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Ein packendes Abenteuer über Gestaltwandler, Mut und Freundschaft … Ein faszinierendes Fantasy-Abenteuer aus Norwegen. Der erste Band einer mitreißenden Serie über Gestaltwandler, die Suche nach Identität und die Macht der Freundschaft – für Mädchen und Jungen ab 10 Jahren. Ein Mädchen, das sich verloren fühlt. Eine Entdeckung, die alles verändert. Embla hat sich nie wirklich zugehörig gefühlt. Ihre neue Schule, eine nervige Schwester und überfürsorgliche Eltern machen ihr das Leben schwer. Doch als ein schreibender Käfer ihr eine rätselhafte Botschaft hinterlässt, ändert sich alles. Denn Embla ist kein gewöhnliches Mädchen … Werwesen – von Ameisen bis Hirsche – leben im Verborgenen unter uns, und Embla erkennt, dass sie Teil einer Welt ist, in der magische Kreaturen und dunkle Geheimnisse herrschen. In einer geheimen Schule für Werwesen und in den wilden Wäldern Norwegens muss sie lernen, ihre Kräfte zu beherrschen. Welche Tiergestalt steckt in Embla? Warum hat sie einzigartige magische Fähigkeiten? Die Antworten könnten über Leben und Tod entscheiden … - Das perfekte Geschenk: Packender Lesestoff für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren - Lesespaß garantiert: Fantastische Welten, kraftvolle weibliche Figuren, überraschende Wendungen und packende Spannung - Wie eine richtig gute, actiongeladene Serie: Ein Jugendbuch über Fabelwesen, Magie, Identität und Freundschaft - Mitreißendes Fantasy-Epos: Fans von "Woodwalkers", "Keeper of the Lost Cities" und "Harry Potter" werden dieses Buch verschlingen - Extra-Motivation: Zu diesem Buch gibt es ein Quiz bei Antolin.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Håkon Marcus
Der Ruf der weißen Eule
Aus dem Norwegischenvon Gabriele Haefs
arsEdition
Die Übersetzung dieses Buches wurde gefördert durch die norwegische Organisation »Norwegian Literature Abroad« (NORLA).
Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025
© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe arsEdition GmbH,
Friedrichstraße 9, D–80801 München
Deutsche Erstausgabe
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Die norwegische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel
»Villdyr« bei H. Aschehoug & Co., Oslo
Text: Håkon Marcus
Übersetzung: Gabriele Haefs
Covergestaltung: Grafisches Atelier arsEdition
unter Verwendung einer Illustration von Marie Blom
und einem Design von Håkon Marcus
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
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ISBN eBook 978-3-8458-6680-2
ISBN Print 978-3-8458-6082-4
www.arsedition.de
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Aus dem Maljerhorn schenkte die Holde Wildze den Wilden.
Sie schuf ein Volk aus Frosch, aus Käfer und aus Maus,
und Fische, Vögel und die anderen nun Sippen konnten bilden
und sprangen nunmehr zwischen Bürgern und Werwelt ein und aus.
Auszug aus der Dovresaga von Sigde Varjeleter
Embla Villseid war sicher, dass etwas vor ihrer Geburt passiert sein musste, das sie von ihren Eltern unterschied. Vielleicht eine Genmutation oder eine kosmische Störung durch Planeten, die das Gleichgewicht durcheinandergebracht hatten. Nur so konnte sie sich erklären, dass sie sich so anders fühlte als die drei Menschen, mit denen sie im Stormyrvei 21 B lebte und die ihre Familie waren.
Emblas Mutter hieß Karin und wurde dafür bezahlt, dass sie in kleinen und mittelständischen Betrieben Vorträge über Motivation und Lebensfreude hielt. Warum jemand bereit war, dafür zu bezahlen, war ein Rätsel, da sie dieselben Vorträge gratis für alle hielt, mit denen sie ins Gespräch kam, egal, ob die das hören mochten oder nicht.
Emblas Vater, Helge, war ein hochgewachsener, sehniger Finanzberater, der zu Hause immer knallbunte Fahrradklamotten trug und das ganze Jahr hindurch sonnengebräunt war. Er meinte, alle müssten ebenso viel draußen sein wie er, vor allem die, die das gar nicht wollten. Es gibt kein schlechtes Wetter, sagte er gern, es gibt nur schlechte Kleidung.
Embla hatte außerdem eine Schwester, die Malene hieß, und Malene war die Schlimmste von allen. Malene war so perfekt, wie man nur sein kann, wenn man in die zehnte Klasse kommt – sie war die Beste in der Handballmannschaft, hatte in allen Fächern gute Noten, und zugleich war sie das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Malene war beliebt, und es gab niemanden, der sie nicht mochte. Darauf war sie stolz, und sie betonte immer, dass niemand an der ganzen Schule beliebter war als sie.
Embla hatte absolut keine Ähnlichkeit mit den anderen drei Mitgliedern der Familie Villseid. Obwohl sie nun schon seit fast dreizehn Jahren mit dieser Familie zusammenlebte, interessierte sie sich weder besonders für Outdooraktivitäten noch für die Motivation von Angestellten in mittelständischen Betrieben. Und sie war kein bisschen beliebt. Eigentlich hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine richtige Freundin gehabt.
Letzteres stimmte zwar nicht ganz, denn drei wunderschöne Monate im vergangenen Sommer war Fernanda in ihrer Klasse gewesen. Embla hatte es kaum glauben können, wie ähnlich sie sich waren. Sie hatten stundenlang über die Texte von alten Rocksängern geredet oder darüber, welche Gottheit in der griechischen Mythologie am meisten taugte, und wer aus der Klasse bei einer Battle Royale zuerst sterben würde. Mit Fernanda zusammen war eigentlich alles lustig, egal, ob sie Hausaufgaben machten, abends durch die Straßen liefen oder sich in den Bibliothekssaal schlichen, um auf der großen Leinwand einen Horrorfilm zu sehen. Im Klassenzimmer schob Fernanda sich die Brille die spitze Nase hoch und flüsterte so schlimme Dinge, wie Embla dachte, und dann lachten sie beide heimlich in der hintersten Bank.
Aber am letzten Tag vor den Ferien hatte Fernanda eine schreckliche Neuigkeit gehabt: Sie würde für einige Zeit nach Nordnorwegen ziehen, um bei ihrem Vater zu wohnen.
»Das neue Schuljahr wird ohne dich beschissen«, hatte Embla gesagt.
Sie hätte am liebsten geweint, aber das tat sie nie, wenn andere zusahen.
Fernanda hatte gelächelt und die flammenden Augen niedergeschlagen, sodass nur noch ihr schwarzer Eyeliner zu sehen gewesen war. Der war messerscharf gezogen und ließ sie viel älter aussehen als ihre Mitschülerinnen.
»Du wirst besser zurechtkommen, als du glaubst, da bin ich sicher. Du bist etwas ganz Besonderes, Embla. Das weiß ich schon immer.«
Vor Fernandas Umzug hatten sie Freundschaftsamulette getauscht, das war Fernandas Idee, und sie hatten sich versprochen, in Kontakt zu bleiben.
