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Sigrun Peller

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Beschreibung

Von Träumen, die wahr werden! Da hat Anthea schon ihren Traumberuf und kann sogar noch davon leben, Künstlerin zu sein – und trotzdem flutscht das Leben nicht so recht und unsere Heldin verkriecht sich in ihrem Nest in Unterfranken. Das kann natürlich nicht so bleiben. Es braucht ein paar bizarre und komische Wendungen, ausgelöst durch eine alte Freundin, eine blinde Bekanntschaft und eine Zufallsanschaffung mit magischen Fähigkeiten, um Anthea auf die Reise ihres Lebens zu schicken. Sie wird aus Neuseeland als ein anderer Mensch zurückkehren, so viel ist sicher. Ein fantastisches Element hält Einzug in Reiseerlebnissen auf Neuseeland Die Leser bekommen Einblicke in neuseeländische Sehenswürdigkeiten und die Riten der Nachkommen von Ureinwohnern vermittelt; aber welche Figuren der reisenden Malerin begegnen, hat oftmals mehr mit der Heimat und ihrer Vorgeschichte zu tun als mit dem Reiseland. Ein magischer, unscheinbarer Gegenstand hat daran nicht unwesentlichen Anteil. Man kommt nicht umhin, jedem auf der Welt die Chance zu wünschen, mit der Vergangenheit und mit sich selbst aufzuräumen, wie es der Romanheldin Anthea dank dieses Gegenstands vergönnt ist. Aber wird sie alles meistern? Schließlich tritt ihr auch ein alter Gegner in den Weg, um sie von eben dem abzubringen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sigrun Peller

WHANGARA

Der Hafen der Sonne

IMPRESSUM

Copyright © 2018 by Sigrun Peller Sigrun Peller c/o Frey Services Eggstraße 14 f CH-8134 Adliswil Ersterscheinung 15. August 2018 Neuauflage 04. April 2023 Umschlaggestaltung: Kristin Neumann Umschlagmotiv: Adobe Stock Nr. 561754771; 241198662; 342222107 & 84039426 Lektorat: Volker Trauth Klappentext: Volker Trauth Satz: Kristin Neumann eBook-Gestaltung: uWEgÜNZEL, KrefeldISBN: 9783757931384

All rights reserved. No part of this book may be reproduced in any form or by any electronic or mechanical means, including information storage and retrieval systems, without written permission from the author, except for the use of brief quotations in a book review.

Für meine Kinder, die mein Leben bunter machen.

Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Danksagung
Über die Autorin

Prolog

»Anthea, Anthea, Anthea«, riefen sie und rannten um mich herum.

Ich stand im Kreis und hielt mir die Ohren zu. Für mich war es kein Spiel, doch meine Klassenkameraden sahen das anders. Vielleicht war es ja das Einzige, was sie mit mir spielen konnten? Ich wusste nicht recht, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Wie ich eine von ihnen sein konnte. Wie ich das tun konnte, was von mir erwartet wurde oder mir Anerkennung einbringen würde. Ich kannte keine Kinderspiele, keine Fernsehserien, keine Trends. Eine denkbar schlechte Grundlage, um mitzureden, mitzuspielen, nicht ausgegrenzt zu werden. Ihre Stimmen trällerten meinen Namen, der Gesang wurde stetig lauter und zum Schluss grölten alle durcheinander. Obwohl meine Fingerspitzen so tief wie möglich in den Ohren steckten, konnte ich die Plagegeister, die ihre Macht als Gruppe derart zu genießen schienen, noch hören. Wo war ein Ausweg? Wo war ein Fluchtweg? An Kampf war nicht zu denken; sie waren immer in der Mehrzahl. Und sie waren die Norm. Das wussten sie nur zu gut.

Oft versuchte ich, mich auf der Toilette zu verstecken, doch dieses Mal hatte mich die Aufsicht gesehen und nach draußen geschickt. Andere Male gelang es mir, unentdeckt zu bleiben und an diesem stillen Örtchen die Schulpause zu verbringen. Kein wirklich gemütlicher Rückzugsort, aber besser als gar keiner. Meine Füße reichten noch nicht ganz bis zum Boden, wenn ich auf der Toilette saß. Ich ließ sie baumeln und schaute ihren Bewegungen nach. Dann stellte ich mir vor, was sie malen würden, wäre am Ende, zwischen die Zehen gesteckt, jeweils ein Pinsel. Ich wechselte die Farben, und noch bevor mein Bild fertig war, rief mich der schrille Klang der Glocke zurück ins Klassenzimmer. Wenn ich Pech hatte, wartete dort ein weiteres Problem auf mich: Dr. Schleimann, der Mathematiklehrer. Wie er es liebte, Kinder zu überfordern! Eigentlich gehörte so jemand auf eine höhere Schule, ans Gymnasium, aber aus unbegreiflichen Gründen tat er seinen Dienst in einer Grundschule und ließ jeden spüren, dass die Welt es ungerecht mit ihm meinte und er etwas Besseres verdient hätte, als Schulanfängern Grundrechenarten einzupauken.

Es fiel mir schwer, dem Unterricht zu folgen, und erst, wenn alle lachten, realisierte ich, dass ich nicht zu Hause in meinem Schloss, sondern auf der Schulbank saß. Es war mein erstes Schuljahr! Jedem und jeder sollte vergönnt sein, das Ereignis mit der Schultüte voller Süßigkeiten und den optimistischen Aufbruch in eine neue Welt des Wissens und des Lernens als etwas Schönes in Erinnerung zu behalten. Nicht für mich - und erst recht nicht in Folgejahren unter Dr. Schleimann, einem verschworenen Feind jeglicher kindlichen Fantasie!

Jetzt, 19 Jahre später, stehe ich hier, im Wohnzimmer, meines verwaisten Elternhauses, und betrachte eine Zeichnung aus dieser Zeit. Ich hatte sie in der ersten Klasse gemalt und damit einen Wettbewerb gewonnen. Wir sollten uns in unserem schönsten Faschingskostüm zeichnen. Damals hörte ich dieses Wort zum ersten Mal, Fasching. Alle in der Klasse erzählten, was sie schon immer einmal sein wollten. Ich malte mich als Spinne mit ganz langen Beinen. Ja, etwas richtig Andersartiges. Ferner konnte man sich nicht entfernen von der Norm eines rosa Prinzessinnenkostüms. Als die Lehrerin meinen Namen aufrief, zuckte ich zusammen. Sie winkte mich nach vorne. Langsam und mit gebeugtem Kopf ging ich zwischen den Stuhlreihen hindurch. Ich wusste ja, dass ich etwas ganz anderes gezeichnet hatte als all diese Prinzessinnen, Indianerinnen, Clowns, Marienkäfer… Während ich von ganz hinten zu ihr lief, war es still im Zimmer. Sie drehte mich zu den anderen, damit alle mein Gesicht sehen konnten, beugte sich herunter und gratulierte mir zum ersten Platz des Malwettbewerbs. Dann überreichte sie mir einen Pokal, an dessen Seite ein großer bunter Pinsel klebte. Am Sockel war mein Name eingraviert, Anthea Arenz. Als die Lehrerin zu klatschen begann, applaudierten alle mit, und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas konnte, was für meine Klassenkameraden unerreichbar war. Und es hatte Anerkennung für mich gegeben, fast gegen meine Absicht, ganz unerwartet. Ein Fenster war aufgestoßen worden – das Fenster zur Entdeckung und Weiterentwicklung meiner Fähigkeiten. Ich hatte erkannt, dass dies kein verborgenes Universum sein musste, das niemanden interessierte. Im Gegenteil, die anderen konnten darin etwas finden, was ihnen wertvoll würde. Meine Mutter rahmte die Zeichnung ein und hängte sie ins Esszimmer. Das war die Bestätigung, dass auch sie etwas Wertvolles erkannt hatte, plötzlich, aus dem Nichts. Vorbei die Sorgen, die sich aus Dr. Schleimanns' übellaunigen Beurteilungen gespeist hatten. Jetzt hatte sie etwas, worauf sie stolz sein konnte.

Es ist still im Haus, meine Eltern sind tot. Seit Beginn meines Kunststudiums vor fünf Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen, jetzt wird es ein letztes Mal sein. Der Entschluss steht bereits fest: Ich werde mein Elternhaus verkaufen und eine neue Heimat suchen. Es riecht modrig, es riecht unbewohnt. Ich öffne die Fenster, damit frische Luft hereinkommen kann, beginne die schmale Holztreppe hinaufzusteigen und höre die zweite Treppenstufe knarzen. Mein Herz beginnt laut zu schlagen, als wenn es geweckt wurde. Je höher ich komme, desto stärker trommelt es in mir. Dann sehe ich die Tür zu meinem Raum. Sie ist verschlossen, doch diesmal stehe ich außen. Der Schlüssel steckt. Ich schließe auf und drücke den Griff nach unten. Ganz langsam öffne ich sie und der Blick in den Innenraum erweitert sich. Noch nie habe ich mein Herz so stark gespürt. Es boxt von innen gegen mich, als würde es nach einem Ausgang suchen. Mit geschlossenen Augen stehe ich da und höre, wie meine Mutter sagte: »Anthea, ich gehe jetzt.« Dann schloss sie dieselbe Tür hinter sich ab. Ich lauschte darauf, wie sie die steile Holztreppe hinunterstieg und die vorletzte Stufe knarzte. Kurz darauf ging sie nach draußen und fuhr mit dem Auto davon. Ich hatte es aufgegeben zu rufen, zu schreien und zu weinen. Meine Eltern würden wiederkommen, so wie jeden Tag, das wusste ich. Das Traumatische dieser täglichen Trennung war abgeklungen, aber es blieb doch jeden Tag aufs Neue eine Zumutung, ein unerhörter Vorgang, eine Art Bestrafung, ohne bestraft werden zu müssen.

