Wieder da - Rike Adam - E-Book

Wieder da E-Book

Rike Adam

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Beschreibung

Der Adventskalender für alle, die sich gerne gruseln: Aus einer Freundschaft wird unversehens ein Fluch. Je verzweifelter die junge Tessa Born versucht, der geheimnisvollen, allgegenwärtigen Ex-Freundin zu entkommen, desto tiefer verstrickt sie sich in einen bedrohlichen, skurrilen Alptraum, der schließlich jede Gewissheit in Frage stellt und aus dem es kein Entkommen gibt. Ein schauriges Kapitel für jeden dunklen vorweihnachtlichen Abend!

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2018

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In Liebe für Lynn

Inhaltsverzeichnis

Türchen Nr. 1: Prolog

Türchen Nr. 2: Die Maibowlenparty

Türchen Nr. 3: Ein Lied am Klavier

Türchen Nr. 4: Die innere Wüste

Türchen Nr. 5: Ein Gespräch im Nieselregen

Türchen Nr. 6: Das Mädchen auf dem Friedhof

Türchen Nr. 7: Die Nachfahren des Grafen Vlad Dracula

Türchen Nr. 8: Das Ende einer Freundschaft

Türchen Nr. 9: Ins kalte Wasser springen

Türchen Nr. 10: Simsalabim

Türchen Nr. 11: Im Keller

Türchen Nr. 12: Polizeieinsatz

Türchen Nr. 13: Der Schlüssel

Türchen Nr. 14: Die Dame mit Hut

Türchen Nr. 15: Auf der A7

Türchen Nr. 16: Bernie, der Nerd

Türchen Nr. 17: Ein Abend im November

Türchen Nr. 18: Dinner bei Kerzenschein

Türchen Nr. 19: Der Tod und das Leben

Türchen Nr. 20: Hort des Vergessens

Türchen Nr. 21: Die Hütte im Schnee

Türchen Nr. 22: Das fünfte Rad

Türchen Nr. 23: Entscheidung am Bootssteg

Türchen Nr. 24: Epilog

Türchen Nr. 1

Prolog

Hannover, Herbst 2005

„Wo sind eigentlich meine alten Puppen hin?“, fragte ich meine Mutter eines Nachmittags. Ich war zwölf. Es war ein verregneter Sommertag. Mir war langweilig.

„Auf dem Dachboden“, erklärte meine Mutter freundlich. „In einer Kiste. Genau wie all das andere Spielzeug, das zu schade für den Müll ist.“

„Im Ernst?“, fragte ich befremdet.

„Wollen wir sie noch einmal herunterholen?“, schlug meine Mutter vor, die immer erpicht darauf war, mich irgendwie zu beschäftigen.

„Igitt, nein“, wehrte ich hastig ab. Die Vorstellung, abgelegte, verstaubte Puppen aus einer Kiste zu ziehen, fand ich abstoßend. Zugleich überkam mich auch ein unbestimmtes schlechtes Gewissen. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, die Puppen aussortiert zu haben. Für einen Augenblick sah ich sie vor mir, wie sie lieblos durcheinandergewürfelt ihr sinnloses Dasein in einer Kiste fristeten, fertiggeliebt und überflüssig.

Zum Glück konnte ich meine Mutter überreden, mit mir schwimmen zu gehen. Sie saß schicksalsergeben mit einem aufgespannten Regenschirm auf einer der Freibadbänke und sah mir zu, wie ich durch das menschenleere Becken tobte und mir dabei den Regen ins Gesicht prasseln ließ. Es gab definitiv kein Wetter, das mich vom Schwimmen abhalten konnte. Außerdem war es normalerweise die beste Garantie dafür, abends müde ins Bett zu fallen und friedlich zu schlafen – nur leider war dies in dieser Nacht nicht der Fall. Nein, nicht in dieser Nacht…

Plötzlich, wie aus dem Nichts, aus tiefen Schlaf heraus: Schritte. Direkt über mir. Über meinem Zimmer, wo nur noch der Dachboden war. Schritte auf dem Dachboden. Um diese Zeit? Mitten in der Nacht?

