Winterbucht - Mats Wahl - E-Book

Winterbucht E-Book

Mats Wahl

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Beschreibung

Was ist Liebe? Seit John-John sich in Elisabeth verliebt hat, fühlt sich das Leben nach einer Chance an. Mit ihr kann John-John seinen verhassten Stiefvater vergessen und einen Neuanfang wagen. Doch die Diebstähle und kleinen Einbrüche, die er mit seinem Freund Fighter begangen hat, kann er nicht rückgängig machen. Als Elisabeth von seiner Vergangenheit erfährt und davon, wie er sie hintergangen hat, will sie nichts mehr von ihm wissen. Wenig später schließt sich Fighter einer Gruppe Rechtsradikaler an. In John-John erwacht der Kämpfer: Er will Elisabeth und seinen Freund zurückgewinnen.

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Seitenzahl: 414

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Mats Wahl

Winterbucht

Roman

Aus dem Schwedischen von Maike Dörries

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

1

O Brüder & Schwestern, habt ihr schon mal was von der Winterbucht gehört? Die Wogen und das Wasser zwischen Aspudden und Bromma, die Wellen, Brüder & Schwestern, der Wellenschlag am Ufer, das Klirren der Steine am Strand, das Rauschen des Windes im Schilf und ein flatterndes Segel an einem Hochsommertag?

Schwestern & Brüder, habt ihr Essinge gesehen? Die Hochbrücke, die über das Wasser führt, habt ihr Björnholmen und Kärsön gesehen und die Segelboote, die mit vollen Segeln von Bromma herübergesegelt kommen? O Brüder, o Schwestern! Es gibt so vieles, was ihr nicht wisst, so vieles, was ihr nie gesehen habt!

 

»Sprichst du mit dir selbst?«, fragt Fighter, während er genüsslich in der Nase popelt.

Ich antworte nicht, weil ich viel zu sehr von einem Boot in Anspruch genommen bin, das mit vollen Segeln auf unseren Felsen in der Winterbucht zuhält.

»Lass das lieber«, sagt Fighter. »Ich kannte mal einen, der ist von einem Eiswagen übergemangelt worden, weil er mit sich selbst gesprochen hat, anstatt aufzupassen.«

Fighter begutachtet einen gigantischen Popel, der an seiner Fingerspitze klebt, und schnippt ihn mit einem Zug leidenschaftlicher Verachtung um den Mund in Richtung Segelboot.

»Aber vielleicht ist das ja halb so wild für jemanden, der Schauspieler wird«, sagt er und gräbt weiter in der Nase. »Vielleicht bringen sie euch in der Schule ja bei, wie man gleichzeitig mit sich selbst sprechen und einen Zebrastreifen überqueren kann, ohne überfahren zu werden.«

Das Segelboot gleitet dicht am Ufer entlang. Es ist bestimmt zwölf Meter lang und hat ein monströses verzinktes Steuerrad. Der Mann hinterm Steuer trägt weiße Bermudashorts und einen blauen, kurzärmeligen Pulli. Gegen die Sonne trägt er eine Sonnenbrille und eine schneeweiße Schirmmütze. Er ist braun gebrannt und sieht extrem cool aus. Sein Rasierwasser ist bis hierher zu riechen, obwohl er mindestens fünfundzwanzig Meter entfernt ist. So kommt es mir wenigstens vor, cool, wie er ist.

Er ist von drei flotten Bräuten umringt, ungefähr in meinem Alter und alle drei in minimalsten Bikinihosen und ohne Oberteil.

Fighter hat mit der Popelei aufgehört und sich den Mädchen zugewendet.

»Hierher!«, rufe ich, als das Boot zu einer Halse ansetzt. Einen kurzen Augenblick flattern die Segel schlaff im Wind, bevor das Boot wieder Fahrt aufnimmt. Eins der Mädchen schaut zu uns herüber und winkt uns zu.

»Hierher!«, rufe ich ihr hinterher. Der coole Typ in den Shorts bewegt nicht einmal den Kopf. Die anderen beiden Mädchen sind wie wild am Kurbeln.

»Es riecht nach Mösen!«, grölt Fighter und erhebt sich. Das Boot verschwindet in Richtung Bromma.

»Warum wohnen bloß alle tollen Weiber auf der anderen Seite?«, fragt Fighter ganz verzweifelt und setzt sich wieder hin.

»Weil sie Kohle haben«, antworte ich ihm. »Bei denen gibt’s schon zum Frühstück Steaks, Kartoffelbrei aus der Tüte ist denen vollkommen unbekannt, und Tomaten und Erdbeeren gibt es den ganzen Winter über.«

»Ein Boot müsste man haben«, seufzt Fighter. »Dann könnte man einfach zur anderen Seite rüberpaddeln. Dann bräuchten wir auch nicht mehr hier hocken und uns das Hirn in der Sonne weich kochen lassen.«

»Schau mal«, sagt er gleich darauf und zeigt mit seinem Popelfinger aufs Wasser hinaus. »Da kommt deine süße Schwester.«

Es stimmt, was er sagt. Zwischen den Wellen zeigt sich ein strohblonder Kopf mit gerader Nase, ein breiter Mund und ein Stück sonnenbrauner Schulter.

