüle, griff nach dem Serviettenständer und brachte alles ins Esszimmer.
Das war ihr lange nicht mehr passiert. Ein Frühstück zu zweit und ihr Gegenüber war nicht ihr Vater. Wenn sie an die nicht erwähnenswerten Annäherungen an das männliche Geschlecht seit der Trennung von ihrem Noch-Ehemann Alejandro dachte, hatte sich an dieser Front nichts Nennenswertes mehr getan. Und das war gut so. Bald würde das Frühjahr mit den Gartenarbeiten beginnen und in Aki hatte sie die beste Freundin gefunden, die sie jemals gehabt hatte. Für dieses Jahr hatten sie sich einige Projekte überlegt. Schade, dass sie gerade jetzt auf einem Seminar sein musste.
Ob er noch schlief? Aus seinem Schlafzimmer war nichts zu hören. Dann musste sie ihn wecken. Mit einem Becher dampfendem, wohlriechendem Kaffee bewaffnet, klopfte sie erst zaghaft, dann lauter an die Tür. Als nichts passierte, öffnete sie vorsichtig die Tür.
Niemand da. Nada. Irritiert lief sie erst ins Bad, dann in den Keller, schließlich im ganzen Haus herum. Im Gästebad des Kellers hingen seine noch feuchten Kleidungsstücke. Mehr konnte sie von ihm nicht entdecken. Schließlich kehrte sie in das ihm zugewiesene Schlafzimmer zurück, setzte sich in den weiß lackierten Schaukelstuhl, der einmal ihrer Mutter gehört hatte, und nippte an dem für ihn gedachten Kaffee.
Jetzt fiel ihr der Zettel auf, der auf dem unberührten Bett lag. Er war aus einer der Zeitschriften herausgerissen worden, die noch von ihrem Vater herumlagen. Darauf stand:
Danke und sorry. Ich werde dir später alles erklären.
Dein Auto bekommst du unversehrt wieder.
Innerhalb weniger Sekunden war sie von null auf 3080.
Es gab keinen Grund, warum er sie nicht hätte wecken können! So komatös war sie nun auch nicht gewesen. Einfach ihr Auto zu entwenden, war unentschuldbar. Ihn hier übernachten zu lassen, bedeutete schließlich nicht, dass er sich nehmen konnte, was ihm gerade so passte! Überhaupt, was wollte er so früh da draußen? Sonnenaufgang war zwar kurz vor 7 Uhr gewesen, aber es war immer noch dämmrig.
Auf dem Weg zum Flur kam ihr Brandgeruch entgegen. Der Appetit auf Brötchen war ihr sowieso vergangen. Immer noch wütend pfefferte sie die verkohlten Exemplare in den Abfall. Im Flur bestätigte sich der Diebstahl: Der Autoschlüssel war vom Rest des Schlüsselbundes abgetrennt worden. Ein Blick aus der Haustür ergab, dass von ihrem Auto weit und breit nichts zu sehen war. Weiterhin fehlten Gerrits Schuhe und die Taschenlampe.
Wie gelähmt stand sie da, bis ein vager Verdacht in ihr hochkroch. Sollte er diese Aktion etwa schon gestern geplant haben und das Geräusch, wegen dem sie nach draußen geeilt waren, nur erfunden gewesen sein? Sei vernünftig.
Reg dich ab, dachte sie. Sicherlich würde er gleich wieder erscheinen und sich entschuldigen. Trotzdem war sie sauer. Kaffee und Frühstück konnte sich der feine Herr abschminken.
Etwas unmotiviert zog sie sich die Allwetterjacke an, die wieder halbwegs trocken wirkte, schlüpfte in die Gummistiefel und machte sich auf eine Expedition in den Garten. Überall waren kleine und größere Äste abgebrochen, aber nennenswerte Schäden konnte sie nicht ausmachen. Immer mit einem Auge auf der Straße, räumte sie das Holz zur Seite, bis ihre Finger steif vor Kälte wurden. Dann kehrte sie ins Haus zurück, ohne zu wissen, was sie nun tun sollte.
