Das Granny-Au-Pair Experiment - Sigrun Peller - E-Book

Das Granny-Au-Pair Experiment E-Book

Sigrun Peller

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Beschreibung

Das unterhaltsame Sachbuch „Das Granny-Au-Pair Experiment“ handelt von einem Reisekonzept der besonderen Art. Es ist der Mix aus Reisen und Arbeiten, aus Kultur- und Sprache lernen, aus geselligem Familienleben und Singledasein, aus Pflichten und Freiheit, mit dem die Autorin Ihren neuen Lebensabschnitt einläutet. Nach einer gescheiterten Ehe und vier erwachsenen Kindern, kommt für Sigrun Peller alles in Frage, außer Resignation. Sie beweist ihren neuen Willen zum Aufbruch über den Horizont hinaus durch ein soziales Experiment, - einen Einsatz als Granny-Au-pair. Dieses Abenteuer will im fernen Neuseeland bestanden werden, dessen Sprache sie nur unzureichend beherrscht. Als temporär Zugereiste, als Familienmitglied auf Zeit, Sprachschülerin und Langzeitreisende, ergeben sich komische Begegnungen und skurrile Situationen entlang ihres Weges. Sie könnten dieses Buch aus vielerlei Gründen lesen wollen. Vielleicht wollen Sie sich unterhalten, mögen Reisebeschreibungen und sind speziell an Neuseeland interessiert. Andere Gründe könnten der Wunsch nach Veränderung, Auszeit, Neuanfang oder Orientierung sein, mit der Option als Granny-Au-pair ins Ausland zu gehen, oder das Studium eines Umgangs mit Lebenskrisen wie die Scheidung eine für viele von uns ist. Hoffentlich findet jeder Leser das für sich Brauchbare, egal mit welcher Intension er zugreifen wird.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sigrun Peller

Das Granny-Au-Pair Experiment

Wie eine Reise mein Leben veränderte.

IMPRESSUM

Copyright © 2023 by Sigrun Peller Sigrun Peller c/o Frey Services Eggstraße 14f CH-8134 Adliswil Ersterscheinung: 04. April 2023 Umschlaggestaltung: Kristin Neumann, Uccio C. Demirci Umschlagmotiv Frontcover: Luise Peller Umschlagmotiv Backcover: Shutterstock 1303128232 Buchsatz: Kristin Neumann Lektorat und Klappentext: Volker Trauth eBook-Gestaltung: uWEgÜNZEL, KrefeldISBN: 9783757931339

All rights reserved. No part of this book may be reproduced in any form or by any electronic or mechanical means, including information storage and retrieval systems, without written permission from the author, except for the use of brief quotations in a book review.

Für Niklaus

Eine Auszeit! Ein ganzes Jahr weg von allen und allem! Ganz weit weg. Zum Beispiel nach Neuseeland. Eingerostete Gehirnzellen wieder metallisch blankschleifen und elektrisch zündend polieren, Alltagstrott gegen Abenteuer tauschen, Stress gegen Spaß, Einsamkeit gegen Geselligkeit, und als Luxuswunsch Sahnehäubchen obendrauf: innerlich jünger werden, statt ältlich zu versauern.

All das wollte ich haben!

Der Sprung ans andere Ende der Welt war das Beste, was ich machen konnte. Mit meiner persönlichen Geschichte möchte ich inspirieren ... Angst nehmen ..., anstoßen ... Lust machen... Lust auf Veränderung.

Dieses e-Buch habe ich für diejenigen geschrieben, die gerne die Welt bereisen würden, sich aber nicht trauen. Die eine Auszeit wollen und einen Neuanfang, aber nicht wissen, wie es gehen könnte. Die eine Herausforderung suchen in der Hoffnung, sich dabei selbst zu finden ...

Der Anstoss ist universell und muss nicht zu einer Reise gerade zu diesem Ende der Welt führen. Enden hat die Welt viele, auch wenn sie rund und endlos ist. Eigentlich. Der Faden zum Ende der Welt beginnt in uns, er muss nur aufgegriffen und eingespult werden.

Inhalt
1. Teil: fallen, aufstehen, los- und aufbrechen
Ich mach jetzt nur noch was ich will!
Ich fang noch mal von vorne an, ...
2. Teil: arbeiten, lernen, ankommen
„Welcome Sigrun!“
„Good night, sleep well.“
Mein erstes Weekend
Schulanfang ohne Zuckertüte
Au-pair-Alltag
Schulalltag
Studentenleben
Eine Oma für Sigrun
Steve
Der Say-Goodbye-Tag
Opa George
Das fränkische Dinner
Franziska
3. Teil: abfahren, ein Roadmovie leben, reflektieren
Dieter
Nele
Lang ist’s her!
Einmal Cape Reinga - hin und zurück, bitte!
Gott des Waldes
Irgendwann ist immer das erste Mal
Heiße Füße
Das Alpaka mit den toupierten Haaren
Im Spaceshuttle durch die Galaxie
„Hilfe, wo bin ich hier?“
Die vergessene Welt
Christmas Day
Der Wind, das himmlische Kind
Der Tanz auf dem Vulkan
Ein Pool voller Champagner
4. Teil: lieben, noch weiterreisen, und dabei immer „fine“ sein
Die Urlaubsbekanntschaft
Work without Travel
Zeit mit Bryan
Reisefieber
Der Wal im Solebad
Flieg Vogel flieg!
Pfannkuchen und Robben statt Gold
Freude im ewigen Eis
Seenland
Die Königin der Städte und das Drumherum
Bryans Nest
Verliebt in Wanaka
Natural Beauty
Im Notsitz nach Nelson
Der Abel Tasman ruft!
5. Teil: zurückkommen, einfinden, geläutert Abstand halten
Zurück in Deutschland
6. Teil: prüfen, überlegen, entscheiden
Tipps zu Granny-Au-pair8 und Neuseeland
Epilog
Danksagung
Über die Autorin

1. Teil fallen, aufstehen, los- und aufbrechen

* Sigrun Peller *

Ich mach jetzt nur noch was ich will!