»Ein echter Leckerbissen, dein Schwesterlein«, sagt Fighter und bohrt zur Abwechslung mal im anderen Nasenloch.

»Sie kann Leute nicht ausstehen, die sich das Hirn auskratzen und Stück für Stück aus der Nase ziehen«, sage ich und stehe auf.

»Ein Boot müsste man haben«, wiederholt Fighter und winkt Lena mit einem Popel am Zeigefinger zu. Der Popel könnte einen Bombenalarm auslösen, wenn man ihn in Packpapier verpackt am Bahnhof liegen lassen würde.

»Ich will ein Boot!«, brüllt Fighter einem Surfer entgegen. Der kriegt richtig Schiss und düst in seinem wespenfarbenen Surfanzug in Richtung Essinge davon.

Lena ist am Fuß unseres Felsens angelangt und sucht mit Händen und Füßen Halt in den Spalten und Vorsprüngen im Stein. Wie der erste Mensch entsteigt sie mit wippenden Brüsten und flatterndem Haar den Fluten des Mälaren.

»Ganz schön weit bist du geschwommen«, sagt Fighter.

Lena legt ihr Haar über die linke Schulter und wringt es aus.

»Findest du?«

»Viel zu weit bei dieser Hitze. Wie schaffst du das bloß?«

Lena lacht.

»Warum liegst du auch die ganze Zeit auf dem Trockenen. Du solltest mal ins Wasser springen, dann würde es dir gleich besser gehen. Es ist nicht mehr als neunzehn, höchstens zwanzig Grad warm.«

»Ich hasse Schwimmen«, sagt Fighter. »Kennst du vielleicht jemanden, der ein Boot hat?«

»Ein Boot?«, fragt Lena. »Nein, ich kenne niemanden mit Boot.«

Lena ist in ihren roten Rock gestiegen und fährt sich mit einem Kamm, groß wie ein Rechen, ein paar Mal durchs Haar. Sie schüttelt den Kopf, und Fighter bekommt ein paar Wassertropfen ab.

»Pfui Teufel«, schreit er und schüttelt sich.

»Gehst du nach Hause?«, frage ich meine süßeste Schwester und beste Freundin.

»Ja«, sagt sie.

»Grüß den Scheißhaufen.«

»Irgendwas Besonderes vorgefallen?«

»Bestell ihm, dass bei dieser Hitze die Scheißhaufen verwesen.«

Lena verdreht die Augen und zieht einen Pulli über den Kopf, schlüpft in ihre Sandalen und trocknet sich das Gesicht ab.

»Soll ich das Handtuch hierlassen?«, fragt sie.

»Lass rüberwachsen«, sage ich.

Sie wirft es lachend zu mir herüber.

»Wir sehen uns. Grüß Oma von mir.«

»Natürlich«, sage ich.

»Vergiss nicht, dass du Montag Schule hast.«

Sie lächelt mich an und legt ihre süße Stirn in Falten.

»Bist du auch ganz sicher, dass du niemanden mit Boot kennst?«, nervt Fighter.

»Ciao!« Lena winkt, schnappt ihre geflochtene Basttasche und verschwindet über die Felsen.

Fighter glotzt ihr hinterher, wie er jedem menschlichen Wesen hinterherglotzt, das in seiner Kindheit mit Puppen gespielt hat.

»Verdammt schnuckelig«, sagt er und seufzt.

Und damit hat er auch schon wieder seinen Finger in der Nase und sucht seine Stirnhöhle nach Popeln ab.

Ein noch größeres Segelboot als vorhin kommt auf unseren Felsen zu, mindestens fünfzehn Meter lang. Zwei alte Knacker brüten auf der Sitzbank. Sie tragen weiße Shorts und weiße Schirmmützen mit großen Abzeichen. Sie sind braun gebrannt nach diesem Sommer, in dem es so viel Sonne gegeben hat wie schon seit Menschengedenken nicht mehr. Direkt vor unserer Nase macht das Boot eine Halse und hält auf das andere Ufer zu.

»Was kostet so ein Teil wohl?«, fragt Fighter.

»Zwei Millionen.«

»Woher haben die bloß so viel Knete?«

»Die sind eben clever.«

»Wir etwa nicht?«

»Clever?«

»Ja?«

»Vielleicht später mal.«

Fighter sieht seine Riesenhände an.

»Meinst du, dass es clever ist, Schlachter zu werden?«

»Verdammt clever«, sage ich. »Zwischen Fleisch und Würsten liegt das dicke Geld begraben.«

»Schwarze Schweine und schwarze Würste. Meinst du, dass man damit Geld machen und sich so ein Teil leisten kann?«

Er zeigt auf das Segelboot.

»Na klar«, sage ich.

