Verlag: Penguin Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Westwall - Benedikt Gollhardt

Manche Spuren führen tiefer in die Vergangenheit, als uns lieb ist …

Scheinbar zufällig lernt Polizeischülerin Julia den attraktiven Nick kennen. Doch nach der ersten gemeinsamen Nacht entdeckt sie, dass er ihr einen falschen Namen genannt hat und ein riesiges Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken trägt. Julia ist geschockt – warum hat Nick sie angelogen? Mit einem Mal gerät ihr Leben in einen alptraumhaften Strudel, der droht, ihr alles zu nehmen, was ihr lieb ist. Die Suche nach der Wahrheit führt Julia in die menschenleeren Wälder der Eifel bis hin zum Westwall, einem alten Verteidigungssystem aus dem Zweiten Weltkrieg. Und damit zurück in ihre eigene Vergangenheit ...

Mit seinem Debüt »Westwall« beweist Benedikt Gollhardt auf überzeugende und mitreißende Weise, dass ein Thriller erschreckend aktuell und gleichzeitig hochspannend sein kann.

Meinungen über das E-Book Westwall - Benedikt Gollhardt

E-Book-Leseprobe Westwall - Benedikt Gollhardt

BENEDIKT GOLLHARDT, Jahrgang 1966, ist Drehbuchautor. Bekannt wurde er unter anderem durch preisgekrönte Serien wie Türkisch für Anfänger und Danni Lowinski. Mit seinem Thrillerdebüt Westwall greift Benedikt Gollhardt das aktuelle Gefühl unserer Zeit auf, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse zunehmend zu verschwimmen scheinen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Köln.

Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

Benedikt Gollhardt

Westwall

Thriller

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2019 Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: bürosüd

Covermotiv: Getty Images / Andreas Wonisch; Mauritius images / Jung und Wild design – Mica Zeitz; bürosüd

Redaktion: Kristina Lake-Zapp

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23803-2V001

www.penguin-verlag.de

Für Sabrina & Carlotta

PROLOG

Die alte Angst. Sie konnte sie wieder spüren. Julia blieb stehen, ihr Atem ging in schnellen Stößen. Durch die Baumkronen der mächtigen Buchen drangen nur wenige Sonnenstrahlen, am Boden lagen morsche Stämme zwischen üppigen Farnen, es roch nach Erde und Laub. Der Wald schien verwunschen, als wäre er noch nie von einem Menschenfuß betreten worden. Doch Julia wusste, dass es anders war. Sie waren hier gewesen, viele von ihnen, und sie hatten eine mächtige, düstere Spur hinterlassen: Hunderte hüfthohe Pyramiden aus verwittertem Beton ragten aus dem Waldboden wie Rückenstacheln eines riesigen Drachen, der eingegraben unter der Erde schlief. Die bemoosten Buckel standen in mehreren Reihen und schlugen eine unheimliche Schneise quer durch den Wald, eine trotzige Grenze aus einer dunklen Vergangenheit, ein machtvolles Bollwerk, das sogar Panzern standhalten konnte.

Von weit her schallten Hundegebell und triumphierende Rufe durch den Wald. Julia erschauerte: Sie haben ihn.

Auf einmal wusste sie, woher sie die Angst kannte. Es war die Angst ihres Vaters. Wolfgang hatte immer versucht, sie vor ihr zu verbergen, damals, in ihrem Bauwagen am See. Er hatte versucht, sie wegzulachen und wegzulügen, er war mit seiner Tochter geflohen, das ahnte sie jetzt, um es für immer von ihr fernzuhalten – das Böse. Sie hatte es schon als Kind gespürt, aber es war nicht mehr gewesen als ein dunkler Schatten, den ein böser Traum auf das Leben eines kleinen Mädchens warf und der mit den ersten Sonnenstrahlen wieder verblasste.

Inzwischen wusste Julia, dass es in der Welt war. Und jetzt war es ganz nah, hier, in diesem Wald. Es hatte über eine lange Zeit geschlafen, war von einer weichen Moosschicht überwuchert worden wie die Reihen der alten Betonbuckel zwischen den riesigen Buchen. Es war erwacht, es wuchs wieder, und es wurde stärker. Und Julia spürte: Das Böse hatte sie im Visier.

Plötzlich drang ein heller Schrei durch das Rauschen der Baumkronen. Julia schaute sich um. Die Äste der umgeknickten Stämme schienen ihre knorrigen Finger nach ihr auszustrecken; überall um sie herum, im dunklen Unterholz und im Laub, wisperte, knackte und raschelte es, als wolle der Wald sie jeden Moment packen und mit seinen schartigen Betonzähnen zermalmen.

Julia löste sich aus der Angststarre und rannte los, zwischen den bemoosten Drachenzacken hindurch, hinab in eine Senke, tiefer in den Wald, über ausladende Wurzeln und kleine Bäche, dem Gebell entgegen. Sie war nicht weit gelaufen, als sie auf einen riesigen grauen Quader aus grobem Beton stieß, der aus dem Waldboden zu wachsen schien. An den Seiten öffneten sich Schießscharten und eine trichterförmige Geschützöffnung, eine rostige Tür versank halb im Laub. Julia stand vor einem alten, verwitterten Bunker. Vorsichtig kletterte sie auf das flache Dach, legte sich an die hintere Kante und schaute hinunter auf eine kleine Lichtung.

Dort unten standen fünf Jugendliche im Alter von zwölf bis neunzehn Jahren, drei Jungen und zwei Mädchen. Sie hatten sich im Halbkreis um einen zitternden Teenager mit kupferroten Haaren aufgebaut, der sich ängstlich an einen umgestürzten Baum drängte. Er ist so blasswie ein Toter, dachte Julia bang. Die Jugendlichen trugen abgetragene Hosen und Kapuzenjacken in Olivgrün, Grau und Schwarz. Ihre Füße steckten in Springerstiefeln oder alten Wanderschuhen. Der Größte der Meute war der Anführer, ein schütterer Schnurrbart verdeckte nur spärlich die Narbe seiner Hasenscharte, seine eng beieinanderliegenden Augen musterten unruhig das Opfer. An seinem rechten Mittelfinger erkannte Julia den Ring – eine einfache Spirale aus Eisendraht, die sich wie ein Schneckenhaus spitz nach oben wand. Über seinem Rücken hing eine Armbrust mit Zielfernrohr und einem gefiederten Pfeil im Lauf.

Neben dem Großen stand ein gedrungener Jugendlicher mit pickelrotem Gesicht und grinste, seine Schneidezähne waren abgebrochen. In beiden Händen hielt er eine geflochtene Lederleine, an der zwei graue Mastinos zerrten und bellend und geifernd nach dem Rothaarigen schnappten. Eine muskulöse Sechzehnjährige mit tätowierten Armen und Händen zündete sich im Hintergrund eine Zigarette an.

Der Anführer packte das Opfer grob am Kragen. »Weißt du nicht, wie groß der Wald ist, du Idiot? Hast du echt gedacht, du schaffst es hier raus?«

Ein schlaksiges Mädchen mit nachlässig gefärbten blond-blauen Haaren grinste. »Lass doch die Hunde los, ein paar Meter schafft der Jonas noch!«

Der Rothaarige presste sich fester gegen den umgekippten Baumstamm, die geifernden Hundeschnauzen berührten fast seine Schuhe. »Wartet. Ich wollte nicht abhauen, bitte … ich wollte …«

Er kam nicht weiter. Blitzschnell warf der Große ihn zu Boden und drückte ihn mit beiden Knien tief ins Laub. Dann bog er den linken Arm des Jungen hoch, zog mit militärisch präzisen Griffen ein Seil aus seiner Hosentasche und band das zuckende Handgelenk fest an einen Ast des Baumes. Der Rothaarige schluchzte ins feuchte Laub, Erde und Blätter klebten an seinem Gesicht. Vom Dach des Bunkers aus konnte Julia erkennen, dass an seiner gefesselten Hand der kleine Finger fehlte, der kurze Stumpf war dunkel vernarbt. Das Flehen des Jungen wurde panisch. »Bitte nicht! Ich wollte nur jagen gehen! Ich schwöre!«

Der Große mit dem Schnurrbart tastete den Rothaarigen grob ab und zog plötzlich grinsend mehrere Zweihundert-Euro-Scheine aus dessen Hosentasche. »Wohl eher shoppen, was?«

Die Kids johlten.

Das tätowierte Mädchen rief aus dem Hintergrund: »Verdammt, Jonas, du Vollidiot!«

Der Anführer packte die Hand des schreienden Gefangenen, spreizte den Mittel- und Ringfinger ab und band beide mit dem restlichen Seil an den Stamm. »Du weißt, wie es läuft. Beim zweiten Mal sind es zwei!«, sagte er, zog ein großes Jagdmesser aus der stählernen Scheide an seinem Gürtel und hielt es dem Kleinsten in der Runde hin, einem Knirps von etwa zwölf Jahren mit schmalen Schultern und strubbeligen, schwarzen Haaren. »Du machst es!«

Die Miene des Kleinen versteinerte. Zögernd nahm er das Messer in die Hand, wo es groß wie eine Machete wirkte.

Feixende Blicke der anderen. »Erst den Stinkefinger!«, rief der pickelige Junge. »Nein, beide auf einmal!«, tönte das Mädchen mit den blond-blauen Haaren.

Der Rothaarige wand sich schluchzend am Boden, doch der Anführer hielt ihn mit eiserner Entschlossenheit fest. Das riesige Messer zitterte in der Hand des Kleinen, seine Augen klebten wie hypnotisiert auf den Fingern am Baumstamm. Das schlaksige Mädchen gab dem Kleinen einen Schlag auf den Hinterkopf. »Na los! Ich will endlich frühstücken!«

Der pickelige Junge legte den Kopf schief und grinste. »Hast du gehört? Kiki hat Hunger.«

Der Rothaarige schaute den Kleinen flehend an. »Ben … bitte … Tu’s nicht!«

»Schnauze, Jonas!«, schrie der Anführer, wandte sich zu dem Kleinen um und gab ihm eine Ohrfeige. »Und jetzt mach hin, Ben! Hack sie ab!«

Der Kleine kämpfte gegen die Tränen und hob langsam das Jagdmesser über seinen Kopf. Die Klinge zitterte.