Meine Augen durchforsten jeden Winkel. Alles ist noch so, wie ich es in Erinnerung habe. Bunte Kinderzeichnungen pflastern die Wände, das Eckregal quillt über, beladen mit Bastelund Malmaterialien, daneben steht die Kiste, die früher mit Süßigkeiten gefüllt war, und selbst das Spinnennetz ist noch da. Vor dem Bücherbrett liegt ein kleiner roter Teppich. Weil der Raum ursprünglich ein Badezimmer war, gibt es hier außerdem eine Toilette und ein Waschbecken. Ich erinnere mich daran, wie ich als kleines Kind den Becher mit Leitungswasser füllte und davon trank, wenn ich Durst hatte oder mich auf den Teppich zusammenrollte, wenn ich müde war. Viele Stunden am Tag hörte ich, derart eingeschlossen und mich selbst überlassen, nichts, weil es so still war. Nur das Papier raschelte, wenn ich es aus dem Stapel zog, um es zu bemalen. Obwohl jeder Vormittag gleich war, wurde mir nicht langweilig. Ich hatte viele Ideen und versuchte, sie umzusetzen. Meine Fantasie machte aus dem ehemaligen Bad ein Schloss und ich war die Prinzessin. Jeder war willkommen, wie die Spinne Isabell, die Fliege Jessica, der Marienkäfer oder die Silberfischchen-Familie. Einmal hatte mich sogar ein Schmetterling besucht. Ich unterhielt mich mit meinen Gästen und bastelte kleine Papierstühlchen für sie.

Eines Tages lag Jessica tot auf dem Rücken, und ich faltete ihr einen Sarg. So erschuf ich meine eigene kleine Welt. Hätten meine Eltern von all diesen Einfällen erfahren, hätten sie sich wohl neue Sorgen gemacht. Ein sonderbares Kind! War es noch 'normal'?

Fünf Stunden sind lang, wenn man wartet, und so entschloss ich mich, das mit dem Warten bleiben zu lassen und die Zeit aktiver zu gestalten. Der abgeschlossene Raum war mein Zuhause. Wenn meine Eltern von der Arbeit kamen und die Tür öffneten, wollte ich zuerst gar nicht nach draußen gehen. Ich liebte meine Mutter und meinen Vater. Ich nahm die Dinge als gegeben hin, nachdem ich einmal daran gewöhnt worden war. Für mich war es normal, so wie es war. Ich kannte es nicht anders.

Auch jetzt ist es ganz still um mich herum. Ich stehe in der Mitte des Raumes und lausche tief in mich hinein. Dann frage ich mich, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, hätten mich meine Eltern hier nicht Tag um Tag immer wieder für die Zeit ihrer Abwesenheit eingesperrt. Vielleicht würde ich wie meine quirlige Freundin Ulrike sein, gerne auf Partys gehen, viele Freunde haben und jede Nacht unterwegs sein. Dann bräuchte ich immer das Schönste und Neueste und alles sollte sich um mich drehen. Ich würde mit verschiedenen Jungs gleichzeitig etwas anfangen, um dann den besten davon auswählen zu können. Und auch das nur auf Zeit, denn langweilig wurde jeder von ihnen, früher oder später. Aber stattdessen sitze ich lieber zu Hause und male. Ich richte mich im Alleinsein ein, meide Menschenansammlungen, weil sie mir Angst machen. Stimmengewirr und eine hohe Lautstärke um mich herum, sind für mich unerträglich. Ich bekomme Kopfschmerzen davon und kann mich nicht konzentrieren. Meine zwei besten und einzigen Freunde, die ich je hatte, sind Alex und Ulrike, auf Partys war ich jedoch noch nie mit ihnen! Jeder Modetrend zieht an mir vorüber! Ich habe nur wenige Kleidungsstücke, die ich oft umgestalte, indem ich sie bemale, besticke, zerschneide und wieder neu zusammensetze. Es macht mir Spaß, meine eigene Kleidung zu kreieren. Mein Schmuck sind die langen rotblonden Haare und zarten Sommersprossen. Ich liebe Plateauschuhe, die meine Beine länger erscheinen lassen. Isabell, die Spinne, hatte so lange Beine und sie konnte über alles hinwegsteigen!

Ich wechsle den Platz, um eine der Zeichnungen betrachten zu können, die durch das Oberlicht einfallende Sonnenlicht angestrahlt wird. Ich verharre, als auch ich durch die Sonnenstrahlen getroffen werde. Das löst eine weitere Empfindung als Echo der Vergangenheit aus. Nun stehe auch ich in der Sonne, die durchs Oberlichtfenster fällt. Wie damals kann ich die Wärme, Geborgenheit und Sicherheit spüren, die mir dieser Raum schenkte, obwohl er so etwas wie ein stundenweise verfügtes Gefängnis für mich gewesen war. Ich wusste ja, dass sich andere Stunden anschließen würden. Das waren die Stunden, wann wir am Abend alle zusammensitzen würden, um gemeinsam zu essen, uns zu unterhalten und zu lachen. Meine Mutter würde mich zu Bett bringen und mein Vater würde mir einen Gutenachtkuss und ein Kreuzchen auf die Stirn geben. Der kleine Raum war mein Babysitter, wenn meine Eltern zur Arbeit gingen. Er entlockte mir aber auch Kreativität und die dafür benötigten Voraussetzungen, Zeit und Ruhe, um sie zu entfalten. Ich lernte hier, wie wertvoll und wunderbar meine kleinen Mitbewohner waren, und entwickelte ein Gespür für alle Lebewesen dieser Erde. Ich freue mich und leide mit ihnen. Jeder Baum, der fällt, jedes Tier, das leidet, jeder Mensch, der Hilfe braucht, berührt mein Herz. Meine Augen sind weit offen, wenn ich durch die Natur laufe und mich an ihrer Schönheit erfreue, die Sinne bestens geschult und immer auf Empfang. Die Welt, in der ich mich bewege, ist bunt - bunt wie meine Farben! Während ich die Zeichnungen betrachte, beginnen sie zu verschwimmen. In meinen Augen sammeln sich Tränen. Die Aufwühlung presst sie aus meinen Lidern, sie laufen über die Wangen. Das tut gut. Sie machen das Herz frei und gestatten mir, tief einzuatmen. Ich lasse das so geschehen und will nicht darauf einwirken. Schließlich überkommt mich eine eigenartige Zuversicht. Mit einem Mal bin ich überzeugt davon, dass meine künstlerische Begabung und meine Fantasie mir noch viel Schönes und Unerwartetes bescheren werden – auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das passieren könnte. Auf seltsame Weise getröstet, verlasse ich das Haus und fahre davon.

* Sigrun Peller *

Kapitel 1

Mein kleines Häuschen liegt abseits und kennt keine Nachbarn. Die Natur hat es eingehüllt, mit gewuchertem Blattwerk als grünem Geschenkpapier darum, allein die Lücke zur Eingangstür halte ich davon frei. Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zu Hause. Nach dem Kunststudium bin ich doch zurückgekehrt, um hier zu bleiben, statt das Elternhaus wie beabsichtigt zu verkaufen. Das war eine gute Entscheidung, denn ich habe erkannt, dass es für mich keinen besseren Ort gibt, um zu malen. Unser großes Wohnzimmer im Erdgeschoss ist jetzt mein Atelier. Ab und zu hält draußen vor dem Blattwerk ein Auto, dann werde ich beliefert, vom Künstlergroßhandel oder mit Lebensmitteln vom Bauern. So muss ich das Haus selten verlassen und kann mich ganz auf mein künstlerisches Schaffen konzentrieren. Die Zwänge einer lästigen Beschäftigung mit auswärtigen Dingen, die mich nicht wirklich interessieren, sind weitgehend abgestellt. Mein Aufgehen in die Kunst verlangt nach totalem Abtauchen.

