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Wilkie Collins-Krimis ist eine Sammlung von Werken des renommierten Autors Wilkie Collins, der im viktorianischen England eine wichtige Figur in der Literaturszene war. Collins wird oft als einer der Urväter des britischen Kriminalromans angesehen und seine Geschichten sind für ihre komplexe Handlung und fesselnden Charaktere bekannt. Seine subtile Art des Schreibens und die rätselhaften Wendungen machen diese Krimis zu einem wahren Genuss für Liebhaber des Genres. Die Geschichten spielen oft in düsteren und mysteriösen Umgebungen, die eine unheimliche Atmosphäre schaffen und den Leser in ihren Bann ziehen. Wilkie Collins-Krimis ist eine unverzichtbare Sammlung für alle, die sich für klassische Kriminalliteratur interessieren und nach anspruchsvoller Unterhaltung suchen. Wilkie Collins, mit seiner Fähigkeit, komplexe Charaktere und fesselnde Handlungsstränge zu kreieren, hat einen bleibenden Eindruck in der literarischen Welt hinterlassen. Sein scharfer Verstand und sein feines Gespür für Spannung und Dramatik machen ihn zu einem Meister seines Fachs. Die Leser werden in den Bann gezogen von seinen faszinierenden Erzählungen und unerwarteten Wendungen. Wilkie Collins-Krimis sind ein Muss für jeden Krimiliebhaber, der die fein ausgearbeiteten Geschichten eines der bedeutendsten Autoren des 19. Jahrhunderts schätzt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 2774
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Die vorliegende Sammlung "Wilkie Collins-Krimis" vereint vier zentrale kriminalistische Erzählwerke von Wilkie Collins: Die Frau in Weiß, Der Mondstein, Blinde Liebe und John Jagos Geist. Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die Spannweite von Collins’ Beitrag zur Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts sichtbar zu machen: von der atmosphärisch aufgeladenen Sensationsprosa bis zur systematischen Ermittlungserzählung. Die Auswahl umfasst vollständige Romane sowie eine kürzere Erzählung und eröffnet Einsteigerinnen und Einsteigern ebenso wie Kennerinnen und Kennern einen konzentrierten Zugang. Sie führt exemplarisch vor, wie Collins Spannung als Mittel der Erkenntnis nutzt und gesellschaftliche Wirklichkeiten in packende Handlungen überführt.
Diese Ausgabe reflektiert die Vielfalt der Textsorten, aus denen Collins seine Wirkung bezieht. Neben groß angelegten Romanen steht eine kompakte Erzählung, und in allen treten dokumentarische Formen wie Briefe, Tagebucheinträge, Aussagen oder Berichte in den Vordergrund. Collins orchestriert diese Register zu einer polyphonen Textoberfläche, die Wahrnehmung, Gedächtnis und Beweisführung miteinander verschränkt. So entsteht eine literarische Versuchsanordnung, in der Erzählstimmen sich ergänzen, widersprechen oder korrigieren. Das kriminalistische Moment erscheint nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren sozialen Gefüges, in dem private Beziehungen, rechtliche Strukturen und öffentliche Gerüchte ineinandergreifen.
Die verbindenden Themen dieser Sammlung sind Täuschung, Identität und Verantwortung. Collins beleuchtet, wie Wahrheit in familiären, ökonomischen und rechtlichen Kontexten verhandelt wird, und wie Machtverhältnisse die Sichtbarkeit von Fakten prägen. Immer wieder rückt er gesellschaftliche Rollenbilder ins Zentrum: Fragen nach der Handlungsfähigkeit von Frauen, nach der Glaubwürdigkeit von Zeuginnen und Zeugen und nach den Grenzen bürgerlicher Respektabilität. Gleichzeitig interessiert ihn die Ethik der Ermittlungsarbeit: Was darf man wissen? Wie wird Wissen gewonnen? Und welche Spuren hinterlässt die Suche nach Gewissheit bei den Beteiligten? Aus diesen Spannungen gewinnt das Werk seine dauerhafte Aktualität.
Stilistisch kennzeichnen Collins klare dramaturgische Baupläne und eine ökonomische Verteilung von Informationen. Er bevorzugt vielstimmige Strukturen, in denen einzelne Erzählinstanzen nur Teilaspekte kennen und Leserinnen und Leser die Puzzleteile zusammenfügen. Dokumente, Protokolle und persönliche Aufzeichnungen dienen als narrative Belege und machen den Prozess des Wissens sichtbar. Dabei arbeitet Collins mit fair platzierten Hinweisen, die eine aktive Lektüre belohnen, ohne die Spannung preiszugeben. Atmosphärische Schauplätze, prägnante Nebenfiguren und subtile Ironie unterstützen die psychologische Tiefenschärfe, die seine Kriminalhandlungen über reine Rätselliteratur hinaushebt.
Die Frau in Weiß gilt als Schlüsseltext der Sensationsliteratur. Ausgangspunkt ist eine nächtliche Begegnung: Ein junger Zeichenlehrer trifft außerorts auf eine geheimnisvolle Frau, ganz in Weiß gekleidet. Aus dieser Verstörung entwickelt sich ein Geflecht aus Verschweigen, gesellschaftlichem Druck und rechtlichen Fallstricken, in dem Dokumente und Stimmen einander überlagern. Der Roman entfaltet seine Spannung aus alltäglichen Räumen – Haus, Straße, Salon – und zeigt, wie Kontrolle, Beobachtung und Gerücht zu Machtmitteln werden. Formal markiert er Collins’ Meisterschaft im orchestrierten Perspektivwechsel und bereitet die analytische Strenge seiner späteren Kriminalerzählungen vor.
Der Mondstein ist häufig als früher englischer Detektivroman bezeichnet worden. Im Zentrum steht ein kostbarer Diamant, der an einem festlichen Anlass in einem englischen Landhaus verschwindet. Die Rekonstruktion des Geschehens erfolgt über nacheinander eingesammelte Berichte, deren Reichweite und Zuverlässigkeit sich ständig überprüfen lassen. Neben der Rätselstruktur lenkt der Roman den Blick auf Besitz, Vertrauen und die Wege, auf denen Objekte Bedeutungen tragen und Konflikte entfesseln. Die Ermittlung verbindet methodische Geduld mit genauem Blick für das Alltägliche; so entsteht eine nüchtern-analytische Spannung, die das Genre nachhaltig geprägt hat.
Blinde Liebe zeigt Collins in einer späten Phase seines Schaffens. Der Roman verbindet starke Gefühlsbindungen mit einem Geflecht aus Gefahr, Loyalität und Verdacht und stellt die Frage, wie weit Zuneigung die Wahrnehmung trübt. Das Werk wurde nach Collins’ Tod abgeschlossen; seine erzählerische Konzeption bleibt jedoch erkennbar: moralische Ambivalenzen, ein beharrlicher Blick auf die Konsequenzen von Entscheidungen und eine präzise Dramaturgie, die persönliche Beziehungen als Motor der Handlung nutzt. Die Krimistruktur tritt hier in besonderer Nähe zur psychologischen Studie auf und macht die anhaltende Flexibilität von Collins’ Verfahren sichtbar.
John Jagos Geist ist eine kompakte Erzählung, in der ein plötzliches Verschwinden eine Gemeinschaft in Unruhe versetzt und Spekulationen über einen „Geist“ befeuert. Collins nutzt das kurze Format, um Wahrnehmung, Indiz und Aussage gegeneinander zu stellen. Die Spannung entsteht aus der Frage, wie viel man aus fragmentarischen Beobachtungen schließen darf – und wie leicht sich Erwartungen als Beweise verkleiden. Der Text demonstriert in verdichteter Form Collins’ Interesse an Beweislogik und an der sozialen Dynamik von Verdacht, ohne sich in sensationellen Effekten zu verlieren.
Allen Stücken gemeinsam ist ein ausgeprägter Sinn für das Verfahren der Aufklärung. Collins interessiert weniger das Spektakuläre des Verbrechens als der Weg zur Wahrheit: das Sammeln, Prüfen und Ordnen von Aussagen; das Abwägen zwischen Zufall und Muster; das genaue Hinhören auf Nebentöne. Er lässt professionelle und amateurhafte Ermittlungsweisen aufeinandertreffen und stellt die Frage nach der Autorität des Wissens. Diese erzählerische Fairness – die nachvollziehbar macht, wie Schlüsse entstehen – antizipiert spätere Konventionen des Detektivromans und verleiht den Texten eine intellektuelle Spannung, die über den Moment hinaus trägt.
Zugleich sind diese Krimis Studien gesellschaftlicher Ordnungen. Eigentumsrechte, Ehe- und Vertragsrecht, Klassenhierarchien, medizinische und psychologische Diskurse – all dies bildet den Resonanzraum, in dem sich die Handlungen entfalten. Collins zeigt, wie institutionelle Strukturen Handlungsräume eröffnen oder beschneiden, und wie rechtliche Sprache selbst zu einem dramatischen Mittel werden kann. Die Verknüpfung von privater Erfahrung und öffentlicher Ordnung verleiht den Texten eine Tiefendimension, die sie aus dem engen Rahmen des Rätsels heraushebt und ihnen eine kritische Schärfe verleiht.
Die anhaltende Bedeutung dieser Werke liegt in ihrer doppelten Leistung: Sie bieten fesselnde Unterhaltung und schulen gleichzeitig das kritische Lesen. Collins’ Kombination aus Spürsinn, formaler Erfindung und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit hat Maßstäbe gesetzt und wirkt bis in die Gegenwart fort. Seine Texte laden dazu ein, Hinweise zu prüfen, Perspektiven zu vergleichen und den Zusammenhang zwischen persönlichem Motiv und öffentlichem Diskurs zu erkennen. In dieser Spannung zwischen Rätsel und Reflexion liegt der Reiz, der diese Erzählungen immer wieder neu erschließbar macht.