Hellwach schreckte ich hoch und starrte laut atmend an die Zimmerdecke, bis etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Etwas, was ich im Augenwinkel schemenhaft wahrnahm, etwas, was dort nicht hätte sein dürfen. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite, senkte den Blick um und - da war sie: eine meiner Puppen stand neben meinem Bett, zum Greifen nah, groß wie ein Kind. Ihre Kunstlocken waren verfilzt und spinnwebverhangen, ein Riss ging quer durch ihr Plastikgesicht wie eine klaffende Wunde. Mit ihrem ewigen Puppen-Lächeln auf den starren Lippen flüsterte sie: „Hallo. Mami. Dein Baby ist wieder da.“

Ich schrie noch, als mein Vater meine Zimmertür aufriss, hereingeeilt kam und das Licht anmachte. Er nahm mich in den Arm. Ich schob meine Stirn in seinen dichten Vollbart und war nicht zu beruhigen, bis er sich bereit erklärte, neben mir liegen zu bleiben und zwar die ganze Nacht. Ich drückte mein Gesicht an seine Schulter.

„Ich bin hier, Tessa“, murmelte er immer wieder. „Dir kann also gar nichts geschehen. An mir kommen nicht einmal böse Träume vorbei.“

Türchen Nr. 2

Die Maibowlenparty

Hannover, Mai 2014

Niemand mochte Insa Albu.

Ich wusste das.

Selbst Celine schüttelte gelegentlich den Kopf und fragte mich: “Was findest du nur an dieser Frau, Tessa? Echt jetzt, niemand kann was mit ihr anfangen. Ich selber bekomme – ganz ehrlich – schon von ihrem Anblick eine Gänsehaut.“

Nun, ich konnte die rotblondgelockte Celine gut leiden. Sie war lustig, unkompliziert und gesellig. Also genau das Gegenteil von Insa Albu.

Insa jedoch war damals, am Anfang des zweiten Studiensemesters, meine beste Freundin. Dafür hatte ich meine Gründe. Es waren Gründe, die ich nicht unbedingt jedem auf die Nase band, nicht einmal Celine, obwohl ich mich gerne mal in der Cafeteria zu ihr und ihrer kleinen fröhlichen Truppe setzte. Sie war immer umgeben von drei, vier Freundinnen, die alle unterschiedlich gefärbte Haare hatten, von rot-orange bis violett. Gemeinsam sahen ihre Köpfe aus wie ein Sonnenuntergang. Das lauteste Gelächter, das durch die Cafeteria klang, kam immer von ihrem Tisch.

Insa lachte nie. Ihr Äußeres war farblos, ihre Augen schmal und lichtgrau, ihre Stirn ungewöhnlich hoch und das dünne strähnige Haar so blond, dass es fast weiß erschien. Wirklich befremdlich war ihr Lächeln. Sie zog die Lippen auseinander, zeigte ihre Zähne, was bei ihr wie eine Grimasse wirkte, wie die missglückte Vorstellung eines schlechten Clowns. Zum Glück zog sie es vor, eher missmutig in die Welt zu blicken. Zudem hatte sie ein Talent dafür, andere vor den Kopf zu stoßen. Entsprechend wenig Sympathie brachten die Kommilitonen ihr entgegen, was sie mit Gelassenheit ertrug. Das einzige Wichtige schien für sie die Freundschaft mit mir zu sein.

So jedenfalls kam es mir vor.

Für eine Weile.

Unsere Freundschaft folgte klaren Regeln. In erster Linie half Insa mir, durch das Studium zu kommen. Mit ihr gemeinsam waren die Hausarbeiten im ersten Semester ein Kinderspiel, die Referate ein Spaziergang gewesen. Sie kannte sich aus. Sie wusste immer Bescheid. Über alles. Dabei gab sie mir niemals das Gefühl, sie auszunutzen, im Gegenteil: sie war ungeheuer dankbar für diese Freundschaft. Ständig hatte sie Geschenke für mich, Aufmerksamkeiten, machte mir Komplimente, dabei war ich in diesem Studium in Wirklichkeit ein hoffnungsloser Fall. Geschichte studieren – ausgerechnet ich! Die Idee stammte natürlich von meiner Mutter, die ihrerseits eine Historikerin zur Freundin hatte. Diese fürchterliche alte Schachtel namens Dr. Schramm unterrichtete noch dazu an unserer Universität. Wie naheliegend, die einzige Tochter– nämlich mich - bei der Freundin studieren zu lassen! Zum Glück hatte die Professorin gerade ein Forschungssemester, und ich lief nicht Gefahr, in eine ihrer Vorlesungen zu geraten.