Ich male eine Farbschicht über die andere und jede offenbart mir etwas Neues. Es sind Erinnerungen, Erlebnisse, Träume, Texte, Formen und Figuren, die durch meine Hand auf die Leinwand fließen, um zum Betrachter »Hallo« zu sagen. »Hallo, hier bin ich. Wer bist du? Beschäftige dich mit mir, lass dich drauf ein.« Gerade arbeite ich an einer Serie und erschaffe dreißig Bilder gleichzeitig. Ich denke nicht nach, plane nichts, mache keine Entwürfe. Es fließt einfach so aus mir raus, unreguliert, als Event, und wird schon selbst wissen, was es auf die Leinwand zu bringen hat. Jetzt bin ich im Rausch, kann nicht aufhören, will unbedingt noch diese eine Schicht zu Ende bringen. Und dann noch eine. Und - das! - fehlt noch ...Es ist wie ein Zwang. Erst dann werde ich wieder essen oder trinken können. In der ersten Zeit hat mich das Ungeplante, Chaotische, Ergebnisoffene noch irritiert, aber jetzt kenne ich meine Arbeitsweise und weiß ganz genau, wie ich funktioniere. Durch das Fenster fällt der fahle Schein des Mondlichts auf die Gläser mit dem Wasser, das ich zum Reinigen der Pinsel verwende. Es muss dringend ausgetauscht werden, aber mir fehlt die Zeit dazu. Auch jetzt kann ich mich nicht durchringen, in die Küche zu gehen, um die fünf Einmachgläser neu zu befüllen. Ich knipse das Licht der altmodischen Deckenlampe an, die meine Mutter vor langer Zeit auf dem Flohmarkt gekauft hat, und male weiter. Vor mir steht die Staffelei mit der Leinwand. Das Gemälde einer jungen Frau im langen bunten Kleid ist noch nicht ganz getrocknet. Ihre Gesichtszüge sind klar und deutlich dargestellt, während ihr Gewand plakativ erscheint. Ich setze den Spachtel am oberen Bildrand an und ziehe ihn über die linke Hälfte der Frau nach unten. Der feuchte Anstrich vermischt sich, und der Spachtel hinterlässt eine klare Linie an seinen beiden Kanten. Genauso wollte ich es haben! Durch das Farbenspiel auf der linken Seite kann man gerade noch erahnen, dass es sich um eine Frau in einem langen Kleid handelt. Der rechte Teil bleibt unverändert. Jetzt muss es erst einmal trocknen. Später werde ich dann eine neue Schicht auftragen, werde dabei Wichtiges aussparen, um der darunterliegenden Szene die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Irgendwann wird das Atelier in einen rötlichen Schein getaucht. Die Sonne geht auf und mir ist klar, dass auf mein Zeitgefühl schon lange kein Verlass mehr ist. Ich habe tatsächlich mal wieder die Nacht durchgearbeitet, ohne es zu merken. Die Nacht wird zum Tag, der Tag zur Nacht. Sehnsüchtig schaue ich zu der dünnen Matratze in der hinteren Ecke. Vor einigen Wochen habe ich sie ins Atelier gelegt, damit ich mich dort etwas ausruhen kann. Aber jetzt möchte ich nicht schlafen, noch nicht! Der Geruch der Farben putscht mich auf und hält mich wach. Ich würde ihn vermissen, würde ich zu Bett gehen.

Ich habe sechzig Nägel in gleicher Höhe in alle vier Wände geschlagen und die Kunstwerke aufgehängt. Die Hochformate haben eine Größe von fünfzig mal siebzig Zentimeter und sind nummeriert. Nun stehe ich in der Mitte meines Arbeitszimmers und betrachte mein Werk. Jedes Gemälde erzählt einen Lebensabschnitt; in der Summe behandeln sie meine eigene Geschichte im Episodenformat. Je länger ich die Bilder anschaue, desto stärker wächst der Wunsch in mir, sie miteinander zu verbinden. Ich nehme einen dünnen Rundpinsel, tauche ihn in rote Farbe und laufe damit zur ersten Leinwand. Ganz links setze ich ihn an und male einen Strich durch das Bild, den ich auf den folgenden Werken fortsetze. Immer wieder tauche ich den Pinsel ein, bis sich der rote Faden durch meine fünfundzwanzig Lebensjahre zieht und alle Erlebnisse miteinander verbindet. Ich drehe mich im Kreis und betrachte mein Erschaffenes. Meine Arme sind weit auseinander gestreckt, um die Balance zu halten, denn meine Füße trippeln ununterbrochen schneller. Erst als ich ins Schwanken gerate, zwingt mich das Schwindelgefühl auf den Boden. Nun sitze ich hier und alles um mich herum ist in Bewegung. Ich bin der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Erst jetzt spüre ich Erleichterung und Freude über das Vollbrachte, aber auch Erschöpfung. Der Kalender zeigt mir, dass ich einen Monat und drei Tage daran gemalt habe. Kaum Erinnerung ist vorhanden über die Tagesabläufe über diese Spanne. Alles ist verschmolzen, ganz wie verdünnte frische Farben ineinanderfließen, bis man nicht mehr weiß, was alles dazukam.

Als der Schlitz in der Haustür klappert, renne ich die Treppe hinunter. Vor mir auf dem Boden liegt ein Brief; mein erster, seit ich wieder hier eingezogen bin. Ich hebe ihn auf und halte ihn mit beiden Händen. Meine Finger gleiten über die Briefmarke und das geriffelte Papier. Er ist an mich adressiert, an Anthea Arenz, Teichweg 28, 63791 Karlstein am Main. Die Rückseite verrät, von wem er kommt. Vor fast drei Monaten habe ich an diese Adresse Bewerbungsunterlagen geschickt, um mit meiner Bilderserie an einer Kunstausstellung teilzunehmen. Meine Hände sind feucht und ich scheue mich davor, den Brief zu öffnen. Warum sollte ausgerechnet ich die Chance erhalten, auf die ich gehofft habe? Während ich den Umschlag mit einem Messer aufschneide, beginnt mein Herz zu trommeln. Ich starre auf das Geschriebene, und als ich überfliege »… möchten Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Gemälde für die Ausstellung ausgewählt haben …«, schreie ich laut auf. Es fällt mir schwer, einen Bezug von den Worten zu mir herzustellen. Erst nachdem ich den Brief vier Mal durchgelesen habe, begreife ich allmählich, dass tatsächlich von meinen Bildern die Rede ist.

Ich renne ins Atelier, wo die Gemälde noch immer hängen, und drehe mich erneut in ihrer Mitte im Kreis. Wie bei einem Daumenkino erwecke ich alle zum Leben und die Farben fließen wie ein bunter Fluss an den Wänden entlang. Torkelnd falle ich zu Boden und blicke nach oben. Die Zimmerdecke erinnert an die Rotorblätter eines Helikopters. Gleich werde ich abheben, um in einen neuen Lebensabschnitt zu fliegen. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf und ich begreife endlich mein großes Glück: hier war meine berufliche Chance, mein Griff nach den Sternen, mein professioneller Weg zum Erfolg! Wie viele von uns träumen nur davon und schaffen nie, vom Boden abzuheben!

Sechs Monate später bringe ich meine Gemälde nach Frankfurt in die Kunsthalle, um sie dort aufzuhängen. Jeder der ausstellenden Künstler bekam eine Fläche zugeteilt und ist damit beschäftigt, die optimale Anordnung seiner Werke zu planen. Ich laufe durch das Gebäude und betrachte die von der Jury ausgewählten Arbeiten. Es sind zum Teil großformatige Werke und ich habe etwas Angst, dass meine kleinen Bilder neben ihnen untergehen könnten. Ich weiß aber, dass meine Motive gut sind und mit den anderen mithalten werden. Der Aufbau geht mühelos vonstatten und ich muss mir im Gegensatz zu den anderen nicht viele Gedanken machen, denn die Reihenfolge habe ich durch den roten Strich über die ganze Serie schon vorher festgelegt. Ich betrachte meine Kunstwerke von Weitem, damit ich alle dreißig gleichzeitig sehen kann. Es ist ein großartiges Gefühl, das mich Stolz macht. Bevor ich gehe, fährt mein Finger über die Leinwände und folgt dabei dem roten Faden, sodass ein leises, rhythmisches sch-d sch-d sch-d entsteht. Auf diese Weise verabschiede ich mich von ihnen, packe meine Sachen zusammen und fahre nach Hause. Die Ausstellung am Wochenende wird ein großes Ereignis sein, bei dem wichtige Leute der Kunstszene erscheinen werden, wie Galeristen, Kritiker, aber auch Sammler und Kunstinteressierte. Ich wäre gerne dabei, würde sie beobachten, wie sie meine Werke betrachten und über meine Kunst fachsimpeln. Mein Herz rast allerdings schon jetzt vor Angst, nur bei dem Gedanken, dass dort viele Menschen zusammenkommen werden. Die große Kunsthalle wird voll sein mit Besuchern und das ständige Gemurmel dieser Gespräche für mich unerträglich. Deshalb werde ich mich krankmelden und stattdessen lieber an meiner Staffelei stehen und malen.

Fünf Tage später verweist die Schlagzeile auf dem Titelblatt der Tageszeitung, die ich abonniert habe, darauf, dass die Ausstellung gut besucht war. Hastig blättere ich zum Kulturteil, um Näheres zu erfahren. Ich überfliege den Artikel, lese mehrfach meinen eigenen Namen. Der Finger, der Zeile für Zeile abfährt, beginnt zu zittern. Meine Augen folgen dem Geschriebenen, um so schnell wie möglich zu erfassen, in welchem Zusammenhang ich genannt werde. Dort steht, dass ich eine der Künstlerinnen bin, dass ich krankheitsbedingt nicht anwesend sein konnte und dass meine Arbeit unter den anderen in der Laudatio erläutert wurde. Das Foto neben dem Artikel fällt mir erst später auf. Es ist ein Gruppenbild der ausstellenden Maler, das am Tag der Veranstaltung aufgenommen wurde. Als ich es genauer betrachte, sehe ich, dass sie vor meinen Werken stehen. Im selben Moment laufen Tränen über meine Wangen.

