Whisper In A Bottle - Brennende Welt - Any Cherubim - E-Book
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Whisper In A Bottle - Brennende Welt E-Book

Any Cherubim

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Beschreibung

»Nur wenn du selbst brennst, kannst du das Feuer kontrollieren und vielleicht einen Funken in anderen entfachen.«   Emily und Mad haben den Brandanschlag überlebt, doch für eine gemeinsame Zukunft scheint Mad nicht bereit zu sein. Er lässt den Deal mit Aiden platzen und besiegelt somit das Schicksal der Westham-Destillerie. Das Familienerbe zu verlieren, bedeutet für Emily auch, Tom endgültig loszulassen. Aber sie ist nicht bereit, die Entscheidungen, die andere für sie getroffen haben, zu akzeptieren und will kämpfen – um ihre Liebe zu Mad und um Toms Erinnerungen. Tapfer versucht sie, die Fäden in der Hand zu halten, bis sie in Mads Villa etwas entdeckt, das alles infrage stellt. Das rasante Finale des Zweiteilers "Whisper In A Bottle" von Erfolgsautorin Any Cherubim. Leserstimmen zu Band 1: "Hier ist Any Cherubim etwas Meisterhaftes gelungen. Der Plot ist hervorragend ausgetüftelt, sodass man das Buch wie im Rausch liest." "Fesselnd, spannend, sehr geheimnisvoll und mit viel Gefühl. Ein purer Lesegenuss und sehr empfehlenswert!" "Es ist immer wieder erstaunlich, wie Any Cherubim es schafft, so vieles in einem Buch unterzubringen - Spannung, Tiefe, Gefühl, Humor ..."

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Whisper In A Bottle

Band 2 – Brennende Welt

Any Cherubim

Prolog

Mad

Im Inneren der Bibliothek wütet das Feuer. Es tanzt bedrohlich, verschlingt Stoffe und Möbel, nichts und niemand ist vor ihm sicher. Auch mein Vater nicht. Seine Hand drückt sich an die Glasscheibe. Wie paralysiert starre ich auf seine verkohlte, undefinierbare Kleidung, die sich mit nackter Haut zu einer schwarzen Masse vereint hat. Dazwischen rotes, wulstiges Fleisch, das kocht und Blasen wirft und an mehreren Stellen aufgeplatzt ist. Ich sehe seine nässenden Wunden, Dampf, und schwarzverbranntes Haar, das wie feuchter Teer am Kopf klebt, seine Lippen, die wie bei einer schrecklichen Fratze nach hinten gezogen sind und die Sicht auf das Gebiss freigeben. Er ist grausam entstellt, unnatürlich und doch so vertraut. Ich blicke in seine Augen, die mich voller Entsetzen und gleichzeitig leer anstarren. Ich bin wie versteinert.

»Vater!« Mein eigenes Flüstern ist wie ein Donnerschlag …

Die Druckwelle reißt mich von den Füßen, und ich knalle auf den Steinboden. Schmerz schießt durch meinen Körper, es piepst in meinen Ohren, die Flammenzungen lodern aus dem Höllenloch, wo vorher noch mein Vater gestanden hat, und ich weiß, dass jede Hilfe zu spät kommt. Ich kann ihn nicht mehr sehen. Die Feuersbrunst hat ihn in Asche verwandelt. Überall ist Rauch, und ich muss husten. Es raubt mir den Atem, mein Blickfeld verschwimmt, und ich bin bereit, in die Dunkelheit hinabzugleiten, deren Flügel mich einhüllen und für immer in die Hölle aufnehmen.

Ich bin von allumfassender Schwärze umgeben, gefangen in der ewigen Unterwelt, wo nur Finsternis herrscht. Es ist kalt. Ich zittere, und mit jedem Atemzug entweichen kleine Dunstwolken. Mein Keuchen durchbricht die Stille. Und mit dem Wummern meines Herzens erfüllt es das Nichts, in dem ich mich befinde. Ich bin verdammt und ergebe mich meinem Schicksal.

Ich hebe meinen Blick, als ich in weiter Ferne ein Licht erkenne. Es ist nur ein heller Punkt, aber instinktiv weiß ich, dass ich dorthin laufen muss. Schwerfällig komme ich auf die Beine, ignoriere die Schmerzen in meinen Gliedern, die Kälte in den Knochen. Mit jedem Schritt wird die Lichtquelle größer, und ich frage mich, ob das der Himmel ist, der auf mich wartet. Ist das meine Erlösung, meine Rettung aus den Tiefen der Dunkelheit?

Ich gehe darauf zu, werde immer schneller und schöpfe neue Hoffnung. Pulsierende Energie erfasst mich, pumpt sich durch meine Adern, und mein Herz schlägt aufgeregt.

In einiger Entfernung halte ich inne und erkenne mein Elternhaus, das in Flammen steht. Ich sehe mich selbst, wie ich hilflos versuche, die Glasscheibe mit einem Gartenstuhl einzuwerfen, und den verbrannten Körper meines Vaters, bevor er zu Asche zerfällt. Plötzlich strömt schwarzer Rauch aus ihm, vereinigt sich zu einem Strom und kommt direkt auf mich zu. Vor mir sammelt sich der Qualm, umkreist mich, und ich höre die Schreie der Toten, die in ihm wohnen, ehe sich eine Gestalt daraus formt. Das Gesicht meines Vaters ist vom Feuer zerfressen. Verkohlte Fleischstücke hängen an seidenen Fäden, seine Augen liegen in dunklen Höhlen und starren mich vorwurfsvoll an. Ich kann durch seinen Körper hindurchsehen. Er ist nicht real, und doch spüre ich, wie große Macht von ihm ausgeht und er nach mir greifen will. Sofort weiche ich einen Schritt zurück.

»Vater?«

Sein Mund formt sich zu einem bösen Lächeln. »Du hast versagt, weil du kein McKinley bist, Maddox.«

Seine Stimme klingt dämonisch und fremd. Mit seinem stechenden Blick und der Kälte, die aus seinen Worten spricht, sieht er auf mich herab. Seine Macht greift nach mir und zieht mich in ihren Bann. Ich will mich ihm widersetzen, aber mit Leichtigkeit drängt er mich, zur lodernden Villa zu schauen.

Dort drüben stehe ich, keuche, ringe um Atem, als ich mit ansehe, wie er verbrennt. Er hat recht. Ich bin die Ursache des Übels. Ich habe versagt. Die Last auf meinen Schultern wiegt Tonnen, und das Gewicht zwingt mich in die Knie. Ich taumle, kann die Schuld gerade noch tragen und will ihn anflehen, mir zu verzeihen.

Er lacht höhnisch. Plötzlich verwandelt er sich, seine Züge verschwimmen, werden zarter und weiblicher. Die Gestalt hat mit einem Mal kurzes blondes Haar, und ich erkenne meine Mutter.

Unaufhaltsam laufen Tränen über ihre Wangen. In ihren Augen lese ich Schmerz und den stummen Vorwurf, ihr den Mann genommen zu haben. Ich bin ein Mörder, habe meinen eigenen Vater auf dem Gewissen. Das ist der Moment, als die Last mich auf die Knie zwingt. Ich sacke zu Boden, aber in meiner Verzweiflung strecke ich die Hand nach ihr aus, will auch sie um Verzeihung bitten, doch die Explosion in der Villa lenkt uns beide ab.

Wir schauen zu, wie mein Körper durch die Druckwelle von den Füßen gerissen wird und wie ich sterbe. Mom lacht, sieht darin meine gerechte Strafe. Bevor ihr Gesicht verschwimmt und ihre langen Schatten sich verwandeln, kommt ein gleißendes Licht auf mich zu, das den Strom aus Rauch zurückweichen lässt.

