Wild Rescuers - Stacy Plays - E-Book

Wild Rescuers E-Book

Stacy Plays

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Beschreibung

Stacy, ein zwölfjähriges Mädchen, lebt als Mitglied eines Rudels von sechs Wölfen im Wald. Als »Familie« haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Tiere und den Wald zu beschützen. Immer wieder gelingt es ihnen, in spannenden und dramatischen Aktionen Tiere in Not zu retten. Aber plötzlich ist das ungewöhnliche Rudel selbst in Gefahr: fremde Wölfe haben Schafe aus dem naheliegenden Dorf gerissen, und alle Wölfe werden zum Abschuss freigegeben. Die Lage spitzt sich zu, als Stacy herausfindet, dass der Wald, in dem sie leben, für den Bau eines großen Freizeitparks gerodet werden soll. Von nun an kämpfen Stacy und ihre Wölfe nicht mehr nur für die Rettung der hier ansässigen Tierwelt, sondern auch um ihr eigenes Leben und ihr Zuhause.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Wild Rescuers

Wächter des Waldes

 

eISBN 978-3-96129-173-1

 

Edel Kids Books

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

 

Published by arrangement with HarperCollins Children’s Books, a division of HarperCollins Publishers under the title:

Wild Rescuers: Guardians of the Taiga

Text © Stacy Plays, LLC 2018

Illustrationen: Vivienne To

Fotos mit freundlicher Genehmigung: S. 226–228 (Stacy Hinojosa); S. 229, 233 f. (Saranda Oestreicher © Casey McFarland)

Translation © Edel 2019

Übersetzung: Sandra Margineanu

Lektorat: Elena Bruns

Projektkoordination: Dagmar Hoppe

Covergestaltung: Vanessa Weuffel, Köln

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Hannover.

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Für meine Mutter

INHALT

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

AUSFLUG IN DIE TAIGA

LERNE DIE ECHTE PAGE KENNEN!

LERNE EINE ECHTE WOLF-FORSCHERIN KENNEN!

DANKSAGUNG

KAPITEL 1

Stacy lag auf dem Rücken und starrte dem riesigen weißen Wolf, der sich über sie beugte, direkt ins Gesicht. Sein Blick bohrte sich in ihre Augen. Plötzlich schnappten seine scharfen Zähne nach dem Ärmel ihrer Jeansjacke, nur knapp verfehlten sie ihren Arm, und nagelten sie am Boden fest.

Wie gerate ich nur immer wieder in so verflixt schwierige Situationen?, dachte sie.

Was die Sache noch komplizierter machte, war, dass ihr Kopf und ihre Schultern über eine Klippe hinausragten. Rechts neben ihr rauschte ein schmaler Bach über die Felswand und stürzte als Wasserfall zehn Meter tief in den weiß schäumenden Fluss.

Aber Stacys Gedanken drehten sich nicht um den Wolf oder die steile Klippe und das Wasser dort unten. Sie dachte nur an das Kaninchen.

Etwas außerhalb ihrer Reichweite, ein Stück die Felswand hinab, saß auf einem dicken Ast, der aus dem rauschenden Wasserfall ragte, ein zitterndes Kaninchenbaby. Eine winzig kleine Bewegung und das Tier würde von seinem gefährlichen Sitzplatz aus in die Tiefe und in den sicheren Tod stürzen.

Ich war schon in schlimmeren Situationen … glaube ich, dachte Stacy. Ich schaffe das.

Sie legte den Kopf in den Nacken, um das Kaninchen besser sehen zu können. Sein Fell war weiß mit schwarzen Flecken, und seine kleinen Ohren hingen ihm über die Augen – entweder, weil es die Gefahr, in der es schwebte, nicht sehen wollte, oder, weil die Gischt des Wasserfalls die Ohren an sein Gesicht presste. Stacy machte einen Versuch, es zu greifen, und schwang den rechten Arm nach unten. Aber das kleine Tier war immer noch zu weit von ihren Fingerspitzen entfernt.

Der wütende Wolf hatte den Biss in ihren Jackenärmel nicht gelockert.

„Schon gut, Everest“, sagte Stacy ruhig.

Das große Tier antwortete mit einem tiefen Knurren.

