Wiener Brut - Susanna Lawson - E-Book

Wiener Brut E-Book

Susanna Lawson

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Beschreibung

In Wien haben sich ein paar ganz böse und widerliche Menschen zusammengerottet, nennen sich die Opferrunde, verleumden, quälen und erpressen ihre Mitmenschen und freuen sich, wenn sie wieder einmal so richtig zugeschlagen haben. Wie sollte man ihnen auf die Spur kommen, wenn die Opfer schweigen oder gar nicht überleben?

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Table of Contents

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Die Autorin

Hinweis

Impressum

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Rainer Rüpl rannte, so rasch ihn seine kurzen fetten Beine nur tragen konnten. Der Schweiß rann ihm in den Kragen und in die Haare. Ansonsten sorgfältig zu einer Beethovenfrisur gebürstet, klebten sie nun an seinem feisten Gesicht. Man hatte auf ihn geschossen – mehrmals – und ihn wie in einem billigen Fernsehkrimi mit dem Auto verfolgt. Einmal, als seine Verfolger fast auf gleicher Höhe mit ihm dahinrasten, hatte er geglaubt, das Gesicht von Morastus Seidl zu erkennen. Daraufhin hatte er gewunken und versucht, sich mit seinen Verfolgern zu verständigen. Schließlich war Morastus zwar nicht sein Freund, aber doch fast so etwas wie ein Kollege. Immerhin waren sie beide Gründungsmitglieder der „Opferrunde“, bei der sie – man könnte fast sagen freundschaftlich – gemeinsam festlegten, auf welche Art man Menschen gründlich schröpfen oder vernichten konnte – so was verbindet doch menschlich.

„Nur noch um die Ecke und dann bin ich zu Hause, ich muss es schaffen“, dachte Rüpl. Aber er schaffte es doch nicht. Ein fester Schlag auf den Kopf und er sah nur Sternchen und dann nichts mehr.

Als er wieder zu sich kam, lag er im Krankenhaus, hatte den Kopf dick eingebunden und konnte sich an nichts und niemanden erinnern. Vor ihm saßen zwei überaus hässliche Frauen, ebenso dick wie er, und betrachteten ihn neugierig. Die eine begann jetzt zu sprechen: „Na, Rüplchen, was machst denn du für Sachen?“, gurrte sie neckisch. „Wo treibst du dich denn herum, du kleiner Schlingel?“

Rüpl starrte sie an, gab aber keinen Laut von sich. Jetzt war die andere der beiden Frauen am Zug: „Ja Puppsi, wo hast du denn das Beulchen her?“, zwitscherte sie.

„Offenbar meinen es die beiden gut mit mir“, dachte Rüpl. „Sicher sind sie liebe Menschen und können nichts dafür, dass sie so scheußlich aussehen, die Armen.“ Er versuchte zu lächeln, hob segnend die Hand und murmelte undeutlich: „Danke, ihr guten Frauen.“

„Was hat der Trottel gesagt?“, fragte eine der Besucherinnen erstaunt.

„Der Fettsack hat jetzt entweder einen Gehirnschaden oder will uns pflanzen“, grunzte die andere.

Sie blieben noch eine Weile sitzen, aber da Rüpl die Augen wieder geschlossen hatte und ganz offensichtlich nicht in der Lage war zu reden, erhoben sie sich. Die Ältere der beiden, Walfi Schlatz, ihres Zeichens engagementlose Schauspielerin und der männliche Teil des Lesbenpärchens, erhob nun die Stimme: „So leb denn wohl, Rüplchen, und Gott befohlen! Wir aber heben uns hinweg, am besten in Richtung Seidl.“ Albine Pruncic, die als Schneiderin ihren ganzen Stolz darin setzte, gewagt gekleidet zu sein, zuckte schmerzlich zusammen. „Was, zu diesem Stinktier müssen wir? Da kann ich mich ja gleich in ein paar Hundstrümmerln wälzen.“ Walfi Schlatz lachte: „Ja, ich weiß, was du meinst, mein Goldi, aber er hat brauchbare Ideen, die Geld bringen. Und Geld stinkt nicht, das musst du einsehen.“

