Weshalb lacht Gott? - Deepak Chopra - E-Book

Weshalb lacht Gott? E-Book

Deepak Chopra

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Beschreibung

Lachen ist die gesündeste Antwort auf das Leben. Mickey Fellows ist Komiker, hat immer einen coolen Witz auf Lager und ist von sich selbst überzeugt. Als sein Vater stirbt, gerät seine Welt ins Wanken. Mickey begegnet einem sonderbaren Fremden, Francisco, der ihn mitnimmt auf eine spannende Erkenntnisreise über den Sinn und die Bestimmung des eigenen Lebens. Deepak Chopra lotet die Tiefen des persönlichen Erkenntnisweges aus und führt Mickey und den Leser hin zu Optimismus und Befreiung. Ein Buch, das Leben verändert!

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Seitenzahl: 211

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Deepak Chopra

Weshalb lacht Gott?

Aus dem Englischen vonMichael Wallossek

Für Mike Myers,der mir gezeigt hat, dass wahre Spiritualität beinhaltet, sich selbst nicht so ungeheuer ernst zu nehmen, und für diejenigen überall auf dem Planeten, die gern lachen und an Weisheit ihre helle Freude haben.

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Inhalt

Weshalb lacht Gott?Der Weg zur Freude Zehn Grundsätze für den spirituellen OptimistenDankLesetipp

Weshalb lacht Gott?

1

GNADE DURCHDRINGT, EINEM SCHIMMERNDEN LICHTSTRAHL gleich, das ganze Universum, unabhängig von Entfernung, ungeachtet der Dunkelheit. Man sieht sie nicht, sie aber kennt ihren Weg. Jederzeit kann sie einen von uns mit ihrer geheimnisvollen Kraft berühren.

Sogar Mickey Fellows.

An diesem speziellen Tag düste Mickey gerade in seinem schwarzen Cadillac Escalade durch das San-Fernando-Valley. Ein Teil seiner Aufmerksamkeit war davon in Anspruch genommen, nach Möglichkeit eine unliebsame Begegnung mit einer am Straßenrand lauernden Polizeistreife zu vermeiden. Der Highway reflektierte die sengend heißen Strahlen der kalifornischen Sonne. Hinter den getönten Scheiben des Cadillac und den Panoramagläsern seiner Sonnenbrille hätte Mickey jedoch ebenso gut meinen können, er fahre in das fahle Licht der Abenddämmerung.

»Sag mir das bitte noch mal«, grummelte er in sein Mobiltelefon.

»Die Klubbesitzer sind nicht zufrieden. Sie finden das neue Programm nicht witzig. Sie wollen wieder den alten Mickey zurück.« Mickey hatte Alicia am anderen Ende der Leitung, seine Agentin.

»Die können mich mal. Eigentlich müssten sie mir den Allerwertesten dafür küssen, dass ich es überhaupt noch in Erwägung ziehe, bei ihnen aufzutreten.«

Mickey lagen Angebote von zwei Filmstudios vor. Der Zeitschrift People war seine letzte Scheidung eine Titelgeschichte wert gewesen. Er wollte allerdings mit dem Publikum in Tuchfühlung bleiben, wollte spüren, was bei den Leuten ankam. Das war für ihn der einzige Grund, noch in kleinen Klubs und Comedy-Theatern zu arbeiten.

Aber Alicia ließ nicht locker. »Auch wenn du vielleicht nicht nach ihren Regeln spielen magst, könnte es leicht sein, dass du eines Tages genau auf diese Klubs angewiesen sein wirst.«

»Gott behüte!« Mickey steckte sich eine weitere mit Menthol aromatisierte Zigarette an.

Gott genießt das Privileg, sämtliche Leben jederzeit im Ganzen vor Augen zu haben. Da hat er es leicht, von all den kleinen Besonderheiten und Unterschieden abzusehen. Könnte man aus unendlich großer Entfernung auf die Menschheit hinunterblicken, was bekäme man dann zu sehen? Bestimmt wäre der Durchschnittsbürger am betreffenden Tag gerade auf der Autobahn unterwegs.

Über seine Seele machte Mickey sich, wie die meisten von uns, nicht sonderlich viele Gedanken. Mit schmerzlichen Wahrheiten wollte er lieber nicht konfrontiert werden. Fast in jeder seiner im Wachzustand verbrachten Stunden schaffte er es daher, sich irgendwie abzulenken.