Aber im Laufe des Sommers hatte Embla festgestellt, dass sie einander immer weniger und immer kürzere Nachrichten schickten und dass das Schreiben immer länger dauerte, bis sie dann vor einer Woche ein »Was machst du?« geschickt hatte, und noch immer war von Fernanda keine Antwort gekommen. Embla machte ihr keine Vorwürfe, man hatte bestimmt mehr als genug mit den neuen Dingen zu tun, wenn man an einen neuen Ort zog. Dennoch tat es weh, daran zu denken, und deshalb hatte sie in diesem Sommer versucht, das Denken möglichst zu vermeiden.
Embla hatte zum Glück viele Hobbys, mit denen sie die Gedanken vertreiben konnte. Sie war bei keinem davon besonders gut, aber es half oft, wenn sie sich mit der Gitarre hinsetzte und Riffs und Akkorde übte. Die Profi-Zeichenstifte, die sie im Frühling gekauft hatte, hatte sie ebenfalls eifrig benutzt. Mehrere dunkelgraue Kunstwerke hingen an der Wand – eines düsterer als das andere. Sie hatte damit Malene dazu bringen wollen, scheußliche Grimassen zu schneiden und sie »geisteskrank« zu nennen, und zu Beginn der Ferien hatten die Zeichnungen tatsächlich einen gewissen Erfolg gehabt. Inzwischen hatte der Schockeffekt leider ein bisschen nachgelassen, und das galt auch für Emblas Interesse am Zeichnen.
An diesem Morgen saß Embla deshalb lieber mit Musik in den Ohren und der Nase in einem Buch da, während sie versuchte, die wirkliche Welt auszusperren. Um zehn nach neun wurde die Musik leider vom Rufen ihres Vaters übertönt. Embla zog sich den Stöpsel aus dem Ohr, um herauszufinden, was los war.
»… kurz runterkommen? Mama und ich möchten mit dir reden.«
»Wenn’s sein muss«, antwortete Embla und kletterte wie eine langbeinige Spinne aus dem Bett.
Im vergangenen Jahr war sie groß und schlaksig geworden, und während sie sich die schmutzigblonden Haare hinter die Ohren schob, spielte sie noch einmal mit dem Gedanken, sich die Haare schwarz zu färben. Es wirkte irgendwie überzeugender, das einsame Mädchen zu sein, das alle hasste, wenn man schwarze Haare hatte. Sie zog einen Kapuzenpulli an, in dem sie sich verstecken konnte. Embla hatte eigentlich keine Lust, sich mit solchen Oberflächlichkeiten abzugeben. Sie wusste auch, dass ihre Eltern ihr keine neue Haarfarbe erlauben würden.
Als sie in die Küche kam, war der Frühstückstisch gedeckt, aber nicht mit essbaren Dingen. Statt Aufschnitt und Tellern lagen dort Festartikel! Grellbunte Papphüte, Plastikbecher, Glitzerkram, Wimpelketten mit Kürbismotiven und grüne und schwarze Luftballons.
Embla sah verwundert ihre Eltern an, die mit geheimnisvollem Lächeln hinter dem Tisch thronten. Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter, denn was immer hier los sein mochte, es gefiel ihr nicht.
Endlich machte Papa den Mund auf.
»Heute ist ja ein ganz besonderer Tag.«
»Wirklich?«, fragte Embla. Sie warf einen skeptischen Blick auf eine Rolle aus giftgrünen Luftschlangen.
»Die siebte Klasse! Und eine neue Schule, Embla!«, sagte Mama mit ihrer mahnenden Vortragsstimme. Sie hob gestikulierend die Hände, und ihre vielen Designerarmbänder rutschten klirrend wie auf einem Abakus ihre Arme herunter. »Dieser Schulwechsel bedeutet den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Bei meinen Vorträgen nenne ich das misson of transition. Das bedeutet, dass du jetzt einen ganz besonderen Auftrag hast, und dieser Auftrag heißt Veränderung. Du musst herausfinden, wer du bist. Dir neues Werkzeug besorgen, um den Herausforderungen gewachsen zu sein, die auftauchen werden. Du wirst Niederlagen erleben, und deshalb ist es wichtig, vorbereitet zu sein. Nur dann kannst du aufstehen und der Wirklichkeit gegenübertreten.«
Embla zog nervös eine Hand in ihren Pulloverärmel. Sie wurde nur überaus ungern ungefragt motiviert.
Papa ergriff das Wort.
»Wie auch immer, deine Mutter und ich haben überlegt. Und wir glauben, dass an dem, was der Psychologe dir gesagt hat, etwas Wahres dran ist. Du musst aus deinem eigenen Kopf herauskommen.«
»Mithilfe von … Spiralstrohhalmen?«
»Lass die blöden Witze«, sagte Mama. »Wir haben beschlossen, dass es im Moment die gesündeste Lösung für dich ist, wenn du eine Party feierst. Ich weiß, das kommt ein bisschen überraschend, aber hör zu: Du kannst deine neuen Freundinnen und Freunde direkt einladen, wenn du sie kennenlernst. Taktisch, geradeheraus, straight to business. Tschakka. Dadurch machst du deutlich, dass du ein Alphaweibchen bist und die Führung des Rudels übernehmen kannst. Genau wie deine Schwester. Schau mal, wir haben schon Einladungen vorbereitet, die zu deiner wunderbaren Persönlichkeit passen, und überhaupt.«
Sie reichte Embla zufrieden einen Fächer aus schwarzen Briefbögen, die mit kindischen Zeichnungen von Totenköpfen mit rosa Haarschleifen geschmückt waren.
Embla zog besorgt den ersten Bogen heraus und fing an zu lesen:
Geburtstagsfest
Hast du Lust, auf mein Fest zu kommen? Ich werde bald 13, und ich will am Wochenende bei uns zu Hause eine coole Fete schmeißen. DU bist natürlich eingeladen.
Wo: Stormyrvei 21 B in Hellerudtoppen
Wann: Freitag, 23. August
PS: Es wird spoooooky!
Embla fing noch einmal oben an und las alles ein zweites Mal, und dabei merkte sie, dass sich ihr Körper mit etwas Kaltem und Drückendem füllte. Mama und Papa hatten schon immer versucht, sich in Emblas Leben einzumischen, aber diesmal gingen sie zu weit. Meinten sie wirklich, Embla sollte ein Fest veranstalten, eine knappe Woche, nachdem sie an einer neuen Schule angefangen hatte? Kannten ihre Eltern sie denn überhaupt?
»Ihr könnt ja draußen im Garten herumtollen«, schlug Papa vor. »Oder – im Wald!«
»Oder im Kellerraum«, warf Mama dazwischen und kniff Papa in den Arm.
»Wir versprechen jedenfalls, dass wir absolut nicht im Weg sein werden«, sagte Papa und lächelte. »Das muss doch verlockend wirken! Überleg mal, wie viele andere Dreizehnjährige über eine sturmfreie Bude jubeln würden.«
Embla machte den Mund auf, wusste aber nicht, was sie sagen sollte, deshalb klappte sie ihn hilflos wieder zu. Sie war keine andere Dreizehnjährige, sie war Embla. Wann würden ihre Eltern das endlich begreifen?
Mama warf Papa einen besorgten Blick zu.
»Du kannst dich nicht einfach nur durch deine Jugendjahre schleichen, ohne aus deiner Komfortzone herauszukommen«, sagte sie. »Steck die Einladungen in deine Schultasche, und dann halt mal Ausschau nach Jugendlichen, denen du eine geben kannst, okay?«
»Ich fang aber erst morgen in der neuen Schule an«, sagte Embla automatisch.