„Du bist meine G’scheite und ich tu ja gern, was du willst“, flötete Albine und ging zur Tür. „Außerdem brauchen wir in nächster Zeit eine Menge Geld, denn diese Schmierenbühne im Waldviertel nimmt dich nicht für die Rolle der verruchten Lebedame, ohne dass wir fest zahlen.“

„Du brauchst gar nicht so blöd zu reden, denn in deinem sogenannten Modesalon gibt es auch nur Zippverschlüsse für halbblinde Rentner zu nähen.“

Über ihren Streit vergaßen die beiden den kranken Rüpl, der ihnen milde lächelnd zuhörte, plötzlich die Augen öffnete und leise vor sich hinsummte: „Bist du es, lächelndes Glück ...“

„Du lieber Himmel“, stöhnte die Schlatz, „komm, lass uns hier verschwinden.“

 

Kommerzienrat Heimer Gutfried ging von seinem Büro hinüber zum Warenlager. Seit fünfundzwanzig Jahren galt sein Eisenhandel en gros und en detail als Wiener Musterbetrieb und jedes Mal, wenn er durch sein Geschäft ging, blickte er stolz umher und freute sich über seine fleißigen Mitarbeiter. Er hatte sich immer ehrlich bemüht, ein freundlicher, guter Chef zu sein und beste Ware prompt zu liefern. Das Rezept war gut. Seine Angestellten wollten ihn zufrieden stellen, seine Kunden blieben ihm treu und vor zwei Jahren hatte er auch den heißersehnten Titel eines Kommerzialrates verliehen bekommen. Seither trug er stets einen eleganten grauen Anzug mit Gilet, ein weißes Hemd und eine dezent gemusterte Krawatte und außerdem hatte er sich angewöhnt, langsam und würdevoll dahinzuschreiten. Glücklich und zufrieden öffnete er die Türe zum weitläufigen Warenlager und sofort bekam seine Zufriedenheit einen leisen Dämpfer. Obwohl das Lager riesige Ausmaße hatte und durch große Fenster belüftet wurde, war der Geruch von Aas und Kot zu bemerken, ein Zeichen dafür, dass Morastus Seidl am Morgen die Bestandsaufnahme durchgeführt hatte. Dieser Seidl war der einzige Wermutstropfen im Leben des aufrechten Unternehmers. Wie gerne würde er diesen übelriechenden Burschen hinauswerfen. Aber das ging nicht, denn der war ein Neffe einer angeheirateten Schwägerin seiner Frau. Seine Frau hatte seinerzeit viel Geld mit in die Ehe gebracht und wann immer er ihr schonend beibringen wollte, dass Seidl ihn und alle Mitarbeiter zur Verzweiflung trieb, erzählte sie ihm eine langwierige Familiengeschichte, die er ohnedies schon auswendig kannte. Die Pointe war stets, dass es eben in jeder Familie ein schwarzes Schaf gab und wenn er entgegnete, dass nicht einmal das schwärzeste Schaf dermaßen stinken könne wie dieser Seidl, hielt sie ihm vor, dass er ihre Familie noch nie leiden habe können, nur deren Geld. Und damit hatte sie vollkommen Recht.

Also hatte er in einem kleinen Büroraum einen Computer und einen Schreibtisch aufstellen lassen, damit Seidl wenigstens für die anderen Mitarbeiter keine all zu große Geruchsbelästigung darstellte. Und wie der Kerl immer angezogen war – eine einzige Schande. Immer dieselbe schmutzstarrende braune Hose, dazu ein kurzes Jäckchen, das er wohl für schick hielt. Er bezog ein tadelloses Gehalt, aber ganz offenbar versoff er sein Geld, anstatt sich etwas zum Anziehen zu kaufen. Und wann immer man ihm diesbezüglich einen sanften Hinweis gab, sah er einen mit seinen bösen Schweinsaugen an, als wolle er sofort losschlagen. Kommerzienrat Gutfried hatte den Verdacht, dass dieser Kerl andauernd etwas Scheußliches in seinem runden Schädel ausbrütete und es würde ihn überhaupt nicht wundern, wenn er einmal ein paar angenagelte Leichen in seinem wohlsortierten Lager finden würde.