Kürzlich erzählte mir jemand, dass die Pyramiden von Außerirdischen gebaut wurden. Mein Theoretiker des Ungeheuerlichen konnte seine Vermutung so detailgetreu schildern, dass ich es sogar für möglich hielt, trotz meiner rationalen Ausrichtung auf Maße, Industrienormen und Materialeigenschaften, wie sie ein Studium der Innenarchitektur so mit sich bringt. Auf die Frage, wie sie das gemacht haben könnten, hatte er allerdings keine Antwort. Aber wen unter den Theoretikern interessiert schon die praktische Umsetzung? Stört nur.

Aber halten Sie mich nicht für gänzlich fantasielos. Für mich war das Leben schon immer mehr als das, was ich nur sehen konnte! Keine Ahnung, ob da nun Außerirdische am Werk waren, die mich in eine Parallelwelt holen wollten; eine starke Kraft, Gott, eine Energie oder ein Magnet, der alles von mir wegzog, was meinen Lebensweg blockiert hatte. Auffällig war nur, dass sich jeder und alles von mir verabschiedete. Es ging „magisch“ zu.

Als erstes ging der Ehemann. Nein! Er starb nicht, er wollte nur von da an mit einer Anderen glücklich sein. Die Ehe war gut, die Ehe war geräuschlos, die Ehe funktionierte.

Jedenfalls glaubte ich das zu diesem Zeitpunkt.

Mir juckt es heute immer noch in den Ohren, wenn ich an sein Geständnis auf der Reise anlässlich unserer Silberhochzeit denke. Kein Ohrenschmalz! Ich hatte richtig gehört! Sternchen funkelten, es war kein Feuerwerk!

Als ich Tage später wieder klar denken konnte, kroch Zukunftsangst in mir hoch und nahm mir die Luft zum Atmen. Dazu war mein nicht toter, nunmehr abtrünniger Ehemann Jurist und so kämpferisch wie noch nie zuvor. Bei all der Aufregung kam mir die Karte in den Sinn, auf die ich ihm geschrieben hatte, dass ich mich auf die nächsten fünfundzwanzig Jahre mit ihm freue. Wie mich das reute, so blind und treuherzig diesen Wunsch verfasst zu haben. Gleichwohl kann ich ihm heute gar nicht genug danken, dass es nicht so lange dauern sollte!

Ein Bruch war es. Der Bruch mit einem Lebensstil, der ganz der meine geworden war und eine Selbstverständlichkeit obendrein. Denn ich war leidenschaftlich gerne Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Vier Kinder aufwachsen zu sehen, ist ein großes Glück. Gerne habe ich für meine Familie meine Kariere als Innenarchitektin geopfert! Als Gastwirtskind musste ich erleben, was es bedeutet, wenn Mutter und Vater keine Zeit haben, das wollte ich meinem eigenen Nachwuchs ersparen.

Die Familie war mein Lebensmittelpunkt, meine Heimat, mein Nest. Sie bot mir Sicherheit, mein Leben in wohlgeordneten Bahnen.

Dann kam 2011 die Trennung und riss einen riesigen Krater in mein Leben. Die zwei ältesten Söhne waren bereits ausgezogen und studierten, der Dritte befand sich im Zielanlauf auf das Abitur und die Kleinste, mit vierzehn, voll in der Pubertät. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für eine Trennung, falls es überhaupt einen günstigen gibt. Dazu verwandelte sich auch noch das ehemals stabile Elternhaus in einen schwankenden Geröllhaufen puren Chaos.

Ich wurde in einen reißenden Fluss gestoßen und musste schwimmen, ob ich wollte oder nicht. Doch damit nicht genug: mein Noch-Eheman räumte während meiner Abwesenheit das halbe Haus aus und verschwand mit den beiden Jüngsten. Es war eine sehr schmerzhafte Erfahrung, diese Entdeckung machen zu müssen, hatte ich ihm doch immer vertraut. Ich schrie jedes Mal während meines Treibens in diesem Fluss innerlich, wenn ich den Kopf über Wasser hatte. Um wieder atmen zu können, musste ich raus aus diesem Haus und weg aus dieser Gegend. In Bochum fand ich eine neue Bleibe und als meine Tochter sechzehn Monate später zu mir zog, kehrte in meine Seele wieder Frieden ein. Meine drei Söhne waren bereits erwachsen.

Dieser reißende Fluss ist Vergangenheit. Ich kam heil heraus, um diese Geschichte erzählen zu können. Heute sehe ich das Gute dieser Zeit, die natürlich auch anders hätte ausgehen können. Viele Familientragödien, von denen wir in Zeitungen lesen, werden in solchen Ereignissen ausgelöst. Ich hatte Glück!

Mit mehr Abstand lernte ich dieses Kapitel immer positiver zu deuten. Das Leben hatte mir die Augen geöffnet und mir die Chance gegeben, wieder die zu werden, die tief in meinem Inneren wohnte und fast vergessen worden war. Jene Sigrun, die als junges Mädchen cool, voller Entdeckerfreude, beschwingt, scharfsinnig, bewandert, ausdrucksstark, listig, lustig, geradeheraus, individuell, erzählstark, verrückt, vernünftig, verantwortlich, kunstsinnig und sorgenfrei unterwegs gewesen war.