Ich kneife die Augen zusammen. Ein Strahlen geht von einem Engel aus, den ich erst jetzt erkenne. »Enna?«

Ihre Haut ist rosig, und in ihrem Gesicht liegt nichts als Güte. Sie hat dieses sanfte Lächeln, nach dem ich mich sehne.

Sie legt ihre Hand auf meine Wange. »Steh auf, Maddox. Lerne dein Chaos zu beherrschen. Nur wenn du selbst brennst, kannst du das Feuer kontrollieren und vielleicht einen Funken in anderen entfachen.«

Ich verstehe ihre Worte nicht, aber Hoffnung steigt in mir auf, und mit einem Mal kann ich mich trotz der Last aufrappeln.

»Komm mit mir, mein Junge.« Sie streckt mir ihre Hand entgegen, und ihre schwebende Erscheinung führt mich fort. Der Strom aus Rauch folgt uns,versucht mich zu fangen, doch von Enna geht etwas aus, das mich schützt und das ich nicht zu benennen vermag.

»Wohin?«

»Zurück, Mad. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.«

Sie bleibt stehen und deutet in die Ferne zu einem Lichtstrahl. Dort auf dem Boden liegt ein lebloser Frauenkörper. Die Erkenntnis trifft mich bis ins Mark. Emily. Sie ist auf der Seite der Finsternis, jenem Teil der Hölle, in dem auch ich gewesen bin. Tiefer, unendlicher Schmerz durchbohrt mein Herz in dem Augenblick, als ich erkenne, dass sie tot ist.

Kapitel 1

Mad

Mit einem gierigen Atemzug fülle ich meine Lungen und reiße erschrocken die Augen auf. Das Piepen einer Maschine und Tageslicht zerren mich aus der Bewusstlosigkeit, und im ersten Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Ich sehe kahle Wände, einen Apparat, aus dem Kabel und Schläuche zu meinem Körper führen, und eine Atemmaske, die mich mit einem zischenden Geräusch mit frischem Sauerstoff versorgt. Mein Schädel brummt, und ich habe Halsschmerzen.

Emily! Der Gedanke an sie holt mich endgültig aus der Benommenheit.

Eine zarte Berührung lenkt meine Aufmerksamkeit zur Seite des Bettes. Die Frau ist schön, wie immer etwas übernächtigt und hat gerötete Augen.

»Mom?«

»Du bist in Sicherheit, alles wird gut, Mad.«

Erleichtert und erschöpft sinke ich in die weichen Kissen. Sie weint, lächelt und hält meine Hand. »Gott sei Dank. Wir dachten schon, wir hätten dich verloren. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Sorgen ich mir gemacht habe.«

Ich will mich aufrichten, am liebsten aus dem Bett steigen, doch nicht nur Mom drückt mich zurück, sondern auch mein geschwächter Zustand. Kopfschmerzen stechen wie Nadeln bei jeder Bewegung, und das leise Brennen in meiner Lunge tut weh.

»Wo ist sie?«, frage ich durch die Maske. »Wo ist Emily?«

»Es geht ihr gut, Mad.«

»Ich will zu ihr.«

»Nein, noch nicht, du bist viel zu schwach. Sie liegt nur ein paar Zimmer weiter und wird versorgt. Sie erholt sich, genau wie du. Die Ärzte sind zuversichtlich. Oh Mad, um ein Haar hätten wir dich verloren.«

Sie lebt, schießt es mir durch den Kopf. Erleichterung befällt mich, und im Geiste rufe ich ihr Gesicht herbei. Ihr Lächeln wärmt mich, schenkt mir etwas Frieden, aber die Erinnerung daran, als wir im Feuer gefangen waren, sie verzweifelt ihre Hand nach mir ausgestreckt hat und ich ihr nicht helfen konnte, verengt meine Brust. Ich hätte es mir niemals verzeihen können, wenn sie es nicht geschafft hätte.

»Und der Club?«

»Er ist vollkommen abgebrannt. Die Feuerwehrleute konnten euch in letzter Minute aus den Flammen retten. Ihr hattet einen Schutzengel.«

Ich erinnere mich, dass ich aus dem Gefängnis freikam, im Angels Share ein wenig gefeiert habe und Emily am Ende im Vorratskeller vorfand. Ich schüttle die Erinnerung ab. »Was ist passiert?«

»Jemand hat Feuer im Angels Share gelegt. Es war Brandstiftung, Mad. Aber Genaueres wird noch untersucht. Wer in aller Welt tut uns so etwas an? Alec und dein Großvater haben mich über die Vorfälle in der Firma aufgeklärt.«

Ich denke an die Anschläge in der McKinley-Destillerie, die verschwundenen Macallan-Flaschen, an Hurleys Ermordung und den Brand im Club. An dem Abend haben wir meine Freilassung gefeiert. Erst als ich Emilys Wagen auf dem Parkplatz sah, wusste ich, dass sie noch hier sein musste. Ich fand sie im Keller, und nachdem sie mich verführt hat, entdeckte ich, dass die Metalltür abgeschlossen war. Jemand hat uns eingesperrt, Feuer gelegt und wollte uns umbringen.

»Mad, ich ertrage das nicht länger. Ich weiß nicht, in welchen Schwierigkeiten du steckst, aber das muss aufhören.« Mom starrt mich an, und ich höre ihren Vorwurf. Meine eigene Mutter glaubt, dass ich dafür verantwortlich bin. Haben das mein Großvater und Alec ihr eingeredet?

Ich starre zur Decke und verspüre den Drang, das Bett zu verlassen. Ich muss hier raus. Aber als ich die Atemmaske abziehe und mich aufzusetzen versuche, überkommt mich Schwindel, und ich fühle, wie geschwächt ich bin. Frustriert gebe ich auf. Blanker Hass wallt in mir auf, wenn ich daran denke, dass Emily hätte sterben können. Ich will herausfinden, wer hinter all diesen Anschlägen und Manipulationen steckt.

»Schlaf jetzt, Mad. Du musst gesund werden. Ich sehe später wieder nach dir.« Mom streicht liebevoll eine Haarsträhne aus meiner Stirn, küsst mich und verlässt leise das Zimmer.

Ich erwache und bin allein. Die Halsschmerzen haben ein wenig nachgelassen, und die Kopfschmerzen sind abgeklungen. Eine Schwester kommt herein, fummelt am Infusionsständer und lächelt. »Wie fühlen Sie sich?«

»Ganz okay.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein. Wann kann ich hier raus?«

»Das wird der Arzt entscheiden, aber erst mal müssen Sie Bettruhe halten. Ich lass Ihnen etwas zu essen bringen.« Sie geht aus dem Zimmer, und ich bleibe genervt zurück.

Ich schließe die Augen, und Emilys Gesicht taucht auf. Erleichtert, dass es ihr gutgeht, entspanne ich mich und muss bei der Erinnerung an sie schmunzeln. Die Hexe hat mich voll im Griff, meine Gedanken werden ausschließlich von ihr beherrscht. Ich stelle mir vor, wie ihre Brüste sich in meinen Händen angefühlt haben. Früher waren sie klein, jetzt sind sie geradezu perfekt. Dafür war ihr Hinterteil schon immer gut proportioniert, und die Art, wie sie ihr langes, braunes Haar über die Schultern warf, hat nicht nur mich verrückt gemacht. Ihr verführerischer Mund und das Bild, wie sie mich angebettelt hat, lassen mich hart werden. Verdammt!

Erneut werden meine Fantasien unterbrochen, als zwei Krankenschwestern hereinkommen. Ich stelle mich schlafend, in der Hoffnung, dass sie gleich wieder verschwinden.

»Ich glaube, du bist zu wählerisch, Tracy«, flüstert eine der beiden. »Du solltest Brad eine Chance geben. Gut, er ist nicht so attraktiv, aber er hat bestimmt andere Vorzüge.«

Etwas wird auf den Rollwagen neben meinem Bett abgestellt.

