Wer zuerst lügt - Ashley Elston - E-Book
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Wer zuerst lügt E-Book

Ashley Elston

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Beschreibung

Sie ist klug, sie ist taff – und sie muss besser lügen als ihr Boss: »Wer zuerst lügt« ist ein rasanter Thriller mit hohem Spaß-Faktor um eine Trickbetrügerin, deren neuer Auftrag aus dem Ruder läuft. Evie Porter lebt scheinbar das perfekte Leben mit ihrem attraktiven, liebevollen Freund Ryan, in dessen säulengeschmückte Südstaaten-Villa sie bald einziehen wird. Die Sache hat nur einen Haken: Evie Porter existiert gar nicht! Alles, was sie dem schwer verliebten Ryan bislang über sich erzählt hat, war eine Lüge. In Wahrheit ist er ihr neuer Auftrag. Und Trickbetrügerin Evie weiß, dass sie sich diesmal keinen Fehler mehr erlauben darf, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Deshalb rechnet sie mit praktisch allem – nur nicht mit der Frau, die sich auf einer von Ryans Partys als Lucca Marino vorstellt. Denn Lucca Marino ist Evies richtiger Name, den sie seit Jahren nicht mehr benutzt hat. Eine Warnung? Einen Tag später ist die falsche Lucca tot, und für Evie stellt sich nur eine Frage: Wer wird die nächste sein? Mit Evie / Lucca hat die amerikanische Autorin Ashley Elston eine clevere, hochsympathische Heldin geschaffen, mit der man gerne mitfiebert. »Wer zuerst lügt« ist der perfekte Thriller für Leser*innen, die rasante Spannung mit überraschenden Twists, etwas Romance und nicht zu viel Blut suchen.

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Seitenzahl: 492

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Ashley Elston

Wer zuerst lügt

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Kreutzer

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Mit dem attraktiven, liebenswürdigen Ryan hat die 26-jährige Evie Porter scheinbar das große Los gezogen: Schon nach vier Wochen bittet er sie, in seine säulengeschmückte Südstaaten-Villa einzuziehen. Die Sache hat nur einen Haken: Evie Porter existiert gar nicht! Sie arbeitet als Trickbetrügerin für den mysteriösen Mr. Smith, und Ryan ist ihr neuer Auftrag. Denkt zumindest Evie – bis sie auf einer Party eine Frau trifft, die behauptet, Lucca Marino zu heißen. Was absolut nicht sein kann, denn das ist Evies richtiger Name, seit Jahren nicht benutzt. Eine Warnung? Einen Tag später ist die falsche Lucca tot …

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Lucca Marino – zehn Jahre zuvor

Kapitel 8

Kapitel 9

Lucca Marino – vor acht Jahren

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Alias: Izzy Williams – acht Jahre zuvor

Kapitel 13

Kapitel 14

Alias: Mia Bianchi – sechs Jahre zuvor

Kapitel 15

Kapitel 16

Lucca Marino – sechs Jahre zuvor

Kapitel 17

Kapitel 18

Alias: Wendy Wallace – sechs Jahre zuvor

Kapitel 19

Alias: Helen White – vier Jahre zuvor

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Alias: Regina Hale – vor sechs Monaten

Kapitel 23

Kapitel 24

Alias: Regina Hale – sechs Monate zuvor

Kapitel 25

Lucca Marino – vier Jahre zuvor

Kapitel 26

Alias: Evie Porter –vier Monate zuvor

Evie Porter – Gegenwart

Danksagung

Für Miller, Ross und Archer

Kapitel 1

Mit den kleinen Dingen fängt es an: eine zweite Zahnbürste im Becher an der Waschbeckenwand, ein paar Kleidungsstücke in der Schublade, Handy-Netzteile auf beiden Seiten des Betts. Die kleinen Dinge vermehren sich rasant, im Spiegelschrank kämpfen plötzlich Rasierapparate, Mundspülung und Antibabypillen um den spärlichen Platz, und aus der Frage: »Kommst du rüber?«, wird: »Was kochen wir heute Abend?«

Sosehr ich mich davor gefürchtet habe, war dieser nächste Schritt doch unvermeidlich. Auch wenn ich die Leute an diesem Tisch, die Ryan seit seiner Kindheit kennt, zum ersten Mal sehe, ist keinem von ihnen entgangen, dass ich schon fest in sein Leben eingebettet bin. Die kleinen Akzente, die eine Frau in der Wohnung eines Mannes setzt – farblich abgestimmte Kissen auf der Couch oder ein Hauch von Jasmin aus dem Duftspender im Bücherregal –, bemerkt jede andere Frau, sobald sie über die Schwelle tritt.

Eine Stimme schwebt im Kerzenlicht um den Tafelaufsatz herum (»dezent, aber ein Statement«, so das Verkaufsargument) in meine Richtung. »Evie, das ist ein ungewöhnlicher Name.«

Zweifelnd, ob ich auf die Frage, die eigentlich keine ist, antworten soll, wende ich mich zu Beth. »Die Kurzform von Evelyn«, kläre ich die Sache auf. »Ich bin nach meiner Großmutter benannt.«

Die Frauen wechseln Blicke. Jedes Wort, das ich sage, wird zwecks späterer Analyse katalogisiert.

»Wie reizend!«, quiekt Allison. »Ich bin auch nach Grandma benannt. Woher, sagtest du, stammst du noch mal?«

Sagte ich nicht, doch wie die Geier werden sie für den Rest des Abends die Schnäbel wetzen, bis sie ihre Neugier befriedigt haben.

»Aus einer Kleinstadt in Alabama«, erwidere ich.

Bevor sie nachhaken können, aus welcher, sorgt Ryan für einen Themenwechsel. »Allison, ich hab deine Granny neulich im Supermarkt getroffen. Wie kommt sie zurecht?«

Er hat mir eine kleine Verschnaufpause verschafft, während Allison berichtet, wie sich die alte Dame nach dem Tod ihres Mannes so schlägt. Doch allzu lange werden sie sich nicht von der Fährte abbringen lassen.

Umgekehrt brauche ich diese Leute nicht persönlich zu treffen, um bereits alles über sie zu wissen. Der harte Kern kennt sich schon seit dem Kindergarten und ist bis zum Highschool-Abschluss zusammengeblieben. Zu zweit und dritt sind sie aus dem Nest geflüchtet, um sich auf eine Handvoll Colleges zu verteilen, alle keine Tagesfahrt von zu Hause entfernt. In ihren Wohnheimen haben sie sich mit anderen Zweier- und Dreiergruppen aus ähnlichen Biotopen zusammengetan, bis es sie am Ende in dieses Kaff in Louisiana zog und sich der Kreis schloss. Die griechischen Buchstaben ihrer Studentenverbindungen haben sie gegen die Mitgliedschaft in der örtlichen Junior League nebst Dinnerpartys und Golfrunden am Samstagnachmittag getauscht, sofern diese nicht mit den Football-Übertragungen der Southeastern Conference kollidieren.

Ich rümpfe über ihren Lebensstil nicht etwa die Nase, im Gegenteil, ich beneide sie darum. Ich beneide sie um ihre Lockerheit in einer solchen Situation, darum, immer genau zu wissen, was sie erwartet und was von ihnen erwartet wird. Ich beneide sie um die Unbekümmertheit, die man wohl erlangt, wenn einen jeder in der Stadt in seinen unvorteilhaftesten Momenten gesehen und einem nicht gleich den Kopf abgerissen hat.

»Wie habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt?«, fragt Sara und lenkt damit die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf mich.

Die im Grunde harmlose Frage nervt.

Ryans Lächeln verrät mir, dass er weiß, wie mir zumute ist, und er schickt sich an, sie an meiner Stelle zu beantworten, doch ich komme ihm zuvor.

Mit einer der weißen Stoffservietten, die ich eigens für diesen Abend angeschafft habe, tupfe ich mir den Mund und sage: »Ich hatte einen Platten, und er ist mir zu Hilfe geeilt.«

Ryan hätte mehr Einzelheiten preisgegeben, als ihnen zustehen, das wollte ich verhindern.