»Du bist auf alle Fälle cleverer«, sagt er. »Wirst Schauspieler. Ich hab mal von einer gehört, die kassiert hundertfünfzigtausend am Tag nur dafür, dass sie sich ein paar neue Klamotten überzieht und sich fotografieren lässt.«

»Das ist keine Schauspielerin, das ist ein Fotomodell. Ein Schauspieler spielt Theater oder macht Filme. Ein Schauspieler zieht keine geliehenen Klamotten an.«

»Müssen Schauspieler eigene Klamotten haben?«

»Nee, aber Schauspieler und Modelle sind auf keinen Fall das Gleiche. Ein Modell ist ein Kleiderständer. Ein Schauspieler ist was völlig anderes.«

»Und was?« Dem Tonfall seiner Stimme ist anzumerken, dass er es wirklich wissen will.

»Was völlig anderes eben. Der gleiche Unterschied wie zwischen uns und einem dieser Kerle auf dem Segelboot.«

Er sieht mich wie ein großes Fragezeichen an.

»Kapiert?«, frage ich.

»Na klar«, sagt er. »Klar hab ich das kapiert.«

2

Süßeste Schwestern!

Warum seid ihr immer auf der anderen Seite? Warum liegt immer irgendeine Art Ozean zwischen uns? Warum muss man sich immer so verdammt anstrengen, um zu euch auf die andere Seite zu kommen? Warum seid ihr immer woanders als wir? Warum muss man sich wie ein Tier abrackern, um zu euch zu kommen?

 

 

Als wir in Aspudden am Sportplatz vorbeikommen, ist die Hitze kaum noch zu ertragen. Außer uns scheinen sich alle in ihren vier Wänden aufzuhalten.

Es ist, als ob die Stadt sich zur Ruhe begeben hätte. Die Menschen sind verstummt und liegen nackt und mit einem Eiswürfel zwischen den Zähnen auf ihren Betten. Da liegen sie und schnappen hinter heruntergelassenen Rollos und Jalousien nach Luft.

In der Stenkilsgatan steht ein Audi mit einem sonnenblumenfarbenen Zweierkajak auf dem Gepäckdach. Wir schlendern ganz zufällig auf dem Weg zur U-Bahn daran vorbei.

Fighter bleibt wie angewurzelt stehen.

Der Audi ist das einzige Auto in der Stenkilsgatan. Es steht dort wie verlassen. Keine Menschenseele weit und breit. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Das Kajak ist mit einem Seil auf dem Dach festgezurrt, das nicht viel dicker als ein Bindfaden ist. Fighter befühlt es mit einer Hand. Er legt den Kopf schräg, sieht erst das Kajak an und dann mich. Die Ruder sind extra befestigt.

Schnapp.

Das Messer in Fighters Hand. Ein Schnitt hier, ein Schnitt da, ein Schnitt an den Rudern.

Schnapp.

Wir rennen mit dem Kajak zwischen uns. Fighter hält ein Ruder, ich das andere. Wir rasen zur Winterbucht zurück. Fighter läuft vor mir.

»Wir haben ein Boot!«

Unten angekommen schmeißen wir das Kajak ins Wasser, stellen uns an die Längsseite und versuchen einzusteigen. Das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht, aber ich schaffe es schließlich doch, allerdings nicht, ohne mich vorher so richtig schön nass gemacht zu haben. Fighter grölt vor Lachen und zwängt seinen beachtlichen Körper in das hintere Loch.

»Auf geht’s«, lässt er sich von hinten vernehmen.

Gleichzeitig setzen wir die Ruder rechts ins Wasser, und es schießt, nur durch die Kraft unserer Arme, wie ein goldener Pfeil aufs Wasser hinaus.

»Yippie!«, schreit Fighter mir in den Nacken. »Yippie, wir haben ein Boot!«

Von Aspudden bis nach Brommaland auf der anderen Seite sind es nicht mehr als achthundert Meter, und bevor wir überhaupt das andere Ufer erreicht haben, landen wir auch schon mitten in einer Gruppe Mädchen, die im Wasser stehen und einen Tennisball hin und her werfen. Ich halte direkt auf sie zu.

»Wo wollt ihr hin?«, ruft uns eine richtig süße Fünfzehnjährige zu. Sie hat ihr Haar mit einem roten Haarband über dem Kopf zusammengebunden. Eins der älteren Mädchen, ohne Bikinioberteil, hält das Kajak am vorderen Ende fest. Eine Kleine, die nicht älter als elf sein kann, wirft mir den Tennisball zu. Ich fange ihn mit links aus der Luft und werfe ihn zurück. Schräg hinter uns streckt ein Mädchen seine Hand nach Fighter aus, aber er achtet gar nicht darauf, sondern äußert sich stattdessen besorgt, dass das Mädchen vorne doch aufpassen soll, damit sie uns nicht zum Kentern bringt.

»Was würde dann passieren?«, fragt sie und hievt sich auf das vordere Ende, sodass es ganz im Wasser verschwindet.

Sie hat diese Bräune, die schon drei Zentimeter unter der Haut anfängt. Der Tennisball fliegt mir an den Kopf, und die Elfjährige lacht.

»Wo wollt ihr hin?«, prustet die Süße.

»Wir trainieren fürs Mälarrennen«, sage ich.