Doch wir greifen vor. Um das zu erkennen, mussten noch fünf weitere Jahre vergehen, in denen ich loslassen musste, was das Leben nicht für mich vorgesehen hatte.

Loslassen - das ist für viele von uns, vor allem ohne Nachdruck von außen, das Schwierigste überhaupt. Immer klammert man sich an irgendwen oder irgendwas und meint, es ginge nicht ohne.

Es brauchte wohl noch eine weitere Steigerung. Wie man so sagt; es summiert sich.

Ich blieb nach der Trennung nicht lange allein, dafür hatte meine Zukunftsangst gesorgt, doch mein neuer Freund entpuppte sich ziemlich schnell als ein ähnliches Exemplar wie sein Vorgänger. Also nix wie weg und genau das Gegenteil suchen.

Das Internet machte es möglich. Ich hatte einen ganzen Katalog männlicher Kandidaten zur Verfügung, doch an der Bestellung immer etwas auszusetzen. Heute weiß ich, dass es an mir gelegen hatte, denn die Auserwählten waren alle an einer festen Beziehung interessiert - und genau das war das Problem! Bindungsangst meinerseits!

Fünf Jahre durfte ich reifen, dann begegnete ich einem, wie ich ihn mir erträumt hatte: Lustig, aufmerksam, intelligent, spontan, tierlieb, gutaussehend, stattlich, ... habe ich etwas vergessen? Ich hätte stutzig werden sollen. Der Hauptgewinn in der Tasche - es war zu schön, um wahr zu sein. Wir schwebten höher als die Sterne, für einige unbeschwerte Zeit... doch auch ihn hatte das Leben nicht für mich vorgesehen. Nach seiner lebensbedrohlichen Erkrankung kam ihm die Erkenntnis, sich selbst suchen zu müssen, und zwar ohne meine Begleitung.

Nun war ich mit Katze Luna allein, denn auch die kleine Tochter war mittlerweile ausgezogen und selbstständig. Aus Lorenz, Justus, Linus und Rosa waren inzwischen wundervolle junge Erwachsene geworden.

Lunas Schnurren sollte auch verstummen; sie verstarb einen Monat später. Das tat weh, sehr sogar, war sie doch das letzte Stück Heimat für mich gewesen. Später kam mir der Gedanke, dass es einen höheren Sinn darin gab, dass sie ging, damit ich endlich meinen Weg gehen konnte. Damals spürte ich, dass ich wieder das Kind in mir suchen musste, um glücklich und unbeschwert zu sein.

„Ich mach jetzt nur noch, was ich will!“, rief ich der Wohnzimmerwand zu. Ich würde von nun an weniger Rücksichten auf andere nehmen! Eine trotzige Reaktion auf die vorausgegangenen Ereignisse, aber auch eine motivierende, um endlich einen Neuanfang zu wagen.

Ich hatte in den letzten Jahren viel loslassen müssen, woran mein Herz hing, aber immer positiv in die Zukunft geschaut. Optimismus ist das, was ich am meisten an mir schätze.

„Nichts ist ohne Sinn“, sagte ich mir und stellte fest, dass ich nun mit 53 Jahren so frei war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich war Single mit vier erwachsenen Kindern und hatte, weil erst nach drei Jahren Machtgerangel konstruktive Lösungen folgen konnten, endlich meine scheidungsbedingten Einnahmen. Punkt.

„Was würde ich heute anders machen? Würde ich wieder während des Studiums meinen ersten Freund heiraten? Nein, auf keinen Fall! Kunst statt Innenarchitektur studieren? Vielleicht! Work and Travel, Backpacking? Sehr wahrscheinlich! Perfekt Englisch lernen? Unbedingt!“ Keine Frage, ich wäre reifer zurückgekommen als ich losgezogen bin. Die verpasste Persönlichkeitsentwicklung galt es nun aufzuholen.

Ich gestehe, ganz neu war die Idee in die Ferne zu verreisen nicht. Sie war der Plan B nach meiner Trennung gewesen; er schlummerte all die Jahre in mir, ich hatte ihn fast vergessen. Eine ehemalige Nachbarin hatte mich mit einem Hinweis auf eine alternative Reiseform neugierig gemacht. „Google mal Granny-Au-pair“, sagte sie.„Eine Bekannte kam so nach Neuseeland. Ihr hat es dort so gut gefallen, dass sie gleich dageblieben ist.“

Ich war dankbar für den Tipp, man konnte ja nie wissen. „Wer weiß, vielleicht brauche ich mal einen Ort zum Untertauchen“, sagte ich, während sie mich bemitleidete für meinen Rosenkrieg. An diesem Tag googelte ich noch „Granny-Au-pair“ und machte eine Notiz, um das Wort nicht zu vergessen. Auch sah ich mir Fotos von Neuseeland im Internet an und hätte mich sogar von Commander Spock, vom Raumschiff Enterprise, verführen lassen, wenn er mich aus meiner Situation heraus in solch eine Traumlandschaft hinein hätte beamen können. Damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass sich für mich, fast auf den Tag genau, nur fünf Jahre später, die Möglichkeit ergeben würde, den Traum „Neuseeland“ selbst wahrzumachen. Ganz ohne Beamen und als mein eigener Captain.

