When you get the Chance - Mein Herz voller Träume - Emma Lord - E-Book

When you get the Chance - Mein Herz voller Träume E-Book

Emma Lord

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Beschreibung

Eine zuckersüße Liebesgeschichte rund um große Träume und noch größere Gefühle - mitten in New York City


Millie Price will Broadwaystar werden - und nichts und niemand wird sich ihr in den Weg stellen. Weder ihr alleinerziehender Vater, der sich viel zu viele Sorgen um sie macht, noch ihr Erzfeind Oliver aus dem Dramaclub. Millie braucht jemanden, der komplett auf ihrer Seite ist. Als sie durch Zufall auf ein altes Tagebuch ihres Vaters stößt, weiß Millie, was zu tun ist - sie wird endlich ihre Mutter finden! Während Millie noch Pläne schmiedet, wie genau sie das anstellen soll, bekommt sie ausgerechnet von Oliver Hilfe. Und obwohl Millie ihren Konkurrenten wirklich blöd finden möchte, kann sie nicht verleugnen, dass ihr Herz in seiner Nähe plötzlich schneller schlägt ...

Für alle Musicalfans und Romantiker:innen


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Seitenzahl: 465

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Inhalt

Cover

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Zehn Monate später

Danksagung

Impressum

Emma Lord

When you get the Chance

Mein Herz voller Träume

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Cherokee Moon Agnew

Kapitel 1

Ich komme gerade mal bis »Liebe Millie Price, wir freuen uns sehr, Ihnen mitzuteilen«, bevor mir ganz schwarz vor Augen wird. Als hätte man mir eins mit einer Regenbogenpeitsche übergezogen und mich in einen Fluss voller Glitzer gestoßen. Ich klatsche mein Handy auf den nächstgelegenen Tisch und springe auf.

»Es passiert«, keuche ich.

»Kann es vielleicht woanders passieren?«

Zu meiner Verteidigung muss ich gestehen, dass ich ganz vergessen habe, dass ich in der Bibliothek bin. Aber ganz ehrlich: Oliver Yang ist immer von meiner bloßen Existenz genervt, ganz egal, in welchem Raum der Schule ich mich aufhalte – und wahrscheinlich auch in jeder anderen Dimension.

Natürlich schenkt er mir auch jetzt wieder seinen patentierten finsteren Bühnenmeister-Blick, den er perfektioniert hat, seit wir im ersten Highschooljahr angefangen haben, uns auf die Nerven zu gehen. Am Anfang war er noch viel übertriebener. Mit zusammengezogenen Brauen, zusammengepressten Lippen und Augen, als wollte er, dass ich in Flammen aufgehe. Doch nach drei Jahren ist daraus ein eher teilnahmsloser, mürrischer Blick geworden, entweder weil er für das volle Paket einfach zu cool ist, oder weil wir uns einfach zu oft auf die Nerven gehen.

Ich nehme das Notenblatt vom Kopierer und husche hinüber zu seinem Tisch. Ich sprühe förmlich vor einer Energie, der nicht einmal er und sein nervtötendes schönes Gesicht etwas anhaben können.

»Die Prüfungen sind vorbei«, sage ich und ramme den Zeigefinger in sein aufgeschlagenes Physikbuch.

Er zieht es näher zu sich, sodass ich nicht mehr drankomme. »Ich muss diese Prüfung noch nachholen. Ich hatte keine Zeit wegen des Vorsprechens.«

Normalerweise würdigt er mich nicht so vieler Worte, aber in seinem Blick liegt etwas Warnendes – eine Erinnerung daran, dass er bei der Castingentscheidung hilft und es in meinem eigenen Interesse liegt, seine Nerven nicht noch weiter zu strapazieren. Aber meine Nerven strapaziert er auch seit drei Jahren, und es ist meine letzte Chance, ihm noch ein paar Seitenhiebe zu verpassen, jetzt, da meine Zukunft am Theater nicht mehr in seinen Händen liegt. Die meisten Entscheidungen unserer Schauspiellehrerin der letzten Jahre liegen wohl weniger daran, dass ich für die Rolle der »Passantin #7« wie gemacht bin, sondern vielmehr an der Tatsache, dass mich Oliver einfach nicht mag.

»Nun, ich bin durch mit den Prüfungen«, sage ich fröhlich und setze mich auf die Tischkante.

»Wow«, erwidert er trocken, ohne noch einmal aufzublicken.

»Und mit dieser Schule.«

»Schön wär's.«

Ich schmeiße meine Locken über die Schultern, und mir ist vollkommen bewusst, dass diese Geste genauso wirkungsvoll ist wie jeder bissige Kommentar. Aber Oliver sieht mich gar nicht an, schlägt stattdessen sein Physikbuch zu und stopft es in seinen Rucksack. Dann geht er, und ich rutsche vom Tisch.

»Willst du nicht mal wissen, warum?«

Oliver seufzt. »Ich glaube, du wirst es mir sowieso sagen, ganz egal, ob ich dich frage oder nicht.«

Ich presse die Lippen zusammen. Eigentlich sollte ich die tollen Neuigkeiten nicht zuerst Oliver erzählen, der stolz darauf ist, so tun zu können, als würde ich überhaupt nicht existieren. Aber ich bin gerade – wie es meine Tante Heather immer nennt – in Millie-Laune. Dann ist einfach alles so viel, dass ich fast platze, wenn ich es nicht mit irgendjemandem teile. Und leider ist heute der letzte Schultag – und Oliver der Einzige, der in greifbarer Nähe ist. Pech für ihn.

»Na schön. Dann sage ich es dir halt nicht«, beschließe ich.

Oliver steuert auf den Ausgang des Schulgebäudes zu. »Zu schade«, erwidert er ausdruckslos.

Ich folge ihm nach draußen zum Bürgersteig, wo er die Straße überquert, um in den Wissenschaftsflügel der Schule zu gelangen. Um eines klarzustellen: Es ist nicht so, als wollte ich ihn nicht loswerden, aber Oliver auf die Nerven zu gehen ist nun mal eines meiner liebsten Hobbys. Und wenn ich ihn heute tatsächlich das letzte Mal sehe, will ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich will, dass er mich in fünf Jahren am Broadway sieht und sich genau daran erinnert, was ich zu ihm gesagt habe, bevor meine großen hüpfenden Locken und Heathers alte Mom-Jeans in Richtung West Village davongegangen und für immer aus seinem Leben verschwunden sind. Ich will, dass er sich daran erinnert, wie ich ...

»Millie!«

Olivers Hand legt sich um meinen Ellbogen und zieht mich zurück, als in dem Moment ein Taxi an mir vorbeirast – und zwar so nahe, dass ich so laut aufschreie, dass es für eine waschechte New Yorkerin extrem peinlich ist. Was aber noch viel peinlicher ist, ist die Tatsache, dass ich plötzlich an Oliver klebe. Und was noch viel schlimmer ist: Als ich die Augen öffne, muss ich feststellen, dass sich mein Gesicht voll gegen seinen Hals drückt.

Gleichzeitig machen wir einen Schritt rückwärts, und sein Gesicht ist so rot, wie sich meines anfühlt.

»Was zur Hölle hast du dir nur gedacht?«, fragt er fordernd.

Mein Gehirn ist zu sehr damit beschäftigt, die Stärke seines Bizeps und den Duft seines Shampoos zu löschen, um eine anständige Antwort zustande zu bringen.

»Danke«, murmle ich und verschränke die Arme vor der Brust, damit er nicht merkt, dass ich zittere.

Kurz steht er einfach da und verlagert das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Na schön«, gibt er irgendwann nach. »Warum rastet Eure Majestät denn so aus?«

Und mit einem Mal ist all meine Panik ob meiner Sterblichkeit – und die Tatsache, dass ich ihm ausdrücklich verboten habe, mich »Eure Majestät« oder sonst irgendwas zu nennen – komplett vergessen. »Ich wurde am Madison Musical Theater Precollege angenommen«, rufe ich so laut, dass ich einen Taubenschwarm aufschrecke. »Ein Teilstipendium. Ich fange nächstes Semester an. Dann kann ich dort meinen Highschoolabschluss machen und gleichzeitig schon Leistungspunkte fürs College sammeln.«

Ich erwarte nicht, dass er mir gratuliert oder so. Das höchste der Gefühle war bisher, als ich ihn in der zehnten Klasse zu unserer Lehrerin habe sagen hören: »Ich schätze, sie ist die Einzige, die das hohe G schafft.« Aber ein bisschen mehr als einen schief gelegten Kopf und ein »Hm« hätte ich schon erwartet.