»Wollt ihr gar nicht baden?«, ruft die Elfjährige und zielt wieder nach meinem Schädel. Diesmal trifft sie mich am Ohr. Es tut nicht schlecht weh, der Ball ist nämlich noch ziemlich neu und zottelig und hat sich mit Wasser vollgesogen und ist schwer und glitschig.

Ich versuche, den Ball zu fangen, aber es klappt nicht.

Das Mädchen neben Fighter hebt sich plötzlich aus dem Wasser.

»Sie will uns kippen!«, brüllt Fighter, lässt sein Ruder auf der rechten Seite ins Wasser und stößt sich ab. Ich mache das Gleiche, und dem Mädchen am vorderen Ende bleibt nichts anderes übrig, als loszulassen.

Mit ein paar schnellen Schlägen haben wir uns in Sicherheit gebracht. Wir lassen die Ruder ruhig hängen, und ich wende das Kajak, damit wir die Mädchen wieder im Blick haben. Die vier liegen auf dem Wasser und winken uns hinterher.

»Kommt zurück!«

Fighter lacht, wir setzen die Ruder ins Wasser und wollen gerade zu den Nixen von Bromma zurückkehren, als ein Motorboot ziemlich nah am Ufer um die Landzunge gerast kommt. Es hat ein Tempo drauf, neben dem jedes Feuerwehrauto im Einsatz wie eine verdammt lahme Schnecke wirkt. Das Teil scheint einen halben Meter über der Wasseroberfläche zu schweben. Die Windschutzscheibe ist schwarz, und das Boot ist sicher seine acht Meter lang und rast mit affenartiger Geschwindigkeit in Richtung Königinnenbrücke und Hässelbystrand an uns vorbei.

Aber bevor sie an der Königinnenbrücke vorbeifliegen und in Hässelbystrand ankommen, müssen sie noch an den vier Mädchen vorbei, die im Kreis im Wasser schwimmen und mit dem Ball werfen.

Ich sehe, dass die mit dem Pferdeschwanz sich mit einem Schwimmzug in Sicherheit zu bringen versucht. Dann ist das Boot auch schon vorbei und hinterlässt eine weiße, schäumende Linie.

Der Pferdeschwanz schreit.

»Patricia! Patricia!«

Sie hält sich mit einer Hand am Kajak fest. Das Mädchen ohne Bikinioberteil krallt sich an der anderen Seite fest, danach auch die Dritte.

»Patricia!«, schreit die mit dem Pferdeschwanz. Ihre Augen sind zwei tiefe schwarze Brunnen. Der gelbe Ball schwappt in ein paar Meter Entfernung auf dem Wasser.

Ich zwänge mich aus der Sitzmulde und bringe unser Gefährt zum Kentern, mache ein paar Schwimmzüge auf den Ball zu und tauche. Je tiefer ich komme, desto kälter wird es. Unter Wasser höre ich Motorengeräusch näher kommen.

Da sehe ich sie. Sie liegt direkt unter der Oberfläche, mit aufgelöstem Haar, die Arme nach vorne gestreckt und die Beine leicht gespreizt, als ob sie schwimmen würde. Aber sie bewegt sich nicht. Der Körper liegt ganz still.

Sie ist direkt über mir, ich kann das Sonnenlicht durch ihre Haare schimmern sehen. Ich fasse sie und ziehe sie an die Oberfläche. Fünf Meter entfernt schwankt das Kajak mit den Mädchen und Fighter. Ein Ruderboot mit Außenborder und zwei Männern liegt neben ihnen.

»Hilfe!«, rufe ich. Die Jungen im Ruderboot drehen sich zu mir um und sehen, dass ich den Kopf der Elfjährigen nur mit Mühe über Wasser halten kann.

Sie kommen herübergefahren und ziehen das Mädchen an den Armen ins Boot. Ich klettre hinterher. Der eine hat sie mit dem Bauch über die Ruderbank gelegt und drückt ihr mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter. Ihr läuft Wasser aus der Nase und dem Mund. Danach legt er sie auf den Boden, legt seinen Mund auf ihren, hält ihr die Nase zu und bläst.

Sie schlägt die Augen auf!

Als das Ruderboot auf den Sand aufläuft, hat sich schon ein Haufen aufgeregter Leute am Strand versammelt.

Ich nehme das Mädchen auf den Arm und gehe mit ihr an Land.

Ihr Körper ist knochig, sie wiegt fast nichts. Eine Frau mit blau-weiß gepunktetem Bikini und extrem breitem und geschminktem Mund versucht sich schreiend einen Weg durch die Ansammlung zu bahnen.

»Patricia!«, ruft sie. »Patricia!«

Ich lege das Mädchen auf den heißen Sand. Die Frau im gepunkteten Bikini fällt auf die Knie. Eine andere kommt dazu.

»Ich bin Ärztin!«

Sie setzt sich neben das Mädchen und fragt sie nach ihrem Namen, während sie ihren Puls fühlt.

»Patricia«, antwortet sie, und ihre Lippen haben etwas von aufgeweichter Seife. Jemand hat eine Decke geholt. Die Mutter weint und schmeißt sich über ihre Tochter.

