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Wilkie Collins-Krimis E-Book

Wilkie Collins

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Beschreibung

In "Wilkie Collins-Krimis" entfaltet der Meister des viktorianischen Kriminalromans, Wilkie Collins, eine faszinierende Erzählkunst, die durch ihre psychologische Tiefe und komplexe Charaktere besticht. Die Sammlung bietet einen einzigartigen Einblick in die kriminalistischen Strukturen des 19. Jahrhunderts, wo Spannungsbögen und unerwartete Wendungen das Geschehen prägen. Collins nutzt einen eindringlichen, oft fesselnden Stil, der den Leser in die düstere Atmosphäre seiner Geschichten hineinzieht, während er die moralischen und sozialen Fragestellungen seiner Zeit reflektiert. Wilkie Collins, geboren 1824, war ein Pionier des Kriminalromans und ein Zeitgenosse von Charles Dickens. Mit seinem tiefen Interesse für soziale Gerechtigkeit und dem menschlichen Verhalten, beeinflusste er die Entwicklung des Genres maßgeblich. Seine eigenen Erfahrungen mit Krankheiten und Zeitgenössischen Missständen spiegeln sich in der emotionalen Intensität seiner Werke wider, die häufig Themen wie Identität und Verdacht erforschen. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle Liebhaber von Kriminalgeschichten und bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Wurzeln der modernen Kriminalliteratur zu erkunden. Collins' scharfer Verstand und seine bemerkenswerte Fähigkeit, Spannung aufzubauen, machen diese Sammlung nicht nur unterhaltsam, sondern auch von literarischer Relevanz. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wilkie Collins

Wilkie Collins-Krimis

Bereicherte Ausgabe. Mysterythriller-Klassiker: Der Mondstein, Die Frau in Weiß, John Jagos Geist & Blinde Liebe
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547681458

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Wilkie Collins-Krimis
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe Wilkie Collins-Krimis vereint zentrale Kriminal- und Spannungswerke eines Autors, der den modernen Roman des Verdachts maßgeblich prägte. Enthalten sind drei vollständige Romane – Die Frau in Weiß, Der Mondstein und Blinde Liebe – sowie die kürzere Erzählung John Jagos Geist. Der Band verfolgt das Ziel, Collins’ kriminalische Erzählkunst in ihrer Breite sichtbar zu machen: von der atmosphärisch aufgeladenen Intrige des Sensationsromans bis zur methodisch aufgebauten Ermittlungsgeschichte. Zugleich bietet die Zusammenstellung einen Zugang zu einem Werk, das Fragen nach Identität, Recht und moralischer Verantwortung in erzählerisch vielstimmigen Formen verhandelt und bis heute nachhallt.

Die hier versammelten Texte decken unterschiedliche, doch miteinander verbundene Gattungen ab. Die Frau in Weiß ist ein Sensationsroman mit starken kriminalistischen Elementen, Der Mondstein gilt weithin als früher Detektivroman, Blinde Liebe verbindet Liebes- und Verbrechensgeschichte, und John Jagos Geist bildet als kürzere Erzählung einen konzentrierten Fall des Zweifels. Charakteristisch für Collins ist der Einsatz dokumentarischer Verfahren: verschachtelte Berichte, Briefe, Tagebuchauszüge und quasi-juridische Zeugenaussagen. Dadurch verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der bloßen Handlung auf die Art, wie Wissen entsteht, wie Erinnerung funktioniert und wie Erzählende um Glaubwürdigkeit ringen.

Die Frau in Weiß, zunächst im 19. Jahrhundert in Fortsetzungen erschienen, eröffnet mit einer nächtlichen Begegnung: Eine geheimnisvolle Frau in weißer Kleidung taucht auf einer Landstraße auf und löst eine Kette von Fragen nach Identität und Täuschung aus. Collins entfaltet daraus ein dichtes Gewebe aus verdeckten Motiven, rechtlichen Finessen und sozialen Zwängen. Der Roman wurde rasch zu einem Grundtext des Sensationsromans, weil er das scheinbar häusliche Milieu als Ort des Unheimlichen sichtbar macht. Die Spannung entsteht weniger aus Gewalt als aus der allmählichen Enthüllung, wie Täuschung wirkt – ein Verfahren, das Collins mit großer formaler Disziplin gestaltet.

Der Mondstein, ebenfalls im 19. Jahrhundert zunächst als Fortsetzungsroman publiziert, setzt bei einem spektakulären Verlust an: Ein kostbarer Diamant verschwindet, und der Kreis der Beteiligten gerät unter Verdacht. Collins organisiert die Erzählung als Sammlung von Aussagen, Erinnerungen und Beobachtungen, die ein Ermittlungsprozess prüfend zusammenführt. Damit schafft er nicht nur ein frühes Muster des Detektivromans, sondern auch eine Erzählökonomie, in der Indizien, Motive und Missverständnisse systematisch gegeneinander abgewogen werden. Der Roman verbindet Spannung mit der Frage, wie verlässlich Wahrnehmung ist und welche Rolle soziale Positionen bei der Beurteilung von Schuld spielen.

Blinde Liebe entstand am Ende von Collins’ Schaffen und erschien nach seinem Tod vollendet durch einen Zeitgenossen. Der Roman zeigt die gefährliche Berührung von leidenschaftlicher Bindung und krimineller Verstrickung. Zentral ist die Untersuchung, wie Gefühle Urteilsvermögen beeinflussen und wie Loyalität, Ehre und Recht gegeneinander geraten. Collins greift hier Motive seines Sensationsromans auf, verbindet sie jedoch mit einem stärkeren Interesse an den Mechanismen des Verdachts und an den Konsequenzen von Entscheidungen, die unter Druck getroffen werden. Die Spannung entsteht aus der Nähe zu Figuren, deren Wahrnehmung begrenzt ist und deren Handeln unvorhersehbare Kreise zieht.

John Jagos Geist ist eine kürzere, straff erzählte Geschichte, die den Blick auf einen vermeintlichen Kriminalfall und dessen widersprüchliche Deutungen richtet. Im Fokus stehen Aussagen, Gerüchte und die Frage, wie schnell sich Wahrscheinlichkeiten in Gewissheiten verwandeln, wenn soziale und persönliche Erwartungen im Spiel sind. Collins zeigt hier im komprimierten Format, wie fragile Zeugenschaft sein kann und wie stark Erzählrahmen die Beurteilung von Tatsachen prägen. Die Kürze der Form betont das Experimentelle: Ein Fall wird nicht durch spektakuläre Wendungen, sondern durch die Feinmechanik von Wahrnehmung und Schlussfolgerung gestaltet.

Über alle Texte hinweg ziehen sich verbindende Themen. Wiederholt geht es um die Unsicherheit von Identität, um Maskerade, Verwechslung und die Macht der Dokumente. Collins fragt, welche Wahrheit Recht und Medizin zu liefern vermögen und wo sie an Grenzen stoßen. Häusliche Räume erscheinen als Schauplätze verdeckter Gewalt oder subtiler Kontrolle; öffentliche Institutionen treten als Orte formaler Gerechtigkeit und zugleich möglicher Blindstellen auf. Auch Geschlechterrollen und Klassenverhältnisse werden nicht bloß Kulisse, sondern Kräfte, die Handlungsoptionen begrenzen und Verhängnisse begünstigen. Die Verbrechen sind selten isolierte Taten, sondern in soziale Gefüge eingewebte Konflikte.

Stilistisch verbindet Collins psychologische Genauigkeit mit kalkulierter Spannung. Er setzt wiederkehrende Verzögerungen, Andeutungen und Verschiebungen ein, die Leserinnen und Leser zum Mitdenken zwingen. Die Figuren erhalten markante, differenzierte Stimmen; ihre Sichtweisen sind nicht nur kolorierende Perspektiven, sondern Bausteine des Beweisgangs. Besonders wirksam ist Collins’ Fähigkeit, Gegenstände, Räume und Routinen zu Indizien aufzuwerten, die erst im Verlauf Bedeutung erhalten. Die Spannung erwächst so aus dem Zusammenfügen von Details, weniger aus dem bloßen Zufall. Diese ökonomische Erzählweise verleiht den Geschichten Dichte und Nachhaltigkeit.

Ein Markenzeichen ist die Komposition aus mehreren Erzählinstanzen, die teils wie Zeugenschaft organisiert sind. Leserinnen und Leser werden zu Mitprüfenden, die Aussagen abwägen, Lücken erkennen und Hypothesen revidieren. Der quasi-juridische Ton, den Collins zuweilen annimmt, ist dabei nicht trocken, sondern dramaturgisch fruchtbar: Die Verfahrenslogik strukturiert den Spannungsbogen. Briefe, Tagebuchnotizen und persönliche Berichte fungieren als Träger von Intimität und als Prüfsteine der Plausibilität. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen subjektivem Erleben und der Sehnsucht nach objektiver Wahrheit, das die Texte antreibt.

Die Werke sind im Kontext des viktorianischen Zeitalters zu lesen, das von rasanten gesellschaftlichen, technischen und rechtlichen Veränderungen geprägt war. Fragen nach medizinischer Diagnose, Beweissicherung und der Rolle von Expertenwissen erhalten literarische Form. Zugleich reflektieren die Texte Machtgefälle, Besitzverhältnisse und moralische Erwartungen, die in Familien, in der Öffentlichkeit und über Grenzen hinweg wirken. Der Mondstein berührt etwa globale Verflechtungen, während die anderen Werke zeigen, wie nah das Rätselhafte dem Gewohnten liegt. Collins nutzt diesen Hintergrund, ohne ihn zum Traktat werden zu lassen, und bindet ihn in die Logik des Plots ein.

Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt nicht allein im historischen Rang, sondern in ihrer Modernität. Der Mondstein prägt Strukturen des Detektivromans, die bis heute fortwirken; Die Frau in Weiß formt archetypische Konstellationen des Sensationsromans. Blinde Liebe und John Jagos Geist verdeutlichen, wie flexibel Collins sein Verfahren an verschiedene Längen und Problemstellungen anpasst. Immer steht die Frage im Raum, wie Wissen entsteht, wem geglaubt wird und welche ethischen Implikationen Entscheidungen im Schatten des Verdachts haben. Darin liegt die Zeitlosigkeit dieser Krimis: Sie machen das Erkennen selbst zum dramatischen Ereignis.