Von diesem ganzen Gespräch wurde ihr schlecht, von der ungebetenen Einmischung in ihr Leben und den albernen Scoobydoo-Bändern, die ihre Eltern gekauft hatten.
In diesem Moment stand Mama auf, ging zum Kühlschrank und tippte ein frisch aufgehängtes Infoschreiben mit dem Finger an.
»Montag, 12 Uhr. Kennenlerntag für die achte Klasse.«
»Da muss man aber nicht hin.«
»Da musst DU hin«, widersprach Papa so heftig, dass Embla zusammenzuckte. »Schön, du bist anders, aber wenn du zu anders wirst, führt kein Weg zurück, oder was? Sonst drehst du irgendwann noch durch. Wie die Leute, die in den USA ihre Klassenkameraden abknallen.«
Embla prustete los, hörte aber sofort auf, als sie das Gesicht ihrer Mutter sah.
Die beiden machten keine Witze.
»Wenn du nicht versuchst, aus deinem antisozialen Verhaltensmuster auszubrechen, müssen wir dich wohl dazu zwingen. Du gehst heute in die Schule, du lernst ein paar neue Leute kennen und du lädst sie für Freitag zu deiner Party ein. Das ist ein Befehl.«
Embla war pechschwarzer Stimmung, als sie eine Stunde später die Haustür mit einem Tritt öffnete. Wie sollte sie es schaffen, Einladungen zu verteilen, ohne wie eine totale Vollidiotin dazustehen? Sie zog eine Einladung halbwegs aus dem Rucksack und wäre bei diesem Anblick am liebsten im Erdboden versunken. Es wird spoooooky!
Als sie die Auffahrt hinunterging, fasste sie ihren Entschluss. Nie im Leben würde sie irgendwen einladen! Sie könnte doch einfach behaupten, dass niemand kommen wollte. Es wäre noch nicht mal gelogen – wenn sie niemanden fragte, konnte ja auch niemand zusagen. Nicht, dass sie befürchtete, irgendwer könnte ihre Einladung annehmen. Die aus ihrer alten Klasse würden noch nicht mal zu ihrem Fest kommen, wenn sie mit dem Messer drohte!
Embla schaute sich zum Haus um und überzeugte sich davon, dass niemand sie vom Fenster aus beobachtete. Jetzt, wo sie ohnehin unterwegs war, konnte sie auch gleich so tun, als ob sie zu diesem Kennenlern-Ding wollte.
Aber statt hinaus auf die Straße zu gehen, warf Embla alle Einladungen in die Mülltonne, dann schlich sie sich zurück in die Garage, stieg vorsichtig auf die Werkbank hinter dem Auto und kletterte zwischen den Dachbalken nach oben. Sie hatte sich im Sommer schon oft in dieses Versteck verkrochen, wenn zu viel mit »Selbstverwirklichung« genervt wurde, wenn sie vor die Tür gesetzt worden war, um ein wenig Sonne auf die Haut zu bekommen, oder wenn Malene mit ihrem Social-Media-Kanal beschäftigt war. Inzwischen hatte sie hier oben eine ziemlich gemütliche Leseecke, denn sie hatte einige Bretter quer gelegt, auf denen sie sitzen konnte, und sie hatte sich ein Kissen für den Rücken hochgeholt. Jetzt setzte sie sich hin, hängte ihre Schultasche an einen rostigen Nagel und zog ein zerfleddertes Buch aus der Bibliothek und ihr Handy hervor.
Es war halb zwölf. Sie brauchte nur zwei Stunden hier zu sitzen, und in Die geheimnisvolle Insel waren noch Seiten genug übrig.
Embla hatte schon fast drei Kapitel gelesen, als sie die Haustür zufallen hörte. Sie öffnete den Mund und holte in langen, gleichmäßigen und lautlosen Zügen Luft. Wenn Papa an seinem Fahrrad herumbasteln wollte, könnte das eine Ewigkeit dauern.
Zum Glück kam stattdessen Mama in die Garage. Kurz danach fuhr das Auto knirschend draußen über den Kiesweg und war gleich darauf verschwunden, und Embla konnte ihr Buch wieder heben und die richtige Stelle zum Weiterlesen suchen.
Aber schon bald wurde sie wieder beim Lesen gestört, diesmal durch ein tiefes Brummen. Sie hatte hier oben unter dem Dach den ganzen Sommer hindurch immer wieder Besuch von großen schwarzen Käfern gehabt, und hier kam nun noch einer. Vielleicht hatten die hier in der Nähe ein Nest? Käfer hatten doch Nester, oder nicht? Der Panzer dieses Käfers glänzte violett, als das Tier an der nackten Glühbirne unter der Decke vorbeiflog und vor Embla auf dem Balken landete.
Das war seltsam. In der vorigen Woche war an genau derselben Stelle ein Käfer gelandet. Konnte das derselbe Käfer sein?
Sie legte das Buch vor sich auf den Boden und starrte den Käfer an.
»He, du«, sagte sie und kam sich sofort blöd vor.
Der Käfer schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Stattdessen sprang er vom Balken und faltete die Flügel zusammen. Jetzt war er ziemlich dicht vor Embla. Embla hatte keine Angst vor Insekten und fand sie aus irgendeinem Grund umso weniger unangenehm, je größer sie waren. Sie starrte den Käfer an, während der glänzend schwarze Kerl erst vorwärts und dann vorsichtig auf die aufgeschlagene Buchseite krabbelte, die sie eben gelesen hatte. Der Käfer zögerte für einen Moment, dann hob er ein Bein nach dem anderen und kehrte Embla den Rücken zu.
Und nun begann der Käfer, die Buchstaben zu verschieben.
Embla war daran gewöhnt, dass Wörter, die sie las, ineinander übergehen konnten, wenn sie müde war, aber das hier war nicht dasselbe. Das D, das der erste Buchstabe oben in der linken Ecke gewesen war, lag jetzt auf den beiden nächsten. Emblas Muskeln spannten sich an. War das hier überhaupt echt? Träumte sie?
Mit ein paar Bewegungen seiner Hinterbeine hatte der Käfer jetzt aus den ersten drei Wörtern einen dicken Kloß aus Druckerschwärze zusammengerollt, der vor dem vierten Wort klebte, und dort, wo die Wörter gestanden hatten, war das Papier so weiß und blank wie am Rand.
Embla sah, dass ihre eine Hand zitterte, und sie hob sie langsam zur Decke, um sie stillzuhalten. Wie um alles in der Welt konnte das möglich sein? Ohne ihren Blick davon lösen zu können, sah sie zu, wie sich der Käfer durch die erste Zeile hindurcharbeitete und unter sich ein Wort nach dem anderen zu einem schwarzen Kritzelball aufrollte. Eine Dungkugel aus Buchstaben. Embla starrte wie hypnotisiert hin, während die Druckerschwärze von der Seite verschwand und weißes Papier hinterließ.
Als der Käfer den ersten Abschnitt vollständig aufgerollt hatte, hielt er inne.
Embla bekam ihre Gedanken teilweise wieder in den Griff. Sie brauchte doch keine Angst zu haben. Das hier war zwar ein großer Käfer, aber verglichen mit ihr war er klein. Sie könnte ihn verscheuchen, könnte ihn zwischen die Balken schleudern und selbst durch die Tür zum Waschkeller rennen, ehe der Käfer … ehe der Käfer was denn tun könnte, eigentlich?