Das Mädchen schlägt die Arme um ihren Hals. Die angebliche Ärztin steht auf.

»Mit der Kleinen ist alles in Ordnung. Sie hat einen leichten Schock bekommen, aber sie wird sich schnell erholen.«

Der gelbe Tennisball fällt neben dem Mädchen in den Sand. Sie sieht zuerst den Ball an und dann Fighter.

»Dein Ball«, sagt er.

Das Mädchen lächelt mit bleichen Lippen und lehnt sich an die Schulter ihrer Mutter. Ein Mann, der auf der Brust wie ein überalterter Pudel aussieht, drängt sich durch die Menschen und fällt neben der Frau und dem Kind auf die Knie.

»Was ist passiert?«

»Sie hat einen Schock«, sagt die Ärztin. »Nichts Gefährliches. Sie braucht bloß ein wenig Ruhe.«

Der Mann dreht sich um.

»Hat jemand gesehen, was passiert ist?«

Hinter mir steht einer der Männer aus dem Ruderboot. Er zeigt auf mich.

»Er ist getaucht und hat sie hochgeholt.«

Die Mutter sieht hoch, erst zu mir, dann zu dem Mann mit der Pudelbrust. Die Tränen laufen ihr über den Mund.

»Du musst ihm etwas geben, Frank!«

3

Schwestern, ach Schwestern, wie sehr sehne ich mich nach euch in den Nächten, wenn ich einsam bin mit mir und meiner Geilheit! Wie sehne ich mich nach euren Körpern, ihr weichen Schwestern mit dem wiegenden Gang und den lockenden Gliedern. Ich strecke meine Arme nach euch aus und flüstere euren Namen, immer wieder.

O Schwestern, ich sehne mich so sehr nach euch, dass ich am Tage und in der Nacht brenne. Das ist meine Sehnsucht – ein verzehrendes Feuer.

 

Frank fährt, und ich sitze neben ihm. Auf der Rückbank drängeln sich Patricia, ihre Mutter und Fighter. Sie brabbelt ununterbrochen was von ihrem kleinen Mädchen, das wie durch ein Wunder aus der Tiefe emporgezogen wurde.

Frank biegt schließlich in eine Einfahrt ein und bremst vor einem weiß verputzten, zweistöckigen Steinhaus. Es liegt so hoch, dass man von dort Ausblick über den ganzen Mälaren hat. Man kann Essinge und die Winterbucht sehen und auf der anderen Seite Björnholmen und Fågelön. Frank geht uns voran durch die Haustür.

Die Mutter wiederholt laufend, was für ein Glück Patricia doch gehabt habe, dass sie nicht den Propeller ins Gesicht bekommen hat.

Hinter der ersten Tür liegt ein Vorflur, in dem sich eine weitere Tür mit Codealarm befindet. Frank gibt vier Zahlen ein und öffnet danach die Sicherheitstür mit einem Schlüssel von einem monströsen Schlüsselbund.

»Bitte schön«, sagt er und hält mir und Fighter die Tür auf.

Frank führt uns in einen Raum mit Glaswänden und Ausblick über den Mälaren. An den Wänden hängen riesige Gemälde, die aussehen, als ob sie von einem dreijährigen Kind gemalt worden wären. Es gibt zwei Sitzgruppen und einen Kamin, der so groß ist, dass man ein Zelt darin aufschlagen könnte. Frank schiebt die Glastüren auf, und Patricia legt sich auf eins der Sofas.

»Tretet ein«, sagt Frank und zeigt mit einer Geste über den Mälaren, als ob ihm das alles samt Aussicht gehören würde. Fighter tritt vor mir auf die Veranda hinaus, auf der Gartenmöbel stehen. Eine grün-weiße Markise sorgt für Schatten über den Türen, und ein paar Meter weiter liegt ein großer Swimmingpool.

Frank steht noch im Wohnzimmer. Fighter spielt mit einem Kugelschreiber, der auf einem der Tische liegt.

»Was für eine Aussicht«, sagt er und schreibt irgendetwas in die linke Handfläche. Er legt den Kugelschreiber zurück und grinst mich an.

Frank erscheint in der Verandatür.

»Vielleicht sollten wir lieber hier drinnen bleiben, Patricia möchte gerne auf dem Sofa liegen.«

Also begeben wir uns wieder nach drinnen. Patricia liegt mit dem Kopf auf dem Schoß ihrer Mutter. Frank hat vier kleine Gläser auf ein Silbertablett gestellt und hält es uns entgegen.

»Ein Glas Sherry gefällig?«

»Gerne«, sagt Fighter und lächelt erst Frank, dann Patricia und ihre Mutter an. Ich nehme auch ein Glas. Frank geht mit dem Tablett zum Sofa hinüber und bietet Patricias Mutter ein Glas an.

»Willst du irgendetwas haben?«, fragt er Patricia, aber sie schüttelt den Kopf.

Frank stellt das Tablett weg.

»Dann mal Prost, Jungs.«

Er hebt sein Glas und prostet uns zu, und wir nippen alle am Sherry. Außer Fighter, der ihn in einem einzigen Zug runterstürzt.