 

… Dass es an der Raststätte draußen am Stadtrand war, wo ich in dem kleinen Restaurant für volle Gläser sorgte, geht hier niemanden etwas an. Auch lasse ich unerwähnt, dass ich in einer Runde, die mit MBAs und anderen akademischen Kürzeln um sich schmeißt, nur mit einem GED aufwarten kann, einem Highschool-Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg.

Wenn auch vielleicht nicht mit Absicht, so würden diese Leute, seine Freunde, solche Dinge gegen mich verwenden. Vielleicht sogar, ohne es zu merken.

Meine Sorge, wie sie wohl von mir denken würden, wenn sie erst wüssten, wo ich herkomme, habe ich Ryan gegenüber erwähnt. Er hat mir versichert, es sei ihm egal, aber das stimmt nicht. Allein die Tatsache, dass er ihnen nachgegeben, sie alle hierher eingeladen und mir die ganze Woche über dabei geholfen hat, ein perfektes Menü vorzubereiten, sagt mir mehr als sein Bettgeflüster, wie sehr es ihm gefällt, dass ich anders bin, so ganz anders als die Mädchen, mit denen er aufgewachsen ist.

Allison dreht sich zu Ryan um und sagt: »Schon praktisch, jemanden wie dich zur Hand zu haben.«

Ich beobachte Ryan. Ich habe das Kunststück fertiggebracht, unsere erste Begegnung in einem Satz zusammenzufassen, und er hat es mir durchgehen lassen.

Er sieht mich an und signalisiert mir mit einem kurzen Lächeln, dass er mir an diesem Abend nicht die Show stehlen will und mitspielen wird.

Cole, Allisons Mann, wirft ein: »Würde mich nicht wundern, wenn er dir den Reifen zerstochen hätte, damit er dir beim Wechsel helfen kann.«

Allgemeines Gelächter und wahrscheinlich ein Rippenpuffer von seiner Frau, so wie sich Cole die Seite hält. Ohne den Blick von mir zu lassen, schüttelt Ryan amüsiert den Kopf.

Ich lächle und ich lache, nicht zu laut und nicht zu lang, um ihnen zu zeigen, dass auch ich die Vorstellung lustig finde, Ryan könnte zu solchen Mitteln greifen, um mich anzubaggern.

Zum Schreien komisch die Idee, jemand, egal, wer, könnte jemand anderen lange genug ins Visier nehmen, um in Erfahrung zu bringen, dass er jeden Donnerstagabend, nach einem langen Tag in seinem Büro im östlichen Texas, an diesem Truckstop tankt. Unser Jemand könnte sich seine bevorzugte Zapfsäule an der Westseite des Gebäudes merken und mit Argusaugen registrieren, wie sein Blick dabei immer ein wenig zu lang bei jedem weiblichen Wesen verweilt, das ihm unter die Augen kommt, vorzugsweise im kurzen Rock. Wirklich absurd, besagter Person entginge nicht das kleinste Detail wie zum Beispiel die LSU-Baseballkappe auf dem Rücksitz oder das T-Shirt seiner Uni-Verbindung, das ihm unter dem weißen Hemd durchschimmert, oder der Country-Club-Sticker in der linken unteren Ecke seiner Windschutzscheibe – alles Anhaltspunkte für ein belangloses Geplänkel, wenn es zur ersten Begegnung kommt. Unvorstellbar, besagte Person könnte sich dazu hinreißen lassen, einen Nagel so weit in ein Ventil zu stecken, dass mit einem fröhlichen Pfeifton die Luft aus dem Schlauch entweicht.

Ich meine, was für eine abwegige Idee, jemand könnte sich all diesen Mühen unterziehen, um jemandes Bekanntschaft zu machen.

***

»Ich hab’s perfekt hingekriegt«, sage ich, während ich den letzten Teller ins Spülwasser tauche.

Ryan tritt hinter mich, streicht mir die Hüften hinauf und schlingt mir die Arme um die Taille. Er legt sein Kinn auf meine Schulter und drückt mir den Mund genau an die Stelle am Hals, die mich außer Gefecht setzt.

»Sie fanden dich umwerfend«, flüstert er.

Stimmt nicht. Bestenfalls habe ich ihre erste Neugier befriedigt. Und ich sehe es plastisch vor mir, wie die Frauen während der Heimfahrt auf dem Beifahrersitz zwischen dem Gruppenchat, in dem sie den Abend zerpflücken, und der Suchleiste sämtlicher sozialen Netzwerke hin und her wischen, um herauszubekommen, wer genau ich bin und aus welcher Kleinstadt in Alabama ich stamme.

»Ray hat mir gerade eine Nachricht geschickt. Sara möchte deine Nummer haben, um dich nächste Woche zum Lunch einzuladen.«

Das kommt schneller als erwartet. Ich schätze, ich muss mich gegen eine zweite Woge der Neugier wappnen, wenn sie feststellen, dass ihre Nachforschungen nur ein Minimum an Information erbracht haben, und sie hungern nach mehr.

»Ich hab sie ihr geschickt. Du hast doch nichts dagegen?«, sagt er.

Ich drehe mich zu ihm um und krabble ihm mit den Fingern die Brust hoch, bis ich sein Gesicht in die Hände schließe. »Nein, natürlich nicht. Sie sind deine Freunde. Und ich hoffe, sie werden auch meine.«

Es wird also einen Lunch geben, bei dem die Fragen unverblümter ausfallen werden, weil Ryan nicht dabei ist und dazwischengehen kann.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und ziehe ihn an mich, bis sich fast, aber nur fast, unsere Lippen berühren. Wir beide lieben diesen Teil, den magischen Moment, in dem wir den warmen Atem des anderen spüren und meine braunen Augen tief in seine blauen blicken. Wir sind uns nah, aber nicht ganz. Er greift mir unter den Blusensaum, ich spüre seine Finger in der weichen Haut an der Taille, während meine seinen Nacken hinaufwandern und sich in seine dunklen Haare wühlen. Ryan trägt sie jetzt länger als bei unserer ersten Begegnung, das heißt, seit dem Tag, an dem ich ihn aufs Korn genommen habe. Ich habe ihm gesagt, so gefalle es mir besser, ich hätte lieber etwas in der Hand. Und so wurde es schon länger nicht mehr geschnitten. Seine Freunde konnten ihr Staunen über seine Metamorphose nicht verbergen, denn wie ich von meinen eigenen Recherchen in den sozialen Medien weiß, hat sein Haaransatz noch nie bis zum Kragen gereicht. Folgerichtig wanderte ihr fragender Blick zu mir. Wieso hat sich Ryan verändert? Das kann ja wohl nur an seiner Freundin liegen.

Seine Hände wandern unter den kurzen Rock zu meinen Schenkeln, er hebt mich hoch, sodass ich die Beine um ihn schlagen kann.

»Bleibst du über Nacht?«, flüstert er, obwohl wir allein im Haus sind. Dieselbe Frage stellt er mir jeden Abend.

»Ja«, flüstere ich zurück. Immer die gleiche Antwort.

Ryans Lippen sind immer noch ganz nah, ohne meine zu berühren. Ich habe sein Gesicht so dicht vor mir, dass es mir vor den Augen verschwimmt. Auch wenn er mich um den Verstand bringt, warte ich, bis er die Lücke schließt.

»Ich möchte dich das nicht mehr fragen. Ich möchte, dass du jede Nacht hier bist, weil es auch dein Zuhause ist. Willst du das? Hier zu Hause sein?«

Ich zerfurche ihm das Haar und schmiege die Beine enger um ihn. »Ich dachte schon, du fragst nie.«

Ich spüre sein Lächeln an meinen Lippen, und dann küsst er mich und trägt mich zur Küche hinaus in den Flur, die Treppe ins Schlafzimmer hinauf.

Unser Schlafzimmer.

Kapitel 2

Seit mich Ryan vor fünf Tagen gefragt hat, ob ich bei ihm einziehen will, und ich Ja gesagt habe, kann er den Moment kaum erwarten. Am Morgen nach der Dinnerparty bin ich davon aufgewacht, dass er mit einer Umzugsfirma telefonierte und, dank einer letztminütlichen Kundenabsage, einen Termin für den heutigen Nachmittag vereinbart hat.