Während sie noch über diesen Plan nachdachte, setzte der Käfer sich wieder in Bewegung. Nun rollte er den riesigen Buchstabenballen mitten über die blanke Stelle, und dabei kam eine Reihe von Wörtern zum Vorschein:
kopf unten laSsen, Embla! RausfinDen, was du fÜr ein tier bist
Embla hätte fast einen Schrei ausgestoßen, zwang sich jedoch, den zu unterdrücken.
Ihr Gehirn hatte Feierabend gemacht – das war die einzige Erklärung. Ja, es hatte ganz einfach einen Kurzschluss erlitten und angefangen, am helllichten Tag Träume ablaufen zu lassen! Aber Embla nahm die Wirklichkeit wahr, die sie umgab. Den Geruch nach Holz und Erde und Benzin aus dem leckenden Außenbordmotor in der Ecke, das Gefühl der Kleider an ihrem Körper und ihren Kiefer, der sich vor Spannung versteifte. Details, die ihr in einem Traum niemals aufgefallen wären. Sie blinzelte und sah, dass der Käfer noch einen Satz geschrieben hatte.
diemistKäfer sind nur meine, folg ihnen wenn du dich verirrst
Das erste Wort in diesem Satz war schwierig, und sie musste es dreimal lesen, ehe sie begriffen hatte, was da stand. Die Mistkäfer. Das hier war also ein Mistkäfer.
»Du bist ein Mistkäfer, nicht wahr? Kannst du verstehen, was ich sage?«
Der Mistkäfer ließ sich nicht anmerken, ob er sie gehört hatte, er rollte seine glänzende Kugel aus Druckerschwärze, die jetzt kleiner war als vorher, einfach weiter. Embla ließ nicht locker.
»Woher weißt du, wie ich heiße?«
Der Käfer hielt für einen Moment inne, ehe er weitermachte. Eine neue Reihe von Wörtern wurde auf die Seite geklebt.
Ich Komm dich holen, bleib so lang bEi den bürgern
Dieser Satz ergab doch keinen Sinn. Nichts an dieser ganzen Situation ergab einen Sinn – Käfer, die schrieben, Buchstaben, die sich von der Seite hoben, auf die sie gedruckt waren, wie konnte das möglich sein? Kein Mensch, den sie kannte, würde ihr glauben, das stand jedenfalls fest. Aber Embla hatte das Gefühl, dass diese Nachricht da vor ihr wichtig war, wichtiger, als gerade jetzt herauszufinden, wie und warum. Sie beschloss, die Nachricht auswendig zu lernen.
kopf unten laSsen, Embla! RausfinDen, was du fÜr ein tier bist
diemistKäfer sind nur meine, folg ihnen wenn du dich verirrst
Ich Komm dich holen, bleib so lang bEi den bürgern
Sie begriff noch immer nicht viel mehr, und vor allem der letzte Satz war seltsam. Wer wollte sie holen? Sollte der Käfer ihr von irgendwem etwas ausrichten? Und wer um alles in der Welt waren die Bürger? Sie las alles mehrere Male, bis sie sicher war, dass sie sich an alles erinnern würde.
Plötzlich zitterte der Käfer, und eine Sekunde lang zeigte er seine kleinen, fast durchsichtigen Flügel. Er ließ den Ball aus Druckerschwärze fallen und fing an, sich unsicher von einer Seite zur anderen zu bewegen, als ob er plötzlich nicht mehr wüsste, wo er war. Dann, ohne Vorwarnung, flog er hoch.
»Warte!«
Aber in Sekundenschnelle war der Mistkäfer zwischen die Balken getaucht und aus der Garage verschwunden. Embla blieb verwirrt zurück. Sie schaute nach unten, um die Nachricht noch einmal zu lesen, und zuckte zusammen, als sie sah, dass die Buchstaben wieder an ihrer alten Stelle standen.
Sie runzelte die Stirn. Hatte sie sich das alles nur eingebildet?
Sie hob das Buch hoch und fuhr mit den Fingern über den ersten Abschnitt. Die Druckerschwärze war trocken. Sie klappte das Buch zu, schlug es wieder auf und blätterte zu derselben Seite weiter. Die Buchstaben waren so flach und normal, wie Buchstaben das eben sind. Abgesehen von der Gänsehaut, die noch immer ihre Arme bedeckte, gab es keinerlei Hinweise darauf, dass sich im Stormyrvei soeben etwas Magisches zugetragen hatte.
Embla sprang auf den Betonboden der Garage hinunter. Sie wollte Fernanda erzählen, was passiert war, aber sie konnte doch nicht hier unter dem Garagendach sitzen bleiben und laut ins Telefon sprechen. Deshalb schlich sie sich durch die Hintertür und schlüpfte durch die Hecke zum Nachbarsgarten. Dann spazierte sie hinaus auf die Straße, von dort auf ihre eigene Auffahrt und weiter zur Haustür, als ob sie gerade erst aus der Schule zurückkehren würde.
In der Küche überlegte sie sich, was sie ihrer Freundin sagen sollte, während sie Haferflocken, Knäckebrot, Rosinen und Vanillejoghurt aus dem Schrank nahm. Sollte sie gleich damit anfangen, was der Käfer getan hatte? Oder sollte sie vielleicht alles von Anfang an beschreiben?
Sie beschloss, auf ihrem Handy eine Nachricht zu schreiben.
Es wurde eine lange Nachricht. Sie gab sich Mühe, keine Einzelheit zu vergessen, und sie musste alles dreimal lesen. Sie versuchte einen Schreibfehler zu korrigieren, aber sie konnte das richtige Wort nicht markieren. Kein Wunder, sie zitterte ja noch immer. Am Ende gab sie auf und drückte auf »Senden«.
Plötzlich glaubte sie, einen leichten elektrischen Schock zu verspüren. Sie musste ihre Mitteilung noch einmal lesen. War es dumm gewesen, an Fernanda zu schreiben? Die hatte doch Emblas letzte Nachricht gar nicht beantwortet. Und jetzt so eine Geschichte! Würde Fernanda glauben, sie sei verzweifelt? Ach, großer Gott, das würde sie bestimmt. Die verzweifelte Embla, die sich sonst was aus den Fingern saugte, nur um sich interessant zu machen!
Sie schluckte. Rieb die Kette, die sie um den Hals trug. Fernanda hatte die Nachricht sicher noch nicht gesehen. Konnte Embla sie noch löschen? Nein, denn dann würde Fernanda sehen, dass Embla eine Nachricht gelöscht hatte, und das wäre ja genauso peinlich.
Sie musste an etwas anderes denken, sich etwas zu essen machen. Sie öffnete die Haferflockenpackung und kippte sie so energisch um, dass Haferflocken über den ganzen Küchentisch wirbelten. Noch immer keine Reaktion von Fernanda.
»Hast du Hunger, Embla?« Mama stand im Wohnzimmer und versuchte, zwei ineinander verwickelte Armbänder zu entwirren.
»Total«, antwortete Embla zerstreut und ließ das Display nicht aus den Augen.
Ein kleines Symbol tauchte auf. Jetzt hatte Fernanda die Nachricht gesehen.