„Wenn du nur ein kleines bisschen locker lässt, dann kann ich mich weiter runterbeugen und es holen … wahrscheinlich jedenfalls.“

Wieder knurrte der Wolf warnend.

„Lass mich los, Everest“, sagte Stacy, diesmal etwas bestimmter. Meistens hörte er nicht auf Befehle – obwohl Stacy wusste, dass er sie verstand –, aber sie musste es trotzdem versuchen. „Ich schaffe das“, behauptete sie.

Der Wolf schüttelte den Kopf. Flehend sah er sie an. Stacy wusste, was er sagen würde, wenn er sprechen könnte: „Es ist meine Pflicht, auf dich aufzupassen.“

Und meine Pflicht ist es, das Kaninchen zu retten, dachte Stacy. Und genau das werde ich auch tun.

Der Gedankenaustausch zwischen ihr und Everest dauerte nur ein paar Sekunden, aber die Zeit reichte Stacy, um einen Rettungsplan zu schmieden. Alles würde von ihrer absoluten Genauigkeit und dem richtigen Zeitpunkt abhängen.

Ihr Plan war fertig.

„Gut“, sagte sie, als der Wolf zurückwich.

„Du kannst die Jacke behalten, Everest“, fügte sie grinsend hinzu. „Ich will nicht, dass sie nass wird.“

Die silbergrauen Augen des Wolfs blitzten auf, als er begriff, was Stacy tun würde. Aber es war zu spät.

Mit einer einzigen fließenden Bewegung schlüpfte Stacy aus ihrer Jacke, rollte in den Bach und drehte sich in dem Moment um, als sie über die Felskante in den Wasserfall rutschte. Im Sturz streckte sie die Hände nach dem dicken Ast aus, auf dem das Kaninchen hockte, und bekam ihn zu fassen. Mit einer Hand umklammerte sie den Ast, mit der anderen griff sie nach dem kleinen Tier und drückte es schützend an ihre Brust. Ihre Füße fanden auf den nassen Steinen hinter dem Wasserfall glitschigen Halt. Wasser prasselte auf ihren Rücken und spritzte in alle Richtungen, während sie darum kämpfte, nicht abzurutschen. Verzweifelt sah sie sich nach einem Weg zurück auf die Klippe um. Aber schnell wurde ihr klar, dass es nur einen Weg gab – und zwar nach unten.

Stacy stopfte das Kaninchen in ihr abgetragenes blau-weiß gestreiftes T-Shirt, das ein schlampiger Camper im Wald, in dem Stacy lebte, hatte liegen lassen.

„Noah!“, schrie sie. „Bist du bereit?“

Sie wartete auf ein Bellen oder Heulen von unten, aber nur das ohrenbetäubende Rauschen des Wasserfalls war zu hören. Unter ihren Füßen wurde es immer rutschiger, und ihre Finger glitten immer wieder von dem schleimigen Ast ab.

„Ich hoffe, Kaninchen wissen, wie man die Luft anhält“, flüsterte sie dem kleinen Tier zu.

Stacy atmete tief ein, schloss die Augen und sprang.

Sie überkreuzte die Arme vor der Brust und drückte das Tier schützend an sich, als sie in den schäumenden Fluss eintauchten.

Unter Wasser öffnete Stacy die Augen. Doch der Fluss war so stark aufgewühlt, dass sie nicht erkennen konnte, wo oben und wo unten war. Sie ließ etwas Luft aus ihrem Mund entweichen und beobachtete, wie die Blasen nach links strömten. Ah, da entlang. Aber obwohl sie, so kräftig sie konnte, mit den Füßen paddelte, kam sie aus der kreiselnden Strömung nicht heraus, die der Wasserfall an der Stelle erzeugte, wo er sich in den Fluss ergoss. Wenn sie nur ein paar Meter neben den Wasserfall hätte springen können, statt mit ihm kerzengerade nach unten zu stürzen.

Entspanne dich, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Noah ist unterwegs. Keine Panik. Wenn du panisch wirst, ertrinkst du.