Diese Sammlung präsentiert die genannten Titel in einem Band, um die Vielfalt von Collins’ Krimipoetik im Zusammenhang erfahrbar zu machen: vollständige Romane neben einer Erzählung, Sensationsspannung neben methodischer Analyse. Sie richtet sich an Leserinnen und Leser, die Collins neu entdecken möchten, ebenso wie an jene, die sein Werk im Genrevergleich betrachten. Ohne in Einzelheiten vorzugreifen, will die Einleitung Orientierung geben und den Blick schärfen für Motive, Verfahren und Fragestellungen, die sich durch alle Texte ziehen. Die Lektüre möge zeigen, wie modern diese klassischen Krimis noch immer klingen.
Wilkie Collins (1824–1889) war ein britischer Romancier und Dramatiker der viktorianischen Epoche, dessen Name eng mit dem Sensationsroman und den Anfängen der Detektiverzählung verbunden ist. Er verband gesellschaftliche und juristische Spannungen seiner Zeit mit neuartigen Erzähltechniken, die Leserinnen und Leser in Serie fesselten und im Buchhandel großen Widerhall fanden. Zu seinen prägenden Werken zählen Die Frau in Weiß und Der Mondstein; spätere Texte wie Blinde Liebe sowie Erzählungen wie John Jagos Geist zeigen die Breite seines Œuvres. Collins’ Einfluss reicht von der Popularliteratur bis zur literaturwissenschaftlichen Debatte über Erzählskepsis, Dokumentarformen und die Medienkultur des 19. Jahrhunderts.
Collins erhielt eine juristische Ausbildung und arbeitete im Umfeld von Londoner Kanzleien, bevor er sich dem Schreiben widmete; das Studium des Rechts prägte seine Stoffwahl, die häufig Verträge, Identitätspapiere und Beweisführung ins Zentrum rückt. Früh schrieb er für periodische Presse und nahm Anregungen aus Theater und Melodrama auf, deren Spannungsrhythmen er literarisch verfeinerte. Eine maßgebliche Rolle spielte seine langjährige Zusammenarbeit mit Charles Dickens, dessen redaktionelle Praxis und serielles Publikationsmodell Collins’ Experimentierlust beförderten. Ebenso formten Debatten des viktorianischen England – über Ehe-, Eigentums- und Klassenordnungen – den Hintergrund, vor dem seine erzählerischen Konstruktionen ihre besondere Dringlichkeit entfalten.
Seinen Durchbruch erzielte Collins mit Die Frau in Weiß, einem in Fortsetzungen veröffentlichten Sensationsroman, der das Publikum durch die Kombination aus dokumentarisch wirkenden Stimmen, Täuschungskunst und gesellschaftlicher Brisanz bannte. Das Werk etablierte seine charakteristische Architektur aus multiplen Perspektiven und sorgfältig platzierten Enthüllungen, ohne sich auf bloßen Effekt zu verlassen. In den frühen 1860er-Jahren festigte er damit seinen Ruf als Innovator des Unterhaltungsromans, dessen Themen die Presse diskutierte und dessen Bühnenbearbeitungen zusätzliche Reichweite schufen. Die Frau in Weiß wurde zu einem Referenzpunkt für Spannungsliteratur, in der Recht, Moral und öffentlicher Schein einander wechselseitig belauern.
Mit Der Mondstein trug Collins entscheidend zur Formierung der englischsprachigen Detektivgeschichte bei. Der Roman nutzt ein Ensemble unterschiedlicher Erzählerinnen und Erzähler, deren Berichte sich ergänzen, widersprechen und prüfen, und macht so die Suche nach Wahrheit selbst zum Gegenstand. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzten die kunstvolle Konstruktion ebenso wie den kontrollierten Spannungsaufbau. Das Buch steht an der Schnittstelle von Unterhaltung und Reflexion über Ermittlungspraktiken, Besitzverhältnisse und globale Bezüge des 19. Jahrhunderts, ohne auf eine simple Auflösung reduziert zu werden. Collins’ Verfahren, Indizien erzählerisch zu gewichten, prägte spätere Kriminalliteratur nachhaltig und wirkt bis heute fort.
In seinen späteren Jahren arbeitete Collins weiter produktiv, obgleich seine Gesundheit schwankte und der Literaturmarkt sich wandelte. Blinde Liebe, sein letztes Romanprojekt, blieb unvollendet und erschien nach seinem Tod mit einer von Walter Besant verantworteten Fertigstellung; die Anlage zeigt dennoch Collins’ vertraute Stärken: moralische Ambivalenzen, sorgsam dosierte Enthüllungen und die Prüfung gesellschaftlicher Normen durch erzählerische Verfahren. Die Veröffentlichung in Periodika und als Buch knüpfte an seine etablierte Praxis an, Leserbindung über Folgestruktur zu erzeugen. Das Echo war respektvoll, wenn auch weniger einhellig als früher, was den Wandel des Geschmacks gegen Ende des Jahrhunderts spiegelt.
John Jagos Geist, eine kürzere Erzählung mit US-amerikanischem Schauplatz, verdeutlicht Collins’ Interesse an realen Justizirrtümern und der Rolle von Zeugenschaft. Der Text greift ein historisches Verfahren auf und verwandelt dessen unsichere Beweislage in literarische Spannung, indem er Fragen nach Glaubwürdigkeit, öffentlicher Meinung und Verantwortung aufwirft. Auch hier setzt Collins auf Stimmenvielfalt und eine prüfende Haltung gegenüber vermeintlichen Tatsachen. Die Erzählung ergänzt sein Romanschaffen, indem sie die ethischen und rechtlichen Implikationen von Ermittlung und Urteil komprimiert beleuchtet und zeigt, wie stark Collins seine Stoffe aus dokumentierten Fällen, Presseberichten und beobachteten Diskursen entwickelte.
Bis zu seinem Tod 1889 blieb Collins eine markante Stimme der populären und reflektierenden Prosa des Viktorianismus. Sein Vermächtnis zeigt sich in der anhaltenden Popularität von Die Frau in Weiß und Der Mondstein, die regelmäßig neu aufgelegt, übersetzt und adaptiert werden, sowie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Erzählautorität, Geschlechterrollen und Rechtsbewusstsein. Spätere Autorinnen und Autoren des Kriminal- und Spannungsgenres haben seine Verfahren – das Spiel mit Dokumenten, multiplen Perspektiven und serieller Dramaturgie – vielfach aufgegriffen. So bleibt Collins ein Bezugspunkt für Literatur, die Erkenntnisprozesse erzählerisch sichtbar macht und zugleich breites Publikum erreicht.
Wilkie Collins, 1824 in London geboren und 1889 gestorben, schrieb in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche im Vereinigten Königreich. Die in der Sammlung versammelten Krimis – Die Frau in Weiß, Der Mondstein, Blinde Liebe und John Jagos Geist – entstanden überwiegend zwischen den 1860er und 1890er Jahren. Sie spiegeln Industrialisierung, Urbanisierung und Imperiumsausdehnung ebenso wie juristische Reformen und veränderte Medienkulturen. Collins war eng mit der literarischen Sensationsbewegung verbunden und stand in enger Beziehung zu Charles Dickens. Die Werke reagieren auf Debatten über Recht, Moral und gesellschaftliche Ordnung und nutzen die neuen Lektüregewohnheiten eines massenhaften, periodisch versorgten Publikums.
Der literarische Markt des Viktorianischen Zeitalters war von Fortsetzungsromanen in Familienzeitschriften und von Leihbibliotheken geprägt. Collins veröffentlichte zentrale Arbeiten zunächst als Serien, was Spannungsdramaturgie und Cliffhanger begünstigte. Dickens’ redaktionelle Plattformen boten ein großes Publikum, das wöchentlich oder monatlich neue Folgen erwartete. Das Bahnnetz und Buchstände in Bahnhöfen verbreiteten die Texte schnell über das Land. Die dreibändige Romanform der Leihbibliotheken prägte Umfang und Tempo der Werke. In diesem Umfeld verband Collins Unterhaltung mit gesellschaftlicher Diagnose und verknüpfte das Kriminalmotiv mit alltäglichen Milieus, was die Reichweite seiner Bücher erheblich steigerte.
In den 1860er Jahren sorgte das Genre der Sensationsromane für Aufsehen. Es verlegte Verbrechen, Täuschung und juristische Grauzonen aus dem Verbrechermilieu in die respektable bürgerliche Sphäre. Die Frau in Weiß, erstmals 1859–1860 publiziert, wurde zu einem Signaturtext dieser Bewegung. Kritiker warnten vor moralischer Gefährdung, während Leserinnen und Leser die Nähe zum zeitgenössischen Alltag schätzten. Zeitungen diskutierten, ob die dramatische Zuspitzung rechtlicher und familiärer Konflikte gesellschaftliche Missstände aufdeckte oder lediglich mit ihnen sensationsheischend spielte. Collins’ Kunst bestand darin, dokumentarische Anmutungen und psychologische Spannung so zu verbinden, dass Debatten über Recht, Gender und Macht anschaulich wurden.
Die Rechtslage von Ehefrauen und die Institution Ehe standen in Großbritannien im 19. Jahrhundert unter Reformdruck. Vor den Married Women’s Property Acts von 1870 und 1882 galt vielfach das Prinzip der ehelichen Gütergemeinschaft unter männlicher Verfügung, was Vermögens- und Selbstbestimmungsrechte von Frauen einschränkte. Das Matrimonial Causes Act von 1857 veränderte Scheidungsverfahren, blieb aber umstritten. Parallel wuchs die Kritik an willkürlichen Unterbringungen in privaten Anstalten, die seit den 1840er Jahren, unter dem Lunacy Act von 1845, stärker beaufsichtigt werden sollten. Collins griff solche Themen erzählerisch auf und zeigte, wie Gesetzeslücken und soziale Normen intimste Lebensbereiche prägten.
Die moderne Polizei und der professionelle Detektiv waren relativ neue Figuren. Seit 1829 existierte die Metropolitan Police, seit 1842 eine Detektivabteilung, deren öffentliche Wahrnehmung sich in den 1860ern schärfte. Der Road-Hill-House-Fall von 1860 befeuerte Debatten über Ermittlungsarbeit im bürgerlichen Haushalt. Der Mondstein von 1868 nutzte das Interesse an systematischer Spurensuche, Protokollen und Dienstvorschriften. Collins experimentierte mit polyphonen Zeugenaussagen, die an Gerichtsakten erinnerten, und verankerte die Kriminalhandlung in Verwaltungspraktiken einer sich bürokratisierenden Gesellschaft. Professionelle Ermittler wurden dadurch literarisch fassbar und erhielten eine kulturelle Bühne.