Drei Wochen später wirft der Postbote erneut einen Briefumschlag aus geriffeltem Papier durch den Türschlitz. Ich ahne sofort, von wem er kommt. Wie ich vermutet habe, ist auch diesmal die Kunsthalle in Frankfurt der Absender. Hastig reiße ich das Kuvert auf und lese, dass man mir empfiehlt, mich mit einem Kunstsammler in Verbindung zu setzen, der alle dreißig Bilder kaufen möchte. Ich lasse die Hand mit dem Brief sinken, starre in Richtung der gegenüberliegenden Wand, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. In Gedanken wiederhole ich die gelesenen Worte. Zum ersten Mal werde ich meine Gemälde verkaufen und hoffentlich viel Geld damit verdienen. Ich möchte tanzen, lachen und es herausschreien, aber meine Augen scheinen sich an dem Nagel in der Wand festzuhalten, um die Orientierung nicht zu verlieren. Es war stets mein Ziel, von der Kunst leben zu können, doch jetzt, da die reale Möglichkeit sich vor mir aufbaut, macht es mich auch sehr traurig, meine »Kinder« weggeben zu müssen. Sie sind ein Teil von mir, sie sind aus mir entstanden.

Ich setze mich in meinem Raum auf den roten Teppich, wie ich es als Kind oft getan habe, und betrachte die vorbeiziehenden Wolken durch das Oberlichtfenster. Ich sehe nicht nur Wolken, ich sehe sie Formen annehmen: ein liegendes Pferd wird zu einem springenden, ein Clowngesicht zu einem Tiger und zerfließt dann wieder zu einer ganz normalen Wolke. Es ist Meditation, es ist ein In-sich-gehen und es ziehen gefühlt viele Wolken vorbei, bis ich wieder den Boden unter mir spüre. Ich öffne die Augen und sage laut, sodass ich hören kann, was mir durch den Kopf geht: »Leben ist Veränderung! Auch Kinder wählen eines Tages ihren eigenen Weg und Eltern müssen sie loslassen. Es ist eine Chance für beide, sich zu entwickeln, zu verändern und Lehren daraus zu ziehen.«

Als ich die Treppe hinabsteige, summe ich eine Melodie. Sie begleitet mich bis in mein Atelier und wird lauter, als ich die leeren Wände betrachte und neue Leinwände aufhänge. Noch sind sie weiß, doch ich werde sie füllen mit Neuem, das ich an mir entdecken und entfalten werde. Ich mische die Farben, tauche ein in einen neuen Schaffensprozess und begrüße die vor mir liegende Zeit. Open end, open work. Wer weiß schon, wie lange es diesmal dauern und was diesmal daraus erwachsen wird?

* Sigrun Peller *

Kapitel 2

Acht Jahre sind bereits seit der ersten Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle vergangen. Meine Glückssträhne dauert an, ich kann von meiner Arbeit leben. Meine Bilder sind begehrt, hängen in Museen und Galerien. Ich werde immer wieder zu Kunstevents eingeladen, doch ich erscheine nie. Die Angst vor Menschenansammlungen ist geblieben, sie hat mich stets davon abgehalten, Einladungen zu Ausstellungen anzunehmen. Meine Angst will mir einflüstern, ich solle zu Hause bleiben, dort könne ich mich in mein Atelier zurückziehen und malen.

Als es an der Tür klingelt, zucke ich zusammen. Ich muss mir doch mal eine andere Hausglocke montieren lassen; dieses abscheulich schrille Ding erschreckt mich jedes Mal, wie schon vor Jahren, als es von meinen Eltern installiert wurde. Ich werde mich nie daran gewöhnen. Ich war vertieft in ein neues Projekt, habe eine Skizze angefertigt für den Bildaufbau. Der Stift in meiner Hand hat den Strich jäh mit einer verschreckten Abweichungsspur auf der Arbeitsplatte beendet. Zu selten findet jemand den Weg zu mir. Wer mag das wohl sein? Der Bauer scheidet aus, er kommt immer mittwochs. Vom Schlafzimmerfenster aus konnte ich vor der letzten Vegetationsperiode noch zur Haustür sehen, doch diesmal versperren mir die Blätter der Ulme die Sicht. Ich werde den Baum etwas zurückschneiden lassen müssen, denke ich, laufe zur Tür und öffne sie. Ich blicke in ein strahlendes Gesicht und werde mit einem Freudenschrei begrüßt. Noch in Gedanken versunken, zucke ich zusammen. Weit geöffnete Arme laden ein, mich aufzunehmen. Aber wer ist das überhaupt? Ich stelle meinen Blick scharf und erkenne. »Ulrike!«, rufe ich und falle ihr um den Hals. Während sie mich fest an sich drückt wundere ich mich darüber, dass sie sich überhaupt nicht verändert hat. Meine Freundin aus Schulzeit und Studentenjahren riecht noch immer nach diesem blumigen Duft, den ich so sehr an ihr mochte. Ich spüre ihre großen Ohrringe, die in meine Wange stechen und vernehme dicht an meinem Ohr ihre vertraute Stimme. »Dornröschen!«

Als ich den Spitznamen höre, muss ich lächeln. Ulrike hatte ihn mir am Anfang unserer Studienzeit gegeben. Ich mochte ihn schon damals und empfand mich als etwas Besonderes, wenn sie Dornröschen zu mir sagte, auch wenn dabei immer der Hauch einer spöttischen Kritik mitschwang. 'Dornröschen' - das ist eine, die hinter Dornenhecken ihr Leben verschläft und auf den Prinzen wartet, der sie endlich wachküsst. Aber ich habe ihr das nie übelgenommen, ganz im Gegenteil. »Was für eine Überraschung!«, rufe ich und erkenne meine Stimme selbst nicht wieder. Sie klingt so enthusiastisch, fast überdreht. Ich hoffe, Ulrike fasst das nicht als meinerseits spöttisch gemeint auf, denn ich bin ja ehrlich positiv überrascht. Ich ergreife Ulrikes Hand und führe sie herein. Ihre Augen durchforsten jeden Winkel, als müssten sie ein genaues Bild vom Flur scannen. Ulrike ist ein anderes Ambiente gewohnt, kommt mir in den Sinn. Seitdem wir uns in der Schule kennengelernt hatten, war sie nur ein oder zwei Male hier gewesen, danach vermied sie es mich zu besuchen und wir verlagerten unsere Treffen ausschließlich auf ihr reiches Elternhaus, auf die Schule und später auf die Uni. Heute, nach Jahren voller Veränderungen in unser beider Leben, ist sie wohl neugierig, wie es jetzt hier aussehen mag. Jetzt, da meine Eltern tot sind und ich alleine hier lebe. Als ihr Blick an der Küchentür verweilt, öffne ich sie. »Kann ich dir etwas anbieten, möchtest du einen Kaffee?« Gerne hätte ich jetzt ein Stück Torte verfügbar, denn ich weiß, dass sie Süßes mag, doch ich bin auf Gäste nicht vorbereitet. Nicht mal trockene Kekse sind in Reichweite. Joghurt, Brot und Nüsse könnte ich ihr anbieten oder etwas Deftiges aus der Tiefkühltruhe. »Nein danke, ich kann nicht lange bleiben.« Erschöpft lässt sie sich auf die Eckbank fallen. Ich fühle mich erleichtert, dass sie mein Angebot ausschlägt, denn Joghurt mit Brot und Nüssen hätte eine dermaßen klägliche Bewirtung gegeben. Ulrike holt tief Luft. »Es war nicht einfach, dich hier zu finden, soweit abseits vom Schuss. Ich konnte mich kaum erinnern, wo dein Haus überhaupt liegt ... es ist zu lange her. Habe mehrfach versucht, dich anzurufen, aber ständig hieß es, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Ich schätze mal, dein Akku ist leer und wird nie aufgeladen, so wie ich dich kenne.« Ulrikes Stimme klingt vorwurfsvoll. »Nein, diesmal liegt es an meinem neuen Handy, das ich erst einrichten muss.« Vielleicht machte ich dabei ein besonders hilfloses Gesicht, oder ein extrem dummes, denn Ulrike verdreht die Augen und gestikuliert wild mit den Händen. »Das ist doch nicht so schwer, gib mal her, ich mach dir das.« Sie ist genauso ungeduldig wie früher, stelle ich fest.