Im Moment hatte Mickey den Eindruck, es sei an der Zeit, für einen Lacher zu sorgen. »Hier hab ich ’nen guten Witz für dich«, meinte er zu seiner Agentin. »Mein Großvater ist achtzig Jahre alt. Trotzdem hat er beinahe jeden Tag Sex. Am Montag hatte er beinahe Sex, am Dienstag hatte er ebenfalls beinahe Sex, beinahe auch am Mittwoch.«

Alicia sagte kein Wort.

»Ich glaube, gerade bekomme ich einen weiteren Anruf«, meinte Mickey.

»Nein, bekommst du nicht.«

»Diesmal scherze ich nicht«, entgegnete Mickey. »Bleib dran.« Er drückte eine Taste. »Ja bitte?«

»Spreche ich mit Michael Fellows?«

»Wer will das wissen?« Immer wieder gelang es Fremden, an seine Nummer zu kommen.

»Ich rufe Sie aus dem Cedars-Sinai-Krankenhaus an.«

Mickey spürte, wie ihm eine Schweißperle den Nacken hinunterrann. Unwillkürlich hielt er das Lenkrad fester in der Hand. »Ja?«

In den wenigen Sekunden, die verstreichen, bevor eine drohend sich abzeichnende Katastrophe tatsächlich greifbare Formen annimmt, können einem unglaublich viele Gedanken durch den Kopf schießen. Mickey sah sich selbst bei der alljährlichen, erst vergangene Woche durchgeführten Vorsorgeuntersuchung. Für einen Moment tauchte das Gesicht seiner Frau in solcher Deutlichkeit vor ihm auf, als wären sie nicht bereits seit fünf Jahren geschieden. Krebs, Aids, ein Autounfall.

Das Rad des Schicksals drehte sich. Gleich würde der Zeiger zum Stillstand kommen und erkennen lassen, was passiert ist.

»Tut mir sehr leid, Mr. Fellows. Es handelt sich um ihren Vater.«

»Ist er vielleicht hingefallen? Ich habe doch eigens jemanden damit beauftragt, sich um ihn zu kümmern«, erklärte Mickey. Er hatte eine Vollzeitkraft als Haushaltshilfe engagiert, eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlende Frau aus Guatemala, die lediglich ein paar Brocken Englisch sprach.

»Ihr Vater hat in der Notfallaufnahme die bestmögliche medizinische Versorgung erhalten. Alles nur Denkbare ist unternommen worden, um ihn wiederzubeleben. Aber er konnte nicht gerettet werden.«

Die letzten Worte hörte Mickey schon nicht mehr. Sobald die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: »Alles nur Denkbare ist unternommen worden«, setzte ein Dröhnen in Mickeys Ohren ein, das jede andere Wahrnehmung übertönte.

»Wann ist er gestorben?«

Die Stimme, eine Frauenstimme, vermutlich diejenige einer Krankenschwester, hob zu Erklärungen an. Doch das Dröhnen in den Ohren sorgte dafür, dass diese weiterhin ausgeblendet blieben.

»Eine Sekunde bitte«, sagte Mickey. Er fuhr den Wagen auf den Seitenstreifen und atmete tief durch. Wie ein Schwimmer, der das Wasser aus den Ohren bekommen will, schüttelte er den Kopf: »Könnten Sie das wiederholen?«

»Als die Rettungssanitäter ihn eingeliefert haben, war er bereits nicht mehr bei Bewusstsein. Ein schwerer Herzinfarkt. Sie als sein nächster Angehöriger wurden namentlich und mit Telefonnummer in der Brieftasche genannt.«

Ein leichtes Schwindelgefühl überkam Mickey. »Hat er leiden müssen?«

Die Stimme gab sich alle Mühe, beruhigend zu klingen. »Falls es ein gewisser Trost für Sie sein sollte: So eine Herzattacke nimmt gewöhnlich einen sehr schnellen Verlauf. Alles in allem dauert sie nicht einmal eine Minute.«

»Eine Minute, die sich angefühlt haben wird, als wäre es eine Stunde«, dachte Mickey. »In Ordnung, ich bin gleich da. Werde ich ihn in der Notaufnahme finden?«