»Man kriegt ja auch Hunger, wenn man das Pausenbrot vergisst«, sagte Mama einfach.
Embla starrte noch immer das Display an und rührte ihren Joghurt um. Endlich hüpften im Display drei Punkte in die Höhe: Fernanda antwortete. Was würde sie sagen?
»… also bin ich zur Schule gefahren, um es dir zu bringen.«
Embla schlug sich mit dem Löffel gegen die Vorderzähne und beschmierte ihre halbe Oberlippe mit Joghurt.
Das Pausenbrot! Natürlich war Mama deshalb mit dem Auto losgefahren!
»Wir haben dir viel durchgehen lassen, Embla«, sagte Mama mit ernster Stimme. »Aber jetzt reicht es. Ich verstehe ja, dass deine Freundin dir fehlt. Du hast dich die ganzen Ferien hindurch oben in deinem Zimmer verkrochen, und wir haben nichts gesagt. Du verschwindest in Büchern oder hörst Musik und bist absolut nicht ansprechbar. Ich habe mir zwar Sorgen gemacht, aber ich habe es hingenommen. Aber! Es! Gibt! Grenzen!«
Sie hob die Arme, was ein wildes Geklimper auslöste.
»Entschuldigung«, sagte Embla mit schwacher Stimme.
»Findest du es richtig, uns einfach so ins Gesicht zu lügen?«
»Nein.«
»Ich schäme mich dafür, dass meine Tochter nicht weiß, wie wichtig Vertrauensaufbau in engen Beziehungen ist, dass die Etablierung von gegenseitigem …«
Das Handy vibrierte. Embla warf einen raschen Blick darauf und …
»Schau mich an, wenn ich mit dir rede, Embla!« Die Mutter schnippte vor Emblas Gesicht mit den Fingern. »Ehrlich gesagt, was ist eigentlich in dich gefahren?«
Sie blieb lange stehen und ließ die Frage in der Luft hängen. Dann sagte sie: »Dein Vater und ich haben beschlossen, jetzt wirklich zu drastischen Maßnahmen zu greifen. Die Rede war von Hausarrest, …«
Embla spürte, wie wieder der Trotz in ihr aufwallte. Hausarrest war ja wohl kein Problem für eine, die ohnehin nie draußen war.
»… aber uns ist natürlich klar, dass es keine Strafe für dich wäre, in deinem Zimmer bleiben zu müssen«, fuhr Mama fort, als ob sie Emblas Gedanken gelesen hätte. »Deshalb haben wir uns etwas anderes überlegt. Du hast jetzt zwei Wochen umgekehrten Hausarrest.«
»Was für’n Ding?«
»Wir schließen dein Zimmer ab, während du draußen bist«, erklärte Mama. »Das bedeutet: keine Bücher, kein Computer, keine Musik über Kopfhörer, keine Zeit für dich allein. Tagsüber bist du in der Schule. Nachts schläfst du im Kellerraum. Ansonsten kannst du draußen sein oder mit uns zusammen im Wohnzimmer. Her mit deinem Handy.«
Embla konnte nur bewegungslos die ausgestreckte Hand anstarren. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Gehirn platzte und dass ihre Gedankensplitter in alle Richtungen davonstoben. Mit allem anderen könnte sie leben, aber ihr Handy konnte sie doch nicht hergeben! Sie musste einfach wissen, was Fernanda geantwortet hatte!
»Ich muss nur noch eine wichtige Sache erledigen«, protestierte sie und trat einen Schritt zurück.
Sie fing an, an der Entriegelung herumzufummeln.
»Drei! Wochen!«, sagte Mama und riss ihr das Telefon aus der Hand. »Und wenn wir dich etwas anderes lesen sehen als deine Hausaufgaben, siehst du deine Bücher niemals wieder!«
»Nein!«, schrie Embla, aber Mama war schon verschwunden, und sie wusste, dass jetzt jeder weitere Widerstand zwecklos wäre.
Diese miese Hexe!
Embla blieb stehen und starrte ins Leere, während ihr aufging, was ihr jetzt bevorstand. Umgekehrter Hausarrest. Eine für sie maßgeschneiderte Folter! Drei Wochen unter Menschen, ohne etwas zu lesen, ohne eine andere Beschäftigung, ohne Musik, ohne Internet – und ohne zu erfahren, was Fernanda geschrieben hatte.
»Und noch etwas!« Mama kam wieder in die Küche gestürzt und knallte die Einladungen vor Embla auf den Tisch. »Bis Freitag findest du Gäste für deine Party, sonst gilt der Hausarrest für immer!«
Emblas Eltern gingen gründlich vor. An diesem Nachmittag sammelten sie jedes einzelne Stück Literatur im Haus ein und deponierten es in Emblas Zimmer. Zuerst verschwand Emblas Klassiker-Sammlung, natürlich, aber auch Krimis, Modezeitschriften, alte Kinderbücher, Zeitungen, Illustrierte und ein schwergewichtiges achtzehnbändiges Lexikon wurden weggeräumt. Sogar die Kochbücher nahmen sie mit, obwohl Embla sich nie für Kochen interessiert hatte. Sie schlug spöttisch vor, die Eltern sollten auch den Text auf den Milchkartons überkleben, aber als sie Papas Gesichtsausdruck sah, wagte sie nicht, weitere Witze zu machen.
Beim Abendessen erfuhr Malene, womit Embla bestraft werden sollte, und ließ sich die Gelegenheit zu höhnischen Bemerkungen nicht entgehen.
»Die ist wie eine Schnecke, schleimt sich einfach in ihrem Pullover ein und tut so, als ob sie gar nicht da wäre.«
»Fresse«, gab Embla leise zurück.
Aber die Strafe sollte bald auch Malene ereilen. Papa erklärte nämlich, dass die Schwestern am nächsten Tag zusammen zur Schule gehen müssten.
»Hä? Nein!«, riefen wir beide wie aus einem Munde.
»Das geht gar nicht!«, fügte Malene hinzu. »Was, wenn mich jemand mit ihr zusammen sieht?«
»Hör auf mit dem Unsinn. Wir wollen sicher sein können, dass sie nicht wieder schwänzt. Embla braucht Hilfe, um sozialer zu werden.«
»Sozialhilfe, das braucht sie«, sagte Malene.
Der restliche Abend verstrich in einem Nebel aus Langeweile. Embla saß mit ihren Eltern auf dem Sofa und sah eine Diskussion zwischen Bloggern und anderen Bloggern, die meinten, die ersten Blogger hätten auf andere Art bloggen müssen. Darauf folgte eine noch idiotischere Krimiserie, in der eine junge Frau nur mit Unterwäsche bekleidet ermordet und zerstückelt wurde. Danach kamen Nachrichten: Mit dem Klima schien es bergab zu gehen, mit den Gehältern der Ölkonzernbosse bergauf. Außerdem wurde berichtet, dass in letzter Zeit mehrere Jugendliche von zu Hause abgehauen waren. Embla konnte sie gut verstehen.
Drei Wochen auf diese Tour, dachte sie, als sie im Kellerraum lag und auf den nächsten Tag wartete (denn natürlich konnte sie nicht schlafen). Sie hätte gern gewusst, was Fernanda jetzt dachte. Drei Wochen kamen ihr vor wie eine qualvolle, unerträgliche Ewigkeit.