»Hm?«, wiederhole ich. »Haben dir die Prüfungen auch noch die letzten Gehirnzellen geraubt?«

»Nein«, erwidert er trocken. »Dafür hat schon die glitzernde Discohose gesorgt, die du beim Vorsingen von Super Trouper getragen hast.«

»Ich wollte nur sichergehen«, verteidige ich mich. »Entweder Donna oder nichts.«

»Wir werden Mamma Mia aber nicht machen«, erinnert er mich zum ungefähr achtzehnten Mal in diesem Monat und seufzt.

Oliver darf nicht verraten, was die Schule für den Herbst proben wird, aber ich habe meine Quellen. Mrs Cooke summt in den Fluren viel zu oft Money, Money, Money, als dass es nur die Konsequenz daraus sein könnte, dass Lehrer an staatlichen Schulen unterbezahlt sind. Außerdem wird Mamma Mia nächste Woche zum letzten Mal am Broadway aufgeführt, was bedeutet, dass die Rechte dann endlich wieder freigegeben werden – drei lange Jahre, nachdem Oliver meine Träume, Mamma Mia aufzuführen, zerstört hat.

Im ersten Schuljahr verloren wir in allerletzter Sekunde die Rechte an dem Stück, das wir eigentlich machen wollten. Da ich, was Musik und umgeschlagene Overalls angeht, einen exzellenten Geschmack habe, war es meine Pflicht, für Ersatz zu sorgen, also schlug ich Mamma Mia vor. Mehr als die Hälfte der Theater-AG war an Bord, doch bevor ich auch nur einmal »Voulez-Vous« sagen konnte, hatte Oliver Mrs Cooke davon überzeugt, dass wir nicht »die Mittel« hätten und lieber noch ein Jahr warten sollten.

Und dann wurde natürlich die Wiederaufnahme am Broadway angekündigt, und all unsere Hoffnungen, endlich die Rechte zu bekommen, wurden zerstört. Ab da hatte ich es endgültig satt, dass mir Oliver ständig in die Quere kommt und meine Pläne durchkreuzt.

»Du bist nur sauer, weil du jemandem beibringen musst, wie er während The Winner Takes It All den Scheinwerfer auf mich richtet.«

»So sicher bist du dir also, dass du die Hauptrolle bekommst?«

Ich hebe eine Augenbraue. Auch wenn er ständig gegen mich intrigiert, wissen wir beide nur zu genau, dass ich für die Hauptrolle durchaus infrage komme. Ja, manchmal ist mein Ego ganz schön aufgeblasen, aber ich bin nun mal die beste Sängerin, die diese Schule hat.

Oder hatte, schätze ich. Denn ich bin raus.

»Ich muss mir gar nicht sicher sein. Ich schaffe drei Oktaven.« Ich ziehe die Nase kraus. »Nicht dass das jetzt noch eine Rolle spielen würde.«

Oliver schüttelt den Kopf und stößt laut die Luft aus. Es könnte auch ein Kichern sein. Oder auch nicht.

»Was ist denn so lustig?«

Vor dem Gebäude bleibt er stehen und mustert mich von oben bis unten – meine Jeans, die Springerstiefel mit den Blümchen, mein Crop-Top, dessen Saum ich selbst abgeschnitten habe. Die perfekt gezupften Augenbrauen, die roten Gloss-Lippen, die Locken, die ich sorgfältig mit dem Lockenstab kreiert habe. Ich weiß, dass ich gut aussehe, denn mit gutem Aussehen kenne ich mich aus. Die Wohnung verlasse ich nur, wenn ich aussehe wie ein Rockstar, denn wenn ich eines schon früh gelernt habe, dann, dass in New York alles anders ist also anderswo. Da ist diese niemals endende Hoffnung, dieses ständige Vibrieren in der Luft, als könnte jederzeit alles passieren. Als könnte das Schicksal direkt um die Ecke auf einen warten. Und ich will verdammt sein, wenn ich die gleichen langweiligen schwarzen Leggings und weißen Sneaker trage wie alle anderen, wenn ich meinem begegne.

Doch Oliver scheint dieses Gefühl der Schicksalhaftigkeit nicht zu interessieren, während er mich mustert, denn alles, was ich sehe, als er mir in die Augen blickt, ist ein kleines Grinsen.

»Ich denke nur daran, was die Theater-AG alles zustande bringen wird, sobald Ruhe und Frieden herrschen.«

»Uff«, sage ich und werfe die Hände in die Luft. Er war ab Tag eins ein hoffnungsloser Fall. »Auf Nimmerwiedersehen, Oliver.«

Er scheint zwar nicht überzeugt, erwidert jedoch: »Hoffentlich.«

Ich lasse ihm das letzte Wort, denn ich bin heute großzügig. Schließlich wurde meine Zukunft gerade in Stein gemeißelt, während er noch ein ganzes Jahr lang hier festhängt, Requisiten einsammeln muss und die Bühnenhelfer dabei erwischt, wie sie backstage Gras rauchen. Währenddessen werde ich Kontakte zu Broadwaystars knüpfen und Dinge lernen, die ich im Leben tatsächlich brauche, und nicht so unnötige Sachen wie Algebra und sonstigen Mathekram.

Er verschwindet im Gebäude, und ich wende mich keine halbe Sekunde später zum Gehen. Es ist zwar nicht die schlauste Idee, in der brütenden Junihitze mit Asphalt, der so heiß ist, dass ein Instagram-Influencer seinen ganzen Brunch-Teller darauf brutzeln könnte, zu rennen, doch ich kann nicht anders. Die Millie-Laune hat mich inzwischen voll im Griff. Ich sprinte die vier Blocks zu meinem Apartment, nehme die Treppen zum fünften Stock immer zwei Stufen auf einmal und halte nur inne, um an Teddys Tür zu klopfen, der auf der anderen Seite des Flurs lebt.

»Was ist?«

Da er auf eine schicke Privatschule geht, hatte er die ganze letzte Woche schon Ferien. Wahrscheinlich liegt er auf seinem Sofa und stopft sich die x-te Schüssel Reese's Puffs mit Eiskaffee rein. Mit so einem Verhalten kommt auch nur das Kind von zwei vielbeschäftigten, preisgekrönten Gehirnchirurgen durch.

»Es passiert!«, rufe ich durch den Türspalt.

Ich höre, wie sich Teddy von dem absurd großen Sofa hochwuchtet. »Was passiert?«

»Es!«, rufe ich und gehe zu meiner eigenen Wohnungstür. Ich schiebe einen Stiefel darunter und drücke den Kn‍auf hoch, um sie zu öffnen, ohne sie tatsächlich aufschließen zu müssen – eine Angewohnheit, die meine Tante und meinen Dad in den Wahnsinn treibt. Aber ich habe keine Zeit für Schlüssel. Ich lasse die Tür für Teddy offen und brause durch den Flur, den mein Dad als »Millies Hall of Fame« bezeichnet. Die Farbe an den Wänden ändert sich ständig, je nachdem, in welcher Stimmung meine Tante gerade ist, aber alles andere ist gleich geblieben: über die gesamte Wand Fotos von mir, von meiner Kindheit bis jetzt. Von der pummeligen Baby-Millie über die moppelige Kleinkind-Millie bis hin zur Teenager-Millie auf der Bühne, nur unterbrochen von den 0,2 Sekunden während der Pubertät, als ich zu schüchtern war.

Im Moment sind die Wände in einem charmanten Türkis gestrichen, bei dem ich mich am liebsten übergeben würde. Es ist nicht so, als wüsste ich es nicht zu schätzen, dass mein Dad so begeistert ist von meinen Mätzchen. Es ist nur so, dass ich mir fest vorgenommen habe, alle sechs Monate mein Image zu verändern, um keinen größeren Feind zu haben als mein altes Ich. Jedes davon erinnert mich an die schlechtere Version meiner selbst, die ich nicht länger bin.

»Dad Dad Dad Dad!«, rufe ich.

Jeder andere Elternteil würde denken, es brennt, so wie ich die Tür aufgestoßen habe und durch den Flur stürme, doch mein Vater blickt nur mit seinem typischen sanftmütigen Lächeln von seinem Laptop auf.

»Wie war dein letzter Schultag?«, fragt er und schiebt seine Brille hoch, die ihm ständig von der Nase rutscht.

Man sollte meinen, dass Cooper Price wenigstens ein bisschen cool wäre, schließlich habe ich den jüngsten Dad von allen, aber meine Coolness muss ich eindeutig von meiner mysteriösen Mutter geerbt haben. Mit seinen siebenunddreißig Jahren ist mein Dad das Abbild eines typischen Vaters. Typischer geht's kaum. Mit einem Kleiderschrank voller Sweatjacken und Kakihosen, einem IT-Job, den er Tante Heather und mir zwar schon tausendmal erklärt hat, wir aber immer noch nicht verstehen, was er eigentlich macht, und einem Buch übers Golfen, das aus irgendeinem Grund in unserem Badezimmer lebt, obwohl ich ihn noch nie habe spielen sehen.

