Vollmond über Warnemünde - Rike Adam - E-Book

Vollmond über Warnemünde E-Book

Rike Adam

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Beschreibung

Stettin 1912: Der Werftarbeiter Julius Berndt fasst einen wagemutigen Plan. Er will einen motorisierten Kutter kaufen und sich mit seiner Frau und seinen vier kleinen Kindern in Warnemünde als Hochseefischer selbständig machen. Eine Geschichte, die von Sehnsucht und Leidenschaft, Mut und Zusammenhalt erzählt. Die Autorin erzählt die schicksalhafte Begebenheit aus dem Leben ihrer Urgroßeltern, einer Arbeiterfamilie am Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für

Jannis, Wiebke, Lars, Leonie, Lena,

Kiki, Ole, Lynn, Mattes, Luan, Jordi

und alle, die noch kommen werden.

Shiver me Timbers

I'm a-sailin' away

(Tom Waits)

Julius Berndt

Mein Urgroßvater trug das Meer in sich.

Sogar in Stettin, in der schäbigen Kellerwohnung

mit feuchten Wänden

und den winzigen Fenstern oben an der Decke,

in der er gestrandet war,

nach all dem, was er gewagt hatte,

selbst dort konnte er die sanfte Bewegung der Wellen spüren,

das ewige, niemals innehaltende Schaukeln des Schiffrumpfs,

das an- und abschwellende Pfeifen des Windes hören,

das Salz auf den Lippen schmecken.

Durch seine Träume hindurch vernahm er

das leise Gurgeln des Wassers an den Planken,

schreckte manchmal hoch aus dem Schlaf

mit der Gewissheit, geweckt worden zu sein

vom Schrei einer Möwe.

Friederike Berndt

An meiner Urgroßmutter war es, jeden Tag

einen vollen Kochtopf auf den Tisch zu stellen,

den Ofen im Winter in Gang zu halten.

Sie plättete, putzte, bleichte und kochte,

trug Asche und Kohlen durch das dunkle Treppenhaus,

sorgte für saubere Kleidung, trockene Schuhe

und das abendliche Gebet,

wischte ihren Kindern den Schmutz aus den Mundwinkeln,

glättete ihr Haar und schlichtete Streitigkeiten,

drehte die Pfennige dreimal herum, bevor sie sie ausgab,

nähte Unterwäsche aus zerrissenen Laken,

stopfte ungezählte Socken, wieder und wieder,

verlängerte zu kurz gewordene Hosen,

ließ die Säume aus den Röcken,

denn die Kinder wuchsen so schnell

und waren immer hungrig.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel: Ein Hauch von Weltstadt

Kapitel: Die Schiffszeichnung

Kapitel: Kirchgang

Kapitel: Fünf Würstchen für die Suppe

Kapitel: Die Küchenbank

Kapitel: Der Gast in der Stube

Kapitel: Leinen los

Kapitel: Lieselotte

Kapitel: Pommern adé

Kapitel: Kein Boot – keine Fische

Kapitel: Die guten Momente

Kapitel: Weihnachten in Warnemünde

Kapitel: Das Versprechen

Kapitel: Die Welle

Kapitel: Kohl und Rüben

Kapitel: Das Wintergeld

Kapitel: Havarie

Kapitel: Die Fahrkarte nach Stettin

Kapitel: Der Lotsenkommandeur

Kapitel: Am Strand

Kapitel: Dunkle Septembernacht

Kapitel: Ein neuer Morgen

Nachtrag 1

Nachtrag 2

Nachtrag 3

Nachtrag 4

Nachtrag 5

Nachtrag 6

Vorwort

Was bleibt von einem Leben, das längst vergangen ist,

was wird weitergetragen

durch die Jahre und die Zeiten

von einem Nachkommen zum nächsten

und wird immer wieder erzählt

mit immer neuen Worten?

So eine kleine Anekdote,

eine so oft herzlich belachte Geschichte

auf Papier zu bannen, erscheint fast aussichtslos,

als solle ein Vogel eingefangen werden,

der seiner Natur nach frei ist.

Wie bloß aus den Bruchstücken des Überlieferten

aus dem, was uns Bücher, Filme in Schwarzweiß

und vergilbte Fotos zeigen,

aus dem fraglos im Lauf der Zeit Hinzugedichteten

etwas Lebendiges schaffen und längst Verstorbenes

auferstehen lassen?