Lass mich eins ganz deutlich sagen: Du gehst immer zehn Meter hinter mir.«
Am nächsten Morgen jagte Malene sie eine ganze Stunde vor Schulbeginn aus dem Haus, um sicherzugehen, dass sie unterwegs keiner ihrer Freundinnen begegnen würden. Embla beschwerte sich nicht, sie konnte auch in der Schule herumsitzen, jetzt, wo es zu Hause nichts zu tun gab.
Sie blieb die ganze Zeit auf Distanz, während Malene vor ihr her die Auffahrt hinunterging. Die Schwester hatte für diesen ersten Schultag eine ziemlich … seltsame Kleiderordnung gewählt, fand Embla. Am Oberkörper trug sie etwas, das eigentlich nur als riesiger weißer Mopp beschrieben werden konnte. Darunter: einen schwarzen Trainings-BH, schwarze Lauftights und kreideweiße Joggingschuhe, die bestimmt noch keinen einzigen Meter gejoggt waren. Sie sah aus wie ein Strauß, der versucht hatte, sich in einen engen Superman-Anzug zu zwängen.
Embla hatte wieder ihren Kapuzenpulli übergestreift.
Sie versuchte, Malene aus ihren Gedanken zu verdrängen, und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie Fernanda erreichen sollte. Deren Eltern waren fast noch strenger als Emblas – sie wollten soziale Medien erst erlauben, wenn Fernanda dreizehn wäre, und das war erst im Dezember so weit. So lange konnte Embla nicht warten!
Bei der Kreuzung am Ende der Straße bog Malene plötzlich nach links ab, zum Waldweg hin. Diese Strecke war ein bisschen weiter, aber zum Ausgleich würden sie garantiert von niemandem gesehen werden.
Embla lächelte. Sie wusste, dass sie bald einen steilen Abhang erreichen würden, und es würde lustig sein, zu sehen, ob Malene den Abstieg schaffte, ohne sich die Kleider schmutzig zu machen. Ein Strauß im Wald, das war doch immerhin etwas!
Fünf Minuten später kamen sie an eine Lichtung. Sie hatten den Abhang erreicht, und Embla gähnte, während die Morgensonne ihr das Gesicht wärmte. Die Aussicht über die Baumwipfel war wunderbar, und die Felswand sah nass und glatt vom Tau aus. Vielleicht würde Malene auf die Nase fallen und da unten in einem Busch landen?
Ihre Schwester war am Rand stehen geblieben und schien nach etwas zu suchen.
»Was ist los?«, fragte Embla spöttisch. »Angst, du könntest dich schmutzig machen?«
Aber als Malene sich umdrehte, lächelte sie strahlend.
»Hier ist das beste Licht.«
Embla blieb abrupt stehen. Etwas stimmte nicht am Lächeln ihrer Schwester, so als ob Malene genau diese Felskuppe angesteuert hätte.
»Du musst ein paar Bilder von mir machen«, sagte Malene.
»Hä?«
»Mach ein paar schöne Bilder von mir. Wenn nicht, sag ich Mama, du wärst abgehauen.«
»Nie im Leben«, schnaubte Embla und fing an, über die Felskante zu klettern.
»Wenn du mitmachst, kannst du bis zur großen Pause mein Handy benutzen. Ich weiß doch, dass du deiner komischen Freundin mit der Brille unbedingt etwas schreiben willst.«
Embla blieb stehen und überlegte. Das war schon ein besseres Angebot. Mit einem Telefon könnte sie Fernanda alles erklären und mehr darüber herausfinden, was der Mistkäfer geschrieben hatte.
Sie sprang wieder auf die Felskuppe.
»Okay«, sagte sie und ließ sich das Handy geben.
Malene setzte ihr Fotolächeln auf. Es sah kein bisschen echt aus.
»Du kannst mit einem anfangen, wo du da am Baum stehst und das Licht dir entgegenfällt. Nimm den Porträtmodus.«
»So«, sagte Embla und drückte auf das Display. »Können wir jetzt weitergehen?«
»Spinn hier nicht rum, wir müssen das Licht ausnutzen, solange es anhält. Mach einfach weiter Bilder, während ich Sachen mache.«
»Du machst Witze?«
Nach zwanzig unerträglichen Minuten hatte Embla Schmerzen in Rücken und Oberschenkeln, weil sie sich so oft hinhocken musste, um Bilder aus allen möglichen Winkeln aufzunehmen. Plötzlich taten ihr alle Ex-Freunde ihrer Schwester leid. Die hatten das hier jeden einzelnen Tag über sich ergehen lassen müssen, bis Malene sie dann fallen ließ, weil sie einen neuen und eifrigeren Fotografen gefunden hatte.
»Lass mich mal alle durchsehen«, sagte Malene, als sie fertig waren.
Sie schnappte sich das Handy und scrollte durch die Bilderserie. Dann verschwand ihr Fotolächeln plötzlich.
»Was zum Teufel hast du denn da gemacht? Ich seh doch ganz entsetzlich aus!«
»Ja, aber ich kann schließlich nichts dafür, dass die Bilder von dir sind«, erwiderte Embla.
»Davon kann ich kein einziges posten!« Malene scrollte weiter und kritisierte jedes einzelne Foto. »Auf dem hier bin ich nicht im Mittelpunkt. Hier hab ich ein Auge halb geschlossen. Und sieh dir das mal an! Hier seh ich doch fett aus!«
Sie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück in Richtung Haus.
»He!«, rief Embla. »Du hast versprochen!«
»Vergiss es. Meinst du wirklich, ich hätte dir geholfen?«
Embla kochte. Nie im Leben würde sie Malene das durchgehen lassen. Sie sprang ihre Schwester an und griff nach dem Handy, aber Malene wich aus und packte Emblas Schulter. Mit ihren starken Handballarmen konnte sie Embla problemlos eine Armlänge von sich abhalten.
»Her damit!«, fauchte Embla.
»Weg da«, sagte Malene und stieß sie mit beiden Händen weg.
Embla taumelte rückwärts und verlor das Gleichgewicht. Ihr Kopf knallte auf den Boden und weiße Sterne tanzten vor ihren Augen.
Plötzlich flog etwas Kleines und Wildes gegen Malene, und die kippte in einer Wolke aus schwarzen und weißen Federn um. Es war eine wütende Elster, die mit dem Schnabel auf Malene einhackte. Malene heulte auf und schlug um sich, aber die Elster schlug mindestens ebenso heftig mit ihren großen Flügeln und zwang sie, sich über den Boden zu wälzen. Endlich kam Malene auf die Beine und konnte sich am Ende die weiße Moppjacke über den Kopf ziehen, während sie durch den Wald davonstürzte. Die Elster flog dicht hinter ihr her.
Embla richtete sich auf und wischte sich Erde und Tannennadeln von der Hose, während sie zu begreifen versuchte, was da passiert war. Die Elster konnte Malene ja für eine Bedrohung gehalten haben. Vielleicht war sie von der weißen Moppjacke provoziert worden und hatte geglaubt, eine Rivalin verjagen zu müssen? Eins stand jedenfalls fest: Malene konnte wirklich Mensch und Tier in den Wahnsinn treiben.
Rausfinden, was du für ein Tier bist.
Plötzlich spürte Embla einen kalten Wind im Nacken und ihr ging auf, dass sie allein im Wald war.