Stacy presste ihre Lippen auf die Schnauze des kleinen Kaninchens und blies das letzte bisschen Luft, das sie noch hatte, in seine Lungen, damit es am Leben blieb. Dann folgte sie ihrem eigenen Rat: Sie entspannte sich, sank tiefer ins Wasser und gelangte in den Bereich unterhalb der Strömung. Kraftlos im dunklen blau-grünen Wasser treibend, begann sie im Kopf zu zählen.

Eins … zwei … drei … vier …

Noch nicht bei fünf angekommen, spürte sie, wie sich ein großer Kiefer um ihre Schulter schloss. Der Griff des Wolfs war fest – fest genug, um sie an die Wasseroberfläche zu ziehen und dann noch ein Stück flussabwärts, wo das Wasser ruhiger war.

Mit dem Kopf endlich wieder über der Oberfläche, atmete Stacy gierig die kühle Frühlingsluft ein. Der Sauerstoff brannte in ihrer Lunge. Dann sah sie nach dem Kaninchen. Es war benommen und zitterte, aber es lebte.

„Das war ganz schön knapp, Noah“, sagte Stacy neckend zu dem großen weißen Wolf, der neben ihr schwamm.

Sie setzte das tropfende Tierchen auf Noahs Kopf. Das Kaninchen blinzelte das Wasser aus seinen Augen und starrte dann mit panischem Blick auf die weiße Wolfsschnauze. „Nein, du hast das alles nicht überstanden, um dann als Abendessen eines Wolfs zu enden“, flüsterte Stacy dem zitternden Tier zu und hoffte, dass es sie verstand. „Du bist jetzt in Sicherheit.“

Sie schwammen zum Ufer und kletterten aus dem Wasser. Das Haarband aus geflochtener Ranke, mit dem Stacy normalerweise ihre langen braunen Locken zu einem Seitenzopf band, war im Wasserfall verloren gegangen. Ihre Haare waren wild verknotet. Mit den Fingern kämmte sie die Strähnen durch, dann wrang sie ihr T-Shirt aus und krempelte die nasse Jeans hoch.

Noah senkte den Kopf neben einen niedrigen Felsen, und das Kaninchen sprang herunter, offensichtlich erleichtert, aber immer noch etwas wacklig auf den Beinen. Stacy nahm es auf den Arm.

„Alles ist wieder gut, Kleines“, sagte sie beruhigend und knuddelte das Tierchen. Um sicherzugehen, dass es unverletzt war, untersuchte sie es von allen Seiten. „Jetzt kannst du deinen Freunden eine tolle Geschichte erzählen.“ Das Kaninchen starrte sie nur an. „Sprich mir nach: Ich springe nie wieder einen Wasserfall hinunter.“

Noah schüttelte sich am ganzen Körper. Wassertropfen flogen in alle Richtungen. Im Sonnenlicht funkelten sie wie winzige Diamanten. Stacy lachte und strich mit den Fingern durch sein feuchtes Fell. Dann zauste sie ihn zwischen den Ohren und blickte in seine strahlend blauen Augen.

„Du tauchst immer besser“, lobte sie. „Wir waren ganz schön tief unten. Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen.“

Noah reckte stolz die Brust.

Ein kurzes Bellen – das Stacy sehr gut kannte – ertönte zwischen den Bäumen hinter ihnen.

„Das ist Everest“, erklärte Stacy dem kleinen Fellknäuel auf ihrem Arm. „Der ist ziemlich sauer auf mich.“

Der weiße Wolf mit den silbrigen und grauen Flecken im Fell war so eindrucksvoll wie der Berg, nach dem er benannt war. Gerade erreichte er den Fuß des Hangs – aber nicht allein. Mindestens ein Dutzend Kaninchen hoppelte um ihn herum. Sie flitzten so wild durcheinander, dass Stacy gar nicht erst versuchte, sie einzeln zu zählen. Everest trug Stacys Jacke im Maul. Er gab sich Mühe, streng zu gucken, aber das war inmitten des Haufens der niedlichen Tiere, die um seine Beine wuselten, einfach unmöglich.

Stacy brach in Lachen aus. Sie kraulte das gerettete Kaninchen ein letztes Mal hinter dem Ohr und setzte es dann auf dem Waldboden ab. „Los, ab mit dir“, sagte sie.