Diese Zusammenstellung lädt ein, Collins’ kriminalistische Kunst in ihrer Vielfalt und Entwicklung zu verfolgen. Drei Romane und eine Erzählung ergeben ein Spektrum, in dem Strategien der Spannung, der Beweisführung und der Figurenzeichnung deutlich werden. Ob man chronologisch liest oder thematische Bezüge sucht: Der Band bietet einen handhabbaren Überblick, ohne die Komplexität zu glätten. Er richtet sich an Kennerinnen und Kenner ebenso wie an Leserinnen und Leser, die Collins neu entdecken. Ziel ist, die Eigenart dieser Texte sichtbar zu machen und ihre fortdauernde Anziehungskraft erfahrbar werden zu lassen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Wilkie Collins (1824–1889) war ein britischer Schriftsteller der Viktorianischen Epoche, dessen Romane das Genre der Sensationsliteratur prägten und die Entwicklung der Kriminalliteratur nachhaltig beeinflussten. Bekannt wurde er durch kunstvoll komponierte, mehrstimmige Erzählweisen, die gesellschaftliche Spannungen, rechtliche Grauzonen und psychologische Zwischentöne ausleuchten. Mit Die Frau in Weiß setzte er Maßstäbe für Spannung, verschachtelte Perspektiven und die dramatische Entfaltung von Geheimnissen; Der Mondstein gilt vielfach als früher Meilenstein des Detektivromans in englischer Sprache. Seine Werke verbanden Popularität mit formaler Experimentierfreude und zeigen ein ausgeprägtes Interesse an Gerechtigkeit, Beweisführung und den Grenzen institutioneller Autorität.

Collins erhielt eine solide Ausbildung und wandte sich nach frühen kaufmännischen Tätigkeiten dem Jurastudium zu. Am Lincoln’s Inn vertiefte er sich in Rechtsfragen, ohne die Anwaltslaufbahn dauerhaft zu verfolgen; 1851 wurde er als Barrister zugelassen. Reisen auf dem Kontinent erweiterten seinen Blick für Kunst, Gesellschaft und Erzähltraditionen, die später in seine Prosa einflossen. Entscheidende Impulse kamen aus der literarischen Zusammenarbeit mit Charles Dickens, in dessen Zeitschriften Household Words und All the Year Round er regelmäßig veröffentlichte. Dort erprobte er serielle Dramaturgien, baute Spannung über Folgen hinweg auf und schulte seine Kunst, dokumentarische Genauigkeit mit unterhaltender Erzählung zu verbinden.

Die Frau in Weiß erschien 1859–1860 zunächst fortlaufend und erzielte ein breites Echo beim Publikum. Collins verband darin juristische Detailkenntnis mit der Wirkung der Schauermotive, ordnete widersprüchliche Zeugnisse in einem Geflecht wechselnder Stimmen und schuf so ein Spannungsmodell, das Leserinnen und Leser aktiv mitdenken ließ. Die Methode, Erzählrechte zu verteilen und Beweise literarisch zu prüfen, wurde zu seinem Markenzeichen. Gleichzeitig verankerte er die Handlung in zeitgenössischen Debatten über Eigentum, Ehe und Rechtsschutz, ohne den Reiz der Unterhaltung preiszugeben. Der Erfolg festigte seinen Rang als Hauptvertreter der Sensationsliteratur und öffnete Wege für experimentelle Formen.

Der Mondstein folgte 1868 in serieller Form und verlegte Collins’ Verfahren auf einen Kriminalfall, der aus Dokumenten, Briefen und Berichten rekonstruiert wird. Die Figur des Ermittlers Sergeant Cuff, die präzise Handhabung von Indizien sowie die faire Verteilung von Hinweisen prägten spätere Detektiverzählungen. Ohne den Ausgang vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass das Werk den Zusammenhang von Moral, Zufall und Täuschung methodisch durchspielt. Gleichzeitig nutzt Collins die Vielstimmigkeit, um Wahrnehmungslücken sichtbar zu machen. Der Roman demonstriert, wie sich populäre Spannung mit einer reflektierten Erkundung von Beweislogik verbinden lässt, und stärkte seinen Ruf als Innovator erzählerischer Verfahren.

John Jagos Geist, eine kürzere Erzählung, rückt den Irrtum der Justiz in den Vordergrund und spielt mit der Unsicherheit von Zeugenaussagen. Collins greift einen dokumentierten Fall auf und untersucht, wie Gerüchte, erkenntnistheoretische Lücken und soziale Vorurteile zu verhängnisvollen Schlüssen führen können. Die prägnante Konstruktion zeigt seine Fähigkeit, auf begrenztem Raum Spannung zu erzeugen, ohne die analytische Genauigkeit zu verlieren. Auch hier dient die Montage unterschiedlicher Stimmen dazu, den Prozess des Vermutens zu durchleuchten. Das Stück ergänzt seine großen Romane, indem es die Fragilität von Wahrheit im Alltag demonstriert und eine skeptische Haltung gegenüber vorschnellen Urteilen bekräftigt.

Blinde Liebe entstand in seinen späten Jahren und blieb beim Tod des Autors unvollendet; das Werk wurde nach seinem Plan von Walter Besant fertiggestellt und postum veröffentlicht. Der Roman führt zentrale Collins-Themen fort: leidenschaftliche Bindungen, gefährliche Täuschungen und die Prüfung von Motiven im Licht widersprechender Belege. Trotz gesundheitlicher Belastungen hielt er an der seriellen Arbeitsethik fest und strukturierte den Stoff so, dass Spannung und moralische Ambivalenz einander wechselseitig steigern. Blinde Liebe zeigt, wie Collins bis zuletzt mit Formen experimentierte und die Grenzen der Sensationsliteratur auslotete, ohne die Lesbarkeit und den erzählerischen Fluss seiner Prosa zu gefährden.

In seinen späteren Jahren schwankte die zeitgenössische Kritik zwischen Bewunderung für seine Kunst des Plots und Vorbehalten gegen die populäre Ausrichtung, doch sein Einfluss blieb unbestreitbar. Collins zeigte, wie erzählerische Mehrperspektivität, sorgfältige Indiziensetzung und soziale Beobachtung eine neue Form von Spannungsliteratur hervorbringen können. Heute werden Die Frau in Weiß und Der Mondstein weiterhin breit gelesen, adaptiert und erforscht; John Jagos Geist und Blinde Liebe ergänzen das Bild eines Autors, der Recht, Moral und Wahrnehmung literarisch befragt. Sein Vermächtnis wirkt in Kriminalliteratur und Thriller fort, wo die Balance aus Rätsel, Charakter und Evidenz zentral blieb.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Wilkie Collins (1824–1889) schrieb seine wichtigsten Kriminal- und Sensationsromane im Zeitalter des viktorianischen Großbritanniens, einer Periode tiefgreifender rechtlicher, sozialer und imperialer Umbrüche. Die in dieser Sammlung versammelten Werke – „Die Frau in Weiß“ (1859/60), „Der Mondstein“ (1868), „Blinde Liebe“ (postum 1890 von Walter Besant vollendet) und „John Jagos Geist“ (aus den 1870er Jahren) – entstanden über drei Jahrzehnte. Sie spiegeln unterschiedliche Phasen derselben Epoche: von frühen Debatten um bürgerliche Moral und Hausordnung über die Reifezeit des Empire bis zum späten Jahrhundert mit politisierten Fragen wie der „Irish Question“ und transatlantischen Rechtsdiskussionen.

In den 1860er Jahren erlebte Großbritannien den Aufstieg der Sensationsliteratur. Diese mischte häusliches Realismusmilieu mit Elementen des Kriminal- und Skandalromans. Ausgelöst wurde das Genre durch wachsende Presseberichterstattung über Gerichtsverfahren, die Verbreitung erschwinglicher Periodika und ein lesebegieriges städtisches Publikum. Sensationstexte verlagerten das Unheimliche vom Außenraum ins bürgerliche Heim und machten das Alltägliche verdächtig. Collins’ Romane gelten als kanonische Beispiele dieser Bewegung. Sie spielten bewusst mit der Spannung zwischen öffentlichem Skandal und privatem Geheimnis – eine Reaktion auf eine Kultur, in der Neuigkeiten per Telegraph und Eisenbahn in ungekanntem Tempo zirkulierten.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen des viktorianischen Großbritanniens prägten die Stoffe. Vor den Married Women’s Property Acts von 1870 und 1882 unterstanden Vermögen verheirateter Frauen dem Prinzip der Coverture; der Divorce and Matrimonial Causes Act von 1857 verlegte Scheidungen in ein Zivilgericht und machte Ehekonflikte zu öffentlicher Sache. Die Lunacy Acts von 1845 regelten Anstalten, schürten aber zugleich Ängste vor Missbrauch medizinischer Autorität. Diese Konstellation bot Erzählchancen um Identität, Vormundschaft, Erbschaft und Zwang. Collins, juristisch ausgebildet, inszenierte wiederholt die Reibungsflächen zwischen persönlicher Freiheit, institutioneller Macht und der Sprache des Gesetzes.

Parallel professionalisierte sich die Verbrechensbekämpfung. Nach der Gründung der Metropolitan Police 1829 entstand 1842 eine Detektivabteilung, deren Existenz das Bild des Ermittlers in die Öffentlichkeit trug. Der skandalträchtige Road-Hill-Fall 1860 lenkte die Aufmerksamkeit auf kriminalpolizeiliche Methoden und auf die Beobachtungsgabe einzelner Beamter. 1878 wurde die Criminal Investigation Department (CID) etabliert. Vor diesem Hintergrund wirken Collins’ Ermittlerfiguren – darunter der erfahrene Sergeant Cuff – modern: Sie verkörpern die Spannung zwischen rationaler Indizienprüfung, sozialer Hierarchie und einer Öffentlichkeit, die Detektive zugleich bewundert und misstrauisch beäugt.

