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Sie hören dich denken. Doch du kannst sie nicht verstehen. Noch nicht. Während einer Exkursion verschwindet die fünfzehnjährige Noomi auf rätselhafte Weise. Erst einen Tag später wird sie endlich gefunden: angsterfüllt und ohne Gedächtnis. Verstörende Erinnerungsfetzen an eine blutige Jagd und massive Felsgipfel führen sie schließlich in ein abgelegenes Waldcamp. Was ist dort mit ihr geschehen? Auf der Suche nach Antworten folgt sie einer Spur tief ins Herz des Waldes. Doch ist sie bereit für die Wahrheit, die dort lauert? Ein einsames Camp. Ungezähmte Natur. Ein Wald voller Mysterien. Ein Geheimnis von zerstörerischer Kraft. Atmosphärisch, rätselhaft und aufwühlend - der neue Roman von dem preisgekrönten Autorinnenduo Ella Blix, bestehend aus Antje Wagner und Tania Witte. Ausgezeichnet 2019 als Ella Blix mit einem Werkstipendium des Deutsch Literaturfonds und als Einzelautorinnen mit dem Mannheimer Feuergriffel (Tania Witte) und dem Phantastikpreis der Stadt Wetzlar (Antje Wagner). Gedruckt auf Umweltpapier und zertifiziert mit dem BLAUEN ENGEL.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ella Blix
Wild
Sie hören dich denken
Die Arbeit der Autorinnen am vorliegenden Buch wurde vom Deutschen Literaturfonds e. V. gefördert.
Hinter dem Pseudonym Ella Blix verbirgt sich das Autorinnenduo Antje Wagner und Tania Witte.
Antje Wagner hat sich mit ihren mehrfach ausgezeichneten Jugendbüchern bereits einen Namen gemacht und steht vor allem für außergewöhnliche Mysteryromane. 2012 wurde sie von der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in den Kanon der 20 besten deutschsprachigen Autoren unter 40 Jahre aufgenommen.
Tania Witte ist Autorin, Journalistin und Spoken-Word-Performerin. Neben diversen internationalen Stipendien erhielt sie 2016 den Felix-Rexhausen-Sonderpreis für ihre journalistische Arbeit und 2017 den Martha-Saalfeld-Förderpreis für Literatur sowie 2019 den Mannheimer Feuergriffel.
Ella Blix ist die Essenz dieser beiden Autorinnen: Realismus trifft auf Mystik, authentische Charaktere auf Spannung und Sprachspiel auf Humor.
Mehr über Ella Blix unter www.ellablix.com
Weitere Bücher von Ella Blix bei Arena:
Der Schein
Weitere Bücher von Tania Witte bei Arena:
Die Stille zwischen den Sekunden
Ella Blix
WILD
Sie hören dich denken
Roman
1. Auflage 2020
© 2020 Arena Verlag GmbH, Würzburg
Rottendorfer Straße 16, 97074 Würzburg
Textcopyright: © Antje Wagner und Tania Witte
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski unter Verwendung
von Bildmaterial von © shutterstock
E-Book-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund, www.readbox.net
E-Book ISBN 978-3-401-80885-7
Besuche den Arena Verlag im Netz:
www.arena-verlag.de
Inhalt
1. KAPITEL: Das Camp
2. KAPITEL: In den Wäldern
3. KAPITEL: Erste Verluste
4. KAPITEL: Was ist Schuld?
5. KAPITEL: Die Vögel drehen durch
6. KAPITEL: Blut und Märchen
7. KAPITEL: Die Spur
8. KAPITEL: Hexenwagen
9. KAPITEL: Wasser und Brot
10. KAPITEL: Dinge ändern sich
11. KAPITEL: Grüne Luft
12. KAPITEL: Menschlichkeit
13. KAPITEL: Möglichkeiten
1. KAPITEL
Das Camp
Noomi
Sie musste fünfmal zuschlagen, bevor das Glas splitterte. Bei Beyoncé hatte das viel einfacher ausgesehen, aber Beyoncé zertrümmerte im Video ja auch eine Autoscheibe und nicht das Hochsicherheitsglas eines Nobeljuweliers.
Sie schloss die Hände fester um den Griff ihres Baseballschlägers, holte tief Luft und schlug erneut zu.
Wieder.
Wieder.
Wieder.
Nach weiteren drei Schlägen hatte sich die glänzende Scheibe in ein undurchsichtiges Netz aus Splittern verwandelt, das auf magische Weise noch immer zusammenhielt.
»Hey, was soll das?«, rief ein Mann von der anderen Straßenseite und seine Stimme überschlug sich vor Aufregung. »Was machst du da?«
Wonach sieht’s denn aus?, dachte sie grimmig.
Als sie sich umdrehte, sah sie, wie der Mann sein Handy hervorzog. Sie lächelte ihn an. Er behielt sie fest im Blick, während er tippte.
Ihr Lächeln wurde breiter, dann wandte sie ihm wieder den Rücken zu und rammte den Baseballschläger noch einmal mit aller Kraft gegen die Scheibe, diesmal mit der Spitze zuerst. Das Glassplitternetz wölbte sich leicht nach innen.
Endlich schrillte der Alarm los.
Auch nach der Festnahme funktionierte ihr perfekt durchgeplantes Drehbuch einwandfrei. Sie war fünfzehn, hatte keine Vorstrafen, zeigte Einsicht und Reue, das war das Wichtigste. Doppelplus, dass sie keinen Widerstand geleistet hatte, als die Polizei kam. Der Anwalt betitelte es als Ausrutscher, als einen Moment, in dem sie die Kontrolle verloren habe. Kurzschlussreaktion, wegen des psychischen Stresses des vergangenen Jahres. Die Richterin glaubte dem Anwalt, der wiederum Noomi geglaubt hatte, und ging auf den Vorschlag ein, den sie selbst ihm eingeredet hatte. Für den Schaden musste sie aufkommen, aber das Verfahren wurde eingestellt. Und: Sie schickten sie in das Camp Feel Nature. Damit war sie ihrem Ziel endlich einen Schritt näher gekommen.
Die Bäume atmeten.
Das war das Erste, was er wahrnahm, als er die Wagentür zögerlich öffnete und von seinem Sitz nach draußen glitt.
Herr Karl und Frau Plessner vom Jugendamt, die die ganze Autofahrt über ununterbrochen miteinander, aber nie mit ihm geredet hatten, waren bereits ausgestiegen. Auf dem einzigen weiteren Auto, das hier geparkt hatte, einem hellgrünen Transporter, leuchtete ein dunkelgrüner Schriftzug: Feel Nature. Links von Feel und rechts von Nature prangte je eine kleine Tanne. Der perfekte Platz für einen Sonntagsausflug.
Er hielt die Autotür umklammert und blieb so dicht am Wagen stehen, dass er durch die geöffnete Tür die Kühle der Klimaanlage spürte. Er sah seinen beiden Betreuern nach, die – noch immer ohne ihn zu beachten – über den winzigen Sandplatz zu einem Gewirr aus Büschen und Farnen strebten. Die Farne waren riesig. Der größte überragte sogar Herrn Karl, und der war sicher eins achtzig.
Scheinbar unbeeindruckt davon, ließen sie den Blick über das Gelände schweifen, in alle Richtungen, auch in den Wald.
Was suchten sie? War das der »Treffpunkt«, von dem sie im Auto gesprochen hatten? Und wenn ja, wo war dann dieser Jorek von Feel Nature, mit dem sie verabredet waren?
Seine Finger spannten sich fester um die Autotür. Er lehnte den Hinterkopf an das Autodach, reckte das Gesicht in die heiße Spätjunisonne, schloss die Augen. Griff nach dem Medaillon um seinen Hals, hielt es fest, versuchte, an nichts zu denken. Doch die Stimme seiner Klassenlehrerin drängte sich in seinen Kopf.
Warum sagst du nicht die Wahrheit? Wir wissen doch beide, dass du etwas verschweigst. Diese schreckliche Sache mit dem Jugendclub … Das sieht dir gar nicht ähnlich. Du warst doch nie … gewalttätig.
