Wiedersehen im Kamelienhaus - Tabea Bach - E-Book

Wiedersehen im Kamelienhaus E-Book

Tabea Bach

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Beschreibung

Dieses Buch gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Farbschnitt. Sobald die Farbschnitt-Ausgabe ausverkauft ist, liefern wir die Ausgabe ohne Farbschnitt aus.

Lucy Riwall hat auf der japanischen Insel Soshima die Leitung der knapp vor dem Aus stehenden tsubaki-Manufaktur übernommen und damit keine leichte Aufgabe geschultert. Und sie muss hart arbeiten, um das Vertrauen der Mitarbeitenden zu gewinnen. Dabei denkt sie sehnsüchtig an Finn und fragt sich, ob sie je wieder zusammenkommen werden. Doch auf dem großen Jubiläumsfest in Lucys bretonischer Heimat, zu dem sie mit ihren japanischen Kolleginnen und Kollegen anreist, kommt es zu überraschenden Wendungen und unerwarteten Begegnungen. Und Lucy wird klar: Es gibt selten einen einfachen und geraden Weg durch das Leben ...

Kamelienzauber in Japan: Perfekte Feel-Good-Lektüre

Zweiter Band der wundervollen Romanreihe um eine Kamelienölmanufaktur

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchTitelZitatAus Sylvias Tagebuch1 Soshima2 HanamiAus Sylvias Tagebuch3 Solenns Geburtstag4 Das Fest5 Der Überraschungsgast6 Die Kunst, sich unbeliebt zu machenAus Sylvias Tagebuch7 Die Party8 NachwehenAus Sylvias Tagebuch9 Momokos PläneAus Sylvias Tagebuch10 Liebesdinge11 GeschwisterzeitAus Sylvias Tagebuch12 Sylvias Besuch13 Das Geständnis14 Das WiedersehenAus Sylvias Tagebuch15 Sommer auf Soshima16 Der TaifunAus Sylvias Tagebuch17 Das ErntefestAus Sylvias TagebuchDanksagungGlossar Wiedersehen im KamelienhausÜber die AutorinImpressum

Über dieses Buch

Dieses Buch gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Farbschnitt. Sobald die Farbschnitt-Ausgabe ausverkauft ist, liefern wir die Ausgabe ohne Farbschnitt aus.

Lucy Riwall hat auf der japanischen Insel Soshima die Leitung der knapp vor dem Aus stehenden tsubaki-Manufaktur übernommen und damit keine leichte Aufgabe geschultert. Und sie muss hart arbeiten, um das Vertrauen der Mitarbeitenden zu gewinnen. Dabei denkt sie sehnsüchtig an Finn und fragt sich, ob sie je wieder zusammenkommen werden. Doch auf dem großen Jubiläumsfest in Lucys bretonischer Heimat, zu dem sie mit ihren japanischen Kolleginnen und Kollegen anreist, kommt es zu überraschenden Wendungen und unerwarteten Begegnungen. Und Lucy wird klar: Es gibt selten einen einfachen und geraden Weg durch das Leben …

Kamelienzauber in Japan: Perfekte Feel-Good-Lektüre

Zweiter Band der wundervollen Romanreihe um eine Kamelienölmanufaktur

Tabea Bach

Der Bambus, der sich biegt, übersteht den Sturm.

Japanisches Sprichwort

Aus Sylvias Tagebuch

Heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich sah Lucy auf einer Brücke stehen, die diesen Namen eigentlich gar nicht verdiente, statt auf soliden Balken balancierte sie auf miteinander verflochtenen Seilen über einem tiefen Abgrund. Ich wollte ihr etwas zurufen, doch aus meiner Kehle kam kein einziger Ton. Außerdem schien sie mich gar nicht zu sehen. Sie hielt sich an einem der Taue fest und sah wie gebannt ans gegenüberliegende Ufer. Dann machte sie vorsichtig einen Schritt, und die gesamte Brücke geriet so sehr ins Schwanken, dass ich sicher war, sie müsste stürzen. Zum Glück wachte ich vorher auf, ich war schweißgebadet.

Warum träume ich denn so etwas? Meiner Tochter geht es gut in Japan, sie hat sich wunderbar auf der Insel Soshima eingelebt, und ich bin sicher, sie ist ihren Aufgaben als Direktorin der dortigen Kamelienöl-Manufaktur bestens gewachsen. Wir stehen dauernd in Kontakt, und sie weiß, dass sie mich jederzeit um Rat fragen kann. Ende Januar erreichte uns endlich wieder die notwendige Charge von dem tsubaki-Öl, wie es in Japan heißt, das wir dringend für unsere Kosmetik-Produkte benötigen, und es ist von bester Qualität. Soviel ich weiß, wird dieser Tage die letztjährige Ernte von Kameliensamen verarbeitet, es ist das erste Öl, das unter der Direktion meiner Tochter hergestellt wird. Ich habe also guten Grund, stolz zu sein.

Offenbar mache ich mir tief in meinem Innern allerdings trotzdem große Sorgen, aber wieso?

Dabei habe ich mir vorgenommen, voller Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Zugegeben, die vergangenen Monate waren nicht einfach. Dass wir meiner besten Freundin Vero das Kapital, das sie vor mehr als fünfundzwanzig Jahren zur Gründung des Kamelienhauses investiert hatte, so plötzlich zurückzahlen mussten, hätte uns beinahe das Genick gebrochen. Und doch, ohne Vero hätte ich damals die leer stehende Fischkonservenfabrik drüben auf dem Festland niemals kaufen und zum Firmensitz meiner Kosmetikfirma umbauen können. Wir verdanken Vero viel, das Kamelienhaus ist für uns alle zu einer Art Heimat geworden. Fleurette ist dort mit ihrem Friseursalon und Michelle mit dem Kosmetikstudio untergekommen. Renés gemütliches Café ist nicht mehr daraus wegzudenken, ebenso wenig wie der Blumenladen von Alis und Anouk, wo sie die wundervollen Kamelien aus Maëls Spezialgärtnerei verkaufen. Und jetzt haben wir gemeinsam diese schwierige Phase gemeistert, ja, sie hat uns umso mehr zusammengeschweißt.

Meine Kosmetikmarke Fleur de Camélia verkauft sich besser denn je, ich habe erst vorige Woche einen wichtigen Großkunden gewinnen können, der unsere Produkte ins Sortiment der elegantesten Parfümerien in London, Paris, New York und Mailand bringen wird. Außerdem weiß ich, dass negative Gedanken gar nichts bringen, im Gegenteil, damit zieht man das Schlimme nur an. Nicht umsonst habe ich mir jene japanische Weisheit zum Lebensmotto gemacht, die besagt, dass Glück oder Unglück nur dann zu uns kommen, wenn wir sie einladen. Und haben meine Erfahrungen das nicht oft genug bestätigt?

Statt schlimmen Träumen nachzuhängen, will ich mich deshalb mit schönen Dingen beschäftigen: Immerhin stehen unser Firmenjubiläum und Solenns neunzigster Geburtstag unmittelbar bevor und an Arbeit mangelt es mir nicht. Das Beste an dem Ganzen ist, dass Lucy zu diesem Anlass zu Besuch kommen wird, auch Noah hat sich angesagt. Dann ist die ganze Familie wieder einmal beisammen. Ich freue mich schon so sehr darauf.

Maël ruft nach mir, heute hat er das Abendessen gemacht. Eine seiner Kamelienzüchtungen hat gerade eine internationale Auszeichnung erhalten und das wollen wir heute Abend ein bisschen miteinander feiern. Lucy schläft jetzt sicher tief und fest, Japan ist uns ja acht Stunden voraus. Ich schreibe ihr noch rasch eine Nachricht. Obwohl ich dem Traum keine weitere Bedeutung geben werde, möchte ich mich doch vergewissern, dass es ihr gut geht.

1 Soshima

Lucy erwachte von dem melodischen Gesang des Izu-Drosselpaars, das seit ein paar Tagen in dem Kamelienbaum neben ihrem Haus ein Nest baute. Es war noch früh, gerade mal sechs Uhr, und die Dämmerung färbte den Frühlingshimmel über der japanischen Insel Soshima in zarte Pastelltöne. Blinzelnd rieb Lucy sich die Augen und erhob sich von ihrem Futon. Sie schlüpfte in den gefütterten yukata, den Midori ihr geschenkt hatte, schob die mit gewachstem Papier bespannte Trennwand zur Seite und ging hinüber in ihre Küche, um Teewasser aufzustellen. Rasch zog sie warme Strümpfe über die Füße, zu so früher Stunde war es jetzt im März ziemlich kühl.

Dennoch trat sie wie jeden Morgen hinaus auf den überdachten Balkon, der an drei Seiten entlang des Hauses verlief. Sie sah hinunter auf das Dorf und über die Dächer hinweg auf die Weite des Pazifischen Ozeans. In der Ferne konnte sie gerade noch die Umrisse der Schwesterinsel Oshima ausmachen, von feinem Dunst umschleiert, ein tiefgrüner Buckel im ansonsten makellosen Blau. Darüber schwebte an diesem Morgen die dünne Sichel des abnehmenden Mondes wie ein Akzent.

Lucy atmete tief durch. Seit vier Monaten lebte sie jetzt hier, und noch immer konnte sie in Augenblicken wie diesen ihr Glück kaum fassen. Zwar hatte sie sich mit der Leitung der tsubaki-Kooperative, die das beste Kamelienöl der Welt produzierte, keine einfache Aufgabe aufgebürdet, denn der Betrieb hatte viele Probleme, und sie arbeitete jeden Tag von früh bis spät daran, diese zu lösen. Und doch konnte Lucy sich keinen Ort vorstellen, an dem sie lieber wäre. Die kleine Insel war ein Traum mit ihrem riesigen Bestand an wildwachsenden Kamelien und unzähligen anderen seltenen Pflanzen, gerade jetzt im Frühling waren die Hänge übersät von einheimischen Narzissen, und auch die inseltypischen Azaleen und Rhododendren hatten ihre ersten prallen Knospen bereits geöffnet.