»Wenn Brad wenigstens so aussehen würde wie dieses Prachtexemplar hier, dann würde ich sofort Ja sagen«, erwidert die andere Stimme.

»Pst, nicht so laut. Wenn er dich hört.«

»Er schläft tief und fest. Das müssen ja wilde Träume sein«, tuschelt sie kichernd.

Mein Laken ist verrutscht, weshalb die Frauen freien Blick haben.

»Wow! Er ist ziemlich groß.«

»Wenn Brad so bestückt wäre, würde ihn niemand von der Bettkante schubsen.«

»Doch: Oberschwester Augusta.«

Sie prusten los, und ich fühle mich geschmeichelt.

»Schwester Tracy, Schwester Avery?« Eine frostige Stimme, die von der Tür zu hören ist, lässt sie verstummen. »Zimmer sieben und acht warten auf ihr Essen.«

»Jawohl, Oberschwester Augusta«, kommt es prompt aus ihren Mündern.

In der Hoffnung, wenigstens einen kurzen Blick auf die Krankenschwestern zu werfen, öffne ich die Augen, doch stattdessen ist da ein strenges und ausdrucksloses Gesicht direkt über mir. Fuck! Sofort erschlafft mein Penis und will sich ängstlich verkriechen. Erschrocken weiche ich tiefer in die Kissen.

Sie verzieht mürrisch den Mund, nimmt das Laken und deckt mich ordentlich zu. »Ich bin Oberschwester Augusta.«

»Hallo, ich bin Maddox McKinley.«

»Ich weiß, wer Sie sind. Ihr Essen steht bereit, eine Schwester holt das Tablett in fünfzehn Minuten ab. Auf meiner Station ist ab zwanzig Uhr Ruhe.« Sie hat eindeutig etwas von einem Feldwebel, der ein strenges Regiment führt. Ich war nie wählerisch, was Frauen betrifft, aber mit so einer hatte ich noch nie zu tun.

»Schön, Sie kennenzulernen«, antworte ich freundlich und ziehe das Laken weiter herauf. »Wann kann ich aufstehen?«

Sie kontrolliert den Medikamentenzugang in meinem Arm. Dabei sehe ich ihren leichten Bartschatten. Ihr Haar hat sie fest im Nacken zu einem Knoten gebunden, was sie autoritär wirken lässt. »Wenn der Arzt es Ihnen erlaubt. Essen Sie.«

Sie macht auf ihren orthopädischen Schuhen kehrt und verlässt das Zimmer, worauf ich erleichtert ausatme.

Ich schiele zum Tablett, und mein Magen knurrt, aber als ich den Deckel anhebe und die dünne Suppe und den Zwieback erkenne, vergeht mir der Appetit. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich an Conchitas Steaks denke. Ich muss hier raus.

Wie versprochen holt eine junge Krankenschwester das Geschirr nach fünfzehn Minuten ab. »Sie haben ja gar nichts gegessen.«

»Ich will ein Steak und würde alles für einen Whiskey geben«, murre ich.

Grinsend schaut sie zur Tür, um sich zu vergewissern, dass der Stationsdrache nicht mithört. »Ich weiß, dass das Essen hier keine Hausmannskost ist. Mit Steaks und Whiskey kann ich Ihnen leider nicht dienen.«

Sie lächelt mitfühlend.

»Wie heißen Sie?«

»Britney.«

»Ein schöner Name für eine hübsche Frau.«

Sie errötet. »Aber ich könnte in der Küche mal nachsehen, was ich finde.«

Ist das zu fassen! Sie flirtet mit mir.

»Wunderbar, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir feste Nahrung besorgen könnten.«

»Ich versuche es.«

Eine halbe Stunde später ist mein Magen mit Keksen, einem Apfel und ein paar Crackern gefüllt. Nicht gerade meine Lieblingsspeise.

Es dämmert bereits, als der Drache erneut hereinkommt. Mit einem Lächeln hält sie mir eine Bettpfanne vor die Nase. »Einfach klingeln, dann helfen wir Ihnen.«

»Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich …«

»Sie haben Bettruhe verordnet bekommen, Mr. McKinley. Natürlich werden Sie Ihr großes Geschäft hierein verrichten«, sagt sie streng. Ich kann mir nicht helfen, aber die Oberschwester genießt ihre Machtstellung. Wir taxieren einander.

»Ich bin ein Mann, der durchaus in der Lage ist, sich selbst darum zu kümmern. Ich werde definitiv nicht in eine Pfanne kacken. Ich will Sie nur davor bewahren, schwer tragen zu müssen.«

Sie hebt die Brauen, und ich bin mir nicht sicher, ob sie sich über meine direkte Art brüskiert oder weil ich ihr widerspreche. »Mr. McKinley, Sie brauchen sich nicht zu schämen, ich habe schon vieles gesehen in meinem Leben und –«

»Aber meines bestimmt nicht.«

Ihr Piepser unterbricht ihren Einwand. »Entschuldigen Sie mich, wir unterhalten uns noch.«

Eilig geht sie, und ich lehne mich grinsend in die Kissen.

Kaum ist die Tür zu, richte ich mich auf und verheddere mich mit den Kabeln. Ich befreie meinen Körper von den Elektroden und laufe auf wackligen Beinen einige Schritte. Langsam kehren meine Lebensgeister zurück, und ich schaffe es zur Tür.

Im Krankenhausflur ist alles ruhig. Auf einem Stuhl direkt vor meinem Zimmer entdecke ich Silent. Er hat den Kopf tief auf seine Brust gesenkt und hält mit verschränkten Armen ein Nickerchen. Wir sind wie Brüder, und so, wie ich ihn kenne, ist er nicht von meiner Seite gewichen, seit man mich ins Krankenhaus gebracht hat. Vorsichtig stupse ich ihn an. Silent zuckt zusammen, und als er mich erkennt, werden seine braunen, übernächtigten Augen groß.

»Heilige Scheiße«, entfährt es ihm, und er steht auf.

»Du siehst beschissen aus, mein Freund«, sage ich scherzend. Verdammt, ich liebe diesen Bastard.

»Hast du mal in den Spiegel geschaut, Boss?«, kontert er grinsend, und wir umarmen uns. Ich spüre die Waffe, die er in seiner Jacke versteckt, und weiß sofort, dass er hier Wache hält. Wie ein Schatten hat er mich schon immer beschützt, doch jetzt bemerke ich Sorge in seinem Blick, die ich so noch nie bei ihm gesehen habe.

»Was ist los? Ist etwas mit Emily?«

Er schüttelt den Kopf.

»Gut. Führ mich zu ihr und erzähl, was passiert ist«, bitte ich ihn.

Während wir langsam den Flur hinunterlaufen, bringt er mich auf den neusten Stand. Bisher wissen die Detectives nicht, wer Hurley ermordet hat, wer für die geplatzten Geschäfte, die verunreinigte Maische und den Ausfall der Abgasanlage im McKinley-Werk verantwortlich ist. Die Macallan-Flaschen sind nach wie vor verschwunden, und im Grunde weiß ich, dass viele Leute dafür infrage kommen. Im McKinley-Werk gibt es über sechshundertfünfzig Mitarbeiter, ich selbst beschäftige mehr als einhundertzwanzig, und selbstverständlich haben wir alle Feinde – Alec und Großvater genauso wie ich. Das riecht nach etwas Persönlichem und bedeutet, dass jeder Mensch, der mir nahesteht, in Gefahr sein könnte. Niemand ist mehr sicher.

»Schick ein paar Männer zu Ennas Haus. Sie sollen es rund um die Uhr bewachen.«

Silent nickt, während ich zu Emilys Krankenzimmer schaue. »Hast du was von Stan und dem Chip gehört?«

»Nein, nichts. Popcorn kümmert sich um die anderen Clubs.«

»Trotzdem muss ich so schnell wie möglich hier raus«, murmle ich.