Die Produktions- und Distributionsweisen des Viktorianischen literarischen Feldes beeinflussten Form und Wirkung. Collins veröffentlichte zentral in Charles Dickens’ Magazin „All the Year Round“, das Seriendruck, Cliffhanger und polyphone Erzählinstanzen begünstigte. Zirkulierende Bibliotheken wie „Mudie’s“ steuerten den Absatz, indem sie Umfang, Themen und vermeintliche Anstößigkeit mitbestimmten. Transatlantische Drucke – etwa in US-Magazinen – verbreiteten die Texte schnell, während bis zum International Copyright Act von 1891 kein voll wirksamer urheberrechtlicher Schutz in den USA bestand. Das Resultat war ein breites, international diversifiziertes Publikum, das die Rezeption maßgeblich prägte.

Die Romane reagieren auf eine Gesellschaft in rasanter Umorganisation. London wuchs zur Millionenmetropole; Eisenbahnen und Dampfschiffe verdichteten Raum und Zeit; der elektrische Telegraph beschleunigte Informationsflüsse. Solche Technologien veränderten Kriminalitätswahrnehmung und Ermittlungspraktiken: Täter konnten schneller fliehen, Nachrichten eilten ihnen voraus. Die häusliche Sphäre – scheinbar Zuflucht der Mittelklasse – war zugleich von Dienstbotenarbeit, Mietverträgen und Nachbarschaftsbeobachtung durchzogen. In dieser halböffentlichen Privatheit florierten Geheimnisse, Gerüchte und Dokumente, die Collins häufig als narrative Beweise – Briefe, Tagebücher, Zeugenaussagen – strukturiert, um die moderne, mediatisierte Welt abzubilden.

Das Britische Empire bildet eine ideelle und materielle Kulisse. Nach dem Aufstand von 1857 folgte 1858 der Government of India Act, der die Herrschaft von der East India Company auf die Krone übertrug. Öffentliche Debatten über koloniale Gewalt, Rechtfertigungen von Herrschaft und die Zirkulation von Luxusgütern prägten die Kultur. Die Obsession mit Edelsteinen, seit der Great Exhibition von 1851 massenmedial verstärkt, verband sich mit Fragen nach Herkunft, Besitz und moralischer Schuld. „Der Mondstein“ steht in kritischer Nachbarschaft zu Diskursen über koloniale Beute, religiöse Symbolik und die Rückwirkungen imperialer Akte auf das britische Mutterland.

Medizinische und wissenschaftliche Entwicklungen lieferten weiteres Material. Laudanum und andere Opioide waren verbreitete Schmerzmittel; der Pharmacy Act von 1868 regulierte den Verkauf stärker, ohne die Alltagsverfügbarkeit völlig zu beenden. Gleichzeitig steckte die Forensik in den Kinderschuhen: Fingerabdrücke wurden in Großbritannien erst 1901 polizeilich eingeführt, fotografische und chemische Verfahren waren im 19. Jahrhundert unzuverlässig. In dieser Unsicherheit erhielten Zeugenaussage, Charakterbeurteilung und ärztliche Expertise großes Gewicht. Parallel erlebten Spiritualismus und Mesmerismus Konjunktur, was die Grenze zwischen rationaler Untersuchung und kulturell akzeptiertem Aberglauben porös erscheinen ließ.

Ein zentrales Motiv ist die Verwaltung von Identität durch Dokumente. Seit 1837 regelt die standesamtliche Registrierung in England und Wales Geburt, Heirat und Tod; spätere Gesetzesverschärfungen in den 1870ern verbesserten die Genauigkeit. Dennoch blieben Spielräume: Passpapiere waren im Binnenverkehr kein Standard, physische Identifizierung beruhte auf Merkmalen, Handschriften und Siegeln. In einer bürokratisierenden Gesellschaft entstanden so zugleich Vertrauen in Akten und Misstrauen gegenüber ihrer Manipulierbarkeit. Collins nutzt dieses Spannungsfeld, um zu zeigen, wie Urkunden, Testamente und Verträge sowohl Schutz als auch Instrument sozialer Kontrolle werden konnten.

Die viktorianische Geschlechterordnung verteilte Rollen über das Ideal der „getrennten Sphären“: Erwerb und Öffentlichkeit für Männer, Häuslichkeit für Frauen. Gleichwohl wuchsen in der zweiten Jahrhunderthälfte Bildungsangebote, Berufsoptionen im begrenzten Rahmen und Kampagnen für Eigentumsrechte verheirateter Frauen. Sensationsromane machten strukturelle Verwundbarkeiten sichtbar – etwa in Fragen der Vormundschaft oder der Kontrolle über Mitgift und Einkommen. „Die Frau in Weiß“ steht exemplarisch für Texte, die rechtliche Grauzonen und medizinische Etikettierungen kritisch ausleuchten, ohne die Normen gänzlich zu verwerfen; das erzeugte Spannung zwischen Fortschrittsdrang und sozialer Konvention.

Die späten 1870er und 1880er Jahre waren von der „Irish Question“ geprägt. Landkrise, Boykottkampagnen und der Land War (1879–82) verschärften Konflikte; 1882 erschütterten die Phoenix-Park-Morde Dublin; die Home-Rule-Bills von 1886 und 1893 dominierten Westminster. Parallel sorgte eine Dynamitkampagne in britischen Städten für Verunsicherung. In dieser Atmosphäre erschienen Romane, die irische Politik, Loyalität und Gewalt thematisierten. „Blinde Liebe“, postum 1890 herausgegeben und von Walter Besant vollendet, spiegelt dieses Klima, indem es zeitgenössische Debatten über politische Bindung, persönliche Verantwortung und die transnationale Verflechtung von Verbrechen und Ideologie aufgreift.

Collins nahm transatlantische Entwicklungen in den Blick. In den 1870er Jahren reiste er in die Vereinigten Staaten; sein Interesse an amerikanischer Rechtskultur findet in „John Jagos Geist“ eine markante Spur. Der Text bezieht sich auf einen realen Justizirrtum des frühen 19. Jahrhunderts in Neuengland, der durch die unerwartete Rückkehr des vermeintlichen Opfers aufgedeckt wurde. Er nutzt die Jurykultur, die Rolle der Presse und die damals begrenzten forensischen Mittel, um die Fallibilität von Zeugenaussagen zu beleuchten. So verknüpft Collins britische Sensationstradition mit spezifisch amerikanischen rechtlichen und medialen Bedingungen.

Die Popularität der Stoffe wurde durch die Bühne verstärkt. Collins schrieb selbst Theaterstücke und sah seine Romane häufig rasch dramatisiert. Das Lizenzsystem unter Aufsicht des Lord Chamberlain strukturierte den Theatermarkt, förderte aber auch melodramatische Formeln – klare Szenen, starke Konflikte, sichtbare Requisiten wie Briefe oder Juwelen. Diese Nähe zur Bühne beeinflusste Collins’ Prosa: Szenen sind häufig bildkräftig, dialog- und situationsorientiert. Bühnenfassungen verbreiteten Themen und Figuren in Schichten, die weniger lasen, und trugen zur kollektiven Imagination krimineller und juristischer Abläufe bei.

Zeitgenössische Reaktionen schwankten zwischen Begeisterung und moralischer Sorge. Zeitschriften wie The Athenaeum oder die Saturday Review diskutierten die Sensationsliteratur als Gefahr für häusliche Tugend, während Verkaufszahlen und Leihbibliotheken etwas anderes signalisierten. Mudie’s Auswahlpolitik – „respektable“ Titel bevorzugend – übte indirekt Zensurdruck aus, ohne Collins’ Erfolg zu brechen. Parallel kommentierte die populäre Presse, inklusive illustrierten Blättern, kriminalistische Themen in einer Mischung aus Aufklärung und Sensationslust. Diese ambivalente Öffentlichkeit gab den Romanen zusätzlichen Resonanzraum, in dem literarische Fiktion und reale Fälle einander spiegelten.

Für die Entwicklung des Detektivromans sind Collins’ Beiträge zentral. Aufbauprinzipien wie Mehrstimmigkeit, dokumentarische Beweisketten und psychologisch nuancierte Nebenfiguren prägten spätere Formen. „Der Mondstein“ wurde im 20. Jahrhundert von Kritikern – darunter T. S. Eliot – als Meilenstein gewürdigt. Zugleich steht Collins in einem internationalen Kontinuum: auf Poe’s Dupin-Geschichten folgten in Frankreich Gaboriaus Romane; in Großbritannien führten die 1880er und 1890er zur Popularität von Sherlock Holmes. Collins’ Texte markieren die Übergangszone vom Sensationsroman zum strukturiert arbeitenden, institutionell gerahmten Detektivnarrativ.

Seit den 1970er Jahren hat die Forschung Collins neu gelesen. Feministische Interpretationen analysieren Eherecht, Vormundschaft und die Pathologisierung weiblicher Autonomie. Postkoloniale Ansätze untersuchen, wie Erzählungen über Edelsteine, Glauben und Schuld koloniale Netzwerke reflektieren. Rechts- und medizinhistorische Studien zeigen, wie die Romane die Autorität von Ärzten, Irrenanstalten und Gerichtssälen prüfen. Transatlantische und medienhistorische Perspektiven ordnen „John Jagos Geist“ in Debatten über Justizirrtum und die Rolle der Presse ein. Editionen und Neuauflagen in akademischen Reihen haben diese Kontexte zugänglich gemacht und interpretatorisch konsolidiert.