»Der allerletzte Schultag!«, kreische ich. »Sieh mal.«

Mit zusammengekniffenen Augen blickt mein Dad auf das Smartphone, das ich ihm gerade förmlich ins Gesicht geworfen habe. »Was ist das?«, fragt er. »Hast du eine Rolle im Schulstück bekommen?«

»Nein, viel besser.« Ich drücke ihm das Smartphone in die Hand, springe auf die Rückenlehne des Sofas und trommle ungeduldig mit den Füßen dagegen. »Lies es, lies es, lies es.«

In dem Moment kommt Teddy hereingeschlendert, sein Haar ein einziges Chaos, die Jogginghose viel zu weit für seine schlaksige, übergroße Gestalt. Da er eine Schuluniform tragen muss, rebelliert er in den Sommerferien und verwandelt sich in eine Vollzeit-Muppet-Figur.

»Was ist los?«, fragt er, und seine raue Stimme verrät, dass wir wahrscheinlich die ersten Lebewesen außerhalb seiner heiß geliebten Geocaching-App sind, mit denen er sich heute unterhält.

Ich packe ihn an den Schultern und rüttle ihn, damit er endlich richtig wach wird. »Madison. Pre. College.«

Teddy reißt die Augen auf. »Oh«, sagt er. Sein Atem riecht verdächtig nach Erdnussbutter, Schokolade und Kaffee.

»Oh«, kommt eine Sekunde später das Echo von meinem Dad.

Das ist zwar schon besser als Olivers »Hm«, aber es reicht mir noch nicht.

»Und?«, frage ich und lasse Teddy so abrupt los, dass er gegen das Sofa taumelt, obwohl er ganze zwanzig Zentimeter größer ist als ich.

»Mills ...«, setzt mein Dad an.

Dann öffnet sich knarzend die Schlafzimmertür meiner Tante. Zuerst erscheint Heathers Messy-Bun, gefolgt vom Rest. Blinzelnd begutachtet sie den Tumult. »Was ist hier los?«, fragt sie, in der Hand eine Tasse Tee, obwohl es draußen eine Million Grad heiß ist. Aber immerhin arbeitet sie Spätschicht, für sie ist es also gerade Morgen.

»Ich wurde an der Madison angenommen!«, quietsche ich.

Ihre Augenbrauen hüpfen hoch in ihren Pony. »Ohne Scheiß?«

»Ja!«

»Du wusstest davon?«, fragt mein Dad und wendet sich ihr zu.

»Ich wusste nicht, dass sie sich beworben hat. Ich weiß nur, was die Madison ist«, erwidert Heather und watschelt in ihren hässlichen alten Ugg-Slippern, die ich auch habe, zu uns herüber. »Die Schule ist in Los Angeles, richtig?«

»Japp. Dann gibt's den ganzen Tag nur noch Musicals. Gesang, Schauspiel, Tanz ...«

Das letzte Wort betone ich ein wenig grimmig, denn trotz all meiner Anstrengungen bin ich im Tanzen nicht so gut. Meine Stimmbänder können zwar locker mit Megan Hiltys mithalten, und mit meinen schauspielerischen Fähigkeiten bringe ich die Leute zum Weinen, aber meine Füße wollen nicht so, wie ich will.

»Aber das ist auf der anderen Seite des Landes«, sagt mein Dad. »Und es wäre quasi wie ... College. Das heißt, du müsstest dort leben.«

»Na ja, ja. Aber das ist schon okay. Ich brauche nur deine Erlaubnis«, erwidere ich und schnappe mir das Smartphone, um ihm die Homepage der Schule zu zeigen.

Doch dann setzt mein Dad einen Gesichtsausdruck auf, den ich zwar nur selten an ihm sehe, aber sofort erkenne: den Ausdruck, der verrät, dass ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe.

»Du gibst mir doch die Erlaubnis ... oder?«

Mein Dad fährt sich durchs Haar und starrt auf seinen Laptop, als würde auf dem Bildschirm gleich etwas aufploppen, das ihm einen Ausweg aus dieser Situation bietet. Vielleicht sollte ich ihm ein wenig Zeit zum Nachdenken geben, aber Warten ist nicht meine Stärke.

»Ich wurde nicht einfach nur angenommen. Ich habe ein Teilstipendium bekommen«, füge ich hinzu. »Das heißt, es ist nicht mal teuer.«

»Es ist trotzdem noch eine Menge Geld.«

»Dann werde ich eben meine Stundenzahl im Milksha‍ke Club erhöhen«, sage ich, meine Stimme fröhlicher als die einer Flugbegleiterin. »Oder ich suche mir einen Teilzeitjob.«

»Los Angeles?«

»Ich hätte dort Grandma und Grandpa«, dränge ich. Ich muss zugeben, dass das nicht unbedingt das beste Argument ist, schließlich haben sie ein Jahr vor meiner Geburt New York verlassen, um auf einer Farm in Oregon zu leben, aber immerhin liegt es an derselben Küste wie Los Angeles.

Doch mein Dad schüttelt den Kopf. »Es ist nicht nur das ... Wir können nicht ...«

Er wirkt hilflos. Als hätte ich ihn mit einem Boot ohne Paddel in den Hudson geschoben.

»Wir haben darüber gesprochen, dass du den Sommer über Tanzunterricht nimmst«, bietet er an.

Das ist ja, als wollte er mich dazu bringen, eine Murmel gegen einen Diamanten zu tauschen. Ich blicke zu Heather, in der Hoffnung, in ihr eine Verbündete zu finden, doch sie runzelt bereits die Stirn, wie sie es immer tut, bevor sie sich zur Schweiz erklärt.

»Du musst mich gehen lassen«, sage ich so ruhig wie nur möglich. »Diese Chance könnte mein ganzes Leben verändern. Das ist meine Bestimmung.«

Mir ist durchaus bewusst, dass ich gerade melodramatisch bin, aber es ist mir egal. Es fühlt sich tatsächlich an wie meine Bestimmung. Wofür waren die letzten siebzehn Jahre voller aggressiver Jazz-Hände, Nächte, in denen ich mir Raubkopien von Lea-Salonga-Videos reingezogen und vor aller Augen zum Dear Evan Hansen-Soundtrack geheult habe, wenn nicht dafür?

Letzten Endes spricht mein Dad mehr zum Fußboden als zu mir. Was Maßregelungen angeht, ist er nicht unbedingt der Beste. Aber das ist auch keine Situation, in der er mich maßregeln müsste.

»Ich hätte mir wirklich gewünscht, du hättest vorher mit mir darüber gesprochen«, sagt er. »Wann hast du dich überhaupt dort beworben?«

Vor ein paar Monaten, mit einer Menge Ausreden und klitzekleinen Lügen über Lerngruppen, die tatsächlich existiert haben oder vielleicht auch nicht. Die Wahrheit ist, dass ich schon vorher wusste, dass er nicht einverstanden sein würde. Aber ich dachte, wenn ich bereits eine Zusage hätte – wenn er sehen würde, dass ich das Unmögliche geschafft habe und angenommen wurde –‍, wäre es bestimmt genug, um ihn umzustimmen.

»Ich wollte es nicht beschreien«, sage ich stattdessen.

Wie sich aber herausstellt, habe ich das bereits. Denn wenn das Schicksal tatsächlich direkt um die Ecke auf einen wartet, bin ich mit meinem gerade zusammengeprallt wie bei einem Autounfall.

»Es tut mir leid, Mills«, sagt mein Dad. »Aber meine Antwort lautet Nein.«

Kapitel 2

»Du musst auf meiner Seite sein«, jammere ich und drücke mich in Teddys Sofakissen, die so dick sind, dass sie einen nahezu verschlingen. Dann stelle ich Heathers Laptop auf meine Knie und starre fest entschlossen auf das Meer an offenen Tabs.

»Ich bin auf deiner Seite«, erwidert Teddy mit dem Mund voller Popcorn. »Ich kann auf deiner Seite und gleichzeitig am Handy sein.«

Ich stoße ihn mit der Schulter an und werfe einen Blick auf den offenen Chat auf seinem Display. »Wer ist denn deine Freundin?«

Teddy verdreht die Augen. »Sie ist auch bei GeoTeen, aber sie ist nicht meine Freundin.«

Ich erwähne jetzt nicht, dass GeoTeen so klingt wie die jugendlichen Superhelden einer schlechten Achtziger-Zeichentrickserie. »Du hast ihr von deiner tief sitzenden Angst vor Tauben erzählt«, erinnere ich ihn.