»Hey!«

Ben hielt inne und schaute nach oben zu Julia, die sich auf der Bunkerruine aufgerichtet hatte. Die Gruppe erstarrte, der Rothaarige hörte auf zu wimmern. Julia machte einen Satz und landete auf allen vieren im weichen Laub der Lichtung. Die Hunde wichen zurück. Langsam richtete Julia sich auf, jede Faser ihres Körpers war gespannt. Sie blickte in die überraschten Augen der Jugendlichen. Auf einmal schoss ein Gedanke blitzartig in ihren Kopf und breitete sich wie eine elektrisierende, befreiende Infusion in ihren Adern aus: Das Böse ist stark. Was, wenn ich selbst das Böse bin? Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

Mit einer schnellen Bewegung schnappte Julia dem Kleinen das Jagdmesser aus der Hand und hielt es für eine Sekunde in die Luft, damit alle ihn sehen konnten, den Ring mit der einfachen, gewundenen Drahtspirale an ihrem Finger.

Dann drehte sie sich zu dem gefesselten Rothaarigen um und ließ entschlossen die schwere Klinge niedersausen.

1

Einige Wochen zuvor

Julia zog die Krawatte über ihren Kopf und fluchte. Sie hatte sie seit dem ersten Tragen nicht mehr aufgebunden, jetzt war das lose Ende durch den Knoten gerutscht. Ohne Schlips brauchte sie gar nicht erst zum Morgenappell hinunterzugehen, dachte sie, Ausbilder Roosen würde ihr den Kopf abreißen. Die anderen waren längst aus der Umkleide verschwunden, nur Julia stand immer noch in Unterwäsche und Bluse vor der Bank, neben ihr die riesige Sporttasche und ein Rollkoffer, aus denen haufenweise Klamotten quollen. Im Hintergrund rauschte eine Toilettenspülung, wenige Momente später kam Daria herein. Sie war Anfang dreißig, etwas füllig und trug einen dicken Zopf, der genauso tiefschwarz war wie ihre breiten, geschwungenen Augenbrauen. Sie war schon angezogen, schnallte den Gürtel ihrer Hose zu und musterte Julia skeptisch: »Das wird eng, Frollein.«

»Ich brauch dich!«, rief Julia.

Daria nahm die Krawatte und legte sie um Julias Hals. »In drei Minuten kommt der Alte!«

»Sag einfach nichts«, entgegnete Julia und durchwühlte hektisch die Sporttasche und den Koffer mit dem blauen Parka, der kurzen Jacke, zwei Cargo- und zwei einfachen Hosen, zwei Pullovern, zwei Unterziehrollis, zwei Krawatten, einem Trainingsanzug, Handschuhen, Schnürstiefeln, Halbschuhen, Sportschuhen, einem Gürtel, einer Mütze, Schulterklappen und der kugelsicheren Weste. Auf dem Rücken der blauen Jacke prangte groß ein reflektierender Aufdruck: POLIZEI.

»Hast du das Zeug gebügelt?«, fragte Daria und schlang die Krawatte routiniert zu einem Knoten.

»Hab’s versucht«, antwortete Julia, knöpfte mit fahrigen Fingern die Bluse zu und stieg anschließend in ihre weite Cargo-Hose. »Sieht man, dass ich sie abgenäht hab?«

»An dir sieht alles abgenäht aus. Du musst mehr essen!«, erwiderte Daria grinsend, ging zur Tür und schaute auf die Uhr. »Noch zwei Minuten!«

Julia schnürte die halbhohen Lederschuhe zu. Sie konnte hören, wie die letzten Polizeischüler die Treppen hinuntergingen, bereit für den Morgenappell, frisch geduscht, munter vom ersten Kaffee in der Mensa, scherzend und flirtend. Hastig zog sie die Uniformjacke an und knallte den Spind zu. Eine Minute vor sieben. Ein schneller Blick in den großen Spiegel neben der Tür. Sie leckte über ihre Handfläche und wischte fest über die kurzen braunen Locken – vergeblich, die drahtigen Haare wollten nicht am Kopf festkleben. Als sie mit der Frisur halbwegs zufrieden war, gab sie sich zwei kleine Ohrfeigen und zwickte sich fest in die müden Wangen. Da stand sie, Julia, die zukünftige Polizistin, Hüterin von Recht und Ordnung. Wirklich? Er war immer noch da, der leise Zweifel, als wäre alles nur ein Theaterstück, für das sie nachbesetzt worden war. Sogar heute, an dem Tag, dem sie so entgegengefiebert hatte.

Der Wecker hatte um halb sechs geklingelt, mehr schlafend als wach war Julia in das winzige Bad unter der tiefen Dachschräge gekrochen. Nach einer kurzen Katzenwäsche hatte sie im Stehen in einen Toast mit blassem Schnittkäse gebissen, dazu gab es löslichen Kaffee, ein Genuss im Vergleich zu dem selbstgerösteten Gebräu aus Eicheln und Zichorien, das ihr Vater ihr jeden Morgen vorgesetzt hatte. Um Viertel nach sechs hatte Julia in der Linie 16 gesessen, die sie zusammen mit den ersten verschlafenen Berufspendlern zum Hauptbahnhof brachte, wo sie erschrocken bemerkte, dass sie ihren Rucksack mit ihrem Handy und Portemonnaie zu Hause liegen lassen hatte. Egal, es steckte immer ein loser Geldschein in einer ihrer Taschen, also weiter mit der Regionalbahn 48. Ihre schlafverquollenen Augen hatten die trostlose Peripherie der Großstadt kaum wahrgenommen, die ersten Staus auf der Autobahn, den Baumarkt mit dem fußballfeldgroßen Parkplatz, das riesige Schienenareal des Containerbahnhofs, die gigantischen Lagerhallen der Speditionen, die Kiesgrube, an deren kargen Hängen noch der Müll der Wochenendschwimmer lag, und schließlich die Ölraffinerie am Horizont mit ihren rostig-braunen Schloten. Am Brühler Bahnhof hatte Julia wie so oft den 930er-Bus verpasst, weshalb sie die letzten anderthalb Kilometer zum Ausbildungsgelände rennend zurücklegen musste. Die riesige Sporttasche mit der Uniform wippte schwer auf ihrer Schulter, der gelbe Rollkoffer vom Sperrmüll holperte durch die Schlaglöcher. An der Schranke hatte die Pförtnerin sie mit dem gewohnt aufmunternden Lächeln gegrüßt, in dem Julia immer eine Prise Mitleid zu sehen glaubte. Natürlich hatten die anderen schon längst die Schranke passiert und frühstückten gerade in der Mensa oder saßen schwatzend in der Umkleide. Julia hätte sich einer der Fahrgemeinschaften anschließen können, aber sie schaffte es einfach nicht, noch früher aufzustehen, und sie schaffte es noch weniger, sich um diese Uhrzeit mit Menschen zu unterhalten, auch nicht mit netten.

Die Morgensonne hatte frisch durch die Bäume geblitzt, als Julia den Koffer die lange Straße entlang ins Herz des Geländes zog. Ein umzäunter Campus, eingerahmt von der Autobahn 553 Richtung Phantasialand und dem kleinen Park eines Rokoko-Jagdschlosses. Verstreut auf dem Gelände befanden sich Bauten mit Hörsälen, Turn- und Schwimmhallen, ein Mensagebäude, Stellplätze für Übungswagen, Wasserwerfer und Absperrgitter, ein Sportplatz, ein Übungsparcours aus rostigen Containern zum Häuserkampftraining und einige mehrstöckige Bürogebäude. Den ganzen Tag lang trieben sich überall auf dem Areal Gruppen aus je sechzehn Studierenden in Uniform herum; es wurden Verkehrskontrollen geübt, Zeugenbefragungen und Festnahmen mit und ohne Gegenwehr vorgenommen, Fahrtests mit Streifenwagen und Lauftrainings auf dem Sportplatz absolviert.

Julia mochte Brühl, es war ihr eigentlicher Geburtsort als Polizistin. Hier hatte sich das Mädchen aus der Bauwagensiedlung mit seinen selbst genähten Klamotten und den wilden braunen Locken in eine junge Frau verwandelt. Hier hatte sie zum ersten Mal eine Uniform getragen. Hier hatte sie zum ersten Mal in einem Streifenwagen gesessen und das Martinshorn und Blaulicht eingeschaltet. Mit weichen Knien hatte sie im unterirdischen Schießstand gestanden, die Arme ausgestreckt, in der rechten Hand die Walther P99, Kaliber 9 x 19 Millimeter, 680 Gramm schwer, die Beine leicht eingeknickt, den Po rausgestreckt. In ihrer Uniform war ihr der Schweiß die Achseln hinuntergetropft, als die Ausbilderin ihr die Hand beruhigend auf die Schulter gelegt und das Kommando gegeben hatte: »Laden! Entschlossene Schusshaltung! Schießen!« Der Schlag hatte Julias rechte Hand hochgerissen, und sie hatte auf ihrer Zunge den metallischen Geruch von Schmauch schmecken können. Der Knall war trotz der dicken Schallschutzkopfhörer gewaltig gewesen und hatte Julia für einen Moment paralysiert und gleichwohl fasziniert: Sie hatte das metallene Ding in ihren Händen zum Leben erweckt, sie hatte seine Macht gespürt, die Macht zu töten. Und sie hatte eine Ahnung bekommen, wie eine Waffe einen Menschen umschmeicheln konnte. Sie machte einen stark.

