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Kurz bevor ein brisantes Interview im Wochenblatt „The Worm“ erscheinen soll, wird der ehemalige Finanzminister Uwe Engl von einem Unbekannten erschossen. Es dauert nicht lange, bis Oberst Karl Tannhacker Parallelen zu zwei früheren Morden findet. Dann wird ein in der Kunstwelt angesagter Maler tot in seinem Atelier aufgefunden - offensichtlich Selbstmord. Die sichergestellte Waffe passt einwandfrei zu den drei Morden. Doch während der Fall für die Polizei als gelöst gilt, sieht Tannhackers Freund, der Grafiker Jonny Graberth, eklatante Ungereimtheiten …
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Alexander Kautz
Wiener Gier
Kriminalroman
Tödliche Sünde In Wien herrscht Aufruhr, als der ehemalige Finanzminister Uwe Engl, der während seiner Amtszeit ein großes Vermögen erwirtschaftet hat, erschossen aufgefunden wird. Kurz vor seinem Tod hatte Engl dem Wochenblatt „The Worm“ ein brisantes Interview gegeben – wurde er deshalb ermordet? Es stellt sich heraus, dass die Waffe, die ihn getötet hat, schon bei zwei weiteren Morden verwendet wurde. Oberst Karl Tannhacker kann seine Ermittlungen leider nicht so nachdrücklich gestalten, wie er gerne würde, da viele einflussreiche Personen betroffen sind: Mitarbeiter aus Ministerien, ein prominenter Anwalt, ein Galeriebesitzer und ein Verleger. Schließlich wird ein in der Kunstwelt angesagter Maler tot in seinem Atelier gefunden, offensichtlich Selbstmord. Die Waffe, die neben ihm liegt, ist die Glock 17, die für alle drei Morde verwendet wurde. Staatsanwaltschaft und Polizei sind sich einig: Der Maler hat die Morde begangen! Doch Tannhackers Freund, der Grafiker Jonny Graberth, hegt Zweifel und ermittelt auf eigene Faust …
Alexander Kautz, in Wien geboren und aufgewachsen, genießt seinen Ruhestand als Grafiker und Arbeitsinspektor in Niederösterreich. Durch seine kontaktintensive Arbeit knüpfte er auch wertvolle Bindungen zum Wiener Polizeiapparat, die ihm einen einzigartigen Einblick in die Geheimnisse der Verbrechensaufklärung gewährten. Die enge Beziehung zu seiner Lieblingsstadt Wien und ihren Eigenheiten und Einwohnern brachte ihn trotzdem immer wieder dorthin zurück, vor allem auch in seinen Büchern. So stolpert der Hauptakteur seiner Kriminalfälle, Jonathan Jonny Graberth, in seinen Urwiener Stammbeisln und Lieblingscafés nicht nur über skurrile Persönlichkeiten, sondern stößt auch auf Leichen und mysteriöse Mordfälle. „Wiener Gier“ ist sein vierter Kriminalroman.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Hayk Shalunts / Shutterstock
ISBN 978-3-8392-7224-4
»Die Anzahl der Neider bestätigt unsere Fähigkeiten …«
Oscar Wilde (1854–1900)
Der Montagmorgen befand sich noch im Halbschlaf, als Uwe Engl mit seinem schwarzen VW Phaeton auf den leeren Parkplatz beim Shopping Center Nord fuhr. Er parkte den Wagen in der hintersten Reihe, schlampig und anmaßend über zwei Abstellflächen. Der Asphalt war übersät von Aludosen, Plastikbechern, Papiertüchern und benutzten Präservativen. Diesen Dreck machen Leute, dachte er sich, die schon wählen dürfen. Rücksichtslos, ignorant und selbstsüchtig. Und diese Menschen entscheiden mit ihrer Stimme, wer an den wohlgefüllten Futtertrog darf. Bitterkeit stieg in ihm hoch.
Es war der 4. Februar um 5:47 Uhr.
Vor einigen Jahren wäre er zu einem 6:00-Uhr-Termin erst 20 bis 30 Minuten später gekommen. Mit einer Entourage, die seiner Wichtigkeit noch mehr Ausdruck verliehen hätte. Mit Journalisten und Kameramännern im Schlepptau, die jede seiner pointierten Wortspenden auf Papier oder Speicherchip verewigt hätten.
Heute war es ihm aber mehr als recht, dass niemand von diesem Medien-Bettelvolk anwesend war. Schließlich ging es um seine Zukunft. Und die wollte er sich keineswegs von irgendwelchen selbst ernannten Moralaposteln verbauen lassen.
Es war 6:00 Uhr. Und kein weiteres Auto in Sicht.
Uwe Engl lehnte sich genervt in seinen ledernen Autositz und versuchte sich zu entspannen. Sein Haar war farbloser als für einen 42-jährigen Mann üblich. Lang, aber kraftlos. Stylisch, aber stumpf. Er wirkte wie ein verbrauchter Mittfünfziger, aber noch mit kleinen Reserven. Niemand, der ihn so sehen würde, hätte mit ihm tauschen wollen.
Obwohl die letzten Monate, fast schon Jahre, ihn einiges an Substanz gekostet hatten, würde auch er mit niemandem tauschen wollen. Seine üppigen Konten, allesamt in steuerfreundlichen Ländern geparkt, gaben ihm eine fundierte Sicherheit, die er ohne seinen Kurzauftritt in der österreichischen Regierung niemals hätte erreichen können.
Er galt trotz alledem nach wie vor als Saubermann, als schwimmendes Holzbrett, an das sich ertrinkende Wähler klammerten. Beschuldigungen perlten an ihm ab wie Wasser an einer Teflon-Beschichtung. Nach außen war er der emporgekommene Sonnyboy mit einer blütenweißen Weste.
Aber auch einem Sonnyboy ging irgendwann der Sprit aus, zumal wenn die intimen Freunde ihre eigene Haut retten wollten und der Paragraf, der gewählte Parlamentarier vor einer Strafverfolgung schützte, nicht mehr griff. Und deswegen musste er in ein paar Tagen als Hauptzeuge vor einem Untersuchungsausschuss erscheinen, um zu der Causa der energieeffizienten WIWOGE-Wohnhaus-Vergabe eine Vielzahl von unangenehmen Fragen zu beantworten.