Die britische Expansion und die Spannungen des Empire bildeten eine dauerhafte Folie. Der Mondstein knüpfte an Diskurse über koloniale Beute, Gewalt und Rückwirkungen imperialer Begegnungen an. Nach dem Aufstand in Indien von 1857 wandelte sich die britische Öffentlichkeit im Blick auf Subkontinente und deren Kulturen. Zeitgenössische Debatten über Restitution, religiöse Symbole und die Legitimität imperialer Aneignung spiegeln sich in der Behandlung exotisierter Objekte und Figuren. Collins’ Darstellung bereitete Lesern die moralische Unruhe, dass Reichtum und Prestige eng mit Gewaltgeschichten verknüpft sein konnten, ohne sich auf politische Traktate zu reduzieren.
Medizinische und pharmakologische Entwicklungen prägten die Epoche. Laudanum, ein opiumhaltiges Schmerzmittel, war im 19. Jahrhundert weit verbreitet und legal erhältlich. Die Opiumkriege und der internationale Handel verliehen dem Thema eine globale Dimension. Mit dem Pharmacy Act von 1868 wurden der Verkauf von Giften und die Abgabe bestimmter Substanzen stärker reguliert. Collins’ genaue Beobachtung der Wirkungen von Schlafmitteln, Stimulanzien und Sucht verlangte keinem Leser vertrauliche Kenntnis ab: Sie gehörten zum Alltag und wurden in Zeitungen und Gerichtsberichten diskutiert. Das Kriminalnarrativ profitierte von der Frage, wie Bewusstsein, Gedächtnis und Willensfreiheit pharmakologisch beeinflusst werden.
Technische Innovationen veränderten Wahrnehmung und Handlungsspielräume. Eisenbahnen verkürzten Entfernungen, der elektrische Telegraph beschleunigte Nachrichtenflüsse, und die verbesserte Post seit den 1840er Jahren machte Korrespondenz verlässlicher. Für die Kriminalliteratur bedeutete dies neue Möglichkeiten der Täuschung, Verfolgung und Aufklärung. Zeitpläne, Fahrkarten, Telegramme und Quittungen wurden zu Indizien, die Erzählungen strukturieren konnten. Zugleich wuchs das Bewusstsein, dass Mobilität soziale Kontrolle erschwert und zugleich Behördenarbeit professionalisiert. Collins’ Stoffe nutzen diese Infrastruktur, um Privatheit und Öffentlichkeit ineinander zu verschieben und Ermittlungen als Wettlauf gegen Zeit und Raum zu inszenieren.
Die viktorianische Gesellschaft definierte sich stark über Haus, Erbe und Respektabilität. Konflikte entzündeten sich an Vormundschaften, Testamentsfragen und Vertrauensverhältnissen, die das Equity-Recht regelte. Verzögerungen und Kosten juristischer Verfahren galten als notorisch. Collins machte aus diesen Realitäten einen dramatischen Resonanzraum: Wirtschafts- und Familienrecht wurden nicht als abstrakte Paragraphen, sondern als Kräfte gezeigt, die Leben strukturieren. Der Kriminalfall im Heim, mit Dienerschaft, Nachbarschaft und Notaren, verwies auf ein Geflecht sozialer Erwartungen, das die Leserschaft bestens kannte. So wurde das Häusliche zur Bühne von Machtfragen, die über Einzelfälle hinauswiesen.
Collins schrieb für ein transatlantisches Publikum. Bereits in den 1860ern erschienen seine Romane parallel in britischen und amerikanischen Periodika. John Jagos Geist entstand Anfang der 1870er Jahre im Dialog mit einem US-Fall des frühen 19. Jahrhunderts, der Boorn-Brüder aus Vermont, in dem ein angebliches Mordopfer wieder auftauchte und so eine Verurteilung erschütterte. Der Text reagierter damit auf Debatten amerikanischer Justizpraxis und auf das wachsende Interesse an Fehlurteilen. Die grenzüberschreitende Veröffentlichungspraxis vertiefte die Austauschräume, in denen Kriminalfälle als Prüfsteine für Beweisstandards, Presseresonanz und populäre Moral verhandelt wurden.
Im 19. Jahrhundert verschoben sich Standards der Beweisführung. Die Entwicklung forensischer Verfahren, die Systematisierung von Indizienketten und die Diskussion über die Fallstricke reiner Indizienprozesse standen im Fokus. Zeitungen berichteten von Irrtümern, erzwungenen Geständnissen und widersprüchlichen Zeugenaussagen. John Jagos Geist nutzt diese Diskussionslage, ohne richterliche Lehrstücke zu liefern: Es geht um die Frage, was eine Gemeinschaft überzeugt und wo Skepsis geboten ist. Der Reiz solcher Erzählungen lag darin, juristische Prinzipien – Vernünftiger Zweifel, Glaubwürdigkeit, Motiv – an konkreten Situationen erfahrbar zu machen, die dem Lesepublikum aus Prozessberichten vertraut waren.
Die späten 1870er und 1880er Jahre wurden vom sogenannten Irish Question geprägt. Agrarkonflikte, Land War und Fenianismus sowie die Home-Rule-Debatten polarisierten die britische Öffentlichkeit. Blinde Liebe, ein posthum 1890 veröffentlichtes, von Walter Besant vollendetes Werk, greift die englisch-irischen Spannungen literarisch auf. Nicht als politisches Pamphlet, sondern als Prüfung persönlicher Loyalitäten im Schatten politischer Gewalt und Geheimhaltung. Der Roman erschien zu einer Zeit, in der Attentate und Reformprojekte gleichermaßen die Schlagzeilen bestimmten. Collins nutzte die Unsicherheit der Gegenwart, um die Instabilität vermeintlich fester Identitäten zu beleuchten.
Religiöse Pluralisierung und wissenschaftliche Kontroversen bildeten eine weitere Folie. Nach 1859 schärfte Darwin die Debatte über Ursprung und Sinn, während Spiritualismus und Séancen im bürgerlichen Milieu verbreitet waren. Dieses Spannungsfeld zwischen Rationalisierung und metaphysischer Suche prägte den kulturellen Klangraum, in dem auch Titel wie John Jagos Geist rezipiert wurden. Collins’ Kriminalnarrative bevorzugen nachvollziehbare Erklärungen und nutzen zugleich die Anziehungskraft des Unheimlichen. So kommentieren sie eine Epoche, die auf Evidenz pochte, sich aber zugleich für das Unerklärte interessierte – ein fruchtbarer Boden für Spannung zwischen Aberglauben, Erfahrung und Beweis.
Die Normen der Respektabilität wurden auch durch Institutionen des Buchmarkts überwacht. Leihbibliotheken wie Mudie’s Select Library beeinflussten, was als „familientauglich“ galt, und zwangen Autorinnen und Autoren oft zu indirekter Darstellung heikler Themen. Zugleich verlangte das Geschäftsmodell der dreibändigen Ausgabe nach Umfang und planerischer Strenge. Collins balancierte zwischen publikumswirksamer Zuspitzung und den Erwartungen dieser Gatekeeper. Die kritische Kontroverse um Sensationsstoffe – angebliche Nervenreizung, moralische Gefährdung – zeigt, dass seine Krimis nicht nur unterhielten, sondern auch symbolische Kämpfe um Kulturhoheit ausfochten, in denen Händler, Kritiker und Leser um Deutungsvorsprung rangen.
Formell experimentierte Collins mit Stimmenvielfalt. Tagebücher, Briefe, eidesähnliche Berichte und Memoranden simulierten die Verfahren von Untersuchung und Gericht. Diese Technik passte zur Verwaltungskultur des 19. Jahrhunderts, die Akten und Registraturen hervorbrachte. Für Leserinnen und Leser entstand der Eindruck, selbst zu prüfen und zu vergleichen, statt sich einer allwissenden Erzählinstanz zu fügen. Gerade Der Mondstein und Die Frau in Weiß machten aus Dokumenten Erzählmotoren. Das Krimigenre profitierte davon: Plausibilität wurde performativ erzeugt, indem die Textform die Prüfmechanismen der Moderne – Archiv, Protokoll, Zeugnis – nachahmte.
Zeitgenössisch waren Collins’ Werke Kassenerfolge und Gegenstand scharfer Kritik. Spätere Generationen lasen sie historischer und formbewusster. T. S. Eliot pries Der Mondstein als ein frühes Meisterwerk des modernen englischen Detektivromans, und die Krimitradition des 20. Jahrhunderts erkannte dessen Einfluss auf Verfahren wie Spurenlogik, falsche Fährten und die Autorität des Ermittlers. Zugleich betonte die Forschung die Relevanz von Die Frau in Weiß für Debatten über Ehe, Eigentum und Identität. Collins’ Texte wurden damit zu Referenzpunkten, an denen sich Genreentwicklung und gesellschaftskritische Lesarten festmachen lassen.
Die hier versammelten Romane kommentieren ihre Zeit, indem sie private Konflikte an öffentliche Diskurse rückbinden: Besitz und Person, Wahrheit und Verfahren, Empire und Gewissen. Ihre spätere Deutung profitierte von feministischen und postkolonialen Ansätzen, die Rechts- und Machtverhältnisse freilegten, sowie von historischer Kriminalistik, die Beweisstandards im Wandel analysierte. So erscheint das viktorianische England als Labor für moderne Kontrolle und Zweifel. Collins’ Krimis bieten keinen nostalgischen Rückblick, sondern ein Archiv sozialer Erregungslagen, deren Nachhall – von Justizirrtum bis Restitutionsdebatte – weiterhin hörbar ist und die Aktualität der Sammlung erklärt.