»Das sind Dämonen mit Flügeln.«

»Und du hast ihr deinen zweiten Vornamen verraten ...«

»Hätten meine Eltern bei ihrem ersten Date doch bloß nicht Toy Story gesehen ...«

»Du hast ihr sogar gesagt, an welcher Kreuzung du wohnst. Das ist wie die New Yorker Version deiner Sozialversicherungsnummer. Ich finde, das macht sie zu deiner Freundin. Oder zumindest fast.«

Teddy verzieht sein Gesicht so sehr, dass es schon kein Ausdruck mehr ist, sondern eher Gesichtsgymnastik. »Wahrscheinlich würde sie nichts mit mir zu tun haben wollen, wenn wir uns persönlich begegnen würden. Wir lieben es einfach beide, in ganz Manhattan nutzlose Objekte zu finden und den Bahnmitarbeitern auf die Nerven zu gehen, weil wir an den Stationen herumlungern. Das ist ja wohl kaum eine Liebesbeziehung.«

Das kaufe ich ihm nicht ab, denn ich kenne Teddy besser als mich selbst – und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, wie viele Stunden ich schon vorm Spiegel verbracht und für Auditions geübt habe. Wir sind die besten Freunde, seit ich sechs Monate und er zwei Tage alt war. Seit mein Dad ihn auf der anderen Seite des Flurs hat weinen hören und unbedingt Kontakt zu anderen frischgebackenen Eltern knüpfen wollte. (Anscheinend ist es eine ziemlich isolierende Erfahrung, wenn man als Student einfach ein Baby vor die Tür gestellt bekommt – und genau das ist meinem Dad passiert.) Seit Teddy und ich laufen können, gehen wir in unseren Wohnungen ein und aus, als würden wir in beiden leben. Keiner von uns hat blutsverwandte Geschwister, aber wir waren füreinander schon Bruder und Schwester, bevor wir überhaupt wussten, was diese Worte bedeuten.

»Vielleicht könnte sie ja deine Freundin werden, wenn eure Usernamen nicht anonym wären und ihr daraus nicht so ein Mysterium machen würdet.« Ich begutachte den ersten offenen Tab. »Ich könnte für Postmates Lebensmittel ausfahren.«

»Mit welchem Auto?«, fragt Teddy. »Und mit welchem Führerschein?«

Ich schließe den Tab. Nur noch siebenundzwanzig weitere. »Da ist eine Grundschule, die jemanden für den Sommer sucht.«

»Du würdest die Kinder alle in Musicals singende Monster verwandeln. Ihre Eltern müssen schon zwei Frozen-Soundtracks ertragen. Bitte erspare ihnen wenigstens Wicked.« Teddy legt sein Handy beiseite und begutachtet das Chaos auf Heathers Laptopbildschirm. »Glaubst du wirklich, Coop überlegt es sich noch mal anders, wenn du dir einen Sommerjob suchst? Auf mich wirkte das wie ein ziemlich eindeutiges Nein.«

»Vielleicht jetzt noch. Aber mit meinen Ersparnissen vom Milkshake Club, dem Teilstipendium und einem Teilzeitjob kann ich auf jeden Fall für das erste Semester aufkommen. Nein zu sagen wäre quasi illegal.«

»Ich glaube, so funktioniert Elternschaft nicht.« Teddy greift über meine Schulter und schließt den nächsten Tab mit dem Text »Lockere männliche Führungskraft sucht persönliche Assistentin«. Ich drehe den Kopf und funkle ihn böse an, doch dabei bewegt sich der Laptop, und plötzlich ploppen die Icons am unteren Bildschirmrand auf.

»Warum hast du so viele ungelesene E-Mails?«, fragt Teddy verwundert.

»Das sind nicht meine E-Mails, sondern die von Tante Heather«, sage ich und will die Icons wieder kleiner machen. Doch in dem Moment kommt eine weitere E-Mail. Die Großbuchstaben in der Betreffzeile brennen sich förmlich in meine Netzhaut: OMG ICH GLAUBE ICH HABE DAS ALTE LJ DEINES KLEINEN BRUDERS GEFUNDEN ICH HEULE.

Die E-Mail ist von Heathers Ex-Freundin Jade, die gerade durch Europa reist und ihre Nase immer noch in die Angelegenheiten der Price-Familie zu stecken scheint. Ich mache mir eine gedankliche Notiz, dass ich nachher beim Abendessen einen passiv-aggressiven Kommentar ablassen muss, und öffne die E-Mail.

Ich bereue es beinahe umgehend.

»Sein Username war middle-earthling83?«, ruft Teddy. »So nerdig bin ja nicht mal ich.«

»Deine Apps sagen aber etwas anderes.«

»Klick drauf«, fordert Teddy.

»Ich kann nicht«, protestiere ich.

»Klick draaauuuf.«

»Du sagst immer, ich soll nicht so neugierig sein, dabei bist du der Naseweis.«

Und dann gehe ich natürlich auf die LiveJournal-Seite, denn das Universum würde mir so etwas nicht vor die Nase halten, wenn ich nicht genau das tun sollte.

Und da ist es: das Profil, das ganz eindeutig der zwanzigjährigen Version meines Mathe liebenden, Herr der Ringe verschlingenden, bucklig vor dem Computer sitzenden Dads gehört. Es fühlt sich fast so an, als hätte gerade der Cooper-Price-Geist der Vergangenheit das Zimmer betreten und uns beim Spionieren erwischt. Überall sind Bilder vom Auenland, und im Banner stehen alle möglichen Wörter, die für mich überhaupt keinen Sinn ergeben.

»Ähm, was soll das sein?«

Teddy tippt die Zeile in sein Handy ein. »Ist von einem Linkin Park-Song.«

»Cooper war ein Emo-Mathe-Nerd!«, keuche ich.

»Cooper hatte wohl multiple Persönlichkeiten«, bemerkt Teddy und legt sich halb auf meinen Schoß, um weiter durch die Seite zu scrollen. Wie ein ausgewachsener Labrador, der denkt, er wäre immer noch ein Welpe, und keinen Sinn für Diskretion hat.

Und es wird noch schlimmer. Ausschnitte von den Herr der Ringe-Filmen. Irgendeine Art Meme mit einem Zeichentrickhasen und den Worten »Interessiert mich nicht«. Playlists mit kitschigen Titeln wie »herbstliche Jams«. Es ist, als versuchte die Seite, eine Tumblr-Seite zu sein, bevor überhaupt jemand dem Wort »Ästhetik« eine Bedeutung beigemessen hat.

»Oh Gott, anscheinend stand er total auf eine gewisse Beth«, sagt Teddy. »Aber auch auf jemanden namens Fedotowsky? Moment mal. Sind das etwa tatsächlich Tagebucheinträge?«

»Nicht anklicken«, kreische ich und schlage ihm auf die Hand.

»Zu spät.«

Ich überfliege den ewig langen Post, der eine Art Gedicht über eine Freundin zu sein scheint, und plötzlich kriege ich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. »Okay, okay«, sage ich und gehe zurück auf die Startseite.

»2003 tut einem ja in den Augen weh«, jammert Teddy.

Ich halte inne. »Warte mal. Hast du gerade 2003 gesagt?«

»Steht da zumindest. Fast alle sind von Oktober.«

»Ähm ...«

Ich rechne kurz nach. Doch Teddy ist schneller. Er reißt die Augen auf.

»Könnte eine davon deine Mom sein?«

Ich reiße den Laptop an mich und starre mit finsterem Blick auf den Bildschirm. Ich bin ein Juli-Baby. Auch wenn es ekelhaft ist, darüber nachzudenken, wie ich ein Juli-Baby werden konnte, ist das hier der erste Hinweis, den ich in meinen sechzehn Lebensjahren bekommen habe.

»Heilige Scheiße.«

Und so beginnt das komplette und vollständige Ausweiden von Cooper Prices Privatleben. Ich scrolle herunter bis zum ersten Oktober-Eintrag, klicke ihn an und beginne, laut vorzulesen.

»›Ich habe keine Ahnung, warum ich das überhaupt schreibe. Niemand wird es jemals lesen‹, bla bla bla«, murmle ich vor mich hin und überspringe ein paar gähnend langweilige Abschnitte, bis es endlich interessant wird. »›Ich weiß, das klingt total kitschig, aber ich werde ihr das Mixtape geben und ihr meine Gefühle gestehen. Ich glaube, der richtige Zeitpunkt ist gekommen. Sie gehört zu meinen engsten Freunden, aber ich habe schon seit einer ganzen Weile das Gefühl, dass wir mehr sind‹«, lese ich vor.