Trotz all der Zweifel habe ich mich auf den Weg gemacht,

gefragt, geforscht, gelesen

und schließlich einfach nur gewartet,

bis die kleine Kuttergeschichte

sich selbst zu erzählen begann.

Gewiss ist der Vollmond, der über Warnemünde stand,

davon wusste eure Ururoma zu berichten,

viel später, als das Haar schon grau und weiß war,

das Gesicht voller Falten, die Augen

hinter dicken runden Brillengläsern, fröhlich,

weil sie etwas zu erzählen hatte

vom Vollmond am Hafen von Warnemünde.

Und alle lauschten.

„Vier Kinners“, so erzählte sie, „unne Seekiste,

aver sonst ward alls hen,

dei Fruend mit dat heele Geld,

uf un davon un alls,

wat wi hetten, alls perdü,

sogaar dei Kutter, ach dei Kutter…“

Alle kennen die Geschichte, auch heute noch,

meine Tante erinnert sich an die Lieder,

die Friederike Berndt immer sang, und an all das,

was Julius Berndt von seinen Abenteuern zum Besten gab,

damals in Sünna, die beiden Enkelinnen um sich herum,

dazu die Kinder aus der Nachbarschaft.

Keiner wird je sagen können,

was von seinen Erzählungen Seemannsgarn war

und was nicht.

Auf der Suche nach meinem Urgroßvater

stoße ich auf einen alten Ausweis,

das Papier schon spröde, aus scharfen, lebhaften Augen

starrt er mich an, Julius Berndt,

ein Blick ohne Illusionen,

die Schrift ist russisch, warum russisch?

Natürlich: die Besatzungsmächte,

aber das war doch später, viel später,

wir müssen tiefer in die Vergangenheit,

das Rad der Geschichte weiter zurückdrehen

bis wir in jenen Jahren ankommen,

in denen die Röcke der Frauen noch lang,

die Schnurrbärte der Männer noch wuchtig sind.

O ja, auch dazu ist ein Bild geblieben,

ist durch die Generationen gewandert:

der junge Julius Berndt kehrt heim,

ein mächtiger Frachter, von einem Schlepper gezogen,

legt an im östlichen Hafenkanal, der Seemann hält Ausschau,

die Ware muss gelöscht werden. Scharfe knappe Rufe

übertönen das Hafengelärm. „Packt an, ihr Landratten!“

Er jedoch steht an der Reling, schaut suchend in die Menge

und entdeckt inmitten des Gewimmels

auf dem Kaiser-Wilhelm-Kai: seine Kinder.

Zielsicher wirft er ihnen kleine Päckchen zu.

Vier Kinder strecken erwartungsvoll die Arme,

springen hoch, greifen nach Heruntergefallenem,

eilig, bevor es jemand anders tut, juchzen, winken, strahlen,

schieben die Kostbarkeiten in ihre Schürzentaschen.

Eddi hüpft so aufgeregt,

dass Friederike ihn an den Hosenträgern zurückhält,

sonst fällt er noch ins dunkel schimmernde Wasser

des Hafenbeckens, für so etwas hat er Talent, der Junge.

Und dann?

Wie finden wir den Weg

vom Großstadt-Trubel am Stettiner Freihafen hinaus

zu dem stillen Fischerdorf an der Warnow-Mündung

am Alten Strom? Dorthin,

wo Friederike Berndt auf einer Seemannskiste hockt,

gestrandet mit vier kleinen Kindern,

ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, alles verloren,

sogar der Kutter, ach ja der Kutter.

Dorthin, wo der Vollmond scheint,

wo vom Fischmarkt an der Mittelmole

eine leise Drehorgelmusik herüberklingt,

leise summt die junge Frieda

zum Trost für ihre vier Kinder und für sich

eine ewige Melodie:

Ach du lieber Augustin, alles ist hin.

Ja, so ist es wohl gewesen,

und vielleicht auch ganz anders.

1. Kapitel: Ein Hauch von Weltstadt

Unbestritten ist, dass alles in Stettin beginnt,

inmitten der tönenden großen Hafenstadt,

zu einer hoffnungsvollen Zeit, noch bevor

der Große Krieg ausbricht, man genießt die Zuversicht,

zeigt sich selbstbewusst, vielleicht sogar übermütig,

weil alles so vortrefflich anmutet.