Beide Romane verbinden das Mysterium des Privaten mit kriminalistischer Aufklärung: Das Herrenhaus wird zum Tatort, der Alltag zur Quelle von Schock und Enthüllung. Die vielstimmige Erzählstruktur erzeugt Ambivalenz und Spannung, während Dokumente, Briefe und Zeugnisse wie Beweise behandelt werden. Der Ton schwankt zwischen gotischer Unruhe und realistischer Detailgenauigkeit, wodurch Empathie und Analyse zugleich gefordert sind.
Die Frau in Weiß: Ein Zeichenlehrer stößt nachts auf eine gehetzte Frau ganz in Weiß und gerät in die Geheimnisse eines Landsitzes und zweier Schwestern. In wechselnden Zeugenaussagen entfaltet sich eine Intrige aus Täuschung, Heiratsplänen und der manipulativen Nutzung von Institutionen. Der Roman mischt nervöse Atmosphäre mit dokumentarischer Nüchternheit und fokussiert Identität, Recht und weibliche Handlungsfähigkeit.
Der Mondstein: Ein kostbarer Diamant mit umstrittener Herkunft verschwindet nach einer Feier in einem Landhaus, wodurch Angehörige und Hausangestellte unter Verdacht geraten. Mehrere Erzähler rekonstruieren die Ereignisse; Irrtümer, verdeckte Motive und präzise Indizienarbeit treiben die Suche voran. Der Ton wechselt vom ironisch-bürgerlichen Blick zur kriminalistischen Strenge und berührt Themen wie Schuld, Begehren und koloniale Verflechtungen.
Diese Texte rücken die Folgen von Leidenschaft, Irrtum und gesellschaftlichem Druck in den Vordergrund und verknüpfen persönliche Entscheidungen mit rechtlichen Risiken. Statt klassischer Detektivarbeit dominieren moralische Dilemmata, fragmentierte Gewissheiten und der Blick auf Justiz als fehlbares System. Der Ton ist knapper und düsterer, mit Fokus auf Motivation, Beweisführung und die Grenzen rationaler Kontrolle.
Blinde Liebe: Eine junge Frau gerät in den Bann eines charismatischen, riskant lebenden Mannes und muss zwischen Leidenschaft und Loyalität wählen. Intrigen, verdeckte politische Verwicklungen und ein Verbrechen führen sie in moralische Grauzonen und juristische Bedrängnis. Der Roman ist tragisch-romantisch grundiert und fragt nach Selbsttäuschung, Verantwortung und den Grenzen der Liebe.
John Jagos Geist: Nach dem rätselhaften Verschwinden eines Mannes entsteht in einer ländlichen Gemeinde ein Mordverdacht, der zwei Unschuldige ins Zentrum von Vorurteilen und Beweisnot bringt. Ein britischer Beobachter verfolgt den Fall und beleuchtet das Zusammenspiel von Justiz, Presse und öffentlicher Meinung. Der Text ist knapp, prozessual und untersucht Fehlurteile, Wahrnehmung versus Tatsache sowie eine transatlantische Perspektive auf Rechtspraxis.
Gemeinsam sind multiperspektivisches Erzählen, dokumentarische Verfahren und die Reibung zwischen Gefühl und Vernunft. Collins zeigt Machtstrukturen in Haushalten, die Verletzbarkeit von Frauen und Außenseitern sowie die Grauzonen von Recht und Moral. Spannung verbindet sich mit Gesellschaftsbeobachtung, wobei Geheimnisse in vertrauten Räumen entstehen und durch sorgfältige Rekonstruktion ans Licht kommen.
Was die Geduld des Weibes zu ertragen fähig ist und die Entschlossenheit des Mannes durchzusetzen vermag, wird diese Erzählung beschreiben.
Wenn man sich darauf verlassen könnte, daß das Auge des Gesetzes jeden verdächtigen Fall ergründete und sein Arm jeden Untersuchungsproceß ohne übertriebenen Beistand des geschmeidig machenden Goldes zu Ende führte, so wären die Ereignisse, welche diese Blätter füllen, durch die Gerichte vor das Tribunal der Oeffentlichkeit gebracht worden.
Aber das Gesetz ist ja noch immer in gewissen unvermeidlichen Fällen der vorhergewonnene Diener des vollen Geldbeutels, und die erste Mittheilung dieser Erzählung blieb daher diesen Blättern vorbehalten. Wie einst der Richter sie hätte hören sollen, so möge jetzt der Leser sie vernehmen. Kein einziger Umstand von Wichtigkeit von Anfang bis zu Ende der Enthüllungen soll nach bloßem Hörensagen mitgetheilt werden.
Soweit Schreiber dieser einleitenden Zeilen (der sich Walter Hartright nennt) zufällig näher mit den zu erzählenden Begebnissen in Verbindung steht, als Andere, wird er dieselben als persönliche Erlebnisse mittheilen. Dort aber, wo seine Erfahrung mangelhaft ist, wird er von der Bühne des Erzählers abtreten, und seine Aufgabe wird an dem Punkte, wo er sie hat fallen lassen, von Personen wieder aufgenommen und fortgesetzt werden, welche über die vorliegenden Umstände nach eigener Erfahrung ebenso genau und bestimmt Bericht erstatten können, als er selbst es vor ihnen gethan.
Auf diese Weise wird die hier mitgetheilte Erzählung von mehr als einer Feder geschrieben werden, sowie ja der Bericht über eine Verletzung der Gesetze im Gerichtshofe auf mehr als einer Aussage beruht – hier wie dort wird dasselbe erreicht, d.h. zu demselben Ende die Wahrheit immer in dem vollsten und hellsten Lichte dargestellt und der Leser in den Stand gesetzt, dem Verlaufe einer vollständigen Reihe von Begebenheiten zu folgen, indem wir die Personen, die am nächsten mit ihnen in Berührung kamen, in den einander folgenden Stadien Wort für Wort ihre eigenen Erlebnisse erzählen lassen.
Zuerst wollen wir Walter Hartright – Zeichenlehrer, achtundzwanzig Jahre alt – vernehmen.
Es war am letzten Julitage. Der lange, heiße Sommer ging zu Ende, und wir müden Pilger des Pflasters von London begannen an die Wolkenschatten auf den Kornfeldern und die Herbstbrisen am Meeresstrande zu denken.
Was mein armes Selbst betrifft, so ließ mich der scheidende Sommer arm an Kräften, arm an Frohsinn und, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, auch arm an Gelde zurück. Ich hatte meinen Erwerb während des verstrichenen Jahres nicht so sorgsam zu Rathe gehalten wie gewöhnlich, und da war es kein Wunder, daß meine Verschwendung mich jetzt in die Lage brachte, den Herbst auf sparsame Weise in meiner Mutter Häuschen in Hamstead und in meinem eigenen Junggesellenquartier in London zuzubringen.
Der Abend, dessen erinnere ich mich noch, war still und der Himmel umzogen; die Luft von London war so schwer, das ferne Summen des Straßenverkehres so schwach wie je; des Lebens kleiner Puls in mir, das große Herz der Stadt um mich her schienen beide gleichzeitig und mit der sinkenden Sonne matter und matter zu werden. Ich legte mein Buch von mir – ich hatte weniger darin gelesen, als vielmehr darüber geträumt – und verließ mein Zimmer, um in die kühle Abendluft der Vorstädte hinaus zu wandern. Es war einer jener Abende, die ich allwöchentlich bei meiner Mutter und Schwester zubrachte, und ich richtete also meine Schritts nordwärts nach Hampstead zu.
Begebenheiten, die ich noch zu erzählen habe, nöthigen mich, hier zu erwähnen, daß mein Vater zu der Zeit, von der ich jetzt schreibe, schon seit einigen Jahren verstorben und daß meine Schwester Sara und ich die einzigen überlebenden von fünf Geschwistern waren. Mein Vater war, wie ich, Zeichenlehrer. Seine Thätigkeit nun in diesem Berufe war im höchsten Grade lohnend für ihn gewesen, und seine zärtliche Besorgnis, die Zukunft Derer zu sichern, die von seinen Arbeiten abhängig waren, hatte ihn vom Augenblicke seiner Verheiratung an veranlaßt, einen weit größeren Theil seines Erwerbs der Versicherung seines Lebens zu widmen, als die meisten Leute für diesen Zweck nöthig erachten. Dieser bewunderungswürdigen Vorsicht und Aufopferung hatten meine Mutter und Schwester es zu danken, daß sie nach seinem Tode ebenso unabhängig von der Welt waren, wie sie es während seiner Lebenszeit gewesen. Ich erbte seine Kundschaft und hatte alle Ursache, für die Aussichten dankbar zu sein, die mich bei meinem Eintritte in's Leben begrüßten.
Das stille Zwielicht zitterte noch auf den Hügeln der Heide, und London war unter mir im Schatten des wolkenumzogenen Nachthimmels in einen schwarzen Abgrund hinabgesunken, als ich vor dem Gartenpförtchen des Häuschens meiner Mutter stand. Ich hatte kaum geschellt, als schon die Hausthür heftig geöffnet wurde; anstatt der Magd erschien mein würdiger italienischer Freund, Professor Pesca, und stürzte mir mit einem gellenden Freudenschrei – einer wahren Parodie auf einen englischen »Cheer« – entgegen.
Um seiner selbst willen und – erlaube man mir hinzuzufügen – auch um meinetwillen verdient der Professor die Auszeichnung einer förmlichen Vorstellung. Machte ihn doch der Zufall zum Ausgangspunkte der seltsamen Familiengeschichte, deren Schilderung sich in diesen Blättern vor uns aufrollen soll.
Ich war mit meinem italienischen Freunde zuerst dadurch bekannt geworden, daß ich ihm in großen Häusern begegnete, wo er in seiner Muttersprache, ich im Zeichnen Unterricht ertheilte. Alles, was ich damals von seiner Lebensgeschichte wußte, war, daß er an der Universität Padua angestellt gewesen, daß er Italien aus politischen Gründen verlassen (welcher Art dieselben gewesen, weigerte er sich, irgend Jemandem mitzutheilen) und daß er seit vielen Jahren als Lehrer seiner Muttersprache anständig beschäftigt sei.