Die Izu-Drosseln stimmten ihren Kampfruf an, um einen neugierigen Japanbrillenvogel zu verscheuchen, der auf seinem Erkundungsflug den üppig blühenden Kamelienbaum offenbar ebenfalls als idealen Brutplatz ausgemacht hatte. Lucy ging zurück ins Haus, um sich eine Tasse Tee aufzugießen, einen grünen sencha, der von einer kleinen, feinen Plantage der Insel stammte. Dann rollte sie ihre Yoga-Matte aus und begann mit ihren Übungen.

Heute war ein besonderer Tag. Lucys Mitarbeiterin Izumi Kimura, die für die Lagerung der Kameliennüsse in den Trockenspeichern der Kooperative verantwortlich war, hatte grünes Licht für die erste Pressung der letzten Ernte gegeben. In den vergangenen Tagen hatten Izumis Mitarbeiter die Samen von Hand aus den Nüssen herausgeschält und verlesen. Jetzt würde Lucy dabei sein, wenn das kostbare tsubaki-Öl gewonnen wurde. Zwar war ihr das bereits aus ihrer Heimat, der Kamelieninsel in der Bretagne, vertraut, doch das traditionelle japanische Verfahren, das hier angewendet wurde, war neu für sie. Denn Hiro Kobayashi, der vor einem knappen halben Jahr überraschend verstorbene frühere Direktor der Kooperative, hatte die Methode der Pressung nach und nach so verfeinert, dass die Qualität des Soshima tsubaki-Öls einzigartig war.

Lucy beendete ihre Yogaübungen und brühte sich eine weitere Tasse Tee auf. Während er zog, schaltete sie ihr Handy ein. Unter den Nachrichten war eine von ihrer Mutter Sylvia, die ungewohnt besorgt klang. Es war allerdings eine andere, die ihr Herz eine Frequenz höher schlagen ließ, und ihr Daumen aktivierte das Icon ganz von allein. Auf dem Screen erschien das Bild einer hölzernen, überdachten Brücke. Darunter stand: Clarkson Covered Bridge, Alabama, gut 82 Meter lang, erbaut 1904, durch eine Sturmflut 1921 zerstört, ein Jahr später restauriert. Ich hoffe, unsere Liebe hält allen Stürmen und Fluten stand. Finn.

Lucy lächelte und vergrößerte das Bild von der Brücke, um sie genauer zu betrachten. Dies war seit einigen Wochen das Spiel zwischen ihnen, sie sandten sich hin und wieder Bilder von Brücken, mehr nicht. Ein Außenstehender würde nie begreifen, warum sie das taten, keiner außer ihnen wusste, welche Rolle Brücken bei ihrem Kennenlernen gespielt hatten. Und dass sie für Finn und Lucy zu einem Symbol ihrer jetzigen Situation geworden waren: getrennt und doch miteinander verbunden. Und auf der Suche nach einer »Brücke«, mit deren Hilfe ein gemeinsames Leben für sie beide vielleicht irgendwann einmal möglich wäre.

Seufzend legte sie das Handy beiseite und nahm ihren Tee mit ins Badezimmer, das sich sehr von jenen in Europa unterschied. Statt eines einzigen Raums mit Waschbecken, Dusche, Badewanne und Toilette, gliederte es sich hier in drei Bereiche: einen Vorraum zum Eincremen, Schminken und Frisieren, daran anschließend eine Art Nasszelle mit Abfluss im Boden und Waschbecken samt ausziehbarem Duschkopf, sodass man sich bequem auf einem Hocker sitzend abbrausen konnte, und schließlich ein Raum mit einer abdeckbaren Wanne, in der mithilfe eines Reglers das Wasser ständig warm gehalten wurde, damit sie jederzeit ein entspannendes Bad nehmen konnte. Die Toilette befand sich wie in jedem japanischen Haushalt am anderen Ende der Wohnung. An diesem Morgen begnügte Lucy sich mit einer Dusche und machte sich anschließend für den aufregenden Tag zurecht, der vor ihr lag. Sie zog eine schlichte, schwarze Bügelfaltenhose an und schlüpfte in eine der vielen weißen Blusen, die sie sich in den vergangenen Wochen angeschafft hatte – die typische japanische Geschäftskleidung.

Während ihres Frühstücks, das aus zwei Toastscheiben mit ihrer heißgeliebten crème caramel aus der Bretagne bestand – einer der wenigen Dinge aus ihrer Heimat, die sie nicht missen wollte –, schrieb sie ihrer Mutter ein paar beruhigende Zeilen. Sie wollte das Handy gerade weglegen, als eine Nachricht von ihrer besten Freundin Lili eintraf.

Hey, schon auf? Du errätst nie, wo ich gerade bin.

Wo denn?, schrieb Lucy zurück. Lili lebte in Tokio, aber als Topmodel war sie beruflich ständig unterwegs. Ein Selfie erschien auf dem Screen, auf dem Lili mit Pudelmütze und futuristisch wirkendem Skianzug vor einer tief verschneiten Piste posierte. Im Hintergrund konnte Lucy Mary erkennen, Lilis Model-Agentin, die auf einen Mann mit einer Fotokamera in der Hand einzusprechen schien.

Auf Hokkaido. Wintermode-Shooting. Es ist sch…kalt!

Lucy musste lachen. Erst jetzt sah sie die verzweifelt-komische Grimasse, die ihre wunderschöne Freundin auf dem Foto schnitt. Komm nach Soshima, schlug Lucy ihr vor. Hier ist schon Frühling. Wie geht es Takeshi?

Die Antwort kam umgehend. Er ist jetzt in Australien. Manchmal denke ich, diese Welttournee wird niemals enden. Darauf folgten eine Reihe von Emoticons, die Lilis wachsenden Grad an Verzweiflung abbildeten.

Alles geht einmal zu Ende, schrieb Lucy, löschte die Worte jedoch sogleich wieder. Klang das nach Trost? Eher nicht. Also tippte sie: Dein Verlobter gehört eben seinen Fans, und fügte ein Lachgesicht und ein paar Herzchen hinzu. Dennoch musste Lucy ihrer Freundin im Stillen recht geben. Takeshi Watanabe, einer der erfolgreichsten japanischen Popsänger, dessen Songs weltweit in allen Charts ganz oben standen, war jetzt schon seit Monaten unterwegs. Genau genommen seit dem Tag nach seinem überraschenden, heimlichen Heiratsantrag, bei dem er Lili einen wundervollen Diamantring an den Finger gesteckt hatte. Er schreibt dir aber noch, oder?, fragte sie.

Jeden Tag und jede Nacht, kam es umgehend zurück. Und manchmal singt er mir per Voicemail sogar etwas vor.

Na also! tippte Lucy erleichtert in ihr Gerät und ergänzte einen gereckten Daumen. Aber natürlich war ihr klar, in welchem Dilemma ihre Freundin steckte. Denn Takeshi Watanabe hatte sich – und das gab es ihres Wissens nach so auch nur in Asien – vertraglich verpflichtet, keine persönliche Bindung einzugehen. Was Lucy geschrieben hatte, war kein Scherz: Takeshi gehörte seinen Fans. Und sollte seine Verlobung bekannt werden, wäre seine Karriere über Nacht beendet – das war schon anderen Künstlern vor ihm passiert.

Es geht los, erschien auf dem Bildschirm, gefolgt von einem Kussmund. Machs gut.

Du auch.

Lucy sah auf die Uhr und zog den knielangen Cardigan aus feiner Merinowolle über, den ihre Mutter ihr geschenkt hatte, mit dem sie wie eine Chefin gekleidet war und trotzdem nicht frieren musste. Dann nahm sie ihre Tasche und verließ das Haus.

Der Weg zu ihrem Büro führte durch den schönsten Bereich der Kooperative, einen Park voller Zierkirschen und Pflaumenbäume, die gerade ihre rosafarbenen und weißen Blüten öffneten, außerdem gab es einige riesige Tabunoki-Bäume, die mit ihren ausladenden Kronen den Tempel mit den Urnengräbern der drei wichtigsten Familien der Insel wie uralte Wächter zu behüten schienen. Wie jedes Mal blieb Lucy auch heute kurz vor dem Schrein stehen. Vor gut vier Monaten waren hier die Gebeine von Lucys Vorgänger Hiro Kobayashi beigesetzt worden. Von einem frischen Räucherstäbchen stieg der blaugraue Rauch als dünner Faden auf, kräuselte sich und erfüllte die Luft mit bittersüßem Duft – offenbar war Midori, Hiros Witwe, an diesem Morgen schon hier gewesen. Lucy holte ein weiteres aus einem Kästchen neben dem mit Sand gefüllten Behältnis, in das man die Stäbchen stecken konnte, und zündete es ebenfalls an. Zu beiden Seiten des Tempels wuchsen zwei stattliche Kamelienbäume, der eine mit weißen und der andere mit roten Blüten. Zu Letzterem schritt sie über den karmesinfarbenen Teppich aus herabgefallenen Blüten, die den Boden fast vollständig bedeckten. An dieser Stelle hatten sie und Finn voneinander Abschied genommen, nachdenklich glitten ihre Finger über die silberfarbene Rinde des Baumes. Ein erster Lichtstrahl fiel durch seine Zweige und brachte ein paar Blüten zum Leuchten. Lucy wandte sich zu dem Mühlbach um, der den Tempelbereich vom Firmengelände trennte und in früheren Zeiten die Ölpresse angetrieben hatte. Jetzt warf die Morgensonne goldene Flecken auf die hübsche Brücke aus rot lackiertem Holz, über die Finn damals fortgegangen war, und jedes Mal, wenn Lucy sie betrat, musste sie an ihn denken. Und an das, was er gesagt hatte. Dass er ihr erst dann wieder gegenübertreten könnte, wenn er sein Leben neu sortiert habe. Seither schickten sie sich Bilder von Brücken. Was genau er allerdings plante, um sein Leben »neu zu sortieren«, davon verriet er in seinen Nachrichten bislang noch nichts.