Ich konnte ihn überreden, noch etwas zu warten, wenigstens eine Woche, damit er sich auch ganz sicher ist und nicht nur dem Impuls des Augenblicks folgt, nach einem Abend mit teurem Wein und superbem Rinderfilet. Außerdem habe ich ihm klargemacht, dass es ein wenig überstürzt sei, die Möbelpacker zu bestellen, bevor ich gepackt habe.

»Wenn du selbst Zweifel hättest, würdest du es mir doch sagen, oder?« Ryan steht vor dem Badezimmerspiegel und ist, während er sich eine blau-grau gestreifte Krawatte bindet, um einen beiläufigen Ton bemüht, als ginge es um nichts Wichtigeres als die Bitte, seine Sachen von der Reinigung abzuholen. Er schmollt ein wenig. Diese Reaktion habe ich schon früher an ihm festgestellt, wenn er nicht seinen Willen bekommt.

Ich hüpfe auf die weiße Marmorplatte und rutsche zu ihm hinüber. Dann sitze ich vor ihm, und er blickt mir über die Schulter, als könne er sich immer noch im Spiegel hinter mir sehen. An diesem Morgen benimmt er sich wie ein kleines Kind.

Ich habe mir sein Gesicht gut eingeprägt, durchforsche es aber, sooft ich kann, immer noch auf der Suche nach etwas in seiner Mimik, das mir bisher entgangen sein könnte. Er ist auf klassische Weise attraktiv. Er hat dichtes dunkles Haar, das sich an den Enden kringelt, wenn es, so wie jetzt, zu lang wird. Seine blauen Augen sind bemerkenswert, und auch wenn er sich eben rasiert hat, weiß ich, dass er bei unserem Wiedersehen heute Abend einen Bartschatten am Kinn haben wird, von dem ich eine Gänsehaut bekomme, wenn er mir damit über den Hals streicht.

Ich drücke ihm sanft die Hände herunter und vollende seinen Knoten. »Natürlich will ich bei dir einziehen. Wieso fragst du?«

Ryan senkt den Blick auf den Schlips und rückt ihn überflüssigerweise zurecht, nur um seine Hände zu beschäftigen. Heute Morgen hat er mich nicht angerührt und mir kaum ins Gesicht gesehen. Eben wie ein kleines Kind.

Da er mir nicht geantwortet hat, hake ich nach: »Oder hast du es dir mit meinem Einzug anders überlegt? Ich weiß, du glaubst, ich hätte das mit dem Packen immer wieder aufgeschoben, aber heute habe ich mir den ganzen Tag dafür freigenommen, und die von Goodwill kommen nachher vorbei, um alles mitzunehmen, was ich nicht mehr brauche. Ich kann sie natürlich noch anrufen und die Sache abblasen …«

Endlich sieht er mich an und nimmt mich in die Arme. »Ja, ich will dich nach wie vor bei mir haben. Ich wusste ja nicht, dass du es für heute geplant hast. Nur ist das leider der einzige Tag, an dem ich dir nicht helfen kann. Heute ertrinke ich in Arbeit.«

Heute ist Donnerstag, und er wird den ganzen Tag fünfzig Meilen von hier entfernt in seinem Büro im östlichen Texas verbringen. So wie jeden anderen Donnerstag auch.

»Ich weiß, das ist blödes Timing. Aber heute war der einzige Wochentag, an dem ich mir freinehmen konnte, und das einzige Zeitfenster, in dem Goodwill einen Wagen rüberschicken kann. Ich hab ja nicht viel, selbst wenn ich es allein mache, brauche ich nicht lang.«

Er legt mir die Hände fest in die Seiten, beugt sich vor und küsst mich auf den Mund. Sein Schmollen ist verflogen, ich lege meine Beine um die seinen und ziehe ihn an mich.

»Vielleicht melde ich mich krank. Schließlich bin ich der Boss, und es wird höchste Zeit, meine Machtposition auszunutzen«, sagt er lachend.

Ich kichere zwischen den Küssen. »Heb dir deinen Krankentag für etwas Besseres auf als fürs Packen. Und im Ernst, da ich fast alles weggebe, bleibt nicht viel.« Durch die Tür wandert mein Blick ins Schlafzimmer. »Meine Sachen sind nicht so schön wie deine. Wäre Blödsinn, sie zu behalten.«

Er nimmt mein Gesicht in die Hände. »Ich hab dir doch gesagt, du kannst mitbringen, was du möchtest, und wir finden schon ein Plätzchen dafür. Du musst deine Sachen nicht weggeben.«

Ich beiße mir auf die Lippe und sage: »Nein, im Ernst, mein hässliches Secondhand-Sofa willst du ganz bestimmt nicht in deinem Wohnzimmer haben.«

»Woher soll ich wissen, ob ich dein hässliches Sofa hier haben will oder nicht, wo ich es nie zu Gesicht bekommen habe?«

Ich versuche, dieser Landmine in unserem Gesprächsverlauf auszuweichen, indem ich den Blick abwende, doch mit dem Finger dreht er mein Kinn zu sich zurück, sodass wir uns in die Augen blicken. »Du brauchst dich dafür nicht zu schämen.«

»Doch, tue ich aber«, sage ich und halte seinem Blick stand. Dann beuge ich mich vor und küsse ihn schnell, bevor er wieder schmollt. »Am Samstag, wenn die Möbelpacker kommen, wirst du es schon sehen. Ich habe gestern den Termin mit ihnen gemacht, und am Sonntag sortieren wir meine Sachen hier ein. Heb dir deinen Krankentag für Montag auf. Am Montag sind wir bestimmt beide groggy und können gut einen Pyjamatag gebrauchen. Die Pyjamas sind optional.«

Stirn an Stirn, verzieht er das Gesicht zu diesem unwiderstehlichen Lächeln.

»Das ist ein Date.« Mit einem letzten kurzen Kuss lässt er mich los und tappt aus dem Bad.

Zwanzig Minuten, nachdem Ryan mit seinem Tahoe um die Ecke verschwindet, tue ich dasselbe mit meinem zehn Jahre alten Toyota 4Runner. Lake Forbing ist eine mittelgroße Stadt im Norden von Louisiana, bekannt für ihr fruchtbares Ackerland und die tiefen Erdgastaschen. Obwohl hier jede Menge Geld ist, gehört der Ort zu den stillen im Land. Zu den Lake View Apartments (meilenweit entfernt von dem See, dem der Ort seinen Namen verdankt) sind es von Ryan aus nochmals fünfzehn Minuten.

Ich parke auf dem leeren Platz, der für Apartment 203 vorgesehen ist, direkt neben dem wartenden Goodwill-Transporter.

»Sie sind früh dran, Pat«, sage ich, nachdem wir beide ausgestiegen sind.

Er nickt. »Unser erster Auftrag ging schneller als gedacht. Welche Wohnung ist es?«

Pat folgt mir die Treppe hinauf, während sein Gehilfe das Heck zu dem großen Kastenwagen öffnet.

Vor der Wohnung bleibe ich stehen und hole einen Schlüssel aus der Tasche. »Da wären wir.«

Wieder nickt er und kehrt nach unten zurück. Ich stochere ein paar Mal im Schloss, bis ich es aufbekomme; es sperrt vom seltenen Gebrauch. Kaum bin ich eingetreten, höre ich mit dumpfem Klappern die Sackkarre die Treppe heraufpoltern.

Ich halte Pat und seinem Gehilfen die Tür weit auf, damit sie mit ihrer Karre passieren können.

»Wo wollen Sie die Kisten haben?«, fragt er.

Ich sehe mich in der leeren Wohnung um und sage: »Packen Sie sie einfach in die Mitte.«

Ich beäuge den Stapel Kisten, jede mit Sachen gefüllt, die ich in den letzten vier Tagen zusammengekauft habe. Dinge, die Pat für mich in diesem Kastenwagen aufbewahrt hat, bis er sie mir hierher liefern durfte. Dinge, mit denen ich am Samstag bei Ryan einziehen werde. Dinge, über die ich dann sagen werde, dass ich sie bereits seit Jahren – nicht seit Tagen – besitze.

In zwei Runden haben die beiden alles abgeladen und in die Wohnung gebracht. Ich ziehe fünf Zwanzig-Dollar-Scheine aus der Gesäßtasche und reiche sie Pat. Dinge zu liefern, anstatt abzuholen, gehört nicht zu Goodwills Standardservice, doch ich habe festgestellt, dass man für Bares auch Rares bekommt.