Sie hatte mehr zu sich selbst als zu ihm gesprochen, wie Erwachsene eben waren. Ihm gegenüber waren.
Ryan! Sprich mit mir. Es ist noch nicht zu spät. Du bist erst vierzehn.
Sekundenkurz hatte er sich vorgestellt, ihr alles zu erzählen, aber sie lag einfach falsch: Es war zu spät. Und zwar nicht erst seit der Sache mit dem Jugendclub. Schon viel, viel länger.
Wenn du mit mir redest, können wir das bestimmt noch geradebiegen. Dann musst du vielleicht gar nicht in dieses Camp.
Aber ich will dahin.
Er hatte es nicht laut ausgesprochen, doch es war die Wahrheit. Er wollte in das Camp. Ein Arbeitscamp für kriminelle Jugendliche, mitten in der waldreichen Felslandschaft des Elbsandsteingebirges. Er wollte diese sechs Wochen zwischen Tälern und Schluchten, egal, wie viel er dort schuften musste. Ganz einfach, weil er nicht mehr in seine Schule zurückkonnte, wo alle ihn für asozial hielten, monströs und stinkend.
Im Camp würde er jemand anders sein können als zu Hause – weg von allem: von den Mitschülern, seiner Mutter und der Wohnung, die eine Gruft geworden war. Weg auch von den Erinnerungen, die dort in jeder Ecke lauerten.
Mit aller Macht verbannte er die Stimme der Lehrerin aus seinem Kopf, öffnete die Augen und bemerkte in der Ferne die Sandsteinplatten, Tafelberge, die alles überragten. Selbst von Weitem wirkten sie rau und unzugänglich und strahlten doch eine unerschütterliche Ruhe aus. Versprachen Sicherheit. Das war genau, was er jetzt brauchte.
Erneut konzentrierte er sich auf das Medaillon in seiner Hand, bis da nichts mehr war als die Sonne auf seiner Haut. Das Rauschen in den Baumkronen. Das Hämmern eines Spechts. Und irgendwo in der Ferne das Summen der Straße, von der sie gekommen waren.
Er ließ das Medaillon los.
Herr Karl und Frau Plessner standen noch immer neben dem Riesenfarn und schienen zu beratschlagen, was zu tun war. Warum starrten sie so konzentriert in den Wald? Erwarteten sie, dass dieser Jorek aus dem Gebüsch brechen würde wie ein Tier?
Ryan löste sich von dem Auto, drückte die Tür vorsichtig zu und nahm zwischen den Stämmen am Waldrand eine Bewegung wahr. Etwas … Rotes. Ein Eichhörnchen! Es schaute sich um, maß den Platz mit flinkem Blick, dann huschte es darüber hinweg, geradewegs auf die Eiche an der gegenüberliegenden Seite zu. Hinter ihm staubte der Sand hoch.
Wie schnell es war, wie leicht es wirkte! Beinahe schwerelos schien es über den Boden zu sausen, erklomm den Eichenstamm, als bräuchte es dafür nur Geisteskraft und keine Krallen und Muskeln. Jetzt verharrte es. Er konnte nicht viele Bäume unterscheiden: Eichen, Kastanien und Birken, das bekam er hin, darüber hinaus wurde es schwierig. Aber er hatte es gemocht, wenn seine Eltern mit Brianna und ihm in die S-Bahn gestiegen und ins Umland gefahren waren. Damals, als alles noch gut gewesen, als ihre Welt noch nicht zusammengestürzt war. Sie waren auf laubbedeckten Pfaden durch den Grunewald gelaufen und seine Mutter hatte ihm etwas über die Pflanzen ringsum erzählt. Ihre Augen hatten geleuchtet, wenn sie ihm die Blattformen erklärt hatte, die Strukturen der Rinden und warum Moos immer an der Nordseite der Stämme wuchs. Sie hatte die Natur geliebt. Er wünschte, er hätte ihr besser zugehört, solange sie noch gesprochen hatte.
Behutsam tastete er nach dem Handy in seiner Hosentasche, doch gerade als er es hervorzog, dröhnte ein Motor heran. Das Eichhörnchen schien ihn ebenfalls zu hören, das Köpfchen zuckte herum, dann machte es einen Satz und verschwand in der Krone.
Ein SUV rollte auf den Parkplatz, Kienäpfel knackten unter seinen Reifen, als er auf der anderen Seite des Feel-Nature-Trans-porters zum Stehen kam.
Die vorderen Wagentüren öffneten sich und ein Mann und eine Frau stiegen aus. Sie schauten sich um, sahen ihn an, dann glitten ihre Blicke an ihm ab, als wäre er unsichtbar, und wanderten zu Herrn Karl und Frau Plessner. Die wandten sich erwartungsvoll dem Auto zu. Einen Augenblick lang geschah nichts, dann wurde die hintere Tür aufgedrückt.
Ein Mädchen, etwas älter als er selbst, sprang heraus. Sie trug ein umgedrehtes Basecap und dazu ein senfgelbes T-Shirt, auf dem rote Buchstaben verkündeten: Cereal Killer – Vegan & happy. Quer über dem Schriftzug verlief der Gurt einer zimtbraunen Bauchtasche, die sie so umgehängt hatte, dass sie unter ihrem Arm hing. Instinktiv duckte er sich – ein Reflex, der ihn selbst überraschte.
Aus der Deckung heraus beobachtete er, wie sie die Kofferraumklappe öffnete und mit finsterem Gesicht ein Gepäckstück nach dem anderen herauszerrte. Der Mann schaute ihr ein wenig hilflos dabei zu, die Frau hingegen steuerte geradewegs seine Betreuer an.
»Guten Tag«, rief sie mit piepsiger Stimme, als sie den halben Weg zurückgelegt hatte. »Sie sind bestimmt von Feel Nature? Wir bringen Olympe.«
Er glaubte, sich verhört zu haben. Olympe? Was war denn das für ein Name?
Unter dem Basecap lugten ein paar kurze kupferfarbene Haarsträhnen hervor. Selbst ihre offenkundig schlechte Laune konnte nicht verbergen, dass sie Lachgrübchen hatte. Wieso musste die wohl ins Camp? Kriminell wirkte sie nicht gerade.
Auf ihrer Stupsnase saß eine große, runde, goldgerahmte Brille und sie trug an jedem Finger einen Ring. Nicht nur unten, wo Ringe hingehörten, sondern auch oberhalb des ersten Knöchels. Wenn sie sich bewegte – und sie bewegte sich viel -, glitzerte sie.
»Nein, wir sind nicht von Feel Nature. Wir sind vom Jugendamt«, antwortete Frau Plessner. »Wir warten auch noch.«
Als wäre das ein Stichwort gewesen, tauchte zwischen den Bäumen ein weiteres Mädchen auf. Tarnfarbene Shorts und ein tarnfarbenes T-Shirt. Sie winkte Herrn Karl zu.
Ryan tauchte zurück hinter das Auto. Wer war das jetzt schon wieder? Seine Erleichterung darüber, hier im Camp sein zu dürfen, verflog, als ihm dämmerte, vor wie vielen fremden Leuten er sich würde behaupten müssen. All die Fragen, die Blicke. Das Abgecheckt- und Eingeordnetwerden. Trotz der Hitze wurde ihm kalt. Vielleicht würde er total versagen.
Nein, das hier ist deine Chance, ermahnte er sich. Die Chance, die er an seiner Schule nicht mehr hatte. Da sahen alle in ihm den stinkenden Spinner. Sobald er den Klassenraum betrat, rümpften sie die Nase und rissen demonstrativ die Fenster auf.
Er war aus der Schublade nicht mehr herausgekommen, egal, was er versucht hatte.
Das hier war der Ausweg. Ein Neubeginn. Keiner kannte ihn. Sie wussten nichts. Er würde endlich er selbst sein können.
Unruhig blickte er sich um. Wo blieb dieser Jorek?
Wenn der sie vergessen hätte, müsste er wieder zurück. Zurück in die Schule, in die Schublade. Und zurück nach Hause, zu seiner Mutter, in die düstere Wohnung, deren Schatten nach allem schnappten, was noch am Leben war …
»Ryan, kommst du?«, rief da Frau Plessner.