»Nur, damit du's weißt. Solltest du dich je in mich verlieben, dann sag es mir bitte nicht mit einem Mixtape«, sagt Teddy mit vollem Mund. »Ich habe auch so schon genug von deinem Broadway-Quatsch.«

»Ist notiert«, erwidere ich. Mein Herz schlägt so wild, dass ich das Gefühl habe, es pocht durch das Sofa und in die Dielen des Fußbodens. Ich gehe zurück und sehe einen Post über ein »Jams für Beth«-Mixtape, der ein paar Tage später geschrieben wurde. Darin befindet sich ein Link zu einer Seite, auf der man Dateien mit anderen teilen kann – beziehungsweise konnte, denn die Seite existiert gar nicht mehr. Die Playlist ist vollgestopft mit Liebesliedern – »Yellow« von Coldplay, »I Don't Wanna Miss a Thing«, von Aerosmith (vom Armageddon-Soundtrack, um genauer zu sein) und natürlich »Many Meetings« vom Herr der Ringe-Soundtrack. Und ganz unten steht geschrieben: »Aaalso ... es hat ihr gefallen.«

Mir klappt die Kinnlade herunter. »Oh mein Gott.« Von dem angsteinflößenden »Aaalso« einmal abgesehen, lese ich gerade vielleicht zum ersten Mal in meinem ganzen Leben etwas über die Frau, von der ich fünfzig Prozent meiner Gene geerbt habe. »Oh mein Gott. Das ist meine Mom.«

»Nicht so schnell«, sagt Teddy, geht zurück und scrollt nach oben. »Der vom fünfundzwanzigsten Oktober scheint traurig zu sein.«

Es ist nur ein leerer Post, unter dem in winzigen Buchstaben »aktuelle Laune: Melancholie« geschrieben steht. Teddy überspringt ein paar trübselige Songtexte und scrollt zum Post vom achtundzwanzigsten Oktober mit dem Titel »!!«.

Wir überfliegen ihn und sind dabei so synchron, dass wir auf die gleichen Stellen genau gleich reagieren:

Fedotowsky und ich haben uns gestern Abend so betrunken. Ich weiß nicht mal, wie es passiert ist. Aber es ist passiert. Ich war wütend wegen Beth und sie wegen Roger, und plötzlich ... uff. Ich meine, sie will nichts Festes. Für sie war es nur so eine Sache. Aber für mich hat es sich wie etwas Richtiges angefühlt. Zumindest so sehr, dass wir darüber reden sollten.

Mein Blick bleibt auch nach dem Lesen auf den Monitor gerichtet, bis ich Teddys Gewicht auf mir spüre.

»Nur so eine Sache«, wiederhole ich. »Dann bin ich vielleicht ... ›die Sache‹.«

»Ja. Ich schätze schon«, sagt Teddy.

Sein Eifer ist verschwunden. Eine Schwere hat sich über den Raum gelegt. Als hätten wir einen glänzenden Sportwagen gefunden und Gas gegeben, bevor wir überhaupt wussten, wo wir langfahren sollen. Mir ist ein wenig flau im Magen, als ich wieder auf die Startseite gehe. Es ist nur noch ein Tagebucheintrag von diesem Zeitraum übrig, vom ersten November, mit dem Titel »Was zur Hölle ist nur los mit mir«.

Ich stecke schon viel zu tief drin, um ihn nicht anzuklicken. Trotzdem zögere ich kurz und atme tief durch, während der Eintrag lädt.

Ich habe so einen Kater. Ich bin so verwirrt. Farrah kam von irgendeinem Vorsprechen zurück, schleppte mich auf eine Halloween-Party, und dann bin ich neben ihr auf dem Fußboden aufgewacht. Nicht im Bett. Auf dem BODEN. Ich muss echt mein Leben auf die Reihe kriegen. Irgendwann werde ich Beth und ihrem »Ex« über den Weg laufen, und wenn das passiert, will ich nicht dastehen wie ein Idiot. Ich werde mich jetzt ausloggen und lernen. Keine Ablenkungen mehr. Kein Selbstmitleid mehr. Und ganz sicher kein Smirnoff Ice mehr.

Kurz folgt Schweigen, bevor Teddy von mir heruntergeht und auf seinem Handy herumtippt. Ich starre auf den Bildschirm, als wäre ich gerade hineingefallen und wüsste nicht, wie ich wieder herauskomme. Ich weiß nicht mal, ob ich das überhaupt wissen wollte. Eigentlich sollte ich es nicht wissen. Aber die Option, es nicht zu erfahren, war schon dahin, bevor ich wusste, dass ich die Wahl hatte.

»Hey«, sagt Teddy. »Falls es dich interessiert ... Ich glaube, ich habe sie gefunden.«

Ich blinzle und drehe den Kopf zu ihm. »Was?«

Er ist auf Facebook. »Sie sind alle noch mit deinem Dad befreundet. Zumindest sind es Leute aus seinem Jahrgang an der NYU, die so heißen.«

Mein Blut rauscht mir in den Ohren. »Wie hast du ...«

»Das ist wie beim Geocaching«, erklärt Teddy.

»Nein. Nein, das ist ganz offensichtlich wie bei Mamma Mia«, wird mir bewusst, und ich richte mich kerzengerade auf.

Normalerweise stöhnt Teddy immer bei meinen Theatervergleichen. Vor allem, wenn es dabei um ABBA geht, denn seine Mom ist so besessen von der Band, dass sie all ihre Alben auf Schallplatte hat. Doch diesmal erwidert er, ohne zu zögern: »Millie Mia besser gesagt. Hier ...«

»Nein«, sage ich und schiebe sein Smartphone so schnell zurück, dass es uns beide überrascht. Ich starre es an, als könnte es jederzeit in Flammen aufgehen. »Ich ... ich sollte nicht ... Ich meine ... Es fühlt sich einfach irgendwie ... falsch an.«

Teddy zögert kurz, bevor er das Smartphone beiseitelegt. »Sicher?«

Nein, bin ich nicht. Es braucht mindestens drei Stunden melodramatischen Gesangs in meinem Zimmer und eine Schüssel von Teddys Reese's Puffs, bevor ich es weiß. Wenn überhaupt.

Ich muss mit irgendjemandem darüber reden. Aber es gibt niemanden. Mein Dad ist dem Thema schon immer ausgewichen, als wäre er dagegen allergisch. Und meine Tante sagt, mein Dad habe ihr nie verraten, wer meine Mom ist. Ich habe mich immer damit zufriedengegeben und nur selten darüber gesprochen. Nicht einmal mit Teddy. Darüber nachzudenken hatte immer einen bitteren Beigeschmack. Und darüber zu reden erst recht.

»Ja. Ich bin sicher.« Ich schließe die Seite und kehre zurück zu dem Berg an Jobangeboten. Doch plötzlich füge ich beinahe unbeabsichtigt hinzu: »Sie wollte mich nicht. Das wäre für uns beide nur Zeitverschwendung.«

Es ist nicht so, als hätte ich noch nie darüber nachgedacht. Ich kenne diesen Gedanken. Ich bin ihn schon mehr als einmal durchgegangen. Doch als sich Teddy nach hinten lehnt und die Facebook-App schließt, macht der Gedanke etwas, das er noch nie getan hat – er greift nach mir und zerrt an mir, und ich weiß nicht, wie ich ihn wieder loswerde.

Kapitel 3

Von dem LiveJournal-Tauchgang einmal abgesehen, weiß ich über meine Mom genau drei Dinge. Ich weiß, dass sie meinen Dad kannte, als er noch auf dem College war. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir das jemand erzählt hätte, genau, wie ich mich nicht daran erinnere, dass mir überhaupt jemand von der Situation mit meiner Mom erzählt hätte. Ich bin einfach damit aufgewachsen. Das Zweite ist, dass sie meinem Dad vor meiner Geburt nichts von mir erzählt hat – bis sie mit dem Kinderwagen vor seiner Tür aufgetaucht ist. Zum Überleben hatte ich nur mein Kindchenschema und einen sehr überraschten einundzwanzigjährigen Cooper Price. (Zumindest erzählt es mein Dad so.)

Das Dritte, das ich weiß, ist Folgendes: Sie hat irgendetwas mit Theater zu tun.

Streicht das. Es gibt da noch eine vierte Sache, die aber irgendwie damit zusammenhängt. In der siebten Klasse hat sie mich so was von beschissen.