Sie sind schon fast wieder zur Tür hinaus, als ich ihnen noch einmal hinterherrufe: »Ach so, haben Sie auch die leeren Kartons mitgebracht?«

Pat zuckt mit den Achseln und sieht sich zu seinem Gehilfen um. Der sagt: »Ja, die sind hinten im Wagen. Wollen Sie sie bei sich oben haben?«

Falls einer von ihnen das seltsam findet, zeigt er es nicht. »Nein. Stellen Sie die einfach neben meinem Wagen auf den Bürgersteig.«

Ich folge ihnen nach draußen. Als sie den Stapel leerer Kartons ausladen, gehe ich zum Kofferraum meines Autos und hole eine kleine schwarze Beuteltasche heraus. Ein weiteres Mal bedanke ich mich, als die beiden wieder in ihren Wagen steigen. Noch ein paar Kleinigkeiten, dann ist es geschafft.

Der Grundriss der Wohnung ist simpel. Wenn man zur Tür hineintritt, steht man im Wohnzimmer mit Kitchenette an der gegenüberliegenden Wand. Ein schmaler Flur führt ins Bad und ins Schlafzimmer. Beigefarbener Teppich zu beigefarbenem Linoleum zu beigefarbenen Wänden.

Im Küchenbereich öffne ich den Reißverschluss der schwarzen Beuteltasche und entnehme ihr vier Speisekarten von nahe gelegenen Restaurants sowie drei Fotos, die ich in einer CVS-Filiale habe ausdrucken lassen, Schnappschüsse von Ryan und mir, plus sieben Magneten, um sie an der Kühlschranktür anzubringen. Es folgt eine bunte Mischung Gewürzflaschen, die ich jeweils zur Hälfte ins Spülbecken leere und im Türfach des Kühlschranks aufreihe. Anschließend begebe ich mich mit der schwarzen Tasche ins Bad, hole Shampoo und Pflegespülung heraus und drapiere sie halb leer auf dem Badewannenrand. Ich nehme ein Stück Seife aus der Verpackung, lege sie im Waschbecken auf den geschlossenen Ausguss und lasse Wasser einlaufen. Ich drehe das Stück einige Minuten lang hin und her, bis das Logo verschwunden ist und die Ecken abgerundet sind; so präpariert, kommt sie in das dafür vorgesehene Fach an der Duschwand. Als Letztes nehme ich mir die Zahnpasta vor. Vom unteren Ende her drücke ich einen kräftigen Strang heraus und lasse ein oder zwei Kleckse auf dem Beckenrand, genauso, wie ich es in Ryans Haus mache, obwohl ich weiß, dass er sich darüber ärgert. Ohne den Deckel aufzuschrauben, lasse ich die Tube neben dem Wasserhahn liegen.

Zuletzt ist das Schlafzimmer an der Reihe. Ich krame eine Handvoll Draht- und Plastikkleiderbügel, die einzig verbliebenen Gegenstände im Beutel, hervor und hänge sie quer über die leere Metallstange. Zuletzt verteile ich im Wohnzimmer den säuberlichen Stapel Umzugskartons ohne jedes Ordnungsprinzip über den Raum. Zwei davon, einer mit Büchern, einer mit einer bunten Ansammlung Parfumflaschen gefüllt, ziehe ich zur Seite und mache sie auf. Der mit den Büchern ist schnell ausgepackt, in einer Minute habe ich mehrere kleine Stapel neben der offenen Kiste, als sei ich noch nicht dazu gekommen, sie einzupacken.

Mit den Parfumflaschen brauche ich ein wenig länger. Ich trage die Box zur Küchenzeile, entferne von den obersten vier die Verpackung und stelle sie auf die Arbeitsplatte aus Resopal. Das Licht fällt im perfekten Winkel durchs Fenster ein und lässt das dünne Glas wie ein Prisma in allen Regenbogenfarben erstrahlen, die sich von Blau über Violett und Rosa bis Grün im trostlosen Raum ausbreiten.

Bei all den Einkäufen, die ich diese Woche getätigt habe, war der mit den Parfumflaschen am kniffligsten und hat zu meiner Überraschung am meisten Spaß gemacht. Dabei verdanke ich es einem glücklichen Zufall, dass ich mich überhaupt danach auf die Suche begeben habe, doch nach der Entdeckung eines Facebook-Posts, den Ryan verlinkt hatte, wusste ich, dass ich unbedingt selbst so etwas sammeln sollte. Er hatte seiner Mutter zu ihrem letzten Geburtstag einen Flacon geschenkt, ein schönes Art-déco-Exemplar – eine Kugel aus geätztem Glas, mit Silbermontur und quadratischen Spiegelglas-Plättchen verziert, etwas, das Jay Gatsby glatt seiner Daisy geschenkt haben könnte. Ihrem strahlenden Gesicht nach hatte er bei ihr damit ins Schwarze getroffen.

Wenn ich nun auch eine solche Sammelleidenschaft hätte, könnte ich damit bei Ryan zweifellos punkten.

Ich blicke mich ein letztes Mal im Zimmer um. Alles sieht genauso aus, wie es soll. Fertig gepackt bis auf ein paar Habseligkeiten, die ich hier und da noch »vergessen« habe.

»Klopf, Klopf«, sagt jemand an der Wohnungstür, und ich fahre herum. Es ist die Frau, die im Verwaltungsbüro des Mietkomplexes arbeitet, die Frau, bei der ich am Montagnachmittag dieses Apartment gemietet habe.

Sie tritt ein und lässt den Blick über das Durcheinander auf dem Boden schweifen. »Ich hab mir schon Sorgen gemacht, als ich seit Montag niemanden hier zu Gesicht bekommen habe.«

Ich stecke die Hände in die Hosentaschen, lehne mich mit dem Rücken an die Wand neben der Küchenzeile und verschränke die Füße. Meine Bewegungen sind lässig, doch kalkuliert. Ihr Erscheinen bereitet mir Kopfschmerzen. Ich kann nicht zulassen, dass sie auch am Samstag, wenn Ryan hier ist, um meine Sachen zu holen, das Bedürfnis verspürt, nach mir zu sehen. Ich habe mir eine Wohnung ausgesucht, bei der die Nachbarn keinen Wert auf wechselseitige Bekanntschaft legen und die Miete die Nebenkosten einschließt, da die Apartments auf wöchentlicher Basis vergeben werden. Und mehr als eine Woche brauchte ich nicht.

Es muss ihre Neugier geweckt haben, dass ich eine der wenigen unmöblierten Wohnungen genommen habe. Wenn sich jemand die Mühe macht, mit Mobiliar einzuziehen, plant er normalerweise einen längeren Aufenthalt als sieben Tage, doch Ryan sollte nicht denken, ich lebe so von der Hand in den Mund, dass ich nicht mal über ein eigenes Sofa verfüge. Eine möblierte Wohnung war also keine Option. Und da wären wir nun an Tag vier, und von meinem Aufenthalt zeugt nichts weiter als acht strategisch über den Raum verteilte Umzugskisten.

Sie streicht mit der Hand über den nächstbesten Karton und beäugt die Parfumflaschen auf der Küchentheke. Ich kenne diesen Typ. Dick aufgetragenes Make-up, die Kleider zu eng, irgendwann mal vermutlich als hübsch durchgegangen, doch mit unübersehbaren Spuren, die das Leben hinterlassen hat. Ihr Blick saugt alles auf. Eine solche Wohnung wird gern für illegale Zwecke angemietet, und diese Frau herrscht über ihr Reich, was bedeutet, dass sie immer nach etwas auf der Lauer liegt, aus dem sie Vorteil ziehen kann. Und jetzt hat sie sich die Mühe gemacht, über den Parkplatz herüber und die Treppe hochzukommen, weil sie weiß, dass ich etwas am Laufen habe, aber nicht, was, und wie sie es gegen mich verwenden kann.

»Wollte mich nur vergewissern, dass Sie sich gut eingelebt haben«, sagt sie.