Was für eine rührige, aufstrebende Stadt,

dort an der Oder. Gerne geht der Blick nach Berlin!

Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser,

hat der Kaiser gesagt, deshalb ist es doch eine Freude,

sie zu sehen: die Dampfer, Frachter, Kreuzer,

die großen Schiffe, wie sie kommen und ablegen,

dampfend und tutend.

Nicht zu überhören ist das helle Klingeln der Elektrischen

in den Straßen (wozu noch Pferdedroschken?),

dazu die Pracht der neuen Oberpostdirektion,

breit angelegte Alleen, eine Einladung

zum Promenieren.

Die neue Baumbrücke:

Sie öffnet sich natürlich automatisch,

- es ist ja der Fortschritt -,

und mit Getöse - die neue Zeit ist laut.

Es teilt sich die Straße,

die Hälften heben sich wie von Geisterhand bewegt,

geben für die großen, die wirklich großen Schiffe,

den Weg frei. Ein Schauspiel ohnegleichen,

und alle bleiben stehen

und gaffen.

Ja, es geht hier ordentlich voran.

Auf der Hakenterrasse steht man

mit Zylinder und Kneifer

hinüberblickend ans andere Flussufer

zu all den mehrstöckigen Speichern,

zu den Kaikränen und den neuen Fabriken.

Der Blick der Damen gilt eher den Auslagen

in den neuen Geschäften, den filigranen Stickereien,

den Hüten mit Federn, den Kleidern und Handschuhen

aus glänzenden Stoffen und mit Perlen verziert.

Ein Hauch von Berlin.

Eine Stadt in Pommern will nach oben,

will leuchten: elektrisches Licht und fließendes Wasser

sogar für die Arbeiterfamilien,

jedenfalls

für einige.

Julius Berndt lacht über all das,

was er in der Zeitung liest,

„Stettin soll ne Welthandelsstadt werden, als ob!

Dat eenzige, wat hier hoch geiht,

sün de Priesen, die und nix anners.

Well brukt dat elektrisch Lücht,

kann ja nüms de Mieten betahlen.“

„Nu aver, wi hewwe ja nu ein fein Stuuv“,

wendet Frieda ein. Sie mag es nicht,

wenn ihr Mann politisch wird.

Auf ihr Heim ist sie stolz, da lässt sie nichts drauf kommen.

Die beiden Zimmer liegen weder im Keller,

noch unter dem Dach, sondern im dritten Stock.

Es zieht nicht kalt durch die Ritzen,

nur bei strengem Frost

legt sie Handtücher in die Fensterbänke.

Im Sommer steigt die Sonne über die Häuserfronten.

Zur Mittagszeit scheint sie in ihre Stube.

Sie haben ein Schlafzimmer,

wo sie mit den Kindern schläft.

Die Tür kann sie abends schließen

und noch in der Küche schaffen,

während die Kinder schon schlafen.

Doch wenn sie ihre hübsche Wohnung lobt,

dann schaut Julius sie an und fragt,

was mit Else und Eddi sei,

wenn die nicht mehr in einem Bett schlafen können,

ein Mädchen und ein Junge, Geschwister, schon recht,

aber dennoch, wo soll der Junge dann schlafen,

ins Schlafzimmer passt kein weiteres Bett,

soll er zu Julius in die Küche, - etwa

mit auf die Küchenbank?

Da fällt ihr nichts zu ein, es gibt keine Lösung,

nicht heute, nicht jetzt, wozu darüber lange grübeln,

sie findet keine Worte dafür und außerdem

hat ihr Mann etwas erwähnt,

darüber will Frieda nun schon gar nicht sprechen.

Die Küchenbank.

Über dieses Thema

wird nicht gesprochen.

Julius kennt seine Frau, erwartet keine Antwort von ihr.

Sein Blick wandert zurück zur Zeitung,

er antwortet sich selber, genügsam und friedlich,

wie es seine Art ist.

„Jo, mien Frieda“, meint er.

„So is dat wall.“

Mehr Worte braucht es nicht.

Manchmal liest Julius aus der Zeitung vor.

Von neuen Erfindungen oder Entdeckungen,

was in der Welt geschieht.

Frieda lächelt und denkt, die Kinder

brauchen vor dem Winter neue Schuhe.