»Etwa so?«, fragt Silent amüsiert und deutet auf mein dünnes Krankenhaushemdchen. »Ich besorg dir Kleidung«, lenkt er dann grinsend ein.

»Gut, ich schreibe dir, sobald du mich abholen kannst. Ach, und kein Wort zu niemandem. Ich muss mir einen Überblick verschaffen, wem ich noch vertrauen kann.«

»Klar, Boss.« Er lässt mich vor Emilys Zimmer allein und geht.

***

Ich öffne die Tür einen Spalt, und mein Blick fällt auf das wunderschöne Dornröschen, das schlafend im Bett liegt. Schuldgefühle wallen in mir auf, ohrfeigen mich für jeden vergifteten Atemzug, den sie genommen hat. Nie hätte ich mir verziehen, wenn sie im Feuer umgekommen wäre. Mein Herz zieht sich krampfhaft zusammen bei dem Gedanken.

Kurz zweifele ich an meinem Entschluss, aber ich darf nicht egoistisch sein. Ich habe keine andere Wahl. Was würde ich geben, um all den Mist in ihrem Leben ungeschehen zu machen. Ich werde dem Arschloch die Fresse zu Brei schlagen, sobald ich ihn gefunden habe. Dafür brauche ich allerdings Zeit und muss wissen, dass alle Menschen, die mir etwas bedeuten, in Sicherheit sind.

»Du? Was zum Teufel willst du hier?«, unterbricht Aiden meine Überlegungen. Ihn habe ich am Fenster nicht wahrgenommen. »Verschwinde, sie will dich nicht sehen«, faucht er mich leise an, stellt eine Tasse auf den Tablettwagen beim Bett ab und kommt auf mich zu.

»Ich muss wissen, wie es ihr geht«, erwidere ich ruhig und trete näher.

»Das fragst du noch? Sie liegt im Krankenhaus, wegen dir. Das Ganze wird ein Nachspiel haben. Diesmal bist du zu weit gegangen, McKinley.«

»Mad?«, hören wir sie schlaftrunken.

»Schlaf weiter, Schwesterchen. Er wird dich nicht länger belästigen, dafür sorge ich.« Erstaunlich, wie schnell Aidens Stimme sanft wird, sobald er mit ihr spricht. Er geht zu ihrem Bett und versucht sie vor mir abzuschirmen, aber da hat er die Rechnung ohne Emily gemacht.

»Mad.« Sie setzt sich auf. Als sich unsere Blicke treffen, streckt sie die Hand nach mir aus. Es tut gut, sie lächeln zu sehen.

Aiden lässt die Schultern hängen und tritt beiseite, ich laufe zu ihr und greife nach ihren Fingern. Sofort ist da dieses süße Gefühl, das mich mit ihr verbindet, und ich widerstehe dem Drang, sie zu küssen. Soweit ich das beurteilen kann, ist sie wohlauf, und ich entspanne mich. »Es tut mir leid, was passiert ist, Em.«

Sie schüttelt den Kopf. »Es ist nicht deine Schuld.«

»Oh bitte!«, mischt sich Aiden garstig ein. »Wir wissen alle, dass er dafür verantwortlich ist.«

»Halt die Klappe und hör auf zu motzen, Aiden«, fährt Emily ihm über den Mund, was ihn verstummen lässt. Immerhin hat sie ihren Biss nicht verloren. Ich schmunzle.

»Bist du übergeschnappt, Em? Hast du vergessen, was die McKinleys uns angetan haben? Du wurdest von Alec geschlagen, von Mad erpresst und wärst gestern beinahe in dem Feuer umgekommen. Nach alldem willst du dich doch nicht ernsthaft mit ihm abgeben? Herrgott noch mal, du wärst fast gestorben, Emily. Inzwischen solltest du kapiert haben, dass diese Familie gemeingefährlich ist.«

Ich runzle die Stirn. Was sagt er da? »Moment. Was hat Alec getan?«

Verdutzt schaue ich abwechselnd zu den Geschwistern.

»Tu nicht so, als würde dich das überraschen«, knurrt er mich an. »Dein Bruder hat meine Schwester angegriffen, sie grün und blau geschlagen. Er kann von Glück reden, dass wir die Polizei noch nicht eingeschaltet haben.«

»Aiden, ich kläre das«, unterbricht sie ihn streng.

»Ist das wahr, Emily?«, frage ich vorwurfsvoll.

Sie seufzt schwerfällig. »Aiden, lass uns bitte einen Moment allein.«

»Vergiss es«, wehrt er entschieden ab.

»Ich will mit Mad allein sprechen. Zieh Leine!«

Mit zorniger Miene erwidert er ihren Blick, fügt sich jedoch ihrem Wunsch und verlässt unter lautem Protest das Zimmer. »Aber ich lasse die Tür auf, nur zu deiner Sicherheit.«

Sie rollt mit den Augen.

Ich schiebe einen Stuhl heran und setze mich. »Was war da los, Em? Was hat mein Bruder getan?«

Sie nimmt meine Hand und berichtet von seinem Besuch, während ich hinter Gittern saß. Innerlich zermalme ich ihn wie eine Made. Von Wut berauscht kann ich es kaum erwarten, ihm meine Faust in sein dämliches Gesicht zu schlagen.

»Er war betrunken und bereut es sicher. Ich denke, wir haben im Augenblick größere Probleme. Der Mörder von Hurley ist irgendwo da draußen, und vielleicht steckt er auch hinter dem Brand.«

Jetzt kann ich Aidens Haltung mir gegenüber nachvollziehen.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich werde mich darum kümmern, versprochen.« Alec ist ein Idiot, manchmal ein echter Arsch. Hass kann vieles bewirken und verändern. Ich erinnere mich, wie er ihr die Schuld gab, dass er seine Footballkarriere an den Nagel hängen musste. Das konnte er nie überwinden. Auch wenn mein Großvater stets gegen eine Profikarriere war, war das damals Alecs großer Traum.

»Es wird alles gut werden«, verspreche ich und ziehe langsam meine Hand aus ihrer.

»Mad, ich …«, flüstert sie und sieht mir in die Augen. Ich weiche ihr aus, indem ich auf die Bettdecke starre und befürchte, dass sie mein Vorhaben erkennt. Es fällt mir schwer, ihr gleich wehzutun, aber es ist besser so.

Ich schaue sie an und suche nach den passenden Worten. Schon hundertmal habe ich kurzen Prozess mit den Weibern gemacht, und ich hatte nie ein Problem. Aber bei ihr ist das anders. Fuck! Ihre Augen funkeln, und sie spürt, wie ich auf Distanz gehe. »Hör mal, Emily, vielleicht sollten wir uns eine Weile nicht sehen. Wir hätten nicht …«

Sie wird misstrauisch und ahnt, was kommt. »Scheiße, Mad. Was tust du?«

»Etwas beenden, das ich gar nicht erst so weit hätte kommen lassen dürfen. Es war nett, aber mehr wird es zwischen uns nicht geben. Es ist besser für uns beide.«

Sie schluckt, und ich sehe den Schmerz in ihrem Gesicht. »Nett?«

Ich stoße den Atem aus, weil es mehr als nett war, es mich sogar eiskalt erwischt hat, aber das kann ich ihr nicht sagen.

»Du machst Schluss?« Ich senke den Blick und nicke. Sie keucht aufgebracht. Eisige Kälte vertreibt die Wärme in ihren Augen, und obwohl ich es liebe, wenn sie wütend ist, fühle ich mich jetzt wie ein räudiger Köter. »Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, lässt du mich wie deine anderen Weiber fallen?«, bricht es sauer aus ihr hervor.