Auf dem Gelände der Kooperative herrschte bereits emsige Betriebsamkeit. Izumi Kimura und ihre Helferinnen hatten die großen rechteckigen Siebe in den Hof geholt, auf denen die Kameliennüsse den Winter über in überdachten Trockenspeichern gelagert gewesen waren. Nun wurden die herausgelösten Kerne ein letztes Mal per Hand sortiert, die geübten Augen der Mitarbeiterinnen, die zu dieser Arbeit wie auch zur Ernte im Herbst hinzugezogen wurden, erkannten sofort, wenn Kerne durch Schimmelbildung oder Parasiten unbrauchbar geworden waren und entfernten sie blitzschnell.

»Eine gute Ernte insgesamt«, erklärte Izumi, nachdem Lucy sie und ihre Helferinnen begrüßt hatte. »Wir haben wenig Ausschuss. Das liegt unter anderem daran, dass wir bereits im Herbst darauf geachtet haben, nur die besten Nüsse ins Trockenlager zu geben. Gut gemacht«, lobte sie ihre Mitarbeiterinnen.

»Ich bin sehr froh, dass ihr so sorgfältig arbeitet«, ergänzte Lucy und verneigte sich leicht vor den nun strahlenden Frauen.

»Wir machen schließlich das beste tsubaki-Öl«, sagte Akiko Miyamoto, mit ihren einundsechzig Jahren die Älteste der Erntehelferinnen, stolz. »Und so soll es auch bleiben.«

Noch einmal verbeugte Lucy sich, so wie es in der japanischen Kultur angebracht war, neigte dabei ihren Oberkörper um gefühlt dreißig Grad nach vorne – das hatte sie bereits während ihres japanischen Austauschjahrs als Schülerin vor mehr als zehn Jahren ausgiebig geübt, bedankte sich und ging in die Werkshalle.

Taro Tanaka, der Produktionsleiter, stand so konzentriert an der komplizierten, etwas altertümlich aussehenden Maschine, als führte er einen stillen Dialog mit der Presse. Ein Sonnenstrahl, der durch die hohen Fenster fiel, ließ das Werkzeug in seiner Hand silbern aufblitzen, mit dem er gerade eine Schraube oder etwas Ähnliches justierte, Lucy konnte es nicht genau erkennen. Um ihn nicht zu stören, hielt sie kurz inne und betrachtete seine gebeugte, schmale Gestalt. Taro war erst neulich sechzig geworden und doch schien er alterslos zu sein, trotz der runden Retro-Nickelbrille, mit der er mitunter wie ein Philosoph aus dem vergangenen Jahrhundert auf Lucy wirkte. Vor allem dann, wenn er mit ihr über das Handwerk der Ölherstellung sprach, das, so technisch es auch sein mochte, in seinen Augen ein Sinnbild für alles schien, was ihm im Leben wichtig war: Genauigkeit, Sorgfalt, und Liebe zum Detail. Die Verpflichtung zur Tradition und das Bestreben, die kulturellen Werte der Vergangenheit in die Zukunft zu führen. Es geschah nicht oft, dass Taro sich dazu hinreißen ließ, mit ihr über diese Dinge zu sprechen. Aber wenn er es tat, dann leuchteten seine Augen hinter den Brillengläsern und seine Stimme vibrierte vor Begeisterung.

»Wir nennen das monozukuri«, hatte er ihr einmal erklärt. »Das ist die Bemühung um handwerkliches Können und das Bestreben, dieses ständig zu verfeinern, um der Perfektion so nahe wie möglich zu kommen. Alles muss stimmen und miteinander im Einklang sein.« Spätestens da hatte Lucy Taro in ihr Herz geschlossen. Jetzt wandte er sich um und lächelte ihr zu.

»Ohayou gozaimasu«, begrüßte Lucy ihn. »Nun? Ist alles im Einklang?«

Taro grinste breit. »Wir werden sehen«, antwortete er bescheiden. »In einer halben Stunde kann es losgehen. Und wenn es stimmt, was Izumi-San sagt, und die Nüsse sind von guter Qualität, werden wir ein schönes Öl aus ihnen herauslocken.«

»Dann gehe ich noch kurz ins Büro«, erwiderte Lucy. »Eine halbe Stunde sagst du?«

»Ich schick dir einen von meinen Jungs hoch, wenn es so weit ist.« Taro wischte sich die Hände an einem blitzend weißen Lappen ab.

»Danke.«

Im Treppenhaus musste Lucy auf einmal an ihren allerersten Besuch hier denken. So selbstverständlich sie heute die Stufen in den ersten Stock hinaufging, so fremd und ungewiss war damals alles für sie gewesen. Sie war im Auftrag ihrer Mutter gekommen, um herauszufinden, warum die Lieferungen mit Kamelienöl, das Sylvia für ihre Kosmetik dringend benötigte, so plötzlich und ohne Erklärung ausgeblieben waren. Niemals hätte sie es sich damals träumen lassen, einmal selbst die Geschicke der Ölmanufaktur in die Hand zu nehmen.

»Gut, dass du kommst«, empfing Momoko sie, nachdem Lucy ihre Assistentin und Kiku, die Sekretärin, begrüßt hatte. »Ich habe gerade festgestellt, dass wir die kleinformatigen Etiketten für die Kamelienöl-Proben, die du in Frankreich verteilen möchtest, noch nicht bekommen haben. Und die normalen sind auch fast aus. Sieh mal, das ist der Rest.« Empört hielt sie Lucy eine Handvoll von den Aufklebern entgegen.

»Und dabei wollten wir die Proben doch so bald wie möglich verschicken«, warf Kiku ein, die jüngere der beiden.

Natürlich. Denn das Jubiläum in der Bretagne würde in gut zwei Wochen stattfinden. Und Lucy wollte die Gelegenheit dazu nutzen, für das Soshima tsubaki-Öl Werbung zu machen, indem sie dort winzige Proben als Gastgeschenke verteilte.

»Habt ihr schon bei Yori-San nachgefragt, wann die Etiketten eintreffen?«, fragte Lucy.

»Ich kann mir das gar nicht erklären«, antwortete die Assistentin, die sich sichtlich für den Kollegen fremdschämte. »Letzte Woche hab ich ihn noch daran erinnert. Und heute Morgen behauptet er, nichts von dem Jubiläum gewusst zu haben.«

»Das ist ja wohl …« Lucy biss sich auf die Zunge. Es kam nicht in Frage, dass sie vor anderen Mitarbeitern über einen ihrer Angestellten schimpfte. »Ich werde mit ihm reden. Aber was noch wichtiger ist: Wie kommen wir jetzt auf die Schnelle an Etiketten?«

Einige Sekunden war es still im Büro. Momoko sah zu Kiku hinüber, dann zu Boden. »Weißt du, Lu-San, es fällt mir schwer das zu sagen«, erklärte sie schließlich. Auf der Insel hatte sich inzwischen eingebürgert, Lucys Namen auf Lu abzukürzen. »Leider ist es nicht das erste Mal, dass wir hier im letzten Moment Yoris Aufgaben übernehmen. Auch unter Hiro-San hat er sich so was immer wieder erlaubt.«

»Das stimmt«, murmelte Kiku verlegen und senkte ebenfalls den Blick. »Nicht, dass wir nicht helfen wollen. Nur … es ist einfach nicht fair.«

»Natürlich kümmere ich mich sogleich um die Etiketten, wenn du möchtest«, erklärte Momoko. »Es wäre nur wünschenswert, dass Yori-San endlich seine Arbeit tut.«

»Ich spreche mit ihm«, wiederholte Lucy betroffen. Yori war für den Bereich Marketing zuständig, ein charmanter Dreiundzwanzigjähriger, der sie oft zum Lachen brachte und jeden mit seiner guten Laune ansteckte. Und er war der jüngste Sohn von Fukutsu Sato, einem der beiden Besitzer der Wälder, aus denen die Kameliensamen stammten. Dass es mit der Werbung und den damit verbundenen Aufgaben nicht zum Besten bestellt stand, hatte Lucy natürlich längst bemerkt. Erst vor zwei Wochen hatte sie ein langes Gespräch mit Yori über neue Marketing-Maßnahmen geführt und er hatte sich alles eifrig notiert. Vermutlich hat er das mit den Etiketten schlichtweg vergessen, sagte sie sich, während sie in ihrem Büro nebenan ihre Mails überflog.

Sie waren mit Bestellungen gut ausgelastet. Von der alten Pressung war dank ihrer Initiativen nur wenig übrig. Auch die Kosmetikmanufaktur ihrer Mutter in der Bretagne gehörte zu ihren wichtigsten Abnehmern. Erst gestern hatte Muriel, Sylvias Laborleiterin, eine neue Bestellung geordert. Nun, ihr konnte sie die Ware problemlos ohne Etiketten schicken. Aber an fremde Kunden ging das natürlich nicht. Und ihre Idee mit den Gastgeschenken machte nur dann Sinn, wenn auf den Flacons stand, wo das Öl zu beziehen war.

Sie wählte Yoris Büronummer, doch offenbar war er noch nicht im Haus. Rasch beantwortete Lucy einige dringende Anfragen, schließlich klopfte Kiku an ihre Tür.

»Taro lässt dir ausrichten, dass sie mit der Pressung beginnen«, sagte sie.

Ehe sie ging, bat Lucy Momoko, für denselben Tag einen Gesprächstermin mit Yori zu vereinbaren. Dann eilte sie hinunter und über den Hof zur Werkshalle.