Denn es passierte Folgendes: Mein Dad – Gott beschütze sein überaus wohlmeinendes Vaterherz – machte ein Video von mir, als ich in der Mittelstufe Jo in Little Women spielte. Es war meine allererste Hauptrolle. Ich wurde mit Lob überschüttet und bekam einen Milchshake, der größer war als mein Kopf. Ich kann also mit Gewissheit sagen, dass ich die Aufmerksamkeit liebte. So sehr, dass ich mich an meine Schlafzimmertür setzte, nachdem mich mein Dad ins Bett gebracht hatte – nur für den Fall, dass er und meine Tante noch irgendetwas Nettes über mich sagen würden.

Und das taten sie. Wie der gierige Schwamm, der ich damals war (okay, immer noch bin) sog ich es in mich auf. Dann folgte diese Pause, und mein Dad sagte etwas zu Heather wie »Ich schätze, es liegt ihr im Blut«. Heather, immer die unterstützende große Schwester, erwiderte: »Du kannst kein bisschen singen.« Und dann sagte mein Dad: »Nein, aber ihre Mom ...«

Ich konnte ihn zwar nicht sehen, doch ich spürte die vage Geste, die er gemacht haben musste, als er innehielt. Ich presste das Ohr so fest an die Tür, dass ich Gefahr lief hindurchzufallen.

»Sagen wir einfach, diese Theatersache war unausweichlich«, fuhr er schließlich fort. Das Seufzen am Satzende verriet mir, dass er eigentlich gar nichts hatte sagen wollen.

Wart ihr schon mal so abgelenkt von einem glänzenden Objekt, dass ihr nicht gemerkt habt, wie eine Lawine auf euch zugerollt ist? Denn genau das ist mir passiert, metaphorisch und auch emotional. Ich war so damit beschäftigt, diesen glänzenden Gesprächsfetzen zu verarbeiten, dass ich überhaupt nicht mitbekam, was danach folgte. Und zwar sagte mein Dad, dass er das Video von mir auf YouTube hochladen würde. Hätte ich das in dem Moment registriert, hätte ich es ihm verboten, denn schon mit zwölf hatte ich ganz präzise Pläne für mein Image auf Social Media – und diese beinhalteten kein Video von mir mit Zahnspange und Sport-BH, wie ich aus voller (aber damals noch winziger) Kehle sang. Aber Baby-Millie war so abgelenkt von dem Kommentar über ihre Mom, dass sie es geschehen ließ.

In 99,99 Prozent aller Fälle wäre das alles gewesen. Das Video hätte zwölf Klicks bekommen – einen von meinen Großeltern und elf von meinem Dad – und wäre in den Untiefen des Internets verschwunden, genau wie alle anderen Videos von irgendwelchen Schulaufführungen auch. Aber da ich unter irgendeinem seltsamen Stern geboren wurde, landete es zuerst auf einer Reddit-Seite, dann auf einer privaten Facebook-Seite von einer Gruppe Schauspielschüler und wurde danach von Sutton Foster aka Jo March der originalen Broadway-Besetzung getwittert. Das Video ging viral. Zumindest für meine Verhältnisse.

Und seither verfolgt es mich.

Bis dahin hatte ich hin und wieder Erfolg gehabt, wenn ich in der Stadt zu einem Vorsingen gegangen war. Ich hatte in respektablen Off-Broadway-Theatern Kinderrollen wie Baby June in Gypsy und einen Verlorenen Jungen in Peter Pan gespielt, und langsam begannen auch Broadway-Produktionen und Agenten Interesse zu zeigen. Aber »Little Jo« warf einen Schatten, den ich nicht abschütteln konnte. Über Wochen hinweg war ich bei jedem Vorsingen nur noch »Little Jo«. Man schmachtete mich an, machte mir Komplimente, wuschelte mir durchs Haar, aber ich konnte Erwachsene, die mich bevormunden wollten, erschnüffeln wie ein FBI-Hund. Ich sah mir das Video an und verstand: Ich war mutig, ich war niedlich – aber ich war auch schlecht. Keine Zwölfjährige sollte versuchen, die Noten von »Astonishing« herauszuhauen, und das merkte man. Der Song begann zwar stark, ließ dann aber auch stark nach. Es war so schrecklich, dass ich mich wundere, wie mein Dad das Video machen konnte, ohne sich die Ohren zuzuhalten.

Das alles war schon peinlich genug. Doch der allerpeinlichste Gedanke kam mir erst Wochen später. Was, wenn meine Mom tatsächlich am Theater war? Dann bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie es auch gesehen hatte. Was bedeutete, dass der einzige Eindruck, den sie je von mir bekommen würde, der sein würde, über den sich das gesamte Internet gnadenlos lustig machte.

Im folgenden Jahr färbte ich mir das Haar kastanienbraun, und die erste Millie-Transformation begann. Die erste war nicht sonderlich gelungen. Ich hatte eine sechsmonatige Punk-Phase, direkt gefolgt von einer sechsmonatigen Hippie-Phase. Danach kamen die sportliche, die Fifties-Vintage- und die VSCO-Girl-Phase, gefolgt von meiner jetzigen Nineties-Grunge-Phase, die endet, sobald ich herausgefunden habe, was als Nächstes kommt. Ich sah in allen Phasen ganz gut aus, aber was noch viel wichtiger war, war die Tatsache, dass ich nicht länger »Little Jo« war.

Es war ein langer Weg bis hierher. Ich habe so viel geübt, dass mich niemand an meiner Schule stimmlich überbieten kann. Ich habe jeden Abend damit zugebracht, im Spiegel Monologe zu üben und mir Videos von den Größten der Großen anzusehen. Habe mich in jede überfüllte Ticketschlange gestellt, nicht nur, um die Broadwaystars zu sehen, sondern auch die Zweit- und Drittbesetzung. Ich habe die kleinsten Bewegungen aufgesaugt, jeden noch so winzigen Gesichtsausdruck, jeden stimmlichen Trick, um meine eigene Stimme zu finden. Habe mich nie ablenken lassen, wenn mein Dad mal wieder irgendetwas gefilmt hat, bei dem er vielleicht wieder auf die Idee kommen könnte, es im Internet hochzuladen. Ich habe mein Bestes getan, den Kommentar über meine Mom und alles andere, was damit zusammenhängt, aus meinen Gedanken zu verdrängen.

Doch das Wichtigste: Seither habe ich es vermieden, bei den größten Bühnen der Stadt vorzusingen. Ich muss noch ein wenig Zeit vergehen lassen, bis alle mein altes Ich vergessen haben. Wenn ich wieder in den Ring steige, dann als neugeborener Mensch. Dann wird mich nie wieder jemand »Little Jo« nennen.

Fast habe ich es geschafft. Ich brauche nur noch das Precollege, um in Form zu kommen. Dann wird meine absurd lange Mission vollendet sein.

Was mich zum nächsten Teil der besagten Mission bringt: Heather auf meine Seite zu ziehen.

»Pfefferminz oder Cookie Dough?«, fragt Heather und hält einen Eisportionierer in die Höhe.

»Beides.«

Sie sieht mich an und hebt eine Augenbraue. »Mutige Kombi, aber okay.«

Normalerweise ist Heather nicht diejenige, die im Milkshake Club hinterm Tresen steht und das Eis in einen der unzähligen Mixer steckt, denn ihr gehört der Musikclub für alle Altersgruppen, der sich praktischerweise im Erdgeschoss unseres Wohnhauses befindet. Aber heute Abend ist eine Ausnahme, denn wir verabschieden uns von meinem Dad, bevor er seine jährliche zweiwöchige Geschäftsreise zum Hauptsitz seiner Firma in Chicago antritt. Es ist immer der Horror, wenn er nicht da ist, aber immerhin kann er die restlichen fünfzig Wochen im Jahr von zu Hause arbeiten, daher können wir uns eigentlich nicht beklagen. Vor allem, da er am Tag vor meinem Geburtstag zurückkommen wird. Wir werden also noch genug Zeit zum Feiern haben (was bedeutet, dass ich ihn und Heather zwingen werde, mit mir ins Kino zu gehen und ein Musical meiner Wahl anzusehen).

Heather bereitet mein Pfefferminz-Cookie-Dough-Monster zu und einen Erdbeer-Milchshake für sich selbst. Noch legt sie nicht mit dem Vanille-Karamell-Shake für meinen Dad los, was bedeutet, dass mir noch ein bisschen Zeit bleibt, um sie auf meine Seite zu ziehen.

»Dann wusstest du also schon von dem Precollege?«, frage ich.

Sie grinst bereits, bevor sie mir überhaupt in die Augen sieht, daher weiß ich, dass ich ungefähr so subtil war wie der Soundcheck der Metalband, die heute Abend spielen soll.