Die Frauenstimme sagte Ja. Mickey legte auf. Er fädelte den Cadillac wieder in den fließenden Verkehr ein und raste zur nächsten Ausfahrt. Die Nachricht hatte ihn kalt erwischt. Ein echter Schock. Aber er weinte nicht. Im Grunde wusste er gar nicht, wie ihm zumute war. Larry. Der alte Herr. Mickeys Mutter war jung gestorben. Brustkrebs. Auf ihrer Seite der Familie bestand offenbar diese Veranlagung. Sein Vater hingegen war unwahrscheinlich zäh. Ohne dass Mickey es wollte, kam ihm ein Gag in den Sinn.

Nach einem Herzschlag fällt eine Frau mittleren Alters tot um. Als sie in den Himmel kommt, sagt Gott: »Hier ist uns ein schreckliches Missgeschick unterlaufen. Erst in vierzig Jahren bist du eigentlich mit dem Sterben an der Reihe.«

Die Frau erwacht wieder zum Leben und geht nach Hause. Da sie noch eine derart lange Lebensspanne vor sich hat, sollte sie wohl besser für ein gutes Aussehen sorgen, denkt sie. Also entschließt sie sich zu einer Rundum-Erneuerung. Plastische Chirurgie, das volle Programm: Facelifting, Brustkorrektur, Bauchstraffung.

Zwei Monate später überquert sie die Straße und wird von einem Bus überfahren. Als sie dieses Mal in den Himmel kommt, sagt sie zu Gott: »Was läuft hier eigentlich? Ich sollte doch noch vierzig Jahre lang leben.«

Und Gott sagt: »Mabel, bist du es?«

Gewöhnlich fand Mickey Trost in den eigenen Gags. Auf diesen folgte allerdings eine Anwandlung von Schuldgefühlen. Das war doch jetzt wahrhaftig nicht der Zeitpunkt, Witze zu reißen. Aber so funktionierte sein Geist nun mal. Was sollte er machen?

Im Wartezimmer der Notaufnahme lag viel Anspannung in der Luft. Eine bedrückende, geradezu bleiern schwere Atmosphäre voller Leid. Von Verzweiflung zeugende Blicke hoben sich jedes Mal, wenn jemand vorüberging – in der Hoffnung, es könne ein Arzt sein. Mickey marschierte zum Empfang. Als die Schwester seinen Namen hörte, sagte sie: »Mein Beileid, Mr. Fellows, ein schwerer persönlicher Verlust. Hier entlang, bitte.«

Sie geleitete ihn durch eine Reihe von Pendeltüren. Es folgte ein von Rollbetten gesäumter Gang. Auf einem von ihnen, aufrecht sitzend und leise jammernd, sah Mickey einen Jungen, den Kopf mit blutgetränkte Bandagen umwickelt. Vor den Pendeltüren am Ende des Korridors blieben sie stehen. Die Schwester trat zur Seite.

»Sind Sie bereit?«

»Lassen Sie mir einen Moment Zeit. Ist das möglich?«, antwortete Mickey.

»Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie benötigen. Wenn Sie so weit sind, wird der Doktor gleich zu Ihnen kommen«, murmelte sie.

Um seine Nerven zu beruhigen, versuchte Mickey sich auszumalen, wie Larrys Gesicht im Tod aussehen würde. Stattdessen kam ihm jedoch ein weiterer Gag in den Sinn.

Gott und der Teufel befanden sich mitten in einer Diskussion. Es ging um den Zaun, der den Himmel von der Hölle trennt. »Auf deiner Seite ist er völlig marode«, sprach Gott. »Sieh doch selbst.«

»Na und?«, erwiderte der Teufel.

»Jeder ist auf seiner Seite für die Instandhaltung zuständig. Auf meiner Seite ist der Zaun perfekt.«

Völlig unbeeindruckt zuckte der Teufel die Achseln. »Und was willst du jetzt unternehmen?«

»Wenn du mir keine andere Wahl lässt, nehme ich mir einen Anwalt und verklage dich«, sprach Gott.

Der Teufel lachte nur. »Mach mal halblang. Wo willst du denn einen Anwalt auftreiben?«

Mickey kicherte, dann fasste er sich. »Um Himmels willen, warum kann ich mich bloß nicht wie ein normaler Mensch verhalten?«, murmelte er.