Als ich ins Atelier laufe, um das Telefon zu holen, fühle ich mich allerdings erleichtert, dass mir jemand diese Arbeit abnehmen will. Mit immer neuer Technik habe ich es nicht so. Ulrike scheint es sehr wichtig zu sein, mit mir in Kontakt zu bleiben, das schmeichelt mir. Ich beobachte, wie ihre Finger mit einer Selbstverständlichkeit über die Handytastatur huschen, wie sie alle Einrichtungsschritte geschickt erledigt, ohne auch nur einen Blick in die Bedienungsanleitung werfen zu müssen. Während sie tippt, schaut sie sogar zu mir herüber, lächelt freundlich. Oder war es gönnerhaft? »Nun brauche ich noch ein Passwort«, sagt sie und sieht sich in der Küche um, als hätte ich hier den Code versteckt. Ich stehe da und überlege, dann sage ich »Isabell«. »So fertig, jetzt kann ich dich wenigstens anrufen, falls der Akku nicht leer ist.« Sie gibt mir lachend mein Handy zurück. Ich hänge es sofort an das Ladegerät und sie zeigt mir den Daumen nach oben. »So, jetzt können wir Normalsterbliche dich wenigstens anrufen, wenn's brennt. Denn als berühmte Künstlerin sollte man schon erreichbar sein; dann brennt's nämlich ständig, und du wirst als Feuerwehr gebraucht.« Ihre Stimme klingt monoton, nur die berühmte Künstlerin hebt sie hervor. »Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen«, wiederhole ich, und das meine ich ernst, denn obwohl sie unerwartet kam und mich bei der Arbeit gestört hat, bin ich tatsächlich froh über die Ablenkung. Ulrike sieht mich an und lächelt. »Ist ja irre, du hast es geschafft, du bist berühmt! Ist dir das überhaupt schon aufgefallen? Du wirkst so unberührt. Ich an deiner Stelle wäre ganz aus dem Häuschen. So, - spätestens jetzt weißt du es; du bist ein Star. Ich bin nicht neidisch, denk das nicht. Das alles freut mich wahnsinnig für dich! Weißt du noch, wie oft wir davon geträumt haben, wie es wohl sein muss, wenn eines Tages jeder unsere Namen kennt?« Ihr Blick ist irgendwohin in die Ferne gerichtet. »Ja, wir saßen auf der Mauer neben der Uni und haben uns einen Künstlernamen überlegt.« Für einen Moment spüre ich den Gefühlen nach, die ich damals empfunden habe. »Stimmt! Du wolltest Arenza heißen und ich Ike Ul R. Ich habe übrigens auch ein Atelier, nur zwölf Kilometer weg von hier, mitten in Aschaffenburg.« »Und das sagst du erst jetzt, so beiläufig? Das ist doch auch eine große Neuigkeit. Vielleicht darf ich mich auch mal über deinen Erfolg freuen, wie du gerade über meinen?« Was für ein schöner Gedanke, Ulrike in der Nähe zu wissen, auch wenn sie mich manchmal überfordert mit ihrer Art. Sie zuckt mit den Schultern und zieht eine Schnute.

»Na, richtiger Erfolg ist das doch nicht. Ein cooler Start, das vielleicht. Mein Vater hat es mir vor sechs Jahren zum Studienabschluss geschenkt, ganz tolle Lage, sogar mit Ausstellungsfläche. Habe halt etwas länger gebraucht als du, dafür hatte ich aber auch ein sehr intensives Studentenleben, wie du weißt!« Sie lacht und ich erinnere mich an die Jungs. Sie war ständig verliebt und hatte keine Zeit zum Lernen. Ich fand es spannend, wenn sie mir von ihren neuesten Eroberungen erzählte und mich dadurch mitnahm in eine ganz andere Welt. »Komm mit, ich zeige dir mein Arbeitszimmer!« Ulrike folgt mir. »Das ist nun also dein Atelier, der ganze Boden ist ja voller Farbe, Schaffensrausch ausgelebt? - Ach Gott, ich erinnere mich gerade düster - das war doch mal ein spießiges Wohnzimmer, nicht? - Oh, entschuldige, ist mir so rausgerutscht ...« Sie sieht mich fragend an. Ich nicke und fühle mich nun doch ein wenig überrollt von ihr. Offenbar bin ich diese temperamentvollen, unverblümten Gespräche einfach nicht mehr gewohnt. Da aber Ulrike nichts dafür kann und ich froh darüber bin, dass sie mich gefunden hat, lasse ich mir nichts anmerken. Meine Irritation ist jedoch nicht einmal bemerkt worden, Ulrike redet bereits unbekümmert weiter. »Ich finde es klasse, dass du ganz in meiner Nähe bist, jetzt können wir uns wieder öfter sehen. Lass auf jeden Fall dein Handy an und achte auf den Akku, damit du immer erreichbar bist! Es gibt so viel zu berichten, aber jetzt erzähl doch endlich mal etwas von dir.« Erwartungsvoll sieht sie mich an. Ich zucke mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel. Die Neuigkeiten kennst du ja schon aus der Zeitung und sonst hat sich nichts verändert.« Ich kann mir nicht verkneifen, etwas Sarkasmus nachzuschieben: »Außer natürlich, dass unser spießiges Wohnzimmer nicht mehr existiert und jetzt ein Chaosatelier daraus geworden ist.«

Ulrike streicht ihre dunklen kurzen Haare hinter die Ohren. Für einen Moment bleiben sie dort, dann fallen sie wieder nach vorne. »So wie ich dich kenne, hast du das Haus schon seit Ewigkeiten nicht verlassen. Anthea, du warst immer wie eine Schwester für mich und jetzt, wo ich dich endlich wiederhabe, würde ich gerne vieles mit dir unternehmen. Auf Partys gehen, Typen aufreißen, einfach Spaß haben. Du musst unter Leute, dann kannst du auch einen Mann kennenlernen. Oder hast du sogar einen, Dornröschen? Jetzt erzähl schon!« Ich muss erneut lächeln, obwohl ich ihr ungern auf diese Frage antworte. An Dornröschen muss ich mich erst wieder gewöhnen. »Nein, ich habe keinen Freund, bin die meiste Zeit in meinem Atelier und male. Kenne auch niemanden, der mir gefallen würde.« Hoffentlich war’s das jetzt, Ulrike ist so furchtbar neugierig. So, wie ich sie kenne, ist das Thema Mann noch nicht durch. »Was ist denn aus diesem Alex geworden, du weißt schon, welchen Alex ich meine, der aus unserem letzten Schuljahr?« Typisch, dass sie weiterbohrt. Stimmt, was ist eigentlich aus ihm geworden? »Dass du dich noch daran erinnern kannst! Dabei war er nicht mal in deiner Sammlung.« »Klar erinnere ich mich, es war der einzige männliche Name, den du jemals erwähnt hast. Den kanntest du doch seit der ersten Klasse, oder?« »Ja, aber der Kontakt ging leider verloren.« Ich knete meine Finger und hoffe, dass sie endlich Ruhe gibt. »Anthea, wir sind mittlerweile vierunddreißig Jahre alt. Okay, man sieht es uns nicht an, aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Ich sehe schon, ich muss mich um dich kümmern. Was machst du denn an deinem Geburtstag?« Geburtstag? Stimmt! Der ist ja schon nächste Woche, den habe ich total vergessen. »Ich freue mich, dass du daran denkst!« »Den vergesse ich doch nicht, du hast schließlich am selben Tag wie meine Mutter! Wir könnten hier eine geile Party machen. Wenn du möchtest, organisiere ich alles!« Ich erstarre. Die Vorstellung, dass eine Menge Leute kommen würden, um bei lauter Musik mein neues Lebensjahr zu feiern, erschreckt mich. Sie nimmt meine Hand und tätschelt sie geringschätzig. »Okay, ich sehe schon, dass du darüber nicht glücklich bist, habe ich auch nicht anders erwartet, wollte dich nur ein bisschen damit aufziehen und aus der Reserve locken. Also keine Angst, keine Party, versprochen! Aber einen Geburtstagskaffee, wenigstens für uns zwei, das wäre doch auszuhalten, oder?« Erst jetzt stelle ich fest, dass sich mein ganzer Körper verkrampft hat, und atme erleichtert aus. »Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du zum Kaffee kommen könntest!« »Klar komme ich, also dann bis Ende nächster Woche und pass auf dich auf!« Als ich Ulrike zu ihrem Auto begleite, merke ich trotz ihrer aufdringlichen Art, wie sehr ich sie die letzten neun Jahre vermisst habe.