Nachdem sie bereits den dritten Kaffee intus hatte, beschloss sie, nicht weiter zu warten, und wählte die Nummer der Polizei. Dort ließ sie sich gleich mit ihrem alten Schulfreund Jörg verbinden, mit dem sie gestern Nacht telefoniert hatte. Er war Polizist im Nachbardorf Großhaiden und der Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Haidhagen. Zum Glück war seine Schicht noch nicht zu Ende.
»Morgen, Irla. Ich hätte mich auch noch bei dir gemeldet. Soweit ist ja alles geklärt, aber ein paar Fragen habe ich noch an deinen Hausgast.«
Irritiert fragte Irla: »Wieso geklärt? Meinen Hausgast habe ich heute jedenfalls noch nicht gesehen.«
»Der Besitzer des Lkws hat sich heute Morgen nach der Benachrichtigung durch Herrn Walther bei uns gemeldet«, sagte Jörg. »Sobald es möglich ist, schickt er einen weiteren Lkw, um die Fracht umzuladen. Erst dann kann der verunglückte Laster geborgen werden. Wir haben uns die Situation vor Ort angesehen und den Landwirt, dem das Feld gehört, schon informiert. Da sich für den Verkehr kein Hindernis ergibt, baten wir lediglich die Feuerwehr, die herausquellende Ladung mit Folie abzudecken. Ich denke, das Problem haben wir damit ausgebügelt. Falls du ihn siehst, richte ihm doch bitte aus, dass er sich noch mal persönlich bei uns melden soll.«
Die Erläuterung machte Irla sprachlos. »Ich weiß überhaupt nicht, wo dieser Mensch sich rumtreibt. Er hat sich ohne zu fragen mein Auto genommen und ist seit letzter Nacht verschwunden!«
Ein freundschaftliches Lachen dröhnte ihr ins Ohr. »Na, da wird er wohl gleich mit frischen Brötchen und einem Strauß roter Rosen vor der Tür stehen, nehme ich an. Du hast mal wieder einen neuen Verehrer gewonnen. Wenn ich nicht schon mit der wundervollsten Frau, also meiner Liebsten Susi, zum Frühstücken verabredet wäre, könnte ich fast eifersüchtig werden. Mach’s gut. Bis demnächst mal.«
Außer einem »Tschüss« brachte Irla nichts mehr heraus. Am liebsten hätte sie jetzt mit ihrer Freundin Aki geredet, aber die war bestimmt mitten in einer ihrer Übungen in japanischer Kampfkunst irgendwo am anderen Ende Deutschlands. Nachdem sie eine Weile verdrossen herumgesessen hatte, beschloss sie, das Naheliegendste zu tun und sich einfach wieder schlafen zu legen. Erst als sie die Bettdecke über die Schultern zog, merkte sie, wie erschöpft sie war.
Es war schon fast 1 Uhr mittags, als sie deutlich frischer als am frühen Morgen aufwachte. Nirgendwo hatte sie sich in den letzten Monaten wohler gefühlt als auf ihrer Schlafcouch, die im ehemaligen Arbeits- und Terrassenzimmer ihres Vaters ihren Platz gefunden hatte. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatten hier lediglich ein paar Sitzmöbel gestanden. Wenn man die Terrassentür weit aufschob, war es fast so, als säße man direkt im Garten. Nachdem ihre Mutter gestorben war und ihr Vater sein Arbeitszimmer im Keller nicht mehr so gut erreichen konnte, hatte er diesen Raum für sich umfunktioniert. Im ganzen Haus war es ihr absolutes Lieblingszimmer. Allein der Blick in den Garten mit dem dahinter beginnenden Wald hatte etwas Beruhigendes und Fesselndes zugleich. Jeden Tag wirkte er anders. Inzwischen erinnerte hier drinnen fast nichts mehr an die früheren Zeiten. Diesen Platz hatte Irla als Einzigen im Haus an ihren Geschmack angepasst.