Nach dem Schießtraining hatte Julia ihre Pistole auseinandergebaut, gereinigt und wieder zusammengesetzt, und die Ausbilderin hatte ihr die Patronenhülse des ersten Schusses gegeben, zusammen mit der postergroßen Pappe, die sie damit durchlöchert hatte. Wieder zu Hause in ihrer Dachwohnung, hatte Julia das Andenken mit dem winzigen Loch über ihr Bett gehängt. Sie war endlich angekommen. Am anderen Ende der Welt bei der Polizei.

Eine Minute vor sieben. Julia stopfte die leere Sporttasche in den Rollkoffer, knallte den Spind zu, rannte aus der Umkleide und sprang in großen Schritten Stock für Stock die Treppen hinunter zum Parkplatz, wo schon über sechzig Polizeischüler in U-Form aufgereiht warteten, sich leise flüsternd miteinander unterhielten, an ihren Uniformen zupften und schnell ihre Kaugummis in Taschentücher spuckten. Julia ordnete sich ein, drückte den Rücken durch und wurde eins mit dem blauen Block. Um Punkt sieben öffnete sich die Tür des Hauptgebäudes, Hauptkommissar Berthold Roosen kam mit den anderen Ausbildern heraus und stellte sich vor seinen Kurs. Schlagartig wurde es ruhig, keiner rührte sich. Roosen hatte die Statur einer gedrungenen, alten Bulldogge. »Guten Morgen. Wie ist Ihre Stärke?«

Vom Rand der Gruppe meldete sich Sebastian, ein kräftiger Polizeischüler mit kantigen Gesichtszügen. »Soll sechzehn, Ist sechzehn!«

Hauptkommissar Roosen nickte und musterte die Uniformierten. Er war der älteste Lehrer in Brühl. Trotz seiner beinahe sechzig Jahre hatte er dichte, dunkelgraue Haare, und bei den Sportübungen hatte Julia sehen können, dass seine Bizepse immer noch in den Ärmeln der Hemden und T-Shirts spannten. Sein Griff bei den Hilfestellungen an den Geräten hatte eine roboterhafte Kraft, und wenn er brüllte, schwollen die Adern an seinem baumstammdicken Hals an wie Blutegel. Der Eindruck täuschte, das wusste Julia. Sie hatte in der Bauwagensiedlung lange genug mit Menschen unterschiedlichsten Alters auf engem Raum gelebt, um die Zeichen der Abnutzung an Roosens Körper zu bemerken: Sein vorsichtiger Gang deutete auf verschlissene Kniegelenke hin, an den Fingern waren die ersten arthritischen Knoten zu erkennen, zwei Sorgenfalten gruben sich tief von der Nasenwurzel in die Stirn, und unter den hellblauen Augen schwollen die Tränensäcke.

Roosen stand vor seinen Studenten und tastete mit scharfem Blick die Uniformen und Schuhe auf Falten und Verschmutzungen ab. Julia musste gegen den Drang ankämpfen, zu Boden zu starren. Er ist ein Wolf, dachte sie, er wittert es. In der Einöde hatte es keine Strenge gegeben, aber in den letzten Jahren hatte sie es immer stärker herbeigesehnt – Struktur und Klarheit, ein normales Leben. Dafür hatte sie alles hinter sich gelassen, die Uckermark, den großen See, die verrückten Aussteiger, ihren Vater Wolfgang. Sie hatte beim Feind angeheuert, dem »Männerbund«, wie er es nannte, den »Bullenschweinen«. Julia hatte sich nicht wirklich geärgert – Wolfgang war ein liebevoller Mensch und ein radikaler Prediger, ein ehemaliger Punk, der über seinem Bett im Bauwagen eine Kette mit Dutzenden abgebrochenen Mercedessternen hängen hatte und dessen Arme und Oberkörper mit wilden, bunten Tattoos bedeckt waren. ACAB. All Cops Are Bastards! Er hatte am Lagerfeuer in der Mitte des Bauwagenkreises mit seinen Heldengeschichten geprahlt, davon, dass er Häuser besetzt und mit Pisse gefüllte Luftballons auf die Drecksbullen geworfen hatte und sich von niemandem, wirklich niemandem etwas hatte sagen lassen.

Da kommt es her, dachte Julia und fühlte sich in der Uniform immer noch wie eine Rollenspielerin.

»Willkommen zurück im Ausbildungszentrum. Ich wünsche Ihnen einen guten Start. Dienstende ist um 15 Uhr 30!«, rief Hauptkommissar Roosen den Nachwuchspolizisten entgegen und drehte sich zur Tür.

Julia atmete vorsichtig aus. Er hat es nicht gewittert. Wieder einmal davongekommen.

»Frau Gerloff?«

Julia zuckte zusammen. Roosen war stehen geblieben und fixierte sie mit seinen durchdringenden Husky-Augen. »Bitte kommen Sie gleich in mein Büro.«

Der Hauptkommissar ging, und Julia wechselte einen bangen Blick mit Daria.

*

Roosen saß im obersten Stock des Hauptgebäudes und wartete zurückgelehnt in seinem Schreibtischstuhl auf das Klopfen. Es würde zart sein, da war er sich sicher. Der Ausbilder kannte seine Schäfchen, er hatte zwei Dutzend Jahrgänge in den Polizeiberuf geführt, und noch heute würde er jeden einzelnen Studenten auf der Straße erkennen. Früher war es einfacher gewesen, da hatte es noch schräge Vögel gegeben. Heute sahen alle gleich aus. Und alle wollten ständig reden, diskutieren und begründet haben, warum sie eine Übung so oder anders machen sollten. Er mochte die jungen Leute, aber sie waren verdammt anstrengend. Roosen blätterte durch Julias Personalakte. Die Gerloff ist anders als die anderen, dachte er und wunderte sich, dass er es nicht schon früher bemerkt hatte. Sie ist immer im Halbschatten mitgelaufen, macht ohne Zögern, was man ihr sagt, redet nicht viel, ist nie geschminkt, weiß aber genau, was sie will. Unangepasst und trotzdem unauffällig – wie Paula. Ich wette, sie schneidet sich ihre komischen Haare selbst, vielleicht sogar mit einer Papierschere, ein Frisör würde mit so einem Schnitt niemals durchkommen. Ihre Zivilklamotten sind abgetragen, nicht so neumodisch wie bei den anderen. Burschikos ist die Kleine, aber irgendwie niedlich mit ihren Sommersprossen um die Nase.

Es klopfte energisch. Roosen klappte die Akte zu und richtete sich auf. »Herein!«

Julia trat ein, schloss die Tür hinter sich und stellte sich in die Mitte des Raumes.

Dieses Trotzige in den Augen, dachte Roosen, wie bei Paula, wenn sie ihr Zeugnis zeigen musste. Die wollte sich auch immer die Haare selbst schneiden. Sein Blick wanderte zu dem großen, versilberten Rahmen auf der anderen Seite des Schreibtisches, in dem ein Familienbild aus einem Fotostudio steckte: Marion Roosen, die sportlich-jugendliche Ehefrau mit kastanienbraun gefärbten, zur Welle geföhnten Haaren, und die noch jungen Kinder. Die rundliche Johanna mit einer festen Zahnspange und die hübsche Paula neben der Mutter, der Nachzügler Leo auf ihrem Schoß. Alle drei mit gekämmten Haaren und verkrampftem Lächeln. Hinter der Familie er selbst, der aufrechte Vater Berthold, der seine Lieben mit einer großen, schützenden Umarmung zusammenhielt. Gefangen hält, hatte seine Frau damals schmunzelnd behauptet, als sie alle vor dem Fotografen im Scheinwerferlicht standen. Hatte ihr vorwurfsvolles, ironisches Lächeln gelächelt, das er so sehr hasste. Wann hatte sie damit angefangen? Als es mit Paula losging?

Julia trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Roosen räusperte sich und deutete zum Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. »Setzen Sie sich.«

Julia nahm Platz, und er musterte sie einen Moment lang.

»Ich möchte, dass Sie eine erwachsene Polizistin werden«, sagte er. »Ich möchte, dass Sie Verantwortung übernehmen.«

»Okay …«

»Es hat sich bisher noch niemand als weiblicher Kurssprecher gemeldet. Das ist jetzt Ihr Job.«

»Echt?«, rutschte es Julia raus. Es klang nicht nach Begeisterung.

»Ja, echt«, gab Roosen zurück. »Oder wollen Sie lieber Materialverantwortliche sein?«

»Nein, nein, ist schon okay …«

Roosen nickte zufrieden. Er würde auch die schwächsten Schäfchen stark machen für diese Welt. Bei Paula hatte er nicht hingeschaut und teuer dafür bezahlt. Aber wie hätte er auch hinschauen sollen? Es hatte ganz leise begonnen, sie war ruhiger geworden, hatte sich unsichtbar gemacht. Er hatte genug mit Johanna zu tun gehabt, mit der Schreierei und dem Gezanke um Fernseh- und Computerzeit, um die Schule und das ewige Duschen. Aber er hatte falschgelegen. Marion hatte ihm das seitdem immer wieder vorgehalten, und sie hatte recht: Es war seine Pflicht als Vater gewesen, auf alle Kinder zu achten, ihren Weg nach draußen lückenlos zu begleiten. Er hatte versagt. Das sollte nie wieder passieren, auch nicht bei seinen anderen Kindern, den Auszubildenden.