»Ich weiß, dass es diese Schule gibt, ja«, sagt sie. »Warum fragst du?«

Ich hätte mit dem Gespräch warten sollen, bis ich den Mund voller Eis habe. »Nur weil ... Findest du nicht, dass das eine großartige Chance wäre?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ja, ich denke schon. Aber die normale Highschool abzuschließen ist auch eine großartige Chance.«

»Heather«, jammere ich.

Sie garniert unsere Shakes mit der üblichen absurden Menge an Sprühsahne, streut über ihren noch Snickers-Stückchen und über meinen Minzschokolade. Dann schiebt sie mir mein Glas zu und umrundet die Theke, um sich neben mich auf einen der rosafarbenen glitzernden Hocker zu setzen, die genau zum Rest des Clubs passen, der aussieht, als hätten sich Barbie und die Powerpuff Girls zusammengetan und mit Konfetti um sich geworfen.

»Warum zieht es dich dorthin?«, fragt Heather. »Willst du mir ernsthaft weismachen, dass du lieber an der Westküste leben willst?«

Ich ziehe die Nase kraus. »Es geht ja nicht darum, wo es ist, sondern was es ist.«

»Na ja, wenn du deinen Dad wirklich umstimmen willst, müssen wir die Situation mal aus seiner Perspektive betrachten. Überlegen, warum er Nein sagt.«

Ich sehe sie mit zu Schlitzen verengten Augen an. Zwar hätte sie beinahe einen Abschluss in Psychologie gemacht, bevor sie beschlossen hat, doch lieber Geschäftsfrau zu werden, aber jetzt übertreibt sie es doch ganz schön.

»Weil er mein ganzes Leben ruinieren will?«

Heather macht ein Geräusch, das beängstigend gut einen Gameshow-Buzzer imitiert. »Nächster Versuch.«

Ich seufze in meinen Milchshake. »Für dieses Programm werden nur so wenige ausgewählt. Ich habe wirklich hart gearbeitet, um es da rein zu schaffen«, sage ich. »Und sie haben mich nicht nur ausgesucht. Sie geben mir sogar Geld. Sie wollen mich.«

Meine Worte irritieren mich mehr als beabsichtigt. Jetzt muss ich wieder daran denken, was ich zu Teddy über meine Mom gesagt habe. Doch das hat damit überhaupt nichts zu tun. Hier geht es einzig und allein um meine Zukunft. Um die einzige Sache, die mir am Herzen liegt, seit ich zum ersten Mal den Mund geöffnet habe, um zu singen.

»Aber wenn du aufs Precollege gehst, musst du mindestens noch vier weitere Jahre dortbleiben, oder nicht?«, bemerkt Heather in ihrer bedachten, rationalen Art, die ich so sehr liebe und hasse zugleich. »Und du wolltest an so vielen anderen Schulen vorsingen. NYU. BoCo. Carnegie Mellon ...«

»Und das sind alles tolle Optionen, aber das ... Damit würde ich sogar noch schneller ans Ziel kommen. Dann könnte ich endlich wieder vorsingen, und das Thema College hätte sich dann wahrscheinlich sowieso erledigt. Dann bin ich achtzehn und darf auch offiziell arbeiten. Dann kann ich endlich loslegen.«

»Was dein Talent angeht, vielleicht schon. Aber menschlich gesehen?«

»Menschlich?«

»Außerdem ... Wer sagt denn, dass dich ein paar Tanzstunden nicht ebenfalls ans Ziel bringen?«

Ich schenke ihr einen finsteren Blick. »Nein, nein, nein. Ich versuche hier gerade, dich auf meine Seite zu ziehen«, schimpfe ich. »Du sollst nicht versuchen, mich auf Dads Seite zu ziehen.«

»Ich versuche nur, objektiv zu sein!« Nachdenklich nimmt sie einen großen Schluck von ihrem Milchshake. »Aber ich weiß, was du meinst. Wenn du von mir wissen willst, warum er Nein gesagt hat ... Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen. Ich weiß es also wirklich nicht.«

Das kommt nur selten vor. Seit Tag eins ist meine Tante so etwas wie meine Mom. Als sich meine Großeltern verdünnisiert haben und keines ihrer Kinder sie begleiten wollte, beauftragten sie Heather damit, auf meinen Dad aufzupassen, was dazu führte, dass Heather automatisch auch für mich verantwortlich war.

»Ich weiß nur, dass wir alle mal durchatmen sollten. Du musst ja nicht sofort zusagen, oder?«, fragt Heather. »Vielleicht ... lassen wir es einfach ein bisschen ruhen. Lassen uns ein paar logische Gründe einfallen, warum du gehen solltest. Erstellen eine PowerPoint-Präsentation oder so was.«

Mit dieser Ausweichtaktik will sie nur die Millie-Laune vermeiden, die alle am allerwenigsten mögen: und zwar, wenn ich ausflippe. Und wenn ich »alle« sage, dann meine ich damit auch mich selbst. Ich mag es auch nicht, wenn ich so drauf bin. Aber zu versuchen, es zu kontrollieren, ist in etwa so, als würde man dem Meer befehlen aufzuhören, Wellen zu machen, die einem nicht gefallen. Manchmal fühle ich mich genauso machtlos, mich im Zaum zu halten, wie alle um mich herum.

Ich schmolle in meinen Milchshake und trinke noch einen Schluck. Auf diesen Vorschlag will ich gar nicht erst eingehen, denn ich bin nicht unbedingt ein logisch denkender Mensch. Ich bin schon immer meinem Herzen gefolgt. Soll mein Gehirn eben nachkommen. Klar, das kann manchmal ganz schön chaotisch sein. Aber so bin ich nun mal. Das ist auch der Grund, warum ich in dem, was ich tue, so gut bin. Warum meine Freunde welche fürs Leben sind.

Uff. Da ist es. Ein Stechen, das ich nicht ignorieren kann. In der Schule habe ich viele Freunde – abgesehen von Oliver. Leute, die ich seit Jahren kenne. Es wird mir schwerfallen, sie zu verlassen. Ich werde mir größte Mühe geben müssen, um mit allen in Kontakt zu bleiben. Doch das reicht trotzdem nicht aus, um mich aufzuhalten, auch wenn ein Teil von mir wünschte, es wäre so.

Ich bin so in meinen Milchshake und meinen Gedanken versunken, dass ich erst merke, dass mein Dad da ist, als Heather den Mixer anschmeißt, um seinen Vanille-Milchshake zu mixen. Er setzt sich neben mich, sieht in diesem Hello-Kitty-Wunderland so deplatziert aus wie immer und stößt mich mit der Schulter an.

»Ich habe nachgedacht ...«

»Über das Programm?«, frage ich.

»Über die Tanzstunden im Sommer«, erwidert mein Dad geduldig. »Ich weiß, dass du ein paar Kurse im Sinn hattest. Vielleicht sehen wir sie uns heute Abend mal an, bevor ich gehe?«

Ich schürze die Lippen. »Vielleicht sehen wir uns lieber das Precollege-Programm an?«

Heather schiebt ihm seinen Milchshake zu. Mein Dad ist eigentlich kein »Süßmaul«, oder zumindest behauptet er das immer, aber trotzdem nimmt er an unseren niemals endenden Eis-Ritualen teil.

Mein Dad setzt sein schmallippiges Clark-Kent-Lächeln auf. »Ich habe es mir schon angesehen.«

Wahrscheinlich sollte ich mir jetzt lieber einen Moment Zeit nehmen, um meinen nächsten Zug zu planen, doch stattdessen platze ich heraus: »Und?«

Er fummelt an seinem Strohhalm herum und blickt zu Heather, als würde er hoffen, dass sie das ausspricht, was er nicht sagen will. Doch die Enttäuschung breitet sich in mir aus, bevor er überhaupt dazu kommt.

»Es ist nur ... Du weißt, dass ich an dich glaube. Du hast ein Talent, das nur wenige besitzen. Ich glaube nur nicht, dass das der richtige Schritt ist. Zumindest noch nicht«, sagt er vorsichtig.

Doch ich bin alles andere als vorsichtig. Die Worte purzeln so schnell aus meinem Mund, dass ich förmlich spüren kann, wie Heather das Gesicht verzieht. »Hast du eine Ahnung, wie unwahrscheinlich es ist, dort angenommen zu werden? Weißt du, wie schwer das war?«, frage ich fordernd.