Für die anderen, auch für Sui Nakamura, die für die Qualitätssicherung des Öls zuständig war, mochte es Routine sein, Lucy jedoch schlug das Herz höher, als der erste Strahl des grüngoldenen Öls in den blitzblanken Behälter aus Edelstahl floss. Was für ein Wunder, dachte sie. Und welch ein Geschenk der Natur! Den dunkelbraun glänzenden Kameliennüssen sah man keineswegs an, dass sie einen solchen Reichtum bargen. Dankbarkeit erfüllte Lucy und Stolz, ein Teil dieses Prozesses zu sein und für ein so wundervolles Naturprodukt zu arbeiten. Und dabei hätte nicht viel gefehlt, und diese Manufaktur gäbe es heute gar nicht mehr. Diese Presse, an der Hiro-San gemeinsam mit Taro ein Leben lang Verbesserungen vorgenommen hatte, wäre um ein Haar demontiert und in die USA verschifft worden. Dann würden durch die weitgehend unberührten Wälder jetzt tiefe Schneisen geschlagen, um den wertvollen alten Baumbestand zu plündern. Und die meisten der einzigartigen Kamelienbäume der Insel wären ausgegraben und nach Alabama gebracht worden, um dort eine der größten Plantagen der Welt zu begründen, die niemand anderem als William A. Johnson gehörte, Finns Vater.

Lucy fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Dass ausgerechnet Finn derjenige gewesen war, der im Auftrag eines internationalen Konsortiums die Soshima tsubaki-Manufaktur mitsamt der fast die gesamte Insel umfassenden Ländereien hatte übernehmen wollen, war für sie noch immer unbegreiflich. Dabei hatte alles so wunderschön zwischen ihnen begonnen. Sie hatten sich im Flugzeug von Paris nach Tokio kennengelernt und einen zauberhaften Tag miteinander verbracht. Alle beide hatten sich rettungslos ineinander verliebt und waren nach einer traumschönen Liebesnacht mit dem Vorsatz auseinander gegangen, sich wiederzusehen, sobald sie ihre geschäftlichen Missionen erfüllt haben würden. Über ihre Arbeit hatten sie nicht gesprochen, Lucy hatte sich angewöhnt, Privatleben und Arbeit strikt voneinander zu trennen und vor allem nicht mit Fremden über ihre Mission zu sprechen. Und so war es für sie beide ein Schock gewesen, als sie sich auf Soshima plötzlich als Gegner gegenüber gestanden hatten.

Taro füllte zwei kleine Glasbehälter mit dem frischen Öl und reichte eines davon Lucy, das andere Sui Nakamura. Die Qualitätsprüferin hielt das Gefäß gegen das Licht und begutachtete den Inhalt, zog eine Lupe aus ihrer Kitteltasche und untersuchte das Öl noch genauer.

»Hm«, machte sie. »Wenig Schwebstoffe. Von denen kommt die grünliche Farbe«, erklärte sie zu Lucy gewandt. »Wenn Mariko das Öl erst durch ihre Seide gefiltert hat, wird ein helles Gold übrig bleiben.« Nun hielt Sui das Gefäß unter ihre Nase und schnüffelte ausgiebig, setzte es an ihre Lippen und kostete von dem Öl, wobei sie es wie ein Sommelier im Mund bewegte und deutlich schmatzende Geräusche von sich gab. Schließlich nickte sie zufrieden. »Bitte füll mir von jedem neuen Pressgang eine Probe ab«, sagte sie zu Taro.

Der nickte geduldig. »So wie jedes Mal, Sui-San. Haben wir das jemals anders gemacht?«

Sui strahlte über ihr ganzes Gesicht. »Nein, Taro-San. Und wir werden es auch nie anders machen. Hab ich recht?«

»Und wie du recht hast«, gab Taro freundlich zurück.

Als Lucy zurück ins Büro kam, wartete Yori Sato bereits im Vorzimmer auf sie. Er wirkte ausgesprochen schuldbewusst und sah sie aus seinen schönen dunklen Augen treuherzig an.

»Was ist mit den Etiketten?«, fragte Lucy ohne Umschweife, als er im Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte. »Wann können wir mit ihnen rechnen?«

»Ich habe natürlich umgehend bei der Druckerei angerufen«, erklärte Yori eifrig. »Leider dauert es noch … ein paar Tage.«

»Wann hast du sie denn bestellt?«

»Nun …«, er knetete verlegen seine Hände, »irgendwie war mir nicht klar, dass das so eilig ist. Ich habe den Druckauftrag natürlich sofort rausgeschickt und …«

»Wann hast du ihn rausgeschickt? Doch nicht etwa erst heute?« Lucy konnte kaum an sich halten vor Ärger.

»Gleich, nachdem Momoko mir …«

»Aber wir haben letzten Monat darüber gesprochen«, fiel ihm Lucy aufgebracht ins Wort. Sie warf einen Blick auf ihren Kalender. »Genauer gesagt vor zwei Wochen.«

Yori räusperte sich und schien nach Worten zu suchen. »Damals haben wir über vielerlei Dinge gesprochen«, sagte er leise. »Ich hab mir alles genau notiert und …« Er verstummte und betrachtete seine Hände in seinem Schoß. Die Schultern hatte er leicht hochgezogen und damit erinnerte er Lucy an einen Schüler, der von seiner Lehrerin gemaßregelt wird.

»Vom Notieren allein bewegen sich die Dinge nicht«, gab Lucy so ruhig wie möglich zurück. »Die zweihundert Fläschchen für Frankreich werden heute noch befüllt. Wir brauchen die Etiketten spätestens morgen.«

»Die Druckerei sagt …«

»Wenn die es nicht schafft, suchst du eben eine andere, die das über Nacht erledigt. Zweihundert Etiketten sind in einer halben Stunde gedruckt. Und dann fährst du dorthin, egal wo sich die Druckerei befindet. Auf Oshima. Oder von mir aus auch in Tokio. Du nimmst das Hochgeschwindigkeitsboot und bist am selben Tag zurück.« Und als sie Yoris hilflose Miene sah, fügte sie mit einem Seufzen hinzu: »Geh zu Momoko. Wie ich sie kenne, hat sie bereits eine Firma gefunden, die das hinbekommt.« Yori stand erleichtert auf. »Warte.« Der junge Mann blieb stehen und warf Lucy einen herzerweichenden Blick zu. Lucy rang mit sich. Sie dachte an Yoris Gehalt, das, so gering es auch war – wie alle Gehälter in der Kooperative seit ihrem Amtsantritt –, doch in dem schmalen Budget, das sie sich als Rahmen gesetzt hatte, zu Buche schlug. »Bleib noch einen Moment.« Sie wies auf den Stuhl, woraufhin der junge Mann sich wieder auf die vordere Kante setzte, so als sei das Möbel hochexplosiv. »Erinnerst du dich an vergangenen Herbst?«, fragte sie. Yori starrte sie mit großen Augen an. »Damals stand die Kooperative vor dem Aus. Weder du noch die anderen hätten heute noch ihre Arbeitsplätze, wenn ich nicht gekommen wäre. Ihr habt euch entschieden, gemeinsam mit mir zu versuchen, das Ruder herumzureißen. Aber das geht nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Wenn jeder, der das Glück hat, hier beschäftigt zu sein, sein Bestes gibt.« Yori nickte eifrig. »Leider kann ich das bei dir nicht erkennen.«

Yori schluckte. Eine leichte Röte bedeckte sein Gesicht. »Ich werde mich anstrengen«, sagte er tonlos und vermied es, Lucy in die Augen zu sehen.

»Das solltest du auch.« Lucy seufzte innerlich. »Du hast eine wichtige Position inne. Mit Marketing steht und fällt unsere Zukunft. Du kannst viel für uns erreichen. Aber nur, wenn du deine Arbeit ernst nimmst.« Sie sah in ihren Kalender. »Komm bitte wieder zu mir, wenn du das mit den Etiketten erledigt hast, und erstatte mir Bericht, was du wegen der anderen Maßnahmen, die wir besprochen haben, unternommen hast. Und nun beeil dich.«

Lucy musste kurz durchatmen, als sich die Tür hinter Yori geschlossen hatte. Es fiel ihr nicht leicht, die strenge Chefin zu geben. Aber es ging einfach nicht, dass dieser nette junge Mann, nur weil er sich als Sohn von Fukutsu Sato sicher fühlte, machte, was er wollte. Mit schwerem Herzen dachte sie an die Frauen und Männer, die sie im Januar hatte entlassen müssen, da ihre Arbeitskraft verzichtbar gewesen war. An diesen Kündigungen, die ihr unendlich schwergefallen waren, hatte kein Weg vorbeigeführt und das hatte auch das »Triumvirat«, wie Lucy die drei Eigentümer der Kooperative, Fukutsu Sato, Daiki Osawa und Midori Kobayashi, nannte, endlich eingesehen. Nur so würde es möglich sein, die finanzielle Schieflage des Unternehmens in absehbarer Zeit ins Lot zu bringen. Und das musste Lucy, denn sie hatte sich der Bank in Tokio verpflichtet und auch eigenes Kapital eingebracht, um den alten Kreditvertrag, mit denkbar ungünstigen Konditionen, in einen besseren umwandeln zu können. Sie hatten nur diese eine Chance, und die durften sie auf keinen Fall verstreichen lassen. Und Mitarbeiter wie Yori, so nett er war, konnte sich Soshima tsubaki-Öl schlichtweg nicht leisten.