Seufzend zog er ein parfümiertes Taschentuch aus seiner Westentasche und hielt es sich vor die Nase. In diesem Moment öffnete sich die Tür des Seidlschen Büros und der Sargnagel des armen Kommerzienrates kam mit Unterlagen bewaffnet ins Lager. Er ging auf Gutfried zu, grinste und bat, ob er heute ausnahmsweise früher Mittagspause machen könne, er müsse einige Freunde dringend treffen. Gutfried wagte sich kaum vorzustellen, wie Freunde von diesem Stinktier aussehen könnten, aber dass er Freunde hatte, ließ sich nicht leugnen, denn er wurde täglich mehrmals privat angerufen. Hastig gab er seine Erlaubnis und ging weiter.

Zurück in seinem eigenen Büro, sah er unter der eingelaufenen Post zu seinem Erstaunen einen unfrankierten Briefumschlag auf seinem Schreibtisch. Er nahm das Kuvert in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. In Gedanken immer noch bei dem stinkenden Seidl, griff er zum Brieföffner und machte ein paar Stechbewegungen in die Luft. Dann endlich öffnete er das Kuvert und hielt den ersten anonymen Brief seines Lebens in der Hand. Mit aufgeklebten Buchstaben, die offensichtlich aus einer Illustrierten herausgeschnitten waren, stand da zu lesen: Wenn Sie nicht innerhalb einer Woche € 10.000,-- an einen bestimmten Platz, der Ihnen noch telefonisch mitgeteilt werden wird, hinterlegen, werden Sie und Ihre hässliche Frau ins Jenseits befördert.

Der erste Gedanke von Gutfried war: „Ja woher wissen denn die, dass meine Frau hässlich ist?“ Dann überlegte er, dass er das ja nicht einmal der Polizei bringen könne, denn dann wäre zu Hause der Teufel los. Seine Frau würde sich entsetzlich darüber aufregen, dass man sie als hässlich bezeichnete.

Dann musste er denken, dass der Briefschreiber immerhin was von Grammatik verstünde, also war er vielleicht doch ein Mensch, mit dem man verhandeln könnte. Dass anderseits seine Gattin, von der er viel Geld zu erwarten hätte, ins Jenseits befördert werden könnte, ließ ihn ein ungeahntes Glücksgefühl tief in seinem Herzen verspüren. Himmel, da könnte er ja öfters mit seinem Mitzifratzi verreisen und einmal auch in der Öffentlichkeit mit ihr essen gehen. Da würden alle staunen, was für ein hübsches kleines Ding er sich aufgegabelt hätte und dass er auch anders könnte, als mit einer aufgeblasenen, aufgetakelten Schreckschraube in die Oper zu gehen, damit alle auf ihren kostbaren Schmuck neidig würden.

Plötzlich kam ihm zu Bewusstsein, dass auch er umgebracht werden könnte. Vielleicht könnte man sich aber mit den Erpressern einigen auf 5.000 Euro und dann ließen die vielleicht ihn am Leben. Er sollte sich einmal mit einem Fachmann beraten, wie das so mit Erpressern wäre und wie man mit ihnen verhandeln müsse. In letzter Zeit war da öfters von einer Amanda Pospischill die Rede, die als Detektivin geradezu sensationelle Erfolge gehabt hatte. Vielleicht sollte er sich einmal bei ihr einen Termin geben lassen. Außerdem erwog er eine ganz spezielle Einladung, denn er hatte einen vagen Verdacht, dass es das Stinktier Morastus sein könnte, der ihm den Erpresserbrief geschrieben hat. Seine Frau würde sehr erfreut sein, wenn er ihren Neffen einmal einladen würde. Da könnte sie dann gleich selbst sehen, was er mit diesem Kerl mitmachte. Und als Tischdame für den Widerling könnte er sein Mitzifratzi einladen. Die könnte er ja als wichtige Außendienstmitarbeiterin vorstellen. Interessant dabei wäre, wie sein kleines Puppilein diesen Mistkerl ertragen würde. Sie könnte dann Einblick in sein Familienleben haben, erkennen, warum seine Ehe unmöglich glücklich sein kann und was für grässliche Verwandtschaft er so hat. Dazu kommt noch, dass er mit Mitzi alles im Voraus besprechen könnte und sie würde ihm dann sicher beistehen. Schließlich wäre es ja auch für sie von Vorteil, wenn sie ihm helfen würde, diesen Morastus auszuhorchen. Seiner Luzia würde er einfach sagen, dass er Mitzi einladen würde, damit ihr Neffe ein bisschen jugendliche Ansprache hätte. Er würde schon heute zu seinem Mitzifratzilein gehen und alles mit ihr besprechen.