Er musterte Julia. »Hat das Methode?«

»Was?«

»Sie kommen jeden Morgen als Letzte.«

Julia schluckte ertappt. »Ich?«

»Es gibt Fahrgemeinschaften.«

Julia rang nach Worten: »Ich brauche meine Zeit morgens …«

Roosen musterte sie ernst. »Werden Sie gemobbt?«

»Nein! Überhaupt nicht«, beschwichtigte Julia eilig. »Mir geht’s gut. Alles gut.«

Roosen ließ sich gegen die Rückenlehne sinken und drehte sich auf seinem Sessel zu den Abschlussfotos an der Wand hinter seinem Schreibtisch um. »Ihre Klasse ist meine letzte.«

Sein Blick schweifte über die eingerahmten Erinnerungsbilder der letzten Jahrzehnte. Neben den Fotos hingen Karten mit Danksagungen der Studenten, die zu seiner Verwunderung voller Herzchen und Smileys waren, und über allem prangte ein riesiges Mannschaftsbild des 1. FC Köln. Er drehte den Sessel weiter, und seine Augen blieben an dem unvermeidlichen Kalender der Polizeigewerkschaft hängen. Am Schrank klebte ein Zeitungsartikel über das Ausbildungszentrum, überschrieben mit »Police-Academy in Brühl«, auf dem Regal mit den Aktenordnern reihten sich Pokale von polizeiinternen Fußballturnieren und Curling-Wettbewerben. Dazwischen stand ein Bilderrahmen mit einem Foto von Roosen als jungem Streifenpolizisten in der alten grün-braunen Uniform vor einem VW-Käfer mit Blaulicht. Er hatte gut ausgesehen mit seinen Koteletten, es war eine tolle Zeit gewesen damals, vielleicht die beste.

Als der Bürosessel seine Runde vollendet hatte, hielt der Hauptkommissar an und musterte Julia bedeutungsvoll. »Es gibt über 250 000 Polizisten in Deutschland. Eine mittelgroße Stadt, deren Einwohner nur aus Polizisten bestehen. Sie sind einer davon, obwohl Sie noch keinen Stern auf der Schulter tragen.«

Julia nickte mit regungsloser Miene.

»Polizist sein ist kein Job. Das ist eine Haltung«, fuhr Roosen fort.

»Ich weiß.«

»Wissen Sie auch, was Sie da erwartet? Da draußen?«

Der Hauptkommissar deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Fenster, eine drohende Geste. Er hatte diesen Vortrag schon Hunderten von Studenten gehalten und ihn über die Jahre hinweg verfeinert, aber diese Geste gefiel ihm besonders. Sie unterstrich, dass es ein sicheres »Drinnen« und ein wildes, dschungelartiges »Draußen« gab, und das war die Wahrheit.

»Da draußen wird man gegen Sie kämpfen. Sie werden zwanzig Stunden im Einsatz stehen, man wird Sie bespucken, mit Pflastersteinen und Molotowcocktails bewerfen, mit dem Messer auf Sie losgehen, Sie anbrüllen und beleidigen. Man wird Sie hassen!«

Als Roosen Julias starres Gesicht sah, spürte er plötzlich, wie von irgendwoher – weiß der Geier, woher – Traurigkeit in ihm aufstieg. Sie war so jung, schoss es ihm durch den Kopf, sie war so unschuldig. Er musste sich zügeln. Er durfte ihr nicht alles sagen. Dass es noch Schlimmeres als Molotowcocktails und Pflastersteine gab.

Das Schlimmste war die verdammte Machtlosigkeit. Manche erwischt es schon nach wenigen Jahren, sinnierte Roosen, andere halten länger durch, aber irgendwann bekommt sie jeder zu spüren, und dann ist es zu spät. Dann hat sie sich längst ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür.

Roosen drehte sich nachdenklich zum Fenster. Es hatte auch ihn erwischt. Schon vor vielen Jahren. Diese bescheuerten Richter! Wie oft hatte er das kriminelle Pack von der Straße geholt und den Herren auf ihren Altar gelegt, damit es die gerechte Strafe erhielt? Wie viele Zeugenaussagen hatte er schon gemacht, und was taten die Richter in ihren feinen Roben? Sie ließen das Pack wieder laufen! Aus Mangel an Beweisen, weil es unter Drogen stand, wegen der Sozialprognose … Diese Weltverbesserer glaubten tatsächlich, sie würden Recht sprechen, aber sie hatten nicht die Blicke gesehen, nach der Verhandlung auf dem Flur. Wie ihm das Pack ins Gesicht grinste, war jedes Mal eine Ohrfeige. Er war der Hüter des Gesetzes, dachte Roosen düster, und er war machtlos! Ein Büttel! Die Polizei musste den Dreck zusammenkehren, damit die da oben ihn wieder auf die Straße kippen konnten. Das System spuckte ihm jeden Tag ins Gesicht, ihm und all seinen Schülern. Aber nicht mehr lange. Bald schon würde sich etwas verändern. Und er hatte die richtigen Verbündeten …

Roosen biss sich auf die Unterlippe, der Schmerz ließ den wohlig dunklen Gedanken verschwinden. Er wandte sich wieder Julia zu und lächelte. »Ich habe meine Auszubildenden für die Welt da draußen fit gemacht, ausnahmslos. Damit sie die Besten werden. Also keine Sorge.« Roosen blickte auf seine mattschwarze Taucheruhr. »Aber ich hab Ihnen schon genug Zeit gestohlen. Mahlzeit.«

»Mahlzeit, Herr Hauptkommissar.« Julia ging zur Tür.

»Eine Sache noch«, rief Roosen ihr hinterher.

Julia drehte sich um.

»Ihre Cargo-Hose …«

»Ja?« Julia wurde rot.

»Haben Sie die eingenäht?«

»Nur drei Zentimeter. Sie ist mir …«

»Die Uniform ist Eigentum des Landes«, fiel ihr Roosen barsch ins Wort. »Bei mutwilliger Beschädigung muss sie ersetzt werden.«

»Ich hab nichts abgeschnitten, ich kann sie wieder auslassen«, erklärte Julia.

Paula, dachte Roosen wieder und spürte einen Stich in seiner Brust. Sie ist wie sie, ein Vogel, frei und rein, sie gehört zu den Guten. Er spürte, wie der dunkle Gedanke in seinen Kopf drang. Und ich? Wenn sie von den Treffen wüsste. Sie würde mich hassen. Sie würde mich bei der Dienstaufsicht anzeigen, es überall rumerzählen! Die Hölle würde losbrechen. Ich muss vorsichtig sein, noch sehr viel vorsichtiger …

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte Julia.

Er nickte ernst. »Ich kann diese weiten Hosen auch nicht leiden. Wir sind Polizisten und keine Dachdecker. Aber übertreiben Sie’s nicht!«

»Versprochen«, antwortete Julia mit einem Lächeln und ging.

»Und essen Sie mehr!«, rief der Hauptkommissar ihr nach. »Sie sind doch hoffentlich keine Veganerin?!« Doch sie hatte die Tür bereits hinter sich geschlossen.

*

»Ich hab keine Zeit für so einen Scheiß!« Julia hob ihren ausziehbaren Schlagstock und drosch mit voller Wucht auf einen riesigen Lkw-Reifen ein, ihr grüner Trainingsoverall war nassgeschwitzt. Neben ihr stand Daria und hielt den Reifen fest, dahinter powerten sich die restlichen Studenten bei der gleichen Übung aus. Die Sporthalle war erfüllt vom Klatschen der Knüppel auf dem harten Gummi.

»Fester!« Die Nahkampf-Trainerin, eine ehemalige Judoka und Olympiateilnehmerin von 1992 mit dem Kreuz einer Schwimmerin, ging mit lauter Stimme durch die Reihen der Nachwuchspolizisten. Sie schrie: »Gewaltmonopol heißt auch, Gewalt einsetzen, wenn es nötig ist. Dafür müssen Sie lernen, was Gewalt ist! Und Wechsel!«

Schwer atmend ließ Julia ihren Knüppel sinken und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Daria übernahm ihren Posten.

»Kurssprecher … So viel Arbeit ist das nun auch wieder nicht«, beschwichtigte sie. Vor dem Training hatte Julia ihr von dem Gespräch mit Roosen erzählt. »Die Verspätungen kann Sebastian melden, und die Kurssprechersitzungen kann er auch mal alleine machen. Die Klamottenansage schaffst du ja wohl.« Daria schlug fest auf den Reifen, den Julia schwer atmend festhielt.

»Ich weiß ja nicht mal, was ich selbst anziehen soll. Ich hatte noch nie so viele Klamotten!«

»Schätzchen …« Daria hielt inne und warf Julia einen süffisanten Blick zu. »Nasrin hat die ganze Nacht gekotzt, ich hab bis drei in der Küche gestanden und Gemüsesuppe gekocht, damit sie heute was in den Bauch kriegt. Wenn du echte Probleme willst, leg dir ein Kind zu.«

Julia bewunderte Daria. Die iranischstämmige Kollegin war mit zweiunddreißig die Älteste des Jahrganges, aber trotzdem den anderen in Sachen Kraft und Ausdauer überlegen. Zehn Jahre zuvor hatte sie ein Jurastudium begonnen, ihren Sandkastenfreund geheiratet und eine Tochter zur Welt gebracht. Wenige Semester vor ihrem Abschluss war ihr klar geworden, dass sie und ihr Ehemann sich schon viel zu lange kannten, also ließ sie sich scheiden und verzichtete auf Alimente. Das Studium überforderte sie bald, und nach einigen Monaten voller Bauchschmerzen, Tränen und Frustsaufen hatte sich Daria entschieden, noch einmal von vorne anzufangen. Wenn schon nicht Anwältin, dann wenigstens Polizistin.

Anfangs waren sich Daria und Julia eher distanziert begegnet, aber dann hatten sie sich als Außenseiter entdeckt – die alleinerziehende Perserin und das Mädchen aus der Landkommune.

»Und Wechsel!«, schrie die Trainerin. Julia nahm ihre Position wieder ein, als Sebastian neben ihr auftauchte. Sein freundliches, gebräuntes Gesicht war verschwitzt.

»Ich hab gehört, wir sind jetzt Kollegen.«

Julia sah aus dem Augenwinkel Darias neugierigen Blick und wurde rot.