Insa jedenfalls war in diesem Studium meine Rettung.

„Du musst nur durchhalten“, riet sie mir immer wieder, „einfach durchhalten. Dann machen wir zusammen den Abschluss, Tessa, und schreiben gemeinsam Bücher, mit denen wir berühmt werden.“

Wenn Insa so etwas sagte, klang es ganz einfach.

Die zweite wichtige Grundlage für unsere Freundschaft waren die Gespräche über meinen Vater. Kurz nach meinem sechszehnten Geburtstag war mein Papa verunglückt. Kein Mädchen sollte in diesem Alter seinen Vater verlieren. Meiner war Förster gewesen, hatte den Wald geliebt, die Berge, Schluchten und Täler, Gipfel und Anhöhen, er hatte mir die Welt gezeigt, war mit mir gewandert, geklettert und in versteckte Seen gesprungen, hatte das Unterholz mit mir durchstreift. Jeder Tag - ein Abenteuer!

Bei seinem Hang zum Extremsport, zum Freeclimbing, zum Bezwingen vereister Felsen war ich ihm jedoch nicht gefolgt, sonst wäre ich wohl mit ihm gemeinsam in jene Gletscherspalte hinabgestürzt, aus der es kein Entkommen gab.

Verlassen von ihm - musste ich meine Rettungsschwimmerabzeichen ablegen, ohne von ihm angefeuert zu werden, ich musste mit dem pickeligen Nachbarjungen beim Abschlussball tanzen und beim Vater-Tochter-Walzer sitzen bleiben; nur meine Mutter bejubelte mein Abiturzeugnis, durch die Wälder streifte ich fortan allein. Aber Trauer war – so musste ich feststellen - nur eine gewisse Zeit erlaubt. „Meine kleine Tessa“, so klang die Ansprache meiner Mutter, wenn ich ihr mein Leid zu klagen wagte. „Das ist jetzt so viele Jahre her, dass dein Vater gestorben ist. Du bist jung. Du bist gesund. Lebe dein Leben, genieß deine Jugend.“

So viele Jahre. Sie hatte keine Ahnung. Ich hörte auf mit ihr zu reden. Ich vertraute ihr überhaupt so wenig wie möglich an. Nicht einmal von den unerklärlichen Geräuschen auf dem Dachboden, die mich immer wieder in unregelmäßigen Abständen peinigten, erzählte ich ihr, obwohl es durchaus beunruhigend war, dort oben Schritte zu hören. Wenn meine Mutter vormittags in der Schule unterrichtete und ich allein an meinem Rechner saß… Wenn meine Mutter friedlich in ihrem Zimmer schlief, nachts… Oder wenn sie mich von unten gerade zum Abendessen rief… Ja, in solchen Momenten waren diese Geräusche dort oben schwer zu erklären. Meine Mutter und ich wohnten seit dem Tod meines Vaters allein in dem kleinen freistehenden Häuschen, das mein Vater einst von seinen früh verstorbenen Eltern geerbt hatte. Allerdings waren das geheimnisvolle Tapsen, Knacken und Schurren nichts wirklich Neues für mich. In Wahrheit begleiteten diese Geräusche mich inzwischen seit meiner Pubertät. Manchmal hörte ich monatelang nichts, dann war es plötzlich wieder da, aber ich hatte keine Lust mehr, von meiner Mutter auf den Dachboden gezerrt zu werden, damit sie mir zeigen konnte, „dass da nichts ist!“ – oder zu irgendwelchen verständnisvoll nickenden Psychologen. Ich stopfte mir lieber Watte in die Ohren und malte mir aus, dass altes Spielzeug offensichtlich wirklich ein Eigenleben führte, wenn es unbeobachtet war, eben genauso wie in Disneys Toy Story. Oder ich schloss mich der Marder-Theorie meiner Freundinnen an. Ein Marder auf dem Dachboden war schließlich nichts Außergewöhnliches in einem alleinstehenden Haus mit einem großen verwilderten Garten. Allerdings: langsame Schritte und Türen, die sich leise knarrend öffneten und schlossen – das musste auf jeden Fall ein sehr besonderer Marder sein! Leider konnte mein Vater mich nicht mehr vor solchen Alpträumen beschützen. Ich vermisste ihn bitterlich.