»Wie bitte?«, fragte die Schwester.

»Schon gut. Ich gehe jetzt rein. Vielen Dank.«

In all seinen siebenunddreißig Jahren hatte Mickey, aus welchem Grund auch immer, noch nie eine Leiche zu Gesicht bekommen. Das Licht in dem Raum war gedämpft. Auf einem Tisch lag, mit einem Laken bedeckt, eine Gestalt.

Mein Gott, Papa, hättest du mir nicht wenigstens mal einen kleinen Wink geben können, wie die Dinge stehen?

Erstaunlich, was für eine beruhigende Wirkung der Tod auf die Atmosphäre ringsum ausübte. Mickey dachte darüber nach und war bemüht, nicht von einem Schauer erfasst zu werden. Da dieser Geruch von Desinfektionsmitteln in der Luft lag, kam einem der Raum kühler vor, als er es tatsächlich war. Minuten verstrichen. In dem Bemühen, nicht an einen weiteren Gag zu denken, zwickte sich Mickey.

Ein Katholik, ein Protestant und ein Jude sterben. Alle miteinander kommen sie in den Himmel. An der Himmelspforte sagt Petrus –

Behutsam räusperte sich jemand neben ihm. »Mr. Fellows? Ich bin Dr. Singh.«

Im nächsten Moment dachte Mickey schon nicht mehr an die Lachnummer. Er wandte sich zu dem Inder im grünen Krankenhauskittel mit dem Stethoskop um den Hals.

»Ich wollte nicht stören«, murmelte der junge Arzt. Abgesehen von seinem schwarzen Stoppelbart sah er beinahe wie ein Zwanzigjähriger aus.

Mickey hatte einen Hauch von schlechtem Gewissen. Er denkt, ich sei ins Gebet vertieft gewesen.

Der Doktor machte eine einladende Handbewegung. »Treten Sie ruhig näher, wenn Sie mögen«, sagte er. Keiner der beiden verlor ein Wort, als der junge Arzt das Laken zurückschlug.

Den Vater anzusehen fiel Mickey nicht halb so schwer, wie er befürchtet hatte. So wie Larry aussah, hätte er auch schlafen können. Sein Gesicht hatte noch nicht jenen wächsern totenbleichen Farbton angenommen. Noch jenseits der siebzig war er ganz versessen darauf gewesen, das ganze Jahr über sonnengebräunt auszusehen.

»Er schaut friedlich aus.«

Dr. Singh nickte. »Möchten Sie wissen, was genau geschehen ist? Er wurde zwar vor Beginn meiner Dienstzeit eingeliefert, ich habe mir jedoch sein Behandlungsblatt angesehen. Manchmal wollen die Angehörigen Einzelheiten erfahren.«

»Bloß ein paar«, meinte Mickey. Würden wohl, fragte er sich, die meisten Söhne die Hand unter das Leichentuch stecken, um dort die Hand des Vaters anzufassen? Larrys Hände hatte man über der Brust ineinander verschränkt. Was wäre denn nun schauriger? Wenn Larrys Körper sich warm oder wenn er sich kalt anfühlte?

»Bei Ihrem Vater hat es sich um einen akuten Herzmuskelinfarkt gehandelt, eine schwere Herzattacke, ungefähr um vierzehn Uhr heute Nachmittag. Innerhalb von fünf Minuten trafen Sanitäter vor Ort ein. Wahrscheinlich war er aber bereits tot, bevor sein Körper auf dem Boden zu liegen kam.«

»Also ging es schnell?«, meinte Mickey.

»Ganz schnell.«

Vielleicht war das die Erklärung für Larrys Gesichtsausdruck, der im Grunde, wie Mickey inzwischen konstatiert hatte, nicht wirklich friedlich war, sondern eher ein wenig überrascht wirkte. Wer aber, dem es gerade das Herz in Stücke reißt und der nichts anderes verspürt als quälenden Schmerz, würde wohl lediglich erstaunt dreinblicken? Unvermittelt kam Mickey ein neuer Gedanke, auf den er nun überhaupt nicht gefasst war.

Ich bin gar nicht tot, du Trottel. Ich tu nur so. Hier hat man mir allerdings jede Menge Unannehmlichkeiten bereitet. Du kapierst die Pointe? Hoffentlich wenigstens du, wenn schon sonst niemand.