Ich gehe in meinen kleinen Raum und setze mich auf den roten Teppich. Während ich die Zeichnungen an der Wand betrachte, habe ich das Gefühl, Ulrike säße neben mir. Sie erzählt von ihren Partys, Dates und Erlebnissen, von ihren Wünschen und Träumen, und ich spüre, dass all dies auch in mir wohnt und gelebt werden möchte. Auf einmal denke ich an Alex und wie schön es doch wäre, wenn auch er ein Stück Geburtstagskuchen mit uns essen würde. Als hätte jemand die Nummer gewählt und mir das Handy in die Hand gegeben, stehe ich Minuten später da und bin überrascht von mir selbst, weil ich nämlich gerade Alex auf seiner alten Nummer anrufe. Mit jedem Klingelton pocht mein Herz ein bisschen stärker und die Hände werden feuchter. Ich überlege, was ich sagen könnte. Vielleicht ist er verheiratet und hat eine eigene Familie? Was wird er denken, wenn ich nach zehn Jahren einfach so anrufe und ihn zum Kaffee einlade? Er studierte Betriebswirtschaft und in der Mitte des Studiums riss der Kontakt ab, warum eigentlich? Wahrscheinlich waren wir beide zu beschäftigt. Es klingelt weiter. Was, wenn das jetzt die Nummer von jemand anderem ist? Und selbst, wenn sie noch gilt - Alex hat bestimmt keine Zeit, denke ich, doch kurz, bevor ich auflegen möchte, nimmt doch jemand ab. Und es ist Alex, der sich da meldet. »Hallo Alex, hier ist Anthea.« Für einen Moment höre ich ihn nur atmen. »Wow, was für eine schöne Überraschung, freut mich sehr, deine Stimme zu hören.« »Wie geht es dir?« »Mir geht es super! Leider habe ich gerade ganz wenig Zeit, kann ich dich heute Abend zurückrufen?« »Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du am Siebzehnten Lust und Zeit hast, zu mir zum Kaffeetrinken zu kommen? Ich bin nach meinem Studium in mein Elternhaus nach Karlstein gezogen.« Erleichtert atme ich aus und bin froh, dass ich den Mut gefunden habe, ihn anzurufen und einzuladen. »Das kenne ich, klar, wir haben dich manchmal nach der Schule nach Hause gebracht, wenn deine Eltern keine Zeit hatten, dich abzuholen.« »Stimmt. Und dienstags und donnerstags habe ich oft bei dir zu Hause auf sie gewartet. Das fand ich immer klasse und euren Hund liebte ich so sehr.« »Ja, das war Pünktchen, der ist schon lange tot. Oh Mann, habe ich das gehasst, dass ich jeden Tag mit ihm Gassi gehen musste. In den nächsten Wochen habe ich überhaupt keine Zeit, da kommen verschiedene Handwerker und machen die Restarbeiten. Ich habe mir nämlich ein Haus gekauft und umgebaut, komm mich doch mal besuchen, dann trinken wir bei mir Kaffee und ich zeige dir alles. Es ist in der Straße, wo ich früher gewohnt habe, Hausnummer 16.« Ich wundere mich, dass er nicht wissen möchte, warum ich ihn zum Kaffeetrinken eingeladen habe. Vielleicht hat er vergessen, mich zu fragen. Auf jeden Fall freue mich über sein Angebot. »Ich muss dich jetzt leider abwürgen, muss zu einem Kunden. Lass uns doch über alles reden, wenn du hier bist. Wie sieht es denn heute in drei Wochen bei dir aus, sagen wir fünfzehn Uhr?« Ich muss nicht überlegen, denn ich habe immer Zeit, warte aber dennoch einen Moment, bis ich antworte. »Ja, da könnte ich kommen!« »Klasse, ich freue mich, dich wiederzusehen, mach’s gut, bis bald, Anthea.« »Tschüss Alex, bis bald!«, rufe ich und warte noch einen Augenblick, doch das Handy bleibt stumm. Auch mein Herz kann ich jetzt nicht mehr hören. Erleichtert stehe ich da und Alex’ vertraute Stimme klingt in meinen Ohren nach. Wie schön es war, ihn wieder zu hören, denke ich und erinnere mich an die gemeinsame Zeit.

Zehn Tage später habe ich einen Kirschkuchen gebacken und den Tisch schön gedeckt, mit Blumen und Kerzen dekoriert. Nun sitze ich hier und warte auf Ulrike, die schon vor zwei Stunden da sein wollte. Hätte ich sie vielleicht noch einmal daran erinnern sollen? Als es an der Haustür klingelt, atme ich erleichtert auf, erleichtert darüber, dass sie meinen Geburtstag nicht vergessen hat. Zugetraut hätte ich es ihr. »Happy Birthday!«, ruft sie, als ich die Tür öffne, und streckt mir ein Geschenk in der Größe eines Schuhkartons entgegen. »Vielen Dank!« Ich umarme sie. »Dachte schon, du hast meinen Geburtstag vergessen.« »Wie kannst du das nur denken, du bist meine beste Freundin! Ich habe übers Internet einen Typen kennengelernt und den wollte ich so schnell wie möglich treffen. Er hatte nur heute Mittag Zeit, hat sich dann allerdings verspätet und deshalb konnte auch ich jetzt erst kommen. Sorry, Dornröschen, aber das musste wirklich sein. Wir haben uns beim Italiener getroffen und dort zu Mittag gegessen. Soll ich dir was sagen? Ich glaube, der ist es! Habe ein sehr gutes Gefühl, ich bin so happy! Wünsch mir Glück, dass es klappt!« Ich stelle das Päckchen in die Mitte des Tisches und strahle mit ihr. Sie wirkt glücklich, ihre Augen funkeln. Ich balle die Fäuste und zeige ihr, wie sehr ich die Daumen drücke, damit sich ihr Wunsch erfüllt. »So, jetzt musst du aber dein Geschenk auspacken, bin schon sehr gespannt, was du dazu sagst.« Ich löse vorsichtig das Klebeband und entferne das Papier. Der Karton fühlt sich leicht, geradezu federleicht an. »Hast du Federn verpackt?« Ich schüttle das Päckchen ganz nah an meinem Ohr. Sie antwortet nicht, sondern ist mit ihrem Handy beschäftigt und scheint Nachrichten zu verschicken. Lange schaue ich zu ihr hinüber, in der Hoffnung, sie würde bemerken, dass ich auf sie warte, doch sie dreht sich nicht um.

Dann öffne ich den Karton und Watte quillt heraus. Ich sehe zu Ulrike, doch sie tippt weiterhin auf ihr Display, als säße sie im Zug unter Fremden. Also suche ich nach dem Geschenk und finde sechs kleine, zusammengefaltete Papierblätter, die ich vor mir auf dem Tisch ausbreite. Erneut starre ich zu ihr hinüber. Erst als ich mich laut räuspere, schaut sie für einen kurzen Moment zu mir. »Das sind noch nicht alle«, sagt sie und schreibt dabei weiter an ihrer Nachricht. Ich finde noch vier weitere. Erst als Ulrike auf ihrem Platz sitzt, Kaffee trinkt und Kuchen isst, lese ich, was auf dem ersten Zettel steht: »Mehrere Tage keine Plateauschuhe tragen.« Mit hochgezogenen Augenbrauen sehe ich sie an. »Ich habe mir überlegt, wie ich dein neues Lebensjahr etwas auf den Kopf stellen kann und möchte, dass du mir versprichst, die Aufgaben zu erfüllen.« Im ersten Augenblick bin ich erstaunt, was für Gedanken sie sich um mich gemacht hat, dann aber freue ich mich sogar ein wenig darüber. »Ich würde sehr gerne in meinem Leben etwas ändern, aber das ist nicht so einfach. Auf jeden Fall werde ich mir aber deine Ideen durch den Kopf gehen lassen.« Ulrike faltet den nächsten Zettel auf, grinst zufrieden und liest: »Ulrike überraschen!« Ich sehe ihr an, dass sie es nicht erwarten kann, bis diese Aufgabe erledigt ist. Während ich einen weiteren Auftrag erfahre, ist sie erneut mit ihrem Handy beschäftigt. Es macht mich traurig, dass sie sich nicht die Zeit nimmt, mit mir gemeinsam über ihre Aufgaben zu sprechen. Es müsste sie doch interessieren, wie ich darauf reagiere, wenn ich, wie eben, lese »Länger als ein Wochenende verreisen«. Plötzlich springt sie vom Stuhl auf, hat es ganz eilig und muss zu einem wichtigen Meeting. Sie verabschiedet sich hastig und rennt zu ihrem Auto. Ich winke ihr, doch sie hat keine Zeit, sich umzudrehen. Ein paar Minuten später hänge ich alle Zettel an meine Pinnwand. Zum Beispiel würde ich schon sehr gerne meinen »Freundeskreis erweitern«, aber wie kann ich das machen? Wo finde ich Menschen, die zu mir passen, die mich verstehen? »14 Tage lang Atelier nicht betreten.« Diese Aufgabe werde ich im Sommer erledigen und stattdessen im Garten malen, aber so hat sich das Ulrike bestimmt nicht vorgestellt. »Mann kennenlernen«, was meint sie damit, eine Liebe finden oder nur einen Bekannten? Ulrike und ihre Feiern, dabei hat sie bestimmt nur an sich gedacht! »Große Party ausrichten«, das kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen. Schade, dass sie schon weg ist, ich hätte mich gerne mit ihr über die Aufgaben ausgetauscht. Aber dennoch, sie hat sich etwas Besonderes für mich zum Geburtstag einfallen lassen. Was für ein schönes Geschenk und was für eine große Herausforderung.

Zwei Wochen später fahre ich zu Alex. Ich bin erleichtert, wie sehr er sich freut, mich wieder zu sehen. Voller Stolz zeigt er mir sein neues Zuhause, das er wunderschön renoviert und modern eingerichtet hat. »Jetzt kommt als Nächstes der Garten dran und dann ist alles perfekt«, erzählt er, während wir durch den Kellerausgang nach draußen gehen. »Aber der Garten ist auch so wunderschön!« Sofort bin ich bis über beide Ohren in dieses Kleinod verliebt, in dessen Mitte ein großer Kastanienbaum steht. Am maroden Gartenzaun rankt Kresse empor und schmückt ihn mit großen Blüten. Rosenbüsche wuchern weit in den Garten hinein, sie blühen in Weiß und Rot. Ich renne bis zum Kastanienbaum und drehe mich unter ihm im Kreis. Durch die vielen großen Blätter wirkt selbst der Himmel grün und ich kann nicht aufhören, mich zu drehen. »Ich werde dir bei der Gartenarbeit helfen!« Glücklich lasse ich mich ins Gras fallen. Wir trinken Kaffee unter der großen Kastanie und ich atme mehrfach tief ein, weil es so gut riecht. »Du kannst jederzeit kommen.« Alex lacht. »Das werde ich auch!« Ich nehme mir fest vor, dieses Versprechen zu halten.