Was geht es sie auch an,

ob Stettin nun eine Welthandelsstadt ist

oder irgendetwas anderes.

Sie mag das Grüne und wenn es blüht.

Ja, im Frühling ist Stettin eine Pracht

mit den leuchtendweißen Blütenbäumen,

dem duftenden Flieder, den Blumenrabatten

rings um den Markt.

Frieda mag den Frühling, mag es,

wenn die Härte des Winters langsam

aus dem Alltag weicht, wenn alles leichter

und unbeschwerter wird.

Dann singt sie mit ihren Kindern Frühlingslieder.

Auf einem Baum ein Kuckuck … saß

Im Märzen der Bauer…

Auf das Gute im Leben richtet sie ihren Blick.

Im Frühling ist es leicht, auf das Schöne zu schauen.

Die Vorfreude auf das Kommende flattert

wie ein aufgeregter kleiner Vogel, der ins Freie will.

Nur in diesem Frühling ist alles anders.

Da will die Vorfreude auf die Sommerzeit

sich nicht einstellen. Es ist,

als habe sich eine dumpfe Vorahnung

in ihr eingenistet wie ein lästiger Gast.

Etwas Schweres, Drohendes

haftet diesen ersten warmen Tagen an,

wie eine Wolke, die ihr Gemüt umfängt,

die sie weder zu deuten noch zu beschreiben weiß,

die aber einfach nicht von ihr ablässt,

seitdem Julius seine Schiffszeichnung gesucht hat.

Die Schiffszeichnung.

Wie merkwürdig doch,

was für eine andauernde Wirkung dieser kleine Vorfall hat.

Es ist doch nur eine Zeichnung aus seiner Jugendzeit,

die ihr Mann gesucht und nach einigem Fluchen und Wühlen

auch gefunden hat, ein altes Stück Papier,

etwas brüchig bereits, mehrfach gefaltet,

ein Zeichenbogen, der unbeachtet jahrelang

in einer Schublade lag.

Aber diese eine besondere Zeichnung,

- Frieda kennt sie, weiß um ihre Bedeutung -

dieser Zeichenbogen, den Julius nach all den Jahren

plötzlich hervorkramen musste,

ein Papier nur, ja, aber darin steckt eine Kraft,

fast schon ein Zauber, mächtig genug,

ihr bescheidenes kleines Leben

in Stücke zu reißen.

2. Kapitel: Die Schiffszeichnung

Der beste Tag in der Woche ist Samstag.

Freitag hat es Geld gegeben,

alle Rechnungen sind bezahlt!

Als Julius aus dem Werk kommt,

gibt es Kartoffeln, gelb und rund,

mit grünen Bohnen und knusprigem Speck.

Das duftet, da läuft das Wasser

im Mund zusammen.

Danach raucht der Vater seine Pfeife und trinkt Kaffee,

als habe er alle Zeit der Welt,

dabei ist doch Samstag, der beste Tag,

da soll er sich sputen.

So still sind die Kinder nur, wenn sie lauern,

aber sobald er die Pfeife ausklopft, ist es soweit,

das ist das Signal, jetzt aber hin und ihn mahnen,

am Ende vergisst er es sonst: das Beste am Samstag.

„Jetzt, Vadder, jetze is aber so weit!“

„Och nö“, kommt es gemütlich vom Vater,

dabei ist die Pfeife schon leergeklopft,

zwischen zwei Fingern zwirbelt er den Schnurrbart.

„Och, nö, veel to schwoor, dat olle Ding.

Hüüt mal nich, Kinners.“

Da empören sich die Kinder,

obwohl sie wissen: Der nimmt sie nur auf den Arm.

Sie müssen zetern und betteln, das gehört dazu,

zum Spiel.

Ein Kuss von seiner Jüngsten,

der kleinen Käte, große Augen bei Lotte,

Eddi mit schmollender Unterlippe,

Else, seine Große, ganz ernst,

da muss er ja wohl, also gut,

als hätte er eine Wahl gehabt.

„Na gaud, wat mut, dat mut,

ji Dreckspatzen, ji. Sonst mut jau de Modder

noch mit‘n Lepel den Shiet vom Pelz rubben.“

Seufzend erhebt er sich,

reckt sich, dass die Knochen knacken,

so macht er sich auf den Weg durch das Treppenhaus

hinunter in den Keller. Die vier Kinder

stehen oben auf dem Treppenabsatz,

kichernd und wispernd.