Er straffte sich, trat hinter dem Auto hervor und ging auf die kleine Gruppe zu.
»Hey, guten Tag. Ich leite das Camp.« Das tarnfarbene Mädchen streckte ihm die Hand entgegen. Das ist gar kein Mädchen, stellte er verblüfft fest, sondern eine erwachsene Frau. »Ich bin Sophia Jorek.«
Camp-Leitung: S. Jorek hatte im Schreiben des Jugendamts gestanden. S wie Simon, Sükan, Sebastian. Ein Mann, natürlich (S wie Superman), mit der Figur eines Schrankes (S wie Schrank), schließlich musste er ein Camp voller Krimineller leiten.
Aber S wie Sophia?
Er fühlte sich … betrogen. Schnell, um sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen, schüttelte er ihre Hand.
»Ryan, nehme ich an?« Immer noch stumm nickte er. Sie wandte sich an das Cereal-Killer-Mädchen. »Und du bist also Olympe?«
»Ja, hi«, antwortete diese Olympe. Und dann sprudelte sie los: »Ganz schön heiß. Puh. Und wir hätten’s fast nicht pünktlich geschafft, weil’s da diesen Megastau auf der A13 kurz vor Dresden gab. Aber dann ging’s glücklicherweise doch noch weiter. Zumindest bis …«
»Jetzt bist du ja da.« Sophia Jorek drehte dem Wasserfall rigoros den Hahn zu.
Je länger Ryan die Campleiterin beobachtete, desto mehr wunderte er sich, wie er sie für ein Mädchen hatte halten können. Sie wirkte nur von Weitem jung; von Nahem erkannte er, dass sie im Alter seiner Mutter sein musste. Oder doch nicht? Gerade warf sie einen zufriedenen Blick auf seinen Rucksack und schaute dann – missbilligend – auf Olympes Gepäckberg. Schließlich seufzte sie, wühlte eine große Plane aus ihrem Rucksack und breitete sie auf dem Boden aus.
»Okay, Taschencheck. Auch die Hosentaschen bitte.«
Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte sie seine sieben Duschgels, die Rosenlotion und die Deos, sagte aber nichts. Dafür kassierte sie sein Handy ein. Er hatte keine Kraft, sie dafür zu hassen. Im Gegensatz zu Olympe, die beinah durchdrehte, als sie ihr Arsenal an elektronischen Geräten abgeben musste. Hatte sie in den Infopapieren nicht gelesen, dass Geräte aller Art im Camp verboten waren? Und dass sie nur eine Tasche und ein Handgepäckstück mitnehmen durften?
Statt Olympes Schimpfen zu lauschen, die das wenige, was sie mitnehmen durfte, in eine einzige Tasche umpackte und einen hippen Rucksack mit Büchern vollstopfte, legte er den Kopf in den Nacken. Er verlor sich im Kachelblau des Himmels, über das harte weiße Wolken hinwegzogen, und blendete alles andere aus.
Nicht aufregen, beschwor sie sich, durchatmen. Du hast schon ganz andere Sachen geschafft! Aber ganz ehrlich: Die Campleiterin hatte sie doch nicht mehr alle!
Es war halb drei, unter ihr glühte der Sandplatz, über ihr der Himmel. In den Bäumen ringsum schien eine komplette Vogelarmee zu hausen; ihre Schreie zerstachen die Luft.
Nach der Klimaanlage im Auto war die Luft draußen fast unerträglich. Über vier Stunden hatten sie von Berlin bis hierher gebraucht. Sie waren zu den Reggae-Rhythmen aus den Boxen gefahren, die Stefan auf dem Lenkrad mitklopfte – offenbar hatte er eine Olympe-Aufheiterungs-Playlist zusammengestellt. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Marie sie auf ein Schild am Straßenrand hingewiesen: Sächsische Schweiz – Willkommen im Land der Zauberfelsen.
Ab da war die Straße schmaler geworden, hatte sich zwischen Felsen hindurchgewunden, rechts und links Bäume aller Sorten und Größen. Die Spitzen der zerklüfteten Berge, die zwischen den Baumkronen aufragten, imponierten ihr. Diese Felsen wirkten wie riesige Urtiere, die, vor Jahrtausenden versteinert, jetzt ihrem Blick trotzten – Ehrfurcht gebietend und stumm.
Doch bevor sie sich intensiver auf das Gefühl einlassen konnte, das die geriffelten Sandsteinkolosse in ihr auslösten, hatte Marie sich zu ihr umgedreht: »Wenn irgendwas ist, ruf uns einfach an, ja?« Zwei Reggae-Titel später: »Deine Allergietabletten sind in dem roten Koffer, vergiss nicht, ein paar in deine Bauchtasche zu stecken, du solltest sie immer bei dir haben.« Zwei weitere Songs später: »Dass sie dich deshalb so behandeln … Als hättest du jemanden umgebracht! Also, ganz ehrlich … das ist doch total übertrieben, oder, Stefan?«
Ihr Onkel trommelte und murmelte Zustimmung.
Die Situation machte ihrer Tante so sehr zu schaffen, dass Olympe sich zum wiederholten Mal dafür verfluchte, ihre große Klappe nicht gehalten zu haben. Denn hätte sie das getan, müsste sie jetzt nicht hier sein! In diesem zugewucherten Nirgendwo.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie sanft zu Marie. »Es sind nur sechs Wochen. Ich … ich krieg das schon hin.«
Der Rest der Fahrt war ruhig verlaufen. No Women, No Cry aus den Boxen, dann Silly Games. Darüber Maries Stimme, die sie mit Wikipedia-Infos zu ihrem Gefängnis abzulenken versucht hatte. Als hätte sie nicht selbst schon hundertmal gegoogelt und sich Fotos angeschaut. Know your enemy.
Die Sächsische Schweiz lag südöstlich von Dresden – gigantische 60.913,3 Hektar Wald, umgerechnet etwa 85.000 Fußballfelder und damit noch immer jenseits ihrer Vorstellungskraft. Groß eben. Sehr groß. Voller uralter Festungen, die aus Gestein herauswuchsen, und gespickt mit bizarren Felsformationen, die Winterberg oder Lilienstein hießen. Das besondere Klima ließ angeblich Pflanzen wachsen, die man sonst nur im Hochgebirge fand, und es gab Wanderwege mit wenig vertrauenerweckenden Namen wie Höllenschlund und Wolfsschlucht. In der Wolfsschlucht spielte sogar eine berühmte Opernszene, stand bei Wiki. Die Oper hieß Der Freischütz. Olympe hatte keinen Schimmer von Opern, aber beeindruckend war das alles trotzdem.
Jetzt stand sie mittendrin, in diesem mysteriösen Land, das eher nach Märchen klang. Mit fremden Leuten, bei mindestens dreißig Grad, in einer unendlichen Waldwüste. Es roch nach Staub und Tannen und sie sah fassungslos dabei zu, wie die Campleiterin Marie und Stefan ihr gesamtes elektronisches Survivalset in die Hand drückte.
Bis eben hatte sie die Geräteregel im Infobrief so wenig ernst genommen wie einen drohend erhobenen Zeigefinger, aber Sophia Joreks schroffer Tonfall machte unmissverständlich klar, wie naiv das gewesen war.
»Nicht mal das Handy?«, japste Marie. »Wie soll sie uns dann …?«
Sie sprang ihrer Tante bei: »Gar keine Geräte? Das ist doch vorsint…«
»Gar keine.« Sophia Jorek war offensichtlich eine Frau der klaren Worte. »Keine Ablenkung. Das Motto der nächsten Wochen lautet: Arbeit, Betreuung, Natur.«
Willkommen im Land der Zauberfelsen, dachte Olympe und war, was so gut wie nie vorkam, sprachlos. So sprachlos, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als die Betreuerin anzustrahlen.
Das war ihr persönlicher Trick 17: Wenn du jemanden finster anschaust, schaut der genauso finster zurück. Automatisch. Das liegt an den Spiegelneuronen, hatte ihr Marie erklärt und Marie klang zwar piepsig, aber sie wusste viel, vor allem über Menschen, weil sie nämlich Therapeutin war. Spiegelneuronen sorgten dafür, dass man das, was man am Gegenüber sah, unbewusst imitierte. Was bedeutete: Wenn du jemanden angrinst, kann der gar nicht anders, als zurückzugrinsen. Und sofort hebt sich die Stimmung. Auf beiden Seiten.