Bestimmt weiß er das. Und dann auch wieder nicht. Bestimmt hat er herausgefunden, wie viel ich für die Bewerbungsgebühren bezahlt habe. Und er weiß sicherlich auch, wie viel Arbeit ich in die Proben investiert habe. Aber er weiß nicht, wie viel Angst ich in jeder einzelnen der sechs Runden hatte. Die Unsicherheit bei jedem Song, den ich ausgesucht habe, jedem Outfit, das ich getragen habe. Selbst um den Winkel und die Breite meines Lidstrichs habe ich mir Gedanken gemacht. Er weiß nicht, wie das ist, wenn man in einem Raum voller Profitänzer etwas vortanzen soll. Er weiß nichts von dem anstrengenden stundenlangen Gespräch, das ich mit der Auswahlkommission führen musste. Ganz zu schweigen vom wochenlangen Warten, bis ich erfahren habe, dass ich es jeweils in die nächste Runde geschafft habe. Die Prozedur war so lange ein Teil von mir, dass ich mich jetzt nicht einfach davon lösen kann. Es ist mir in Mark und Bein gekrochen.

»Du bist erst sechzehn, Mills. Deine ganze Zukunft liegt noch vor dir ...«

»Jeder andere Elternteil wäre stolz auf mich«, sage ich.

Dieser Satz trifft ihn härter, als ich erwartet hätte. Seine Augenbrauen schnellen so ruckartig nach oben, dass gleichzeitig seine Brille herunterrutscht, was fast ein wenig komisch wirkt. Ich wollte damit nicht sagen, dass ich nur einen Elternteil habe, aber so hat er es aufgefasst. Und kurz bin ich beinahe froh darum. Es ist nicht fair, dass er darüber entscheidet. Dass ich keine Mutter habe, die ich um Erlaubnis bitten kann. Oder sonst jemanden, der ihn vom Gegenteil überzeugen und ihm verständlich machen kann, was es mir bedeutet.

Ich weiß, dass es nicht seine Schuld ist. So ist er nun mal. Doch das macht mich nur noch wütender. Dass ich ihm keinen Vorwurf machen kann. Dass ich sonst keine Anlaufstelle habe.

»Natürlich bin ich stolz auf dich«, erwidert er so leise, dass ich ihn bei dem Lärm, den die Techniker beim Aufbau für heute Abend machen, kaum verstehen kann.

Heather legt die Hand auf meine Schulter. Eine Warnung. Doch ich spüre sie kaum, weil alles andere so viel ist. »Und warum hältst du mich dann zurück?«

»Tue ich nicht ... Wenn ich der Meinung wäre, dass ich dich zurückhalte, würde ich niemals ...«

»Meine Mom würde wollen, dass ich es mache. Sie wäre total dafür. Oder etwa nicht?«

Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus. So hirnlos und unüberlegt, wie wenn jemand in einem Crime-Drama eine Knarre zückt und sie auf jemanden richtet. Heathers Hand rutscht von meiner Schulter. Mein Dad wird ganz grau im Gesicht, sieht zuerst Heather an und blickt dann zu Boden, als wüsste er nicht, was er tun soll.

Das schlechte Gewissen schnürt mir die Kehle zu und droht, mich zu ersticken. Ich sollte irgendetwas sagen, um es wiedergutzumachen. Doch ich kann nicht.

»Ja,« sagt er. »Wahrscheinlich schon.«

Seine Antwort ist so unerwartet, dass ich meine nächste Frage eher aus Neugier statt aus Boshaftigkeit stelle. Ich kann einfach nicht anders. Da ist wieder dieses glänzende Objekt, und diesmal sind die Gefühle meines Dads die Lawine, die ich nicht sehen will.

»Sie hat auch etwas mit Theater und Musical zu tun, richtig?«, frage ich.

»Sie ...« Mein Dad verzieht den Mund. »Ja. Aber ...« Dann steht er von seinem Hocker auf.

»Was aber?«, dränge ich.

Was auch immer vorhin an mir gezupft hat, reißt jetzt förmlich an mir. Ich habe noch nie wirklich nach meiner Mom gefragt, aber ich dachte immer, ich würde eine Antwort bekommen, wenn ich es täte. Jetzt, da mir bewusst wird, dass ich vielleicht keine bekomme, gibt es kein Zurück mehr. Ich muss erfahren, warum.

»Millie«, sagt Heather leise.

Seine Augen werden glasig. Mein Dad weint ziemlich schnell. Er gehört zu den Leuten, die sogar beim Höhepunkt der Star Trek-Filme weinen. Oder wenn er einen von seinen legendären Dad-Witzen erzählt. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihn jemals zum Weinen gebracht hätte. Diese Tatsache rüttelt mich schon genug auf, da brauche ich nicht auch noch Heathers Warnung. Mein Herz fängt auch so schon an, alarmierend zu pochen.

»Aber sie ist nicht hier«, sagt er. »Aber ich bin es. Tut mir leid. Aber das ist nun mal meine Meinung.«

Seine Worte stacheln mich so sehr an, dass ich nur auf eine einzige Weise reagieren kann – ihn genauso zu verletzen, wie er mich verletzt hat.

»Warum ist sie denn nicht hier?« Es ist, als würde Lava aus mir herausströmen. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich mir diese Fragen schon immer gestellt habe. Dass ich nur auf den richtigen Moment gewartet habe, um sie ihm zu stellen. Bis wir uns dafür bereit fühlten. Doch jetzt, da es so scheint, als wären wir dafür niemals bereit, sprudelt sie so schnell an die Oberfläche, dass es sich anfühlt, als könnte ich daran ersticken. »Wo ist sie, Dad? Warum erzählst du mir nie von ihr? Willst du sie damit bestrafen? Oder mich?«

»Jetzt aber mal langsam«, sagt Heather und rutscht von ihrem Hocker.

Aber es ist zu spät. Ich habe es gesagt, und jetzt kann ich es nicht mehr zurücknehmen. Nicht die Worte und auch nicht, dass mein Dad so aussieht, als hätte ich ihm eine geklatscht.

»Du willst die Wahrheit hören?«, fragt er. »Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich wünschte, ich ... aber ich weiß es nicht.« Was auch immer er vorhatte – er lässt es schnell wieder sein. Er sagt mir vielleicht die Wahrheit, aber nicht die ganze.

Dass seine Stimme so brüchig geworden ist, verrät mir, dass ich ihn nicht nach der ganzen Wahrheit fragen kann, ohne noch etwas ganz anderes zu erfahren. »Es tut mir leid«, sagt er, ohne mich anzusehen.

Ich weiß, dass es ihm leidtut, aber ich traue mir selbst nicht mehr. Ich habe ihn verletzt, und das gefällt mir nicht. Und wenn ich bleibe, werde ich nicht damit aufhören können. Also stürme ich aus dem Milkshake Club und die fünf Stockwerke nach oben und schmeiße mich mit meinem ganzen Gewicht gegen Teddys Tür. Wenn mir mein Dad keine Antworten geben kann, dann vielleicht jemand anderes.

Teddy öffnet so schnell die Tür, dass ich beinahe in sein Apartment falle. »Was machst du...«

»Ich will sie finden«, sage ich ihm. »Meine Mom.«

»Das ist aber ziemlich schnell eskaliert«, erwidert Teddy, der das Ausmaß meiner Millie-Laune direkt erkannt hat. »Bist du sicher?«

Diesmal bin ich es. Ich betrete sein Apartment, schiebe die Tür zu und strecke die Hand nach seinem Smartphone aus. »Was Amanda Seyfried kann, kann Millie Price schon lange.«

Kapitel 4

Am nächsten Morgen ist es im Apartment so still, dass ich mir vorkomme wie ein umherwandelnder Geist. Mein Dad ist bereits aufgebrochen, um seinen frühen Flug zu erwischen, Heather wird mindestens bis Mittag schlafen, und Teddy muss wahrscheinlich seinen Puffreis-Rausch ausschlafen. Es ist also niemand da, der mir sagen könnte, dass ich total verrückt geworden bin, als ich beschließe, noch vor dem Frühstück eine der großen Künstleragenturen aufzusuchen, um meine potenzielle Mom #1 ausfindig zu machen.

Da ich noch nicht beschlossen habe, wie meine nächste Millie-Phase aussehen wird, schlüpfe ich in eines meiner Vorsing-Kleider und Heathers Boots und stopfe einen Notizblock und einen Kugelschreiber in den Jutebeutel, den mein Dad bekommen hat, als er The New Yorker abonniert hat. Dann lege ich die zwanzig Blocks bis Check Plus Talent im Powerwalk zurück und nutze den Adrenalinrausch, um mich noch weiter von meinem behämmerten Vorhaben zu überzeugen.

Es ist wieder einer dieser unerträglich heißen Tage, sodass mir schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen, als mich der Wachmann in der Lobby träge hindurchwinkt und »Zehnter Stock« sagt, bevor ich überhaupt den Mund geöffnet habe. Wahrscheinlich denkt er, ich wäre eine »Künstlerin«. Dieses Kompliment trägt mich all die Treppen hinauf und direkt ins Wartezimmer.