„Ick hör‘ ihn“,

flüstert Käte mit aufgeregten großen Augen.

Wirklich, ein Schnaufen und schwere Schritte.

„Wie ne Dampflok“, stellt Edmund fest, bekommt dafür

Elses Ellenbogen in die Seite. Endlich ist er zu sehen,

der geplagte Vater mit der schweren Zinkwanne

auf dem Rücken, sein Oberkörper ganz verschwunden.

Nur die Hände sind am Rand zu sehen.

Er wuchtet die Wanne das Treppenhaus hoch

wie eine Schildkröte ihren Panzer.

Eine Zinkwanne mit Beinen.

Wie lieben sie diesen Anblick!

„Nu aver rin mit jau“, ruft die Mutter aus der Küche.

Das Wasser auf dem Herd im großen Kessel,

das dampft schon.

„Dei Vadder koamt ja nich dör,

wenn ji all dösig rümstaht un kiekt.“

Kaum ist das dampfende Wasser in der Wanne,

werden die Kleinen ins Schlafzimmer verbannt,

denn Julius badet als erster,

weil das Bad jetzt noch ordentlich heiß ist.

Frieda bleibt und schrubbt ihrem Mann

den Rücken und wäscht sein Haar,

das macht sie, wie sie es immer getan hat,

von Anfang an als junge Ehefrau und auch schon davor.

Als seine Verlobte hat sie es nicht anders gemacht als jetzt,

ihm tüchtig den Rücken eingeseift

und das Kopfhaar ausgespült.

Es ist noch genauso und doch ist es anders geworden,

ganz anders,

denn sie lässt die Hände dabei nicht mehr wandern,

es gibt keine geflüsterten Zweideutigkeiten mehr,

kein bedeutungsvolles Gekicher,

keine geheimen Signale, die nur sie zwei

und niemand sonst verstehen könnte.

Es ist still geworden

zwischen ihnen.

Endlich kommen die Kinder dran,

die so lange gewartet haben,

endlich ins nasse Vergnügen.

Frieda wäscht einem nach dem anderen

die Haare, Hals und Ohren, Bauch und Po,

dabei können die Kinder

kleine Holzschiffe fahren lassen.

Die hat der Vater ihnen geschnitzt,

jedem Kind ein eigenes. Edmund hat sogar eines

mit vier Masten bekommen, einen Veermaster.

Der Rumpf ist blau lackiert mit echtem Bootslack.

Wie schlottern sie, wenn sie hinausgehoben

und mit einem groben Tuch abgerubbelt werden.

Bloß schnell in die trockene Kleidung,

warme Socken an die Füße, zum Vater ins Bett,

bis er dort mit allen vier Kindern liegt.

Dann wird die Zeitung zur Seite gelegt, los geht es:

Julius beginnt zu erzählen

von Klabautermännern, Piraten und großen Seeschlachten,

von Sturmfluten und riesigen Kraken,

die mit ihren Tentakeln Schiffe in die Tiefe ziehen,

sogar die ganz großen mit vier Masten.

Am liebsten berichtet er natürlich

von seinen eigenen Reisen und Abenteuern. Alle Kontinente

hat er gesehen. Nur nach Australienna,

so weit gingen die Fahrten dann doch nicht.

Aber in Amerika ist er gewesen.

Da hat es ihn dann gejuckt.

So ein weites Land. Ausgebüxt ist er,

vom Schiff runter und dann immer der Nase nach.

Als Soldat ist er untergekommen,

in der Fremdenlegion.

Aber das ist es dann doch nicht gewesen.

Im Dreck liegen und gehorchen -

das war noch nie seine Sache,

das macht doch nicht deshalb plötzlich Spaß,

nur weil es in Amerika ist, erklärt er den staunenden Kindern.

Also hat er sich wieder davongemacht und heimlich rauf

aufs nächste Schiff, das Richtung Heimat auslief.

Ein blinder Passagier, das ging auf Leben und Tod.

„Han de mi tofatten kregen, de Yankies“, erzählt Julius,

„die han mi ofmurkst, sünner Erbarmen,

so löpt dat in Amerika, de fackeln nich lang.“

In der Stube ist nun Frieda dran,

ganz allein und ungestört steigt sie als Letzte ins Bad.