Gott sei Dank war das wattige Gefühl in ihrem Kopf verschwunden. Das dringende Bedürfnis nach einem starken Kaffee trieb sie schließlich aus dem Bett. Der Blick aus dem Küchenfenster erinnerte sie an ihren noch immer fehlenden Alfa Romeo. Ein Wertobjekt war er mit seinen sechs Jahren sicherlich nicht mehr, aber sie hing an ihm. Er war das erste Auto, das sie nicht aus Vernunftgründen, sondern aus einer Laune heraus gekauft hatte. Unschlüssig überlegte sie, wie sie weiter vorgehen sollte. Eine Diebstahlsanzeige aufzugeben, schien ihr übertrieben. Die gesamte Polizeistation würde sich über sie totlachen. Jörg wollte sie auch nicht in seinem wohlverdienten Feierabend stören. In etwa zweieinhalb Stunden musste sie in der Praxis sein. Am besten rief sie sich einfach ein Taxi.
Vielleicht konnte aber auch ihre Nachbarin sie fahren. Neben ihrem Haus wohnte ihr Sandkastenfreund Wolfram mit seiner Frau Sonja, die als eine der letzten Hausfrauen weit und breit eventuell zu Hause sein würde. Die Telefonnummer hatte sich während der letzten fünfundvierzig Jahre nicht verändert.
»Kons?« Sonjas Kleinmädchenstimme klang am Apparat wie immer betont fröhlich.
»Guten Tag, Sonja, ich bin’s, Irla. Wie war eure Nacht, konntet ihr bei dem Sturm schlafen?«
Ihre Nachbarin war leider kein Typ, bei dem man sofort zur Sache kommen konnte. Etwas Allgemeinpalaver musste einfach sein.
»Ich habe prächtig geschlafen. Du weißt ja, seit ich schwanger bin, schlafe ich einfach hervorragend.« Seit ihrer Schwangerschaft, mit der keiner mehr gerechnet hatte, beherrschte dieses Thema ihr gesamtes Leben. »Wolfram war natürlich mit der Feuerwehr unterwegs. Er ist nicht da, falls du ihn sprechen möchtest. Es ist auch schon Mittagszeit.«
Ein wenig bedauerte Irla es, ausgerechnet Sonja angerufen zu haben, aber jetzt hatte sie das Gespräch bereits begonnen. »Sag mal Sonja, fährst du in den nächsten Stunden zufällig nach Großhaiden? Meine Sprechstunde beginnt um 15 Uhr 30 und mein Auto steht mir gerade nicht zur Verfügung.«
Natürlich roch sie den Braten. »Wieso nicht zur Verfügung? Ist er mal wieder kaputt, dein Alfa? Diese italienischen Autos. Wolfram sagt immer: ›Von einem italienischen Auto braucht man immer zwei, eins ist immer in der Werkstatt‹. Warum verkaufst du –«
»Nein, nein«, unterbrach Irla, die diese Leier nicht zum wiederholten Male hören wollte. »Der Alfa ist nicht kaputt. Es ist bei mir einiges passiert in dieser Nacht.« Auf das »Was denn?« erwiderte sie: »Bin leider in Eile, falls du mich also mitnimmst, könnte ich es dir erzählen.«
Wie erwartet, schluckte Sonja den Köder und versprach, sie zeitig abzuholen.
Derweil kuschelte sich Irla mit dem Kaffee auf dem Beistelltischchen auf ihre Ottomane, das zweite eigene Möbelstück, das sie in ihrem Terrassenzimmer untergebracht hatte. Ihr Blick fiel auf die Ablage neben ihr. Da lag noch die ungeöffnete Post der letzten Woche, inklusive des Briefes von Alejandro. Einem plötzlichen Impuls folgend angelte sie sich den Brief – irgendwann musste sie ihn ja öffnen, warum also nicht jetzt? Trotzdem zögerte sie.