Ein Zaubertrick. Normalerweise.
Sophia Jorek grinste nicht. Sie warf einen Blick auf Olympes Bücherrucksack und sagte: »Du weißt schon, dass du das alles durch den Wald tragen musst?«
Ihr Tausend-Volt-Strahlen bröckelte. Verunsichert suchte sie Maries Blick. Das konnte doch nicht wahr sein! Besaß diese Frau keine Spiegelneuronen?
»Dein Kollege kommt sogar mit einem Gepäckstück aus!«
Kollege? Sie sah auf den Jungen, der neben ihr stand und nach oben in den Himmel starrte, als wäre er nicht ganz dicht. Wie hieß der noch mal? Ryan? Was für ein bekloppter Name.
Sie überlegte gerade, ob sie auf eins der Bücher verzichten könnte, als ein weiterer Wagen auf den Parkplatz fuhr. Frau Jorek sah auf die Uhr. »Das wird Noomi Goldstein sein. Es wird Zeit! Um vier sollten wir im Camp sein. Wir kommen zu spät.«
Überrascht linste Olympe auf ihr eigenes Handgelenk. Die Uhr! Sophia Jorek hatte tatsächlich die Smartwatch übersehen. Galt die nicht als Gerät? Unauffällig öffnete sie das Armband, tat, als müsste sie sich die Schuhe zuschnüren und stopfte die Uhr in ihre linke Socke. Wenigstens etwas, dachte sie.
Der Geruch ging gar nicht. Kaum dass er die Tür geöffnet hatte, hielt er die Luft an. Erst nach einer Weile atmete er vorsichtig wieder ein. Obwohl die Hütten erst im letzten Sommer renoviert worden waren, roch es nach jahrzehntelang ungelüftetem Keller, nach ganz hinten im Kühlschrank vergessenem Joghurt und feuchter Traurigkeit. Es roch nach organisierten Jugendfreizeiten und Heimweh. Diese Hütte hatte eindeutig zu viel erlebt und zu wenig davon verarbeitet.
Es kostete ihn Überwindung, einzutreten und die Tür loszulassen, die sich sofort knarrend hinter ihm schloss. Er ließ den Rucksack fallen und verschränkte die Finger ineinander, drehte die Handflächen nach vorne und drückte, bis es knackte.
Draußen auf der Lichtung brannte die Sonne und alles badete im Licht. Hier drinnen war es dunkel. Reflexartig tastete er nach dem Lichtschalter, und als er keinen fand, fiel es ihm wieder ein: In den Schlafhütten gibt es keinen Strom. Das hatte im Infobrief gestanden.
Nur durch das Fenster gleich neben der Tür drang etwas Licht nach drinnen – und durch ein weiteres helles Viereck gegenüber der Tür. Ein weiteres winziges helles Viereck. Mit wenigen Schritten durchmaß er den Raum und riss das Fenster auf, das eine uneingeschränkte Aussicht auf … den Wald bot. Kurz sah er hinaus, dann lehnte er sich enttäuscht an die Wand neben dem Fenster. Was hatte er erwartet? Seeblick?
Als seine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, inspizierte er den Rest des Raumes. Direkt neben ihm gab es eine weitere, kleinere Tür, die höchstwahrscheinlich zum Klo führte. Er wollte sie noch nicht öffnen, noch nicht herausfinden, was genau das Wort Komposttoilette, das Frau Jorek stolz und gleich mehrfach benutzt hatte, eigentlich bedeutete. Es klang nach einem riesigen Misthaufen.
Okay, weiter.
Drei Betten. Schön verteilt an drei Wänden. Über jedem hing ein Regal, am Fußende stand eine Art Hocker Schrägstrich Nachttisch Schrägstrich Keine-Ahnung-Was.
Es dauerte einen Moment, ehe er begriff, dass die Zimmerwand, an der er gerade lehnte, eine exakte Kopie derer war, auf die er schaute. Ein Bausatz, dachte er hämisch. Hausbau für Anfänger. Anfangswand: Tür links, Fenster rechts, zwei Seitenwände, Endwand: Tür links, Fenster rechts. Dach drauf. Klokabuff außen dran. Fertig.
»Richte dich schon mal ein«, hatte Frau Jorek gesagt, nachdem sie ihn nach einer ewigen Wanderung hier abgestellt hatte. »Ich muss die anderen holen.«
Die anderen. Die musste sie wahrscheinlich nicht am Bahnhof einsammeln, die wurden bestimmt von ihren Eltern gebracht. Als Flix seinen Vater gefragt hatte, ob er ihn fahren würde, hatte der die Zeitung gesenkt und gelacht. »Als ob ich dafür Zeit hätte!« Und, während er die papierne Buchstabenmauer wieder zwischen ihnen errichtete: »Du hast dir das eingebrockt, mein Sohn, jetzt sieh zu, wie du dich da wieder rauslavierst.«
Sein Vater benutzte dauernd solche Worte. Evaluieren, präferieren, rauslavieren. Hauptsache, es klang wichtig.
Richte dich schon mal ein.
Als könnte man sich in diesem Klonding einrichten.
Er sah erneut aus dem Fenster. Bäume, Bäume, Bäume, so weit das Auge reichte, und hier drinnen – offenbar damit man keine Sekunde lang vergaß, wo man war – bestand auch alles aus Baum. Die Betten: aus Baum. Der Tisch: aus Baum. Die komischen Stühle, die eher Stämme mit Lehne waren und so wuchtig aussahen, dass sie sich garantiert keinen Millimeter verschieben ließen: Baum. Und nicht zu vergessen: die Baukastenwände. Er legte den Kopf schief. Wie viele Bäume ergaben eine Wand, wenn man sie übereinanderstapelte und an den Ecken miteinander verzahnte?
Sechs Wochen. Hier!
Allein der Name des Camps: Feel Nature. Pseudo-Wellness-Psycho-Mist!
Er sog die warme Waldluft ein, die durch das Fenster neben ihm hereinströmte. Ja gut, das roch nicht schlecht, nach Gras und so, trotzdem hätte er viel dafür gegeben, jetzt Smog zu riechen. In Berlin zu sein, an seinem eigenen Fenster zu stehen, das acht Meter höher lag als dieses hier, unter sich die pulsierende Leipziger Straße, das Rauschen der Autos, das Kreischen der Alarme. Stattdessen das hier.
Feel Nature.
Natur brauchte er nicht, sie machte seinen Kopf zu voll – all das Grün und Braun und die Vögel hinderten ihn am Denken. Und fühlen wollte er sie erst recht nicht. Vor allem nicht in Form von muffigen Holzhütten und schon gar nicht in Form von Insekten.
Er hasste Insekten. Spinnen besonders, auch die durchsichtigen mit den killerlangen Beinen, wie die, die über dem Bett neben der Eingangstür lauerte.
Dieses Bett wäre seine erste Wahl gewesen, es stand in perfekter Position, um schnell abhauen zu können. Wer wusste schon, mit was für Schlägertypen sie ihn hier einquartierten. Aber gut. Eher würde er sich den Weg notfalls freiprügeln, als unter einer Spinne schlafen. Er entschied sich für das Bett an der rechten Wand, dessen Kopfende gleich unter dem zweiten Fenster lag.
Mit dem Fuß kickte er seine Sporttasche mit allem, was die Inspektion durch Frau Jorek überstanden hatte, in Richtung Bett, lief hinterher und ließ sich auf die Matratze fallen. Die war überraschend bequem und schien, immerhin, neu zu sein. Na, nicht ganz neu. Aber da er erst in der zweiten Gruppe war, die dieses bescheuerte Resozialisierungsprojekt aufgedrückt bekommen hatte, war die Chance groß, dass die Matratze noch nicht durchsuppt war von Schweiß und Gestank und anderen Dingen, über die er nicht näher nachdenken wollte.