Die Sammlung kommentiert ihre Zeit, indem sie die Reibungspunkte der Moderne bündelt: Gesetz und Gefühl, Eigentum und Person, Heim und Öffentlichkeit, Kolonie und Metropole. Sie zeigt, wie britische Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Institutionen professionalisierten und zugleich deren Fehleranfälligkeit wahrnahmen. Spätere Deutungen haben diese doppelte Bewegung – Stabilisierung und Zweifel – zum interpretativen Kern gemacht. So stehen die Romane heute nicht nur als unterhaltsame Krimis, sondern als historische Dokumente einer Kultur, die ihr Vertrauen in Akten, Experten und Imperien aufbaute und zugleich die Schattenseiten dieser Ordnung erzählerisch erkundete.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Sensation und Ermittlungen: Die Frau in Weiß & Der Mondstein

Eine rätselhafte Begegnung und eine gefährliche Eheverschwörung treiben Die Frau in Weiß an: verschachtelte Berichte entrollen ein Netz aus Identitätsverwirrung, Zwang und Überwachung in einem scheinbar sicheren Landhausmilieu. Der Mondstein beginnt mit dem Verschwinden eines kostbaren Diamanten aus einem englischen Haushalt; wechselnde Erzähler und akribische Hinweise führen durch Eifersucht, Täuschung und methodische Ermittlungen. Gemeinsam markieren diese Romane Collins’ Mischung aus Sensationslust und proto-deduktiver Aufklärung, in der häusliche Räume zur Bühne für soziale Kontrolle und verdeckte Begierden werden.

Spätere Variationen von Täuschung und Schuld: Blinde Liebe & John Jagos Geist

In Blinde Liebe verstrickt sich eine junge Frau in die Anziehungskraft eines charismatischen, moralisch zwielichtigen Mannes; die Handlung verfolgt, wie Loyalität, Leidenschaft und Angst Entscheidungen trüben und Grenzüberschreitungen nach sich ziehen. John Jagos Geist setzt auf ein knappes, juristisch gefärbtes Rätsel um ein Verschwinden in ländlicher Umgebung, bei dem Aussagen, Indizien und Vorurteile gefährlich ineinandergreifen. Beide Texte schärfen Collins’ Blick für Obsession, Selbsttäuschung und die Unsicherheit der Beweisführung, wobei psychologischer Druck und soziale Konventionen den Kurs der Ereignisse bestimmen.

Wiederkehrende Themen und Stil

Über die Sammlung hinweg kreist Collins um Identität, Reputation und die Verwundbarkeit von Frauen innerhalb starrer Klassen- und Geschlechterordnungen. Charakteristisch sind multiperspektivische Erzählanlagen, dokumentarische Einsprengsel und ein präzises Taktgefühl für Enthüllungen, das Spannung aus dem Kontrast von Gefühl und Untersuchung gewinnt. Wiederkehrend ist zudem der Schatten äußerer Mächte—Geld, Eigentum, Imperium und Justiz—der intime Beziehungen prägt und moralische Entscheidungen verkompliziert.

Wilkie Collins-Krimis

Hauptinhaltsverzeichnis
Die Frau in Weiß
Der Mondstein
Blinde Liebe
John Jagos Geist

Die Frau in Weiß

Inhaltsverzeichnis
Band I
Band II
Band III
Band IV

Band I

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Aussage Walter Hartright's in Clement's Inn zu London

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Was die Geduld des Weibes zu ertragen fähig ist und die Entschlossenheit des Mannes durchzusetzen vermag, wird diese Erzählung beschreiben.

Wenn man sich darauf verlassen könnte, daß das Auge des Gesetzes jeden verdächtigen Fall ergründete und sein Arm jeden Untersuchungsproceß ohne übertriebenen Beistand des geschmeidig machenden Goldes zu Ende führte, so wären die Ereignisse, welche diese Blätter füllen, durch die Gerichte vor das Tribunal der Oeffentlichkeit gebracht worden.

Aber das Gesetz ist ja noch immer in gewissen unvermeidlichen Fällen der vorhergewonnene Diener des vollen Geldbeutels, und die erste Mittheilung dieser Erzählung blieb daher diesen Blättern vorbehalten. Wie einst der Richter sie hätte hören sollen, so möge jetzt der Leser sie vernehmen. Kein einziger Umstand von Wichtigkeit von Anfang bis zu Ende der Enthüllungen soll nach bloßem Hörensagen mitgetheilt werden.

Soweit Schreiber dieser einleitenden Zeilen (der sich Walter Hartright nennt) zufällig näher mit den zu erzählenden Begebnissen in Verbindung steht, als Andere, wird er dieselben als persönliche Erlebnisse mittheilen. Dort aber, wo seine Erfahrung mangelhaft ist, wird er von der Bühne des Erzählers abtreten, und seine Aufgabe wird an dem Punkte, wo er sie hat fallen lassen, von Personen wieder aufgenommen und fortgesetzt werden, welche über die vorliegenden Umstände nach eigener Erfahrung ebenso genau und bestimmt Bericht erstatten können, als er selbst es vor ihnen gethan.

Auf diese Weise wird die hier mitgetheilte Erzählung von mehr als einer Feder geschrieben werden, sowie ja der Bericht über eine Verletzung der Gesetze im Gerichtshofe auf mehr als einer Aussage beruht – hier wie dort wird dasselbe erreicht, d.h. zu demselben Ende die Wahrheit immer in dem vollsten und hellsten Lichte dargestellt und der Leser in den Stand gesetzt, dem Verlaufe einer vollständigen Reihe von Begebenheiten zu folgen, indem wir die Personen, die am nächsten mit ihnen in Berührung kamen, in den einander folgenden Stadien Wort für Wort ihre eigenen Erlebnisse erzählen lassen.

Zuerst wollen wir Walter Hartright – Zeichenlehrer, achtundzwanzig Jahre alt – vernehmen.

Die Aussage Walter Hartright's in Clement's Inn zu London

Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV

I

Inhaltsverzeichnis

Es war am letzten Julitage. Der lange, heiße Sommer ging zu Ende, und wir müden Pilger des Pflasters von London begannen an die Wolkenschatten auf den Kornfeldern und die Herbstbrisen am Meeresstrande zu denken.

Was mein armes Selbst betrifft, so ließ mich der scheidende Sommer arm an Kräften, arm an Frohsinn und, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, auch arm an Gelde zurück. Ich hatte meinen Erwerb während des verstrichenen Jahres nicht so sorgsam zu Rathe gehalten wie gewöhnlich, und da war es kein Wunder, daß meine Verschwendung mich jetzt in die Lage brachte, den Herbst auf sparsame Weise in meiner Mutter Häuschen in Hamstead und in meinem eigenen Junggesellenquartier in London zuzubringen.

Der Abend, dessen erinnere ich mich noch, war still und der Himmel umzogen; die Luft von London war so schwer, das ferne Summen des Straßenverkehres so schwach wie je; des Lebens kleiner Puls in mir, das große Herz der Stadt um mich her schienen beide gleichzeitig und mit der sinkenden Sonne matter und matter zu werden. Ich legte mein Buch von mir – ich hatte weniger darin gelesen, als vielmehr darüber geträumt – und verließ mein Zimmer, um in die kühle Abendluft der Vorstädte hinaus zu wandern. Es war einer jener Abende, die ich allwöchentlich bei meiner Mutter und Schwester zubrachte, und ich richtete also meine Schritts nordwärts nach Hampstead zu.

Begebenheiten, die ich noch zu erzählen habe, nöthigen mich, hier zu erwähnen, daß mein Vater zu der Zeit, von der ich jetzt schreibe, schon seit einigen Jahren verstorben und daß meine Schwester Sara und ich die einzigen überlebenden von fünf Geschwistern waren. Mein Vater war, wie ich, Zeichenlehrer. Seine Thätigkeit nun in diesem Berufe war im höchsten Grade lohnend für ihn gewesen, und seine zärtliche Besorgnis, die Zukunft Derer zu sichern, die von seinen Arbeiten abhängig waren, hatte ihn vom Augenblicke seiner Verheiratung an veranlaßt, einen weit größeren Theil seines Erwerbs der Versicherung seines Lebens zu widmen, als die meisten Leute für diesen Zweck nöthig erachten. Dieser bewunderungswürdigen Vorsicht und Aufopferung hatten meine Mutter und Schwester es zu danken, daß sie nach seinem Tode ebenso unabhängig von der Welt waren, wie sie es während seiner Lebenszeit gewesen. Ich erbte seine Kundschaft und hatte alle Ursache, für die Aussichten dankbar zu sein, die mich bei meinem Eintritte in's Leben begrüßten.

Das stille Zwielicht zitterte noch auf den Hügeln der Heide, und London war unter mir im Schatten des wolkenumzogenen Nachthimmels in einen schwarzen Abgrund hinabgesunken, als ich vor dem Gartenpförtchen des Häuschens meiner Mutter stand. Ich hatte kaum geschellt, als schon die Hausthür heftig geöffnet wurde; anstatt der Magd erschien mein würdiger italienischer Freund, Professor Pesca, und stürzte mir mit einem gellenden Freudenschrei – einer wahren Parodie auf einen englischen »Cheer« – entgegen.

Um seiner selbst willen und – erlaube man mir hinzuzufügen – auch um meinetwillen verdient der Professor die Auszeichnung einer förmlichen Vorstellung. Machte ihn doch der Zufall zum Ausgangspunkte der seltsamen Familiengeschichte, deren Schilderung sich in diesen Blättern vor uns aufrollen soll.

Ich war mit meinem italienischen Freunde zuerst dadurch bekannt geworden, daß ich ihm in großen Häusern begegnete, wo er in seiner Muttersprache, ich im Zeichnen Unterricht ertheilte. Alles, was ich damals von seiner Lebensgeschichte wußte, war, daß er an der Universität Padua angestellt gewesen, daß er Italien aus politischen Gründen verlassen (welcher Art dieselben gewesen, weigerte er sich, irgend Jemandem mitzutheilen) und daß er seit vielen Jahren als Lehrer seiner Muttersprache anständig beschäftigt sei.