Englisch, die Weltsprache, würde mir Tore öffnen, und mich integrieren in eine große Gemeinschaft. Es wirkte wie ein einziges großes Experiment auf mich, mit ungewissem Ausgang, aber stark gewürzt mit den Zutaten des Unbekannten und des Abenteuers. Mit einem Wort: absolut verlockend!

Als Granny-Au-pair nach Neuseeland gehen... das war’s! Ich brannte für die Idee!

„Neuseeland, ich komme!“

 

Aber! Aber! Aber! Was ich wollte, das wusste ich, doch das ABER blieb nicht aus. Ein Leben lang war ich professionelle Nesthockerin gewesen. Schon als Kind schrie ich, wenn ich ins Auto sollte, da war ich wie meine Katze. Außerdem reisekrank!

Meine Reiseunlust blieb aber auch in meiner eigenen Familie bestehen. Bei vier Kindern war immer eins klein! Mir war es schlichtweg zu anstrengend, ständig alle unterwegs unter Kontrolle halten zu müssen, mal vom Bespaßen ganz abgesehen. Unterwegs - das konnte auch immer bedeuten, dass eines von ihnen entwischte. Der Albtraum aller Eltern! Kinder auf eigener Tour während der Tour.

Tatsache war, dass ich als Nesthockerin sowieso mein Nest verloren hatte. Das musste erst mal einsickern. Weiter: Dass ich allein zurechtkam, hatte ich in den turbulenten letzten paar Jahren zu Genüge bewiesen - mir selbst und den anderen. Ich brauchte keinen Neoprenanzug mehr fürs kalte Wasser, ich war so weit und freute mich auf den Sprung!

Springen? Stopp! Erst einmal meldete sich ein neuer Bedenkenträger in meinem Kopf, sich daran ergötzend, dass er mir das Abenteuer versauen könnte durch hämisches Verweisen auf den Umstand, dass meine Englischkenntnisse wohl kaum dazu geeignet wären, mich zwei Meter außerhalb der Landesgrenzen vorzuwagen.

Die Vorstellung, wegen mangelnder Sprachkenntnisse einen Rückzieher machen zu müssen, führte jedoch nicht zu meiner Kapitulation vor der personifizierten Nesthockerei, sondern stachelte mich noch mehr an, mich ordentlich reinzuknien und Englisch perfekt zu erlernen - ganz im Sinne meines befriedigten Ehrgeizes.

War ich damit Siegerin? Zu früh gefreut, jetzt verwies er mich hämisch auf meine Flugangst. Aus medizinischer Sicht würde ich es allerdings eher nicht als Flugangst bezeichnen, mein Hirn spielt nur verrückt. Mit der Fantasie, die es hervorsprudeln lässt, könnte ich Drehbücher schreiben. Also genau hinhören, ich gestehe meinem verständnisvollen Leser nun die ganze Misere: „Ich checke jeden Fluggast nach Merkmalen eines möglichen Flugzeugentführers ab. Meistens finde ich eins und lasse den potenziellen Attentäter keinen Moment mehr aus den Augen. Oft war ich schon nah dran, die Stewardess zu rufen, um ihr von meiner Beobachtung zu erzählen, hatte aber dann immer einen Rückzieher gemacht und wollte erst mal noch mehr Beweise sammeln, bevor im Flugzeug meinetwegen Panik ausbrechen würde.“ Oh Mann, ist mir das peinlich, bitte nicht weitersagen!

Ich weiß sogar, wo mein Spleen herkommt. Ich landete mit meiner Familie auf Ibiza, dreieinhalb Wochen nachdem die Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert wurden. Dieses epochale Ereignis prägt sich natürlich jedem Zeitgenossen ein, besonders jenen, die schon immer Probleme mit Flugzeugen als Waffen zu haben meinten. Zwei Wochen später, wir waren auf dem Rückflug, wälzte sich ein Feuerball an meinem Fenster vorbei. Tatsächlich - ein Feuerball! Man stelle sich den Schreck vor.

Im Flieger herrschte von da an Totenstille. Alle hatten es bemerkt, alle waren erschüttert. Also war es keine subjektive Illusion, keine Einbildung.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich der Flugkapitän zu Wort meldete. Vielleicht war er diese Feuereffekte schon gewohnt und die Stewardess musste ihn erst darauf hinweisen, dass hinten im Flieger eine Schockstarre in die Fluggäste gefahren war. Also teilte er lapidar mit, in das Flugzeug habe ein Blitz eingeschlagen, und es sei kein Grund zur Beunruhigung. Der faradaysche Käfig sorgte dafür, dass nichts passiert war. Das heißt, es war schon etwas passiert, nämlich die Zündung meines Traumas, das ich seit diesem Erlebnis habe.

Vierundzwanzig Stunden reine Flugzeit nach Neuseeland! Wie sollte ich die nur überstehen? Außerdem hasse ich Luftlöcher mit Durchsack-Garantie, mein Magen spielt dann verrückt. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, eine flugcoole Weltenbummlerin zu werden!

„Oder soll ich lieber das Schiff nehmen? Oder gleich zu Hause bleiben?“, fragte ich mich. „Die meisten Verkehrstote gibt es auf der Straße. Wenn es passieren soll, dann passiert‘s, egal wo ich bin, und die meisten Unfälle passieren im Haushalt!“

Und schon war ich beruhigt. Die frische Erinnerung an einen Cartoon, wenige Tage zuvor in einer Zeitschrift gesehen, half dabei etwas nach. Ein schwankender, ächzender Doppeldeckerbus müht sich auf dem Bild auf einer bröckeligen Piste die Serpentinen eines Gebirges hinauf, haarscharf an Steilhängen entlang. Die Katastrophe scheint bildhaft vorprogrammiert. Ein selbstsicheres älteres Paar verkündet dazu in der Sprechblase aus dem Reisebus heraus: „Wir nehmen lieber den Bus, fliegen ist uns zu gefährlich.“

Ich musste in Erinnerung an diese sarkastische Szene loslachen. „Den langen Flug werde ich schon überstehen, schließlich fliegen ja permanent Flugzeuge nach Neuseeland“, rang ich mein ehemals auf Nesthocken geeichtes Bedenkenträgergehirn nieder, um es als Globetrotterthinktank zu reformatieren.