6:07 Uhr.
Nun regte sich in ihm schon ein leichter Ärger. Schließlich hatte er in seinem Kofferraum 50 Kilogramm reines Gold in handlichen Ein-Kilo-Barren! Mit einem geschätzten Wert von 1,75 Millionen Euro. Die Provision von acht Prozent, die sein Geschäftspartner für den sicheren Transport in die Schweiz forderte, war bei dieser Summe wahrlich nicht zu verachten. Das würde er ihm auch unter die Nase reiben, nahm Engl sich vor, wenn er nur endlich seinen Arsch hierher bewegte. Zumal es – bei abgestelltem Motor – auch in seiner Luxuskarosse recht kalt wurde.
Die Hausdurchsuchung im Büro seiner Investmentfirma war mehr als unerwartet gekommen. Überfallsartig hatte ein Dutzend Finanzpolizisten seine Kanzlei gestürmt und mehrere Lkw-Ladungen brisanter Geschäftspapiere beschlagnahmt. Unwillkürlich ballte er seine Fäuste. All die Schweine, die er in seiner Amtszeit als Finanzminister unterstützt, gefördert und am Leben gelassen hatte, all diese hatten ihn im Stich gelassen.
Kein Wink, keine Warnung, kein Anruf.
6:11 Uhr. Mit knirschenden Reifen kam ein Auto mit getönten Scheiben neben ihm zum Stehen.
Uwe Engl stieg aus seinem Phaeton, breitete seine Hände aus und schüttelte missbilligend seinen Kopf. Möglicherweise ein Relikt aus früheren Tagen, aber festgesetzt in seinem Kopf: Einen Uwe Engl ließ man nicht warten!
Engl ging zu dem Wagen und klopfte fordernd in aufrechter Position an die Seitenscheibe des Fahrers. Mit einem monotonen Surren ging diese hinunter.
Engl wollte seinem Unmut gerade freien Lauf lassen, als sich aus dem Wageninneren eine behandschuhte Hand schob, die etwas umklammert hielt.
Ein dezentes Geräusch, das an das Entkorken einer kohlensäurearmen Frizzante-Flasche erinnerte, war zu hören.
Auf Uwe Engls glattgebügeltem, blütenweißem Hemd breitete sich im Zeitlupentempo ein Blutfleck aus, während Engls auf den verschmutzten Asphalt niedersank.
Der Fahrer stieg seelenruhig aus seinem Auto, steckte seine Pistole mit Schalldämpfer ein und durchsuchte die Anzugtaschen des mittlerweile toten Engls. Er fand zwei Handys, steckte eines ein, das andere schob er dem Toten in das Jackett zurück. Er fischte den Autoschlüssel aus der Manteltasche, öffnete Engls Wagen und lud die 50 Kilogramm Gold in seinen eigenen. Dann fuhr er gemächlich vom Parkplatz, als ob er eben seine Einkäufe getätigt hätte.
In diesem Moment stellten gerade die meisten Trafikanten die neueste Ausgabe des investigativen Magazins »THE WORM« in ihre Verkaufsständer.
Fosters Zunge hatte etwas Unwiderstehliches. Feucht, kühl, mit Nachdruck geführt. Jonny Graberth ergab sich diesem Drängen.
»Schon gut, du Nervensäge, ich stehe schon auf …«
Fosters Schwanz bewegte sich samt Hinterteil wie verrückt hin und her, als ob er verstanden hätte, was sein Herrchen im Halbschlaf von sich gegeben hatte. Die schönste Zeit eines Hundetages brach an: Frühstück, Kuscheln und Gassigehen.
Jonathan Graberth, ein 36-jähriger freiberuflicher Grafiker, begann diesen Morgen wie jeden Tag. Übelriechende, getrocknete Lungenstücke für Foster, ein starker Kaffee für ihn und eine gefinkelte Tastenkombination, um seinen Computer betriebsbereit zu machen. Nachdem er geduscht hatte, checkte er seine E-Mails. Mehr als drei Dutzend Spam-Nachrichten und zwei Aufträge von Stammkunden. Zufrieden nickte er und musste an seine Jessy – Chef-Stewardess bei Austrian Airlines – denken. Sie wohnten zwar erst seit ein paar Monaten zusammen, aber sie ging ihm schon nach wenigen Stunden Trennung ab. Er bürstete sein schulterlanges braunes Haar, zog sich Jeans, ein motivloses T-Shirt und einen marineblauen Blazer an und verließ mit Foster die Wohnung.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang auf den grünen Oasen in der Wiener Innenstadt kehrte Jonny in sein Stammlokal ein, das neuerdings »s’Graffiti« hieß.
Noch vor ein paar Monaten hatte dieses Lokal den Namen »Hawara« getragen. Bis sich eines Abends ein angesagter Medienprofi einer riesigen Werbeagentur, die aus drei Namen bestand, in etwas angeschlagenem Zustand in diese Bastion verirrt und im Schanigarten unter den Arkaden die kunstvollen Sgraffiti, die auf der rückseitigen Fassade der Universitätsbibliothek angebracht waren, bewundert hatte. Obwohl er schon oft die Reichsratsstraße entlanggegangen war, waren ihm diese Kunstwerke noch nie aufgefallen. Nach ein paar hochprozentigen Getränken ging sein kreativer Geist mit ihm durch und er fühlte sich bemüßigt, dem Lokal ein neues Flair zu verpassen. Seine Verbesserungsvorschläge, für die er ansonst exorbitante Preise verlangte, notierte er zwischen zwei Getränken auf einer Serviette und präsentierte diese der Besitzerin mit wortgewandten Ausführungen. Maria, der rothaarigen Betreiberin aus dem Burgenland, gefielen zwar die Vorschläge, aber als kleine Gewerbetreibende konnte sie sich deren Umsetzung – gerade in diesen Zeiten – nicht leisten. Das wurmte den Werbeprofi. In alkoholseliger Laune versprach er ihr an diesem Abend, dass er für alle Kosten, die durch die Namensänderung entstehen würden, aufkommen würde. Maria war einverstanden und hatte ihm noch ein Getränk aufs Haus gebracht. Obwohl der Werbeprofi am nächsten Tag seine Versprechungen bereut hatte, hielt er Wort.