Ohne geradezu ein Zwerg zu sein – denn er war vom Kopfe bis zu den Füßen vollkommen proportionirt – war Pesca, glaube ich, das kleinste menschliche Wesen, das ich je außerhalb einer Schaubude gesehen habe. Durch seine persönliche Erscheinung überall bemerkbar, fiel er auch noch ferner überall, wo er sich bewegte, durch seine harmlose Sonderlingsart auf. Eine vorherrschende Idee nämlich schien bei ihm die zu sein, daß er dem Lande, das ihm eine Zuflucht und seinen Lebensunterhalt gegeben, seine Dankbarkeit beweisen müsse, indem er sein Möglichstes thue, sich zu einem Engländer heranzubilden. Nicht zufrieden damit, der Nation im Allgemeinen dadurch ein Kompliment zu machen, daß er beständig einen Regenschirm, Gamaschen und einen weißen Hut trug, trachtete der Professor auch darnach, in seinen Gewohnheiten und Vergnügungen sowohl, wie in seiner äußeren Erscheinung ein Engländer zu werden. Da er fand, daß wir als Nation uns durch unsere Liebe zu Körperübungen auszeichneten, gab sich der kleine Professor in der Unschuld seines Herzens aus dem Stegreif all unseren englischen Spielen und Vergnügungen hin, wo er nur immer Gelegenheit dazu fand, in der festen Ueberzeugung, daß er durch Willenskraft sich ebensogut unsere Leibesübungen aneignen könnte als unsere nationalen Gamaschen und unseren nationalen weißen Hut.

Ich hatte ihn auf der Fuchsjagd und beim Cricket (Schlagball-)Spiele blindlings sein Leben in die Schanze schlagen sehen, und bald darauf sah ich ihn ebenso blindlings sein Leben in der See bei Brighton auf's Spiel setzen.

Wir hatten einander dort durch Zufall getroffen und gingen zusammen zum Baden. Wären wir mit einer nur meinem Volke eigenen Körperübung beschäftigt gewesen, so hätte ich natürlich sorgfältig nach Pesca gesehen; da aber andere Nationen sich meist ebensogut im Wasser zu bewegen verstehen wie wir Engländer, so fiel es mir keinen Augenblick ein, daß die Schwimmkunst zu der Liste jener männlichen Körperübungen gehören könne, die der Professor auf eigene Hand lernen zu können glaubte.

Bald nachdem wir Beide das Ufer verlassen, hielt ich im Schwimmen inne, da ich fand, daß mein Freund mich nicht einholte, und wandte mich nach ihm um. Zu meinem Erstaunen und Entsetzen sah ich zwischen mir und dem Strande nichts als zwei kleine weiße Arme, die einen Augenblick über dem Wasser hin und her schlugen und dann verschwanden. Als ich an derselben Stelle hinuntertauchte, lag der kleine Mann ruhig zusammengerollt in einer Höhlung des Ufergesteines und sah nun merklich kleiner aus, als ich ihn je zuvor gesehen hatte. Während ich ihn an's Land trug – ein Zeitraum von wenigen Minuten – kam er in der frischen Luft wieder zum Leben zurück, und unter meinem Beistande gelang es ihm, die Stufen der Badekabine hinanzugehen. Mit seiner theilweisen Wiederherstellung kehrte ihm auch seine wunderbare Selbsttäuschung in Bezug auf das Schwimmen wieder zurück. Sobald er mit seinen klappernden Zähnen wieder sprechen konnte, lächelte er gedankenlos und meinte, es müsse ein Krampf gewesen sein.

Sobald er sich vollkommen wieder erholt und am Strande zu mir gesellt hatte, brach seine warme, südliche Natur augenblicklich durch alle künstliche, englische Zurückhaltung. Er überschüttete mich mit den wildesten Ausdrücken von Zuneigung – erklärte leidenschaftlich in seiner ausschweifenden italienischen Weise, daß sein Leben hinfort mir geweiht sei und daß er nicht eher glücklich sein werde, als bis er Gelegenheit gefunden, mir zum Beweise seiner Dankbarkeit einen Dienst zu leisten, den ich meinerseits bis an's Ende meines Lebens nicht werde vergessen können. Ich that mein Möglichstes, dem Strome seiner Thränen und Beteuerungen Einhalt zu thun, indem ich das ganze Abenteuer von der heiteren Seite aufnahm, und es gelang mir endlich, wie ich mir einbildete, Pesca's überschwängliche Dankbarkeit gegen mich zu mäßigen.

Ich ahnte damals – und auch später, als unsere angenehmen Ferientage in Brighton zu Ende gingen – freilich nicht, daß die Gelegenheit, mir zu dienen, nach der mein dankbarer Freund sich so feurig sehnte, so bald kommen sollte; daß er sie dann augenblicklich so eifrig ergreifen und dadurch den ganzen Lauf meines Lebens in einen neuen Canal leiten und mein Wesen so verändern würde, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte.

Und doch war dem so. Wäre ich nicht nach Professor Pesca untergetaucht, als er in seinem Steinbette unter dem Wasser lag, so wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie zu der Geschichte in Beziehung gekommen, welche diese Blätter erzählen werden – so hätte ich vielleicht nie auch nur den Namen des Weibes gehört, das seitdem in allen meinen Gedanken gelebt, dem alle meine Thatkräfte gehören, das der eine leitende Einfluß geworden, welchem mein ganzes Leben folgt.

II

Inhaltsverzeichnis

Pesca's Gesicht und Benehmen, als wir an jenem Abende am Gartenpförtchen meiner Mutter einander gegenüberstanden, genügten vollkommen, um mir zu sagen, daß sich irgend etwas Außergewöhnliches zugetragen habe. Es war indessen ganz nutzlos, augenblickliche Aufklärung von ihm zu fordern. Ich konnte nur, während er mich bei beiden Händen in's Haus zog, vermuthen, daß er, mit meinen Gewohnheiten vertraut, jenen Abend, um mich sicher zu treffen, dort hinausgekommen, und daß er nur irgend eine Neuigkeit von ungewöhnlich angenehmer Beschaffenheit mitzutheilen habe.

Wir stürzten Beide sehr plötzlich und in einer die gute Sitte verletzenden Weise in's Zimmer. Meine Mutter saß lachend und sich fächelnd am offenen Fenster. Pesca war ein besonderer Liebling von ihr, und seine wildesten, excentrischesten Streiche waren in ihren Augen immer verzeihlich. Arme, liebe Seele! vom ersten Augenblicke an, wo sie entdeckte, daß der kleine Professor ihrem Sohne zugethan, öffnete sie ihm ohne allen Rückhalt ihr Herz, fand sich in alle seine sonderbaren ausländischen Eigenthümlichkeiten, ohne auch nur zu versuchen, eine einzige von ihnen zu verstehen.

Meine Schwester Sara schloß sich trotz ihrer Jugend seltsamerweise bei Weitem schwerer an. Sie ließ Pesca's herrlichen Gemüthsanlagen alle Gerechtigkeit widerfahren, aber sie konnte seine Eigenthümlichkeiten nicht so unbedingt, wie meine Mutter, um meinetwillen hinnehmen. Bei ihren echt insularischen Begriffen von Schicklichkeit empörte sie sich fortwährend gegen Pesca's angeborene Verachtung äußerer Sitten, und sie war immer mehr oder weniger unverhohlen erstaunt über die Vertraulichkeit ihrer Mutter mit dem excentrischen kleinen Ausländer.

Ich habe nicht allein bei meiner Schwester, sondern auch bei Anderen die Bemerkung gemacht, daß wir von der jüngeren Generation lange nicht so herzlich und empfänglich sind wie unsere Eltern. Ich sehe oft alte Leute in der Erwartung irgend eines in Aussicht stehenden Vergnügens aufgeregt und bewegt, während ihre ruhigen Enkel ungerührt bleiben. Es fragt sich wirklich, ob wir wohl ebenso natürlich in unserer Knaben- und Mädchenzeit waren, wie unsere Großeltern zu ihren Zeiten gewesen sein mögen. Hat der große Fortgang in der Erziehung etwa einen zu langen Schritt gethan, oder sind wir nicht etwa in diesen modernen Tagen ein klein wenig zu wohlerzogen?

Ohne zu versuchen, diese Fragen mit Bestimmtheit zu beantworten, darf ich wenigstens berichten, daß ich meine Mutter und Schwester nie zusammen in Pesca's Gesellschaft sah, ohne die erstere für die jüngere von Beiden zu halten. Heute zum Beispiel lachte meine Mutter herzlich über die knabenhafte Manier, in der wir in's Zimmer stürzten, während Sara mit gestörter Gemüthsruhe die Scherben einer zerbrochenen Theetasse vom Boden aufnahm, die der Professor in seinem eiligen Laufe nach der Thür mir entgegen niedergeworfen hatte.

»Ich weiß wirklich nicht, was sich noch ereignet hätte, Walter, wärst du noch langer ausgeblieben,« sagte meine Mutter, »Pesca ist halb wahnsinnig geworden vor Ungeduld, und ich vor Neugierde. Der Professor hat irgend eine wunderbare Neuigkeit mitgebracht, die, wie er sagt, dich betrifft, und er war grausam genug, uns auch nicht die kleinste Andeutung davon geben zu wollen, ehe sein Freund Walter käme.«

»Sehr ärgerlich, es macht das Service unvollständig,« murmelte Sara vor sich hin, indem sie trauernd wie ein in's weibliche übersetzter Marius auf die Trümmer der zerbrochenen Tasse schaute.

Unterdessen schleppte Pesca in seliger Unkenntnis des unverbesserlichen Schadens, den seine Hände angerichtet, einen großen Lehnstuhl zum anderen Ende des Zimmers, um uns alle Drei übersehen zu können, wie ein öffentlicher Redner seine Zuhörer überschaut. Nachdem er die Rückseite des Stuhles uns zugedreht, sprang er hinein und redete höchst aufgeregt aus dieser improvisirten Kanzel seine kleine Gemeinde von Dreien an.

»Jetzt, meine guten Lieben,« begann Pesca (der stets »guten Lieben« sagte, wenn er »meine lieben Freunde« meinte), »hört mir zu. Die Zeit ist gekommen – ich erzähle meine gute Neuigkeit – ich spreche endlich.«

»Hört, hört!« rief meine Mutter – wie ein Unterhausmitglied – auf den Scherz eingehend.

»Das Nächste, was er zerbrechen wird, Mama,« flüsterte Sara, »wird der Rücken unseres besten Lehnstuhles sein.«

»Ich gehe in meinem Leben um ein wenig zurück und richte meine Rede an das edelste aller erschaffenen Wesen,« fuhr Pesca fort, indem er über den Stuhl hinweg heftig meine unwürdige Wenigkeit apostrophirte, »der mich todt (durch Krampf) am Boden des Meeres fand und mich wieder in die Höhe zog; und was sagte ich, als ich wieder in's Leben und in meine eigenen Kleider zurückkehrte?«

»Weit mehr, als nothwendig war,« entgegnete ich so verdrießlich wie möglich, denn die geringste Ermuthigung in Bezug auf diesen Gegenstand diente nur dazu, daß sich des Professors Gemüthsbewegung in eine Thränenfluth auflöste.