Das kleine Tier hoppelte zu den anderen und drückte seine Nase an die eines großen weißen Kaninchens – vermutlich seine Mutter oder sein Vater –, dann flitzten alle in das Birkenwäldchen, um möglichst viel Abstand zwischen sich und die Wölfe zu bringen.

„Gern geschehen!“, rief Stacy ihnen nach. „Haltet euch von der Klippe fern!“

Sie wandte sich zu Noah und Everest um, aber beachtete Everests Blick nicht. „Das wäre also erledigt“, sagte sie, nahm dem Wolf die Jacke aus dem Maul und legte sie um ihre Schultern. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt das Wasser gewesen war. Dann raffte sie ihre feuchten Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen, eine Haarsträhne ließ sie übrig und wickelte diese um den Zopf, damit er sich nicht wieder löste. Nach all den Jahren, die Stacy nun schon in der freien Natur lebte, hatte ihre Haut einen olivfarbenen Ton angenommen, sodass sie keinen Sonnenbrand mehr bekam. Die Sonne hatte ihr allerdings ein paar Sommersprossen auf Wangen und Nase gezeichnet, direkt unter ihre grünen Augen.

„Ach, das Kaninchen war so niedlich“, schwärmte sie, während die Wölfe einen Schluck aus dem Fluss tranken. „Ehrlich gesagt hätte ich es gern als Haustier mit in die Höhle genommen.“

Everest hob den Kopf und warf ihr einen missbilligenden Blick zu.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Stacy lächelnd. „Und du hättest gern Kanincheneintopf zum Abendessen gehabt. Aber du weißt ja, wir essen niemanden, den wir gerettet haben – niemals.“

Der große Wolf schüttelte den Kopf. Stacy wusste, dass er immer noch ein bisschen verärgert war. Nicht wegen des Kanincheneintopfs, sondern wegen Stacys waghalsigem Sprung von der Klippe. Sie blickte in seine eisgrauen Augen. „Ich weiß, du findest, ich bin ein zu großes Risiko eingegangen“, sagte sie und kniete sich neben Everest. Sie nahm mehrere Feldflaschen aus dem Lederbeutel, den sie bei sich trug, und begann, diese mit Wasser zu füllen. Das war der eigentliche Grund gewesen, warum sie zum Fluss gegangen waren. „Du weißt, dass ich das Kaninchen nicht allein lassen konnte, nachdem wir es entdeckt hatten. Ich wusste, dass Noah mir helfen würde. Sonst wäre ich nicht gesprungen.“

Stacy konnte spüren, dass sie Everests Meinung nach für manche Tierrettungen zu weit ging, aber sie tat nur das, was sie tun musste.

Wie soll ich dir erklären, dass das der Grund ist, warum ich hier bin? Ich muss diese Tiere retten, so wie du und die anderen Wölfe mich gerettet haben.

Das war ein Punkt, bei dem sie und der Wolf sich niemals einig werden würden. Aber sie sorgten füreinander und wollten, dass es dem anderen gut ging – das war, was wirklich zählte.

„Kommt, gehen wir nach Hause“, rief Stacy. „Wir haben einen ziemlich langen Weg vor uns.“

Angeführt von Everest bogen sie in einen Birkenwald ein. Die Wölfe hatten das Mädchen in die Mitte genommen, und Noah bildete die Nachhut. Er schüttelte sich immer noch Wasser aus den Ohren.

Stacy atmete tief durch die Nase ein, die frische Frühlingsluft füllte ihre Lunge. Der Wald erwacht wieder zum Leben, dachte sie. Er macht sich bereit für das Neue und … „Ha-Ha-tschiii!“ … leider erwacht damit auch meine Allergie.

Trotz ihres Heuschnupfens liebte sie diese Jahreszeit im Wald. Und obwohl ihre Muskeln vom Aufstieg auf den Berghang schmerzten, genoss sie den langen Heimweg mit den beiden Wölfen und den schnellen Wechsel zwischen Gehen und Joggen.

Das frische Grün der ersten Birkenblätter wurde gerade von den dunkelgrünen Nadeln der Kiefern des Taigawalds abgelöst, als Stacy plötzlich stehen blieb. Etwas lauerte in den dunklen Schatten zwischen den dichten Bäumen.