Es war schon ziemlich kleinlaut geworden, aber immer noch regte sich ein letzter Widerstand. Ich vernahm aus den nunmehr unterdrückt murmelnden Bedenken nur noch „kein Orientierungssinn“ heraus und ärgerte mich über mich selbst, mir aber meines mentalen Umorientierungssieges bereits fast gewiss.

„Ich fliege nach Neuseeland und nichts wird mich aufhalten!“, protestierte ich. „Basta!“ Daraufhin war betretene Ruhe. Mein Nesthockersein hatte sich mit seiner Bedenkenträgerstimme für immer verabschiedet.

Noch einmal von vorne anfangen. Das Leben nach den eigenen Wünschen neu gestalten. Ich brannte, knisterte und tanzte wie eine Fackel im Sturm, so wollte ich das in meinem Leben haben. Meine besondere Situation erkannte ich erst jetzt als Geschenk.

Ich war frei!

* Sigrun Peller *

Ich fang noch mal von vorne an, ...

..., aber so wie es mir gefällt!

Auf einschlägigen Webseiten1 machte ich mich über dieses besondere Au-Pair-Konzept schlau und kam rasch zum Schluss, dass es wie für mich gemacht war. In einer Familie leben und arbeiten, Spaß haben und sich viel mit den Familienmitgliedern, mit Verwandtschaft und Freundeskreis unterhalten, Kinder zur Schule und zu ihren Freizeitaktivitäten bringen, andere Eltern kennenlernen, sich verabreden, Freundschaften schließen und pflegen, ... Ich bin ein aufgeschlossener Mensch; das Knüpfen von Kontakten fiel mir noch nie schwer. Und im Nu würde ich fließend Englisch sprechen können.

Die geballte Aussicht auf dies alles baute mich auf.

Bei den jungen Menschen, im Rahmen eines klassischen Au-pair Aufenthalts, funktioniert das ja auch. Mein Sohn Linus ging nach der zehnten Klasse für ein Jahr nach Brasilien, ohne ein einziges Wort Portugiesisch zu können. Bis er wieder zu Hause war, konnte er sich fließend in dieser Sprache unterhalten.

Wie der Sohn, so die Mutter, oder doch nicht?

Es fiel mir leicht, meine Bedenken wegzuwischen mit dem Hinweis meines unerschütterlichen Optimismus, wonach Englisch ja leichter sei als Portugiesisch. Na, denn!

Der Abschluss einer dreimonatigen Mitgliedschaft beim Service der einen Webseite eröffnete mir den Zugriff auf Gastfamilien aus aller Welt, die eine Leihoma suchten. Wie eine Omi fühlte ich mich zwar nicht, - aber so ist das nun mal; klassisches Au-pair endet mit dreißig Jahren, Granny-Au-pair beginnt mit fünfzig. Komischerweise gibt es dazwischen kein „Mommy-Au-pair“ oder wie man sich die Generations-Zwischenstufe vorstellen könnte.

Es dauerte nicht lange, bis ich eine neuseeländische Familie gefunden hatte und sie anschrieb. Sie suchte das Granny-Au-pair für sechs Monate. Sie entsprach meinen Auswahlkriterien und ich hoffte, dass ich ihren entsprach. Einen Führerschein hatte ich zumindest, sowie Erfahrung mit Kindern, wie in ihrem Profil erwünscht. Pluspunkt für mich! Dass ich zuverlässig und anpassungsfähig bin und nach vorheriger Absprache im Haushalt helfen würde, konnte nicht von Nachteil sein. Logisch! Ich hatte eigentlich keinen Grund zu zweifeln, dennoch kontrollierte ich unentwegt mein E-Mail-Postfach nach der Antwort des Jahres, wie ein Teenager nach einer Online-Dramatrennung, mit Liebeskummer, welcher auf das versöhnende „Ja“ der virtuellen Neuverknüpfung wartet. Antwort bekam ich dann allerdings von einer Agentur. Ich fand heraus, dass merkwürdigerweise sämtliche Familien aus Neuseeland nur über eine Vermittlungsagentur zu erreichen waren, im Unterschied zu anderen Ländern, die mich aber nicht reizten. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich gegen meine Bedenken mit dieser Agentur einzulassen.

Die Mitarbeiterin vor Ort war eine Österreicherin, was mich zuerst stutzig machte, aber mir dann sehr gelegen kam. Wir konnten uns auf Deutsch austauschen und so erfuhr ich, dass für Grannies, die für weniger als ein Jahr nach Neuseeland kommen und Englisch lernen wollen, ein Studentenvisum mit Arbeitserlaubnis die einzige Möglichkeit sei, dort relativ unkompliziert zu arbeiten.

Drei Auflagen erfüllte ich schon mal - ich wollte als Granny arbeiten, nicht länger als ein Jahr bleiben und Englisch lernen, doch an ein Studium hatte ich dabei nicht gedacht. Die Dame von der Agentur ergänzte, dass es auch eine internationale Sprachenschule sein könnte. Außerdem erfuhr ich, dass bei einem sechsmonatigen Arbeitsverhältnis das Visum meist auf sieben Monate ausgestellt werden würde, um im Anschluss noch durchs Land reisen zu können.