Bedeutungslos zucke ich mit den Schultern. »So bin ich nun mal. Du hast das gewusst.« Sie wird zornig und macht es somit für uns beide leichter. »Es tut mir leid. Es ist besser, wenn wir es gleich beenden, bevor du dich zu sehr in mich verliebst.«

Sie hält inne, und ich sehe ihr an, wie es in ihrem hübschen Kopf arbeitet. »Du hast mich belogen und die ganze Zeit nur benutzt?«, sagt sie mit dünner Stimme, doch dann bricht der kleine Vulkan in ihr aus, den ich schon immer an ihr gemocht habe. »Du arrogantes Arschloch! Du bist wirklich das Letzte, McKinley. Du –«

»Du hast recht«, unterbreche ich ihren Wutanfall. »All das bin ich und noch so viel mehr. Es tut mir leid, aber glaub mir, es ist besser für uns beide.« Ich erhebe mich und laufe zur Tür, während sie leise etwas vor sich hinmurmelt.

»Wir sehen uns bei Gelegenheit«, schieße ich nach, und gerade kann ich mich noch ducken, bevor mich Aidens Tasse trifft. Sie fällt klirrend zu Boden. Es fliegen noch mehr Gegenstände, Flüche und Verwünschungen, was Aiden aufmerksam werden lässt.

»Was hast du getan?«, fragt er mich.

»Das, was man von mir erwartet. Viel Spaß, die kleine Furie gehört jetzt ganz dir.«

Kapitel 2

 

Emily

 

 

 

 

»Hier, die werden dir helfen«, meint Kim auf der Rückbank im Auto, als meine Cousinen mich vom Krankenhaus abholen. »Der Arzt hat gesagt, du sollst viel trinken und Halsbonbons lutschen.« Sie streckt die Packung nach vorn.

Obwohl der Brand nur wenige Tage zurückliegt, komme ich erstaunlich gut klar. Ich habe mit Albträumen, Panik- und Angstattacken gerechnet, aber all das bleibt aus. Vielleicht ist mein psychischer Zustand stabiler, als ich vermutet habe. Selbst meine innere Diva hat sich den Ruß und die Asche von den Schultern geklopft.

»Ich fasse nicht, dass er dich einfach so abserviert hat«, sagt Teach. Sie steuert den Wagen durch den dichten Verkehr, der in Elisabethtown nur zu Festivalzeiten ein solches Ausmaß annimmt.

»Die Eier sollte man ihm dafür abschneiden«, meint Kim vom Rücksitz. »Sei froh, dass du ihn los bist.«

Ich schweige, weil ich keine Lust habe, über ihn nachzudenken, doch wie so oft lassen meine Cousinen nicht locker.

»Es scheint dir mehr auszumachen, als du zugibst, oder?« Für einige Sekunden schaut Teach zu mir rüber.

»Ich bin nicht doof und weiß, dass er das nur aus einem Grund gemacht hat: Er glaubt, in seiner Nähe wäre ich in Gefahr.« Grübelnd knabbere ich am Daumennagel. Ich bin wütend und komme mir benutzt vor, weil er mich genauso mies wie seine anderen Weiber behandelt hat. Er hätte es definitiv verdient, wenn ihn die Teetasse am Kopf getroffen hätte. Warum hat er mir das alles nicht sagen können? Wir hätten eine Lösung gefunden. Jetzt fühle ich mich wie ein alter Stiefel, der ausgedient hat. Wobei der Vergleich hinkt, da wir uns nur einmal in der Brandnacht richtig nahe waren. Ich wollte noch mal mit ihm reden, musste aber feststellen, dass er das Krankenhaus sang- und klanglos verlassen hat.

»Es war zu erwarten, dass er dich irgendwann fallen lässt. Das macht er mit allen«, meint Kim.

»Halt an, Teach«, sage ich energisch, als wir durch die Einkaufsstraße fahren.

»Was?«

»Anhalten, bitte.«

»Ist dir etwa schlecht?« Teach ist völlig überrumpelt, aber sie bremst ab und fährt galant in eine große Parklücke.

»Nein, ich muss etwas besorgen.« Noch bevor Teach weiterfragen kann, steige ich aus und laufe einige Meter zu dem Laden zurück, den ich beim Vorbeifahren gesehen habe. Ob meine Cousinen es albern finden oder nicht, aber ich habe das Gefühl, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt als jetzt. Ich betrete den einzigen Esoterikladen in ganz Elisabethtown. Neben Reiki werden Buddhafiguren, Räucherstäbchen in allen Varianten und Aromen, Kerzen, Bücher, Duftlampen und tausend andere Dinge angeboten. Der Laden ist ziemlich vollgestopft mit allem möglichen Kram, und es riecht süßlich nach Marihuana. Bei der bunt gekleideten Verkäuferin frage ich nach einer Voodoopuppe, und der Spaß kostest mich stolze dreißig Dollar. Mit der Tüte in der Hand geht es mir schon deutlich besser. Nur wenige Minuten später komme ich zu meinen Cousinen zurück und steige zufrieden ein.

»Was hast du gekauft?«, will Kim neugierig wissen. Sie beugt sich vor, um einen Blick zu erhaschen.

»Nur etwas für meinen Seelenfrieden.«

Damit habe ich auch Teachs Aufmerksamkeit. »Und was?«

»Eine Voodoopuppe.«

Schweigen herrscht im Wageninneren, bis Teach und Kim gleichzeitig lachen. Auch ich muss schmunzeln.

»Wenigstens ist dein Humor nicht in den Flammen aufgegangen.« Kopfschüttelnd und immer noch kichernd startet Teach den Wagen und fädelt sich wieder in den Verkehr ein.

Kim greift nach der Tüte, lehnt sich zurück und betrachtet den Inhalt. »Du willst das Ding ernsthaft benutzen?«

»Du hast keine Ahnung, wie oft ich so eine Puppe hätte gebrauchen können.«

»Wann landet deine Mom?«, will Teach wissen.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. »In einer halben Stunde.«

»Dann gib Gummi, Teach. Sonst schaffst du es nicht rechtzeitig, sie vom Flughafen abzuholen.« Kim reicht mir die Tüte.

»Sag das den Trödlern vor uns«, murrt Teach und hupt. Mom war außer sich vor Sorge, als Aiden ihr von dem Brand erzählte. Selbst als ich ihr später am Telefon versicherte, dass es mir gutginge, ließ sie sich nicht davon abbringen, nach Elisabethtown zu fliegen.

»Übrigens, ich wollte mich noch bei euch bedanken, dass ihr Aiden und mir das Geld für die Standgebühr ausleiht. Sobald es eine Möglichkeit gibt, zahlen wir es euch sofort zurück.«

»Ich bitte dich, Em, das ist doch selbstverständlich. Vielmehr finde ich es sehr nett von den Carters, dass sie die Standmiete für das Holzhäuschen mit euch teilen«, bemerkt Kim.

Unsere Destillerie ist so abgebrannt, dass Aiden sich dieses Jahr den Messeauftritt nicht hätte leisten können. Er war daher ganz aus dem Häuschen, als Teach ihm die Nachricht überbrachte.

»Ja, das stimmt. Natürlich werde ich mich noch persönlich bei ihnen bedanken. Wie kam es überhaupt zu dem Angebot? Kennst du die Carters näher, Teach?«

»Ich unterrichte Matthew Carters Sohn Mike. Wir kamen beim Elternsprechtag ins Plaudern. Er erzählte mir, dass seine Geschwister und er die Carter-Destillerie erst vor drei Jahren gegründet haben. Damit die Kosten überschaubar bleiben, suchen sie andere Firmen, um sich die Standmiete zu teilen. Das ist für die kleinen und mittelständischen Unternehmen eine gute Alternative. Und da ich mitbekommen habe, dass Aiden dieses Jahr auf ein Holzhäuschen verzichten wollte, und ich aber weiß, dass die Firmenpräsenz auf dem Festival wirklich wichtig ist, dachte ich, ich frage mal nach.«

»Danke, das ist sehr lieb von dir.«

»Kein Problem, Em. Wir sind eine Familie und helfen uns.«

Zu Hause angekommen fährt Teach gleich weiter zum Flughafen, Kim bleibt bei mir, und gemeinsam warten wir auf meine Mom. Sie lässt mir Badewasser ein. Ich bin ungeduldig, den Schmutz des Feuers und den Krankenhausgeruch von mir abzuwaschen.