»Ich sagte,« fuhr Pesca beharrlich fort, »daß mein Leben hinfort meinem lieben Freunde Walter gehöre – und das thut es. Ich sagte, daß ich nie wieder glücklich sein werde, bis ich irgend ein gutes Etwas für Walter gethan – und ich bin nie zufrieden mit mir gewesen, bis auf den heutigen, gesegneten Tag. Jetzt,« schrie der begeisterte, kleine Mann aus vollem Halse, »jetzt dringt nur das überströmende Glück wie Schweiß aus jeder Pore meiner Haut; denn bei meiner Treue, meiner Seele, meiner Ehre, dieses Etwas ist endlich geschehen, und das einzige Wort, das uns zu sagen übrig bleibt, ist: richtig-Alles-richtig!«

Es dürfte vielleicht nothwendig sein, hier zu wiederholen, daß Pesca sich etwas darauf zugute that, in seiner Sprache sowohl wie in seiner Kleidung, seinen Manieren und Vergnügungen ein vollkommener Engländer zu sein. Da er einige unserer gebräuchlichsten Redensarten aufgegriffen, streute er sie in seine Unterhaltung ein, wie sie ihm eben einfielen, indem er sie in der Freude seines Herzens an ihrem Klange und seiner allgemeinen Unwissenheit über ihre Bedeutung in nach eigener Erfindung zusammengesetzten, auch wohl wiederholten Wörtern von sich gab und sie dabei ineinander laufen ließ, als ob sie aus einer einzigen langen Silbe beständen.

»Unter den stolzen Häusern Londons, in denen ich die Sprache meines Vaterlandes lehre,« sagte der Professor, indem er ohne ein Wort weiterer Vorrede sich mitten in die so lange von ihm verschobene Erklärung stürzte, »ist ein mächtig vornehmes auf dem großen Platze, genannt Portland. Ihr wißt Alle, wo das ist? Ja, ja, steht-versteht-sich. Das vornehme Haus, meine guten Lieben, beherbergt eine vornehme Familie. Eine Mama, die blond und stark ist; drei junge Misses, die blond und stark sind; zwei junge Misters, die blond und stark sind, und ein Papa, der blondeste und stärkste von Allen, der, ein mächtiger Kaufmann, bis an den Hals in Gold steckt – einst ein schöner Mann, doch – da er jetzt einen nackten Kopf und ein Doppelkinn besitzt – gegenwärtig nicht mehr schön. Jetzt gebt Acht! Ich lese mit den jungen Misses den göttlichen Dante, und ach! Güte-du-meine-Güte! – keine menschliche Sprache vermag zu sagen, wie sehr der göttliche Dante die drei hübschen Köpfe verwirrt! Einerlei – Alles zu seiner Zeit – und je mehr Stunden, desto besser für mich. Jetzt gebt Acht! Stellt Euch vor, daß ich die drei jungen Misses heute, wie gewöhnlich, unterrichte, wir sind alle viere unten zusammen in Dante's Hölle. Beim siebenten Kreise – aber einerlei: den drei blonden und starken jungen Misses sind alle Kreise gleich – beim siebenten Kreise dessenungeachtet bleiben meine Schülerinnen stecken; und ich, um sie wieder in Gang zu bringen, declamire, erkläre und rede mich in unnützer Begeisterung in die glühendste Hitze hinein, als – da hört man einen Stiefel knarren draußen im Corridor, und herein tritt der goldene Papa, der mächtige Kaufmann und glückliche Besitzer des nackten Kopfes und des doppelten Kinnes. – Ja! meine guten Lieben, ich bin der Sache jetzt näher, als ihr glaubt. Habt ihr so lange Geduld gehabt? oder habt ihr zu euch selbst gesagt: Teufel – zum – Teufel! Pesca ist heute Abend langweilig?« Wir erklärten, daß er uns im höchsten Grade unterhalten habe. Der Professor fuhr fort:

»In seiner Hand hält der goldene Papa einen Brief, und nachdem er sich entschuldigt, daß er uns in unseren höllischen Regionen mit gewöhnlichen Tagesangelegenheiten störe, wendet er sich zu den drei jungen Misses, beginnt, wie ihr Engländer Alles, was ihr in dieser gesegneten Welt Zu sagen habt, beginnt mit einem großen O. ›O, meine Lieben,‹ sagte der mächtige Kaufmann, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde Mr...... Wohlgeboren‹ (der Name ist mir entfallen, doch einerlei, wir werden darauf zurückkommen; ja, ja – richtig-Alles-richtig). Also der Papa sagt, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde, dem besagten Wohlgeboren, er wünscht, daß ich ihm einen Zeichenlehrer empfehle, der zu ihm auf sein Landhaus kommen kann.‹ Güte – du – meine – Güte! Als ich den goldenen Papa diese Worte sagen hörte, hätte ich, wenn ich groß genug gewesen wäre, um zu ihm hinaufzureichen, seinen Hals mit meinen Armen umschlungen und ihn in einer langen, dankbaren Umarmung an meine Brust gedrückt! So aber zuckte ich nur auf meinem Stuhle zusammen. Ich saß auf Kohlen, und meine Seele brannte zu sprechen, aber ich hielt den Mund und ließ den Papa fortfahren. ›Vielleicht wißt ihr,‹ sagt dieser gute Mann des Geldes, indem er seines Freundes Brief zwischen seinem goldenen Daumen und Zeigefinger hin und her dreht, ›vielleicht kennt ihr einen Zeichenlehrer, meine Lieben, den ich empfehlen könnte.‹ Die drei jungen Misses sehen einander an und sagen dann (indem sie mit dem unvermeidlichen großen O anfangen): ›O nein, Papa! aber da ist Mr. Pesca – .‹ Bei dieser Erwähnung meiner kann ich nicht länger an mich halten – der Gedanke an euch, meine guten Lieben, steigt mir wie Blut in den Kopf – ich springe von meinem Stuhle, wie wenn plötzlich ein Speer aus dem Boden durch den Sitz desselben emporgefahren wäre – ich wende mich zu dem mächtigen Kaufmann und sage (englische Redensart): Lieber Herr, ich habe Ihren Mann! den ersten, allerersten Zeichenlehrer der Welt. Empfehlen Sie ihn heute Abend mit der Post und schicken Sie ihn morgen mit Sack und Pack (wieder eine englische Redensart) mit dem Zuge ab! ›Halt, halt,‹ sagt der Papa, ›ist er ein Ausländer oder ein Engländer?‹

Engländer bis ins Rückenmark, entgegnete ich. ›Respectabel?‹ sagt Papa. Sir! sage ich (denn diese letzte Frage empört mich sehr und ich bin nicht länger vertraulich mit ihm), Sir! das unsterbliche Feuer des Genies brennt im Busen dieses Engländers, und was noch mehr ist, sein Vater besaß es schon vor ihm. ›Einerlei,‹ sagt dieser goldene Barbar von einem Papa, wir sprechen nicht von seinem Genie, Mr. Pesca. Wir verlangen in diesem Lande kein Genie, wenn es nicht zugleich auch respectabel ist – dann aber freuen wir uns sehr, es zu besitzen, sehr. Kann Ihr Freund Zeugnisse beibringen – Briefe, die seinen Charakter verbürgen?‹ Ich mache eine nachlässige Handbewegung. Briefe? sage ich. Ja! Güte-du-meine-Güte! Das wollt' ich meinen, wahrlich! Bände von Briefen und Portfolios voller Zeugnisse, wenn Sie es wünschen? ›Eins oder zweie werden genügen,‹ sagt dieser Mann des Geldes und des Phlegmas. ›Lassen Sie ihn mir dieselben zuschicken, mit Angabe seines Namens und seiner Adresse. Und halt, halt, Mr. Pesca – ehe Sie zu Ihrem Freunde gehen, nehmen Sie lieber ein Billet mit.‹ Cassenbillet! sage ich entrüstet. Kein Cassenbillet, bis mein braver Engländer es verdient hat, wenn ich bitten darf. ›Cassenbillet!‹ sagt Papa in großem Erstaunen; ›wer spricht denn von Cassenbilleten? Ich meine ein Billet, enthaltend die Bedingungen – ein Memorandum von dem, was man von ihm verlangt. Fahren Sie in Ihrem Unterrichte fort, Mr. Pesca, und unterdessen will ich Ihnen den nothwendigen Auszug aus meines Freundes Briefe machen.‹ Der Mann der Waaren und des Geldes geht und nimmt Feder, Tinte und Papier zur Hand, und ich steige wieder in Dante's Hölle hinab und meine drei jungen Misses mir nach. In zehn Minuten ist das Billet geschrieben, und Papas Stiefel knarren wieder den Corridor entlang. Von diesem Augenblicke an weiß ich bei meiner Treue, meiner Seele und Ehre weiter nichts. Der herrliche Gedanke, daß ich endlich Gelegenheit gefunden, mich meinem theuersten Freunde in der Welt erkenntlich zu erweisen, und daß der Dienst bereits so gut wie schon geleistet ist, steigt mir zu Kopfe und macht mich trunken. Wie ich mich und meine jungen Misses wieder aus den höllischen Regionen heraufziehe, wie ich dann meine übrigen Geschäfte abmache und wie mein bißchen Mittagessen in meinen Hals hinabgleitet, weiß ich ebensowenig wie der Mann im Monde. Genug, ich bin hier, mit dem Billet des mächtigen Kaufmannes in der Hand, in Lebensgröße, heiß wie Feuer und froh wie ein König! Ha! ha! ha! richtig-Alles-richtig-richtig!« Hier schwenkte der Professor das Memorandum der Bedingungen über seinem Kopfe und endete seine lange, geläufige Rede mit seiner gellenden italienischen Parodie eines englischen »Cheers«.