Das Wasser ist inzwischen kalt, es schaudert sie.

Mit eiligen Handgriffen wäscht sie sich,

steigt wieder hinaus, trocknet sich fröstelnd

mit dem feuchten Handtuch ab,

hängt es zum Trocknen über den Herd.

Im Unterkleid schöpft sie das Wasser aus der Wanne,

stellt das leere wuchtige Gefäß hochkant an die Tür,

damit Julius es hinuntertragen kann,

wischt dann den Boden trocken

und ruft ihren Mann.

„Oooh“, kommt es enttäuscht von den Kindern,

so schnell geht der Samstag vorüber,

der beste Tag und immer zu kurz.

„To Bett nu, Rabauken“,

ruft Julius unerbittlich.

„Furt kummt de Modder för dat Gebet.“

Als er in die Stube tritt,

hat er schon die Jacke an, die Kappe in der Hand.

„Nu denn“, sagt er und blickt sie an.

Sie blickt zurück, steht einfach da.

Ihre Hände sinken. Das dünne Unterkleid, das sie trägt,

schmiegt sich an ihre Haut,

die noch feucht ist. Ihr Haar ist jetzt offen.

Es fällt nass über ihre Schultern und den Rücken herunter,

langes, dunkelblondes Haar,

sonst immer hochgesteckt. Frieda senkt den Blick,

schaut verlegen zur Seite.

„Na denn“, meint sie. „Hew din Pläseer!“

Sie meint das ernst. Ein Mann,

der die ganze Woche im Werk schuftet,

muss am Wochenende auch mal ins Wirtshaus gehen.

Was bleibt denn sonst?

Er nickt und geht zur Tür.

Da sieht sie zusammengefaltet in seiner Jackentasche

die Schiffszeichnung.

In allen Truhen und Schubfächern

suchte er sie eine Woche zuvor

mit einer Unruhe und Gereiztheit,

die sie sonst gar nicht von ihm kennt.

Seemannsflüche stieß er grimmig hervor,

während er Mappen und Schachteln durchwühlte.

Er solle sich nicht versündigen, warnte sie ihn

ganz erschrocken und war überaus erleichtert,

als er das kostbare Stück endlich in den Händen hielt.

Er wollte die Zeichnung einem neuen Kollegen zeigen,

der selbst zur See gefahren war.

Seeleute unter sich.

Heute nimmt er das Papier wieder mit.

Fast will sie nach dem Grund fragen.

Warum denn schon wieder?

Will der Kollege noch ein zweites Mal

das sorgfältig gezeichnete Schiff bewundern,

die feinen geraden Bleistiftstriche,

die winzigen akkuraten Zahlen,

welche Maße und Längen angeben?

Frieda weiß genau, was dieses Papier verbirgt:

Es ist die exakte Vorlage, um ein Schiff zu bauen,

und zugleich ein Kunstwerk

von der Hand eines Zeichners eher

als von der eines Schiffszimmermanns.

Die Frage, warum Julius das Papier,

das er jahrelang nicht mehr hervorgeholt hat,

nun zum zweiten Mal mit in die Wirtschaft nehmen will,

lauert hinter ihren Lippen, aber sie schweigt.

Julius dreht sich vor der Tür noch einmal um,

die Hand schon auf der bereitgestellten Wanne.

In seinem Blick ist jetzt etwas,

das sie beklommen macht. Fast sieht er aus,

als müsse er noch etwas anderes wiederfinden,

als habe er noch etwas verlegt,

nicht in den Truhen und Schubfächern,

sondern in einem anderen Leben.

Ihr zeigte er die Zeichnung an dem ersten Abend,

an dem sie ihn besuchte. Ach, wie lange ist das her!

So viele Jahre sind verstrichen,

so vieles ist seitdem geschehen.

Aber es ist dennoch so nah, das Damals.

Jener Abend ist wie ein Bild in ihrer Erinnerung, mit Farben,

die nicht verblassen.

Vorher hatten sie schon vom Heiraten geredet,

also war nichts Unziemliches an diesem Besuch.

Man nahm es in ihren Kreisen nicht so genau.