Er stopfte sich das noch unbezogene Kissen unter den Kopf und betrachtete das Regalbrett direkt über sich (auch aus Baum, klar, ein grobes Brett im Grunde nur, man sah die Astlöcher). Vermutlich sollte das Teil als Schrankersatz dienen, denn Schränke gab es nicht. Immer schön transparent bleiben und bloß keine Privatsphäre aufkommen lassen.
Er zog die beiden Zettel, die Frau Jorek ihm in die Hand gedrückt hatte, hervor, und faltete den ersten auf.
Willkommen bei Feel Nature!
Auch wenn du nicht freiwillig hier bist – wir freuen uns auf die Zeit mit dir.
Heute, am Tag eins deines Aufenthalts, gehen wir es langsam an:
Komm an, richte dich ein und lern die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennen.
Um 16: 30 Uhr gibt es eine Kennenlernrunde vorm Haupthaus, um 18 Uhr essen wir zu Abend.
Bis nachher!
Sophia Jorek, Gunnar Wildner und Lara Uhlich
Sophia Jorek hatte er sofort erkannt, als sie ihn am Bahnhof abgeholt hatte. Er hatte ihr Bild schon auf der Website des Camps gesehen. Pädagogische Leitung stand darunter. Allerdings wirkte sie jünger als auf dem Foto. Sie hatte, was er schön fand, weit auseinanderstehende Augen. Wie Juliane.
Er dachte an Julianes Gesicht, ihre Haare, daran, wie sie sich bewegte, und sofort stürmte Sehnsucht seinen Körper, jede einzelne Zelle. Er dachte an ihren Blick, als er ihr beichtete, was er getan hatte. Er schmerzte ihn immer noch, dieser Blick. Er war so ein Idiot gewesen. Und jetzt saß er hier, in der Pampa, ohne Kontakt zu ihr. Er hasste sich.
Flix ließ das Blatt sinken und suchte die Decke nach weiteren Spinnen ab, bis er wieder normal atmete. Gunnar Wildner – von dem hatte er auch ein Bild gesehen. Der war nicht nur Sozialarbeiter, sondern auch Zimmermann und betreute den »handwerklichen Teil« des Projekts. Er war ungefähr so alt wie sein Vater. Allerdings sah er im Gegensatz zu seinem Vater freundlich aus, mit vielen Falten und einem Lächeln, das echt wirkte. An eine Lara Uhlich konnte er sich nicht erinnern.
Dafür an die vielen Fotos auf der »Historie«-Seite des Camps. Von früher, als es noch nicht diesen albernen Namen trug, sondern schlicht FDGB-Heim Sächsische Schweiz geheißen hatte. Sie stammten aus einer Zeit, lange bevor Flix geboren war, und endeten kurz nach der Wende, als das Heim dichtgemacht hatte.
Es gab sicher zwanzig Schwarz-Weiß-Fotos von Bäumen und schroffen Felsen und auch von Bäumen, die aus diesen Felsen herauswuchsen. Genauso wie von Familien mit Kindern, die durch den Wald marschierten, Stockbrote über einem Lagerfeuer verkohlen ließen und in extrem uncoolen Badehosen von einem Steg in eine Art Waldsee sprangen.
An dem Gewässer waren sie auf dem Weg hierher vorbeigekommen. Allerdings hatte es weniger verlockend ausgesehen als auf den Fotos, kein Badesee, eher eine Art Sumpfloch. Auf dem schlammbraunen Wasser hatte Laub geschwommen und es hatte bestialisch gestunken. Er hatte sein Shirt über die Nase gezogen, ohne Erfolg. Führte da ein Abflussrohr rein? Von dem kleinen Steg waren nur noch die Pfosten übrig. Frau Jorek musste seinen Ekel bemerkt haben, denn sie hatte gelächelt und gesagt: »Ich schwimm fast jeden Tag drin.« Mit Mühe hatte er sich ein Würgen verkniffen. »Ist ein Quelltümpel, daher auch der Geruch. Mineralien. Sehr gesund. Ist herrlich, wart mal ab!«
Na danke.
In der Fotostrecke »Wiederaufbau« gab es Bilder von ihr, wie sie mit Anzugträgern sprach, Papiere unterzeichnete und schließlich, sichtlich stolz und mit einer Schaufel in der Hand, vor dem Schild Feel Nature posierte.
Sie schien also von Anfang an dabei gewesen zu sein, als das Land Sachsen vor zwei Jahren begonnen hatte, die Anlage zu restaurieren. Dann, im letzten Sommer, hatten die ersten »jugendlichen Straftäter« das Camp bezogen. Von denen gab es keine Fotos, Datenschutz, vermutete er, aber wie sich der Ort positiv veränderte, als sie hier zu schuften begonnen hatten, fiel ihm sofort auf. Die mussten extrem rangeklotzt haben in den paar Strafwochen.
Er mochte vielleicht nicht besonders geschickt darin sein, sich von falschen Freunden fernzuhalten, aber zwischen den Zeilen lesen konnte er perfekt. Außerdem gaben sich die Betreiber nicht viel Mühe, ihre Intention (noch so ein Vater-Wort) zu verbergen: Als er auf der Website den Menüpunkt Ziel des Camps angeklickt hatte, war ihm schnell klar geworden, dass das ganze Gerede von »Resozialisierung« oder »Stärkung der sozialen Fähigkeiten« und von dem »Ort für Rückbesinnung und gruppendynamische Projektarbeit« nur eine Ausrede war. Was sie hier brauchten, waren billige Arbeitskräfte.
Resozialisierung. Das Wort hatte die Richterin auch benutzt, mehrfach sogar, als sie ihm seine Strafe – den Platz im Camp – präsentiert hatte wie einen Hummer auf dem Silbertablett. Resozialisierung klang, als wäre er vollkommen asozial, aber es bestünde noch ein Hauch Hoffnung. Flix kannte nur einen in seiner Familie, der asozial war. Nur einen.
Und was die Arbeitsstunden anging – verschleierte Sklavenarbeit war das! Man hatte dem Camp kurzerhand einen esoterischen englischen Namen gegeben und die Jugendlichen durften, statt im Strafvollzug zu sitzen, Blockhütten renovieren. Alles am Arsch der Welt, gleich an der Grenze zu Tschechien, wo es nichts gab als Bäume, Felsen und Gestrüpp.
Dabei war er, wenn er seinem Vater glaubte, mit einer erstaunlich milden Strafe davongekommen. An dessen Einfluss hatte es nicht gelegen, der hatte sich geweigert, seine Kontakte für ihn spielen zu lassen. Warum er als Berliner Jugendlicher also ausgerechnet hier im sächsischen Wald gelandet war statt in Haft, war ihm ein Rätsel.
»Wahrscheinlich ein Sozialexperiment«, hatte sein Vater gemutmaßt. »Sie stecken Delinquenten aus verschiedenen Stadtteilen und Milieus zusammen und schauen, was passiert. Gratuliere, mein Sohn.« In seiner Stimme nichts als Verachtung. Flix schauderte bei der Erinnerung daran.
Auf dem Fensterbrett landete eine Amsel. Sie starrte zu ihm hinein, und als er sich bewegte, zischte sie davon.
Berlin war knapp dreihundert Kilometer entfernt, aber gefühlsmäßig hätte Feel Nature auch auf einem anderen Kontinent liegen können. Weiter weg konnte man sich von der Großstadt nicht fühlen.
»Muss ja«, hatte Diana, seine Stiefmutter, gesagt, »damit sie euch aus euren Strukturen lösen.«
Seine äußere Struktur, das waren die Jungs in der Schule, seine innere war Juliane.
Er hatte Diana von ihr erzählt, niemandem sonst. Am Anfang hatte er sie verachtet, dann bemitleidet. Erst nach seiner »Dummheit« (wie sein Vater es nannte), als er Hausarrest bekam und Diana zu seiner Überwachung abkommandiert wurde, begann er, sie zu mögen. Sie brachte ihn jeden Tag zur Schule und holte ihn wieder ab – nicht ohne sich tausendfach dafür zu entschuldigen. Was hätte sie sonst tun sollen? Seinem Vater, ihrem Mann, nicht zu gehorchen, war keine Option. Sie waren gefangen, beide, wenn auch auf verschiedene Arten.