Sobald er geendet, erhob sich meine Mutter mit gerötheten Wangen und glänzenden Augen. Sie ergriff beide Hände des kleinen Mannes.

»Mein lieber, guter Pesca,« sagte sie, »ich zweifelte nie an Ihrer wahren Zuneigung für Walter – jetzt aber bin ich mehr als je davon überzeugt!«

»Gewiß, wir sind Professor Pesca um Walters willen sehr dankbar,« fügte Sara hinzu. Sie erhob sich halb von ihrem Sitze, wie sie sprach, als ob sie ebenfalls an den Lehnstuhl treten wollte; sowie sie aber gewahr wurde, daß Pesca voller Entzücken meiner Mutter Hände küßte, blickte sie ganz ernst und blieb an ihrem Platze. »Wenn der familiäre kleine Mensch meine Mutter schon so behandelt, wie würde er da erst mich behandeln?« Gesichter sprechen zuweilen die Wahrheit, und das war ohne alle Frage Saras Gedanke, als sie sich wieder setzte.

Obgleich ich selbst die Herzensgüte in Pesca's Beweggründen dankbar anerkannte, so war ich doch über die Aussicht auf künftige Beschäftigung lange nicht so erfreut, als ich hätte sein sollen. Sobald der Professor mit den Händen meiner Mutter fertig war und ich ihm für sein Verwenden zu meinen Gunsten herzlich gedankt hatte, bat ich, das Memorandum über die Bedingungen sehen zu dürfen, das sein achtungswerther Beschützer zu meiner Durchsicht aufgesetzt hatte.

Pesca überreichte es mir mit einem triumphirenden Schwenken der Hand.

»Lies!« sagte der kleine Mann majestätisch. »Ich verspreche dir, mein Freund, daß das Schreiben des goldenen Papas wie mit Trompetenschall für sich selber redet.«

Das Memorandum war jedenfalls deutlich, offen und verständlich. Es unterrichtete mich –

Erstens, daß Frederik Fairlie, Esquire, zu Limmeridge House, Cumberland, während eines Zeitraumes von wenigstens vier Monaten der Dienste eines durchaus tüchtigen Zeichenlehrers bedürfe.

Zweitens, daß die Pflichten, welche dem Lehrer obliegen würden, zweierlei seien. Er sollte den Unterricht zweier junger Damen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei beaufsichtigen und dann seine Mußezeit dazu verwenden, eine werthvolle Sammlung von Zeichnungen, die ganz in Unordnung und vernachlässigt war, zu ordnen und aufzukleben.

Drittens, daß das Honorar, welches Demjenigen geboten werde, der sich diesen Pflichten gewissenhaft zu unterziehen anheischig mache, vier Guineen wöchentlich sei; daß er in Limmeridge House wohnen und dort wie ein Gentleman behandelt werden solle.

Viertens und letztens, daß Niemand sich um diese Stelle zu bemühen brauche, der nicht die untadeligsten Ausweise über Charakter und Fähigkeiten beibringen könne. Diese Ausweise solle man Mr. Fairlie's Freunde einsenden, der bevollmächtigt sei, das Uebereinkommen abzuschließen. Dann folgten noch Name und Adresse von Pesca's Gönner auf dem Portlandplatze – und damit endete das Memorandum.

Die Aussicht, welche dieses Anerbieten darbot, war allerdings eine anziehende – die Beschäftigung aller Wahrscheinlichkeit nach leicht und angenehm; sie wurde mir in der Herbstzeit des Jahres vorgeschlagen, wo ich am wenigsten zu thun hatte, und das Honorar war nach meinen persönlichen Erfahrungen in meinem Berufe außerordentlich anständig. Ich wußte dies; ich wußte, daß ich Ursache haben würde, mich glücklich zu schätzen, falls ich mir die angebotene Beschäftigung sicherte – und dennoch hatte ich kaum das Memorandum gelesen, als ich schon eine unerklärliche Unlust verspürte, irgend etwas in der Sache zu thun. Ich hatte noch nie in allen meinen früheren Erfahrungen meine Pflicht und meine Neigung sich so in mir streiten gefühlt, als bei dieser Gelegenheit.

»O Walter, dein Vater hat nie ein solches Glück gehabt!« sagte meine Mutter, nachdem sie das Memorandum gelesen und mir zurückgehändigt hatte.

»Solche vornehme Leute kennen zu lernen!« bemerkte Sara, sich auf ihrem Stuhle aufrichtend – »noch dazu unter so angenehmen Verhältnissen der Gleichheit!«

»Ja, ja; die Bedingungen sind in jeder Beziehung verführerisch genug,« erwiderte ich ungeduldig. »Aber he ich meine Zeugnisse einsende, möchte ich ein wenig Zeit haben, um zu überlegen –«

»Ueberlegen!« rief meine Mutter aus. »Ei, Walter, was ist mit dir?«

»Ueberlegen!« rief meine Schwester aus. »Welch eine sonderbare Idee unter so günstigen Umständen!«

»Ueberlegen!« stimmte der Professor ein. »was ist da weiter zu überlegen? Beantworte mir dies! Hast du nicht über deine Gesundheit geklagt und hast du dich nicht nach einem Schlucke Landluft gesehnt, wie du es nennst? Nun! das Papier da in deiner Hand bietet dir unausgesetzte Schlucke Landluft für vier Monate. Ist dem nicht so? Ja? Dann – du brauchst Geld. Nun! Sind vier Guineen die Woche gar nichts? Meine-Güte-du-meine-Güte. Gebe sie nur Einer mir – und meine Stiefel sollen, wie die des goldenen Papas, mit einem Bewußtsein des überwältigenden Reichthums des Mannes, der in ihnen geht, knarren! Vier Guineen die Woche, und was noch mehr ist, die reizende Gesellschaft zweier junger Misses; und was noch mehr ist, dein Bett, dein Frühstück, dein Mittagsessen, deine üppigen englischen Thees und Gabelfrühstücke und dein schäumendes Bier, alles umsonst – wie, Walter, mein lieber, guter Freund – Teufel-zum-Teufel! – zum ersten Male in meinem Leben habe ich nicht Augen genug im Kopfe, um dich anzusehen und mich über dich Zu verwundern!«

Weder meiner Mutter offenbares Erstaunen über mein Betragen noch Pesca's eifrige Aufzählung der Vortheile, welche mir die neue Beschäftigung in Aussicht stellte, erschütterten meine scheinbar ungerechtfertigte Abneigung, nach Limmeridge House zu gehen. Nachdem ich alle kleinlichen Einwendungen aufgeworfen, die ich nur gegen meine Reise nach Cumberland erdenken konnte, und nachdem mir dieselben der Reihe nach zu meiner eigenen Niederlage beantwortet waren, versuchte ich, ein letztes Hindernis mit der Frage aufzurichten, was aus meinen Schülern in London werden sollte, während ich Mr. Fairlie's junge Damen nach der Natur zeichnen lehrte. Die einleuchtende Antwort hierauf war, daß der größere Theil derselben auf ihren Herbstreisen sein werde, und die wenigen, die dableiben würden, der Obhut eines Collegen anvertraut werden könnten, dem ich seine Schüler einst unter ähnlichen Verhältnissen abgenommen hatte. Meine Schwester erinnerte mich daran, daß dieser Herr nur ausdrücklich für diese Saison seine Dienste angeboten, falls ich die Hauptstadt zu verlassen wünschte; meine Mutter bat mich ernstlich, doch nicht meine eigenen Interessen und meine Gesundheit durch eine einfältige Grille zu gefährden, und Pesca flehte mich in jammervollen Tönen an, ihm nicht bis in's innerste Herz weh' zu thun, indem ich das erste dankbare Dienstanerbieten ausschlüge, das er dem Freunde und Lebensretter zu machen im Stande gewesen.

Die offenbare Liebe, welche diese Vorstellungen eingab, hätte auf jeden Mann Eindruck gemacht, der nur ein Atom von richtigem Gefühle besaß. Obgleich ich meine unbegreifliche Wunderlichkeit nicht überwinden konnte, so hatte ich doch wenigstens so viel Tugend in mir, mich jenes Vorurtheils zu schämen und die Erörterung damit zu enden, daß ich nachgab und Alles Zu thun versprach, was man von mir verlangte. Der Rest des Abends verging dann fröhlich genug unter heiteren Zukunftsplänen und Muthmaßungen über meine Stellung bei den jungen Damen in Cumberland. Pesca, von unserem nationalen Grog begeistert, der ihm auf wunderbare Weise, fünf Minuten, nachdem er seine Kehle hinunter gegangen, zu Kopf zu steigen schien, behauptete seine Ansprüche, als ein vollkommener Engländer angesehen zu werden, indem er in schneller Aufeinanderfolge eine Reihe von Reden hielt; die Gesundheit meiner Mutter ausbrachte, die meiner Schwester, die meinige und zusammen die Gesundheit von Mr. Fairlie und den beiden jungen Misses; worauf er gleich hinterher für die ganze Gesellschaft eine pathetische Dankesrede hielt.

»Ein Geheimnis, Walter,« sagte mein kleiner Freund vertraulich, als wir zusammen nach Hause gingen. »Ein Geheimnis sei dir vertraut. Ich glühe bei der Erinnerung an meine Beredsamkeit. Meine Seele vergeht vor Ehrgeiz. Eines Tages werde ich in euer edles Parlament eintreten. Es ist der Traum meines ganzen Lebens, der »Ehrenwerthe Pesca M. P« (Mitglied des Parlaments) zu werden!«

Am folgenden Morgen sandte ich des Professors Patrone auf dem Portlandplatze meine Zeugnisse ein. Drei Tage vergingen, und ich schloß daraus mit geheimer Genugthuung, daß meine Papiere nicht ausreichend genug befunden worden. Am vierten Tage kam jedoch eine Antwort. Dieselbe kündigte mir an, daß Mr. Fairlie meine Dienste annehme und mich ersuche, augenblicklich nach Cumberland aufzubrechen. Alle nothwendigen Instructionen betreffs meiner Reise waren sorgfältig und deutlich in einem Postscriptum beigefügt.