So wurde aus dem »Hawara« das »s’Graffiti«.
Trotz des neuen Namens hatte sich nichts geändert. In diesem Lokal in der Reichsratsstraße konnte man nach wie vor die unbeschwerte Lebensart der Sechzigerjahre genießen. Deftige Speisen, volle Aschenbecher und keine scheelen Blicke, wenn man sich vor 10:00 Uhr ein Bier bestellte.
»Na, Jonny, ist deine Holde wieder in der Luft?«, begrüßte Maria Jonny, während sie Foster mit Schinkenstücken fütterte.
»Morgen kommt sie wieder zurück. Nur ein Night-Stop in Larnaca. Also trinke ich meinen zweiten Morgenkaffee bei dir, wenn es dir recht ist.«
»Mir ist alles recht. Hauptsache, du lässt dein Geld bei mir. Warum hast du deinen ersten Morgenkaffee nicht schon bei mir getrunken? Wenn der Umsatz weiterhin so schlecht ist, werde ich mein Lokal zusperren müssen …«
Jonny seufzte hörbar. »Diesen Spruch habe ich die letzten geschätzten zehn Jahre täglich von dir hören müssen. Also verschone mich mit deiner Jammerei. Wer jammert, hat noch Reserven, heißt es.«
Während sein Herrchen die Melange schlürfte, legte sich Foster auf seinen Stammplatz und beobachtete mit halb geschlossenen Augen das nicht allzu geschäftige Treiben in dem Lokal. Nach ein paar Minuten kam Dr. Vilbrand zur Tür herein, ließ sein stadtbekanntes »Gott zum Gruß« ertönen und setzte sich neben Jonny.
Seit der Eröffnung dieses Lokals vor vielen Jahren zählte Rechtsanwalt Dr. Vilbrand – den alle nur den »Alten« nannten – zum Stammpublikum des Beisls. Seine Kanzlei hatte er schon vor geraumer Zeit einem jüngeren Anwalt übergeben, trotzdem war er als Auskunftsperson für juristische Fragen ein beliebter Ansprechpartner. Sein dichtes aschgraues Haar und sein Auftreten verströmten nach wie vor eine fundierte Kompetenz, die man bei vielen aktiven Rechtsvertretern vermisste.
Foster erhob sich respektvoll von seinem Platz, um den Alten zu begrüßen. »Jo, jo, scho guat. Braver Hund. I hob nix. Brav. Pfui. Geh schön aufs Platzi …«
»Warst du in einem Rhetorikkurs für Hunde?«, ätzte Jonny. »Oder plauderst du gerne mit Kollegen? Schließlich war Foster Klassenbester in der Welpenschule, und wenn er nicht eine Leseschwäche gezeigt hätte, wäre er auch Rechtsanwalt geworden.«
»Bla, bla, bla«, feixte Vilbrand zurück und bestellte sich einen Spritzer.
»Sorgen oder Gewohnheit?«, fragte Jonny.
»Durst«, brummte der Alte. »Wie geht es deiner Frau?«
»Jessy ist noch nicht meine Frau, wir wohnen zurzeit nur in einem gemeinsamen Haushalt. Und danke der Nachfrage, ich weiß es nicht. Hoffentlich gut …«
»Hast du heute schon den ›WORM‹ gelesen? Der Uwe Engl will auspacken, weil ihm die Staatsanwaltschaft auf den Fersen ist!«
»Der ›WORM‹ ist nichts anderes als ein aufpoliertes Schundheftl«, giftete Jonny. »Der Großteil sind gekaufte Artikel und Bilder, vielleicht zwei oder drei selbst recherchierte Beiträge, und die Restseiten sind Inserate. Unterstes Niveau! Und außerdem haben sie meine Rechnung für ihr Logo erst nach einem mühseligen Rechtsstreit gezahlt!«
»Wieso dir überhaupt jemand Geld für deine kruden Ideen gibt, ist mir schleierhaft«, sagte Dr. Vilbrand grinsend.
»Es gibt vieles, was sich dir nicht erschließt, Alter. Aber jetzt im Ernst. Der Engl will seine Karten auf den Tisch legen? Da wird er aber eine Menge Staub aufwirbeln, schätze ich. Und seine Seilschaft wird flippen …«
»Vielleicht will er einen Deal machen? Er will die Strippenzieher und Nutznießer nennen, die während seiner Amtszeit als Finanzminister an irgendwelchen dubiosen Gebarungen beteiligt waren, dafür erhält er im Gegenzug Straffreiheit und eine angemessene Geldstrafe, sagt man.«
Jonny schüttelte fassungslos seinen Kopf. »Auf so einen Deal lässt sich die Staatsanwaltschaft ein?«
»Sei nicht so naiv, du Jungspund. Natürlich! Niemandem ist daran gelegen, dass Politiker – auch ehemalige – in den Knast wandern! Hauptsache, es gibt ein paar Sündenböcke, die bedingt Haftstrafen oder Fußfesseln auf sich nehmen, der Rest ruht sich weiter in der Sonne aus!«
Foster, der schwarze, vierjährige Labradormix mit dem weißen Brustfleck, sprang von seinem Stammplatz auf und schmiegte sich an Jonnys Seite. Instinktiv spürte er, dass sein Herrchen erregt war. Und da galt es, ihn zu schützen!
»Alles gut, Burli«, beruhigte ihn Jonny und kraulte seine Schlappohren. Na dann, dachte sich Foster und nahm wieder seinen Stammplatz ein.
»Wo bleibt eigentlich dein Freund, der Oberst?«, erkundigte sich Vilbrand und orderte noch einen Spritzer mit einer verstohlenen Geste.