Ohne geradezu ein Zwerg zu sein – denn er war vom Kopfe bis zu den Füßen vollkommen proportionirt – war Pesca, glaube ich, das kleinste menschliche Wesen, das ich je außerhalb einer Schaubude gesehen habe. Durch seine persönliche Erscheinung überall bemerkbar, fiel er auch noch ferner überall, wo er sich bewegte, durch seine harmlose Sonderlingsart auf. Eine vorherrschende Idee nämlich schien bei ihm die zu sein, daß er dem Lande, das ihm eine Zuflucht und seinen Lebensunterhalt gegeben, seine Dankbarkeit beweisen müsse, indem er sein Möglichstes thue, sich zu einem Engländer heranzubilden. Nicht zufrieden damit, der Nation im Allgemeinen dadurch ein Kompliment zu machen, daß er beständig einen Regenschirm, Gamaschen und einen weißen Hut trug, trachtete der Professor auch darnach, in seinen Gewohnheiten und Vergnügungen sowohl, wie in seiner äußeren Erscheinung ein Engländer zu werden. Da er fand, daß wir als Nation uns durch unsere Liebe zu Körperübungen auszeichneten, gab sich der kleine Professor in der Unschuld seines Herzens aus dem Stegreif all unseren englischen Spielen und Vergnügungen hin, wo er nur immer Gelegenheit dazu fand, in der festen Ueberzeugung, daß er durch Willenskraft sich ebensogut unsere Leibesübungen aneignen könnte als unsere nationalen Gamaschen und unseren nationalen weißen Hut.
Ich hatte ihn auf der Fuchsjagd und beim Cricket (Schlagball-)Spiele blindlings sein Leben in die Schanze schlagen sehen, und bald darauf sah ich ihn ebenso blindlings sein Leben in der See bei Brighton auf's Spiel setzen.
Wir hatten einander dort durch Zufall getroffen und gingen zusammen zum Baden. Wären wir mit einer nur meinem Volke eigenen Körperübung beschäftigt gewesen, so hätte ich natürlich sorgfältig nach Pesca gesehen; da aber andere Nationen sich meist ebensogut im Wasser zu bewegen verstehen wie wir Engländer, so fiel es mir keinen Augenblick ein, daß die Schwimmkunst zu der Liste jener männlichen Körperübungen gehören könne, die der Professor auf eigene Hand lernen zu können glaubte.
Bald nachdem wir Beide das Ufer verlassen, hielt ich im Schwimmen inne, da ich fand, daß mein Freund mich nicht einholte, und wandte mich nach ihm um. Zu meinem Erstaunen und Entsetzen sah ich zwischen mir und dem Strande nichts als zwei kleine weiße Arme, die einen Augenblick über dem Wasser hin und her schlugen und dann verschwanden. Als ich an derselben Stelle hinuntertauchte, lag der kleine Mann ruhig zusammengerollt in einer Höhlung des Ufergesteines und sah nun merklich kleiner aus, als ich ihn je zuvor gesehen hatte. Während ich ihn an's Land trug – ein Zeitraum von wenigen Minuten – kam er in der frischen Luft wieder zum Leben zurück, und unter meinem Beistande gelang es ihm, die Stufen der Badekabine hinanzugehen. Mit seiner theilweisen Wiederherstellung kehrte ihm auch seine wunderbare Selbsttäuschung in Bezug auf das Schwimmen wieder zurück. Sobald er mit seinen klappernden Zähnen wieder sprechen konnte, lächelte er gedankenlos und meinte, es müsse ein Krampf gewesen sein.
Sobald er sich vollkommen wieder erholt und am Strande zu mir gesellt hatte, brach seine warme, südliche Natur augenblicklich durch alle künstliche, englische Zurückhaltung. Er überschüttete mich mit den wildesten Ausdrücken von Zuneigung – erklärte leidenschaftlich in seiner ausschweifenden italienischen Weise, daß sein Leben hinfort mir geweiht sei und daß er nicht eher glücklich sein werde, als bis er Gelegenheit gefunden, mir zum Beweise seiner Dankbarkeit einen Dienst zu leisten, den ich meinerseits bis an's Ende meines Lebens nicht werde vergessen können. Ich that mein Möglichstes, dem Strome seiner Thränen und Beteuerungen Einhalt zu thun, indem ich das ganze Abenteuer von der heiteren Seite aufnahm, und es gelang mir endlich, wie ich mir einbildete, Pesca's überschwängliche Dankbarkeit gegen mich zu mäßigen.
Ich ahnte damals – und auch später, als unsere angenehmen Ferientage in Brighton zu Ende gingen – freilich nicht, daß die Gelegenheit, mir zu dienen, nach der mein dankbarer Freund sich so feurig sehnte, so bald kommen sollte; daß er sie dann augenblicklich so eifrig ergreifen und dadurch den ganzen Lauf meines Lebens in einen neuen Canal leiten und mein Wesen so verändern würde, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte.
Und doch war dem so. Wäre ich nicht nach Professor Pesca untergetaucht, als er in seinem Steinbette unter dem Wasser lag, so wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie zu der Geschichte in Beziehung gekommen, welche diese Blätter erzählen werden – so hätte ich vielleicht nie auch nur den Namen des Weibes gehört, das seitdem in allen meinen Gedanken gelebt, dem alle meine Thatkräfte gehören, das der eine leitende Einfluß geworden, welchem mein ganzes Leben folgt.
Pesca's Gesicht und Benehmen, als wir an jenem Abende am Gartenpförtchen meiner Mutter einander gegenüberstanden, genügten vollkommen, um mir zu sagen, daß sich irgend etwas Außergewöhnliches zugetragen habe. Es war indessen ganz nutzlos, augenblickliche Aufklärung von ihm zu fordern. Ich konnte nur, während er mich bei beiden Händen in's Haus zog, vermuthen, daß er, mit meinen Gewohnheiten vertraut, jenen Abend, um mich sicher zu treffen, dort hinausgekommen, und daß er nur irgend eine Neuigkeit von ungewöhnlich angenehmer Beschaffenheit mitzutheilen habe.
Wir stürzten Beide sehr plötzlich und in einer die gute Sitte verletzenden Weise in's Zimmer. Meine Mutter saß lachend und sich fächelnd am offenen Fenster. Pesca war ein besonderer Liebling von ihr, und seine wildesten, excentrischesten Streiche waren in ihren Augen immer verzeihlich. Arme, liebe Seele! vom ersten Augenblicke an, wo sie entdeckte, daß der kleine Professor ihrem Sohne zugethan, öffnete sie ihm ohne allen Rückhalt ihr Herz, fand sich in alle seine sonderbaren ausländischen Eigenthümlichkeiten, ohne auch nur zu versuchen, eine einzige von ihnen zu verstehen.
Meine Schwester Sara schloß sich trotz ihrer Jugend seltsamerweise bei Weitem schwerer an. Sie ließ Pesca's herrlichen Gemüthsanlagen alle Gerechtigkeit widerfahren, aber sie konnte seine Eigenthümlichkeiten nicht so unbedingt, wie meine Mutter, um meinetwillen hinnehmen. Bei ihren echt insularischen Begriffen von Schicklichkeit empörte sie sich fortwährend gegen Pesca's angeborene Verachtung äußerer Sitten, und sie war immer mehr oder weniger unverhohlen erstaunt über die Vertraulichkeit ihrer Mutter mit dem excentrischen kleinen Ausländer.
Ich habe nicht allein bei meiner Schwester, sondern auch bei Anderen die Bemerkung gemacht, daß wir von der jüngeren Generation lange nicht so herzlich und empfänglich sind wie unsere Eltern. Ich sehe oft alte Leute in der Erwartung irgend eines in Aussicht stehenden Vergnügens aufgeregt und bewegt, während ihre ruhigen Enkel ungerührt bleiben. Es fragt sich wirklich, ob wir wohl ebenso natürlich in unserer Knaben- und Mädchenzeit waren, wie unsere Großeltern zu ihren Zeiten gewesen sein mögen. Hat der große Fortgang in der Erziehung etwa einen zu langen Schritt gethan, oder sind wir nicht etwa in diesen modernen Tagen ein klein wenig zu wohlerzogen?
Ohne zu versuchen, diese Fragen mit Bestimmtheit zu beantworten, darf ich wenigstens berichten, daß ich meine Mutter und Schwester nie zusammen in Pesca's Gesellschaft sah, ohne die erstere für die jüngere von Beiden zu halten. Heute zum Beispiel lachte meine Mutter herzlich über die knabenhafte Manier, in der wir in's Zimmer stürzten, während Sara mit gestörter Gemüthsruhe die Scherben einer zerbrochenen Theetasse vom Boden aufnahm, die der Professor in seinem eiligen Laufe nach der Thür mir entgegen niedergeworfen hatte.
»Ich weiß wirklich nicht, was sich noch ereignet hätte, Walter, wärst du noch langer ausgeblieben,« sagte meine Mutter, »Pesca ist halb wahnsinnig geworden vor Ungeduld, und ich vor Neugierde. Der Professor hat irgend eine wunderbare Neuigkeit mitgebracht, die, wie er sagt, dich betrifft, und er war grausam genug, uns auch nicht die kleinste Andeutung davon geben zu wollen, ehe sein Freund Walter käme.«
»Sehr ärgerlich, es macht das Service unvollständig,« murmelte Sara vor sich hin, indem sie trauernd wie ein in's weibliche übersetzter Marius auf die Trümmer der zerbrochenen Tasse schaute.
Unterdessen schleppte Pesca in seliger Unkenntnis des unverbesserlichen Schadens, den seine Hände angerichtet, einen großen Lehnstuhl zum anderen Ende des Zimmers, um uns alle Drei übersehen zu können, wie ein öffentlicher Redner seine Zuhörer überschaut. Nachdem er die Rückseite des Stuhles uns zugedreht, sprang er hinein und redete höchst aufgeregt aus dieser improvisirten Kanzel seine kleine Gemeinde von Dreien an.
»Jetzt, meine guten Lieben,« begann Pesca (der stets »guten Lieben« sagte, wenn er »meine lieben Freunde« meinte), »hört mir zu. Die Zeit ist gekommen – ich erzähle meine gute Neuigkeit – ich spreche endlich.«
»Hört, hört!« rief meine Mutter – wie ein Unterhausmitglied – auf den Scherz eingehend.