Schulbesuch? Dagegen hatte ich nichts, ganz im Gegenteil, so würde ich nicht einfach nur mein altes Kauderwelsch aufwärmen. Bei täglich vier Stunden Unterricht sollte schon was hängen bleiben, selbst in meinem etwas dem schulischen Einpauken entwöhnten Kopf. Job und Schule würden in diesem Programm aufeinander abgestimmt sein und nach sechs Monaten als Au-pair wäre ich wieder frei und könnte das Land unabhängig und nach meinen Vorstellungen bereisen.

Sieben Monate Neuseeland! Sie kamen mir unendlich, traumhaft lange vor!

Die Agenturchefin wollte sich um die Verträge mit der Gastfamilie und der Sprachenschule kümmern, mit mir gemeinsam den Antrag fürs Visum ausfüllen, und als Ansprechpartnerin während meines Aufenthalts zur Verfügung stehen.

Es hörte sich alles gut an, aber ich wollte zuerst meine Gastfamilie kennenlernen, bevor ich mich für irgendetwas entschied und vor allem unterschrieb. Alles, was ich bisher von ihr wusste, stand in ihrem Profil auf der Granny-Au-pair Webseite:

Neuseeland, Mount Maunganui. Zwei Kinder: Junge und Mädchen. Elf und neun Jahre. Unterricht für Kinder: 8:30 - 14:30 Uhr. Aktivitäten nach der Schule: Basketball, Rugby, Fußball, Schwimmen, Surftraining, Freunde treffen. Alter der Mutter: 46. Familienstand: verheiratet. Beruf der Eltern: sie Lehrerin, er Manager. Sprache in der Familie: Englisch. Keine Besonderheiten. Nichtraucherhaushalt. Haustier: Katze.

Aus der Beschreibung des Tagesablaufs erfuhr ich außerdem, dass es eine sportliche, dynamische Familie war, die gerne verreiste, Zeit am Meer (keine zweihundert Meter entfernt) verbrachte und einen großen Freundeskreis pflegte.

Die Kinder hatten für mich das perfekte Alter. Groß genug, um sich auch mal selbst zu beschäftigen und reif genug, um mich mit ihnen unterhalten zu können, dazu sportlich und aktiv. Nach wahnsinnig viel Arbeit klang das Ganze außerdem nicht: Kinder zur Schule fahren und wieder abholen und anschließend zu den Aktivitäten bringen. Auch gefiel mir die Wohnsituation: der Granny sollte eine ganze Wohnung zur Verfügung stehen, und dass das Meer gleich um die Ecke war. Google euphorisierte mich dazu mit traumhaft schönen Landschaftsbildern zum eingegebenen Ortsnamen. Palmen, Strand; alles was man sich so als Idyll hierzulande erträumt.

Die Familienfotos auf dem Profil zeigten fröhliche und lebenslustige Menschen. Herrje, wie konnten sie mir nicht gefallen? Jeder würde sich dorthin wünschen!

Eine kurze Skype-Sitzung mit der Gastfamilie zusammen hätte meinen Entschluss besiegelt. Doch zuerst kam das Geschäftliche; wie befürchtet ist eine Vermittlungsagentur keine soziale Einrichtung. Ich sollte zuerst das Schulgeld überweisen, das außerdem die Gebühren der Agentur von 1000 NZD enthielt. Kein Klacks: ich sollte 8300 neuseeländische Dollars (ca 4963 Euro) zahlen, ehe ich die Kontaktdaten bekam.

Die Höhe des Betrags beunruhigte mich begreiflicherweise. Sollte ich einfach so ins Blaue hinein überweisen und hoffen, es ginge alles mit rechten Dingen zu? Schließlich bestand der Kontakt lediglich virtuell. Ich betrieb weitere Nachforschungen, las Erfahrungsberichte und klopfte die Webseitenbetreiberin auf ihre Echtheit ab. Alles in allem konnte ich mich beruhigen, es gab keine Warnsignale. Trotzdem zitterte die Hand beim Ausfüllen des Überweisungsträgers etwas, schließlich schickt man nicht alle Tage eine derartig hohe Summe einfach so los. Mit Bangen erledigt.

Nun musste ich warten, bis das Geld in Neuseeland war.

Als das geschehen war, bekam ich von der Vermittlungsagentur alle Kontaktdaten der Familie ausgehändigt und konnte endlich zum ersten Mal mit ihr skypen.

Da waren sie: Jack und Olivia, die Gasteltern. Jason und Holly, die Kinder. Und sie sahen mich, ihr Granny-Au-pair auf Abruf. Sie gefielen mir sehr gut, trotz schlechter Internetverbindung, die Bewegungen und Stimmen einfror.

Ich hatte alles richtig gemacht.

Nun konnte die Agenturleiterin ihren vollen Wert unter Beweis stellen und zur Höchstform auflaufen: sie organisierte wirklich alles für mich und half mir beim Ausfüllen des komplizierten Visaantrags, was wir über Skype hinbekamen. Die geplante Schulzeit bestimmte die Höhe des Mindestbetrags an Geld, das ich noch haben musste - nämlich 4485 Euro in meinem Fall. Und natürlich mussten die Flugtickets vorhanden sein, inklusive Retour.