* Sigrun Peller *

Kapitel 3

In meinem Atelier ist eine Menge quadratischer Bilder so angeordnet, dass sie von links nach rechts im Format kleiner werden. Ulrikes Zettel hängen an der Pinnwand, und obwohl seit meinem Geburtstag fast vier Monate vergangen sind, habe ich mich noch nicht mit ihnen beschäftigt. Auch jetzt habe ich kein Bedürfnis dazu, denn meine ganze Aufmerksamkeit gehört meinem neuesten Werk. Ich bin sehr stolz darauf und sicher, etwas Großartiges geschaffen zu haben, und kann nicht aufhören, es zu betrachten. In diesem Moment fällt mir ein Name für diese Serie ein. Ich werde sie »Orgelpfeifen« nennen, denn jede quadratische Leinwand ist kleiner als die Vorhergehende. Dann betrachte ich die zehn Bilder genau und denke mir Kindernamen aus, die ich auf der Rückseite vermerke. Es gibt bereits Nachfragen von Galerien, die Lukas, Julius, Hannes, Lina, Maria, Kilian, Achim, Lena, Anna und Luna gerne ausstellen möchten. Nun hängen sie vor mir, meine Kinder, und ich möchte für sie die bestmögliche Entscheidung treffen. Wenn ich in Galerien ausstelle, kommen die Menschen, weil ich eine bekannte Künstlerin bin, ich aber möchte für die Gemälde einen Platz finden, an dem mein Name keine Rolle spielt. Einen Ort, an dem sie wegen ihrer Farben und Motive geliebt werden. Diese Bilder sollen für sich selbst stehen, nicht für einen Namen, mit dem sie verbunden werden.

Ich ziehe mich in den kleinen Raum, das ehemalige Bad im Obergeschoss zurück und setze mich auf den roten Teppich, weil ich schon als Kind so am besten nachdenken konnte. Schon merkwürdig, zu meinem eigentlichen Kinderzimmer, wo auch mein Bett stand, hatte ich nie diese Beziehung aufgebaut, wie zu diesem Raum, obwohl er doch nur eine Art 'Verwahrungszelle' für mich war, während der Abwesenheit meiner Eltern. Aber hier war es, wo meine Fantasie mit mir durchging - und mich entwickelte. Durch das Oberlicht sehe ich eine Wolke vorbeiziehen, die die Form eines Gesichts hat. Es ist das Abbild eines alten Menschen und plötzlich weiß ich, wo meine Werke gut aufgehoben wären. Bevor ich es mir anders überlegen kann, rufe ich im Sankt Elisabeth Stift in Aschaffenburg an. Wir überlegten einmal, meine Mutter dort unterzubringen, aber sie starb, bevor es dazu kommen konnte.

Im Gemeinschaftsraum gibt es noch genügend weiße Wandflächen, versichert mir die Frau am Telefon und sagt, dass meine Gemälde herzlich willkommen sind. Ich musste ihr nicht einmal erklären, wer ich bin. Sie weiß es und fühlt sich geehrt, dass ich meine Bilder zu ihnen bringen wolle.

Wenige Tage später verpacke ich meine Orgelpfeifen in Luftpolsterfolie und lade sie in den eigens dafür gemieteten Transporter. Im Stift angekommen, wandert mein Blick über die wunderschöne Parkanlage, die Farben des Herbstes leuchten in der Sonne. Eine Schwester schiebt gerade eine Person im Rollstuhl dicht an eine alte Buche heran. Ich nehme mir vor, später, wenn alle Bilder hängen, den Baum aus der Nähe zu betrachten. Als ich den Gemeinschaftsraum betrete, werde ich schon von mehreren Bewohnern erwartet. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass sich etwas verändern soll. Ich begrüße alle Anwesenden und stelle mich vor. Ein alter Mann mit weißen Haaren und Stock streicht mir über den Rücken, einer mit Hut und nahezu zahnlosem Mund lacht mich freudestrahlend an. Eine Frau, deren Rock auf ihren Hüften schlottert, stützt sich schwer auf ihren Stock, eine andere, die ein buntes Kissen bei sich trägt, fragt mich mehrfach, wer ich bin. »Sie sind aber eine große Frau«, sagt Hildegard, die sich bereits bei mir vorgestellt hat, und mustert mich von oben bis unten. »Es kommt mir so vor, als wären die jungen Leute heute viel größer als früher.« Ich hebe meinen Fuß und deute auf die dicken Sohlen. »Das liegt an den Plateauschuhen.« »Das wäre doch bestimmt auch etwas für mich, ich war früher auch viel größer.« Als ich nicke, müssen wir beide lachen, denn Hildegard imitiert kurz einen unbeholfenen Gang, um zu zeigen, wie sie sicherlich damit laufen würde. Ich hole die Bilder aus dem Fahrzeug, trage sie in den Gemeinschaftsraum und lehne sie an die Wand. Danach schaue ich mich aufmerksam um und stelle fest, dass die linke Wand des großen Saals als Ausstellungsfläche bestens geeignet ist. Die Reihenfolge der Orgelpfeifen ist festgelegt, die Bilder können nicht anders gehängt werden, deshalb stelle ich sie der Größe nach an das Gemäuer. Während ich die Schutzfolie entferne, bringt mir Hildegard eine Tasse Kaffee und stellt sie auf den Tisch. Dann geht sie zu den Bildern und betrachtet diese ganz genau. Sie sucht sich »Maria« aus und fragt, ob ich es an einen anderen Platz hängen könnte, damit sie es während des Essens besser betrachten kann. Noch bevor ich antworte, trägt sie es zur Eingangstür und stellt es rechts daneben.

»Es wäre wunderbar, wenn es hier hängen könnte, es hat genau meine Lieblingsfarben und erinnert mich an meine Jugendzeit.« Sie sieht mich an, legt die Stirn in Falten und deutet auf den Stuhl, der sich an der Stirnseite der großen Tafel befindet. »Das ist mein Platz, hier sitze ich am liebsten und von hier aus kann ich das Bild am besten sehen.« Hildegard hat von dort aus nicht nur einen guten Überblick in den Raum, sondern sie bekommt auch sofort mit, wenn jemand kommt oder geht. Auch ich finde den Platz für »Maria« gut. Da es das größte der Bilder ist, symbolisiert es gleichzeitig Stärke und überwacht nun ebenso wie Hildegard, wer ein und aus geht. »Eine gute Idee«, sage ich. »Von dort aus kommuniziert es außerdem wunderbar mit den anderen Gemälden.« Dann kommt ein stämmiger weißhaariger Mann mit Halbglatze zu mir, und stellt sich als Hubert vor. Auch er hat sich seinen Favoriten ausgesucht und eine genaue Vorstellung davon, wo »Hannes« hängen soll. »Gegenüber vom Spiegel könnte man es von allen Seiten aus sehen.« Seine Hand streicht liebevoll über die Leinwand. Ich erfülle ihm gerne diese Bitte und sehe in viele angeregt die Ereignisse verfolgende Gesichter. Das Auswählen eines Bildes und die Übernahme einer Art 'Patenschaft' scheint eine ansteckende Idee zu sein. Olga mit ihren weißen Haaren, die sie als Dutt trägt, und ihrem faltigen Gesicht, das aussieht, als hätte es schon sehr viel erlebt und mitgemacht, deutet auf »Julius«. »Ich hätte dieses gerne neben dem Fenster, denn von meinem Sitzplatz aus sehe ich direkt dorthin. Bei schönem Wetter schaue ich gerne nach draußen, ist es aber bedeckt, regnerisch oder dunkel, dann würde ich am liebsten in eine andere Richtung sehen. Julius gefällt mir und ich kann schon jetzt meinen Blick nicht von ihm abwenden.« Ich nicke, sie nimmt es mit und trägt es an seinen neuen Platz. Etwas verlegen kommt Josefine auf mich zu. Sie ist vornehm gekleidet und trägt ein blaues Kostüm mit weißer Bluse. Durch ihre zarte Statur und ihren flotten Kurzhaarschnitt ist sie mir schon zu Beginn aufgefallen. Sie steht vor »Lukas« und betrachtet das Bild, dann sieht sie mich fragend an. Ich bitte sie, einen Platz dafür zu suchen. Sie nimmt es mit und lehnt es neben die Fahrstuhltür. Ich bin davon angetan und stimme zu, denn so kann es jedem, der den Aufzug benutzen möchte, die Wartezeit versüßen. Nach und nach werden alle Gemälde verteilt und zum Schluss bleibt das Kleinste übrig. »Für Lina werde ich den Platz selbst aussuchen«, gebe ich bekannt, als im selben Moment die Tür zum Gemeinschaftsraum geöffnet wird und ein alter Mann in schiefer Körperhaltung hereinkommt. Sein Kopf neigt sich zur Schulter und er bleibt vor dem kleinen Bild stehen. Ich halte es an die Wand und drehe es im Winkel seines Kopfes, damit er es gut sehen kann. »Finden Sie es gut so? Dann werde ich es genauso hinhängen.« Er nickt überrascht, betrachtet erst mich, dann das Bild noch einmal genauer, und ich sehe, wie ein paar Tränen seine Wangen hinunterrollen. Was mag nur in ihm vorgehen? »Das ist Lina«, sage ich und wir geben uns die Hand, als würden wir uns beglückwünschen.