»Das Nächste, was er zerbrechen wird, Mama,« flüsterte Sara, »wird der Rücken unseres besten Lehnstuhles sein.«
»Ich gehe in meinem Leben um ein wenig zurück und richte meine Rede an das edelste aller erschaffenen Wesen,« fuhr Pesca fort, indem er über den Stuhl hinweg heftig meine unwürdige Wenigkeit apostrophirte, »der mich todt (durch Krampf) am Boden des Meeres fand und mich wieder in die Höhe zog; und was sagte ich, als ich wieder in's Leben und in meine eigenen Kleider zurückkehrte?«
»Weit mehr, als nothwendig war,« entgegnete ich so verdrießlich wie möglich, denn die geringste Ermuthigung in Bezug auf diesen Gegenstand diente nur dazu, daß sich des Professors Gemüthsbewegung in eine Thränenfluth auflöste.
»Ich sagte,« fuhr Pesca beharrlich fort, »daß mein Leben hinfort meinem lieben Freunde Walter gehöre – und das thut es. Ich sagte, daß ich nie wieder glücklich sein werde, bis ich irgend ein gutes Etwas für Walter gethan – und ich bin nie zufrieden mit mir gewesen, bis auf den heutigen, gesegneten Tag. Jetzt,« schrie der begeisterte, kleine Mann aus vollem Halse, »jetzt dringt nur das überströmende Glück wie Schweiß aus jeder Pore meiner Haut; denn bei meiner Treue, meiner Seele, meiner Ehre, dieses Etwas ist endlich geschehen, und das einzige Wort, das uns zu sagen übrig bleibt, ist: richtig-Alles-richtig!«
Es dürfte vielleicht nothwendig sein, hier zu wiederholen, daß Pesca sich etwas darauf zugute that, in seiner Sprache sowohl wie in seiner Kleidung, seinen Manieren und Vergnügungen ein vollkommener Engländer zu sein. Da er einige unserer gebräuchlichsten Redensarten aufgegriffen, streute er sie in seine Unterhaltung ein, wie sie ihm eben einfielen, indem er sie in der Freude seines Herzens an ihrem Klange und seiner allgemeinen Unwissenheit über ihre Bedeutung in nach eigener Erfindung zusammengesetzten, auch wohl wiederholten Wörtern von sich gab und sie dabei ineinander laufen ließ, als ob sie aus einer einzigen langen Silbe beständen.
»Unter den stolzen Häusern Londons, in denen ich die Sprache meines Vaterlandes lehre,« sagte der Professor, indem er ohne ein Wort weiterer Vorrede sich mitten in die so lange von ihm verschobene Erklärung stürzte, »ist ein mächtig vornehmes auf dem großen Platze, genannt Portland. Ihr wißt Alle, wo das ist? Ja, ja, steht-versteht-sich. Das vornehme Haus, meine guten Lieben, beherbergt eine vornehme Familie. Eine Mama, die blond und stark ist; drei junge Misses, die blond und stark sind; zwei junge Misters, die blond und stark sind, und ein Papa, der blondeste und stärkste von Allen, der, ein mächtiger Kaufmann, bis an den Hals in Gold steckt – einst ein schöner Mann, doch – da er jetzt einen nackten Kopf und ein Doppelkinn besitzt – gegenwärtig nicht mehr schön. Jetzt gebt Acht! Ich lese mit den jungen Misses den göttlichen Dante, und ach! Güte-du-meine-Güte! – keine menschliche Sprache vermag zu sagen, wie sehr der göttliche Dante die drei hübschen Köpfe verwirrt! Einerlei – Alles zu seiner Zeit – und je mehr Stunden, desto besser für mich. Jetzt gebt Acht! Stellt Euch vor, daß ich die drei jungen Misses heute, wie gewöhnlich, unterrichte, wir sind alle viere unten zusammen in Dante's Hölle. Beim siebenten Kreise – aber einerlei: den drei blonden und starken jungen Misses sind alle Kreise gleich – beim siebenten Kreise dessenungeachtet bleiben meine Schülerinnen stecken; und ich, um sie wieder in Gang zu bringen, declamire, erkläre und rede mich in unnützer Begeisterung in die glühendste Hitze hinein, als – da hört man einen Stiefel knarren draußen im Corridor, und herein tritt der goldene Papa, der mächtige Kaufmann und glückliche Besitzer des nackten Kopfes und des doppelten Kinnes. – Ja! meine guten Lieben, ich bin der Sache jetzt näher, als ihr glaubt. Habt ihr so lange Geduld gehabt? oder habt ihr zu euch selbst gesagt: Teufel – zum – Teufel! Pesca ist heute Abend langweilig?« Wir erklärten, daß er uns im höchsten Grade unterhalten habe. Der Professor fuhr fort:
»In seiner Hand hält der goldene Papa einen Brief, und nachdem er sich entschuldigt, daß er uns in unseren höllischen Regionen mit gewöhnlichen Tagesangelegenheiten störe, wendet er sich zu den drei jungen Misses, beginnt, wie ihr Engländer Alles, was ihr in dieser gesegneten Welt Zu sagen habt, beginnt mit einem großen O. ›O, meine Lieben,‹ sagte der mächtige Kaufmann, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde Mr...... Wohlgeboren‹ (der Name ist mir entfallen, doch einerlei, wir werden darauf zurückkommen; ja, ja – richtig-Alles-richtig). Also der Papa sagt, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde, dem besagten Wohlgeboren, er wünscht, daß ich ihm einen Zeichenlehrer empfehle, der zu ihm auf sein Landhaus kommen kann.‹ Güte – du – meine – Güte! Als ich den goldenen Papa diese Worte sagen hörte, hätte ich, wenn ich groß genug gewesen wäre, um zu ihm hinaufzureichen, seinen Hals mit meinen Armen umschlungen und ihn in einer langen, dankbaren Umarmung an meine Brust gedrückt! So aber zuckte ich nur auf meinem Stuhle zusammen. Ich saß auf Kohlen, und meine Seele brannte zu sprechen, aber ich hielt den Mund und ließ den Papa fortfahren. ›Vielleicht wißt ihr,‹ sagt dieser gute Mann des Geldes, indem er seines Freundes Brief zwischen seinem goldenen Daumen und Zeigefinger hin und her dreht, ›vielleicht kennt ihr einen Zeichenlehrer, meine Lieben, den ich empfehlen könnte.‹ Die drei jungen Misses sehen einander an und sagen dann (indem sie mit dem unvermeidlichen großen O anfangen): ›O nein, Papa! aber da ist Mr. Pesca – .‹ Bei dieser Erwähnung meiner kann ich nicht länger an mich halten – der Gedanke an euch, meine guten Lieben, steigt mir wie Blut in den Kopf – ich springe von meinem Stuhle, wie wenn plötzlich ein Speer aus dem Boden durch den Sitz desselben emporgefahren wäre – ich wende mich zu dem mächtigen Kaufmann und sage (englische Redensart): Lieber Herr, ich habe Ihren Mann! den ersten, allerersten Zeichenlehrer der Welt. Empfehlen Sie ihn heute Abend mit der Post und schicken Sie ihn morgen mit Sack und Pack (wieder eine englische Redensart) mit dem Zuge ab! ›Halt, halt,‹ sagt der Papa, ›ist er ein Ausländer oder ein Engländer?‹
Engländer bis ins Rückenmark, entgegnete ich. ›Respectabel?‹ sagt Papa. Sir! sage ich (denn diese letzte Frage empört mich sehr und ich bin nicht länger vertraulich mit ihm), Sir! das unsterbliche Feuer des Genies brennt im Busen dieses Engländers, und was noch mehr ist, sein Vater besaß es schon vor ihm. ›Einerlei,‹ sagt dieser goldene Barbar von einem Papa, wir sprechen nicht von seinem Genie, Mr. Pesca. Wir verlangen in diesem Lande kein Genie, wenn es nicht zugleich auch respectabel ist – dann aber freuen wir uns sehr, es zu besitzen, sehr. Kann Ihr Freund Zeugnisse beibringen – Briefe, die seinen Charakter verbürgen?‹ Ich mache eine nachlässige Handbewegung. Briefe? sage ich. Ja! Güte-du-meine-Güte! Das wollt' ich meinen, wahrlich! Bände von Briefen und Portfolios voller Zeugnisse, wenn Sie es wünschen? ›Eins oder zweie werden genügen,‹ sagt dieser Mann des Geldes und des Phlegmas. ›Lassen Sie ihn mir dieselben zuschicken, mit Angabe seines Namens und seiner Adresse. Und halt, halt, Mr. Pesca – ehe Sie zu Ihrem Freunde gehen, nehmen Sie lieber ein Billet mit.‹ Cassenbillet! sage ich entrüstet. Kein Cassenbillet, bis mein braver Engländer es verdient hat, wenn ich bitten darf. ›Cassenbillet!‹ sagt Papa in großem Erstaunen; ›wer spricht denn von Cassenbilleten? Ich meine ein Billet, enthaltend die Bedingungen – ein Memorandum von dem, was man von ihm verlangt. Fahren Sie in Ihrem Unterrichte fort, Mr. Pesca, und unterdessen will ich Ihnen den nothwendigen Auszug aus meines Freundes Briefe machen.‹ Der Mann der Waaren und des Geldes geht und nimmt Feder, Tinte und Papier zur Hand, und ich steige wieder in Dante's Hölle hinab und meine drei jungen Misses mir nach. In zehn Minuten ist das Billet geschrieben, und Papas Stiefel knarren wieder den Corridor entlang. Von diesem Augenblicke an weiß ich bei meiner Treue, meiner Seele und Ehre weiter nichts. Der herrliche Gedanke, daß ich endlich Gelegenheit gefunden, mich meinem theuersten Freunde in der Welt erkenntlich zu erweisen, und daß der Dienst bereits so gut wie schon geleistet ist, steigt mir zu Kopfe und macht mich trunken. Wie ich mich und meine jungen Misses wieder aus den höllischen Regionen heraufziehe, wie ich dann meine übrigen Geschäfte abmache und wie mein bißchen Mittagessen in meinen Hals hinabgleitet, weiß ich ebensowenig wie der Mann im Monde. Genug, ich bin hier, mit dem Billet des mächtigen Kaufmannes in der Hand, in Lebensgröße, heiß wie Feuer und froh wie ein König! Ha! ha! ha! richtig-Alles-richtig-richtig!« Hier schwenkte der Professor das Memorandum der Bedingungen über seinem Kopfe und endete seine lange, geläufige Rede mit seiner gellenden italienischen Parodie eines englischen »Cheers«.