Ich traf ziemlich mißmuthig meine Vorbereitungen, früh am folgenden Tage London zu verlassen. Gegen Abend kam Pesca, im Begriffe in sine Mittagsgesellschaft zu gehen, zu mir, um mir Lebewohl zu sagen.

»Ich werde meine Thränen während deiner Abwesenheit mit dem schönen Gedanken trocknen,«, sagte er fröhlich, »daß es meine Hand war, die deinem Glücke in dieser Welt den ersten Schub vorwärts gegeben hat. Geh', mein Freund. Wenn deine Sonne in Cumberland scheint (englisches Sprichwort), da mache ja dein Heu, um's Himmels willen. Heirate eine der beiden jungen Misses, erbe die fetten Güter Fairlie's, werde Ehrenwerther Hartright M. P., und wenn du auf der obersten Stufe der Leiter angelangt bist, erinnere dich, daß Pesca, der unten steht, dir zu dem Allen verholfen hat!«

Ich versuchte, mit meinem kleinen Freunde über seinen Abschiedsscherz zu lachen, aber ich konnte meine üble Laune nicht bemeistern. Etwas in mir schlug einen fast schmerzlichen Mißton an, während er seine heiteren Abschiedsworte sprach.

Als ich wieder allein war, blieb mir nichts zu thun übrig, als nach dem Häuschen in Hamstead zu gehen und meiner Mutter und Schwester Lebewohl zu sagen.

III

Inhaltsverzeichnis

Die Hitze war den ganzen Tag über sehr drückend gewesen, auch der Abend war noch heiß und schwül.

Meine Mutter und Schwester hatten so viele letzte Worte zu sagen gehabt und mich so oft gebeten, noch fünf Minuten langer zu bleiben, daß es beinahe Mitternacht war, als die Magd das Gartenthor hinter mir schloß. Ich that ein paar Schritte auf dem kürzesten Wege nach London zu, dann stand ich still und zögerte.

Der Mond stand groß und voll an dem dunkelblauen, sternenlosen Himmel, und die hügelige Heide sah in dem geheimnisvollen Lichte wild genug aus, daß sie Hunderte von Meilen von der Stadt hätte entfernt sein können, die weiter abwärts lag. Ich konnte mich nicht überwinden, eher als durchaus nothwendig, zu der Hitze und trüben Luft von London zurückzukehren. Die Aussicht, in meine dumpfigen Zimmer schlafen zu gehen, und die, allmälig zu ersticken, schienen mir bei meinem unruhigen Körper- und Gemüthszustande gleichbedeutend. Ich beschloß, durch die reinere Luft auf dem weitesten Umwege, den ich nur machen konnte, heimzuschlendern; den weißen sich hin und her schlängelnden Pfaden, die über die einsame Heide hinliefen, zu folgen und durch die am freiesten liegende Vorstadt von London dorthin zurückzukehren, indem ich den weg von Finchley einschlug und so in der Frische des neuen Morgens auf der Westseite des Regent's Park anlangte. Ich wanderte langsam auf der Heide dahin, im Genusse der himmlischen Stille und voll Bewunderung der sanften Abwechslungen von Licht und Schatten, wie sie einander rund um mich her auf der hügeligen Haide folgten. Solange ich bei diesem ersten und hübschesten Theil meines Nachtspazierganges war, blieb mein Geist für die Eindrücke des Anblickes passiv empfänglich; ich dachte nur wenig an irgend einen Gegenstand – ja, was meine Gefühle betrifft, so dachte ich eigentlich gar nicht.

Als ich aber die Heide verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen hatte, wo es weniger zu sehen gab, zogen die Gedanken, welche die kommende Veränderung in meinen Gewohnheiten und Beschäftigungen natürlicherweise hervorriefen, mehr und mehr meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf sich. Als ich am Ende des Weges anlangte, war ich vollkommen in meine phantastischen Visionen von Limmeridge House, Mr. Fairlie und den beiden jungen Damen vertieft, deren Uebungen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei ich so bald beaufsichtigen sollte.

Ich war jetzt an der Stelle angekommen, wo vier Wege einander begegnen – der Weg nach Hampstead, auf dem ich zurückgekehrt war, der Weg nach Finchley, der nach West-End und der nach London. Ich hatte mechanisch den letzteren eingeschlagen und schlenderte langsam die Landstraße entlang – in unnützen Muthmaßungen, wie ich mich entsinne, über das Aussehen der jungen Damen in Cumberland – als in einem einzigen Augenblicke jeder Tropfen Blutes in meinem Körper durch die Berührung einer Hand, die leicht und plötzlich von hinten auf meine Schulter gelegt wurde, erstarrte.

Ich wandte mich schnell um, indem meine Finger sich fest um meinen Stock schlossen.

Da, in der Mitte des breiten, hellen Weges – da, als ob sie soeben aus dem Erdboden entsprungen oder vom Himmel gefallen wäre – stand die Gestalt einer einsamen Frau von Kopf bis zu Füßen in weißen Kleidern, ihr Gesicht in ernster Frage zu dem meinigen gewendet und mit der Hand auf die dunkle Wolke deutend, die über London hing.

Ich war über die seltsame Erscheinung, die so plötzlich in der tiefen Nacht an dieser einsamen Stelle vor mich hingetreten war, zu sehr erschrocken, um sie zu fragen, was sie verlange. Sie sprach zuerst.

»Ist das der Weg nach London?« sagte sie.

Ich sah sie aufmerksam an, als sie diese sonderbare Frage that. Es war jetzt beinahe ein Uhr. Alles, was ich deutlich im Mondlichte unterscheiden konnte, war ein farbloses, junges Gesicht, mager und spitz um Kinn und Wangen; große, ernste, sehnsüchtig aufmerksame Augen; nervöse, zuckende Lippen und helles Haar von lichter, braungelber Farbe. Es lag nichts Wildes, nichts Unbescheidenes in ihrer Manier; dieselbe war ruhig und gefaßt, ein wenig melancholisch und hatte einen kleinen Anflug von Argwohn; nicht gerade die Manieren einer Dame und doch auch nicht die einer Frau aus der niedrigsten Classe. Die Stimme, so wenig ich auch bis jetzt davon gehört, hatte etwas seltsam Stilles und Mechanisches in ihren Tönen, und ihre Sprache war außerordentlich schnell. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand, und ihre Kleidung – Hut, Shawl und Kleid, alles weiß – war, soviel ich dies beurtheilen konnte, gewiß nicht von sehr zartem oder theuerem Stoffe. Ihre Figur war schlank und etwas über die mittlere Größe – ihr Gang und ihre Bewegungen frei von der geringsten Übertreibung. Dies war Alles, was ich in dem matten Lichte und unter den verwirrend seltsamen Umständen unseres Begegnens von ihr sehen konnte, welch eine Art von Frauenzimmer sie war und wie sie dazu kam, eine Stunde nach Mitternacht ganz allein auf der Landstraße zu sein, war mir rein unmöglich zu errathen. Das Einzige, wovon ich mich überzeugt fühlte, war, daß selbst der roheste Mensch und trotz der verdächtig späten Stunde und jener verdächtig einsamen Stelle ihren Beweggrund, zu mir zu sprechen, nicht hätte mißdeuten können.

»Haben Sie mich gehört?« sagte sie, noch immer leidenschaftslos, aber schnell und ohne die geringste Gereiztheit oder Ungeduld. »Ich frug sie, ob das der weg nach London sei.«

»Ja,« erwiderte ich, »das ist der Weg, er führt nach St. John's Wood und Regent's Park. Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Ihnen nicht schneller antwortete. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte mich etwas, und ich kann mir dasselbe auch jetzt durchaus noch nicht erklären.«

»Sie beargwöhnen mich doch wohl nicht, daß ich irgend etwas Unrechtes begehe, wie? Ich habe nichts Unrechtes begangen. Ich habe ein Unglück gehabt – ich bin sehr unglücklich, so spät hier allein zu sein, warum haben Sie mich im Verdacht, etwas Unrechtes gethan zu haben?«

Sie sprach mit unnöthiger Eindringlichkeit und Bewegung und zog sich mehrere Schritte von mir zurück. Ich that mein Möglichstes, sie wieder zu beruhigen.

»Ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich daran denken könnte, einen Verdacht gegen Sie oder irgend etwas Anderes zu hegen, als den Wunsch, Ihnen nützlich zu sein, wenn ich kann. Ich erstaunte nur über Ihr Erscheinen auf der Landstraße, weil mir dieselbe einen Augenblick vorher völlig leer geschienen.«

Sie wandte sich um und deutete auf eine Stelle, wo der Weg nach London mit dem nach Hampstead zusammentraf und wo eine Oeffnung in der Hecke war.

»Ich hörte Sie kommen,« sagte sie, »und verbarg mich dort, um zu sehen, welch eine Art von Mann Sie seien, ehe ich es wagte, zu Ihnen zu sprechen. Ich zweifelte und fürchtete, bis Sie vorbeigegangen waren, und dann war ich genöthigt, hinter Ihnen herzuschleichen und Sie zu berühren.«

»Hinter mir herschleichen und mich berühren? warum nicht mich anrufen? Seltsam, um mich gelinde auszudrücken!«

»Darf ich Ihnen trauen?« fragte sie, »Sie denken nicht schlechter von mir, weil ich ein Unglück gehabt habe, wie?« Sie schwieg in Verwirrung, indem sie ihre Tasche aus einer Hand in die andere nahm, und seufzte bitterlich.

Die Einsamkeit und Hilflosigkeit der Frau rührte mich tief. Der natürliche Antrieb, ihr zu helfen und sie schonend zu behandeln, siegte über das Urtheil, die Vorsicht und den weltlichen Takt, den ein älterer, weiserer und kälterer Mann in dieser seltsamen Lage Zu Hilfe gerufen hätte.

»Für jeden harmlosen Zweck dürfen Sie mir vertrauen,« sagte ich. »Falls es Sie betrübt, mir Ihre seltsame Lage zu erklären, so sprechen Sie nicht weiter davon. Ich habe kein Recht, Erklärungen von Ihnen zu fordern. Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann; wenn es mir möglich ist, will ich es thun.«