»Dann müssen wir uns ja doch mal treffen«, fügte Sebastian vieldeutig hinzu, und Julia versuchte ein Lächeln. Es war nicht zu übersehen – der Kurssprecher hatte schon seit einiger Zeit ein Auge auf sie geworfen. Er war der Primus der Klasse, ein Informatik-Crack, trotzdem sportlich, gut aussehend und eloquent – ein Superbulle, da waren sich alle einig. Einige Tage zuvor hatte er Julia am Automaten einen Schokoriegel ausgegeben und gefragt, ob sie Lust habe, sich mit ihm auf einen Kaffee oder zum Kino oder zum Pizzaessen oder zu einem Spaziergang im Schlosspark zu treffen. Julia, die bei zu großer Auswahl immer nervös wurde, hatte abgelehnt. Danke, aber sie habe leider zu viel zu tun.

»Klar, treffen wir uns mal«, sagte Julia jetzt und zog ihren Schlagstock auseinander. »Hab grad nur ein bisschen viel um die Ohren.«

»Okay, meld dich. Jederzeit.« Sebastian zwinkerte ihr zu und ging zurück zu seinem Reifen.

Daria schaute ihm nach und musterte Julia mit einem vielsagenden Blick. »Nicht uncharmant, der Versuch. Dafür, dass du ihn schon so lange zappeln lässt …«

Julia schlug stumm auf das Gummi.

»Hast du seine Wimpern gesehen?«, versuchte es Daria noch einmal grinsend. »Dafür geben manche Frauen viel Geld aus.«

Julia drosch weiter auf den Reifen ein.

Plötzlich riss Daria die Augen weit auf und musterte Julia. »Nee jetzt!«

»Was?«

»Du stehst nicht auf Männer!«

»Doch!« Julia schüttelte irritiert den Kopf.

»Aha. Und deshalb gehst du seit anderthalb Jahren alleine ins Bett.«

»Ich hab noch einen Pflegejob! Mir bleibt keine freie Minute!«

»Du redest mit einer alleinerziehenden Mutter«, konterte Daria. »Und die kommt auch ab und zu auf ihre Kosten.«

»Hey, ihr zwei, Schluss mit dem Kaffeeklatsch!«, blaffte die Trainerin von der anderen Seite der Halle. Sie hatte einen Studenten zu sich gewinkt und demonstrierte gerade, wie man einen auf den Kopf gezielten Schlag mit dem Stock abwehrte. »Los geht’s! Paarweise, erst langsam einschlagen, dann vorsichtig steigern!«

Daria stellte sich in Abwehrposition vor Julia. »Komm schon. Du musst ihn doch nicht gleich heiraten!«

Julia schaute sich kurz um und beugte sich verschwörerisch zu Daria. »Ich verrat dir was. Ich bin echt gerne Bulle. Aber ich will einfach keinen Bullen zum Freund.«

*

Wolfgang lag halb nackt auf der Seite in seinem Spezialbett und blickte rauchend aus dem Fenster. In der Ferne zwischen den anderen grauen Wohnblöcken leuchteten grüne und gelbe Sommerfelder. Die Scheibe spiegelte, Wolfgang konnte sein bleiches Gesicht darin erkennen. Es schien ihm nicht mehr zu gehören, es war das eines Greises. Er war vierundvierzig Jahre alt, doch sein langes Haar war dünn und trocken, sein zauseliger Vollbart weißgrau. Die alten Tätowierungen, der grinsende Totenkopf mit dem Irokesen, das große flammende Herz mit dem Stacheldraht, die zerfetzte englische Flagge, der ACAB-Schriftzug – alles war zu einem fahlen Grün verblasst und ließ seinen hageren Oberkörper wirken, als wäre er mit Schimmel überzogen. Wolfgangs müder Blick folgte dem Rauch der filterlosen Selbstgedrehten, der sich im Sonnenschein zwischen den nikotingelben Fingern emporkringelte. Seine Augen schweiften über das Regal mit den Kartons voller Mullbinden, Windeln, Desinfektionslösungen und Medikamenten am Fußende des Betts. Von der Zimmerdecke baumelte ein dreieckiger Handgriff wie eine stumme Triangel.

»Kommt Julia heute nicht?«, fragte eine tiefe Stimme hinter Wolfgangs Rücken. Sie gehörte Adam, seinem polnischen Pfleger, der ihm gerade den Verband von der Hüfte abwickelte.

»Wird später«, knurrte Wolfgang. »Sie ist ab heute wieder in ihrem Bullencamp.« Er zählte jede Minute, bis Julia endlich wieder bei ihm war und sein Scheißleben für ein paar Momente einen Sinn bekam. Seine kleine Tochter! Er sah sie vor sich, in ihrer Oase am See; jeden Abend hatte er ihr im Stockbett bei Petroleumlicht vorgelesen, im Gemeinschaftsgarten hatte er ihr beigebracht, wie man Gemüse anpflanzt, hatte sie stundenlang in der großen Hängematte geschaukelt und am großen Lagerfeuer wild mit ihr getanzt, umweht von knisternden Funkenwolken.

Vorbei. Wolfgang zog an dem heißen Stummel seiner Zigarette und ließ den bläulichen Rauch langsam aus seiner Nase strömen. Er hatte nie in die Stadt ziehen wollen, schon gar nicht in so einen Klotz. Aber was sollte er machen? Er brauchte einen Aufzug, und er wollte in Julias Nähe sein, ohne ihr zu sehr auf die Pelle zu rücken. Es war pure Illusion, sie immer noch beschützen zu wollen, das spürte er jeden Tag deutlicher. Sie beide hatten jetzt ihr Versteck verlassen, waren schutzlos.

Diese verdammte Angst! Wie viel Kraft hatte es ihn gekostet, sie vor Julia zu verbergen? Es war ihm gelungen, sie war ein sorgloses, fröhliches Kind gewesen. Aber es war nur eine Frage der Zeit. Dann würde es an der Tür klingeln. Wenn er Julia nur alles erzählen könnte, dachte er zum tausendsten Mal, wenn er sich endlich die Seele erleichtern und das Geheimnis teilen könnte. Er war verdammt nah dran gewesen, damals im Krankenhaus.

Wolfgang wischte den Gedanken beiseite und versenkte den Zigarettenstummel im überquellenden Aschenbecher. Halt bloß die Klappe! Sie darf es nicht erfahren. Du wirst sie verlieren!

»Fertig! Bereit zum Umdrehen?« Adam beugte sich mit seinem massigen Körper über Wolfgang. Er war ein Zwei-Meter-Riese um die dreißig mit kurz rasierten Haaren, einem buschigen Vollbart und verschmitzten Augen hinter einer schwarzen Hornbrille.

Wolfgang nickte stumm und ließ sich wie eine Gliederpuppe auf den Rücken drehen. Der Pole war außer Julia der einzige Mensch, dem Wolfgang seinen Körper anvertraute, diesen verdammten Körper. Wolfgang hatte die letzten sechzehn Monate zum größten Teil im Krankenhaus verbracht, den Rest zu Hause im Bett. In den vergangenen Wochen hatte er nicht einmal im Rollstuhl sitzen dürfen. Es wäre ihm vorgekommen wie ein Ausflug ins Paradies, nur mal eine halbe Stunde raus zu können, eine Runde durch das verschissene Hochhausviertel zu drehen, ein paar Minuten auf der Fußgängerbrücke über der Schnellstraße stehen zu bleiben, den Blechkisten zuzugucken, mit denen die armen Irren von einem sinnlosen Ort zum anderen sinnlosen Ort und irgendeiner sinnlosen Arbeit fuhren. Ein Traum wäre das. Aber Wolfgang musste liegen bleiben, das gebot ihm sein Arsch. Das Gesäß war der Dämon, der ihn in Ketten gelegt hatte und ihn langsam von hinten auffraß. Er spürte keinen Schmerz, natürlich nicht; er hätte sich mühelos ein Bein abschneiden können, sein Körper war unterhalb des Bauchnabels ein taubes Schlachtfeld, an dem andere herumschnitten, herumtupften und herumnähten. Wolfgang hatte dem Dämon ins Auge geschaut, nur einmal. Dafür hatte er den kleinen Handspiegel genommen, mit dem er sonst unter das Bett lugte, um zwischen den Staubmäusen nach heruntergefallenen Büchern, DVDs und Zigarettenblättchen zu suchen, die er dann mühsam mit einem Greifarm hochangelte. Angeln … Hatte er in einem früheren Leben wirklich einmal echte Fische geangelt? Riesige Hechte, auf einem Holzsteg im Schilf eines dunkelblauen Sees? Es war so weit weg, und der Gedanke löste jedes Mal eine warme Welle aus, die schmerzhaft durch seinen Bauch wogte und als dicker Kloß in seinem Hals anbrandete. Wolfgang hatte also den kleinen Handspiegel umständlich an seinen Hintern gehalten und dann tief in einen handballgroßen, grauenvollen Krater geblickt. Das erste Gefühl, das sich einstellte, war Verwunderung: Das bin ich? Damit kann man leben? Er hatte einen Dekubitus vierten Grades, nicht heilbar, ein Ticket in das Reich unendlicher medizinischer Komplikationen. Täglich wurde der Krater von Quacksalbern begutachtet und gereinigt, Kompressen aus Algenextrakten und Kräutern sollten die Wunde beruhigen. Sein geschundener Leib wurde fast ununterbrochen mit Antibiotika geflutet, war von Chemie durchtränkt wie ein Präparat in einem Naturkundemuseum. Er war im Krieg mit seinem Körper. Dort, wo Wolfgang noch etwas spürte, spürte er Schmerzen vom ständigen Liegen. In seinem Gesicht blühte alle paar Monate eine Gürtelrose, deren bestialisches Beißen er nur mit Opioiden ertragen konnte, von denen er längst abhängig geworden war. Verschiedene Metzger in weißen Kitteln hatten aus seinen gefühllosen Beinen Haut und Gewebe entnommen, um damit den Krater zu verschließen. Der Arsch stieß alles ab. Und Wolfgang hatte sich eigenhändig an jede taube Entnahmestelle das OP-Datum und den Namen des jeweiligen Chirurgen tätowiert. Eine Landkarte medizinischer Verzweiflung.