Mickey musste sich zusammennehmen, damit er nicht einem plötzlich auftretenden Drang nachgab, den Tisch umzustoßen, um den alten Mann auf den Boden zu schubsen. Das ist kein bisschen lustig, du kranker Bastard, würde er ihn anschreien. Und Larry würde, während er sich erhob, um sich aus dem Staub zu machen, in schallendes Gelächter ausbrechen.

Dann erspähte Mickey aus dem Augenwinkel den Gesichtsausdruck des Arztes. War es Nervosität, was Mickey dort wahrnahm? Der junge Arzt war womöglich recht unerfahren. Vielleicht hat er selbst noch gar nicht so viele Tote zu Gesicht bekommen. Mickey vermochte es nicht richtig einzuschätzen. Eines aber wusste er ganz sicher: Die ganze Situation hier war eindeutig nicht zum Lachen.

DREI TAGE SPÄTER begab Mickey sich zur Wohnung seines Vaters, um sie in einen übergabefähigen Zustand zu bringen. Larry hatte in einem kleinen Einbettzimmer einer Senioreneinrichtung in Culver City gewohnt. Lupe, der Haushälterin aus Guatemala, zahlte Mickey den ihr noch zustehenden Lohn aus. Sie war diejenige, die Larrys Leichnam gefunden hatte.

»Da vorn, Señor«, sagte sie, indem sie auf Larrys Lieblingsmöbel wies, einen Barcalounger-Relaxsessel, an den Mickey sich noch aus jener Zeit erinnern konnte, als er ein Junge gewesen war. Der Sessel, dessen abgewetzte Armlehnen mit brüchig gewordenem Leder bezogen waren, hatte die Kriege überdauert.

Daher hast du ihn also, dachte Mickey.

Lupe hatte sich ein freudig überraschtes Kichern nicht verkneifen können. Denn außer dem vereinbarten Lohn hatte er ihr einen Extrahunderter in die Hand gedrückt und den schon arg ramponierten Staubsauger zu ihrem Auto gebracht. Als sie fort war, bestand für Mickey kein Grund mehr, sich noch länger in dem einstigen Miniappartement des Vaters aufzuhalten. Also ließ er die Jalousien runter, sodass selbst das letzte fahle Licht der Abenddämmerung nicht mehr ins Zimmer gelangte. Er drehte den Thermostat aus und ließ den Blick durch den Raum schweifen.

Sonst noch was?

Auf dem Nachttischchen seines Vaters fand er eine halb leere Whiskeyflasche. Auf dem Etikett stand zwar »Jim Beam«, eigentlich konnte man ihn aber förmlich hören, den Hilferuf des Vereinsamten. Hatte sich der Vater, fragte sich Mickey, am Ende wohl selbst völlig aufgegeben? Am Telefon klang er immer quietschfidel.

»Nee, du brauchst dich wirklich nicht hierher auf den Weg zu machen. Dein alter Herr ist putzmunter, wie ein Fisch im Wasser und fit wie ein Flitzebogen«, pflegte Larry zu sagen. »Oder vielleicht bloß fit.«

Geistesabwesend wirbelte Mickey die Flasche mit dem bernsteinfarbenen Schnaps im Kreis herum.

Ziellos spazierte er durch das im Dunklen liegende Zimmer, die Flasche nach wie vor in der Hand. Schließlich ließ Mickey sich auf den abgewetzten Sessel nieder, schraubte von der Whiskeyflasche den Verschluss ab und nahm einen kräftigen Schluck. Dann hob er die Flasche und stellte sich vor, er würde zu Ehren des Verstorbenen einen Toast ausbringen. »Gott sei mit dir«, murmelte Mickey am Ende.

Er bekam gar nicht mehr mit, dass er da gerade im Sitzen einschlief. Die Dämmerung wich der Nacht. Die Whiskeyflasche war mittlerweile in seinem Schoß gelandet.

Hier machten sich keine winzigen Wesen im Gebälk zu schaffen, denn es gab kein Gebälk. Nichtsdestoweniger hatte die Hausverwaltung es mit dem Versprühen von Chemikalien allzu gut gemeint.

WACH AUF, KLEINER.

»Ich bin wach.«

Dann zeig das auch. Mach die Augen auf.