Sie gehörten ja zueinander,

Julius Berndt und sie. Seit einem halben Jahr

trafen sie sich nun, manchmal zum Tanzen am Wochenende

oder für einen Spaziergang. Jetzt saßen sie zum ersten Mal

in seiner kleinen Bude, die ein einziges Zimmer war,

sie saßen nebeneinander auf dem Bett.

Es gab auch einen Stuhl, der lag voller Kleidung.

Sie waren sich versprochen,

dennoch war es für Frieda ungewohnt,

neben ihm zu sitzen und niemand um sie herum.

Auf eine süße Art war es unheimlich, fremd,

so neu, dass es ihr den Mund verschloss,

wie ganz am Anfang, aber er redete über ihr

unbeholfenes Schweigen hinweg, bestritt

die Unterhaltung - gut gelaunt - ganz allein,

brachte sie schließlich zum Lachen - das

konnte er gut - und fing an zu kramen.

Er wollte ihr etwas zeigen.

Etwas Besonderes, das spürte sie.

Es war ein Funkeln in seinen Augen, so geheimnisvoll

wie das Abenteuer, das ihn stets umwehte,

das in seinem Lachen, in seinen Geschichten

immer auf eine verführerische Weise mitklang.

Also holte er das Papier hervor.

Auseinandergefaltet bedeckte es den ganzen Tisch.

Sie starrte auf die Zeichnung, offensichtlich

der Bauplan für ein Schiff. Sie bewunderte

die Feinheit der geraden Linien, die Zahlen und Buchstaben,

die so ebenmäßig und gleichförmig waren,

als seien sie gedruckt.

„Du könst gaud teken“, meinte sie erstaunt.

Was man bauen wolle, müsse man

ja wohl auch zeichnen können, erklärte er lächelnd.

Sie sah ihn fragend an. Ein Schiff wollte er bauen?

„Jo“, sagte er, lachte leicht. „Ist wohl eher een Boot.

Eenmaal bau ick dat, und dann stek ick wedder in See.“

Na, da horchte sie auf. In See wollte er stechen?

Was war denn dann mit der geplanten Heirat?

Er lachte über ihre Frage und seine Augen strahlten,

man hätte sich die Hände daran wärmen können.

Er versprach ihr, er würde niemals ohne sie

in See stechen und davonsegeln. Niemals.

Dabei legte er den Arm um ihre Schultern,

küsste sie, zog sie näher und näher, bis ihr

schwindelig wurde.

Wie praktisch war es doch, sie brauchten sich nur

in die Kissen fallen zu lassen und konnten miteinander tun,

was ihnen gefiel, natürlich nur leise

mit viel Geflüster und unterdrücktem Kichern,

damit bloß die Hauswirtin nichts hörte. Hinterher

lagen sie beieinander, eng umschlungen.

Sie drückte ihre Wange an seine nackte Schulter,

wollte ganz entschieden nirgendwo anders sein.

„Wetst, mien Frieda“, murmelte er leise

in die Stille hinein. „Wenn du upm Schipp

in de Ferne kiekst, dann gifft dat nur noch de See,

de Himmel und de Streek dortwischen,

de Kimme. Sonst nix, ook nich di sülvst,

kannste dat verstahn?“

„Nei“, gab Frieda zu.

Er küsste ihren Haaransatz an der Stirn

und erzählte noch mehr Verwirrendes

von der Weite des Meeres,

von Wind und Wellen und von einem Sternenhimmel,

der in Stettin niemals zu sehen sei. Zugleich streichelte er

unentwegt über ihre Seite. Es war ihr,

als könne sie durch die sanfte Bewegung

seiner Hände die Wellen des Ozeans

direkt unter ihrer Haut fühlen.

Ein anderes Meer brauchte sie nicht.

Jetzt jedoch - all die Jahre später -

breitet er die Zeichnung auf einem Wirtshaustisch aus.

Ein fremder Mensch nickt bewundernd oder skeptisch

oder lässt sich von Julius seinen Traum erklären.

Warum muss der Kerl die Zeichnung noch

ein zweites Mal sehen?

Warum nur, wo doch einmal reicht?

Dieser Gedanke lässt sie nicht los. Lästig und unbequem

steckt er in ihr und will sich nicht vertreiben lassen.