Immerhin gab es Adam. Im Gegensatz zu den anderen Pflegern verschonte ihn der Pole mit der schrill-fröhlichen Nachfrage, wie es »uns« denn heute gehe. Adam wusste, dass es Wolfgang schlecht ging, deshalb sagte er bei jedem Besuch nur kurz Hallo, drehte den abgemagerten Körper auf die Seite, zog ihm die Jogginghose runter und blickte dem Dämon unerschrocken in die blutige Visage.

Jetzt, endlich, endete das tägliche Pflegeritual mit der üblichen Belohnung: Der Pole griff in seine alte Ledertasche und holte eine kleine Blechbüchse mit Gras heraus – dicke, nicht zu trockene Blüten, Scheunenanbau aus dem Westerwald, Demeter-Qualität, nicht das verseuchte Turbozeug aus Holland. Wolfgang beobachtete, wie Adam mit seinen bockwurstdicken Fingern das hauchdünne Blättchen behutsam entfaltete, es befüllte, seine Zunge aus dem Vollbart streckte, es beleckte und mit einer schnellen, geschmeidigen Drehung zu einem kerzengeraden, dünnen Joint rollte. Ein Künstler! Anschließend setzte sich Adam zu seinem Patienten aufs Bett und schaltete den Fernseher ein, auf der Suche nach irgendeiner Doku, einer Kochsendung oder einem Tierfilm, am besten etwas mit Wasser.

Die Schmerzen ließen nach, die Gedanken wurden weicher. Wolfgang lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

*

Es war Abend geworden, als Julia mit ihrem Rollkoffer aus dem Bus stieg und zusammen mit den übrigen erschöpften Heimkehrern zu der Hochhaussiedlung ging. Am Horizont schickte die Sonne die letzten Strahlen durch die aufgerissenen Wolken, die kurz zuvor einen warmen Schauer über der Stadt abgeladen hatten. Es roch nach Asphalt und Staub.

Julia war den Weg zu ihrem Vater bestimmt schon hundertmal gegangen, und immer noch konnte sie seinen Häuserblock nicht auf Anhieb finden. Warum er hierhergezogen war, blieb ihr ein Rätsel. Natürlich, nach seinem schrecklichen Unfall brauchte er Pflege, medizinische Versorgung und eine barrierefreie Wohnung mit Aufzug. Aber hatte es wirklich hier sein müssen, in dem siebenstöckigen Betonkasten, den man von den Nachbarhäusern nur dadurch unterscheiden konnte, dass sein Eingangsbereich gelb statt rot oder blau oder grün gestrichen war?

Der Anruf war in der Nacht gekommen. Eine nüchterne Arztstimme hatte erklärt, dass ihr Vater schwer verletzt in die Berliner Charité eingeliefert worden sei; wenn sie mit ihm etwas zu klären habe, solle sie möglichst bald vorbeikommen, man wisse ja nie. Julia hatte bei Roosen Sonderurlaub beantragt und war wie in Trance in den Zug gestiegen. Sie hatte nicht einmal weinen können und nur wie hypnotisiert aus dem Fenster auf das vorbeifliegende Land gestarrt.

Als sie in der Charité eintraf, lag Wolfgang auf der Intensivstation zwischen piepsenden, blinkenden und schnaufenden Maschinen, mit Bündeln von Schläuchen verkabelt, im Tiefschlaf wie ein Toter. Seine Bartstoppeln waren grau geworden, und zum ersten Mal empfand sie ihn als alt.

Draußen im kahlen Wartebereich saß eine füllige Frau Anfang vierzig mit den ersten grauen Strähnen in den dunklen Haaren und einem weiten Leinenkleid – Gretel, eine ehemalige Mitbewohnerin der Kommune. Sie berichtete Julia mit erstickter Stimme von dem Unfall: Wolfgang, der ohne seine Tochter grimmig und zänkisch geworden war, hatte sich mit seinem aus rostigen Einzelteilen zusammengeschweißten Lastenfahrrad auf den Weg in die zwölf Kilometer entfernte Kleinstadt gemacht, um das Nötigste, was die Kommune nicht selbst herstellen konnte, einzukaufen: Kosmetikartikel, Glühbirnen, Ersatzteile für Werkzeug und Maschinen, Lesestoff, Schokolade, Kondome. An der Einbiegung vom Schotterweg zur Landstraße musste ihn ein Wagen erwischt haben, der Fahrer war einfach abgehauen. Ein Biker hatte Wolfgang bewusstlos am Straßenrand neben dem völlig zerlegten Fahrrad gefunden wie ein angefahrenes Kaninchen. Sein Rückgrat war zwischen dem neunten und zehnten Brustwirbel durchtrennt, zerborsten wie sein Leben. Er würde nie wieder laufen können. Gretel begann hemmungslos zu schluchzen.

Als Wolfgang seine Tochter am Krankenbett erkannte, klammerte er sich wirr und verängstigt an ihrer Hand fest. Mit starrem Blick und rissigen Lippen wisperte er ihr kaum hörbar zu: »Du musst auf dich aufpassen. Pass gut auf dich auf!«

Julia versuchte, aufmunternd zu lächeln. »Ich muss jetzt erst mal auf dich aufpassen, Papa.«

»Ich kann dich nicht mehr beschützen, Julchen!«, flüsterte Wolfgang heiser.

»Wovor denn?«

Ihr Vater zog sie mit zittriger Hand zu sich heran. »Trau niemandem! Hast du verstanden? Sei vorsichtig!«

»Was ist denn los, Papa? Sag schon!«, drängte Julia, doch Wolfgang starrte sie nur mit flehenden Augen an. Es schien in ihm zu arbeiten, und für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, er wolle ihr etwas sagen, doch dann schüttelte er nur den Kopf und ließ sich erschöpft ins Kissen zurückfallen. Julia drückte seine Hand und dachte an die vielen Medikamente, mit denen ihr Vater vollgepumpt sein musste. »Schlaf, Papa. Ich pass schon auf«, versicherte sie ihm. »Ich bin jetzt Polizistin.«

Am nächsten Tag fuhr Julia mit Gretel in einem gemieteten Transporter in die Uckermark. Die kleine Landkommune aus fünf im Kreis aufgestellten Bauwagen kam ihr merkwürdig leblos vor, auf den Leinen hing keine Wäsche, kein Lagerfeuer brannte. Die Mitglieder der Kommune beklagten Wolfgangs Unfall, nahmen sie in den Arm und versprachen inbrünstig, immer für sie da zu sein, und Julia stellte erleichtert fest, dass niemand fragte, warum sie ausgerechnet bei der Polizei angeheuert hatte. Erschöpfung hing in der Luft, aber vielleicht lag es ja nur an dem langen Winter, der den Einsiedlern in den Knochen steckte.

Julia hatte wenig Lust, in dem ungeheizten, klammen Bauwagen zu übernachten, weshalb sie eilig die wenigen Habseligkeiten ihres Vaters zusammenpackte und im Transporter verstaute. Am Auto gab ihr ein Nachbar einen Karton mit Sachen, die Wolfgang bei ihm untergestellt hatte. Als Julia fertig war, ging sie noch einmal auf den wackeligen Steg am Ufer des großen Sees. Der März schickte die ersten lauen Windböen über das Wasser und strich in sanften Wellen durch das trockene Schilf am Ufer. Mit zugeschnürter Kehle blickte sie in die große, vertraute Weite, dann brachen die Dämme. Tränen liefen ihre Wangen hinab, und sie sank auf die Knie und rollte sich schluchzend auf dem Steg zusammen, die Stirn gegen das morsche Holz gedrückt, wo gestern noch die Abdrücke ihrer nassen Kinderfüße in der Sonne geglänzt hatten. Abschied. Dieser Ort war ohne ihren Vater leer, und sie würde nie wieder zurückkehren.

Wolfgang lag wochenlang in der Reha. Julia besuchte ihn und sprach ihn einige Male auf seine dunklen Andeutungen aus dem Krankenhaus an, aber er winkte ab. Er habe Wahnvorstellungen gehabt, behauptete er, was ja kein Wunder sei bei dem Pharmazeug, das die Kurpfuscher in einen reinpumpten!

Julia bohrte nicht weiter nach, stattdessen drängte sie darauf, dass er zu ihr nach Köln ziehen solle. Sie würde ihre kleine Dachmansarde aufgeben und eine gemeinsame Wohnung finden, barrierefrei, vielleicht am Stadtrand im Grünen.

Wolfgang hielt sich bedeckt, doch einige Wochen später kam völlig unvermittelt ein Anruf. Die Stimme ihres Vaters klang fröhlich, wie so oft, wenn er geraucht hatte: »Ich bin raus aus dem Rehaknast, Julchen! Und rat mal, wo ich jetzt wohne … In deiner Stadt! Morgen ist große Wohnungseinweihung, bring Kuchen mit!«

Julia war der einzige Gast und außer sich. »Warum sagst du mir nicht vorher, dass du nach Köln ziehst? Und dann noch in so eine beschissene Siedlung? Du bist Punk, Papa!«

»Soll ich in ein besetztes Haus ziehen?«, knurrte er nur.

»Ich hätte was für uns beide besorgt!«

»Das willst du nicht, Julia, glaub mir«, entgegnete er, und sie widersprach nicht. Es war nicht ihre Art, aus Nettigkeit zu lügen, obwohl sie wusste, dass sie die Bürde trotzdem auf sich genommen hätte.

Jetzt schloss Julia die Wohnung ihres Vaters mit dem Zweitschlüssel auf. Die Luft war geschwängert von Zigarettenqualm, ein sicheres Zeichen dafür, dass er ungeduldig auf sie gewartet hatte. Im Flurspiegel konnte sie sehen, wie er sich im Bett schnell durch die Haare und den Bart strich.