Geschafft! Nun war also der Visumsantrag unterwegs im Umschlag zur Neuseeländischen Botschaft. Ich hatte einen variablen Rückflug gewählt, da die Frage der Visumsdauer noch offenblieb. Für Verzögerungen war jetzt echt wenig Zeit, denn es blieben nur noch drei Wochen zwischen Visumsanfrage und dem geplanten Abflug. Sehr optimistisch gedacht von mir, meinen Sie nicht? Und mir kam überhaupt nicht in den Sinn, dass mir aus irgendeinem Grund das Visum versagt bleiben könnte.

Nun war es auch an der Zeit, meine Lieben einzuweihen. So richtig begriffen hatte ich es selbst noch nicht! Ich hatte weder den Kindern, Geschwistern, noch Freunden davon erzählt, dass ich plane, für mehrere Monate nach Neuseeland zu gehen. Erstens wollte ich keine großen Pläne ankündigen, die ich dann womöglich doch nicht in die Tat umsetze, und zweitens nicht mit Befürchtungen oder Tipps zugetextet werden.

Vor vollendete Tatsachen gestellt, fand es dann jeder gut, dass ich die Koffer packe. Freunde versprachen, mich zu besuchen, und für meine Kinder schien es die normalste Sache der Welt zu sein, dass ihre Mutter sich ins Ausland absetzte. Zwei von ihnen hatten bereits die Erfahrung machen dürfen, diesmal war halt Mama dran.

In den kommenden drei Wochen wurde es mir nicht langweilig. Ich löste meine Wohnung auf und zog in ein möbliertes WG-Zimmer. Ein fester Wohnsitz war mir wichtig, auswandern wollte ich ja nicht.

Mehrfach war ich seit der Trennung umgezogen, und hatte mich jedes Mal gefragt, ob ich das ganze Zeug, das man so mit sich herumzuschleppen pflegt, überhaupt brauche. Jetzt war radikales Aussortieren an der Reihe! Alles, woran mein Herz hing, verpackte ich in Umzugskisten, vieles warf ich weg. Die Einrichtung von Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer verschenkte ich über ein Online-Kleinanzeigenportal.

Ganz zum Schluss ließ ich meine Krankenversicherung stilllegen, nachdem ich eine gleichwertige aber viel günstigere Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hatte, und verkaufte meinen drei Jahre alten Fiat Panda. Er war mein erstes eigenes Auto gewesen. Erstaunt stellte ich fest, dass dieses Blech mir doch tatsächlich in so kurzer Zeit ans Herz gewachsen war. Aber was sollte ich tun? Den Straßenkreuzer aufzubewahren hätte mich 60 Euro im Monat für eine Garagenunterbringung gekostet. Auf die Dauer und mit ungewissem Ausgang doch eine unnötige Belastung.

Mein Visum kam rechtzeitig und war auf zehn Monate ausgestellt! Ich tanzte vor Freude!

Nach den turbulenten letzten drei Wochen hieß es nun Abschied nehmen von Familie, Freunden und dem mitteleuropäischen Sommer.

Die Reise konnte beginnen!

1)www.aupair.com | www.granny-aupair.com

2. Teil arbeiten, lernen, ankommen

* Sigrun Peller *

„Welcome Sigrun!“

In Auckland wurde ich vom neuseeländischen Winter begrüßt und als ich mittags mit dem Flughafenshuttle in Papamoa eintraf, von der Gastfamilie. Sie schien mich schon erwartet zu haben, denn bevor ich an der Haustür klingeln konnte, stürmten Holly, Jason, Olivia und Jack nach draußen. Bisher hatten wir uns nur mehr oder weniger verständlich über Skype ausgetauscht. Am Hauseingang hing ein großes selbstgebasteltes „Welcome Sigrun“- Schild.

Es sprudelte nur so aus Olivia heraus, die Begeisterung über meine Ankunft. Ich wusste dagegen nicht mal sicher, ob es sich dabei um Englisch handelte. Durch Freudenlaute überspielte ich die mangelnden Sprachkenntnisse. Ich hatte mir zuvor viel zu viele Gedanken zu Situationen wie dieser gemacht, manchmal braucht es keine Worte. Lachen bedeutete „freuen“, zufriedenes Brummen „wohlfühlen“. Der herzliche Empfang war der beste Start, den ich mir hätte vorstellen können.

Für die Familie war es das erste Mal, dass sie eine Granny bekam, alle waren genauso aufgeregt wie ich. Was hätte ich nicht alles erzählen wollen, wenn nur mein Englisch besser gewesen wäre. Die paar Brocken, die ich konnte, Gesten wie Nicken und Lächeln, reichten mir als mitteilungsbedürftiger Frau dann doch nicht. Auch das Verstehen funktionierte nicht gut. Mutter Olivia, mit ihrem schottischen Akzent, Jason, der im Kiwi Dialekt nuschelte, und Holly, die viel zu schnell sprach, konnte ich während dieser ersten überschwänglichen Begegnung überhaupt nicht verstehen. In diesem Moment wünschte ich mir, dass mein Jahr schon zu Ende wäre, nur um mich mit der Familie verständigen zu können. Der Weg dorthin erschien mir so steil und unerreichbar wie der Gipfel des Mount Everests mit Badeschlappen an den Füßen. Jack, der Vater, erkannte schnell, dass ich mit seinem kanadischen Dialekt die wenigsten Probleme hatte und wiederholte die Sätze der anderen. Doch für eine gute Kommunikation reichte es immer noch nicht. „What did you say?“, wurde zu meiner Standardfrage.