Leise stöhne ich auf, als das warme, duftende Wasser meinen Körper umspült, was meine Cousine, die am Wannenrand sitzt, zum Schmunzeln bringt.

»Kommst du mit dem neuen Handy klar?« Kim hat mir ein Telefon besorgt.

»Ja, danke. Die Kontakte habe ich schon eingepflegt und allen meine Nummer mitgeteilt.«

Sie lächelt und senkt den Blick. »Hör mal, Em, ich habe mir was überlegt. Aiden wird in den nächsten Tagen nicht viel Zeit haben. Vormittags wird er sich um die Probleme der Firma kümmern. So wie ich es verstanden habe, hat er mehrere Termine mit einem Insolvenzverwalter, und nachmittags wird er im Carter-Team bei den Spielen dabei sein.«

»Ja, ich weiß.«

»Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam Standdienst machen?«

Ich mustere sie. Kim will freiwillig am Stand versauern, während auf dem Festival das Leben tobt? Zumindest hat sie es früher gehasst, wenn mein Vater uns Mädels dazu verdonnert hat. Teach hat mir erzählt, dass sie seit dem Feuer im Angels Share ungewöhnlich still und nachdenklich ist. Hurleys Tod hat sie definitiv verändert, und ihr Vorschlag ist vielleicht ein Zeichen, dass sie Ablenkung braucht. Das ist gut und hilft ihr, über ihn hinwegzukommen. »Das ist die beste Idee seit Langem.«

Wir lächeln uns an.

»Teach wird, je nachdem, wann sie Schulschluss hat, auch kommen.«

»Ja, das hat sie mir gesagt«, erinnere ich mich und sehe sie forschend an. »Wie geht es dir, Kim?«

»Gut.« Sie weicht meinem Blick aus, und ich habe das Gefühl, dass sie etwas bedrückt.

»Bist du sicher?«

Sie lächelt gequält. »Ja.«

»Ich weiß, jetzt kannst du es dir nicht vorstellen, aber irgendwann wirst du jemand Neues kennenlernen und wieder lachen können. Hurley hätte sich das bestimmt gewünscht.«

Ihre Augen verraten mir, dass sie etwas auf dem Herzen hat. Ihre Pupillen bewegen sich schnell hin und her, sie scheint nachzudenken. »Em?«

»Ja, Liebes?«

Sie öffnet den Mund. »Ich überlege seit einiger Zeit, ob ich mir einen Job suchen soll. Ich meine, ich würde gern etwas tun, etwas, das mir Spaß macht.«

Ich werde hellhörig. »Und was?«

»Keine Ahnung, eventuell nehme ich einen Modeljob an.«

Interessiert setze ich mich auf. »Du hast ein Angebot? Von wem?«

»Von einer Agentur, die im Auftrag für einen Modedesigner Models für eine große Werbekampagne sucht. Ich habe mich dort vor ewigen Zeiten mal beworben und jetzt eine Anfrage erhalten.«

Ich bin erstaunt darüber und kann meine Freude nicht verbergen. Kim hat früher schon mal hier und da gemodelt, es aber nie ernster genommen. Vielleicht hat sie durch ihre Trauer das Bedürfnis, ihr Leben in die Hand zu nehmen. »Das ist ja wunderbar.« Ich strahle sie an, aber richtig glücklich sieht sie nicht aus. »Freust du dich denn nicht?«

»Doch, aber das würde bedeuten, dass ich länger fortgehe. Das Projekt könnte ein paar Monate dauern.«

»Weiß Teach davon?«

»Nein, niemand. Ich habe mich noch nicht entschieden.«

»Okay. Also, ich bin begeistert. Es lenkt dich ab, und wer weiß, wohin es dich führt. Viele junge Frauen träumen davon, als Model zu arbeiten, und du hast diese Chance. Es könnte dir definitiv guttun.«

»Stimmt, andererseits würde ich euch mit allen Problemen alleinlassen. Außerdem ist der Mörder noch nicht gefasst und …«

»Darüber mach dir keine Gedanken. Die Polizei wird ihn finden, und vielleicht ist es ganz gut, wenn du nicht hier bist. Welche Agentur ist denn das, und für welchen Modedesigner sollst du arbeiten?«

In dem Moment hören wir Teach, Aiden und Mom von unten.

»Deine Mom ist da. Ich sag ihr, dass du gleich fertig bist.« Eilig steht sie auf und geht hinaus. Mir kommt es fast wie eine Flucht vor, aber ich bin froh, dass Kim endlich nachdenkt, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Nach dem Bad fühle ich mich wieder wie ein Mensch. Der Schmutz ist von mir abgewaschen. Eingecremt, mit frischem und seidig glänzendem Haar verlasse ich das Badezimmer, als ich Mom entdecke.

»Emily?« Sie ist gerade angekommen, lässt ihre Taschen plumpsen und läuft mit Tränen in den Augen und weit geöffneten Armen auf mich zu.

»Mom!« Wir fallen einander innig um den Hals.

»Gott! Kind! Ich habe mir solche Sorgen gemacht.« Sie mustert mich, schaut mich von Kopf bis Fuß an, um sich zu überzeugen, dass mir wirklich nichts fehlt. Dann sieht sie mich an. »Ich denke, ihr müsst mir jetzt endlich die Wahrheit sagen.«

Ich presse die Lippen aufeinander und schiele zu Aiden und Teach, die im Türrahmen stehen.

»Willst du dich nicht lieber ausruhen?«, versuche ich Zeit zu schinden, worauf Mom warnend eine Braue hochzieht. »Schon gut. Es wird dir aber nicht gefallen.«

»Es kann kaum schlimmer sein als die Nachricht, dass meine Tochter beinahe bei einem Brand ums Leben gekommen wäre, oder?« Sie dreht sich zu Aiden. »Teach, könnt ihr Kaffee machen? Ich denke, wir sollten alles im Salon besprechen.«

»Natürlich, Tante Kendra.«

Eine halbe Stunde später sitzen wir alle im Salon und haben ihr das Desaster mit der Westham-Destillerie so schonend wie möglich beigebracht. Von den früheren finanziellen Schwierigkeiten hat sie bereits gewusst, aber sie kannte nicht das ganze Ausmaß. Gleich zu Beginn ihrer Ankunft ist ihr aufgefallen, dass einige Einrichtungsgegenstände fehlen, aber mit der aktuellen Situation hat sie nicht gerechnet. Schlimmer war für sie zu erfahren, dass ihr Sohn sich strafbar gemacht hat, weil er Firmengelder veruntreut hat. Ich ergänze Aidens Bericht, dass Maddox McKinley den fehlenden Betrag zwar beglichen, aber einen Deal eingefordert hat. Mom ist fassungslos und den Tränen nahe, als Aiden sie einen Blick in die Unterlagen werfen lässt, und sie begreift, dass uns nur ein Wunder retten kann.

»Dann müssen wir Maddox McKinley sogar dankbar sein, dass er das Geld aufgebracht und dich nicht verraten hat«, sagt sie, als sie über alle wichtigen Dinge im Bilde ist.

»Dankbar?«, begehrt Aiden unwirsch auf. »Er erpresst mich, hat mich in der Hand, Mom, und ich werde ihm sicherlich nicht die Füße küssen.«

»Hör auf zu jammern, Aiden. Das verlangt ja niemand«, mische ich mich ein.