»Keine Ahnung. Eigentlich sollte er schon hier sein …«
Genau zu diesem Zeitpunkt lenkte Oberst Karl Tannhacker, Referatsleiter beim Landeskriminalamt, Abteilung Gewaltverbrechen, seinen nicht mehr ganz so neuen Honda CR-V auf den Parkplatz des SCN. Vor den gelben Absperrbändern blieb er abrupt stehen, stieg aus und knurrte dem Uniformierten, der ihm das Plastikband hochhielt, einen knappen Gruß zu.
Aufgeregt kam ihm Revierinspektor Frankie Gareis entgegen. »Große Sache, Karl! Du wirst nie erraten, wer das Opfer ist!«
Tannhacker stöhnte genervt auf. »Nein, mein Freund, werde ich nicht! Und da ich auch keinen Telefonjoker anrufen werde, wirst du so nett sein und mir seinen Namen verraten.«
»Es ist Uwe Engl, unser ehemaliger Finanzminister!«
Die Arbeit im Regierungsgebäude am Stubenring 1, das den älteren Semestern noch als Kriegsministerium bekannt war, schien nach der Wochenendpause schön langsam wieder Fahrt aufzunehmen. Immer mehr Lichter wurden in den Büroräumen aufgedreht. Das Gebäude, das 1913 nach den Plänen des Architekten Ludwig Baumann als letzter Monumentalbau der Ringstraße fertiggestellt worden war, erwachte zum Leben.
Im zweiten Stock ordnete Kanzleileiterin Bonn die eingegangene Post, während die erste Kanne Kaffee durch den Filter lief. Sie schlichtete die Zeitungen und Zeitschriften in das Fach des Pressereferenten und hörte die gemeinsame Sprachbox der Amtsapparate ab. Beschimpfungen und Drohungen leitete sie an die Sicherheitsabteilung weiter, alle anderen Anrufe an die jeweiligen Referenten. Ihr Handy spielte die fünfte Sinfonie von Beethoven, es war ihre Freundin Gudrun. Ich ruf dich in einer Stunde an, dachte sie sich und wies den Anruf ab. Drei Sekunden später kam wieder: Ta-Ta-Ta-Taaaa, die Schicksalssinfonie, und wieder Gudrun.
Widerwillig hob Lisa Bonn ab und sagte: »Ich ruf dich in ungefähr einer Stunde an, Schätzchen …«
»NEIN!«, schrie Gudrun in ihr Handy. »Es ist urwichtig!«
Bonn atmete tief durch. Mit ihren 56 Jahren hatte sie schon vier Minister überstanden, ebenso viele Staatssekretäre und auch einige Generalsekretäre. Sie war seit über zehn Jahren glücklich verheiratet mit einem HTL-Professor, der ihr auch nicht krummnahm, dass sie seit ihrem ersten Date mehr als 20 Kilo zugenommen hatte. »Mein Vermögen hat sich vermehrt«, pflegte er zu sagen, wenn er sie umarmte.
»Also, was ist so wichtig?«
Gudrun sprudelte aufgeregt wirre Sätze in ihr Handy. Durch ihre lange Karriere geformt und abgebrüht konnte Lisa Bonn die wirklich interessanten Informationen aus dem Gestammel ihrer Freundin herausfiltern: »Lies die brandaktuelle Ausgabe von ›THE WORM‹, da stehen Sachen, die dir sicher nicht am Arsch vorbeigehen.«
Sie holte sich das druckfrische Magazin »THE WORM« aus dem Postfach des Pressereferenten und stutzte schon beim Deckblatt.
Uwe Engl im Exklusiv-Interview: »Ich werde auspacken!«
Na fein! Sie goss sich noch ihr Kaffeehäferl voll, atmete tief durch und rief die Privatnummer ihres Vorgesetzten, Generalsekretär Dr. Ludwig Mörz, an.
»Frau Bonn!«, meldete er sich überrascht. »Sind Sie krank oder gibt es einen anderen triftigen Grund, warum Sie mich um diese Uhrzeit kontaktieren?«
»Herr Generalsekretär, es tut mir leid, Sie so zeitig zu belästigen! Aber ich fürchte, es ist sehr wichtig. Es geht um Uwe Engl. Schätzungsweise ist jetzt Feuer am Dach! Bitte kommen Sie so schnell als möglich!«
Dr. Ludwig Mörz hatte den Großteil seiner Beamtenkarriere in den verschiedensten Ministerien verbracht, er galt als kühler Rechner und loyaler Mitarbeiter. Egal welcher Couleur seine Minister angehörten, er stand hundertprozentig hinter ihnen. Mit seinen mittlerweile 64 Jahren konnte er es sich auch gar nicht leisten, seine Pensionsberechtigung aufs Spiel zu setzen. Ein Jahr noch, dann war ihm eine fette Rente sicher. Klein, ein Gesicht wie Louis de Funès, Kleidung wie aus einem Secondhandshop, ein linkisches Auftreten wie Mr. Bean, konfliktscheu, beinahe demütig, so wurde er wahrgenommen.
Mit diesem unvorteilhaften Profil wusste Dr. Mörz, dass eine andere Karriere eigentlich nicht möglich war.
Besorgt fuhr er unrasiert – was in seinem langen Werdegang fast noch nie vorgekommen war – mit überhöhter Geschwindigkeit in sein Büro.
Eines war für ihn sicher: Wenn die verlässliche Frau Bonn sagte, dass Feuer am Dach sei, dann brannte wahrscheinlich schon die ganze Hütte lichterloh! Und er kam zum Löschen …
»Na bravo!«, murrte Tannhacker. »Der Strahlemann mit seinen dubiosen Geschäften, das ist ein Festmahl für die Presse.« Dann wurde seine Stimme eindringlich: »Hör zu, Frankie, und das meine ich todernst! Fordere noch ein paar Streifenwagen an, lass dieses Gebiet hermetisch abriegeln, stell Sichtschutzwände und unsere Partyzelte auf und am allerwichtigsten: Niemand, ich wiederhole: Niemand spricht mit irgendeinem Journalisten oder Reporter! Hast du mich verstanden? Niemand!«
Gareis wurde sich erst durch Tannhackers erregtes Gehabe der brisanten Situation bewusst, er straffte seinen Körper und machte sich geflissentlich daran, die Befehle des Obersts umzusetzen.