Erst jetzt begriff Mickey, dass seine Augen geschlossen waren. Von irgendwoher auf der anderen Seite seiner Augenlider drang ein schwacher Lichtschein zu ihm vor. Als er die Augen öffnete, sah er die Lichtquelle: Der Fernseher war’s, den er seinem Vater zu Weihnachten geschenkt hatte. Doch wer hatte das Ding bloß eingeschaltet?

Mickey rappelte sich auf. Klirrend kullerte die Whiskeyflasche über den Boden. Aber er achtete nicht weiter darauf. Denn der Fernseher spielte verrückt. Grauer Schnee flimmerte über die Mattscheibe. Für sich genommen, war das zunächst einmal nicht weiter verwunderlich. Mickey selbst hatte ja schließlich gerade tags zuvor den Kabelanschluss gekündigt.

Das Eigenartige daran war allerdings, dass sich in dem Schneegestöber der Elektronen vage Konturen abzeichneten. Mickey beugte sich vor, um sich das Ganze eingehender anzuschauen. Erst konnte er den Umriss eines Kopfes erkennen, dann zwei Hände.

Schalt nicht aus!

Ob der Umriss des Kopfes Larrys Gesichtszüge trug, hätte er nicht zu sagen vermocht. Bei der Stimme handelte es sich jedoch eindeutig um diejenige seines Vaters, gar keine Frage. An sich hätte Mickey allen Grund gehabt, völlig entgeistert aufzuspringen. Nichtsdestoweniger war es eine Tatsache, dass er sich erleichtert fühlte. Denn nun hatte er endlich den Beweis dafür, dass er träumte.

»Du bist im Fernsehen«, sagte Mickey mit etwas lauterer Stimme. Eigentlich bräuchte er doch nur hervorzukehren, wie absurd dieser Traum war, schon wäre der Bann gebrochen, und er würde aufwachen.

Ich bin nicht im Fernsehen. Erzähl keinen Unfug. Ich bin in der Vorhölle. Und sie lassen mich mit dir reden.

»Sie?«

Gottes Leute.

»Du kannst sie sehen?«

Genau genommen nicht. Das ist ein bisschen kompliziert. Hör einfach zu.

Mickey zögerte. Sein Blick fiel auf den Teppich. Dort lag die heruntergefallene Flasche. Aus ihr tropfte der Whiskey auf den Boden. Den scharfen Alkoholdunst konnte er riechen, unverkennbar. Das aber passte nicht ins Bild. Denn eins wusste Mickey ganz sicher: In seinen Träumen konnte er keine Gerüche wahrnehmen.

»Ich werde das ausschalten«, murmelte er.

Er drückte den entsprechenden Knopf der Fernbedienung, aber das graue Schneegestöber wollte nicht verschwinden und die sich darin vage abzeichnenden Umrisse ebenso wenig. Außerdem kamen jetzt die Hände in den Blickpunkt. Von innen drückten sie gegen die Mattscheibe.

Ich will dir helfen.

»Deine Hilfe brauche ich nicht«, entgegnete Mickey. Er betätigte noch ein paarmal die Fernbedienung.

Vergiss den Fernseher. Er dient mir lediglich als Weg, um mit dir in Verbindung zu treten. Schließlich glaubst du ja nicht an übersinnliche Erfahrungen. Da kam der Fernseher wie gerufen.

Mickey schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht mein Vater sein. Erstens ist dieser Vorhöllenkram Unfug. Zweitens –«

Die Hände ballten sich zu Fäusten und begannen von innen gegen die Mattscheibe zu pochen. Halt den Mund. Ich habe nicht die Vorhölle der Kirche gemeint. Das gleicht hier eher einer Zwischenstation, einem Haus auf halbem Weg. Weder hier noch da. Verstehst du?

»Nein, wie könnte ich denn?«

Etwas an dieser bizarren Erscheinung kam aber in der Tat ausgesprochen überzeugend rüber: Immer schon hatte Larry ein aufbrausendes Naturell gehabt. Für die Stimme galt offenbar dasselbe, denn sie begann deutlich lauter zu werden.

Vermassel das bloß nicht, Kleiner. Sei kein Blödmann, sondern hör mir zu.

»Schon gut, schon gut.« Mickey setzte sich wieder in den Sessel. »Ich höre.«

Hier ist es anders.