Nicht, dass sie Angst vor überwältigenden Gefühlen gehabt hätte. Alejandro war eher so etwas wie eine verblassende Erinnerung. Sie hatte einfach keine Lust, sich mit ihrem früheren Leben auseinanderzusetzen. Oft stellte sie sich selbst gegenüber das Leben in Haidhagen als eine durch die Krankheit ihres Vaters erzwungene Sackgasse hin. Aber sie wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war.
Nach dem Abitur hatte sie die Welt erobern wollen – einfach weg aus Haidhagen. Überzeugt davon, irgendwann Großes zu erreichen, um damit jedem zeigen zu können, dass sie es draufhatte. Alle hatten solch ein Lebensgefühl gehabt. Während ihre Altersgenossen sich davon nach und nach verabschiedeten, hielt sie daran fest mangels anderer Ideen.
Es hatte sich kein Ort, kein Mann, keine neue Vision geboten, die sie in ihrem – wie es ihr heute vorkam – fast sinnlosen Ehrgeiz innehalten ließen. Dankbar musste sie Alejandro jedoch nicht sein, sie aus dieser Bahn geworfen zu haben. Ohne ihn wäre sie heute mit hoher Sicherheit Professorin für seltene Erkrankungen an einer renommierten Universität. Zwar nicht so sensationell, wie sie es sich in ihren Jugendträumen ausgemalt hatte, aber schon sehr spannend und respekteinflößend.
Als sie vor acht Jahren das Angebot der Universität Hamburg für ein zeitlich begrenztes Forschungsprojekt angenommen hatte, war sie Alejandro bei der Wohnungssuche begegnet – er war ihr Wohnungsmakler gewesen. Wenn sie heute daran dachte, wie dieser südländische Mann bei ihrer ersten Begegnung im leeren Wohnzimmer ihrer späteren gemeinsamen Wohnung an der Balkontür gestanden hatte, den Blick in die Weite gerichtet, musste sie noch immer lächeln. Melancholisch, geheimnisvoll und sehr attraktiv hatte er auf sie gewirkt.
Leider hatten sich dieser Eindruck nicht bestätigt. Das Geheimnisvolle hatte sich als Erstes in Luft aufgelöst, nachdem sie einige Zeit zusammengelebt hatten. Bereits zwei Wochen nachdem sie die Wohnung übernommen hatte, war er bei ihr eingezogen. Diese Zeit war unbeschreiblich verzaubert gewesen.
Irgendwo hatte sie einmal den Satz des bekannten amerikanischen Psychologen B. F. Skinner gelesen:
Liebe ist nur ein anderes Wort für positive Verstärkung.
In dieser ersten Zeit mit ihm war ihr alles gelungen, weil sie einfach geglaubt hatte, was er ständig wiederholte. Dass sie die wundervollste, intelligenteste, schönste Frau der Welt sei, die ihm zudem noch das Leben gerettet hatte. Und sie selbst hatte in ihm ein verlorenes Opfer seiner Vergangenheit gesehen und den perfekten Familienvater.
Trotz ihrer Karriereanstrengungen war das Leitbild von einer glücklichen Familie in einem kleinen Haus mit Garten, das Irlas Mutter ihr so zufrieden vorgelebt hatte, nie ganz verschwunden. Mit Alejandro an ihrer Seite war es zum Greifen nah.
Als das Projekt an der Universität in Hamburg beendet war, hätte sie weiterziehen können, nach Chicago, wo sie ein sehr interessantes Angebot bekommen hatte. Aber nichts auf der Welt hätte sie von Alejandros Seite locken können.
Mit dem unguten Gefühl, dass diese melancholischen Erinnerungen sie jetzt nicht weiterbringen würden, öffnete sie den Brief. Natürlich war er nicht handgeschrieben, aber absolut korrekt formuliert und jedes Komma saß dort, wohin es gehörte. Das war typisch für Alejandro, der als Kind spanischer Eltern die Regeln für die deutsche Rechtschreibung mehr verinnerlicht hatte als die meisten Deutschstämmigen.