Tannhacker war schon zu lange in diesem Geschäft, um nicht zu wissen, dass dieser Fall seinem körperlichen Wohlbefinden keinen Gefallen tun würde. Am liebsten waren ihm Morde, die niemanden sonderlich erregten. Und das war hier definitiv nicht der Fall!
Der Parkplatz in der Größe eines gängigen Fußballfeldes war zwar durch gelbe Absperrbänder eingegrenzt, aber minütlich kamen mehr und mehr Schaulustige, die respektlos mit ihren Handys alles festhielten, was ihnen wert schien, auf den diversen Plattformen zu posten.
Nach ungefähr zehn Minuten waren fünf Streifenwagen eingelangt, die das Gebiet weiträumiger abgrenzten, Sichtschutzwände aufstellten und den Tatort mit Faltpavillons sicherten.
Frankie Gareis kam im leichten Trab auf Tannhacker zu und meldete: »Alles erledigt, Karl, wie gewünscht.«
Der Oberst schnaubte befriedigt. »Das sehe ich auch. Jetzt lass einmal Informationen sprudeln, die mir noch nicht bekannt sind!«
»Wie gesagt, das Opfer ist Uwe Engl, der ehemalige Politiker …« Gareis blätterte ein paar Sekunden hektisch in seinem Notizblock, bevor er fortfuhr. »Die Leiche wurde kurz vor 7:00 Uhr vom Facility-Manager Hermann Kovacs gefunden, als er seinen Wagen in der hintersten Reihe parken wollte, wie es ihm vorgegeben war. Er meldete den Tatbestand auf der Notrufnummer um 7:02 Uhr, nach ungefähr sieben Minuten waren die ersten Kollegen da, um den Tatort zu sichern. Wahrscheinliche Todesursache ist ein Schuss ins Herz, von unten, wie ich es verstanden habe. Aber da wird dir die Dr. Schettenmayer bessere Informationen liefern können. Wertgegenstände wie Schmuck, Bargeld und Kreditkarten wurden beim Leichnam sichergestellt, daher vorerst vermutlich keine Anzeichen auf Raubmord. Von der Tatortgruppe wurde eine Geschosshülle sichergestellt, die ins Labor verbracht wurde. Das wär’s fürs Erste …«
»Irgendwelche Ohren- oder Augenzeugen?«
»Vorerst keine, aber die Kollegen sind noch am Ball.«
Tannhacker ließ Gareis einen wohlwollenden Grunzer zukommen und näherte sich in einem großen Bogen dem Tatort.
»Na, Schetti«, brummte Oberst Karl Tannhacker. »Da hast du deine erste Promi-Leiche. Hast du schon ein Selfie mit ihm gemacht?«
Dr. Martina Schettenmayer – eine attraktive 40-jährige Forensikerin mit blondem Haarschweif und ausgeprägten weiblichen Attributen – verzog abfällig ihre Miene. Die scharfe Zunge mit dem weichen Herz, so wurde sie von den meisten Kollegen beschrieben. »Verschone mich mit solchen selbstgefälligen Typen. Mein Wunschkandidat als Minister war er jedenfalls nicht. Aber trotzdem wollen wir ihm Recht angedeihen lassen, nicht wahr?«
»Genau so ist es«, seufzte der Oberst. »Nur fürchte ich, dass man uns bei der Aufklärung dieses Mordes mehr als genau auf die Finger schauen wird …«
Schetti grinste und sagte: »Nicht uns … dir, mein Lieber! Auch die Reichsten müssen sterben. Das letzte Hemd hat keine Taschen, wie es in unseren Kreisen heißt. Ich werde daher diesen VIP-Leichnam wie jeden anderen untersuchen. Bei meinen Toten gibt es keinen Promi-Bonus. Für mich sind alle auf einer Ebene. Nämlich mausetot aufgebahrt auf einer sterilen Nirosta-Unterlage und offen wie ein Buch. Nach meinen Schnitten, versteht sich.«
»Morgen früh?«, zwinkerte Tannhacker ihr zu.
»Wenn du den Obduktionsbericht meinst, müsste ich es hinkriegen. Wenn du was anderes meinst, muss ich passen.«
»Pass auf, Schetti! Es gibt zwei Gründe, warum ich so gerne mit dir zusammenarbeite!«
»Ich höre?«
»Erstens. Ich liebe deine unkomplizierte Art, die Leichen wie ein Kreuzworträtsel zu betrachten, das es zu lösen gilt …«
»Und zweitens?«
»In Zeiten wie diesen werde ich dir auf gar keinen Fall meinen zweiten Beweggrund offenbaren«, entschuldigte sich Tannhacker mit weit ausgestreckten Armen und hatte ihr einladendes Dekolleté vor Augen.
Am Naschmarkt beim »Wickerl« – einem von Jonnys Fleischhauern seines Vertrauens – kaufte er zwei Kalbslungenbratenfilets, je 160 Gramm, pariert und vielversprechend. Bei einem der unzähligen Gemüsestände erwarb er festkochende Erdäpfel, Jungzwiebel, Karotten und eine kleine Frühlingstrüffel, eine Tuber borchii, auf die er besonders stolz war und für die er auch tief in die Tasche griff.
Auf dem Heimweg kam Jonny an einer Trafik vorbei, die die neueste Ausgabe von »THE WORM« ausgelegt hatte. Sicher nicht, dachte er sich, ging trotzdem hinein und kaufte sich ein Exemplar.
»Hey Burli!«, begrüßte Jonny Foster zu Hause, der euphorisch das Wiedersehen zelebrierte und danach die Einkaufstaschen genau inspizierte. »Riech einmal an der Trüffel, merk dir den Geruch und dann zeig mir, wo diese Pilzdiamanten wachsen …«
Die Kalbslungenbratenstücke hatten es ihm offenbar mehr angetan.