Trotz der vielen Arbeit gönnte sie es sich an diesem Tag, die verschiedenen Arbeitsschritte der Ölproduktion kennenzulernen. Auf Soshima wurde das frischgepresste Öl mehrmals mithilfe von Filtern aus reiner, handgewebter Seide gereinigt. Dazu setzte Mariko längliche Beutel ein, die Lucy ein wenig an große Teesiebe erinnerte. Fasziniert sah sie zu, wie das noch leicht grünliche Öl langsam aus dem ersten Seidenbeutel tropfte, um von Filterung zu Filterung immer reiner und goldener in den Auffangbehältern zu schimmern.

»Wie oft durchläuft das Öl eine solche Filterung?«, fragte Lucy.

»Fünf Mal«, erklärte die junge Frau stolz. »Dann entscheidet Sui-San, ob es rein genug ist. Und wenn wir es abfüllen, sieben wir es ein letztes Mal. Deine kleinen Fläschchen sind übrigens schon fertig.«

Lucy ging mit ihr in den angrenzenden Raum, in dem die Abfüllanlage untergebracht war. In einem Regal standen die hübschen kleinen Flacons, die Lucy für diesen Zweck besorgt hatte, in Reih und Glied. Jedes fasste 10 ml, die abgerundeten Fläschchen schmeichelten sich angenehm in die Hand. Fehlten noch die winzigen Etiketten. Lucy konnte nur hoffen, dass alles rechtzeitig zum Jubiläum in der Bretagne ankommen würde.

»Midori-San lässt fragen, ob du mit ihr und Yumi zu Abend essen möchtest.«

Lucy sah erstaunt von ihrem Computer auf. Sie hatte Kikus Klopfen wohl gehört, war allerdings gerade in eine Excel-Datei vertieft gewesen. »Ist Yumi denn schon zurück?«, fragte sie. Midoris achtzehnjährige Tochter war für ein paar Tage nach Tokio gereist, um die Zulassungsprüfung zum Hochschulstudium abzulegen.

»Sie ist heute Vormittag angekommen.« Kiku sah sie erwartungsvoll an. »Soll ich zusagen? Midori meinte, um acht würde es ihr passen.«

»Ja, gerne«, erwiderte Lucy und sah auf die Uhr. Es war kurz nach fünf Uhr nachmittags. Wie immer verflog die Zeit viel zu schnell. »Vorher muss ich noch diese Kalkulation zu Ende bringen«, erklärte sie mit einem Seufzen. »Mir fehlen übrigens die aktuellen Zahlen von Hoshiko-San und seinen Leuten. Kannst du ihn bitte daran erinnern, sie mir zu schicken?«

Hoshiko war für den Vertrieb zuständig. Er und seine drei Mitarbeiter waren in ganz Japan unterwegs, versorgten Großhändler und ebenso kleinere Geschäfte mit tsubaki-Öl und versuchten, neue Kunden für ihr Produkt zu begeistern. Um diese Mitarbeiter und deren Stellen hatte Lucy erbittert gekämpft, als es um die leidigen Entlassungen ging. Ohne einen guten Vertrieb konnte das beste Produkt nicht erfolgreich sein. Allerdings blieb ihr am Ende ihres ersten Geschäftsquartals wohl nichts anderes übrig, als auch hier zu prüfen, ob diese Angestellten, die sie wie alle von ihrem Vorgänger übernommen hatte, tatsächlich hielten, was sie sich von ihnen versprach. Denn bald, genau gesagt bereits in zwei Wochen, musste sie bei der Bank in Tokio ihren ersten Rechenschaftsbericht vorlegen, und das war kein Termin, dem sie besonders freudig entgegensah.

Noch eine weitere Stunde vertiefte sie sich in ihre Bilanzen, ehe sie den Computer herunterfuhr. Sie hatte gerade das Bürogebäude verlassen, als ihr Handy klingelte. Es war Kento, der nette Bruder von Lilis Verlobtem, der Lucy im vergangenen Herbst so freundlich geholfen hatte, die neue Bank zu finden und den alten Kreditvertrag mit den fürchterlichen Bedingungen umzuschulden.

»Moshi moshi«, meldete sie sich, wie in Japan üblich. »Wie geht es dir?«

»Das wollte ich gerade dich fragen.« Kento klang liebenswürdig wie immer. »Hattest du einen angenehmen Tag?«

»Ja, vielen Dank«, gab Lucy zurück. »Du auch?«

Sie tauschen noch ein paar Förmlichkeiten, dann kam Kento zur Sache. »Ich wollte dir etwas vorschlagen.« Er schien kurz zu zögern.

»Was denn?«, ermunterte Lucy ihn.

»Die sakura-Blüte beginnt bald«, hörte sie Kento sagen. »Die Kirschblüte. Und ich wollte dich zu hanami einladen.«

»Du meinst, dass wir gemeinsam diese Blütezeit feiern?« Wenn im Land die Kirschen blühten, zog es die Menschen hinaus in die Natur, in Parks oder an Flussufer, um unter der rosafarbenen oder weißen Pracht ein Picknick zu machen oder sich ganz einfach dort hinzulegen und zu genießen.

»Ja genau«, erwiderte Kento. »Warst du eigentlich schon beim Fujisan?«

»Wir haben während meiner Schulzeit in Tokio eine Klassenfahrt dorthin gemacht«, erzählte Lucy.

»Ist das nicht Jahre her?«

»Ja, elf, um genau zu sein.« Sie lachte. »Und leider hüllte sich der Berg an dem Tag in Nebel, wir haben ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekommen.«

»Dann holen wir das jetzt nach. Ich würde dich gern zu einem Ausflug dorthin einladen. Während der Kirschblüte ist es besonders schön da. Denkst du, du kannst zwei Tage freimachen? Wir könnten eine kleine Wanderung zu wundervollen Aussichtsplätzen machen und in einem ryokan übernachten.«

Lucy zögerte. Ihre Zeit war knapp bemessen. Und doch klang dieser Vorschlag absolut verlockend. Einen Ausflug zum höchsten Berg und Wahrzeichen Japans wollte sie ohnehin schon lange unternehmen.

»Ich fliege am 9. April von Tokio nach Frankreich«, wandte sie ein. »Und davor muss ich noch einen Termin bei der Bank vereinbaren.«

»Vielleicht kannst du ihn auf den 6. oder 7. legen? Dann würde es passen.«

Lucy überlegte. Konnte sie sich das zusätzlich zu dem langen Wochenende zu Hause in Frankreich erlauben? »Ich versuch’s«, sagte sie schließlich. »Danke für den schönen Vorschlag.«

»Ich würde mich sehr freuen«, hörte sie Kento sagen.

Während Lucy versprach, den Termin mit der Bank bald abzuklären und sich von Kento verabschiedete, sah sie Yumi aus dem Haus ihrer Mutter kommen, das sich am Rande des Betriebsgeländes befand. Sie hielt den Kopf gesenkt, sodass ihr langes, schwarzes Haar ihr ins Gesicht fiel. Als sie Lucy entdeckte, zögerte sie kurz. Doch offenbar wollte sie das Firmengelände verlassen und dafür gab es keinen anderen Weg als direkt an Lucy vorbei.

»Konnichiwa«, begrüßte sie die junge Frau. »Wie geht es dir?«

»Es geht«, lautete die ausweichende Antwort. Yumi presste die Lippen zusammen.

»Wie war die Prüfung?«, fragte Lucy und sogleich befiel sie ein ungutes Gefühl. Yumis Augen waren leicht gerötet. Hatte sie geweint?

»Ich habe sie nicht bestanden«, antwortete Yumi mechanisch und sah an Lucy vorbei.

Lucy schwieg bestürzt. Den ganzen Winter über hatte Yumi auf diese Prüfung gelernt. In Japan genügte der dem Abitur entsprechende Schulabschluss nicht, um zu einem Universitätsstudium zugelassen zu werden, jeder, der studieren wollte, musste sich noch einmal beweisen.

»Das tut mir leid«, sagte sie mitfühlend. »Aber … kannst du das denn überhaupt schon wissen? Ich dachte, du bekommst das Ergebnis erst in einigen Tagen per Mail?«

»Ich habe die Prüfung nicht zu Ende gebracht«, erwiderte Yumi trotzig und machte eine abweisende Miene. »Bitte entschuldige mich. Ich bin verabredet. Einen schönen Abend.« Sie verbeugte sich leicht vor Lucy und eilte davon, durchquerte das Werkstor und verschwand hinter der nächsten Hausecke.

Betroffen schlug Lucy den Heimweg ein. Das musste eine herbe Enttäuschung für die junge Frau sein und für ihre Mutter nicht weniger. Ob sich die beiden gestritten hatten? Und ob Midori unter diesen Umständen an diesem Abend überhaupt noch Lust auf Lucys Gesellschaft hatte?

Zu Hause tauschte Lucy die förmliche Businesskleidung gegen bequeme Leggins und eine mit Kranichen bedruckte Baumwolltunika, ein Geschenk von Lili. Es war sieben Uhr, sie hatte also noch Zeit und beschloss, vor dem Abendessen einen Spaziergang zu machen, schlüpfte in ihre Trekkingschuhe und legte sich eine leichte Strickjacke um die Schultern. Wenige Schritte hinter dem Haus führte ein Pfad steil den Hang weiter hinauf und verschwand nach einigen Hundert Metern in einem lichten Wäldchen.