»Pf …«, zischt er abfällig. »Tut mir leid, Em, aber wenn du erwartest, dass ich dir meinen Segen gebe, hast du dich geschnitten.«

Verwundert schaut Mom zwischen ihm und mir hin und her. »Segen? Was meinst du damit?«

Ich senke den Blick, dafür ist mein Bruder ganz versessen darauf, sie aufzuklären. »Emily ist eine Verräterin.«

»Aiden!«, ermahnt ihn Mom.

»Vielleicht wechselt sie ja die Seiten. Sie hat eine Affäre mit ihm. Obwohl sie weiß, dass …« Er bricht ab, als ihm Judy und Mads Verhältnis auf den Lippen liegt. Das hat er nur mir anvertraut, und offensichtlich bringt er es nicht fertig, es unserer Mutter zu sagen.

Mom schaut mich mit großen Augen an, aber ich sehe darin keine Kritik, sondern Überraschung. »Ist das wahr?«

Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf, die ich erklären könnte, aber Aiden würde alles infrage stellen und hat keine Ahnung davon, was ich inzwischen über Mad weiß und mit ihm erlebt habe.

»Eigentlich ist Mad ganz in Ordnung, Tante Kendra«, versucht Teach mich zu unterstützen.

»Bis auf die Tatsache, dass er gleich Schluss mit ihr gemacht hat, nachdem sie eine Nacht mit ihm verbrachte«, erwidert Kim.

Muss Kim das nun ausgerechnet vor meiner Mom so ausbreiten?

»Halt die Klappe«, fährt Teach ihrer Zwillingsschwester über den Mund.

»Aber es ist die Wahrheit«, protestiert sie. »Er ist nicht gut für sie. Und sie ist in seiner Nähe in Gefahr.«

»Was soll das, Kim? Du weißt, dass er nichts dafür kann.«

»Mädels, hört auf zu streiten. Das bringt uns jetzt auch nicht weiter.«

Bevor es zu weiteren Diskussionen kommt, erhebe ich mich. »Wir sollten uns lieber um die Probleme unserer Destillerie und das Festival kümmern. Es gibt jede Menge zu erledigen.«

Aiden und Mom ziehen sich in Dads altes Arbeitszimmer zurück, sodass Kim, Teach und ich uns kurz absprechen, was wir für unsere Standhälfte organisieren müssen. Aiden hat kein Wort mehr mit mir gesprochen, was mir ganz recht ist. Zum Glück hat die Westham Distillery in den vergangenen Jahren einen guten Vorrat an Probefläschchen, Prospektmaterial und kleinen Giveaways aufbewahrt, den wir jetzt nutzen können. Nachdem ich meine Cousinen verabschiedet habe, rufe ich die Carters an. Tim Carter ist wirklich nett. Er schlägt vor, dass ich gegen Vormittag zum Festivalgelände kommen soll, er und seine Brüder würden den Aufbau übernehmen.

 

***

 

Als ich mich an diesem Abend endlich in mein Zimmer zurückziehen kann, führt mich mein erster Weg zu meinem Handy. Ich bin enttäuscht, dass Mad mir keine Nachricht hinterlassen hat. Ich stehe am Fenster und starre in die Dunkelheit. Viel ist in den letzten Tagen und Wochen geschehen, und mein Leben hat sich vollkommen verändert. Von der Karrierefrau, die ich in New York werden wollte, ist nichts übrig, und ich frage mich, wie es jetzt, nachdem ich sogar mein Herz an einen Macho verloren habe, weitergehen soll.

Es ist nicht die Tatsache, dass Mad Schluss gemacht hat, sondern vielmehr die Art, wie er es tat. Das hat mich verletzt. Er hat mich behandelt wie eine seiner Tussis. Ich bin mir sicher, dass all die Dinge, die er mir in unserer gemeinsamen Zeit anvertraut und gebeichtet hat, der Wahrheit entsprechen. Schon klar, dass er mich vor der drohenden Gefahr schützen will, aber dafür hätte er nicht so ein Arsch sein müssen, sondern es einfach erklären können. Außerdem weiß ich nicht, wie es jetzt mit dem Deal, den er mit Aiden abgeschlossen hat, weitergeht. Hat sich das nun auch erledigt, oder will er immer noch, dass ich für ihn putze oder die Bardame in einem anderen Club spiele?

Trotz allem stehe ich hier und denke an ihn, bin wütend und vermisse ihn. Meine innere Diva sieht mich mitleidig an, weil sie meinen Herzschmerz wahrnimmt. Sie kann Mads Entscheidung nachvollziehen. Die Sache ist ernst, dennoch sollte ich ihm klarmachen, dass Vertrauen etwas ist, das auf Gegenseitigkeit beruht.

Angestachelt von der Enttäuschung und einer Menge Gefühle, die ich nicht einordnen kann, schleiche ich mich hinaus, steige in Dads alten Wagen und fahre zu Mads Villa, auch wenn ich mich in Gefahr begebe und zu Hause bleiben sollte. Ich weiß, dass Mom von mir eine Erklärung haben will, aber das muss warten. Heute Abend muss ich dringend einiges loswerden, sonst platze ich.

Aus Mads Garage ist Musik zu hören. Ich laufe um das Gebäude, schiebe das Tor ein Stück auf und spähe hinein. Silent bemerkt mich sofort und stemmt sich mit den Armen an einer offenen Motorhaube ab. Er trägt ein verschmutztes Unterhemd, seine Beanie, und aus der hinteren Hosentasche lugt ein Schraubenschlüssel heraus. Einen weiteren Mann, dessen Beine unter dem Auto hervorragen, erkenne ich nicht. Aber ich schätze, es ist Milow. Meistens schrauben die beiden gemeinsam.

»Hey, ist Mad da?«

Silent nickt mir zu, und wie erwartet schiebt Milow sich unter dem Wagen hervor. Sein Gesicht ist ganz schmutzig. »Hi Emily. Ich weiß nicht, wo er ist.«

»Probleme?«, fragt Silent in seinem typisch rauen Ton.

»Nein, es ist alles in Ordnung. Ich will nur mit ihm reden.«

Ohne eine Erwiderung wendet er sich wieder dem Wagen zu. »Geh nach Hause, Emily. Du solltest nicht hier sein.«

»Genau, und schon gar nicht allein«, ergänzt Milow.

»Ich muss aber mit ihm reden. Ist er in einem seiner Clubs?«

Silent richtet sich auf, wischt sich die schmutzigen Hände an einem Lumpen ab und wirft ihn über seine Schulter. Mit seinen dunklen Augen sieht er mich eindringlich an. »Geh. Nach. Hause. Em.«

Für einen kurzen Moment freue ich mich, denn so viel hat Silent noch nie mit mir gesprochen und mich schon gar nicht bei meinem Spitznamen genannt.

»Wo. Ist. Er?«, frage ich mit dem gleichen Nachdruck.

Bestimmt glaubt er, ich bin eine der Frauen, die nicht lockerlassen können und Mad heulend nachlaufen, nachdem er Schluss gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, wie nervig das sein muss, aber das ist mir schnuppe.

»Wenn du mir nicht sagst, wo er ist, dann pfeife ich auf die Gefahr und werde alle seine Clubs abklappern, bis ich ihn gefunden habe«, flüstere ich drohend, und sofort habe ich Silent in die Enge getrieben. Böse blickt er auf mich herab, sieht zu Milow, der auch nicht weiß, was er darauf antworten soll, und wendet sich wieder mir zu.

»Ich sage ihm, dass du ihn sehen willst«, murrt Silent und glaubt, mich damit zufriedenzustellen.