Eines Tages, als er besonders aufgewühlt aus der Schule kam, hatte er sich ihr anvertraut. Und sie schien es zu genießen, mit ihm gemeinsam ein Geheimnis vor seinem Vater zu haben: Juliane.
X
Endlich!
Ich habe so lange warten müssen, so lange!
Aber als sie aus dem Wald auf die Lichtung treten, weiß ich, dass sich das Warten gelohnt hat.
2. KAPITEL
In den Wäldern
Eine halbe Stunde waren sie schon unterwegs. Er kam mit seinem Rucksack gut voran – im Gegensatz zu den beiden Mädchen. Es war ihm ein Rätsel, nach welchen Gesichtspunkten die ihre Sachen gepackt hatten. In seinem Rucksack steckte quasi alles, was vorzeigbar war. Auf den Rest, den er zu Hause zurückgelassen hatte, konnte er gut verzichten. Er rupfte im Vorbeigehen ein Blatt ab, zerrieb es zwischen den Fingern und roch – wildes, frisches Grün.
Obwohl im Infobrief gestanden hatte, dass sie durch den Wald zum Camp laufen würden, hatte diese Olympe sich die riesigste ihrer Taschen ausgesucht. Das Teil war natürlich so schwer, dass sie es dauernd schimpfend von einer in die andere Hand wechselte. Das andere Mädchen – Noomi – wirkte entspannter, obwohl sie ihren Koffer ebenfalls tragen musste, denn zwischen all den Wurzeln und Tannenzapfen nützten die Rollen natürlich nichts. Sie summte die ganze Zeit vor sich hin, was ihm gefiel. Das Summen schien seine Schritte leichter zu machen, mehr Energie in seine Muskeln zu leiten; einen Moment lang fühlte er sich fast frei.
Dann, plötzlich, erstarrte Olympe vor ihm. Sie ließ die Tasche fallen und kreischte, beides gleichzeitig, und war mit einem Sprung zwischen den Bäumen verschwunden. Nur ihr Arm blieb sichtbar, der ausgestreckte Zeigefinger auf den Weg gerichtet.
»Bitte sagt, dass das nicht wahr ist«, rief sie aus der Deckung heraus. »Sagt, dass ich halluziniere. Solche Viecher gibt’s in fernen exotischen Ländern, aber doch nicht … hier!«
Auch Frau Jorek und Noomi waren stehen geblieben und folgten Olympes Finger mit den Blicken.
»Na, ihr habt vielleicht Glück!« Frau Jorek klang begeistert.
Endlich entdeckte auch er den Grund für die Aufregung: einen hellgrau-dunkel gemusterten halben Meter Schlange, der sich langsam über den Weg ins Gebüsch wand.
»Eine Kreuzotter«, erklärte Frau Jorek. »Sehr scheu. Man begegnet ihnen viel seltener als Ringelnattern. Nattern werdet ihr hier jedenfalls öfter sehen. Die liegen oft im Gras und sonnen sich.«
»Sie sonnen sich?«, echote Olympes Stimme aus dem Gebüsch. »Nicht Ihr verdammter Ernst!«
»Wow, voll wild hier.« Noomi hatte aufgehört zu summen.
Frau Jorek sagte: »Gewöhnt euch dran. Die Wildnis ist Teil des Projekts.« Sie drehte sich um und stapfte weiter. »Los jetzt. Ein Viertelstündchen noch.«
»Giftschlangen!«, knurrte Olympe, als sie sich aus dem Schutz der Bäume herauswagte. »Großartig.« Dann hievte sie die Tasche wieder hoch und folgte Noomi.
Er bog die Zweige des Gebüschs auseinander, unter dem die Schlange verschwunden war, aber sie war weg. Schade. Er ruckelte seinen Rucksack zurecht, sog den warmen Waldgeruch ein und schloss zu den anderen auf.
Nach einer Ewigkeit lichteten sich die Bäume, die Büsche rechts und links des Weges wichen zurück und endlich traten sie auf eine Lichtung.
Sonne. Eine Wiese, mindestens hundert Meter Weite.
»Da sind wir.« Frau Jorek drehte sich zu ihnen um. »Willkommen bei Feel Nature!«
Sie breitete die Arme aus und auf ihrem Gesicht lag ein Strahlen. Kurz nur, ganz kurz, dann erinnerte sie sich offensichtlich an ihre Aufpasserrolle. »Das ist für die nächsten sechs Wochen euer Zuhause.«
Zuhause, dachte er. Nun ja.
Ungläubig blieb sie stehen und ließ ihre tonnenschwere Tasche auf den Boden plumpsen. »Das ist ein Scherz, oder?«
Noomi hörte endlich auf zu summen, drehte sich zu ihr um und fragte grinsend: »Haste die Website nicht gecheckt?«
Noomi schien das witzig zu finden, aber Olympe hatte sie längst durchschaut. Leute, die permanent gute Laune verbreiteten, hatten etwas zu verbergen, irgendeine finstere Seite.
»Klar hab ich die gecheckt«, erwiderte sie spitz. »Aber du musst ja wohl zugeben, dass da alles schicker ausgesehen hat, moderner, nicht so …«, sie stockte kurz, »… abgeranzt.« Olympe hasste Photoshop fast genauso wie unechte Menschen. Unecht wie Noomi mit ihrem aufgesetzten Summen und Dauergrinsen. Dann lieber eine gepflegte schlechte Laune, wie Frau Jorek sie zeigte, fand sie. Da wusste man wenigstens, woran man war.
Noomi ließ sich nicht verunsichern. »Wenn du mich fragst …« Sie ließ den Blick demonstrativ schweifen. »… ist das der ideale Drehplatz für den zweiten Teil von Cabin in the Woods.«
Noomi kannte Cabin in the Woods? Interessant. Wer Horrorfilme liebte und Humor hatte, konnte nicht komplett bescheuert sein. Olympe knetete ihre schmerzenden Hände und nahm das andere Mädchen näher in Augenschein.
Eine Riesenwolke dunkler Locken reichte Noomi bis zur Taille. Sie mussten beide ungefähr gleichaltrig sein, aber die andere war einen guten Kopf kleiner und etwas runder. Niemals hätte sie Noomi zur Fraktion Horrorfilm gepackt, sie wirkte eher wie … Liebesfilm. Oder Musical. Nein – eine Mischung aus beidem. Bollywood. Ja, das war’s: Bollywood. Das ganze Gesinge und Gegrinse.
Als ob Noomi ihre Analyse beenden wollte, begegnete sie ihrem Blick. Fassungslos starrte Olympe zurück. Noomi hatte die krassesten Augen, die sie je gesehen hatte. Orangefarben. Ein extremes Orange. Das mussten Kontaktlinsen sein!
Also doch: unecht durch und durch. Ihre innere Abwehr verfestigte sich wieder. Wortlos wandte sie sich ab und dem Anblick des architektonischen Grauens zu.
Fünf Holzhäuschen in unterschiedlichen Graden der Verwahrlosung und ein kleiner Betonquader gruppierten sich im Halbkreis um ein massives, eingeschossiges Steingebäude von unfassbarer Hässlichkeit.
Es war extrem schmal, schien aber seinen Mangel an Breite durch Länge wettmachen zu wollen. Es lag auf der Wiese wie eine riesige, eckige … Kreuzotter. Selbst die Farbe stimmte: Grau und schmutzfleckig, als schämte es sich so für seine Abscheulichkeit, dass es versuchte, sich zu tarnen. Es war das mit Abstand abstoßendste Bauwerk, das sie je gesehen hatte.
Dagegen waren die Holzhäuschen zumindest aus ästhetischen Gesichtspunkten erträglich – wenn man davon absah, dass zwei der fünf wirkten, als hätte der Zahn der Zeit nicht nur an ihnen genagt, sondern sie halb aufgefressen. Zwischen den Holzbohlen wucherte Grünzeug, das sich in allen Vegetationsstadien befand: Blüten, Blätter, Früchte. Sogar die Dächer waren voller Gestrüpp! An den Treppen, die zu den kleinen, überdachten Veranden führten, fehlten bei den beiden Ruinenhütten die Stufen. Durch die Tür- und Fensterlöcher konnte man geradewegs ins Innere der Hütten sehen und durch ein Fensterloch an der Rückwand wieder hinaus in den Wald. In den Ruinen selbst drückten sich blühende Disteln durch den kaputten Boden.