Sogleich umfing sie dessen besondere Atmosphäre. Dafür sorgten die vielen immergrünen Pflanzen, wie es sie nur hier gab. Da war das golden schimmernde Laub des Shii-Baums, die vielen schlanken, rötlichen Stämme der bambusblättrigen Japanischen Eiche, die japanische Schwarzkiefer, die allein durch ihre charakteristische, gedrungene Form und die langen dicht gebündelten Nadeln sofort an Fernost erinnerten. Ihre dunkelgrünen Zweige bildeten einen wunderschönen Kontrast zu den Blüten der Soshima-Kamelien in leuchtendem Rot. Lucy zog vorsichtig einen Zweig zu sich herunter und betrachtete die Blüten, immer wieder war sie fasziniert von ihrer zarten Schönheit. In ihrer Mitte trugen sie ein Bündel an auffälligen, weißen Staubgefäßen, deren Spitzen in einem intensiven Goldorange ausliefen. Doch es gab auch andere Kamelien in Weiß, Rosa und zartem Gelb, von Insekten umschwärmt. Lucy konnte sich an diesem Zauberwald, der fast die gesamte Insel bedeckte, niemals sattsehen. Tief sog sie die würzigen Aromen ein, den bittersüßen Geruch der Erde, der Flechten und Moose, die den Grund bedeckten. Bei einer Abzweigung wählte sie den Weg, der in Richtung Westen führte, um noch so lange wie möglich das Spiel der Abendsonne auf dem Blätterwerk und den Blüten bewundern zu können. Ganz besonders genoss sie die goldenen, schräg einfallenden Lichtbänder, die hier und dort ihren Weg zwischen den Zweigen in den Wald fanden, und in denen Pollen und Insekten tanzten.

Lucy blieb stehen und ließ die vielen Eindrücke auf sich wirken. Nach einem langen Arbeitstag war dies einer der Orte, an dem alle Anspannung von ihr abfiel. In den vergangenen Wochen war ihr erst so richtig bewusst geworden, welch große Aufgabe sie mit der Leitung der Kooperative geschultert hatte. In rund einem Monat würde sie siebenundzwanzig Jahre alt werden. Sicher, in Europa hatte sie nach ihrem Studium schon einiges an Erfahrung im Berufsleben sammeln können. Doch eine so verantwortungsvolle Position hatte sie natürlich noch nie zuvor eingenommen. Vor allem die Finanzen des traditionsreichen Unternehmens standen auf wackeligen Beinen. Und immer wieder fühlte Lucy sich, als schlügen zwei Herzen in ihrer Brust. Die eine war begeistert von der Art und Weise, wie dieses wundervolle kosmetische Öl hier produziert wurde. Es schlug für die Menschen hier, die seit Generationen ihr Handwerk beherrschten und weitergaben. Das andere war mehr mit ihrem rationalen Denken verbunden, das genau wusste, wie wenig zeitgemäß einige der Produktionsschritte waren. Zum Beispiel die Klärung des Öls durch Marikos Seidenfilter, so wundervoll dieser Vorgang auch war – mit industriellen Filtermaschinen wäre dieser Prozess mit weniger Angestellten in einem Bruchteil der Zeit erledigt. Dennoch würde Lucy daran nichts ändern. Schließlich schlugen sich dieses und viele andere eher altertümliche Verfahren auf die Qualität des tsubaki-Öls nieder und ihre einzigartige Qualität war in ihren Augen ihr stärkstes Verkaufsargument. Denn nur so unterschieden sie sich von den zahlreichen Konkurrenzunternehmen, die es in Japan, China, Korea und Taiwan natürlich gab. Trotzdem. Sie musste Kosten einsparen. Und grübelte schon seit einer Weile darüber nach, wo das möglich und sinnvoll war.

Sie beschloss, an diesem Abend an anderes zu denken, und gerade, als sie den Rückweg einschlug, kündigte ein feines Vibrieren den Eingang einer Kurznachricht auf ihrem Handy an.

Wollen wir zum Essen zu Basho und Ima fahren? Wir sind allein, Yumi hat etwas anderes vor, schrieb Midori.

Gerne, antwortete Lucy erleichtert. Bei Ima und Basho, zwei liebenswürdigen Menschen, würde der Abend keinesfalls trübsinnig verlaufen. Außerdem aß sie für ihr Leben gern Bashos köstliche Gerichte, die er für seine Gäste zubereitete. Wann sollen wir los?

Passt es dir in einer Viertelstunde? erschien auf dem kleinen Bildschirm und Lucy quittierte es mit einem gereckten Daumen.

»Das ist doch keine Katastrophe.« Ima reichte Midori ein Schälchen mit eingelegtem Aal. »Yumi-Chan ist noch jung. Die Welt steht ihr offen. Wegen so einer dummen Prüfung muss man nicht an seinem Leben zweifeln.«

»Ich weiß gar nicht, ob sie das überhaupt tut«, erwiderte Midori seufzend und lud mit ihren Essstäbchen zwei Stücke von dem Aal auf ihren Teller. »Sie kommt mir eher trotzig vor. Stellt euch vor, sie hat die Prüfung mittendrin abgebrochen.«

»Warum soll sie sich quälen?« Ein liebevolles Lächeln legte Bashos Gesicht in feine Runzeln. »Nicht jeder muss studieren, auch wenn das heutzutage viele glauben. Und wenn sie das während der Prüfung erkannt hat – ist doch besser als Fukutsus jüngster Sohn, der erst nach drei Jahren Studium gemerkt hat, dass das nichts für ihn ist.«

Lucy horchte auf. Yori Sato hatte gar kein abgeschlossenes Studium? Nicht, dass sie auf Diplome und Master-Abschlüsse bestand, wenn jemand sein Metier auch ohne beherrschte. Aber bei Yori konnte sie das nicht gerade behaupten. Sie hatte sich nie die Zeit genommen, die Lebensläufe der Angestellten zu durchleuchten, die sie von ihrem Vorgänger übernommen hatte. Vielleicht sollte sie das besser mal tun?

»Was mir Sorgen bereitet – sie scheint keine Ahnung zu haben, was sie stattdessen machen will«, ergriff Midori wieder das Wort. »Egal, was ich vorschlage, sie zuckt nur mit den Schultern.«

»Das hab ich in ihrem Alter auch nicht gewusst«, behauptete Basho und hielt Lucy die Schüssel mit Reis hin. Offenbar war er der Meinung, sie habe noch lange nicht genug gegessen. »Das Leben ist mitunter ein mäandernder Fluss. Man kann am Anfang unmöglich wissen, an welchen Ufern man im Laufe der Jahre vorüberkommt.«

»Ich mache mir Sorgen. Früher war sie ganz anders«, erklärte Midori niedergeschlagen.

»Vergiss nicht, dass sie erst vor einem knappen halben Jahr ihren Vater verloren hat«, sagte Ima leise. »Und Hiro-Sans Tod kam ja so unerwartet. Ihr seid beide noch in Trauer. Kein Wunder, dass sie sich verändert hat.«

Midoris Augen wurden feucht. »Ich fürchte, es liegt auch an diesem Amerikaner. Diesem Johnson-San. Seit sie dem begegnet ist, ist sie nicht mehr dieselbe.«

Lucy schluckte. Johnson-San, das war Finn. Yumi hatte sich in ihn verliebt und hätte es viel lieber gesehen, dass seine Firma Amarelia International die Insel übernommen hätte – in dem irrigen Glauben, Finn wäre dann auf der Insel geblieben. Und noch heute nahm Lucy es ihm ein wenig übel, dass er der jungen Frau einige Flausen in den Kopf gesetzt hatte. Zum Beispiel die Idee, sie könnte in den USA studieren und später bei Amarelia International eine Stelle finden. Ob Finn ihr so etwas tatsächlich vorgeschlagen oder Yumi sich das allein ausgedacht hatte, wusste Lucy nicht so genau. Tatsache war, dass Midoris Tochter Lucy aus dem Weg ging, wo es nur möglich war. Und mit Sicherheit hatte sie irgendwie mitbekommen, dass Finn und Lucy trotz ihrer Konkurrenz um die Insel Gefühle für einander hegten, was hier sonst keiner wusste.

»Sie kann die Prüfung bestimmt wiederholen«, schlug Lucy vor und nahm einen Schluck grünen Tee.

»Ja, das ist meine ganze Hoffnung«, erklärte Midori. »Im Moment will sie allerdings nichts davon hören.«

»Das kann man ja verstehen«, warf Ima liebevoll ein. »Sie muss erst diesen Schreck verdauen. In ein paar Tagen sieht sie das vielleicht ganz anders.«

»Das wäre schön.«

»Yumi-Chan findet ihren Weg.« Basho nickte eifrig. »Die Reise nach Frankreich wird sie auf neue Gedanken bringen.« Er schenkte Lucy ein herzliches Lächeln. »Wenn ich nicht so alt und klapprig wäre, würde ich euch zu dem großen Fest begleiten. Ich würde zu gerne die Heimat unserer lieben Lu-San kennenlernen.«

»Wenn das so ist, dann müsst ihr zwei unbedingt mitkommen«, erklärte Lucy begeistert.

Doch Basho schüttelte entschlossen den Kopf und Ima winkte ab. »Es muss ja auch jemand hierbleiben«, sagte sie mit einem Grinsen. »Wer fährt noch mal alles mit?«

Lucy zählte auf. Midori mit Yumi und natürlich die Familien von Fukutsu und Daiki.

»Hast du eigentlich Kaya schon kennengelernt? Daikis Tochter?«, fragte Basho. Lucy verneinte. »Ein großartiges Mädchen.« Basho lächelte so sehr, dass seine Augen ganz schmal wurden. »Schon als Kind hat sie sich für unsere Pflanzen interessiert.«

»Sie beendet bald ihr Pharmaziestudium«, erläuterte Midori. »So viel ich weiß arbeitet sie gerade an ihrer Doktorarbeit.«

»Und der Bürgermeister kommt auch mit?«, fragte Ima neugierig.

»Ja«, sagte Lucy zufrieden. »Samt seiner Frau und seinem Sohn.«

»Das ist ja eine ganz ordentliche Delegation«, fand Basho und erhob sich, um die Nachspeise zu holen – seine unvergleichliche matcha-Eiscreme, die er zusammen mit eingelegten Pflaumen und mit süßer Bohnencreme gefüllten Klebereisbällchen servierte.