 

Morastus Seidl hatte seinem Chef kurz nachgeblickt, dann legte er die Unterlagen auf eine der Stellagen, wandte sich ab und ging eilig in ein nahegelegenes Gasthaus. Dort wurde er bereits von Schlatz und Pruncic erwartet. Kaum hatte er sich zu ihnen an den Tisch gesetzt, platzten sie damit heraus, dass Rüpl in der letzten Nacht niedergeschlagen worden war, jetzt im Spital läge und wie ein Kretin vor sich hin plappere. Seidl ließ sich den Zustand von Rüpl genau schildern, bestellte sich ein Holzfällersteak und ein Vierterl und dachte angestrengt nach. Endlich schien er zu einem Schluss gekommen zu sein: „Ich glaube, wir brauchen den Rüpl nicht mehr.“

„Du spinnst wohl“, schnauzte ihn die Pruncic an. „Er hat Geld und die Möglichkeit, Kredite aufzunehmen!“

Sofort wurde Seidl zornig und schrie los, sie solle ihm gegenüber gefälligst einen anderen Ton anschlagen. Die beiden Frauen mussten ihn schleunigst beruhigen, denn sie wussten, wenn er erst einmal zu schreien anfing, konnte man nur mehr die Flucht ergreifen. Als er wieder ruhiger war, setzte er sein heimtückisches Grinsen auf und versicherte den beiden Damen, dass er alles im Griff habe, die Geschäfte bestens liefen und in einigen Tagen wieder größere Summen eingehen würden. Das war alles, was sie hören wollten. Sie verabschiedeten sich sehr rasch von ihm, da sie ihrerseits Hunger verspürten, aber in seiner Gegenwart keinen Bissen hinunterbringen würden und außerdem dringend frische Luft benötigten. Auf der Straße meinte die Pruncic: „Es wird immer ärger mit dem Kerl. Sollten wir nicht noch zur Dragica gehen? Sie will ohnedies wissen, was aus Rüpl geworden ist.“ Schlatz war mit diesem Vorschlag an sich einverstanden, aber zuerst wolle sie etwas essen, denn in der Wohnung dieser Dragica vergehe ihr auch immer der Appetit. „Die zwei passen schon recht gut zusammen. Beide total verschlampt. Aber ich will mich nicht beklagen, denn arbeiten tun sie großartig!“

 

Allein gelassen, fühlte sich Seidl gar nicht so optimistisch, denn mit dem Rüpl hatte er alles verhaut. Da lag der Kerl, lallte schwachsinnig vor sich hin und es war nicht abzusehen, was er alles erzählen würde. Wieso hatte dieser Fettsack überhaupt gewusst, wo er sein kleines Hanffeld hatte?

 

Dragica Bründl, ihren eigenen Angaben nach Abkömmling eines alten bosnischen Adelsgeschlechtes, stakste auf ihren X-Beinen durch ihre große Wohnung. Sie war sehr klein und trug deshalb Schuhe mit hohen Absätzen. Da die Absätze aber unterschiedlich abgetreten waren, machte sie den Eindruck, als würde sie hinken. Auf ihrem etwas zu groß geratenen Kopf türmte sich eine unordentliche Frisur und da sie sichtlich aufgeregt war, schielte sie noch mehr als sonst.