»Danke der Nachfrage«, antworte ich und werfe einen Blick auf das Namensschildchen an ihrer tief ausgeschnittenen Bluse. »Shawna, Ihre Sorge um mein Wohl ist überflüssig. Und unerwünscht.«

Sie strafft die Schultern. Mein brüsker Ton passt nicht zu meiner lässigen Körperhaltung. Sie ist mit der Überzeugung hier hereingeschneit, Herrin der Lage zu sein und zu riechen, dass hier etwas faul ist, aber ich habe sie aus dem Konzept gebracht.

»Darf ich davon ausgehen, dass diese Wohnung bis Sonntag, 17:00 Uhr, geräumt und Ihr Schlüssel abgegeben wird?«, fragt sie.

»So wie ich davon ausgehe, dass es keine weiteren unangemeldeten Besuche mehr geben wird«, antworte ich und deute mit dem Kopf und einem schmalen Lächeln zur Tür.

Sie schnalzt mit der Zunge und verzieht sich. Ich muss alle Willenskraft zusammennehmen, um hinter ihr den Riegel vorzulegen. Aber ich bin hier fast fertig und habe noch ein paar Dinge zu erledigen, bevor Ryan heute um halb sechs die Staatsgrenze nach Louisiana überquert.

Kapitel 3

Vor drei Jahren, nur ein Jahr nach seiner Frau, ist Ryans Großvater verstorben und hat Ryan sein Haus mit dem gesamten Inventar vermacht, jedem Teller und jeder Tasse im Schrank und jedem Bild an der Wand.

Ach ja, und einen ordentlichen Batzen Geld.

Offenbar ist Ryan eines Tages vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu sehen, und hat seinen Großvater tot im Bett aufgefunden, wo er friedlich entschlafen war. Nur eine Woche später ist Ryan eingezogen, mit nichts weiter als Kleidung, Kulturbeutel und einer neuen Matratze für das Elternschlafzimmer. Bestimmt hätte er für ein hässliches Secondhand-Sofa ein Plätzchen gefunden … hätte ich denn eins gehabt.

Seine Straße ist von alten Eichen gesäumt, die mit ihren ausladenden Zweigen jeden Zentimeter des Bürgersteigs beschatten. Die Nachbarn sind alle schon ältere Semester und gut situiert; manche haben mir erzählt, dass sie ihn schon als Baby kannten und »den reizenden Jungen« haben aufwachsen sehen. In so einem Haus lebt man, wenn man es im Leben geschafft hat. Wenn man ein paar Kinder hat und einem die Sorge um die nächste Rechnung nicht mehr die Luft abschnürt.

Aber für Ryan ist es zu groß. Es hat zwei Stockwerke, eine breite überdachte Eingangsveranda, dunkelgrüne Fensterläden an den weißen Wänden; es verfügt über einen großen Garten mit gepflegten Blumenbeeten und einem gepflasterten Weg zur Haustür. Eine Begehung sämtlicher Zimmer würde einige Minuten dauern, und wenn jemand zur Hintertür hereinkäme, würde man es oben im Schlafzimmer nicht hören.

Ich setze rückwärts in die Einfahrt, um den Weg fürs Kistenschleppen zu verkürzen. Erst als ich die Hecktür öffne, bemerke ich, dass Ryans Nachbarn zur Linken, Ben und Maggie Rogers, mich von ihrer Veranda aus beobachten. Ihr Morgenspaziergang fällt mit unserem Aufbruch zur Arbeit zusammen, und ihre abendlichen Cocktails auf der Veranda sind bereits im Gange, wenn wir am Ende des Tages wieder hier eintreffen. Aber das ist allgemein üblich hier in der Straße, denn fast alle sind im Ruhestand oder kurz davor.

Mrs Rogers verfolgt mich mit ihren Blicken, als ich die erste Kiste aus dem Kofferraum hebe. Dieses klare Anzeichen, dass ich mehr als nur ein Übernachtungsgast geworden bin, wird sie morgen bei ihrem Spaziergang an den Rest der Straße kommunizieren. Das Ehepaar Rogers definiert das Wort Nachbarschaftswache neu.

Sie beobachten mich stumm, wie ich Kiste um Kiste auslade, und ich greife gerade nach der letzten, als Ryan neben mir parkt. Kaum ist er ausgestiegen, sprintet er herüber, um sie mir abzunehmen.

»Komm, das mach ich«, sagt er.

Ich gehe auf die Zehenspitzen und küsse ihn über die Box hinweg, die jeden weiteren Körperkontakt verhindert.

Bevor wir ins Haus verschwinden, nickt er den Rogers zu. »’n Abend!«

Mrs Rogers steht auf und tritt so dicht an den Rand der Veranda, dass sie in ihre Azaleenbüsche zu fallen droht. »Sieht mächtig nach Arbeit aus bei euch!«, ruft sie herüber.

Da er die Hände nicht frei hat, deutet Ryan nur mit dem Kopf auf mich. »Evie zieht ein.« Bei seinem strahlenden Lächeln wird mir ganz anders, und ich kann nichts dagegen machen, meinerseits wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen.

Mrs  Rogers wirft ihrem Mann einen Blick zu, der nur Hab ich’s doch gesagt bedeuten kann. Ihre Befürchtungen haben sich bestätigt. »Ah. Na ja, die jungen Leute neigen heutzutage dazu, ein paar wichtige Schritte zu überspringen.« Mit einem trockenen Lachen versucht sie, die Gehässigkeit abzumildern. Mr Rogers sieht dem Wortwechsel vom anderen Ende der Veranda schweigend zu.

Ryan ficht die Bemerkung nicht an. »Die Reihenfolge mag anders sein, aber wir lassen nichts aus.«

Bevor ich es verhindern kann, entweicht mir ein tiefer Seufzer, doch ich zwinge mich, in den kleinen Schlagabtausch nicht zu viel hineinzulesen.

Mr Rogers gesellt sich zu seiner Frau an den Rand der Veranda. »Tja, dann sollten wir Evie in der Nachbarschaft ordentlich willkommen heißen! Kommt doch bald mal nachmittags zu einem Cocktail rüber.« Falls Mr Rogers mit der Entwicklung der Dinge unzufrieden ist, lässt er sich nichts davon anmerken.

»Sehr gern. Vielleicht nächste Woche?« Ryan antwortet für uns beide.

Mr Rogers’ Lächeln wirkt echt, als er sagt: »Ich habe gerade einen neuen Whiskey-Smoker bekommen, den ich dringend ausprobieren muss.«

Ryan lacht. »Es ist eine Weile her, dass Sie mir einen Old Fashioned kredenzt haben. Ich freue mich drauf!« Dann stupst er mich an der Schulter, als Wink, ins Haus zu gehen.

Endlich sind wir drinnen, und Ryan stellt die Box neben den anderen in der weiträumigen Diele ab.

»Ich hab schon mal meine Klamotten und Schuhe rübergebracht. Wie war’s bei dir auf der Arbeit?«

Er zuckt mit den Achseln. »Viel um die Ohren. Ich glaube, ich wäre lieber geblieben und hätte dir beim Packen geholfen.«

Über seine Tätigkeit an den Donnerstagen schweigt Ryan sich aus, und auch wenn er heute früh gewitzelt hat, ausnahmsweise zu schwänzen, wissen wir beide, dass er im Traum nicht daran denken würde.

Was er donnerstags macht, ist wichtig.

Er wirft einen Blick auf die Kartons. Diejenigen, die mir die Männer heute Morgen leer auf den Bürgersteig gestellt haben, sind jetzt mit den einzigen Sachen gefüllt, die ich besitze und in den Haushalt einbringe. Er zupft an einer Strähne, die sich aus meinem Messy Bun gelöst hat, und zwirbelt sie sich um den Finger. »Bist du in deiner Wohnung gut vorangekommen?«

Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln. »Und ob! Ich bin so weit, dass die Möbelpacker am Samstag kommen können, aber ehrlich gesagt, könnten wir das wohl ebenso gut mit unseren beiden Wagen schaffen. Am Ende habe ich alle Möbel weggegeben. Es sind gerade mal acht bis zehn Kartons übrig«, erkläre ich und tippe mit dem Fuß an den nächstbesten, der vor mir steht.