Zwei glühend gelbe Augen starrten sie an.

KAPITEL 2

Stacy erkannte die gelben Augen. „Baaasssiiilll!“, rief sie den Namen, der einer ihrer liebsten war. Dabei zog sie jeden Buchstaben in die Länge. Und es war tatsächlich Basil, eine Wölfin aus Stacys Rudel.

Sie war das Beta-Weibchen, also so etwas wie der zweite Anführer. Wer das Leittier des Rudels war, wusste Stacy manchmal selbst nicht so genau – ob es Everest war oder sie selbst. Bei manchen Dingen führte der Wolf das Rudel an, doch in anderen Bereichen übernahm Stacy diese Rolle. Es war eine ungewöhnliche Aufteilung – zumal Stacy ein Mensch war –, aber sie waren eben auch ein ungewöhnliches Rudel, und trotzdem funktionierte es.

Basil, schlank und athletisch, kam zwischen den Bäumen hervor und gesellte sich zu Stacy. Sie war nach den violetten Blüten des wilden Basilikums benannt, an denen sie gern knabberte. Ihr Fell war schneeweiß, und sie hatte wunderschöne gelbe Augen.

„Hallo, wie geht es dir?“, begrüßte Stacy die Wölfin und strich mit der Hand über ihren schlanken Rücken. Basil duckte sich tief, damit Stacy aufsteigen konnte.

„Ich sehe euch zwei in der Höhle“, rief Stacy über ihre Schulter Everest und Noah zu, als sie ihr Bein über Basils Rücken schwang.

Die Wölfin lief los, durch die Taiga in Richtung ihres Zuhauses. Stacy drückte den Oberkörper flach an Basils Rücken und Hals und schlang die Arme um deren breite Schultern, sodass Basil wusste, dass sie schneller laufen konnte.

Sie war die beste Läuferin des Rudels. So schnell, dass die Bäume nur noch als unscharfes Grün an ihnen vorbeirauschten, durchbrochen von weißer Birkenrinde und hellen Lärchenstämmen. Stacy schloss die Augen und schmiegte den Kopf an Basils weichen Hals. Sie war von der schwierigen Rettungsaktion erschöpft, aber der vertraute Rhythmus der Wolfspfoten entspannte sie.

Wie sie in die Taiga gekommen war und warum sie bei sechs Polarwölfen lebte, wusste Stacy nicht. Sie hatte eine unscharfe Erinnerung an Brandgeruch. Als sie mitten im Wald erwacht war, umgeben von einem Rudel Wölfe, hatte sie schreckliche Kopfschmerzen gehabt. Doch jedes Mal, wenn sie versuchte, sich daran zu erinnern, wie sie so tief in die Taiga geraten war, war es, als ob sie versuchte, mit der Hand Rauchschleier einzufangen – nichts.

Dieser Tag damals war sehr aufwühlend für sie gewesen, aber sie hatte keine schlechten Erinnerungen daran. Sie hatte die Wärme und Besorgnis der Wölfe gespürt. Everest hatte über sie alle gewacht, während Tucker, ein Wolf mit sehr dichtem Fell, eine Wunde an Stacys Knie abgeleckt hatte. Basil und Addison, das andere Weibchen im Rudel, lagen rechts und links neben ihr und wärmten sie. Als ihr Tränen über die Wangen liefen, hatte Noah sie mit seiner Nase weggewischt. Er hatte ihr auch etwas zugeschoben, einen Fisch, den er gefangen und für sie irgendwie von Haut und Gräten befreit hatte. Stacy aß ihn, während Wink, der Jüngste im Rudel, sie mit einem verwirrten und neugierigen Ausdruck im Gesicht beobachtete. Er war damals noch ein Welpe gewesen.

Als die sechs Wölfe sie fanden, hatte Stacy für ein Mädchen in ihrem Alter schon einen großen Wortschatz gehabt. Was für ein Unfall es auch gewesen sein mochte, er hatte alle Erinnerungen an ihre Familie, Freunde oder die Schule ausgelöscht, nicht aber ihre Klugheit. Sie liebte Lesen und Schreiben, interessierte sich für die Natur und die Tiere und wusste schon ziemlich viel über die Wildnis um sie herum. Vermutlich war sie ungefähr acht Jahre alt gewesen, als es passierte. Vier Winter waren seit dem denkwürdigen Oktobermorgen vergangen, Stacy schloss daraus, dass sie jetzt zwölf Jahre sein musste.