Zwei Tage später war Yori mit den Etiketten zurück aus Tokio und schon am dritten Tag brachte Momoko die Sendung mit den Probefläschchen auf den Weg nach Frankreich.

»Hast du alle Zolldokumente beigelegt?«, fragte Lucy.

»Aber sicher.« Momoko lächelte nachsichtig. »Es ist schließlich nicht mein erster Versand an deine Mutter.«

»Natürlich«, beeilte Lucy sich zu sagen. Sie war erleichtert. Wenn es gut lief und tatsächlich alle Papiere von den Zollämtern akzeptiert wurden, käme die Sendung noch rechtzeitig auf der Kamelieninsel an.

»Ich möchte gern mit dir über Yori-San sprechen«, sagte Lucy und bat ihre Assistentin, kurz bei ihr Platz zu nehmen. Ehe sie begann, vergewisserte sie sich, dass die Tür zum Vorzimmer wirklich geschlossen war. »Du weißt, dass wir weitere Einsparungen vornehmen müssen.« Lucy holte tief Luft. Dann sprach sie aus, was sie schon seit Tagen beschäftigte. »Ich überlege mir, Yori-San zu entlassen.« Sie beobachtete das Mienenspiel ihrer Assistentin genau. Momoko schien kein bisschen überrascht. »Was ist deine Meinung dazu?«

»Ich habe mir darüber ehrlich gesagt auch schon Gedanken gemacht«, antwortete Momoko. »Und da du mich fragst – ich möchte dir davon abraten.«

»Weil er Fukutsu-Sans Sohn ist?«

»Das ist ein Grund. Aber nicht der einzige.« Auf Momokos Stirn entstand eine feine Falte, wie immer, wenn sie intensiv nachdachte. Einmal mehr fand Lucy, dass man der Assistentin ihre vierzig Jahre kein bisschen ansah. Nur in Momenten wie diesen, wenn sie sich konzentrierte, wirkte sie reifer als sonst. »Er hat in den vergangenen beiden Jahren nicht nur Mist gebaut. Tatsächlich hat er ein paar richtig gute Ideen gehabt. Beispielsweise die YouTube-Filme, in denen er persönlich vorführt, dass auch Männer unser tsubaki-Öl für ihre Haarpflege verwenden sollten, hast du die mal gesehen?« Lucy nickte. Es stimmte. Diese kurzen Videos waren wirklich gut gemacht und ausgesprochen witzig. »Oder die Sache mit den Messern.«

»Worum ging es da?«

»Er hatte so einen Slogan kreiert, warte, ich krieg ihn nicht mehr richtig zusammen.« Momoko legte ihre Stirn in noch mehr Falten. »Früher haben Samurai ihre Schwerter damit gepflegt. Verwöhnen Sie heute Ihre besten Messer mit tsubaki-Öl. Oder so ähnlich. Damit haben wir in verschiedenen Kochzeitschriften Anzeigen geschaltet.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ob es etwas gebracht hat – keine Ahnung. Was ich meine ist – der Junge sollte vielleicht endlich sein Studium abschließen.«

»Du willst ihn zurück auf die Uni schicken?«, fragte Lucy überrascht. »Du meinst, wir sollten ihn dafür freistellen?«

»Nein, das geht heute alles online«, erwiderte Momoko. »Er soll natürlich tagsüber weiterarbeiten. Studieren kann er am Abend und an den Wochenenden.«

Lucy überlegte. Warum nicht, dachte sie. Wenn es hilft, aus Yori einen besseren Mitarbeiter zu machen? »Weißt du, wer so was anbietet?«

»Nein, noch nicht«, antwortete ihre Assistentin.

»Diese Programme sind doch bestimmt nicht kostenlos«, gab Lucy zu bedenken.

»Ich erkundige mich. Bis du aus Frankreich zurück bist, weiß ich mehr.«

»Denkst du denn, Yori-San wäre bereit dazu?« Lucy war skeptisch. »Das muss er, sonst bringt das beste Seminar nichts.«

Momoko nickte. »Natürlich. Wir müssen das herausfinden. Wenn du einverstanden bist, recherchiere ich, was es in dieser Hinsicht überhaupt gibt.«

»Ja, mach das bitte.« Sie überlegte kurz. »Dann verschiebe ich mein Gespräch mit Yori bis zu unserer Rückkehr.«

Momoko erhob sich. »Ach übrigens, du hast doch mal erwähnt, dass du dich für die Arbeit von Marikos Mutter interessierst.«

»Du meinst Hina-San, die mit Kamelienblüten Seide einfärbt?«

»Ja genau. Ich fahre heute nach der Arbeit zu ihr. Meine Nichte wünscht sich zum Kirschblütenfest einen obi von ihr.«

»Einen Kimonogürtel?«

»Ja. Das ist ein alter Brauch bei uns auf der Insel«, erklärte Momoko. »Zu hanami tragen junge Mädchen einen obi in dem zarten Rot der Kamelienblüten. Und alle, die etwas auf sich halten, haben einen aus Hinas Färberei. Möchtest du mich begleiten? Ich habe sie bereits gefragt, ob es ihr recht wäre. Sie würde sich sehr freuen, dich endlich kennenzulernen.«

2 Hanami

Es war früher Abend, als sie in Momokos betagtem Geländewagen durch den Ort fuhren. Am Dorfplatz schloss Rai Akimoto, der Sohn des Bürgermeisters, gerade das Rollgitter des kleinen Supermarkts, dessen Filialleiter er war, und Momoko bremste, um ihm einen Gruß zuzurufen. Aus dem izakaya auf der anderen Straßenseite, duftete es nach frisch gegrillten yakitori-Spießen. Vor der Kneipe saßen drei Männer auf umgedrehten Bierkisten und winkten ihnen zu.

Sie winkten zurück und verließen das Dorf. Kurz vor der noch recht gut erhaltenen Ruine eines alten Turms bogen sie in eine unbefestigte Piste ab, die an der Flanke des Inselbergs entlang in Richtung Osten führte.

»Was ist das eigentlich da?«, fragte Lucy und deutete zu dem trutzigen Steingebäude, das auf einer von Wellen umspülten Klippe etwas unterhalb der Piste stand.

»Ein alter Leuchtturm.« Der Weg machte eine sanfte Kurve und der Turm entschwand aus Lucys Blickfeld. »Ist schon lange außer Betrieb.«

Weiter ging es, an einer Gruppe mächtiger Sicheltannen vorbei und durch Kamelienhaine. Sie passierten eine Brücke, die einen zwar nur einige Meter breiten, jedoch schwindelerregend tiefen Abgrund überspannte, und Lucy bat Momoko kurz anzuhalten, um ein Foto zu machen. Sie schickte es Finn mit der Nachricht: Brücken sind dazu da, um Unmögliches zu überwinden. Danach ging es abwärts, und wenig später hielten sie vor einem kleinen Gehöft.

Vier Kinder im Alter von vielleicht zwei bis sieben Jahren spielten im Hof mit einem Hundewelpen. Als sie Lucy sahen, rissen sie die Augen auf und rannten verschreckt ins Haus.

»Mit deinem Goldhaar bist du immer noch eine Sensation hier«, erklärte Momoko schmunzelnd und wies mit dem Kinn in Richtung der Eingangstür, wo die größeren Kinder neugierig die Köpfe um den Türrahmen herum streckten. Hinter ihnen erschien eine Frau in einem lockeren zweiteiligen Arbeitsanzug, einem grauen samue, wie sie früher die Zen-Mönche trugen.

Freudig strahlend kam sie auf Momoko und Lucy zu. »Yoku irasshaimashita«, rief sie ihnen den höflichsten Willkommensgruß entgegen, den Lucy kannte, und verbeugte sich. »Wie schön, dass du Lu-San mitbringst, Momoko-San. Ich darf Sie doch so nennen?«

»Natürlich.« Auch Lucy verbeugte sich und achtete darauf, das ebenso tief wie Hina zu machen. »Wie nett von Ihnen, dass ich vorbeikommen darf.«

»Es ist eine Freude und Ehre.« Wieder verbeugte sich Marikos Mutter.

»Lu-San interessiert sich für deine gefärbte Seide«, erklärte Momoko. »Da dachte ich, heute wäre eine schöne Gelegenheit, sie mitzubringen.«

Tatsächlich brannte Lucy darauf, zu erfahren, wie es dieser Frau gelang, mit Kamelienblüten Seide einzufärben. Doch natürlich musste sie sich gedulden und durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen, das wäre unhöflich. Also nahmen sie und Momoko die Einladung zu einer Tasse Tee dankend an und folgten Hina ins Haus, wo die Kinder allmählich ihre Scheu ablegten und sich nach einer Weile das jüngste Mädchen sogar traute, vorsichtig Lucys blonden Zopf zu betasten und auf ihren Schoß zu klettern, um ihr unverwandt in die Augen zu starren, die von einem dunklen Grünblau waren, so wie das Meer. Und Lucy atmete tief den Duft nach Gras und Moschus ein, der dem Haarschopf des kleinen Mädchens entstieg und sich mit dem nun schon so vertrauten Geruch der aus Reisstroh geflochtenen Matten, tatami genannt, im Raum vermengte.

Schließlich unterbrach Hina ihre Plauderei mit Momoko, erhob sich und kam mit einem in helles Papier eingeschlagenen Bündel zurück, das sie behutsam auf beiden ausgestreckten Unterarmen trug.