»Süß und gut«, sagt er, grinst Frank an und stellt sein Glas auf den Tisch.

Frank öffnet die Schublade eines Schreibtisches, der in einer Zeit hergestellt worden zu sein scheint, in der es noch Petroleumlampen gab.

Er zieht einen gesangbuchdicken Stapel Scheine aus der Schublade, von denen er zwei kleinere Stapel abnimmt. Den Rest schiebt er zurück in die Schublade. Danach kommt er auf mich zu und hält mir ein Bündel Scheine entgegen. Er duftet schwach nach irgendeinem Rasierwasser oder so.

»Ich danke dir, John«, sagt er.

»John-John«, sage ich.

»Ach ja. John-John. Gäbe es ein paar mehr von deiner Sorte in diesem Land, würde nicht alles zur Hölle gehen.«

Er streckt eine Hand aus, die auf der Oberseite stark behaart ist. Sein Handschlag ist fest und warm. Das gefällt mir. Und besonders gefällt mir seine Art, wie er mir das Geldbündel in die Hand drückt.

Ich bedanke mich und mache einen Diener.

Dann wendet Frank sich an Fighter und gibt ihm einen ähnlichen Packen Scheine.

Plötzlich geht die Außentür. Leichte Schritte auf dem Boden. Ein Mädchen mit gewaltiger Haarmähne betritt den Raum. Ihre Haare reichen ihr fast bis an den Hintern. Sie hat einen Erdbeermund und Zähne wie Zuckerstücke, lächelnde Augen und einen Körper, wie man ihn auf allen Plakaten der Stadt sehen kann, die für Unterwäsche werben. Sie trägt ein dünnes Baumwollkleid mit breiten roten und weißen Streifen und hält eine Sonnenbrille in der Hand.

»Hallo«, sagt sie, und man sieht ihr aus zehn Kilometer Entfernung an, dass sie zu gerne wissen würde, was so jemand wie Fighter in der Millionenvilla ihrer Eltern zu suchen hat.

Patricia springt aus dem Sofa hoch und fliegt ihr um den Hals.

»Elisabeth, ich wäre fast ertrunken! John-John ist hinterhergetaucht und hat mich gerettet.«

Sie dreht sich um und zeigt mit ihrem kleinen Finger auf mich, der dünner als ein Bleistift und so kurz wie ein Zahnstocher ist.

Die, die Elisabeth heißt, wuschelt Patricia durchs Haar und drückt sie an sich. Dann kneift sie die Augen zusammen und begutachtet mich. Sie legt den Kopf ein wenig schräg und nimmt mich genau unter die Lupe, während Patricia erzählt.

»Wir haben mit dem Ball gespielt, vor den Bojen.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du auf der anderen Seite der Bojen nicht schwimmen darfst«, unterbricht Patricias Mutter sie und hält Frank ihr leeres Sherryglas entgegen.

»Ich und Louise und Nille und Eva Dannefalk. Wir haben mit dem Ball gespielt, und dann sind John-John und Fighter in ihrem Kanu vorbeigekommen. Sie haben gehalten und sind dann weitergefahren, und dann kam das Motorboot. Ich habe gesehen, wie es direkt auf mich zugerast ist, und dann bin ich ohnmächtig geworden. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis ich im Ruderboot lag, nachdem John-John hinter mir hergetaucht war und mich hochgezogen hat.«

»Wir haben ganz gewaltiges Glück gehabt«, sagt Frank und schenkt Fighter Sherry nach. Fighter verbeugt sich und schluckt den Inhalt hinunter, wie ein Hund ein Stück Gehacktes verschlingen würde.

Elisabeth drückt Patricias Kopf an ihren Bauch und tätschelt ihr mit der Hand, in der sie die Sonnenbrille hält, die Wange. Dabei sieht sie mich die ganze Zeit an, und ich halte ihren Blick fest.

»Fahren wir eigentlich zu Oma?«, fragt sie.

»Ach, stimmt ja«, sagt Frank. »Meinst du, dass du das schaffst, Patricia?«

Sie nickt. Frank sieht seine Frau an und dann Elisabeth.

»Also, dann fahren wir.«

»Wann?«, fragt Elisabeth, immer noch Patricias Wange tätschelnd.

Frank schaut auf eine Armbanduhr, für die man sich auch einen Kleinwagen leisten könnte.

»So in einer halben Stunde.«

»Aber wir bleiben doch nicht über Nacht, oder?«, fragt Franks Frau.

»Nein, ein andermal«, sagt Frank.

»Ich will aber über Nacht bleiben«, sagt Patricia. »Ich will mit Lisbeth in der Spielhütte schlafen.«

Elisabeth wuschelt unermüdlich in Patricias Haar und sieht mich unverwandt an. Mit ihrem Blick könnte man verschlossene Türen öffnen, und in ihren Augen ist eine Glut, die mich ganz weich in den Knien werden lässt. Sie geht zum Tisch hinüber, an dem ihre Mutter sitzt, öffnet eine versilberte Schachtel und nimmt sich eine Zigarette. Sie steckt sie zwischen die Lippen und zündet sie mit einem Feuerzeug an, das neben der Schachtel steht. Sie bläst ihrer Mutter Rauch ins Gesicht und geht zur Verandatür. Dort bleibt sie stehen und schaut, an den Türrahmen gelehnt, über den Mälaren. Das Licht fällt durch den dünnen Baumwollstoff, und man kann die Konturen ihres Körpers sehen.