Als sie auf Basils Rücken durch den Wald sauste, kreisten ihre Gedanken automatisch um die eine Frage – die eine Frage, mit der sie sich oft beschäftigte und die sie schmerzte, so als würde sie in einer frischen Wunde bohren: Was war mit ihren Menschen geschehen? Sie musste doch einen Vater und eine Mutter haben. Aber wo waren sie jetzt? Im Wald hatte sie schon erlebt, dass Tiere ihre Jungen im Stich ließen. Meistens geschah das, wenn die Mutter glaubte, dass die Jungen nicht überleben würden. Aber Stacy war nicht krank gewesen. Als die Wölfe sie fanden, war sie zwar verletzt, aber ansonsten gesund und gut ernährt. Und man hatte sie geliebt, das wusste sie.

Wo sind sie, die sich so gut um mich gekümmert haben?, fragte Stacy sich. Haben sie mich verloren? Haben sie mich gesucht? … Haben sie aufgegeben? Schon oft hatte sie überlegt, nach ihren Eltern zu suchen. Sie wusste auch, wo sie mit der Suche anfangen würde – in dem kleinen Dorf, das am westlichen Rand der Taiga lag. Stacy vermutete, dass sie ihre Eltern finden könnte, wenn sie die Dorfbewohner ausfragen würde. Aber da sie sich nicht an sie erinnerte, war sie sich nicht sicher, ob sie das überhaupt wollte.

Trotz der gelegentlichen Grübeleien über ihre Eltern liebte Stacy ihr Leben bei den Wölfen in der Taiga. Oft schon hatte sie Menschen im Wald gesehen, aber durch das, was sie beobachtet hatte, erschien ihr deren Welt nicht besonders verlockend. Da waren die herzlosen Jäger mit ihren Gewehren und Pfeil und Bogen, die die Tiere, die sie liebte, töten wollten. Dann waren da Jugendliche, die Steine nach Eichhörnchen und Vögeln warfen. Und dann noch die Camper, die keinen Respekt vor der Natur hatten und ihren Müll im Wald liegen ließen. Manchmal war der Abfall ganz nützlich, wenn sie darin Kleidung oder Bücher fand, aber meistens musste Stacy hinter den Campern aufräumen, wenn sie den Wald verlassen hatten. Und einmal – in einem schrecklichen Frühling – waren Bauarbeiter mit großen Landmaschinen gekommen, und viele Tiere hatten ihr Zuhause verloren, als ein Stück Wald gerodet wurde, um dort ein Stromkraftwerk zu errichten. Es war hässlicher als alles, was Stacy je zuvor gesehen hatte. Der Maschendrahtzaun, die Kabel und Metalltürme bildeten einen Schandfleck in dem wunderschönen Wald, der ihr Zuhause war.

Stacy klammerte sich an Basils Fell. Sie war froh, dass das Stromkraftwerk so weit weg von ihrer Höhle lag, und vergrub ihr Gesicht noch tiefer im Fell am Hals der Wölfin.

Nach etwa zehn Minuten schnellen Laufs öffnete Stacy die Augen. Basil lief nun so langsam, dass die einzelnen Bäume und sogar die Flechten an den Stämmen wieder zu erkennen waren. Die vertraute Umgebung, in der sie und das Rudel lebten, erkannte Stacy sofort. Riesige Fichten und große Farne beherrschten die Landschaft und dehnten sich bis auf einen Hügelkamm vor ihnen aus. Kleine braune Pilze und rote mit weißen Punkten wuchsen zwischen den Kiefernnadeln, die den Waldboden bedeckten. Ein gigantischer mit Moos bedeckter Felsbrocken markierte den Übergang zu einer kleinen Lichtung, die unterhalb des Hügelkamms lag. Dort befand sich der Eingang zu der Höhle, in der Stacy und die Wölfe wohnten.