Sechs Wochen? Hier? Ohne jegliche technische Ausrüstung, die ihr digitales Ich ausmachte?
Sie ließ den Blick weiterwandern, über die drei anderen Hütten, die intakt schienen, zu dem Betonquader, der den Gebäudehalbkreis auf der linken Seite abschloss und wie die kleine Schwester des Kreuzottern-Hauses wirkte.
Mit etwas Mühe konnte man sich diesen Babyquader sogar schönreden – und sei es nur wegen des liebevoll handgemalten Schildes mit der gigantischen Schnörkelaufschrift Werkstatt, das über der Tür hing und so etwas wie Menschlichkeit ausstrahlte. Das Problem lag in der Mitte: die Cabin in the Woods.
»Unser Haupthaus.« Frau Jorek wies mit dem Kinn darauf.
»Ein Atombunker?«, entfuhr es ihr.
Noomi machte ein komisches Geräusch, halb Lachen, halb Husten. Ryan tat nichts. Überhaupt war der ganz schön still. Trotzdem schaute Frau Jorek sie alle drei strafend an, aber im Ernst: Das Teil sah wirklich aus wie ein Bunker. Fettmaurig, düster und geduckt, strahlte es so viel Lebensfreude aus wie ein Gullyloch.
»Ich hoffe, die haben den Architekten auch hier eingebuchtet. Das da ist jedenfalls eine Straftat«, höhnte sie.
Noomi sah aus, als würde sie gleich losprusten, und Ryan, der unsichtbare Dritte in ihrem Bunde der Kriminellen, drängte sich an einen Baumstamm und schwieg weiterhin.
»Das Haupthaus ist tatsächlich ein Prunkstück der DDR-Architektur«, erwiderte Frau Jorek kalt. Olympe hoffte, dass sie es ironisch meinte. »Es ist ein ehemaliges FDGB-Ferienheim.« Bevor sie nachfragen konnte, wofür die Abkürzung FDGB stand, ging der Vortrag schon weiter. »Dadrin sind der Gruppenraum mit Küche, mein Büro, mein Zimmer, die Waschräume und unser Lebensmittellager. Überhaupt ist das unser Aufenthaltsbereich, wenn die Witterung mal nicht mitspielt.«
»Gemütlich.« Sie konnte sich den Kommentar nicht verkneifen.
»Ihr seid nicht hier, um Urlaub zu machen«, gab Frau Jorek zurück.
»Und wo wohnen wir?«, fragte Noomi.
Wenn die nicht bald aufhörte zu lächeln, würde sie einen Anfall bekommen.
»Ihr beide teilt euch Hütte 5.« Frau Jorek deutete auf das Holzhäuschen ganz rechts. »Und du …« Sie nickte Ryan zu, »wohnst gemeinsam mit dem vierten Teilnehmer in Hütte 4.«
Teilnehmer? War das ihr offizieller Name hier? Nicht »jugendliche Straftäter« oder »Kriminelle«, sondern Teilnehmer?
»Die Schlafhütten haben alles, was man braucht.« Frau Jorek sprach, als würde sie ihnen eine Luxussuite anbieten. »Sogar eine eigene Komposttoilette.«
Sogar!
»Duschen sind im Haupthaus und warmes Wasser gibt’s auch.« Sie wies auf das Dach des Kreuzottern-Gebäudes. »Die Solarzellen versorgen das Haupthaus nämlich mit Strom.«
»Nur das Haupthaus?« Olympe schwante Fürchterliches. »Und unsere Hütten? Gibt’s da etwa kei…«
»Für die haben wir einen Generator«, erklärte Frau Jorek. »Aber wir schalten ihn nur einmal täglich kurz an, vor der Bettruhe. Im Sommer ist es ja lange hell. – Durchgängig Strom gibt es also nur im Haupthaus.«
Sie wollte sich wegbeamen. Zu einem Ort mit entschieden weniger Bäumen. Nach Hause. Zu Marie und Stefan und ihren Cousins Ole und Fabi. Zu ihren Computern. Zu Strom, der vierundzwanzig Stunden täglich verfügbar war, einer richtigen Toilette und ihrem Zimmer, das sie sich nicht mit einer Teilnehmerin teilen musste.
Mitten in ihren Wunschtraum kreischte Noomi neben ihr auf, ihre Hände und Haare flogen, und etwas Dunkles zog lautlos in die Höhe. Olympe zuckte instinktiv zurück.
»Was …«, stieß sie erschrocken hervor, »… war das denn?«
»Es hat mich angefallen!« Noomi wischte sich hektisch den Kopf. Endlich, freute sich Olympe und wusste, dass sie gemein war, endlich mal keine Spur von Grinsen auf dem Gesicht.
Frau Jorek schien ungerührt. »Wahrscheinlich eine verpeilte Hufeisennase.«
Hufeisen-was?
»Eine Fledermausart«, erläuterte Frau Jorek. »Kleine Hufeisennase, genau genommen. Gunnar kann euch dazu mehr erzählen.«
Gunnar?
»Der wohnt übrigens dort, zusammen mit Lara …« Sie wies auf Hütte 1, gleich neben der Baby-Kreuzotter-Werkstatt. »Die zwei lernt ihr nachher kennen. Die Fledermäuse sind jedenfalls harmlos, aber sehr unbeholfen, wenn man sie weckt. Wir haben viele davon, sie fliegen abends durchs Camp. Neben Hufeisennasen gibt’s hier noch Abendsegler und Große Mausohren. Sie schlafen in den Felshöhlen einen halben Kilometer von hier. Seid vorsichtig, wenn ihr welche in der Dämmerung seht, auf keinen Fall danach schlagen oder sie jagen – sie stehen auf der Liste der gefährdeten Arten und müssen geschützt werden.«
Noomis Gesichtsausdruck machte mehr als deutlich, dass sie selbst sich für schützenswerter hielt als verpennte Fledermäuse mit komischen Namen.
»Ist ja nichts passiert«, schloss Frau Jorek streng. »Und wie ich vorhin schon sagte: Gewöhnt euch dran. Die Wildnis gehört dazu.« Dann, in sanfterem Ton: »Alles klar?«
Nein. So was von nein.
»Und jetzt ab mit euch in eure Hütte. Auspacken! – Ryan?«
Ryan? Stimmt, der war ja auch noch da.
»Komm. Ich stell dir deinen Mitbewohner vor.« Ryan, noch immer schweigend, schlappte hinter Frau Jorek her zu Hütte 4.
Komischer Typ, befand sie. Zu still. Stille Wasser waren nach ihrer Erfahrung beinahe genauso verdächtig wie unechte Menschen mit Dauergrinsen. Aber was wunderte sie sich überhaupt? Das hier war ein Strafcamp! Es war abzusehen gewesen, dass sie nicht auf Gandhi und Mutter Teresa treffen würde, oder? Die beiden hatten natürlich was auf dem Kerbholz!
Sie holte tief Luft, wuchtete ihre Hundert-Kilo-Tasche hoch und steuerte die zugewiesene Hütte an.
Die Hütte, zu der Frau Jorek ihn lotste, glänzte in der Nachmittagssonne. Sie nahm die zwei Stufen zur Tür, kreuzte mit einem Schritt die schmale Veranda und riss die Hüttentür auf, ohne anzuklopfen. Drinnen herrschte Dunkelheit.
Sie schob ihn über die Schwelle. »Flix, hier kommt dein Mitbewohner! Denkt an die Kennenlernrunde!« Dann war sie weg.
Es gelang ihm, die Tür mit dem Fuß abzufangen, ehe sie hinter ihm ins Schloss fiel. Seine Augen versuchten, sich den Lichtverhältnissen anzupassen, und nach einer Weile konnte er ein Bett ausmachen, das an der rechten Zimmerwand stand, und darauf eine Gestalt, die sich langsam aufrichtete.