»Lass gut sein. Trüffelschwein wirst du sicher nicht!«, lachte Jonny und packte seinen Einkauf aus. Die beiden Fleischstücke würzte er mit Salz, Pfeffer, Zitrone, einigen Kräutern und Olivenöl, schob sie in einen Plastikbeutel, vakuumierte sie und legte sie in den Kühlschrank.
Seine restlichen Einkäufe fanden auch ihren Platz, schließlich lag nur noch das knallgelbe Exemplar des »THE WORM« vor ihm.
»Oh Gott!«, sagte Jonny und suchte die Seite mit dem brisanten Exklusiv-Interview mit Uwe Engl. Das Gespräch führte der Chefredakteur dieser Boulevardzeitung, Ed Stelczmayer, höchstpersönlich.
Jonny kannte Ed aus vielen – meist nächtens – geführten Gesprächen, bei denen ihm als Grafiker mehr versprochen worden war, als das Magazin einhalten konnte. Im Endeffekt hatte Jonny nur das Logo und das Seiten-Layout für »THE WORM« kreiert, hatte allerdings monatelang um sein Honorar kämpfen müssen. Ed Stelczmayer sah dieses Prozedere als unternehmerischen Schachzug, Jonny Graberth hingegen war bitter enttäuscht ob dieser Vorgehensweise.
Trotz seiner Abneigung nahm Jonny das Magazin und blätterte es lustlos durch. Das angepriesene Exklusiv-Interview mit Uwe Engl musste er sich allerdings durchlesen. Nach den sattsam bekannten Fragen und Antworten kam das Interview doch zu einem gewissen Höhepunkt.
THE WORM: Ich frage Sie das einmal frei heraus: Haben Sie sich durch Ihre Position in der Regierung irgendwie bereichert?
Uwe Engl: Diese Frage kann ich dezidiert mit Nein beantworten.
THE WORM: Lassen Sie mich anders fragen. Hat Ihre Position in der vergangenen Legislaturperiode Ihren Marktwert gesteigert?
Uwe Engl: (lacht) Na selbstverständlich, lieber Herr Stelczmayer. Und das ist auch mehr als legitim. Ich habe mich in den paar Jahren als Finanzminister für den kleinen Mann, selbstredend auch für die kleine Frau, mit all meiner Macht eingesetzt. Leider sind viele meiner Vorstöße von der Opposition abgewürgt worden.
THE WORM: Trotzdem muss ich Sie jetzt konkret fragen: Hatten Sie bei der Privatisierung der WIWOGE, der Wiener Wohngesellschaft, Ihre Finger im Spiel?
Uwe Engl: Nochmals nein. Ich bin es wirklich leid, dass all meine Entscheidungen als Minister auf die Apothekerwaage gelegt werden, Herr Stelczmayer. Wie Sie sicher wissen, gibt es bei jeder politischen Entscheidung gebriefte Wahrheitsinhaber, die ihr Credo in der Welt verbreiten. In Amerika nennt man sie Lobbyisten.
THE WORM: Sie weichen meiner Frage aus, Herr Engl.
Uwe Engl: Ganz sicher nicht, Herr Stelczmayer. Wenn Sie mich bitte ausreden lassen würden. Bei der Privatisierung der WIWOGE wurde von meiner Seite ein transparenter und korrekter Weg eingeschlagen, das möchte ich noch einmal betonen. Dass dann bei den langwierigen und zähen Verhandlungen einiges aus dem Ruder lief, muss ich mir heute noch vorwerfen lassen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mein Möglichstes getan habe, um den Bürgerinnen und Bürgern ihr wohlverdientes Geld zu sichern.
THE WORM: Was heißt das jetzt genau: Es ist einiges aus dem Ruder gelaufen?
Uwe Engl: Noch einmal. Mein einziger Fehler war, dass ich zu leichtgläubig und blauäugig war. Ich habe auf die falschen Leute gesetzt. Wenn ich dafür verurteilt werde, dann werde ich die Strafe widerspruchslos hinnehmen. Aber dass ich als Sündenbock für ein paar gierige Spekulanten hinhalten muss, das werde ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern wissen.
THE WORM: Heißt das jetzt im Klartext, dass Sie wissen, wer in dieser unrühmlichen WIWOGE-Affäre die Strippen gezogen hat?
Uwe Engl: Ganz genau. Und das eine können Sie mir glauben: Nachdem ich vor Gericht meinen Eid abgelegt habe, dass ich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sprechen werde, müssen sich diese Kreaturen warm anziehen.
THE WORM: Das heißt, Sie werden Namen nennen?
Uwe Engl: Na selbstverständlich werde ich das tun. Ich lass doch meinen untadeligen Ruf nicht durch ein paar geldgierige Profiteure beschmutzen.
THE WORM: Es werden Köpfe rollen?
Uwe Engl: Darauf können Sie wetten.
Ein brisantes Interview, dachte sich Jonny. Zwar keine journalistische Meisterleistung, aber doch ein exklusiver Artikel, da er in der übrigen Medienlandschaft keine adäquaten Stellungnahmen finden konnte. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Pack im Nadelstreif. Er schmiss das Schundblatt in seinen kleinen Papiercontainer und setzte sich an seinen Schreibtisch, um ein Maskottchen für einen Oldtimer-Klub zu entwerfen.
Mit schwungvollem Schritt, fast schon hüpfend wie ein Kleinkind, betrat Heimo Achtern kurz nach 10:00 Uhr das denkmalgeschützte Gebäude in der Wipplingerstraße, in dem sich sein Büro befand. Obwohl er einen Schlüssel hatte, läutete er an der Hochsicherheitstür und blickte auf die Uhr. Nach genau zwei Sekunden ertönte der Summer und die Tür sprang auf. Befriedigt trat er ein, schloss behutsam die Tür und stellte sich breitbeinig vor das riesige Empfangspult. Die Schönheit hinter dem Pult schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln, klimperte kurz mit ihren langen Wimpern und sagte: »Guten Morgen, Herr Achtern. Die Post liegt auf Ihrem Schreibtisch, es gab keine Anrufe und der Kaffee kommt sofort.«
Reaktionslos nahm er diese knappe Meldung zur Kenntnis und schritt würdevoll in sein Büro.