Er wirkt ein wenig betreten. »Evie«, sagt er zärtlich. »Du hast im Ernst alles weggegeben?«

Ich streiche ihm mit dem Daumen die Stirnfalten glatt. »Du wohnst in einem Haus, in dem jedes Möbelstück eine Bedeutung für dich hat. Erinnerungen birgt. Du bist damit aufgewachsen, sie gehören zu dir. Bei mir ist das anders. Die Einrichtung hat ihren Zweck erfüllt. Einfach nur etwas zum Sitzen, damit ich nicht auf dem Boden hocken muss. Nichts weiter, es ist mir leichtgefallen, mich davon zu trennen.«

Auch wenn es ein Kinderspiel war, mich von etwas zu trennen, das es nicht gab, meine ich es trotzdem so.

Ryan zieht sein Handy heraus und telefoniert. Ich sehe ihm zu und bin gespannt, was er vorhat.

»Hi, Ryan Sumner. Evie Porter hat Sie für Samstag bestellt, aber ich rufe an, um den Termin abzusagen.«

Mit der freien Hand zieht er mich an sich. Er hört sich an, was die Umzugsleute zu sagen haben, bedankt sich und trennt die Verbindung.

»Komm, holen wir den Rest. Gleich jetzt. Ich mache die Arbeit, du bist bestimmt kaputt. Gib mir fünf Minuten, um mich umzuziehen.«

Ich will protestieren, doch bevor ich einen Mucks von mir geben kann, bringt er mich mit einem Kuss zum Schweigen. Er küsst mich so lange, dass wir beide mit dem Gedanken spielen, unsere Pläne kurzfristig zu ändern, doch dann lässt er mich los und ist mit wenigen Sätzen die Treppe hoch.

»Fünf Minuten!«, ruft er und verschwindet in den Tiefen des Hauses.

Ich lehne mich mit dem Rücken an die Wand und sehe auf die Uhr. Es ist halb sieben. Das Büro in den Lake View Apartments ist längst geschlossen, und die Frau am Empfang macht Feierabend.

Ryan folgt mir mit seinem Tahoe zur Wohnung. Ich bin froh, nicht neben ihm zu sitzen, wenn er merkt, wo die Fahrt hingeht, doch zumindest war die Verlegenheit, als ich ihm die Adresse genannt habe, ehrlich.

Er parkt neben mir, und noch bevor ich meine Tür öffnen kann, steht er an meinem Wagen.

»Du hättest mir ruhig früher sagen können, wo du wohnst.« Er lässt den Blick über den Parkplatz schweifen, als halte er nach der Gefahr Ausschau, die in dieser Gegend allenthalben lauert.

Ich hake die Finger in seine Gürtelschlaufen ein und ziehe ihn an mich. »Genau deshalb habe ich es dir verschwiegen.« Ich gebe ihm die Hand, und er packt sie fest, während ich ihn zum Treppenhaus ziehe. Auf dem Weg nach oben bemerkt er jede Glühbirne, die nicht funktioniert.

Das Schloss öffnet sich diesmal schon etwas leichter, und kaum ist die Tür auf, manövriert mich Ryan nach drinnen und schließt hinter uns ab. Die Hände in die Hüften gestemmt, schreitet er die Wohnung ab. So ungern ich es zugebe, liebe ich seinen Streifgang durch meine bescheidene Bleibe, und sein Beschützerinstinkt, der ihn antreibt, ist mir ebenso fremd wie willkommen.

Ich gehe neben dem Stapel Bücher auf die Knie und packe sie in die dafür vorgesehene leere Kiste.

»Hatte doch noch ein paar Sachen vergessen«, murmele ich.

Unterdessen geht Ryan zur Küchentheke und nimmt das nächstbeste Parfumfläschchen in die Hand. Er hält es hoch, sieht es sich ganz genau an, stellt es zurück und inspiziert die drei daneben. »Sammelst du die?«

Mit strahlender Miene sage ich Ja, und mir liegt schon meine Geschichte auf der Zunge, wie mich die Fläschchen an meine Großmutter erinnern, doch die Lüge bleibt mir im Hals stecken. Stattdessen sage ich nur: »Ich hab ein Foto von einer gesehen und hatte keine Ahnung, wie schön und verschieden die alle sind. Irgendwie kam ich dann nicht mehr davon los. Die violette da ist mein Lieblingsstück.« Es ist immer ratsam, mit einer Schwindelei möglichst nah an der Wahrheit zu bleiben und sich kurzzufassen, aber in diesem Fall ist es was anderes. Ich möchte ihn nicht unnötig belügen.

Es fällt keine Bemerkung darüber, dass seine Mutter ebenfalls Parfümfläschchen sammelt und dass wir etwas gemeinsam haben, und ich analysiere lieber nicht, wie ich es finde, dass er mir diese Parallele nicht verrät. Ryan stellt die Flasche zurück, öffnet Schubladen in der Küche und starrt auf den Kühlschrank. Er nimmt eins der Fotos von uns ab und betrachtet es. Es ist ein Selfie, das wir kurz nach unserem Kennenlernen geschossen haben. Es war kalt draußen, und wir kuscheln uns an einer kleinen Feuerschale in seinem Garten aneinander. Ich habe das Nötige mitgebracht, um Marshmallows zu grillen, und uns kleben Schokolade und Zuckerpampe im Gesicht. Ich sitze auf seinem Schoß, und wir grinsen Wange an Wange in die Kamera.

»Das war eine wunderbare Nacht«, sagt er.

»Ja, allerdings«, antworte ich. Es war meine erste Nacht in seinem Haus. Das erste Mal, dass ich in seinem Bett geschlafen habe. Er starrt immer noch auf das Bild, und ich wüsste zu gern, was ihm bei der Erinnerung daran durch den Kopf geht.

Nach einer Weile nimmt er alle Fotos und Speisekarten ab und stapelt sie auf der Arbeitsplatte, bevor er den Kühlschrank aufmacht. »Hier sind noch ein paar Sachen drin«, sagt er.

»Oh, Mist! Ich dachte, ich hätte alles ausgeräumt. Kannst du den Rest bitte einfach in den Mülleimer werfen?«

Ich höre, wie er die Flaschen herausholt und anschließend den Schrank unter dem Spülbecken öffnet, in dem sich der Abfalleimer verbirgt. Er wirft die Sachen auf ein paar Take-Away-Boxen und andere Abfälle, die ich in einem der Müllcontainer draußen gefunden habe. Ryan zieht die Dose heraus und sagt: »Kommt noch was da rein, bevor ich den Müll runterbringe?«

Ich überlege. »Ja, ich glaube, im Badezimmer steht noch was.«

Er folgt mir durch den Flur ins Bad. Ich hole das halb verbrauchte Seifenstück aus der Dusche und werfe es in den Eimer. Dann greife ich zu Shampoo und Spülung und wiege beides in der Hand, wie um festzustellen, ob noch genug darin ist, um es zu behalten. Am Ende werfe ich beides weg.

Ryan sieht in sämtlichen Schubkästen und Schränken nach und legt eine erstaunliche Gründlichkeit an den Tag.

Zurück im Wohnzimmer, wirft er einen Blick in einige der Kartons, die ich am Vormittag gepackt habe. Mehr als flüchtig. Fast so, als suche er nach etwas.

Nachdem er drei geöffnet hat, frage ich: »Suchst du was Bestimmtes?«

Er hebt den Kopf und erwidert meinen Blick. Das kurze Lächeln bringt seine Grübchen zum Vorschein. »Ich will einfach nur möglichst viel über dich erfahren« – Worte, die jeder Frau das Herz höherschlagen lassen würden, nur dass sie ihm nicht unbekümmert über die Lippen zu kommen scheinen, sondern mit Bedacht. Und mir drängt sich die Frage auf, ob er seine Worte vielleicht genauso sorgfältig wählt wie ich die meinen.

Kapitel 4

Es gibt viele Gründe dafür, dass ich in der letzten Woche keinmal hier gewesen bin – die Einkäufe, das Packen, der Umzug –, aber ich habe so lange gewartet, wie ich konnte. In einer Viertelstunde schließen sie, und auch wenn ich mich noch später einloggen und hineinkann, will ich digitale Spuren vermeiden.