»Darauf würd ich glatt wetten.«

Das verstehst du nicht, kannst du auch nicht. Gerade habe ich noch im Sessel gesessen. Da, wo du jetzt sitzt. Einen Augenblick später beginnt bereits das ganze Zimmer zu verschwinden. Die Wände weichen zurück. Und im nächsten Augenblick geht es mit mir auch schon ab nach oben, durch die Zimmerdecke hindurch.

»Du hattest einen Herzinfarkt. Hast du das denn nicht gespürt?«

Schmerz wird aus der Erinnerung getilgt.

»Außer wenn das nicht passiert«, merkte Mickey zweifelnd an.

Unterbrich mich nicht. Ich bin immer weiter und weiter in die Höhe gestiegen, bis ich unter mir den gesamten Erdball und jeden, der sich auf ihm befand, im Blick hatte. Sämtliche Menschen konnte ich sehen, diejenigen auf der Tagseite und ebenso die auf der Nachtseite. Menschen jeder Altersgruppe und aller Hautfarben. Ein ganz unglaubliches Gefühl. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.

»Du bist also nicht ins Licht eingetaucht?«, wollte Mickey wissen.

Nein. Mich hat das auch verwundert. Ich bin einfach weiter in den Weltraum emporgeschwebt. Die Erde wurde immer kleiner. Ich werde wohl Gott näher gekommen sein, nehme ich an.

»Gott hält sich also im Weltraum auf?«, fragte Mickey.

Die Stimme ging darauf nicht ein. Dafür wuchs der Grad ihrer Erregung.

Ich schaute mich weiter um. Aber nichts. Kein Gott. Keine Engel. Dann habe ich sie jedoch gehört. Kannst du dir das vorstellen, Kleiner? Ich habe Gottes Stimme gehört.

»Was hat er gesagt?«

Gesagt hat er nichts. Nur gelacht.

»Über wen hat er gelacht? Über dich?«

Nein. Über niemanden hat er gelacht. Das Lachen war allgegenwärtig. Es hat das ganze Universum erfüllt. Es war schiere Freude.

Die Stimme wurde jetzt richtig ekstatisch, was so gar nicht nach Larry klang und bewirkte, dass Mickey sich unbehaglich fühlte. Denn das erinnerte ihn an jenes eine Mal, als er miterlebt hatte, wie sein Vater weinte – am Tag, als Mickeys Mutter gestorben war. Aber was scherte Mickey sich überhaupt darum, ob Gott unentwegt lachte? Komiker bringen die Leute zum Lachen. Das muss freilich nicht heißen, dass sie glücklich sind. Lachen ist ein Reflex, so wie Niesen.

Für ein paar Sekunden war die Stimme verstummt. Jetzt aber sagte sie: Jeder sollte diesen Klang hören, Kleiner. Das würde den alles entscheidenden Unterschied ausmachen.

Daran hatte Mickey ernsthafte Zweifel. Doch er wollte nicht schon wieder für eine Unterbrechung sorgen.

Die Stimme spürte, was Mickey durch den Kopf ging.

Ganz im Ernst. Solange die Welt nicht mit Gott zusammen lacht, wird keine Veränderung zustande kommen.

»Ändern wird sich ohnehin nichts«, meinte Mickey. Er beugte sich vor und hob die heruntergefallene Whiskeyflasche vom Boden auf. Einen Moment lang dachte er daran, noch einen Schluck zu nehmen, dann besann er sich jedoch eines Besseren.

»Ich bin froh, dass bei dir alles in Ordnung ist, Papa«, sagte er. »Aber ich muss gehen. Schönen Aufenthalt noch in der Vorhölle.«

Du glaubst mir nicht.

»Ich habe, glaube ich, einen kleinen Abstecher in den Wahnsinn unternommen. Nun werde ich heimgehen, um ein wenig zu schlafen. Es war eine anstrengende Woche.«

Nicht für mich.

»Da kann ich ja nur gratulieren.«

Das ist kein guter Abschluss, Sohn. Meine Zugangsmöglichkeiten sind begrenzt. Du solltest unbedingt zuhören. Ich kann dir zeigen, was du zu tun hast. Dann wirst du es auch vernehmen.

Mickey war bereits aufgestanden, um zu gehen.