Mit Insa konnte ich mir stundenlang die alten Kinderfotos angucken, von ihm erzählen, von unserem gemeinsamen Touren, von den vergangenen Tagen. Manchmal weinten wir sogar zusammen, manchmal streichelte sie mit ihren schlanken weißen Händen über sein Bild.

„Christopher Born, man könnte sich in ihn verlieben“, sagte sie einmal und fuhr mit ihrem blassen, schmalen Zeigefinger so heftig über seine Gestalt, als wolle sie ihn aus dem Foto reißen. Da entzog ich ihr das Album mit einer raschen Bewegung. „Er ist tot. Es macht keinen Sinn, sich in einen Toten zu verlieben“, entgegnete ich und klappte entschlossen das Album zu. Was zu viel war, war zu viel.

„Ach, der Tod“, sagte Insa mit einem merkwürdigen Funkeln in ihren schmalen Augen. „Der Tod ist so eine Sache für sich.“

Bis zur Maibowlenparty hatten wir also keine Probleme miteinander und verstanden uns ausgezeichnet. Aus meiner Sicht erwies sich diese Freundschaft als ein ganz gutes Arrangement für uns beide.

Die Maibowlenparty war der Höhepunkt des Sommersemesters. Ich wollte Insa abholen, aber sie lag mit einem schweren Anfall von Muskelschmerzen im Bett. Seit ihrer Jugend litt sie an Fibromyalgie, einer chronischen Muskelerkrankung, bei der nicht einmal Schmerzmittel halfen, erklärte sie mir und schickte mich mit einem Rezept in die Apotheke. Ich holte Amitriptylin, ein Psychopharmaka, offensichtlich der einzige Wirkstoff, der etwas Linderung bringen konnte, kochte ihr eine Hühnersuppe und stellte dazu ein Glas Milch an ihr Bett. Es war kein Vergnügen, ihr beim Schwitzen und Stöhnen zuzusehen. Die Schweißperlen liefen ihr über die bleiche Haut, um ihre Augen bildeten sich tiefe, fast bläuliche Schatten, die Haarsträhnen klebten an der hohen Schläfe. Sie sah noch entschieden gruseliger als sonst aus.

Ich wollte mich verabschieden, aber sie fuhr entsetzt im Bett hoch, fühlte sich sichtlich verraten und mahnte an, es sei doch wohl nun an mir, mal für sie da zu sein. In mir pochte das schlechte Gewissen. Ich dachte an zahlreiche Hausarbeiten, Referate und endlose Gespräche, in denen es nur um meinen Kummer gegangen war. Aber auf der Party wartete dieser Junge mit den nougatbraunen Augen auf mich. Robin. Sein Lächeln ließ meine Knie zittern. Er hatte gefragt, ob ich kommen würde. Ich konnte ihn unmöglich versetzen. Auf gar keinen Fall.

Schließlich gab ich vordergründig nach und erklärte mich bereit, ein paar DVDs und etwas Essbares für uns beide vom Imbiss zu besorgen, den Abend dann auf jeden Fall mit ihr zu verbringen. So wichtig war eine Maibowlenparty natürlich nicht! Fürsorglich strich ich ihre Bettdecke gerade und hatte dabei auch noch das beruhigende Gefühl, eine gute Freundin zu sein. Statt jedoch auf dem direkten Weg zu mir zu fahren, um die Filme zu holen, machte ich einen Umweg über die Uni. Zumindest wollte ich Robin mein Fortbleiben erläutern, vielleicht würde man ja ein neues Date ins Auge fassen, an einem besseren Tag als diesem.

Die Aula war mit Leuten gefüllt. Grelle Lampen warfen ein unruhig flackerndes Licht, Stimmengewirr und lautes Gelächter schallten mir entgegen, hämmernde Rhythmen kamen aus den Lautsprechern. Da schob sich plötzlich ein Sektglas in mein Sichtfeld. Ich griff danach. Nougatbraune Augen strahlten mich an.