»Raucht ihr beiden?«, fragt Frank.

Fighter und ich schütteln den Kopf.

»Kann ich noch etwas für euch tun?«, fragt er schließlich.

»Sie könnten uns zum Solviksbad zurückfahren«, sage ich.

Während ich das sage, dreht Elisabeth sich um und sieht mich an. Eine Haarsträhne ist über ihr Gesicht gefallen, und sie schiebt sie zur Seite. Dann bläst sie mir eine enorme Rauchwolke entgegen und geht ganz auf die Veranda hinaus.

4

Liebste Schwestern! Ihr wisst nicht, was ihr mit euch herumtragt. Ihr wisst nicht, wie ich euch sehe. Ihr wisst nicht, wie sehr ich mich nach euren wiegenden Körpern sehne. Ihr wisst nichts von all dem, was in mir ist, die brennende Sehnsucht und die verzehrenden Träume. Ihr seid ahnungslos, Schwestern, ihr seid ahnungslos, welche Grausamkeit in euren Körpern wohnt. Ihr wisst nichts von meiner Geilheit und meiner Sehnsucht, Schwestern! Und noch weniger wisst ihr von meiner Lust.

 

Frank steigt aus, schüttelt uns die Hand und bedankt sich nochmals. Fighter und ich gehen zum Gatter hinunter, und Frank fährt in seine Villa zurück.

Ich nehme die Scheine aus der Tasche und zähle.

»Tausendfünfhundert Kronen!«

Fighter grinst und hält mir seine linke Pranke vor die Nase. In seiner Handfläche stehen vier Zahlen in hellblauer Kugelschreiberschrift. Er spreizt die Finger.

»Was steht da?«

»Sechsundzwanzig einundneunzig.«

Fighter nickt. Wir gehen zum Wasser runter.

»Der Code für die Alarmanlage«, sagt er grinsend.

»Du bist nicht ganz dicht.«

»Die Tür knacken wir mit Hammer und Meißel.«

»Du bist verrückt!«

Er stellt sich vor mich und schaut mir in die Augen.

»Köpfchen muss man haben, John-John. So wie die alten Knacker in ihren Segelbooten. Kapierst du? Sie werden erst spätabends wiederkommen. Vielleicht erst nachts. Wir besorgen jetzt, was wir dafür brauchen, und dann verschaffen wir uns Eintritt und holen den Rest des Geldbündels.«

»Wir können doch nicht in deren Villa einbrechen.«

Fighter legt den Kopf schräg und lächelt unsicher.

»Die haben Geld wie Heu. Was macht es da schon, wenn wir ein paar Hunderter mitgehen lassen? Die haben, was sie brauchen, und eine Menge mehr. Und was haben wir? Nichts.«

Er schlägt einen Trommelwirbel auf meiner Schulter und tanzt vor mir herum. Wir sind bei den Badenden angekommen. Der Strand ist gerammelt voll. Es ist das letzte Wochenende, bevor die Schule wieder losgeht.

»Verstehst du?«, ruft Fighter und will mir einen rechten Haken in die Magengegend verpassen, aber ich weiche aus.

Wir kommen ans Ufer und sehen uns um.

»Wo ist das Kanu?«, fragt Fighter.

Ich frage ein paar Jungen.

»Habt ihr ein gelbes Kajak gesehen?«

Einer von ihnen saugt gerade seinen Saft durch einen Strohhalm. Er beißt auf den Halm. Der andere zeigt mit dem Finger übers Wasser.

»Zwei Jungen sind gerade damit weggefahren. Sie sind in die Richtung gepaddelt.«

Der Junge zeigt in Richtung Äppelviken. Der andere mit dem Strohhalm wirft sein Tetra-Pak in den Sand und tritt mit der Hacke drauf. Es gibt einen dumpfen Knall.

Ich zerre an Fighters Pullover, und wir rennen los.

Fighter ist nicht gerade der beste Läufer der Welt. Ich bin ziemlich schnell. Mein Körper ist geschmeidig, und ich habe lange Beine. In der Neunten war ich Schulmeister im Hundertmeterlauf. Und jetzt rennen wir in Richtung Äppelviken. Ich drehe mich zu Fighter um und rufe ihm zu, dass er ein bisschen zulegen soll. Er keucht wie ein Herzinfarktpatient beim letzten Wiederbelebungsversuch.

»Beeil dich!«

Rechts ist der Mälaren zu sehen und auf der anderen Seite Essinge.

In der Bucht von Äppelviken liegt ein Dutzend piekfeine Segelboote vertäut, alle aus Holz. Fighter keucht, bleibt stehen, stemmt die Hände auf die Knie und beugt sich nach vorn.

Und da sehe ich sie.

Sie sind vielleicht fünfzig Meter vom Ufer von Essinge entfernt. Sie paddeln ungeschickt und ungleichmäßig, kleine Jungen.