In den vier Jahren, die er als Staatssekretär für Finanzen unter Uwe Engl gedient hatte, hatte sich Heimo Achtern von einem tuntigen, linkischen Spätpubertären zu einem eloquenten, souveränen Taktiker gemausert. Seine Sneakers waren maßgeschusterten Lederschuhen gewichen, seine hautengen Jeans hatte er durch Hosen aus feinem Garn ersetzt, seine wirren, blonden Haare wurden von einem Promi-Coiffeur gebändigt und mit einem trendigen Schnitt versehen. Und seine exzessiven Besuche in verschiedenen Bräunungsstudios hatte er reduziert.
»Untergebene sind hilfreich, aber austauschbar. Das ist wie bei einem Auto. Wenn du einen Reifendefekt hast, wirst du nicht fahren können. Aber ein neuer Reifen ist schnell montiert. Deswegen ist der Reifen nur ein ersetzbarer Faktor. Nicht mehr und nicht weniger.« Uwe, sie waren selbstverständlich per Du gewesen, hatte ihn des Öfteren in zweisamen Stunden mit erfolgsversprechenden Lebensweisheiten zugedeckt, obwohl dieser nur ein paar Jahre älter war als er.
»Ein Politiker hat eine kürzere Halbwertszeit als ein Sportler. Ein Athlet hat immerhin 15 Jahre oder mehr, um sich seine Pfründe zu sichern. Einem Politiker stehen in der Regel weniger Jahre zur Verfügung. Deswegen muss man von der ersten Stunde an für den Tag danach arbeiten und vorsorgen.«
Unvergessene vier Jahre hatte er loyal und ergeben seinem Förderer Uwe Engl gedient, hatte sein Privatleben dieser Aufgabe untergeordnet, hatte den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit gelernt, hatte sich Feinde geschaffen und Freunde gefunden. Einflussreiche und vermögende Freunde, die ihm den Ausstieg aus der Politik sehr leicht gemacht hatten.
Zwei Monate nachdem er aus der Politik ausgeschieden war, hatte Heimo Achtern seine »8ERN Investmentbanking-Firma« gegründet, die Wohnung in der Wipplingerstraße renovieren lassen und den Betrieb aufgenommen.
120 Quadratmeter in der besten Innenlage, eine überdimensionierte Hochsicherheitstür, ein pompöser Eingangsbereich, eine mehr als attraktive Empfangsdame, die unter den letzten vier Teilnehmerinnen einer Model-Castingshow war, ein Sitzungszimmer mit 20 Plätzen und acht Monitoren, auf denen Live-Ticker von diversen Börsen-Nachrichten zu sehen waren, eine dezente Hintergrundmusik und ein Hauch von Sandelholz, der durch computergesteuerte Duftspender die Räume erfüllte.
Das war sein Reich! Den beeindruckenden Attributen seiner Empfangsdame, von der er nicht einmal den Vornamen wusste, konnte er mühelos widerstehen, da sein Interesse in der Hinsicht hauptsächlich jungen Männerkörpern galt.
Sein Handy klingelte. Es war dieses Läuten, das Bakelittelefone früher von sich gegeben hatten. Am Display sah er, dass Lisa Bonn, die Kanzleileiterin von Dr. Mörz, anrief. Er wartete noch einige Sekunden, bevor er die Verbindung herstellte.
»Achtern!«, meldete er sich brüsk, da er wusste, wer am anderen Ende der Leitung war.
Schweigend hörte er sich den aufgeregten Wortschwall an, seine Miene wurde immer starrer und einige Adern auf seiner Stirn schwollen an. »Danke für die Info«, sagte er schroff und legte auf. Er nahm sein Handy zur Hand und wollte schon den Artikel aufrufen, über den ihn Bonn informiert hatte. Dann überlegte er es sich aber anders. Die Gesamtstimmung, die ein gedruckter Artikel durch Layout, Fotos und Illustrationen vermitteln konnte, würde er nicht online bekommen.
»Frau Pittner!«, schrie er durch seine offene Zimmertür. Sekunden später hörte er schon das eifrige Trippeln der Stöckelschuhe auf dem Parkettboden. Noch bevor sie das Zimmer betrat, rief er missmutig: »Bringen Sie mir sofort das neue Exemplar von ›THE WORM‹ aus der Trafik! Und mit sofort meine ich schnell und unverzüglich …«
Die etwas wirre Zusammenfassung über den Inhalt des Interviews, die er gerade von Lisa Bonn gehört hatte, machte ihn doch etwas nachdenklich. Wenn Menschen unter Druck gerieten, dann musste man eigentlich mit allem rechnen. Wenn man aber – so wie er – gewisse Entwicklungen vorhersehen und vorzeitig darauf reagieren konnte, dann war man auf einem guten Weg, Vorgänge zur eigenen Zufriedenheit zu beeinflussen.
Mit dieser Gewissheit bedachte er Frau Pittner, die eben außer Atem mit dem Magazin zur Tür hereinkam, mit einem aufgesetzten Lächeln.
»Kaum bin ich einen Vormittag nicht im Haus, herrscht schon das größte Tohuwabohu!«, donnerte Hofrat Zwettler, während er hinter seinem Schreibtisch nervös auf und ab lief. Das Stakkato, das seine handgefertigten Lederschuhe auf dem blanken Parkett spielten, untermalte die aufgewühlte Stimmung.