»Na, wie war’s?«, fragte er munter, als sie hereinkam.

»Gut. Anstrengend, aber gut.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und riss alle Fenster auf.

»Habt ihr schön Festnehmen und Einkesseln trainiert?«

»Ich hab einen Reifen verprügelt.«

Wolfgang strahlte. »Wirklich? Ich bin stolz auf dich!«

Julia schenkte ihm ein schiefes Lächeln und warf die Styroporschachtel mit den vertrockneten Resten der gebratenen Nudeln, die sie ihm gestern vom Chinesen geholt hatte, in den großen Müllsack neben dem Bett. Ihr Blick fiel auf den Aschenbecher. »Adam war schon da?«

»Ja. Und er hat mir einen Nachtisch dagelassen«, antwortete Wolfgang und deutete auf den Joint hinter seinem Ohr. »Komm mir besser nicht zu nah, sonst schlagen morgen die Drogenhunde bei euch an.«

»Wir haben keine Drogenhunde.«

»Wie? Nicht mal ein paar anständige Deutsche Schäferhunde? Ohne die traut sich doch kein Bulle auf eine Demo!«

»Halt einfach die Klappe, Papa.« Grinsend holte Julia den Besen aus dem Schrank und begann, die Tabakkrümel und Käserinden unter seinem Bett zusammenzukehren. »Und mach nicht immer so einen Saustall«, fügte sie liebevoll hinzu. Sie wusste, was das Martyrium aus ihrem Vater gemacht hatte: Jeder Tag war ein Kampf, und wäre sie nicht da, würde er keine Sekunde zögern, sich umzubringen. Sie war das Pfand seines Lebens, die Hüterin der winzigen, blassblauen Flamme, die noch in seiner dunklen Seele flackerte.

Vielleicht war es schon immer so gewesen, überlegte sie, als sie in die Küche hinüberging. Er war ihr Spaßvater gewesen, der mit den anderen Erwachsenen nachts ums Feuer getanzt war, der überschwänglich über jedes Kaninchen in der Falle gejubelt hatte und der augenrollend Gruselmärchen erzählen konnte. Doch dann war der Tag gekommen, an dem sie zum ersten Mal den Schatten seiner Traurigkeit gespürt hatte. Sie war vielleicht drei oder vier gewesen. Ein kleines Mädchen mit seinem Vater auf dem Steg. Sie hatten auf alten Weinkisten gesessen, und sie durfte die Angel halten. »Tut es dem Fisch weh, wenn wir ihn aus dem See holen, Papa?«

»Fische sind kalt, denen tut nix weh.«

Pause.

»Wer hat dir die Bilder auf die Haut gemalt?«

»Ein Mann in einer Stadt, ganz, ganz weit weg von hier.«

»Kann er mir auch was auf die Haut malen?«

»Wenn du groß bist.«

Pause.

»Was ist mit meiner Mama passiert?«

Lange Pause.

Wolfgangs Blick war in die Ferne geschweift, und Julia hatte sich mit einem Mal entsetzlich allein gefühlt. Hatte sie etwas falsch gemacht?

»Die anderen haben alle eine Mama. Warum hab ich keine?«, hatte sie vorsichtig nachgehakt.

»Komm, heute beißt nichts mehr«, hatte Wolfgang gemurmelt, das Glas mit den Würmern aus dem Kompost zugeschraubt und ihr die Angel aus der Hand genommen.

Julia hatte genau verstanden, dass sie eine Grenze berührt hatte, hinter der ihr Vater ein Fremder wurde. Trotzdem wollte sie ihren Fuß unbedingt ein ganz kleines Stück über diese Grenze schieben, sie musste es einfach tun.

»Lars hat gesagt, meine Mama ist tot.«

»Sie ist im Nirwana.«

»Was ist Nirwana?«

»So was wie der Himmel. Nur ruhiger.«

»Und warum ist sie im Nirwana?«

»Sie war ganz krank, als du ein Baby warst.«

Wolfgang nahm Julia und hob sie in den Bollerwagen neben den Eimer mit den zwei kleinen Barschen und dem Angelzeug.

»War meine Mama schön?«

»Sie war wunderschön.«

»Wie schön?«

»Schau in den Spiegel, dann siehst du sie. Aber genug jetzt.«

Wolfgang hatte Julia zurück nach Hause gezogen. Seine Augen hatten sich irgendwo auf einer unsichtbaren Leinwand verloren, auf der unsichtbare Bilder und Szenen aus der Vergangenheit flimmerten. Julia hatte keinen Einlass in sein Kopfkino gefunden, sie schien nicht einmal mehr zu existieren. Und dann hatte sie ihn von hinten gezwickt, damit er wieder aufwachte und mit ihr lachte.

In der Küche schüttete Julia eine Büchsensuppe in einen Teller und stellte ihn in die Mikrowelle. Sie war hundemüde. Noch eine Dreiviertelstunde, dann könnte sie endlich nach Hause, vor dem Laptop rasch ein paar Brote essen und dann, ohne den Rechner zuzuklappen, in traumlosen Tiefschlaf gleiten.

»Du solltest dir lieber einen Rucksack kaufen und um die Welt reisen, anstatt einen alten Krüppel zu pflegen!«, rief Wolfgang aus seinem Zimmer.

»Erstens kann ich mir keine Reise leisten, und zweitens pflege ich meinen eigenen Vater«, antwortete Julia aus der Küche.

»Ich komm schon klar. Adam besorgt mir Insulin, damit schläft man ganz sanft ein.«

Julia brachte ihm die dampfende Suppe. »Noch so ein Spruch, und ich bau eine Überwachungskamera unter die Zimmerdecke.«

»Siehst du!«, sagte er und tauchte seinen Löffel ein.

»Was?«

»Spitzelmethoden! Du bist noch nicht mal eine fertige Bullette, und sie haben dich schon umgedreht.«

Julia lächelte, wischte ihrem Vater mit der Serviette etwas Suppe aus dem Bart und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Er roch nach Zigaretten und fruchtigem Shampoo. Adam achtete sorgsam darauf, dass sein Patient immer gewaschene Haare hatte, auch wenn Julia den Verdacht nicht loswurde, dass er das nur ihretwegen tat. An ihr hing alles, und der nur schwer genießbare Vater sollte für sie wenigstens gut riechen.

2

Zwei Schüsse zerrissen die Stille des pechschwarzen Waldes. Das rostige Schloss ragte schief aus dem rauchenden, zersplitterten Holz.

Ira nickte Karl zu. Der stellte das doppelläufige Gewehr an die Wand, nahm zwei Schritte Anlauf und warf sich mit seinem massigen Körper gegen die morsche Tür, die krachend aufsprang. Dann machte er Platz.

Langsam schritt Ira über die Schwelle und leuchtete mit ihrer Taschenlampe in die große, dunkle Eingangshalle. Im Lichtkegel tanzte Staub. Die brusthohe Holzvertäfelung an den Wänden war morsch und löchrig und mit Graffiti besprüht, über der geschwungenen Treppe hingen unzählige Geweihe in allen Formen und Größen. Lange Spinnweben schwebten in Fetzen von den Hörnern herab, auf dem gesprungenen Fliesenboden lagen herabgefallene Putzbrocken, Mäusekot und zerbrochene Bierflaschen. Der riesige Kamin an der Hinterseite war rußgeschwärzt, und hoch oben im offenen Turm hatten Schwalben ihre Lehmnester gebaut.

Es knirschte unter Iras Lederstiefeln, als sie durch die Eingangshalle schritt und am baumdicken Pfosten der geschwungenen Holztreppe stehen blieb. Ihre Finger glitten über das dunkle Holz und ertasteten ein eingekerbtes Herz. In seiner Mitte standen zwei verschnörkelte Buchstaben: I & L.

Wie immer, wenn sie sich in ihren Gedanken verlor, ließ Ira einen Fingernagel über ihren spiralförmigen Ring aus einfachem Draht gleiten. Fünfundzwanzig Jahre …

»Richtig was für feine Leute!«, rief Karl grinsend, als er mit dem Gewehr in der Hand durch die Halle schlenderte. Er blickte auf sein Handy: »Kein Netz. Ist echt am Arsch der Welt hier.«

Ira warf Karl einen stummen Blick zu. Auf seiner Nase saß eine Brille, die mit Gummischlaufen hinter den Ohren befestigt war und deren ewig schmutzige, kreisrunde Gläser so dick waren, dass sie seine Augen lupenartig vergrößerten. Mit seiner Glatze, der rötlichen Haut und dem gedrungenen Nilpferdkörper in dem bunt gemusterten Hemd gehörte Karl mehr in einen englischen Pub als in ein herrschaftliches Forsthaus, dachte sie und bedauerte, dass er keine Kontaktlinsen vertrug – sie hätte ihm schon lange welche spendiert, um ihn etwas intelligenter wirken zu lassen. Mit seinen fast vierzig Jahren erschien er ihr manchmal wie ein Kind, dabei war er weiß Gott nicht beschränkt, sonst hätte sie ihn nicht schon vor Langem zu ihrem wichtigsten Begleiter erwählt. Vielleicht würde sie ihm anständige Landhausklamotten kaufen, wenn sie sich frisches Geld besorgt hatten. Der Umzug, die Renovierung, der Lastwagen – es würde teuer werden.

Ira schritt unter den Geweihen hindurch die Treppenstufen mit dem zerfressenen Sisalteppich hinauf. In der ersten Etage öffnete sie eine große Flügeltür und betrat auf quietschenden Dielen einen Saal. Die Wände waren beschmiert, auf dem Boden lagen verstaubte Bierflaschen und Müll, in der hinteren Hälfte stapelte sich ein wildes Durcheinander aus Stühlen und Tischen, von der Decke hing ein großer Kronleuchter aus Geweihen mit einer einsamen, stumpfen Glühbirne, die verrammelten Fenster waren verdreckt und teilweise zerborsten. Ira wischte über das staubige Glas, und im Licht der Taschenlampe blitzte kurz ihr Spiegelbild auf: die schwarzen Haare mit dem strengen Pony, die wie ein Helm ihr Gesicht einrahmten, die braunen undurchdringlichen Augen unter den scharfen Brauen, der volle, rot geschminkte Mund. Dafür, dass sie Anfang vierzig war, hatte sie sich gut gehalten, dachte sie zufrieden.