Sie nahm ihre Schultasche und kletterte hinab auf den Weg. Während sie zwischen den Bäumen zur Wohnsiedlung und zur Straße lief, konnte sie sich nicht von dem Gefühl befreien, dass jemand sie beobachtete.
Der erste Schultag fing genauso scheußlich an, wie Embla erwartet hatte. Ihr wurde ein Tisch mitten im Klassenzimmer zugewiesen, neben einem winzigen Jungen, der Mohammed hieß und ihr unbeschreiblich kindisch vorkam. Wann immer er eine Gelegenheit fand, plapperte er drauflos über Handyspiele, die ihn wahnsinnig interessierten, und wie es in der nächsten Pause im Spiel weitergehen sollte. Außerdem drehten sich die neuen Leute dauernd nach ihr um, als ob sie etwas Interessantes von ihr erwarteten. Sie hatte den Verdacht, dass ihre früheren Mitschülerinnen und Mitschüler von der Grundschule den Kennenlerntag genutzt hatten, um allen anderen von ihr zu erzählen. Neuer Anfang, das war wohl nix.
Nach der ersten Stunde tauchte Malene auf dem Gang auf, umgezogen und mit bitterer Miene.
»In der großen Pause wird dir alles leidtun«, erklärte sie.
»Was denn, willst du mich tothacken?«, fragte Embla, aber erst, als Malene kehrtgemacht hatte und nicht mehr in Hörweite war.
In der nächsten Stunde hatten sie Norwegisch oder Gemeinschaftskunde; Embla bekam absolut nicht mit, was der Lehrer sagte. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich wegen Malenes Plänen Sorgen zu machen, und sie beschloss, nicht im Klassenzimmer zu bleiben, um es in Erfahrung zu bringen. Zehn Minuten vor Ende der Stunde hob sie deshalb die Hand und bat, zur Toilette gehen zu dürfen, und bald stand sie auf dem Gang und suchte nach einem Versteck.
Die Schule war groß und modern und die meisten Klassenzimmer hatten Fenster zum Gang. Embla lief daran vorbei, während sie Ausschau nach einem leeren Raum hielt, wo sie sich verstecken könnte. In einigen Zimmern sah sie große, fast erwachsene Jungen mit langen, strähnigen Haaren, andere waren offenbar in irgendeine Schreibarbeit vertieft, und hier und da erspähte sie für einen Moment ein bekanntes Gesicht aus der achten Klasse. Es gab sogar ein Klassenzimmer, wo alle auf dem Boden lagen und mit den Beinen strampelten, vermutlich irgendein schwachsinniges Freundschaftsspiel.
Oben im ersten Stock fand sie das Gesuchte. Eine schwere Holztür stand offen, und dahinter lag ein enger Raum mit nur einem schmalen Fenster zum Gang. Perfekt.
Embla schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich zu. Hier konnte sie bis zum Ende der großen Pause warten. Es war vielleicht eine langweilige Strategie, aber immerhin war sie in Sicherheit.
Als ob der Raum ihre Gedanken gehört hätte, schaltete sich plötzlich das Deckenlicht ein. Embla konnte ihr Glück nicht fassen. Es war ein Musikraum! Neben dem Pult stand ein schönes E-Piano aus schwarzem Holz, in einer Ecke sah sie ein riesiges Schlagzeug mit doppelten Pedalen. Und das Beste von allem: An der Wand hing eine Gitarre neben der anderen. Der Raum war noch dazu tapeziert mit welligem, schalldämpfendem Schaumstoff. Wenn sie leise spielte, würde niemand sie hören können.
Sie ging zu den Gitarren und ließ die Hand über eine nach der anderen gleiten. Einige waren rissig und mitgenommen, aber sie fand eine, die ihr richtig schön vorkam. Diese Gitarre hatte glatten schwarzen Lack mit Perlmuttintarsien um das Schallloch.
Embla fuhr mit dem Daumen über die Saiten und lauschte. Die Gitarre hatten einen scharfen, wehen Klang. Sie nahm das Instrument von der Wand, setzte sich auf den nächststehenden Tisch und stimmte sie rasch. Dann schlug sie einige Akkorde an: d-Moll, f-, g- und dann a-Moll. Und fast, als ob die Töne sie verzaubert hätten, fing sie an, ein Lied zu singen, das sie gerade übte; es hieß: There is a light that never goes out. Der Text kam ihr richtig vor. »I never, never want to go home.«
Das Lied strömte dahin, und bald war es nicht mehr There is a light, sondern etwas anderes. Sie ging in den Tönen abwärts, tiefer. Merkte, dass ihre Finger neue Akkorde fanden: e-Moll. c-, dann … h-Moll? Woher die Wörter kamen, wusste sie nicht, sie spürte nur, wie wunderbar es war, endlich allein zu sein. Hier in diesem Zimmer konnte sie sich gehen lassen. Sie spielte energischer und sang lauter, und sie hatte das Gefühl, dass nichts sie berühren könnte. Die Gitarre vibrierte an ihrem Brustkasten, die Saiten tanzten unter ihren Fingernägeln, Töne kletterten den Hals hoch und vermischten sich mit …
Lachen.
Malene stand zusammen mit zwei kichernden Freundinnen in der Tür und richtete ihre Handykamera auf sie.
Embla hörte sofort auf zu singen. Jedenfalls versuchte sie das, aber ihre Stimme wollte ihr nicht gehorchen – die sang von selbst weiter. In ihrer Panik schlug Embla sich die Hand vor den Mund, aber das hatte keine Wirkung. Der Klang wurde nur immer kräftiger. Wie ein Schrei. Wie Löwengebrüll.
Die Gitarren an der Wand bebten, das Schlagzeug fiel ganz von selbst um, die Deckenlampen blinkten wie Stroboskope. Malenes Grinsen war verflogen, sie und ihre Freundinnen starrten nur verängstigt alles auf, was hier passierte.
Dann knallte es. Gitarrensaiten flogen in alle Richtungen. Der Boden wurde mit Holzsplittern gepfeffert.
Endlich trat Stille ein.
»Shit, shit, shit!«
Die drei Mädchen stürzten durch den Gang davon.
Embla warf die kaputte Gitarre weg und rannte hinterher, und dabei rief sie verzweifelt:
»Wartet!«
Aber die Mädchen waren bereits verschwunden, als sie den Gang erreichte.
Embla sank auf dem Boden in sich zusammen, während ihre Gedanken rasten. Was hatte sie getan? Wie hatte sie es geschafft, einfach so und ohne Absicht eine Gitarre zu zertrümmern? Und warum hatte sie dieses Gebrüll ausgestoßen? Sie war sicher, dass es eine Art Anfall gewesen sein musste, aber alles, was passiert war, war in ihrem Gehirn zu einem weißen Brei geworden, und sie konnte sich nicht an die Einzelheiten erinnern.
Das Schlimmste war, dass Malene alles aufgenommen hatte. Sie würde es garantiert posten, wenn sie das nicht schon getan hatte, und dann wäre es aus mit Embla Villseid. Malene hatte mehr als zweitausend Follower, und sicher gingen viele von denen auf diese Schule.
Fast konnte Embla sie vor sich sehen, in diesem Moment, wie sie auf ihre Handys schauten und ihren Anfall anglotzten.
Der erste Tag an der neuen Schule hätte nicht schlimmer werden können.