Unsere Gläser klirrten aneinander. Das perlende Nass floss meine Kehle herunter. Plötzlich war das Leben leicht und unbeschwert. Wir tanzten, zwischendurch lächelten wir uns an, ich war eine von vielen, ein Mensch in der Menge, eine Studentin wie so viele andere, eine junge Frau, die sich amüsierte, auf dem besten Weg sich zu verlieben. Dieser Abend gehörte mir. Seine Hand legte sich um meine Taille und zog mich von der Tanzfläche. „Komm, ich brauche frische Luft.“

Ich lehnte mich unauffällig an ihn, für einen Augenblick spürte ich sein Kinn an meiner Stirn. Aber etwas veränderte sich, als wir auf den Ausgang zugehen.

„Oh, deine Freundin ist auch gekommen?“, hörte ich seine Stimme in einem merkwürdig ernüchterten Tonfall.

Mein Blick flog zum Ausgang. Die Türen zur Mensa waren weit geöffnet, so dass die frische Frühlingsluft hineinwehen konnte. Insa lehnte am Türrahmen. Ihre Augen starrten mich kalt an. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie wartete auf mich. Ihre blassen Lippen bildeten eine schmale, verkrampfte Linie.

Ich löste mich von Robin und trat mit einem unguten Gefühl zu meiner Freundin. „Es tut mir Leid, Insa, ich wollte nur …“

Ihre scharfe Stimme schnitt mir die Wort ab: „Ich dachte, wir wären Freundinnen, Tessa. Das dachte ich.“ Zugleich verriet mir ihr Blick, dass unsere Freundschaft von nun an neuen Regeln folgen würde.

Türchen Nr. 3

Ein Lied am Klavier

Hannover, Oktober 2014

Mein Glück endete an einem verregneten grauen Morgen im Oktober, kurz nachdem das dritte Semester begonnen hatte.

Es war der beste Sommer meines Lebens gewesen. Insa war wochenlang auf irgendwelchen geheimnisvollen Reisen, was mir eigentlich ganz lieb war, denn seit der Maibowlen-Party war die aufblühende Romanze zwischen Robin und mir für sie ein rotes Tuch. So ersparte ihre wochenlange Abwesenheit mir viele finstere Blicke und fruchtlose Diskussionen. Stattdessen machte ich mit Robin Motorrad-Touren, veranstaltete romantische Picknicks im Park, wurde in italienische Restaurants zu Mozzarella-Pizza mit Rotwein eingeladen und ließ mich treiben auf jener euphorischen Welle, die nur eine glückliche Liebe verursachen kann. Die sich anfühlt, als stünde man unentwegt auf einem Gipfel und die ganze Welt würde einem zu Füßen liegen.

Als Insa von ihrer Reise zurückkehrte, offenbarte ich ihr mein Glück, was sie mit überraschender Gelassenheit hinnahm. Offensichtlich hatte die Reise ihr neue Erkenntnisse gebracht. Sie sprach sogar davon, das nächste Mal mit mir gemeinsam in jene wunderschöne Region in Tirol reisen zu wollen, aber mir war nicht nach Reiseplänen zumute. Wenn überhaupt wollte ich mit Robin wegfahren, mit dem Motorrad quer durch Südschweden, sobald es wieder wärmer wurde, vielleicht nächstes Jahr im Mai oder Juni…

Aber es kam anders.

An jenem schrecklich düsteren Morgen im Oktober kam ich morgens in die Uni und erfuhr von Robins Motorradunfall. In einer Kurve. Auf regennasser Fahrbahn weggerutscht. Die Kontrolle verloren. Sofort tot.

Ich fiel in einen endlosen Abgrund, die Trauer umfing mich wie ein undurchdringliches Gespinst aus unstillbarer Sehnsucht, Verzweiflung, Wut und Unverständnis. Alles kam wieder hoch. Der Tod meines Vaters, die Leere, die er hinterlassen hatte, die mich so schrecklich klein, schwach und verwundbar gemacht hatte. Ich war wieder das hilflose Kind, wieder dem Schicksal ausgeliefert, einem Schmerz, der meine Kraft überstieg. Insa war ständig an meiner Seite, begleitete mich wie ein geduldiger Schatten, selbstlos, leise und verlässlich, mein einziger Halt.