Hinter ihr durchstöberte Karl wie ein neugieriger Mops das Mobiliar. Die Taschenlampe zwischen den Zähnen, zog er die Schubladen einer Kommode auf und schaute in einen großen Schrank, doch er fand nicht mehr als zersprungenes Geschirr, verschimmelte Decken und leere Spraydosen.

Ira öffnete ein Fenster und rüttelte an den hölzernen Läden. Sie wollten nicht aufgehen, waren von Kletterpflanzen durchwoben wie in einem verwunschenen Schloss, als sollte kein Tageslicht ins Innere dringen.

Karl kam dazu und stemmte sich mit beiden Armen dagegen, bis das Pflanzengeflecht auseinanderriss und die Läden weit aufschwangen.

Ira beugte sich nach draußen und atmete tief ein. Die Luft schmeckte kühl und würzig. Der schwarze Wald war totenstill, kein einziges Geräusch war zu hören, kein Lichtschimmer zu sehen, nicht einmal Flugzeuge schienen diesen gottverlassenen Dschungel zu überfliegen. Um sie herum war nichts als undurchdringliche, einsame Dunkelheit. Ira lächelte. Das perfekte Versteck. Die Kids würden ihr neues Zuhause lieben. Unser Schloss.

Im Hintergrund beugte sich Karl mit der Taschenlampe im Mund über einen Tischstapel und zerrte einen großen Sessel dahinter hervor. Die Beine und Armlehnen waren aufwendig geschnitzt, die Sitzfläche mit rissigem Leder gepolstert. Die Rückenlehne war ungewöhnlich hoch, sie bestand aus mehreren mächtigen Geweihen, die sich mit ihren spitzen Enden nach oben hin wie ein Fächer aufspreizten. Ächzend zog Karl den schweren Sessel in die Mitte des großen Saals.

Ira schritt näher. Hier sollte das Herz des Hauses sein, hier würden sie alle sitzen, sie am Kopf der langen Tafel. Langsam nahm sie im Geweihsessel Platz. Es war genauso wie damals, als sie sich sonntagmorgens, wenn alle noch schliefen und das Geschrei ihrer streitenden Eltern noch nicht losgegangen war, heimlich in den alten Ledersessel ihres Vaters gesetzt hatte, erhaben wie eine Königin bei der Krönung.

*

Julia hatte ihn schon an der Haltestelle bemerkt. Er hatte ebenfalls den 127er-Bus genommen und war mit ihr in die Linie 5 umgestiegen, wo er sich einen Sitzplatz drei Reihen vor ihr gesucht hatte. Heimlich beobachtete sie ihn im Spiegel des dunklen Straßenbahnfensters. Er war vielleicht Mitte zwanzig, hatte einen drahtigen Körper, wache Augen und kurze, widerspenstige, helle Haare. Sein langärmeliges Ringelshirt wirkte schlabbrig, seine Stoffschuhe waren ausgelatscht, seine hochgekrempelte Jeans hatte auf dem rechten Oberschenkel einen Fleck, vermutlich Ketchup oder rote Marmelade.

Eigentlich hätte sich Julia gar nicht für den Fremden interessiert, wäre ihr Blick nicht an seiner linken Hand hängen geblieben. Ihr fehlte der kleine Finger, aus dem Handteller ragte nur ein knubbeliger Stumpf hervor, was eher drollig als eklig aussah. Julia hatte solch eine Verletzung schon in der Bauwagensiedlung gesehen. Einer der Erwachsenen hatte sich beim Holzhacken den halben Daumen abgeschlagen und musste den neugierigen Kindern immer wieder den vernarbten Stummel zeigen.

Nachdenklich betrachtete Julia nun den jungen Mann mit den neuneinhalb Fingern in der spiegelnden Fensterscheibe. Wie war es wohl passiert? Ein Unfall? Eine Mutprobe mit Freunden? Wer kann schneller mit einem Messer zwischen die gespreizten Finger stechen, ohne sie zu treffen?

Als die Straßenbahn in den Untergrund ratterte, holte der Fremde sein winziges Handy heraus und schrieb eine SMS auf den Nummerntasten. Noch ein Außenseiter, dachte Julia und musste innerlich schmunzeln. Sie wandte vorsichtig den Kopf von der Scheibe zum echten Gegenüber. Der junge Mann lächelte ihr zu, unverbindlich, nicht aufdringlich. Julia zuckte ertappt zusammen, erwiderte flüchtig sein Lächeln und wandte sich ab.

Die Straßenbahn hielt, die Türen öffneten sich zischend. Sie hatten die Innenstadt erreicht. Die Kleidung der Passanten wurde teurer, die Hunde wurden reinrassig, man sah Papier- statt Plastiktüten. Eine ältere Frau mit lackierten Fingernägeln und einem Golden Retriever setzte sich dem Fremden gegenüber. Der Hund begann sofort, an ihm herumzuschnuppern; offensichtlich hatte es ihm der Fleck auf der Hose angetan. Vielleicht war es Bratensauce. Das Frauchen begann, mit ihren auberginefarbenen Fingernägeln auf das Display ihres Handys einzutippen, und machte keine Anstalten, den Hund zurückzuziehen, dem inzwischen ein zäher Schleimtropfen von der Lefze herabbaumelte. Der Fremde rückte zur Seite, bemerkte Julias Blick und schnitt eine angeekelte Grimasse. Julia musste grinsen.

»Guten Abend, Fahrscheinkontrolle.«

Sie drehte sich um. Neben ihr stand eine füllige Frau in unauffälliger Straßenkleidung, das schwarze Kontrollgerät in der Hand. Julia setzte ein freundliches Gesicht auf. »Ich hab meine Monatskarte vergessen.«

»Dann bitte den Ausweis. Wenn Sie Ihr Ticket innerhalb von vierzehn Tagen im Kundencenter vorzeigen, bezahlen Sie ein reduziertes Entgelt von sieben Euro«, leierte die Kontrolleurin herunter.

Julia holte einen Zwanzig-Euro-Schein aus ihrer Hosentasche.

»Kann ich das gleich hier bezahlen?«

»Ich kann auf meinem Gerät nicht sehen, ob Sie wirklich eine Monatskarte besitzen. Sie müssen sich ausweisen.«

Julia stöhnte. »Sorry, aber ich hab echt keine Zeit, extra noch mal in die Stadt zu fahren. Können wir das nicht auch so regeln?«

Sie hielt der Kontrolleurin den Schein hin.

»Mit sechzig Euro«, sagte die Frau unbeirrt.

Julias Laune sank im Sturzflug. »Ich würd Ihnen die scheiß sechzig Euro sogar zahlen, ich hab sie aber nicht dabei.«

»Wir nehmen auch EC-Karten.«

Julia verdrehte die Augen. Die Bahn hielt, die Türen sprangen laut polternd auseinander. Im Hintergrund stand der Fremde auf, warf ihr einen Blick zu und trat mit voller Kraft auf den Schwanz des Golden Retrievers. Der Hund fuhr laut jaulend herum und schnappte um sich, die Besitzerin schrie erschrocken auf, das Handy rutschte ihr aus der Hand. Die Kontrolleurin rief aufgeregt ihre Kollegen herbei. Der Fremde nutzte den Tumult, sprang über den bellenden Hund hinweg in den Gang, packte Julia und ihren Rollkoffer und zog beide durch die sich schließende Tür nach draußen. Alles ging so schnell, dass Julia meinte, sich selbst dabei zuzusehen, wie sie mit dem Jungen den leeren Bahnsteig entlangrannte, über die Rolltreppe hinauf in die Zwischenebene gelangte und dann über die Treppe in die nächtlichen Straßen flüchtete.

»Hey!«, rief Julia dem vorauseilenden Fremden hinterher und blieb schwer atmend in einer dunklen Garageneinfahrt stehen. »Warte!«

Er kam zurück, stellte den Rollkoffer vor sie hin und reichte ihr schwer atmend die Hand. »Hi … ich bin Nick.«

»Julia«, keuchte sie und drückte seine Hand. Sie wusste nicht, ob sie sauer oder dankbar sein sollte. Aber ihre Müdigkeit war wie weggeblasen.

*

Der neonbeleuchtete Imbiss war menschenleer. Der dicke Mann hinter der Theke blätterte in einer griechischen Sportzeitung. Julia und Nick saßen im holzvertäfelten Hinterzimmer auf Barhockern an einem der runden Tische. Julia war überrascht, wie hungrig sie war. Um halb elf lag sie normalerweise schon längst im Bett. Jetzt biss sie in eine Gyros-Pita und musterte neugierig den Fremden, der nun nicht mehr ganz so fremd war.

»Ketchup«, erklärte er kauend, als er ihren Blick auf seinem Oberschenkel bemerkte.

»Glaub ich nicht.«

»Doch!«

»Da, wo ich herkomme, hatten wir Hunde. Die mochten kein Ketchup.«

»Wo kommst du her?«, fragte Nick.

»Vom anderen Ende der Welt. Und der Fleck ist zu dunkel für Ketchup.«

»Barbecue-Ketchup«, hielt Nick triumphierend dagegen. »Mein Mitbewohner hat sich heute Spiegelei gemacht und wollte den Rest aus der Flasche schütteln. Der andere Teil klebt jetzt an der Wand.«

Julia nippte an ihrem Flaschenbier. »Du wohnst in einer WG?«

»Mit drei Studenten in einer Bruchbude.«

»Ich dachte, du wohnst in der Hochhaussiedlung.«