»Wenn Gott gern lacht, habe ich hier einen Witz für ihn«, meinte er: »Ein Mann stirbt und landet in der Hölle. Der Teufel bietet ihm einen Rundgang durch die Hölle an. Dabei begegnen sie diesem neunzig Jahre alten Knacker, der auf einer Parkbank sitzt und ein hinreißend schönes zwanzigjähriges Mädchen knutscht.

Der Mann sagt zum Teufel: ›Was läuft denn hier? Soll das etwa die Hölle sein?‹

Darauf der Teufel: ›Ja, für das Mädchen.‹«

Ha, ha.

Die Stimme klang einigermaßen entmutigt, aber Mickey war es egal. Er konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, dass Gott andauernd lacht. Es sei denn, er fände das entsetzliche Chaos zum Lachen, das der Mensch auf Erden angerichtet hatte. Das wäre dann allerdings ein grausames Lachen. Ja der Teufel, der hätte in der Tat allen Grund, breit zu grinsen – über die ganze Visage.

Mickey war auf einmal ziemlich traurig zumute. »Jetzt bin ich wirklich enttäuscht von dir, Larry. Du hast mir doch sonst keine Moralpredigten gehalten. So viel du an anderer Stelle auch falsch gemacht hast, aus einem Grund hattest du immer einen gewaltigen Stein bei mir im Brett: Du warst nie ein Heuchler!«

Ich kann das alles wiedergutmachen, mein Kleiner.

»Zu spät.«

Mickey stand schon an der Tür. Das Schneegestöber verschwand von der Mattscheibe. Im Zimmer wurde es stockduster. Zögernd blieb seine Hand für einen Moment auf dem Türknauf liegen. Die Stimme hatte ihn davor gewarnt, es zu vermasseln. Was aber wäre, wenn er genau das gerade getan hätte?

2

AM NÄCHSTEN MORGEN SPRANG PAYBACK AUFS BETT UND begann, Mickey das Gesicht abzulecken. Payback war eine reichlich klein geratene Dobermannhündin. Erst hatte sie von Dolores, Mickeys einstiger Frau, den Namen Daisy erhalten. Nachdem Daisy jedoch im Rahmen der ganzen Scheidungsprozedur bei Mickey geblieben war, hatte er sie fortan Payback genannt. Dolores mochte fort sein, doch der Dobermann liebte ihn nach wie vor.

Payback begann zu winseln, den Blick unverwandt auf Mickeys Gesicht gerichtet. Sie verlangte nach ihrem Morgenspaziergang. Oder konnte sie vielleicht spüren, dass sich bei ihm eine Veränderung vollzogen hatte?

»Keine Sorge, Schatz«, flüsterte Mickey ihr ins Ohr. »Alles in Ordnung. Ganz bestimmt.« Payback hatte dieses leicht nervöse Naturell. Daher flitzte sie nun hin und her und zwickte ihn in die Hand.

Ein paar Minuten später führte Mickey, an die Küchenarbeitsplatte gelehnt, ein Telefonat.

»Entsorg all die Dinge aus der Wohnung meines Vaters. Gib sie weg. Nichts davon will ich haben.«

Am anderen Ende der Leitung war die Stimme von Alicia zu hören, seiner Agentin. »Wie steht es denn mit den Fotos, mit familiären Sachen?«

»Schau du alles durch. Da verlass ich mich ganz auf dein Urteil«, meinte Mickey.

Er schlürfte einen Schluck Espresso. »Weißt du, ich habe mir ein paar Gedanken gemacht. Bei meinen Auftritten kommt in keiner einzigen Nummer Gott vor.«

»Willst du jetzt damit beginnen?« Die Bedenken in Alicias Stimme waren unüberhörbar. »Was ist los mit dir?«

»Nichts.«

Dieser sonderbare Spuk der vergangenen Nacht war verklungen. Was auch immer Mickey an abwegigen Fantasien durchlebt haben mochte – nun war es vorüber. Dennoch, tatsächlich noch ein letztes Mal mit Larry sprechen zu können wäre schon eine prima Sache gewesen.

»Gönn dir eine kleine Auszeit«, meinte Alicia. »Nimm dir ein paar Tage frei. Mit den Raubtieren werd ich schon allein fertig.«

»Danke.«