Absolut alle auf der Schule kamen zu dem Schluss, dass die Neue in der 8 a verrückt sein musste. Und vielleicht hatten sie ja recht.
Embla hatte die Aufnahme mehrmals über die Schultern von anderen gesehen, als sie vor der Stunde ins Klassenzimmer gekommen war, und sie sah nicht gerade aus wie eine, die man in der Nähe von scharfen Gegenständen loslassen durfte.
In ihrer eigenen Erinnerung war es nur ein kurzer Moment, aber auf dem Video bewegte sie sich fast zwanzig Sekunden lang manisch hin und her, während sie immer wütender in die Saiten haute und sinnlose Wörter brüllte. Es klang nicht wie irgendeine Sprache, die sie je gehört hatte. Die Aufnahme endete damit, dass sie in die Kamera starrte und so laut brüllte, dass die Handys das nicht mehr richtig wiedergeben konnten.
Was war eigentlich los mit ihr? Weil Malene mit dem Filmen aufgehört hatte, als sie entdeckt worden war, konnte man zum Glück nicht sehen, wie die Gitarre explodierte. Aber dumm war das auch, denn so konnte Embla einfach nicht rekonstruieren, was da passiert war.
Die nächsten drei Tage trieben vorüber wie Schaum auf einem verschmutzten Fluss. Embla war unfreiwillig an der ganzen Schule bekannt geworden, und die anderen kicherten und tuschelten, wenn sie vorüberging. Auf dem Schulweg kam es vor, dass Jungen hinter ihr liefen und sich alle Mühe gaben, um den Schrei im Video nachzuahmen. Dann zog Embla sich nur tiefer in ihren Kapuzenpulli zurück und wartete darauf, dass die Quälgeister die Sache sattbekamen.
Das Schlimmste war trotz allem, dass sie auch zu Hause nie allein sein durfte. Ihre Eltern bestanden darauf, sie ununterbrochen zu beschäftigen, ob nun mit Hausarbeit, langweiligen Gesprächen oder erzwungener Familienzeit vor dem Fernseher. Embla stellte fest, dass sie damit nur umgehen konnte, wenn sie ihr Gehirn ausschaltete und sich wie ein Roboter verhielt, während sie darauf wartete, dass die drei Wochen ein Ende nähmen. Aber die Zeit verging unendlich langsam, und sie sehnte sich verzweifelt danach, sich endlich wieder in ihrem Zimmer verkriechen zu können und nie wieder herauskommen zu müssen.
Der einzige Lichtblick war, dass sie Malene meistens aus dem Weg gehen konnte. Ihre Schwester war sehr oft mit ihrer Clique unterwegs oder saß in ihrem Zimmer im ersten Stock, wo sie Videoaufnahmen von sich selbst bearbeitete. Sie hatte wohl begriffen, dass sie diesmal zu weit gegangen war, und hielt es für das Beste, ihr aus dem Weg zu gehen. Und das war gut so – denn bei Malenes bloßem Anblick musste Embla so fest die Zähne zusammenbeißen, dass ihr Kiefer danach knirschte.
Am Donnerstagabend aber machte Malene ihr ein Angebot.
Embla putzte sich im Badezimmer gerade die Zähne, als ihre Schwester plötzlich hinter ihr im Spiegel auftauchte.
»Weißt du noch, das Video, das wir gemacht haben?«, fragte sie leichthin, als wäre das Ganze eine witzige Idee gewesen, auf die sie gemeinsam gekommen waren.
Embla spuckte wütend ins Waschbecken.
»Ja?«
»Das hat eine Menge Likes bekommen, schau mal.« Malene hielt ihr das Handy hin und scrollte über die Namensliste. »Ich weiß nicht mal, wer die meisten von diesen Leuten sind – aber heute haben sich das mehr Leute angesehen als den Post, wo ich über Lebensmittelintoleranz rede.«
»Hu’hassoch kei’e ’ehmsihelinolleranz«, sagte Embla mit der Zahnbürste im Mund.
»Wählerisch sein ist eine Art Lebensmittelintoleranz«, erklärte Malene. »Aber es geht darum, dass ich jetzt trende, und ein bisschen von der Ehre soll auch dir zukommen.«
»Schön für dich«, sagte Embla und spuckte wieder.
»Und da wollte ich eben etwas für dich tun«, sagte Malene.
Embla bohrte sich vor Überraschung die Zahnbürste in den Hals und musste sich über das Waschbecken beugen, während sie Schaum aushustete. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte Malene angeboten, etwas für sie zu tun.
»Mama und Papa wollen, dass du eine Party machst, um zu zeigen, dass du auf andere Menschen zugehen kannst, nicht wahr?«
»Ja, aber –«
»Das kann ich arrangieren.«
Embla hatte alle Gedanken an ein Geburtstagsfest längst verdrängt.
»Das kannst du vergessen. Da würde ja doch kein Mensch kommen.«
»Irrtum, aber total«, erklärte Malene. »Nach der Nummer mit dem Video … vorher warst du nur komisch und abstoßend, aber jetzt bist du interessant.«
»Es interessiert mich nicht, interessant zu sein.«
»Ich helfe dir, für morgen ein Fest hinzukriegen«, erklärte Malene, die ihr gar nicht zugehört hatte. »Und dann lassen wir nur die allercoolsten Leute aus deiner Klasse rein.«
»Ich glaube nicht, dass da irgendwer –«
»Hör mal«, fiel Malene ihr ins Wort und packte sie mit ihren Acrylnägeln an den Schultern. »Der Unterschied zwischen einem Freak und einem Star ist das Marketing, kapierst du das? Wenn wir deine Karten richtig ausspielen, können wir alle deine … deinen Kram cool aussehen lassen. Und dann sind die Alten happy und du kriegst dein Handy zurück und ich brauch nicht mehr die ganze Zeit zu tun, als ob wir Schwestern wären.«
Embla starrte Malene misstrauisch an. Sie war sicher, dass es hier noch etwas anderes gab, aber etwas in ihr war jetzt doch ein bisschen aufgeregt. Was, wenn das hier stimmte? Wäre es wirklich möglich, dass irgendwer sie gut finden könnte? Ihr Herz schlug schneller. Malene kannte sich mit diesen Dingen doch aus. Und was hatte Embla denn zu verlieren? Der Alltag könnte ja wohl kaum noch schlimmer werden. Ein blödes Fest würde sie überleben, wenn auch nur eine winzige Chance bestand, dass sie ihre Freiheit zurückbekommen und Fernanda alles erklären könnte.
»Okay«, sagte sie endlich.
»Yesss!«, rief Malene. »Ich schwör dir, das wird super, und du brauchst dich um gar nichts zu kümmern. Mikael kann was zu trinken besorgen.«
Zu trinken, dachte Embla und merkte, dass ihr Gesicht heiß wurde. Malene meinte Alkohol. Embla war nicht sicher, ob sie so ein Fest haben wollte.
»Mama und Papa erfahren nichts, keine Panik. Und wenn doch, dann kannst du sagen, meine Freunde hätten das mitgebracht.«
»Moment mal. Deine Freunde?«
»Nur ein paar.« Malene schleuderte ihre blonde Mähne nach hinten und lief aus dem Badezimmer. »Ich muss doch dafür sorgen, dass das eine richtig coole Party wird, oder was?«