Von der Haustür hatte sich der Empfangstrubel mittlerweile an den Esszimmertisch verlagert, um den wir herumsaßen und wo wir händeringend nach gelingender Kommunikation dürsteten. Bevor es am Tisch still geworden wäre, kam Olivia auf die Idee, mir das Haus zu zeigen. Wie ich fand, ein wunderschönes Ambiente, in dem ich wohnen durfte, und eine Einliegerwohnung, die ich ganz für mich allein haben sollte. Sie wurde am Haupthaus angebaut, damit die Großeltern aus Kanada und Schottland jederzeit zu Besuch kommen und in ihrem eigenen persönlichen Rückzugsbereich leben konnten. Als Überraschung hingen dort an der Wand fünf Fotografien meiner Kinder. Ich hatte sie per WhatsApp geschickt, weil sich Olivia für meine Familie interessierte. Freudig und wehmütig zugleich betrachtete ich sie. Es kam mir vor, als wären sie gestern erst entstanden, dabei waren zwei davon schon mehrere Jahre alt. Es waren schöne Erinnerungen, die jetzt meine Wand schmückten und mir das Heimisch werden an diesem fernen Ort erleichterten. Und so war das auch gedacht. Welch wunderschöne Geste, einen Gast willkommen zu heißen!

Auf dem Kaminsims lag ein hübsch verpacktes Geschenk, das mir Olivia überreichte. Zum Vorschein kam eine Skulptur aus Porzellan, die zwei junge Farntriebe darstellte. Eingerollt lehnten sie aneinander, wie ein Liebespaar. Olivia beschrieb die Symbolik mit „new beginning“. Der liebevoll ausgewählte Silberfarn stand also für meinen Neuanfang.

Dann durchstöberte ich meinen abgestellten Koffer nach den als Einstandsgeschenk zu überreichenden Mitbringseln. Holly und Jason standen aufgeregt daneben. Sie freuten sich riesig über Bayern München-Trikots (Olivia hatte verraten, dass die beiden Fans sind) und für die ganze Familie sollte in Zukunft ein dreidimensionales, beleuchtbares Wandbild aus dem Erzgebirge, mit geschnitzter Futterkrippe und Rehen, zur Weihnachtszeit leuchten.

Durch die geschlossene Terrassentür sah ich in den Garten. Ich öffnete sie und schritt durch das Gras bis zum Zaun. Dahinter war eine große Wiese, auf der Kühe grasten. Jenseits der Wiese vermutete ich das Meer, Sandstrand und viele Palmen. Bisher hatte ich noch nicht viel von Neuseeland mitbekommen. Die Fahrt vom Flughafen in Auckland nach Papamoa war unspektakulär verlaufen. Trotz Müdigkeit hatte ich die Augen aufgerissen und durchs Fenster geschaut, doch Großstadt und Autobahn hatten mir schnell die Lust genommen, zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten unentwegt und unermüdlich nach Traumlandschaften Aussicht zu halten - und das mit meinem Jetlag nach diesem ewig langen Flug. Als einziger Fahrgast hatte ich die ganze Rücksitzbank für mich allein gehabt. Gut so, denn auf der schlief ich dann tief und fest, bis ich am Ziel angekommen war.

Während ich gedankenversunken noch immer das Meer suchte, zupfte mich Holly, die mir in den Garten gefolgt war, am Ärmel. Sie überreichte mir einen Autoschlüssel. Die Familie hatte extra ein neues Fahrzeug gekauft, das sie mir für die Zeit des Aufenthalts zur Verfügung stellen wollte. Also nagelneu war es nicht mehr, es war nur neu in der Familie. Genauso wie ich.

Holly verriet die Farbe, noch bevor wir auf der Straße waren. „It`s a shining red car“, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich verstand und folgte ihr mit Jason, Olivia und Jack.

Das leuchtend rote Auto stand vor dem Haus in einer Parkbucht, ich sah es schon von weitem. Tiefergriffen von der Gastfreundlichkeit bedankte ich mich mit einer Umarmung. Dazu brauchte es keine Worte - die verstand jeder!

Holly zeigte am meisten Interesse. Nachdem ich ihr Fotos auf meinem Handy gezeigt hatte, unter anderem auch von Katze Luna, wollte sie mir Scotty, den roten Kater, vorstellen. Der war bei meiner Ankunft sofort geflüchtet. Wir suchten ihn im ganzen Haus, doch er blieb verschwunden. Später saßen wir im Kinderzimmer beisammen und studierten Katzenbücher. Unsere Liebe zu Tieren verband uns von Anfang an! Jason dagegen hatte sich ziemlich schnell in sein Zimmer zurückgezogen. Er wirkte mit seinen elf Jahren etwas steif, aber vielleicht musste er sich auch erst an mich gewöhnen.

Ich fragte mich, wie eng wohl der Kontakt zu den Kindern werden würde. Das war schließlich die wichtigste Frage - das Auskommen mit den Kindern. Olivia hatte vor, zu ihrer früheren Berufstätigkeit als Grundschullehrerin zurückzukehren und Jack war als Manager ohnehin viel im Ausland unterwegs. Deshalb brauchten sie jemanden, der sich währenddessen um die Kinder kümmerte.

Werde ich zum Schluss so etwas wie eine Oma für die beiden sein? Eine Vertrauensperson? Wird mir der Abschied in sechs Monaten schwerfallen oder bin ich dann froh, dass ich weiterziehen kann? Werde ich in Olivia eine Freundin finden? Anheimelnd und fremd zugleich fühlte sich der erste Tag an. Vor mir lagen zehn Monate Neuseeland, die ich entdecken durfte.

---ENDE DER LESEPROBE---