Meine Mutter unternahm zahlreiche peinliche Versuche, mich aus meiner Lethargie zu reißen. In den meisten Fällen konnte ich ihren Bemühungen ausweichen, aber als sie mich und Insa gemeinsam mit ihrer Freundin Dr. Ursula Schramm zu ihrem Geburtstagsessen einlud, gab es keine passende Ausrede. So überredete ich Insa zum Mitkommen, nicht ahnend, dass diese Einladung von allen schlechten Ideen meiner Mutter die mit Abstand schlechteste war. Um es genau zu sagen, war es der unglücklichste Einfall ihres Lebens.

Wir waren bereits spät dran, als meine Mutter uns die Tür öffnete. Sie hatte ihre dunkelrote Seidenbluse an und nahm den Blumenstrauß und die Pralinen aus unseren Händen, als hätte sie nie etwas Schöneres zum Geburtstag bekommen. Dr. Ursel Schramm stand auf und kam uns entgegen mit den aufmunternden Worten: “Ach, die jungen Kolleginnen.“ Ich verspürte in mir einen schwer zu unterdrückenden Fluchtreflex.

Von dem dampfenden Schweinebraten aßen Insa und ich uns nichts, weil wir uns in dieser Phase gerade fleisch- und zuckerfrei ernährten, daher beschränkten wir uns auf Kartoffeln und Gemüse. Mit dem Gesprächsstoff war es ebenfalls etwas sperrig. Aus unserem jugendlichen Leben gab es nicht viel zu berichten, also widmeten wir uns den spannenden Forschungsergebnissen der Professorin Dr. Schramm, die ich schon seit meiner Kindheit kannte. Etwas Extravagantes hatte die Historikerin an sich, schmückte sich gerne mit den Errungenschaften ihrer Reisen, am heutigen Tag trug sie einen bunten Turban und ein üppiges Ohrgehänge, das aus winzigen fischartig geformten bunten Perlen bestand. Es machte ihr nichts aus, einen Großteil der Unterhaltung allein zu bestreiten. Ihre Augen funkelten dabei, und in ihrer lebhaften Stimme klang eine fast rührende Begeisterung für das eigene Forschungsgebiet. Vor zwei Jahren hatte sie sich den Feen und Kobolden Irlands gewidmet, ihr neuestes Buch handelte von mystischen Phänomenen in Rumänien.

„Sehen Ihre Kollegen denn das noch als Wissenschaft an?“, fragte Insa skeptisch.

Dr. Schramm lachte. „Na, anfangs war es schon ein kleiner Skandal, sich als Wissenschaftlerin solchen Inhalten zu verschreiben, aber mir ging es ja gar nicht um die Kobolde, sondern um die Fakten, die dahinter stehen. Ich habe die mystischen Geschichten, die seit Jahrhunderten in Donegal erzählt werden mit bewiesenen Naturereignissen verglichen. Statistik trifft auf Mystik. Was ich beweisen wollte, war nicht, dass es Kobolde und Feen in Irland gibt, sondern, dass Mythen und Legenden, gerade diejenigen, die sich bis in die moderne Zeit hinein halten, oft auf wirkliche Begebenheiten zurück zu führen sind. Das gibt diesen Geschichten plötzlich einen ganz anderen Sinn. Sie sind wie ein schönes Gewand, hinter dem sich eine Wirklichkeit verbirgt, die wir einfach noch nicht verstehen. Viele Wissenschaftler mögen es nicht, wenn ihre Forschung nur neue Fragen aufwirft, anstatt Antworten zu bieten. Mich reizt das.“

„Und in Rumänien widmen Sie sich den Vampiren?“ Insa zog spöttisch die Augenbrauen hoch.

Die Historikerin schüttelte langsam den Kopf. „In Rumänien widme ich mich einer Reihe von sehr dunklen Vorkommnissen, liebe Kollegin. Da fällt mir ein: Ihr Nachname ist doch `Albu‘, oder?“

Insa starrte sie unbewegt an. „Ein häufiger Name in Rumänien.“

„Er heißt ‚weiß‘, wenn ich richtig informiert bin.“, fuhr Dr. Schramm fort. „Ich habe lange zur Geschichte eines alten Herrensitzes geforscht. Die Familie war in so viele ungeklärte Mordfälle verstrickt, dass sie schließlich ihren Namen änderten. Sie nannten sich fortan ‚Albu‘, also -weiß-, wie ein ungeschriebenes Blatt, wie eine weiße Weste. Aber die Gewalttaten hörten im Umkreis deswegen nicht auf. Statistisch gesehen war es vor dreißig Jahren dreimal so wahrscheinlich, in einem Umkreis von zehn Kilometern um dieses Herrenhaus ein Mordopfer zu werden, dessen Tod nie geklärt wird, oder auf unerklärbare Weise auf immer zu verschwinden, als in jeder anderen Gegend in Rumänien.“

„Wie interessant“, entgegnete Insa kalt.