»Hier«, sagte sie und verneigte sich vor Momoko. »Die Seide für Li-Chans obi.«

Momoko nahm das Paket ebenso ehrfürchtig entgegen und neigte ihren Oberkörper tief, fast bis auf das leise knisternde Papier in ihrem Schoß. »Arigato gozaimasu«, bedankte sie sich. Li-Chan wird begeistert sein.«

»Schaut euch die Seide gerne an.« Hinas Augen wanderten von Momoko zu Lucy. »Ich kann doch sehen, wie neugierig ihr seid.«

Lucy hatte keinen Namen für das zarte, schimmernde Rot, das zum Vorschein kam, als Momoko das Papier aufschlug. Es lag zwischen allen Nuancen, die sie kannte. Die Seide war weder Karminrot, noch Orange, nicht Zinnober oder Krapprot, sondern eine sublime Mischung aus all diesen Farbtönen. Ein golden schimmerndes Mandarinorange mit einem Hauch von Rubin- und Himbeerrot – doch wenn man die Seide im Licht bewegte, schien sich die Farbe wieder zu verändern.

»Wirklich zauberhaft«, sagte sie. »Und wie machen Sie das? Ich meine, wie färbt man mit Kamelienblüten Stoffe?« Ein feines Lächeln erschien auf Hinas Gesicht. Statt zu antworten, sah sie von Momoko zu Lucy und begann verlegen zu kichern. »Oh«, warf Lucy erschrocken ein. »Ich fürchte, das war sehr unhöflich von mir. Vermutlich ist das Ihr Geheimnis.«

»Lu-San interessiert sich einfach für alles auf unserer Insel«, kam ihr Momoko zu Hilfe.

»Wir färben schon seit vielen Generationen«, erklärte Hina schließlich mit einem nachsichtigen Lächeln. »Meine Mutter hat es mir gezeigt und sie hatte es von meiner Großmutter. Und wenn sie älter sind, werde ich die Kunst an eines dieser Mädchen weitergeben. Mariko interessiert sich nicht so sehr dafür, und meine andere Tochter ist Lehrerin geworden. Ich bin gespannt, welche meiner Enkelinnen die Tradition fortführen wird.«

»Ein bisschen könntest du Lu-San schon verraten.« Momoko warf Lucy einen verschmitzten Blick zu. »Sie wird sicher nicht die genaue Rezeptur oder was immer du verwendest, von dir erfahren wollen. Weißt du, ich würde auch gerne wissen, wie du das aus den Blütenblättern so wunderschön hinbekommst. Kochst du die aus und legst den Stoff in den farbigen Sud?«

Hina schüttelte den Kopf. »Nein, so mache ich es nicht. Wobei das ebenfalls einen rötlichen Stoff ergeben würde, aber viel blasser, und wenn du ihn wäschst, verliert er nach und nach seine Farbe.«

»Also stellst du einen Farbstoff her?« Momoko ließ nicht locker.

»So ist es«, antwortete Hina stolz und nickte nachdrücklich.

»Sie meinen … ein Farbpigment?« Lucy war das schwierige Wort auf Japanisch nicht gleich eingefallen. Wieder nickte Hina. Lucy wurde ganz aufgeregt. Ein Farbstoff auf der Basis von Kamelienblüten, rein pflanzlich – was für eine Kostbarkeit. »Würden Sie mir von diesem Pigment ein wenig verkaufen?«, fragte sie und hoffte, nicht zu weit zu gehen.

Hinas Augen waren wachsam auf sie gerichtet. »Und was würden Sie damit tun?«, fragte sie freundlich.

»Nun, ich würde auf keinen Fall versuchen, Stoffe damit einzufärben«, gab Lucy rasch zurück. »Denn sicher braucht es dafür Ihre Erfahrung und Ihr Wissen. Ich würde den Farbstoff gern meiner Mutter mitbringen, wenn ich sie demnächst besuche. Ich frage mich nämlich, ob man mit diesem schönen Rot nicht noch mehr anfangen könnte.«

»Woran zum Beispiel denken Sie, Lu-San?«, wollte Hina wissen, noch immer äußerst liebenswürdig. Und doch wusste Lucy, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. Eine abschlägige Antwort zu geben war in Japan nicht einfach, ein schlichtes Nein gehörte sich einfach nicht.

»Ich denke an etwas ganz anderes«, antwortete Lucy. »Meine Mutter stellt Naturkosmetik her, und zwar auf der Basis von tsubaki-Öl, aus diesem Grund bin ich überhaupt erst hierhergekommen. Und nun überlege ich, ob es nicht wundervoll wäre, aus diesem Kamelienfarbstoff ein Rouge zu kreieren und vielleicht einen Lippenstift. Was meinen Sie? Wäre das möglich?« Auf einmal war es still im Raum. Das Kind war längst von Lucys Schoß gerutscht und mit den anderen nach draußen zum Spielen gegangen. Nur ihre vereinzelten Rufe drangen zu den drei Frauen herein. »Wenn das möglich wäre«, fuhr Lucy leise fort, »würden wir mehr von dem Farbstoff benötigen und den würde meine Mutter bei Ihnen kaufen. Falls Sie etwas übrig haben sollten. Und daran Interesse haben.« Lucy konnte sich nicht vorstellen, dass Hina ihre Seide für die obi ballenweise verkaufte. Vielleicht würde sie ein zusätzliches Einkommen schätzen?

Doch Hina schwieg und Lucy fühlte sich zunehmend unsicher. Ihre Gastgeberin schien intensiv die Teekanne vor ihr zu betrachten und Lucy überlegte, ob sie sich verständlich genug ausgedrückt hatte. Vielleicht war ihr Japanisch zu schlecht gewesen, ihre Worte hatten keinen Sinn ergeben und die Frau war zu höflich, um ihr das zu sagen. Sie warf Momoko einen hilfesuchenden Blick zu, doch diese schien ebenfalls gespannt auf eine Antwort zu warten. Offenbar wog Hina gerade einige Für und Wider gegeneinander ab.

»Mir erscheint Lu-Sans Idee sehr interessant«, brach Momoko schließlich das Schweigen, bevor es allzu unangenehm wurde. »Vielleicht möchtest du in Ruhe darüber nachdenken?« Sie faltete sorgfältig das Papier um den Seidenstoff und erhob sich. Rasch folgte Lucy ihrem Beispiel. Während sie sich für den Tee bedankten und verabschiedeten, fragte sich Lucy beklommen, ob sie Marikos Mutter womöglich beleidigt oder sonst eine grobe Unhöflichkeit begangen hatte. Sie waren bereits im Hof, als Hina sie bat, einen Moment zu warten und davoneilte. Es dauerte ein paar Minuten, ehe sie zurückkehrte. In der Hand hielt sie ein winziges durchsichtiges Plastikröhrchen mit einem intensiv rot leuchtenden Inhalt.

»Hier.« Sie schob das Röhrchen in Lucys Hand. »Ein Geschenk für Ihre Mutter. Und wenn daraus tatsächlich ein Schönheitsmittel entsteht, würde ich mich meinerseits über eine kleine Probe freuen.«

Die gesamte Heimfahrt über konnte Lucy ihren Blick nicht von der winzigen Farbprobe in der Kunststoff-Phiole wenden. Das Pigment war viel intensiver als der Stoff für den obi. »Und ich hatte schon Sorge, es für immer mit ihr verdorben zu haben«, gestand sie mit einem erleichterten Seufzen.

»Aber nein.« Momoko schenkte ihr einen amüsierten Blick. »Du hast das richtig gemacht. Irgendwann muss man fragen, wenn man zum Ziel kommen möchte. Und du siehst ja. Hina-San hat Feuer gefangen.«

»Sie hat mir ihr Familiengeheimnis anvertraut«, sagte Lucy nachdenklich.

»Ganz so ist es wohl nicht.« Momoko kicherte nachsichtig. »Selbst der beste Chemiker könnte nicht herausfinden, wie sie das macht. Und selbst wenn – es braucht die Soshima-Kamelien dazu. Mit anderen Blütenblättern bekommt man möglicherweise auch eine hübsche Farbe. Aber nicht diese.«

Es war an einem Dienstag, als Lucy in aller Frühe das Hochgeschwindigkeitsboot zur Nachbarinsel Oshima nahm, um dort in das nach Tokio umzusteigen. Sie hatte den Termin mit der Bank tatsächlich so legen können, dass Kento sie danach zu dem hanami-Ausflug abholen würde. Er hatte sie gebeten, feste Schuhe und Sachen für eine Übernachtung einzupacken, alles andere könne sie ihm überlassen. Was »alles andere« sein sollte, darüber hatte Lucy sich keine Gedanken gemacht.

Momoko begleitete sie die wenigen hundert Meter von der Kooperative zum Fährhafen, damit sie noch die letzten Absprachen treffen konnten, denn nach ihrem Ausflug würde Lucy von Tokio aus nach Frankreich fliegen. Die Fähre war bereits eingelaufen, die wenigen Passagiere, die zu so früher Stunde nach Soshima kamen, überquerten gerade den langen Anlegesteg.

»Mach dir keine Sorgen«, versuchte Momoko Lucy zu beruhigen. »Du bist nur eine knappe Woche weg und du weißt, dass du dich auf Kiku und mich verlassen kannst.«

»Ja, das weiß ich«, antwortete Lucy dankbar. Es fiel ihr nicht leicht, die vielen unerledigten Aufgaben hinter sich zu lassen.

»Denk an deine Lieben, und wie sehr sie sich freuen werden, dich wiederzusehen«, fuhr Momoko fort und Lucy hätte sie umarmen mögen, wären solche körperlichen Berührungen in Japan nicht absolut unüblich gewesen.

»Ich danke dir sehr«, sagte sie stattdessen.

»Und viel Glück bei der Bank.«

»Oh ja, das kann ich gebrauchen.« Mit einem innerlichen Stöhnen dachte Lucy an den Rechenschaftsbericht, an dem sie bis zuletzt gefeilt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass die Banker Verständnis dafür hatten, dass sie nicht innerhalb eines Vierteljahres alles richten konnte, was in vielen Jahren versäumt worden war. Entschlossen umfasste sie den Griff ihres Koffers. Sie würde auch das überstehen.

»Hast du unser Präsent für deine Großmutter eingepackt?«, fragte Momoko.