So wie jede dritte Frau, an der ich vorbeikomme, trage ich schwarze Leggings, T-Shirt und Laufschuhe. Mein langes schwarzes Haar habe ich zu einem Nackenknoten zusammengebunden, der unter dem Riemen meiner Baseballkappe sitzt. Die Kappe tief ins Gesicht gezogen, drehe ich beim Betreten den Kopf nach unten links, sodass die Kamera in der Ecke des Raums kein scharfes Bild von mir bekommt. Vor mir warten schon einige Leute in der Schlange auf den nächsten freien Mitarbeiter, darunter eine Frau, die mit einem Stapel kleiner Kartons jongliert und mehrmals ihr Gewicht verlagert, bevor das Kartenhaus doch noch einstürzt und sich über den Boden verstreut. Die zwei Leute vor ihr bücken sich danach und helfen ihr. Ich mache einen Bogen um das Gewusel und begebe mich zu den Postfächern an der Rückwand.

Die untere linke Ecke. Schließfach 1428.

Es sind Fächer mit einem Code statt eines herkömmlichen Schlosses, und so gebe ich mit dem Knöchel meines Zeigefingers die sechsstellige Zahlenfolge ein. Das Türchen schnappt auf, und ich öffne es abermals mit den Knöcheln meiner rechten Hand.

Nur kurz zögere ich, bevor ich den kleinen Umschlag, den ich unter den Taillengummi meiner Leggings geklemmt hatte, in das leere Fach schiebe.

Ich knalle das Türchen zu, verschließe es mit der Zahlenkombination und verlasse die Postfiliale so schnell, wie ich gekommen bin.

Kapitel 5

Zum Lunch mit den Ladys verspäte ich mich. Sara und ich haben uns in den letzten Tagen mehrere Nachrichten geschickt, um ein Datum zu finden, das für uns beide passt, und auch wenn es ihr eine Menge Mühe erspart hätte, mich einfach zu ihrem Gruppenchat hinzuzufügen, hat man sich dieses Vorrecht mit einer einzigen Dinnerparty wohl noch nicht verdient.

Sie wollten sich in einem kleinen Tearoom am hinteren Ende einer Geschenkeboutique treffen, die von handgefertigtem Schmuck bis zu gesmokter Babykleidung und Kosmetikprodukten der Luxusklasse so ziemlich alles verkauft. Mit Sicherheit kannten sie alle Leute an den anderen Tischen ebenso wie sämtliche Kundinnen und Kunden, an denen sie auf dem Weg zum Essbereich vorbeikamen.

Auch wenn ich bereit bin, mich von den Frauen, die Ryan als seine Freundinnen betrachtet, ausfragen zu lassen, denke ich nicht daran, mich ihnen weiter zu öffnen, als ich will. Noch nicht. Nicht, bevor ich mehr über die Ladys weiß, als sie je über mich erfahren werden.

Und so treffen wir uns stattdessen in einem kleinen Restaurant nicht weit von meinem Arbeitsplatz. Wir kannten uns noch keine Woche, da hat mir Ryan schon einen neuen Job verschafft, bei dem er keine Bauchschmerzen bekam, wenn seine Freunde ihn fragten, wo ich arbeite. Ich bin jetzt die Assistentin eines Eventmanagers in einer kleinen Galerie im Stadtzentrum. Die Arbeit geht mir leicht von der Hand, und da der Geschäftsführer, Mr Walker, einer von Ryans Klienten ist, konnten wir das Vorgeplänkel mit den drei Empfehlungsschreiben und der Liste meiner früheren Arbeitsverhältnisse überspringen.

Beth, Allison und Sara sitzen bereits mit einer anderen Frau zusammen, die nicht auf der Dinnerparty war, die ich gleichwohl von einem der Fotos als Teil des engeren Kreises wiedererkenne.

Als ich mich nähere, sehe ich mir die Runde vom Bürgersteig aus durchs Fenster an. Das hier ist eher so etwas wie ein Schnellimbiss, und fast alle anderen Gäste tragen entweder Businesskleidung oder die unumgängliche Polyesteruniform der Angestellten am Amtsgericht. Den Damen ist ihr Unbehagen anzusehen, und den Blicken nach, die sie über das Etablissement schweifen lassen, fragen sie sich, was sie an einen Ort verschlagen hat, an dem ihnen der Gestank von der Fritteuse für den Rest des Tages im Haar und in der Kleidung haften wird. An einen Ort, an dem sie nichts länger halten wird als nötig.

Sara hat mich erspäht; sie steht auf und macht mir Zeichen, mich zu ihnen zu gesellen. Alle vier Frauen nutzen die Zeit, die ich brauche, um mich bis zu ihnen durchzuschlängeln, und nehmen mein Erscheinungsbild unter die Lupe. Ihre Blicke wandern zwischen dem tiefen Seitenschlitz meines leuchtend blauen Maxirocks zum seidenpapierdünnen weißen T-Shirt hinauf, das meinen hellblauen BH nur notdürftig verbirgt, und von dort zu der Phalanx Armreifen, die bei jedem meiner Schritte klimpern. Für die Entscheidung, welchen Look ich ihnen präsentieren will, habe ich mir Zeit genommen: jemand, der sich einfügen, oder jemand, der sich abheben möchte?

Meine Wahl fiel eindeutig aus.

»Hey Evie, wie schön, dich wiederzusehen«, sagt Sara, bevor sie sich wieder setzt. Sie zeigt auf die anderen Frauen am Tisch und fügt hinzu: »An Beth und Allison erinnerst du dich ja.«

»Natürlich«, antworte ich und nicke beiden zu.

»Das ist Rachel Murray. Rachel, darf ich dich mit Evie Porter bekannt machen?«

Rachel hebt die Hand und winkt mir von der anderen Tischseite aus zu. »Hi, schön, dich kennenzulernen, Evie. Ich hab schon viel von dir gehört.«

Das glaube ich ihr aufs Wort. »Ganz meinerseits.«

Es ist ein bisschen peinlich, dass wir uns nur deshalb noch nicht kennen, weil sie nicht zu Ryans Dinner eingeladen war, doch das lag an ihm. Zwar hatte er ihren Namen erwähnt, sie aber dann doch gestrichen, weil sie einem, wie er sich ausdrückte, »den letzten Nerv rauben kann«. Davon abgesehen ist sie Single und hätte die Sitzordnung durcheinandergebracht.

Genau in dem Moment, als ich die Handtasche neben meinem Stuhl auf dem Boden abstelle, spüre ich das Vibrieren einer eingehenden Nachricht. Ein verstohlener Blick sagt mir, dass sie von Ryan kommt:

Viel Spaß beim Lunch, aber lass dir von denen nichts gefallen. Ruf mich an, wenn es vorbei ist.

Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht zu grinsen.

»Danke, dass ihr hergekommen seid, meine Mittagspause ist nicht besonders lang«, sage ich, während ich mir eine laminierte Speisekarte greife, die zwischen Zuckerständer und Ketchupflasche klemmt.

Auch Sara nimmt sich eine und sagt: »Kein Problem. Wir kommen so gut wie nie ins Zentrum, ist mal was anderes.«

Wahrscheinlich hat es die übrigen drei alle Willenskraft gekostet, bei der Bemerkung nicht die Augen zu verdrehen. Das hier ist nicht ihre Szene.

Das ganze Gegenteil.

»Also, vor der Derby-Party am Samstag Vorglühen bei uns«, sagt Beth.

Seit zwei Wochen fällt mein Blick immer wieder auf diese Einladung an Ryans Kühlschranktür. Obwohl wir wahrlich nicht in der Nähe von Kentucky wohnen, wurden wir zu einer Cocktailparty mit Mint Juleps und Hot Browns auf eine Pferderanch am Rand der Stadt zu einem Derby eingeladen. In der Einladung steht, Hüte erwünscht, je größer, desto besser.

Die Gruppe versucht, mit mir warm zu werden, indem sie mich in ihren Small Talk einbezieht, doch da auf Anhieb klar wird, dass ich weder die Leute noch die Orte oder Veranstaltungen und Ereignisse kenne, um die es geht, beteilige ich mich nicht, sondern beobachte sie nur. Sehe mir an, wie sie miteinander umgehen, registriere ihre Ticks, präge mir ihre Wortwahl ein. Die Ladys glauben, dieser Lunch diene dazu, dass sie etwas über mich erfahren, dabei werde ich, wenn wir hier fertig sind, weit mehr über sie wissen als umgekehrt.