Bevor ich eine Stunde später gehe, werfe ich noch einen letzten Blick auf meine Orgelpfeifen, die sich ihren Platz gesucht haben und schon jetzt von allen hier gemocht werden. Ich sehe Hildegard, die vor Lina steht und ihren Kopf zur Seite neigt; Lukas neben der Fahrstuhltür, den Lorenz immer wieder berührt, weil er so schön ist; Kilian, der mit Margarete um die Wette strahlt; Julius neben dem Fenster, der von Hubert bewundert wird; Achim, der ganz tief hängt, damit Juliane ihn gut sehen kann; Luna, die hinter der Ecke hervorspitzt; Lena über dem Fleck an der Wand; Anna neben der Kuchentheke; Hannes gegenüber vom großen Spiegel, den man nun von allen Seiten aus sehen kann; und Maria neben der Eingangstür. Dann verabschiede ich mich von allen und kündige an, bald wiederzukommen. Wir verabreden uns für die gleiche Zeit im Gemeinschaftsraum! Himmel, ich habe wirklich das Gefühl, das Großereignis dieses Tages im Stift gewesen zu sein und geliefert zu haben.

Bevor ich ins Auto steige, wandert mein Blick erneut zur alten Buche. Noch immer steht der Rollstuhl mit einer Person darin darunter, den ich schon bei meiner Ankunft gesehen habe. Die Sonne scheint und ich bin sicher, dass hier bald viele Bewohner ihren Nachmittag verbringen werden. Ich laufe zum Baum, um die Person im Rollstuhl, von der ich nicht weiß, ob es sich um einen Herrn oder eine Dame handelt, zu begrüßen. Vielleicht hätte er oder sie sich auch gerne ein Bild ausgesucht? Es hätte dann ganz tief hängen müssen, denke ich beim Gehen. Zuerst sehe ich die Gestalt nur von hinten und mir fallen sofort die weißen Haare auf, dann laufe ich um den Rollstuhl herum, um durch ein Ansprechen von hinten nicht für ein Erschrecken zu sorgen. Natürlich möchte ich jetzt auch wissen, wer da nun eigentlich so alleine sitzt. »Hallo«, sagt die alte Dame keinesfalls erschrocken, als ich vor ihr stehe. »Ich habe schon gehört, dass Sie näher kommen, das Laub hat Sie verraten.« Ich strecke ihr meine Hand entgegen, doch sie reagiert nicht darauf. Ihre Augen sind trübe und scheinen durch mich hindurch zu blicken.

»Ich heiße Anthea«. »Und ich bin die Lotte.« Dann erzähle ich ihr von den Bildern, die jetzt im Gemeinschaftsraum hängen, und davon, wie wir die richtigen Plätze für sie gefunden haben. »Das ist eine sehr schöne Geschichte.« Sie sieht an mir vorbei und lacht. »Leider werde ich die Kunstwerke nie betrachten können, weil ich blind bin.« Mein Blick war schon die ganze Zeit auf ihre Augen gerichtet. Sie ziehen mich magisch an, schauen ziel- und ausdruckslos in die Welt. Grenzen gibt es für solch einen Blick keine. »Ich werde eins malen, das Sie betasten können«, sprudelt es aus mir heraus. »Du kannst ruhig du zu mir sagen oder mich beim Namen nennen: Lotte. Auch ich habe früher gerne gemalt, aber das ist schon lange her.« Sie richtet die trüben Augen auf den Himmel und scheint für einen Moment ganz in ihren Gedanken versunken zu sein. »Hoffentlich hat mich die Schwester hier draußen nicht vergessen, es ist doch etwas frisch geworden. Ich würde jetzt gerne zurück in mein Zimmer gebracht werden. Kannst … kannst du jemanden für mich rufen?« »Ich kann Sie zurückbringen.« Noch bevor Lotte einwilligt, habe ich schon meine Hände am Rollstuhl. »Danke schön, sehr lieb von dir.« Ich merke ihr die Erleichterung an, entspannt lehnt sie sich zurück. Bevor ich sie jedoch unter dem Baum hervorschieben darf, verabschiedet sie sich von ihm und bedankt sich, dass sie unter seinem Dach sitzen und sich an ihm erfreuen durfte. Sie bittet darum, dass ich sie näher an den Stamm heranfahre, damit sie ihn berühren kann. Auch ich betaste ihn mit beiden Händen, blicke nach oben in seine bunte Baumkrone. Für einen Moment ist es still, anschließend spricht Lotte mit ihm und streicht dabei über die Rinde. »Ich werde morgen wiederkommen«, sagt sie, »bis bald.« Sie lauscht und dann nickt sie, als hätte sie eine Antwort erhalten, die sie mit einer Geste des Verstehens annehme. Mein Ohr liegt am Stamm und versucht, etwas von ihm zu erfahren. Wie in einem großen Schneckengehäuse kann ich ein leises Rauschen vernehmen. »Bis bald«, flüstere ich und schiebe den Rollstuhl unter ihm hervor. Es ist ein ganz besonderer Platz unter der alten Buche.

In Lottes Zimmer gibt es viel zu sehen und zu entdecken. Die alten gerahmten Bilder, die auf der Kommode stehen, wecken mein Interesse. »Darf ich die Fotos anschauen?« »Selbstverständlich, reich mir bitte eins.« Ich entscheide mich für das Hochzeitsbild. Es zeigt ein zuversichtlich in die eheliche Zukunft schauendes Paar, die Braut jung und wunderschön. Ich lege es in Lottes Hände. »Setz dich doch bitte.« Lotte klopft auf das Sofa und ich nehme neben ihr Platz. Dann tastet sie den Bilderrahmen ab und gibt ihn mir zurück. Während er auf meinen Knien ruht, erzählt sie die Geschichte dazu. »Mein Heinz, der ist schon lange tot! Ich habe mich als junge Krankenschwester auf der Station in ihn verliebt. Er war einer meiner Patienten und musste wegen einer alten Verletzung nachbehandelt werden. Wir heirateten zehn Monate später, Heinz war neunzehn Jahre älter als ich. Was waren wir glücklich!« Als sie das sagt, sehe ich ein Lächeln über ihren Mund huschen. Fast wie von selbst greift meine Hand nach ihrer. Ich halte sie fest umschlungen, während ich darauf warte, dass sie weitererzählt. »Leider konnte ich keine Kinder bekommen und so engagierte ich mich immer mehr in der Firma meines Mannes. Im Alter von neunundfünfzig Jahren verstarb mein Heinz unerwartet. Damals war ich noch eine junge Frau, habe aber nie wieder geheiratet. Dann stand ich alleine da und entschied mich dazu, die Firma weiterzuführen.« Ich rechne aus, dass sie erst vierzig Jahre alt war, als sie Witwe wurde. In sechs Jahren werde ich es sein, die dieses Alter erreicht. Sie atmet lautstark aus, als wären es keine schönen Erinnerungen, die ihr gerade durch den Kopf gehen. »Bald jagte ein Geschäftstermin den anderen. Es blieb keine Zeit mehr für Freunde, Freizeit, Hobbys oder Urlaub, dafür hatte ich wenigstens die Genugtuung, unser Geschäft erhalten zu können. Ich wollte noch etwas vom Leben haben und so entschloss ich mich mit neunundsechzig Jahren dazu, die Firma zu verkaufen. Die erste Reise, die ich für meine wiedergefundene Freiheit buchte, sollte mich nach Neuseeland bringen, aber drei Tage vor dem Abflug löste sich meine Netzhaut ab. Obwohl die Ärzte alles taten, erblindete ich und benötige seitdem Hilfe. Daher lebe ich jetzt hier im Sankt Elisabeth Stift.« Sie seufzt und drückt meine Hand fester. Was für einen schweren Schicksalsschlag Lotte erleiden musste und wie schnell sich ein Leben zum Schlechteren verändern kann. Auch ich drücke ihre Hand als Antwort, dass ich sie verstehe. »Anthea, heute bin ich sechsundachtzig Jahre alt und habe viel versäumt. Könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen, dann wüsste ich, was mir wichtig ist im Leben: Es sind die Kleinigkeiten, die das Herz bereichern. Meine Augen wollten nicht mehr blind sein, heute sehe ich mehr als damals! Ich weiß, dass du verstehst, wie ich es meine. Du bist noch jung, hast dein Leben vor dir. Ich kann dir nur raten, auf dein Herz zu hören. Es wird dir den Weg weisen, der gut für dich ist.« Mich hat Lottes Geschichte sehr berührt. Während sie erzählte, wischte ich mir Tränen aus den Augen.

---ENDE DER LESEPROBE---