Er begleitet sie beim abendlichen Gebet,

während sie die Kinder küsst und zudeckt,

späte Fragen beantwortet, letzte Streitereien schlichtet,

Kissen zurechtzupft, Wangen streichelt. Er meldet sich,

als sie die eingeweichte Wäsche aus der Wanne hebt,

scheuert, spült und auswringt,

sie in den Trockenboden hinaufträgt,

an die Leinen hängt. Selbst noch

beim Bügeln der weißen Sonntagskleider

steckt er irgendwo hartnäckig in ihrem Hinterkopf.

Sie stellt das heiße Plätteisen auf die Küchenhexe,

direkt neben den großen Topf mit der Suppe, die sie schon

für das Sonntagsessen vorbereitet hat,

hängt die guten Kleider auf Bügeln

an den Küchenschrank, damit sie glatt bleiben

für den morgigen Kirchgang,

sogar Eddis kleinen Matrosenanzug.

Mit einem müden Seufzer räumt sie

das letzte Geschirr weg, zieht die Uhr auf,

spült sich die Zähne, öffnet das hochgesteckte Haar,

legt Rock und Bluse über einen Stuhl.

Sie löscht das Licht,

tastet sich in der Schlafkammer zum Bett,

schiebt die beiden Körper der Kleinen

auseinander, Lotte in die eine,

Käte in die andere Richtung,

drängt sich dazwischen, sinkt

in die tröstliche Wärme der schlafenden Kinder,

lauscht auf das leise Atmen, schließt die Augen.

Aber der Schlaf will nicht kommen trotz aller Müdigkeit.

Selbst jetzt verfolgt das Bild

eines gesichtslosen Fremden sie,

der sich für die Zeichnung ihres Mannes interessiert

und Unruhe in ihr Leben bringt.

Als Julius Berndt anfing, ihr den Hof zu machen,

vor all den vielen Jahren, die inzwischen

ins Land gegangen sind, die so Vieles

verändert haben, die ihr Leben zu dem gemacht haben,

was es heute ist mit dem Guten, all dem Guten,

was ihr geschenkt worden ist, wie auch mit dem,

was sie verloren hat,

damals,

war sie jung und unbefangen, munter,

ein fröhliches Mädchen, so sagte man ihr nach,

aber diesem Kerl, diesem Julius Berndt,

der ihr hartnäckig den Hof machte,

dem stand sie anfangs durchaus skeptisch gegenüber.

So groß, wie er war, so dunkel,

zu hager, um der Mann ihrer Mädchenträume zu sein.

Immerhin hatte er die sehnigen Arme von einem,

der anzupacken weiß, und einen ansehnlichen,

wahrhaft kaiserlichen Schnurrbart.

Das sprach gewiss für ihn.

Zudem war er Facharbeiter.

Aber nicht der gute Verdienst

gab den Ausschlag – auch wenn sie

gerade vor ihren Freundinnen durchaus stolz war.

Wie er da stand vor dem Tor der Fabrik,

die Schiebermütze in der Hand, ein Facharbeiter, jawoll,

ein Facharbeiter holte sie ab. Es war auch nicht

sein Talent, Geschichten zu erzählen.

Nein, den Ausschlag gab etwas anderes:

sie las in seinem Blick ein Versprechen.

Er würde sie niemals schlagen, betrügen oder verlassen,

er würde seinen Verdienst weder versaufen,

noch verspielen. Er versprach das nicht mit Worten,

darauf hätte sie nicht viel gegeben.

Wortgewandten Männern ist nicht zu trauen.

Aber mit Blicken zu lügen,

das ist schon schwerer.

So begann Friedas Zuneigung gegenüber Julius Berndt

zu wachsen. Sie ließ sich sein Werben gefallen.

Wenn sie zusammen Hand in Hand

am Flussufer entlangschlenderten,

erfüllte sie die Aussicht, eines Morgens

neben diesem Mann aufzuwachen,

in einem gemeinsamen Bett, einer gemeinsamen Wohnung,

schon bald mit einer mehr und mehr

von Ungeduld bestimmten Vorfreude.

Noch immer liegt sie wach in ihrem Bett

zwischen den beiden kleinen Mädchen,

als die Haustür aufgeschlossen wird.

In der Stube geht das Licht an.

An dem schmalen hellen Streifen

unter der Schlafzimmertür kann sie es sehen.

Dort scheint das Licht hindurch, erhellt

ein wenig die Schlafstube. Jetzt kann sie

die schlafenden Kindergesichter um sich herum