Ich verschränke die Arme und lasse nicht locker. »Wo, Silent?«

Er schnauft, tritt von einem Bein aufs andere und reibt sich mit den Fingern durch seinen Bart. Es dauert, aber schließlich verrät er es. »Bei Enna.«

»Geht doch. Danke«, säusele ich zuckersüß und mache mich sofort auf den Weg.

Als ich bei Ennas Haus ankomme, brennt Licht, und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich klingeln und Mad eine Szene machen soll. Ich ermahne mich, ruhig zu bleiben, ein vernünftiges Gespräch mit ihm zu suchen und meinen Standpunkt klar dazulegen. Ich muss es wenigstens loswerden.

Langsam bewegt sich mein Finger zur Klingel, ich will den Knopf drücken, da öffnet Alma mit einer Gießkanne in der Hand die Tür. Sie zuckt kurz erschrocken zusammen. Im ersten Moment versucht sie mich einzuordnen. »Emily?«

Unsicher lächle ich. »Ja, Emily Westham. Bitte entschuldigen Sie die Störung.«

»Du störst doch nicht, komm herein, meine Liebe.« Ehe ich etwas erwidern kann, zieht sie mich in den Flur. »Wir freuen uns immer, wenn jemand zu Besuch kommt.« Sie stellt die Kanne auf einen kleinen Schemel ab.

»Eigentlich will ich zu Mad. Ist er da?« Vorsichtig werfe ich einen Blick zu den anderen Zimmern, aber die Türen sind alle geschlossen.

»Mad? Nein, der ist vor wenigen Minuten gegangen.«

Mist! Hat ihn etwa Silent vor mir gewarnt? Jetzt komme ich mir dämlich vor.

»Wenn du schon mal da bist, kannst du gern bleiben. Sie hat Fieber, und ich bin froh, wenn noch jemand bei ihr ist.« Sie merkt, dass ich geneigt bin zu verneinen. »Ich habe Muffins gebacken«, fügt sie lächelnd hinzu, was ich als süß verpackte Bestechung auffasse. Das Angebot klingt verlockend, und als ich in ihrem Gesicht den Drang nach Gesellschaft erkenne, wird mir klar, dass die Krankenschwester, die auch Ennas Freundin ist, einsam sein muss. Es ist bestimmt schwierig, den ganzen Tag Enna und das Haus zu versorgen. Es ist ein Fulltime-Job.

Was Mad betrifft, sieht alles danach aus, dass er vor mir geflohen ist. »Na gut.«

Alma strahlt. »Soll ich dir einen Tee machen?«

»Gern.« Sie führt mich zu Ennas Tür und öffnet sie für mich. »Geh nur, sie ist ein wenig unruhig.«

»Ist gut.« Leise trete ich ein. Genau wie beim ersten Mal liegt die alte Dame im Bett und hat die Augen geschlossen. Sie hängt an einem Tropf, unzählige Medikamente stehen auf einem Nachttisch, auch eine Schüssel mit Wasser und einem Waschlappen. Ich beobachte Mads früheres Kindermädchen. Enna hat körperlich noch mehr abgebaut, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Ihre Brust hebt und senkt sich unregelmäßig, ihre Stirn ist mit Schweißperlen benetzt, und sie bewegt stumm ihre Lippen.

Unsicher werfe ich einen Blick zu Alma, aber sie erkennt meine Sorgen. »Wir haben ihr, bevor Maddox gegangen ist, etwas gegen das Fieber gegeben, es wird bald sinken. Meinst du, ich kann dich kurz alleinlassen? Ich setze Teewasser auf. Erzähl ihr irgendwas. Sie spürt, wenn jemand da ist.«

»Natürlich.«

Als Alma geht, greife ich zum Waschlappen, wringe ihn aus und tupfe den Schweiß von Ennas Stirn.

»Alles wird gut«, murmele ich leise und wische behutsam über ihre Wangen und ihr Dekolleté. Ich nehme ihre Hand in meine, streichle ihren blassen Handrücken und setze mich auf den Stuhl, der neben ihrem Bett steht.

»Nein …«, nuschelt sie wie abwesend, reißt aber sogleich die Augen auf. Ihr Blick ist vom Fieber glasig, und sie wirkt orientierungslos.

»Sch … Alles wird gut, Enna. Sie sind zu Hause«, versuche ich sie zu beruhigen. Sie scheint mit offenen Augen zu träumen, was ich früher als Kind auch oft getan habe, wenn ich krank war.

Sie dreht ihren Kopf und folgt meiner Stimme. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich wach ist oder weiß, wer ich bin. Sie zittert, und ihre Pupillen wandern über mein Gesicht. »Emily …«

»Ja, richtig«, sage ich erfreut. »Sie erinnern sich an mich. Alma hat Ihnen etwas gegen das Fieber gegeben. Es wird Ihnen bald besser gehen.«

In ihrem Fieberwahn beginnt sie wirre Sachen zu flüstern, die ich nicht verstehe. Ich beuge mich zu ihr vor, und ihre Finger in meiner Hand verkrampfen sich. Fest drückt sie zu.

»Du wirst ihn nicht finden … Niemand wird das.«

Ich runzle die Stirn. »Wen werde ich nicht finden?«

Einen Moment schweigt sie und atmet schwer.

Kurz werfe ich einen Blick zur Tür und hoffe, dass Alma bald wiederkommt.

»Tom«, sagt sie plötzlich klar und deutlich.

Ich erstarre, zerre an meinem Verstand und überlege, ob ich mich verhört habe. »Wie bitte?«

Ich halte die Luft an.

»Der Bluegrass Forest … Er hat ihn … Die gelben Schuhe … Atme, Tom, atme!« Enna schnauft schwer, und ihr Kopf ruht wieder in den Kissen. Seufzend sinkt sie in einen Schlummer, während ich mit offenem Mund dasitze und verzweifelt zu kapieren versuche, was sie gesagt hat.

Ein eiskalter Schauer fährt mir den Rücken hinunter, und ich starre entsetzt auf den schlafenden Körper der alten Frau. Es ist absolut still im Zimmer, doch in mir höre ich tausendfach ihre Stimme. ›Der Bluegrass Forest … Er hat ihn … Die gelben Schuhe …Atme, Tom, atme!‹

Sekunden vergehen, und in mir bricht ein Gedankensturm los. Wie ist das möglich? Gerade hat sie mich noch erkannt! Sie hat meinen Namen gesagt, als sie mich ansah. Sie hat den Bluegrass Forest erwähnt, doch wen meinte sie mit ›er‹?

Alte Panik greift nach mir, als sich die Bilder von damals in mein Sichtfeld schieben.

 

Emily, 16 Jahre

 

Eben haben noch die Vögel gezwitschert, und der Wind hat in den Baumwipfeln geraschelt, doch mit einem Mal ist es totenstill. Hektisch lasse ich meinen Blick über die Bäume schweifen, über das Grün der Büsche und suche verzweifelt das leuchtende Rot von Toms T-Shirt. Ich höre meinen Atem und spüre, wie eine eiskalte Faust nach meinem Herzen greift und es zusammendrückt – Angst.

Meine Nackenhaare stellen sich auf, mein Puls rast, und gleichzeitig nehme ich etwas hinter mir wahr. Instinktiv weiß ich, dass es nicht Tom ist, wenn ich mich umdrehe. Ich schlucke und reiße mich zusammen. Atme, Emily, atme …

Langsam drehe ich mich um, vernehme ein Schnaufen, erkenne Beine, ein Shirt, einen Hals und schließlich …

Plötzlich dröhnt ein scharfer Schmerz auf, mein Blick verschwimmt. Ich fasse an die pulsierende, brennende Stelle am Kopf, fühle etwas Feuchtes – eine offene Wunde. Tom! Tom! Übelkeit kriecht in mir hoch, und mein Sichtfeld wankt, meine Beine geben nach, und bevor die Schwärze mich einhüllt, sehe ich etwas Gelbes. Gelbe Männerschuhe.