Meine Mutter räusperte sich und lächelte angestrengt.

„Wann waren Sie das letzte Mal in Rumänien, Insa? Ich hörte, es ist ein sehr schönes Land.“

„Vielleicht für andere“, meinte Insa, ohne meine Mutter anzusehen. Sie starrte unentwegt in das Gesicht der Historikerin. In ihren Augen blitzte etwas auf. Ich zuckte zusammen. Noch nie hatte ich einen so hasserfüllten Ausdruck in einem Blick gesehen. Aber im nächsten Augenblick verblasste das Funkeln schon, und Insas Blick wurde wieder herablassend und abweisend, wie ich es von ihr gewohnt war. Wahrscheinlich hatte ich mich einfach geirrt.

Dr. Schramm nahm gelassen einen Schluck aus ihrem Weinglas und stellte das Glas lächelnd wieder ab. „Ich bringe demnächst ein Buch heraus mit meinen Forschungsergebnissen. Vielleicht haben Sie ja Lust, es zu lesen.“

„Ich denke nicht“, antwortete Insa. Ich blickte sie fragend an, was von ihr demonstrativ ignoriert wurde. Normalerweise behandelte sie Menschen nicht besonders entgegenkommend, aber eine derartige Unhöflichkeit ging doch über ihre gewohnte Reserviertheit hinaus. Langsam fühlte ich mich unwohl. Schon wieder versuchte meine Mutter, die Situation zu retten. „Ihre Eltern leben noch in Rumänien, Insa?“

Jetzt endlich wandte Insa sich der Gastgeberin zu. „Ich hoffe nicht. So Gott will, sind beide tot.“

Einen Augenblick erstarrte alles in peinlichem Schweigen. Dann beugte Insa sich zu ihrem Korb herunter und holt zwei kleine Törtchen hervor. Als sei nichts geschehen, meinte sie freundlich: “Wir haben noch einen Nachtisch mitgebracht. Wir essen im Moment ja keinen Zucker, aber Ihnen wünschen wir einen guten Appetit. Heute Nachmittag habe ich sie gebacken. Sie sind ganz frisch.“

Meine Mutter bedankte sich überschwänglich und begann eifrig zu essen. Meine Mutter liebte süßes Zeug, und wenn sie nervös war, aß sie besonders schnell. Heute verschlang sie den kleinen Kuchen. Ihre Freundin aber schob das kleine Geschenk zur Seite.

„Das schaffe ich momentan nicht mehr, auch wenn sie wirklich lecker aussehen. Eine schöne Idee. Aber was haltet ihr davon, wenn unser Geburtstagskind uns jetzt etwas am Klavier vorspielt, und wir gemeinsam singen?“

Natürlich zierte meine Mutter sich, aber als Musiklehrerin liebte sie es zu singen. Kurz darauf schlug sie begeistert in die Tasten. Wir standen artig um sie herum und sangen mit. Schließlich hielt sie ganz erschöpft inne, seufzte glücklich lächelnd. „All die alten Lieder, wie gut es tut, sie mal wieder gemeinsam mit anderen zu singen. So, Insa, jetzt müssen Sie sich aber ein Lied wünschen. Ich hoffe nur, dass ich es kenne.“

Insa wünschte sich ein Kinderlied. „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“. Zuerst dachte ich, sie wollte sich über meine Mutter lustig machen, aber meine Freundin kannte wahrhaftig den gesamten Text und sang mit Inbrunst bis zur letzten Strophe: „Und als eine Jahr vergangen – Simsalabimbambasaladusaladim – und als eine Jahr vergangen war – das war die Kuckuck wieder – Simsalabim-bambasaladusaladim – da war der Kuckuck wieder da!“

Später brachte ich Insa nach Haus, und wir schüttelten gemeinsam den Kopf über die schrägen Szenen dieses Geburtstagsessens.