Sobald er geendet, erhob sich meine Mutter mit gerötheten Wangen und glänzenden Augen. Sie ergriff beide Hände des kleinen Mannes.
»Mein lieber, guter Pesca,« sagte sie, »ich zweifelte nie an Ihrer wahren Zuneigung für Walter – jetzt aber bin ich mehr als je davon überzeugt!«
»Gewiß, wir sind Professor Pesca um Walters willen sehr dankbar,« fügte Sara hinzu. Sie erhob sich halb von ihrem Sitze, wie sie sprach, als ob sie ebenfalls an den Lehnstuhl treten wollte; sowie sie aber gewahr wurde, daß Pesca voller Entzücken meiner Mutter Hände küßte, blickte sie ganz ernst und blieb an ihrem Platze. »Wenn der familiäre kleine Mensch meine Mutter schon so behandelt, wie würde er da erst mich behandeln?« Gesichter sprechen zuweilen die Wahrheit, und das war ohne alle Frage Saras Gedanke, als sie sich wieder setzte.
Obgleich ich selbst die Herzensgüte in Pesca's Beweggründen dankbar anerkannte, so war ich doch über die Aussicht auf künftige Beschäftigung lange nicht so erfreut, als ich hätte sein sollen. Sobald der Professor mit den Händen meiner Mutter fertig war und ich ihm für sein Verwenden zu meinen Gunsten herzlich gedankt hatte, bat ich, das Memorandum über die Bedingungen sehen zu dürfen, das sein achtungswerther Beschützer zu meiner Durchsicht aufgesetzt hatte.
Pesca überreichte es mir mit einem triumphirenden Schwenken der Hand.
»Lies!« sagte der kleine Mann majestätisch. »Ich verspreche dir, mein Freund, daß das Schreiben des goldenen Papas wie mit Trompetenschall für sich selber redet.«
Das Memorandum war jedenfalls deutlich, offen und verständlich. Es unterrichtete mich –
Erstens, daß Frederik Fairlie, Esquire, zu Limmeridge House, Cumberland, während eines Zeitraumes von wenigstens vier Monaten der Dienste eines durchaus tüchtigen Zeichenlehrers bedürfe.
Zweitens, daß die Pflichten, welche dem Lehrer obliegen würden, zweierlei seien. Er sollte den Unterricht zweier junger Damen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei beaufsichtigen und dann seine Mußezeit dazu verwenden, eine werthvolle Sammlung von Zeichnungen, die ganz in Unordnung und vernachlässigt war, zu ordnen und aufzukleben.
Drittens, daß das Honorar, welches Demjenigen geboten werde, der sich diesen Pflichten gewissenhaft zu unterziehen anheischig mache, vier Guineen wöchentlich sei; daß er in Limmeridge House wohnen und dort wie ein Gentleman behandelt werden solle.
Viertens und letztens, daß Niemand sich um diese Stelle zu bemühen brauche, der nicht die untadeligsten Ausweise über Charakter und Fähigkeiten beibringen könne. Diese Ausweise solle man Mr. Fairlie's Freunde einsenden, der bevollmächtigt sei, das Uebereinkommen abzuschließen. Dann folgten noch Name und Adresse von Pesca's Gönner auf dem Portlandplatze – und damit endete das Memorandum.
Die Aussicht, welche dieses Anerbieten darbot, war allerdings eine anziehende – die Beschäftigung aller Wahrscheinlichkeit nach leicht und angenehm; sie wurde mir in der Herbstzeit des Jahres vorgeschlagen, wo ich am wenigsten zu thun hatte, und das Honorar war nach meinen persönlichen Erfahrungen in meinem Berufe außerordentlich anständig. Ich wußte dies; ich wußte, daß ich Ursache haben würde, mich glücklich zu schätzen, falls ich mir die angebotene Beschäftigung sicherte – und dennoch hatte ich kaum das Memorandum gelesen, als ich schon eine unerklärliche Unlust verspürte, irgend etwas in der Sache zu thun. Ich hatte noch nie in allen meinen früheren Erfahrungen meine Pflicht und meine Neigung sich so in mir streiten gefühlt, als bei dieser Gelegenheit.
»O Walter, dein Vater hat nie ein solches Glück gehabt!« sagte meine Mutter, nachdem sie das Memorandum gelesen und mir zurückgehändigt hatte.
»Solche vornehme Leute kennen zu lernen!« bemerkte Sara, sich auf ihrem Stuhle aufrichtend – »noch dazu unter so angenehmen Verhältnissen der Gleichheit!«
»Ja, ja; die Bedingungen sind in jeder Beziehung verführerisch genug,« erwiderte ich ungeduldig. »Aber he ich meine Zeugnisse einsende, möchte ich ein wenig Zeit haben, um zu überlegen –«
»Ueberlegen!« rief meine Mutter aus. »Ei, Walter, was ist mit dir?«
»Ueberlegen!« rief meine Schwester aus. »Welch eine sonderbare Idee unter so günstigen Umständen!«
»Ueberlegen!« stimmte der Professor ein. »was ist da weiter zu überlegen? Beantworte mir dies! Hast du nicht über deine Gesundheit geklagt und hast du dich nicht nach einem Schlucke Landluft gesehnt, wie du es nennst? Nun! das Papier da in deiner Hand bietet dir unausgesetzte Schlucke Landluft für vier Monate. Ist dem nicht so? Ja? Dann – du brauchst Geld. Nun! Sind vier Guineen die Woche gar nichts? Meine-Güte-du-meine-Güte. Gebe sie nur Einer mir – und meine Stiefel sollen, wie die des goldenen Papas, mit einem Bewußtsein des überwältigenden Reichthums des Mannes, der in ihnen geht, knarren! Vier Guineen die Woche, und was noch mehr ist, die reizende Gesellschaft zweier junger Misses; und was noch mehr ist, dein Bett, dein Frühstück, dein Mittagsessen, deine üppigen englischen Thees und Gabelfrühstücke und dein schäumendes Bier, alles umsonst – wie, Walter, mein lieber, guter Freund – Teufel-zum-Teufel! – zum ersten Male in meinem Leben habe ich nicht Augen genug im Kopfe, um dich anzusehen und mich über dich Zu verwundern!«
Weder meiner Mutter offenbares Erstaunen über mein Betragen noch Pesca's eifrige Aufzählung der Vortheile, welche mir die neue Beschäftigung in Aussicht stellte, erschütterten meine scheinbar ungerechtfertigte Abneigung, nach Limmeridge House zu gehen. Nachdem ich alle kleinlichen Einwendungen aufgeworfen, die ich nur gegen meine Reise nach Cumberland erdenken konnte, und nachdem mir dieselben der Reihe nach zu meiner eigenen Niederlage beantwortet waren, versuchte ich, ein letztes Hindernis mit der Frage aufzurichten, was aus meinen Schülern in London werden sollte, während ich Mr. Fairlie's junge Damen nach der Natur zeichnen lehrte. Die einleuchtende Antwort hierauf war, daß der größere Theil derselben auf ihren Herbstreisen sein werde, und die wenigen, die dableiben würden, der Obhut eines Collegen anvertraut werden könnten, dem ich seine Schüler einst unter ähnlichen Verhältnissen abgenommen hatte. Meine Schwester erinnerte mich daran, daß dieser Herr nur ausdrücklich für diese Saison seine Dienste angeboten, falls ich die Hauptstadt zu verlassen wünschte; meine Mutter bat mich ernstlich, doch nicht meine eigenen Interessen und meine Gesundheit durch eine einfältige Grille zu gefährden, und Pesca flehte mich in jammervollen Tönen an, ihm nicht bis in's innerste Herz weh' zu thun, indem ich das erste dankbare Dienstanerbieten ausschlüge, das er dem Freunde und Lebensretter zu machen im Stande gewesen.
Die offenbare Liebe, welche diese Vorstellungen eingab, hätte auf jeden Mann Eindruck gemacht, der nur ein Atom von richtigem Gefühle besaß. Obgleich ich meine unbegreifliche Wunderlichkeit nicht überwinden konnte, so hatte ich doch wenigstens so viel Tugend in mir, mich jenes Vorurtheils zu schämen und die Erörterung damit zu enden, daß ich nachgab und Alles Zu thun versprach, was man von mir verlangte. Der Rest des Abends verging dann fröhlich genug unter heiteren Zukunftsplänen und Muthmaßungen über meine Stellung bei den jungen Damen in Cumberland. Pesca, von unserem nationalen Grog begeistert, der ihm auf wunderbare Weise, fünf Minuten, nachdem er seine Kehle hinunter gegangen, zu Kopf zu steigen schien, behauptete seine Ansprüche, als ein vollkommener Engländer angesehen zu werden, indem er in schneller Aufeinanderfolge eine Reihe von Reden hielt; die Gesundheit meiner Mutter ausbrachte, die meiner Schwester, die meinige und zusammen die Gesundheit von Mr. Fairlie und den beiden jungen Misses; worauf er gleich hinterher für die ganze Gesellschaft eine pathetische Dankesrede hielt.