»Willkommen im Hilton.« Der Typ breitete die Arme mit einer Geste aus, als wollte er ihm die Hütte schenken. »Ich bin Flix. Hab mich mal ’n Moment hingehauen.«
»Versteh ich«, flüsterte er. »Ich bin Ryan.«
»Hi, Ryan.«
»Hi … Flix.«
Sein Blick huschte durchs Zimmer, zum Fenster, zu Flix. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerige und sein Mitbewohner nahm Konturen an. Und was für welche!
Flix sah aus wie ein Schauspieler aus einer Werbung für Duschbäder. Gebräunt, sehnig und mit erstaunlich weißen Zähnen. So einer, der auf einem Felsvorsprung steht und sich dann kopfüber in die Tiefe stürzt. Der beim Auftauchen lacht und sich die nassen Haare aus den wasserfarbenen Augen schüttelt. Die Tropfen fliegen in Zeitlupe an der Kamera vorbei. Dann wird der Name des Duschgels eingeblendet, aber den kann sich keiner merken, weil alle nur an den schönen Jungen denken.
So einer war Flix.
»Sag mal, wie alt bist du, Bro?«, unterbrach der Duschgeljunge seine Gedanken. »Also – nimm’s nicht persönlich, du siehst aus wie elf oder so. Die können doch keine Kinder hier reinstecken!«
»Vierzehn.« Er schob sich an Flix vorbei zu dem Bett, das direkt unter dem Fenster stand. Gegen Typen wie Flix war er machtlos.
»Jetzt also noch mal offiziell«, begann Sophia Jorek ihre Einführungsrede. »Willkommen bei Feel Nature. Und gleich vorweg: Ihr habt verdammtes Glück, dass sie euch hierhergeschickt haben. Glaubt mir, viele jugendliche Straftäter in eurer Situation würden was drum geben, bei unserem Projekt mitzumachen.«
Ja, dachte sie. Ja! Ich hab’s geschafft. Dank ihres Anwalts, der die Jugendrichterin davon überzeugt hatte, sie an diesem ungewöhnlichen Projekt teilnehmen zu lassen. Nachdem Noomi ihn überzeugt hatte, ganz unauffällig natürlich. Die Richterin hatte eingewilligt, weil sie Ersttäterin sei, weil sie eine gute Prognose habe und wegen des Vorfalls, der hinter ihr läge. Wenn die wüsste, dass ausgerechnet der Vorfall der Grund für ihre Straftat gewesen war. Und jetzt war sie tatsächlich hier. Endlich! Unter freiem Himmel, zwischen aufgeschreckten Fledermäusen, auf Baumstümpfen, im Kreis mit anderen, und auf nichts davon kam es an. Worauf es ankam, war, ihren Plan umzusetzen.
Erst mal durchatmen, beschwor sie sich. Mitmachen. Ins Gefüge einschmiegen. Alles andere würde sich finden. Lächeln. Unauffällig, unauffällig!
Insgesamt waren sie sieben, sie saßen um eine Feuerstelle. Direkt neben ihr Ryan, dann Frau Jorek und ein weiterer Junge, den sie noch nicht gesehen hatte und der für ihren Geschmack zu gut aussah. Außerdem Olympe, mit der sie nicht wirklich warm wurde. Alles an ihrer Mitbewohnerin kam Noomi widersprüchlich vor: Ihre ohrläppchenkurzen Haare wirkten wie selbst abgesäbelt und schrien überdeutlich heraus, dass ihr die Meinung anderer scheißegal war. Andererseits trug sie eine sauteure Hipsterbrille und hatte mehr Ringe an den Fingern, als in der Auslage des Juwelierladens gelegen hatten, dessen Scheibe sie eingeschlagen hatte. Sie wirkte gleichzeitig geerdet und abgehoben, arrogant und freundlich. Noomi konnte sich keinen Reim auf sie machen.
Neben Frau Jorek hockte ein Mann auf dem Stumpf, dessen gesamtes Gesicht aus Lachfalten zu bestehen schien. Eine wilde lichtbraune Mähne. Und als Letztes lümmelte ein Mädchen in ihrem Kreis, das wie eine Klischee-Schwedin aussah: so blondes Haar, dass es fast weiß schien. Außerdem wirkte sie, als würde sie jedes Wochenende hier im Elbsandsteingebirge verbringen – an einer Steilwand hängend. Braun gebrannt, drahtig, stark. Die hatte vor nichts Angst, da war sie sich sicher. Was sie wohl angestellt hatte?
Noomi, konzentrier dich, schalt sie sich. Hör zu. Oder tu zumindest so.
»… habt eure Sachen schon ausgepackt und die Papiere gelesen, die ich euch gegeben habe …«
Die Rede spülte um sie herum, ihre Gedanken schweiften zurück zum Auspackmoment, dann zu dem, als die dauerplappernde Olympe auf dem Klo verschwunden und sie selbst aus der Hütte gehuscht war. Da hatte sie den ersten Fehler in ihrem ansonsten perfekten Plan gemacht. Sie hatte nämlich ausgerechnet eine Stelle zwischen den Baumstümpfen gewählt, auf denen sie gerade saßen, um ein Loch zu graben und ihren wichtigsten Besitz darin zu versenken.
Argwöhnisch beobachtete sie Frau Joreks Füße, die diese Stelle berührten. Fast berührten.
»… werden ab zehn Uhr die Hütten nicht mehr verlassen. Wenn doch, gibt es Strafpunkte. Fünf Strafpunkte bedeuten, dass ihr aus der Maßnahme fliegt. Die Mahlzeiten bereitet ihr abwechselnd in Zweierteams vor. Es geht, wie bei allem hier, um Teamarbeit. Diese Gruppe …« Ihre ausgreifende Geste beschrieb einen Kreis um sämtliche Baumstumpfsitzer. »… wird die nächsten Wochen miteinander verbringen. Wir arbeiten zusammen, kochen und putzen zusammen und treffen uns jeden Tag um halb fünf zu einer Dialogrunde, bei gutem Wetter hier, bei schlechtem drinnen.« Sie deutete mit dem linken Daumen über ihre Schulter zur Cabin in the Woods.
Immerhin duschen und aufs Klo gehen dürfen wir offenbar alleine, dachte Noomi und starrte weiter auf Frau Joreks Füße.
»Was die Duschen angeht …« Konnte die Gedanken lesen? »Die Waschräume im Haupthaus sind nach Jungs und Mädchen getrennt. Haltet euch dran. Ja, was noch? Abends um halb neun schalten wir den Generator an, dann habt ihr in den Hütten Licht zum Lesen, Briefeschreiben und so. Um zehn geht das Licht aus und es herrscht Bettruhe. Alles klar so weit?«
Keiner von ihnen reagierte.
»Okay.« Die Sozialarbeiterin klatschte in die Hände und der allzu attraktive Junge zuckte zusammen, als wäre er mit den Gedanken ganz weit weg gewesen. Selbst mit aufgeschrecktem Blick sah er noch aus, als würden sich Joop, Adidas und Gucci bekriegen, damit er für sie modeln würde.
»Kurze Vorstellungsrunde«, befahl Frau Jorek und wies auf sich. »Mich kennt ihr schon, ich bin Sophia Jorek und ich leite das Camp. Ihr könnt mich Jorek nennen.«
»Nicht Frau Jorek?«, erkundigte sich Ryan leise. Er war eindeutig der Jüngste von ihnen und Noomi fiel auf, dass sie seine Stimme zum ersten Mal bewusst hörte.
Die Campleiterin schüttelte den Kopf. »Einfach Jorek.«
Olympe kicherte. »Sophia?«, schlug sie vor.
Jorek zog eine Braue hoch. Das reichte, um Olympe verstummen zu lassen.
»Ich bin für alles Pädagogische hier zuständig, leite die Gruppensitzungen und trage die Verantwortung für euch und das Gelingen des Projekts. Wenn ihr Fragen habt oder es irgendwelche Probleme gibt, wendet euch bitte an mich oder an meinen Kollegen …« Sie nickte zu dem Faltenmann. »… Gunnar Wildner.«