Nachdem wir bestellt haben – Wasser und Salat für alle –, beugen sich die vier Frauen vor, und ich wappne mich für das, was kommt.

Erwartungsgemäß macht Rachel den Anfang. »Also, da ich nicht bei dem Dinner neulich war, musst du mich auf den neuesten Stand bringen! Erzähl mir alles über dich.«

Ich lehne mich zurück, um möglichst viel Abstand zu ihnen zu bekommen, und antworte: »Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen.«

Sie gehen davon aus, dass dies nur der Auftakt ist und ich wenigstens mit ein paar Einzelheiten herausrücke, aber da müssen sie sich schon mehr anstrengen.

Sara fummelt an ihrem Glas, ihrer Serviette, ihrem Handy herum. »Sie stammt aus Alabama«, springt sie mir bei und sieht dabei Rachel an. Sara ist der Typ, der mit allen auskommen will. Wahrscheinlich hat sie als Hochzeitsschmuck rosa Rosen gewählt und sich bei der Auswahl des Geschirrs rücksichtsvoll an dasselbe Muster wie ihre Schwiegermutter gehalten.

»Von wo genau in Alabama?«, fragt Beth.

»Nicht weit von Tuscaloosa«, antworte ich.

»Warst du am Bama?«, hakt Allison nach, während Rachel beschließt, es frontal anzugehen.

»Wie heißt die Stadt, aus der du kommst?«

Ich gebe der weniger direkten Frage den Vorzug und antworte Allison: »Da war ich eine Weile.«

Genervte Blicke in die Runde verraten mir, wie frustriert sie sind.

Eine alte Volksweisheit lautet: Wer zuerst lügt, gewinnt. Der Spruch bezieht sich nicht auf die kleinen Notlügen, die uns leicht über die Zunge gehen, sondern auf die eine, große. Die Lüge, die das Blatt wendet. Die in voller Absicht geschieht. Die Art Lüge, die für alles, was danach kommt, unweigerlich die Richtung vorgibt. Ist sie erst einmal in der Welt, halten sie die meisten Menschen für wahr. Die erste Lüge muss folglich die überzeugendste sein. Es ist die, auf die es ankommt.

»Ich stamme aus Brookwood, eigentlich ein Vorort von Tuscaloosa. Ich bin ein paar Jahre ans Bama gegangen, hab aber keinen Abschluss gemacht. Meine Eltern und ich hatten vor ein paar Jahren einen schlimmen Unfall. Ich hab als Einzige überlebt. Als ich aus dem Krankenhaus kam, ist mir klar geworden, dass ich Veränderung brauche, und seitdem war ich mal hier, mal dort.«

Ihre Mienen ändern sich mit einem Schlag. An diesem Punkt sollten ihnen die nächsten Fragen im Halse stecken bleiben, weil nur ein Arschloch nach dieser Enthüllung weiter in mich dringen würde.

»Das mit deinen Eltern tut mir schrecklich leid«, sagt Sara und meint es offensichtlich auch so.

Ich beiße die Zähne zusammen und blicke zur Seite. Meine Körpersprache sagt ihnen, dass ich kurz davor bin, in Tränen auszubrechen, wenn ich gezwungen werde, weiter darüber zu sprechen.

Rachel signalisiert mir mit einem zarten Lächeln, dass sie meine Traurigkeit versteht, während sich die anderen vor Unbehagen winden. Sie hatten gehofft, Stoff für ihren Klatsch zu finden, vielleicht auch etwas, um gezielt nachzuhaken, wenn möglich, Geheimnisse zu lüften, die sie später gegen mich verwenden können, wenn nötig. Und jetzt dämmert ihnen, dass sie mich wohl oder übel an der Backe haben, weil man ein armes kleines Waisenmädchen schlecht vom Hof jagen kann.

Für einen Moment herrscht Schweigen in der Runde, das Rachel ohne erkennbare Gewissensbisse bricht.

»Und was hat dich am Ende nach Lake Forbing verschlagen?«

Ich sehe schon, wie die Frau einem den letzten Nerv rauben kann. Die Frage lässt bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen. Diese Stadt ist nicht groß, hierher verschlägt es einen nicht, es sei denn, man hätte dort Angehörige oder Freunde.

»Ich bin im Internet auf ein Jobangebot gestoßen. Hab mich beworben und bin hergezogen. Aus dem Job wurde nichts, aber da ich schon mal hier war, habe ich das Beste draus gemacht.«

»Wo war dieser Job?«, fragt Rachel.

»Im Krankenhaus«, antworte ich.

»Ah«, erwidert Rachel, »in welcher Abteilung denn?«

Ja, sie raubt mir definitiv den letzten Nerv. Die anderen Frauen geben einander Rippenpuffer, damit eine von ihnen diesem Gesprächsverlauf ein Ende setzt.

»In der Rechnungsabteilung«, antworte ich.

Sara reicht es offenbar mit diesem Hin und Her, und sie schaltet sich ein. »Ich wage mir gar nicht auszumalen, wie schwer das alles für dich sein muss. Aber ich freue mich für dich, dass du und Ryan euch gefunden habt.«

Unser Essen kommt, und während wir uns alle darüber hermachen, ist mir eine kleine Verschnaufpause vergönnt. Was Rachel nicht daran hindert, immer wieder zu mir herüberzuspähen, um aus mir schlau zu werden. Viel Glück damit.

So vergehen einige Minuten, bis sie mit der Gabel eine Tomate aufspießt und damit in meine Richtung zeigt. »Schon erstaunlich, wie schnell sich Ryan auf einmal in eine Beziehung stürzt. Beth sagt, du wärst schon bei ihm eingezogen. Ihr kennt euch gerade mal seit … zwei Monaten?«

Schluss mit lustig.

»Rachel …«, flüstert Allison.

Ich hebe die Hand, um ihr zu signalisieren, ich käme klar. »Schon verstanden, wirklich. Ihr kennt Ryan seit einer Ewigkeit, und da komme plötzlich ich daher, wie aus dem Nichts.« Ich verziehe das Gesicht langsam und genüsslich zu einem Grinsen. »Er kann sich glücklich schätzen, euch zu haben. Freunde zu haben, denen er so viel bedeutet.« Ich sehe Rachel direkt in die Augen. »Also frag mich doch, was du eigentlich wissen willst. Ob ich hinter seinem Geld her bin. Ich meine, darum geht’s hier doch in Wahrheit, richtig? Dass ich ihn benutze.«

»Nein, nein, nein …«, fällt Sara ein.

Doch Rachel erwidert ungerührt: »Ich habe Angst, dass er mit dem Schwanz denkt statt mit dem Verstand.«

Allison hält sich peinlich berührt die Hände vors Gesicht, während Beth die Augen verdreht und stöhnt: »Rachel, das reicht.«

In dem Moment sind sie vermutlich heilfroh, in diesem Restaurant niemanden zu kennen.

Sosehr sie mich nervt und so ungern ich es zugebe, ziehe ich vor Rachel insgeheim den Hut. Ich beuge mich vor und schiebe meinen Teller weg, um die Unterarme auf den Tisch zu legen. Unwillkürlich folgen die anderen meinem Beispiel.

»Wieso solltet ihr mir auch trauen? Weshalb solltet ihr mir ehrliche Absichten unterstellen? Aber wenn nicht mir, vertraut doch einfach eurem Freund! Ich mag euch nicht alles erzählen, was ihr von mir hören wollt, aber er weiß Bescheid. Das muss vorerst genügen.«

An diesem Punkt gibt es wenig mehr zu sagen. Wenn ich ihre Mienen richtig lese, werden Beth, Sara und Allison zu ihren Bezugspersonen zurückkehren und ihnen erzählen, wie Rachel sie mit ihrem Benehmen blamiert hat, statt sich in Spekulationen über meine Absichten gegenüber Ryan zu ergehen. Und da es Rachel nicht auf die Gästeliste zu unserem Dinner geschafft hatte, mache ich mir über ihren Einfluss auf Ryan keine großen Gedanken. Am wichtigsten jedoch ist: Niemand hat hinterfragt, wer ich bin und woher ich komme.

Wer zuerst lügt, gewinnt.