»Ein Geheimnis, Walter,« sagte mein kleiner Freund vertraulich, als wir zusammen nach Hause gingen. »Ein Geheimnis sei dir vertraut. Ich glühe bei der Erinnerung an meine Beredsamkeit. Meine Seele vergeht vor Ehrgeiz. Eines Tages werde ich in euer edles Parlament eintreten. Es ist der Traum meines ganzen Lebens, der »Ehrenwerthe Pesca M. P« (Mitglied des Parlaments) zu werden!«
Am folgenden Morgen sandte ich des Professors Patrone auf dem Portlandplatze meine Zeugnisse ein. Drei Tage vergingen, und ich schloß daraus mit geheimer Genugthuung, daß meine Papiere nicht ausreichend genug befunden worden. Am vierten Tage kam jedoch eine Antwort. Dieselbe kündigte mir an, daß Mr. Fairlie meine Dienste annehme und mich ersuche, augenblicklich nach Cumberland aufzubrechen. Alle nothwendigen Instructionen betreffs meiner Reise waren sorgfältig und deutlich in einem Postscriptum beigefügt.
Ich traf ziemlich mißmuthig meine Vorbereitungen, früh am folgenden Tage London zu verlassen. Gegen Abend kam Pesca, im Begriffe in sine Mittagsgesellschaft zu gehen, zu mir, um mir Lebewohl zu sagen.
»Ich werde meine Thränen während deiner Abwesenheit mit dem schönen Gedanken trocknen,«, sagte er fröhlich, »daß es meine Hand war, die deinem Glücke in dieser Welt den ersten Schub vorwärts gegeben hat. Geh', mein Freund. Wenn deine Sonne in Cumberland scheint (englisches Sprichwort), da mache ja dein Heu, um's Himmels willen. Heirate eine der beiden jungen Misses, erbe die fetten Güter Fairlie's, werde Ehrenwerther Hartright M. P., und wenn du auf der obersten Stufe der Leiter angelangt bist, erinnere dich, daß Pesca, der unten steht, dir zu dem Allen verholfen hat!«
Ich versuchte, mit meinem kleinen Freunde über seinen Abschiedsscherz zu lachen, aber ich konnte meine üble Laune nicht bemeistern. Etwas in mir schlug einen fast schmerzlichen Mißton an, während er seine heiteren Abschiedsworte sprach.
Als ich wieder allein war, blieb mir nichts zu thun übrig, als nach dem Häuschen in Hamstead zu gehen und meiner Mutter und Schwester Lebewohl zu sagen.
Die Hitze war den ganzen Tag über sehr drückend gewesen, auch der Abend war noch heiß und schwül.
Meine Mutter und Schwester hatten so viele letzte Worte zu sagen gehabt und mich so oft gebeten, noch fünf Minuten langer zu bleiben, daß es beinahe Mitternacht war, als die Magd das Gartenthor hinter mir schloß. Ich that ein paar Schritte auf dem kürzesten Wege nach London zu, dann stand ich still und zögerte.
Der Mond stand groß und voll an dem dunkelblauen, sternenlosen Himmel, und die hügelige Heide sah in dem geheimnisvollen Lichte wild genug aus, daß sie Hunderte von Meilen von der Stadt hätte entfernt sein können, die weiter abwärts lag. Ich konnte mich nicht überwinden, eher als durchaus nothwendig, zu der Hitze und trüben Luft von London zurückzukehren. Die Aussicht, in meine dumpfigen Zimmer schlafen zu gehen, und die, allmälig zu ersticken, schienen mir bei meinem unruhigen Körper- und Gemüthszustande gleichbedeutend. Ich beschloß, durch die reinere Luft auf dem weitesten Umwege, den ich nur machen konnte, heimzuschlendern; den weißen sich hin und her schlängelnden Pfaden, die über die einsame Heide hinliefen, zu folgen und durch die am freiesten liegende Vorstadt von London dorthin zurückzukehren, indem ich den weg von Finchley einschlug und so in der Frische des neuen Morgens auf der Westseite des Regent's Park anlangte. Ich wanderte langsam auf der Heide dahin, im Genusse der himmlischen Stille und voll Bewunderung der sanften Abwechslungen von Licht und Schatten, wie sie einander rund um mich her auf der hügeligen Haide folgten. Solange ich bei diesem ersten und hübschesten Theil meines Nachtspazierganges war, blieb mein Geist für die Eindrücke des Anblickes passiv empfänglich; ich dachte nur wenig an irgend einen Gegenstand – ja, was meine Gefühle betrifft, so dachte ich eigentlich gar nicht.
Als ich aber die Heide verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen hatte, wo es weniger zu sehen gab, zogen die Gedanken, welche die kommende Veränderung in meinen Gewohnheiten und Beschäftigungen natürlicherweise hervorriefen, mehr und mehr meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf sich. Als ich am Ende des Weges anlangte, war ich vollkommen in meine phantastischen Visionen von Limmeridge House, Mr. Fairlie und den beiden jungen Damen vertieft, deren Uebungen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei ich so bald beaufsichtigen sollte.
Ich war jetzt an der Stelle angekommen, wo vier Wege einander begegnen – der Weg nach Hampstead, auf dem ich zurückgekehrt war, der Weg nach Finchley, der nach West-End und der nach London. Ich hatte mechanisch den letzteren eingeschlagen und schlenderte langsam die Landstraße entlang – in unnützen Muthmaßungen, wie ich mich entsinne, über das Aussehen der jungen Damen in Cumberland – als in einem einzigen Augenblicke jeder Tropfen Blutes in meinem Körper durch die Berührung einer Hand, die leicht und plötzlich von hinten auf meine Schulter gelegt wurde, erstarrte.
Ich wandte mich schnell um, indem meine Finger sich fest um meinen Stock schlossen.
Da, in der Mitte des breiten, hellen Weges – da, als ob sie soeben aus dem Erdboden entsprungen oder vom Himmel gefallen wäre – stand die Gestalt einer einsamen Frau von Kopf bis zu Füßen in weißen Kleidern, ihr Gesicht in ernster Frage zu dem meinigen gewendet und mit der Hand auf die dunkle Wolke deutend, die über London hing.
Ich war über die seltsame Erscheinung, die so plötzlich in der tiefen Nacht an dieser einsamen Stelle vor mich hingetreten war, zu sehr erschrocken, um sie zu fragen, was sie verlange. Sie sprach zuerst.
»Ist das der Weg nach London?« sagte sie.
Ich sah sie aufmerksam an, als sie diese sonderbare Frage that. Es war jetzt beinahe ein Uhr. Alles, was ich deutlich im Mondlichte unterscheiden konnte, war ein farbloses, junges Gesicht, mager und spitz um Kinn und Wangen; große, ernste, sehnsüchtig aufmerksame Augen; nervöse, zuckende Lippen und helles Haar von lichter, braungelber Farbe. Es lag nichts Wildes, nichts Unbescheidenes in ihrer Manier; dieselbe war ruhig und gefaßt, ein wenig melancholisch und hatte einen kleinen Anflug von Argwohn; nicht gerade die Manieren einer Dame und doch auch nicht die einer Frau aus der niedrigsten Classe. Die Stimme, so wenig ich auch bis jetzt davon gehört, hatte etwas seltsam Stilles und Mechanisches in ihren Tönen, und ihre Sprache war außerordentlich schnell. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand, und ihre Kleidung – Hut, Shawl und Kleid, alles weiß – war, soviel ich dies beurtheilen konnte, gewiß nicht von sehr zartem oder theuerem Stoffe. Ihre Figur war schlank und etwas über die mittlere Größe – ihr Gang und ihre Bewegungen frei von der geringsten Übertreibung. Dies war Alles, was ich in dem matten Lichte und unter den verwirrend seltsamen Umständen unseres Begegnens von ihr sehen konnte, welch eine Art von Frauenzimmer sie war und wie sie dazu kam, eine Stunde nach Mitternacht ganz allein auf der Landstraße zu sein, war mir rein unmöglich zu errathen. Das Einzige, wovon ich mich überzeugt fühlte, war, daß selbst der roheste Mensch und trotz der verdächtig späten Stunde und jener verdächtig einsamen Stelle ihren Beweggrund, zu mir zu sprechen, nicht hätte mißdeuten können.
»Haben Sie mich gehört?« sagte sie, noch immer leidenschaftslos, aber schnell und ohne die geringste Gereiztheit oder Ungeduld. »Ich frug sie, ob das der weg nach London sei.«
»Ja,« erwiderte ich, »das ist der Weg, er führt nach St. John's Wood und Regent's Park. Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Ihnen nicht schneller antwortete. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte mich etwas, und ich kann mir dasselbe auch jetzt durchaus noch nicht erklären.«
»Sie beargwöhnen mich doch wohl nicht, daß ich irgend etwas Unrechtes begehe, wie? Ich habe nichts Unrechtes begangen. Ich habe ein Unglück gehabt – ich bin sehr unglücklich, so spät hier allein zu sein, warum haben Sie mich im Verdacht, etwas Unrechtes gethan zu haben?«
Sie sprach mit unnöthiger Eindringlichkeit und Bewegung und zog sich mehrere Schritte von mir zurück. Ich that mein Möglichstes, sie wieder zu beruhigen.
»Ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich daran denken könnte, einen Verdacht gegen Sie oder irgend etwas Anderes zu hegen, als den Wunsch, Ihnen nützlich zu sein, wenn ich kann. Ich erstaunte nur über Ihr Erscheinen auf der Landstraße, weil mir dieselbe einen Augenblick vorher völlig leer geschienen.«
Sie wandte sich um und deutete auf eine Stelle, wo der Weg nach London mit dem nach Hampstead zusammentraf und wo eine Oeffnung in der Hecke war.
»Ich hörte Sie kommen,« sagte sie, »und verbarg mich dort, um zu sehen, welch eine Art von Mann Sie seien, ehe ich es wagte, zu Ihnen zu sprechen. Ich zweifelte und fürchtete, bis Sie vorbeigegangen waren, und dann war ich genöthigt, hinter Ihnen herzuschleichen und Sie zu berühren.«
»Hinter mir herschleichen und mich berühren? warum nicht mich anrufen? Seltsam, um mich gelinde auszudrücken!«
»Darf ich Ihnen trauen?« fragte sie, »Sie denken nicht schlechter von mir, weil ich ein Unglück gehabt habe, wie?« Sie schwieg in Verwirrung, indem sie ihre Tasche aus einer Hand in die andere nahm, und seufzte bitterlich.