Zwettlers Büro wirkte einschüchternd. Schwere, dunkle Möbel, die auf beiden Seiten standen, gefüllt mit prächtig gebundenen Büchern und devotionalen Souvenirs engten den Besucher dieses Raumes ein wie ein Schraubstock, der sich nach und nach zuzog. In der Mitte stand der mächtige Schreibtisch, bedrohlich groß und dunkel, dahinter auf der Wand die A4-großen Glanzbilder in teuren Rahmen: Zwettler und der Polizeipräsident, Zwettler und der Bundeskanzler, Zwettler und der Bundespräsident, Zwettler und eine Vielzahl von prominenten Personen. Und jedes Foto beinhaltete eine intime Geste. Ein inniges Händeschütteln, eine Hand auf der Schulter, eine Umarmung. Eine Galerie der Selbstdarstellung, die nichts anderes ausdrücken sollte als: »Leg dich ja nicht mit mir an, denn ich habe viele große Brüder und Schwestern!«
Revierinspektor Frankie Gareis saß aufrecht auf der Vorderkante seines Sessels und versuchte reumütig dreinzuschauen. Neben ihm lümmelte lethargisch Oberst Karl Tannhacker und putzte seine Fingernägel mit einem Zahnstocher, den er beim Hereinkommen im Mund gehabt hatte.
»Einmal ist man nicht da und dann so was …«, wiederholte Zwettler.
Du bist fast jeden Vormittag nicht im Haus, dachte sich Tannhacker, und das ist gut so. Er musste lächeln.
Zwettler stoppte sein hektisches Herumrennen und stützte sich herausfordernd auf seinen Schreibtisch. »Kannst du mir bitte erklären, warum du das lustig findest?«
»Ich finde es nicht lustig, sondern lächerlich«, knurrte Tannhacker. »Du führst dich auf wie ein tollwütiger Hund, nur weil dieser Hausmeister – Verzeihung, Facility-Manager – Fotos von dem toten Engl auf seinem Social-Media-Account gepostet hat! Und weißt du auch, wann er sie gepostet hat? Eine Minute nachdem er unsere Kollegen verständigt hatte. Also, was schlägst du vor, Hofrat? Sollen wir ihn festnehmen, seinen Account sperren, ihn aufgrund des Gaffer-Paragrafen anklagen oder ihm einfach nur eine Woche Hausarrest aufbrummen und ihm das Versprechen abnehmen, dass er nie wieder so böse Sachen postet …«
»Mein Gott, Karl!«, Zwettler hob seine Hände beschwörend zur Zimmerdecke. »Wir sind beide schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass solche Fälle sehr viel Staub aufwirbeln. Und den gilt es zu minimieren! Wir können uns keinen Scirocco leisten, der unsere Arbeit unter sich begräbt!«
Tannhacker verlagerte bedächtig seinen massigen Körper auf die andere Seite des Stuhls und sagte ermüdet: »Sei einmal ehrlich, Hofrat. Wenn irgendein armes Würstel, das vom Notstand lebte, abgestochen im Rinnsal gefunden wird, dann interessiert es dich Nüsse, ob und wann wir den Täter fassen. Kaum wird ein bekannter Schnösel abgemaxelt, schreist du Zeter und Mordio! Wir wissen schon, wie wir unsere Arbeit machen müssen, dessen kannst du dir sicher sein. Und wir machen diese Arbeit gewissenhaft, sowohl bei dem armen Würstel als auch bei dem bekannten Schnösel. Also, was liegt sonst noch an?«
Zwettler wählte bedächtig seine Worte. »Immerhin war der bekannte Schnösel – wie du ihn unkorrekterweise bezeichnest – einmal unser Finanzminister. Und daher könnte auch unsere nationale Sicherheit auf dem Spiel stehen …«
»Geh, bitte!«, brauste Tannhacker auf. »Verschone mich mit dieser amerikanischen Seuche! Nationale Sicherheit, da lachen ja die Hühner!«
»Was ich sagen will«, fuhr der Hofrat unbeirrt fort, »ist: Auch wenn es vage Indizien gäbe, die zu anderen hochrangigen Personen aus der Politik führen würden, müssten wir bei der Verfolgung dieser Spuren eine besondere Sorgfalt walten lassen, wenn du verstehst, was ich meine …«
Der Oberst sprang behände auf, wie es ihm niemand zugetraut hätte, sah Zwettler verächtlich an und zischte: »Sag doch ganz einfach, was du von mir erwartest: Ich soll niemandem auf die Zehen steigen, der deiner Karriere schaden könnte!« Dann winkte er Gareis und sie verließen grußlos das Büro ihres Vorgesetzten.
Das Taxi hielt kurz nach 12:00 Uhr vor dem neu renovierten Haus in der Blumauergasse, in dem die Redaktion von »THE WORM« ihren Sitz hatte. Der Chefredakteur Ed Stelczmayer zahlte den geforderten Betrag, gab ein fürstliches Trinkgeld und stieg mit seinem Business-Trolley aus.
Im Hausflur vor dem Büro, das sich im Erdgeschoss befand, wartete schon sein stellvertretender Chefredakteur Herwig Mischuretz mit zwei Gläsern Sekt. »Willkommen daheim, Edi. Das ist ein denkwürdiger Tag, möchte ich sagen!«
Sie umarmten sich innig, wie es unter guten Freunden üblich war, und gingen in ihr Reich.
Ihr Reich war eine ungefähr 80 Quadratmeter große Altbauwohnung mit drei Räumen, einem Bad und einer Küche. In einem Raum standen ihre zwei Schreibtische und Computer, der zweite Raum fungierte als Sitzungszimmer mit acht Sitzplätzen und der dritte Raum beherbergte zwei Notbetten, die meistens jede Woche kurz vor Redaktionsschluss von ihnen verwendet wurden.
Stelczmayer fuhr sich durch sein wirres, für seine knapp 40 Jahre schon sehr dünnes rotes Haar, knallte sich auf einen Sessel im Sitzungszimmer, trank sein Glas auf einen Zug leer und ächzte: »Los, mein Freund! Ich bin bereit …«
Auf dem Weg vom Flughafen hatte Stelczmayer schon mit seinem Kompagnon telefoniert. Sie hatten kurz über den – mittlerweile durch diverse Postings bekannt gewordenen – gewaltsamen Tod von Uwe Engl gesprochen und etwas intensiver über die Auswirkungen für die neueste Ausgabe ihres Magazins.