Ich sehe mich nach einer Möglichkeit um, um zu ihnen zu kommen.

Da entdecke ich zwischen zwei schnieken Segelbooten einen Mann und eine Frau in einem Ruderboot mit Außenbordmotor. Der Mann ist gerade dabei, Benzin in den Tank zu füllen. Die Frau lächelt mich an, als ich auf sie zukomme. Sie sehen aus, als ob sie zu denen gehören, die gut von ihrer Pension leben können.

»Entschuldigen Sie«, sage ich und versuche möglichst nett zu klingen. »Die beiden Jungen da drüben haben unser Kajak gestohlen.«

Ich zeige über das Wasser. Der Mann unterbricht das Nachfüllen und sieht sich um.

»Könnten Sie vielleicht so nett sein und uns rüberfahren, damit wir das Boot zurückholen können?«

Die Frau sieht ihren Mann an. Er schraubt den Deckel auf den Kanister.

»Das Kajak gehört ihnen nicht. Sie haben es am Solviksbad gestohlen. Bitte, wir haben den ganzen Sommer dafür gearbeitet.«

Der Mann und die Frau tauschen Blicke aus. Fighter stellt sich neben mich.

»Sie werden es sofort zugeben«, sage ich. »Wenn Sie uns nur da rüberbringen.«

Ich zeige auf die beiden Jungen. Der Mann stellt den Benzinkanister ins Boot und winkt uns zu.

»Los, steigt ein.«

Ich steige zuerst ein, Fighter hinter mir. Der Mann will den Motor anschmeißen, aber der tut keinen Muckser. Er zieht mindestens ein Dutzend Mal an der Schnur, bevor er aufgibt und sich aufrichtet.

»Lassen Sie mich mal probieren«, sagt Fighter und ist mit zwei Schritten beim Motor.

Der Motor springt beim ersten Versuch an.

»Schrecklich, was die Leute heutzutage alles stehlen«, sagt die Frau. Sie hat ein Kopftuch umgebunden und trägt abgewetzte Ringe an ihren runzligen Fingern. Sie ist sicher früher einmal eine Schönheit gewesen, als noch Schotter statt Asphalt auf den Straßen lag.

»Es ist einfach furchtbar«, stimme ich ihr zu. »Und es wird immer schlimmer.«

Der Mann hat sich auf die Achterbank gesetzt, Fighter sitzt vor ihm. Ich setze mich neben die Alte. Zwischen ihren Füßen steht ein Weidenkorb mit einer Thermoskanne und einer Plastiktüte. Die Plastiktüte sieht aus, als ob sie mindestens ein halbes Dutzend belegte Brote beinhaltet.

»Wollen Sie einen Ausflug machen?«, frage ich.

Die Alte nickt.

»Wir fahren immer nach Drottningholm.«

Der Mann nimmt langsam Fahrt auf. Wir sind gar nicht mehr weit vom Kajak entfernt, und die beiden Burschen haben noch nicht gemerkt, dass wir sie verfolgen.

»Es ist noch ganz neu«, sage ich zu der Alten und halte meinen Blick auf das Kajak gerichtet. »Das war heute unsere Jungfernfahrt. Wir trainieren für das Mälarrennen.«

»Schrecklich, die Leute werden auch immer dreister«, sagt die Alte.

»Früher war das sicher besser«, sage ich.

Die Alte nickt.

Fighter erhebt sich, und der Mann drosselt die Geschwindigkeit. Wir sind jetzt ganz nah an das Kajak herangekommen, nähern uns von hinten. Der Mann schaltet auf Leerlauf. Fighter greift nach einem Ruder und hebt es über den Kopf.

»Ins Wasser mit euch, sonst schlage ich euch zu Brei!«, brüllt er den Jungen entgegen.

Sie drehen sich um und sehen im ersten Augenblick völlig verdattert aus. Die beiden sind wirklich noch klein.

Fighter hebt das Ruder noch ein Stück höher.

»Springt!«, brüllt er.

Die Knirpse schmeißen die Ruder weg und kentern das Kajak. Es ist nicht mehr als zehn Meter bis zum Ufer. Sie schwimmen zu den Felsen hinüber, während Fighter mit dem Ruder aufs Wasser schlägt.

»Ich komme gleich an Land und schneide euch die Schwänze ab! Habt ihr mich verstanden!«

Die beiden schwimmen, was das Zeug hält. Kurz darauf haben sie die Felsen erreicht und torkeln an Land. Das Wasser läuft an ihnen runter. Sie haben beide Jeans und dunkle T-Shirts an und machen einen mitleiderregenden Eindruck, als sie so über die Felsen klettern und zwischen den Erlen verschwinden.

»Wartet nur!«, schreit Fighter hinter ihnen her. »Ich weiß, wer ihr seid! Ihr kommt mir nicht davon!«

Sie haben den Weg erreicht und rennen auf die Häuser zu. Sie düsen ab, als ob sie die Polizei auf den Fersen hätten.

5

O wilde Schwester! O schwieriger Bruder! Was weißt du schon von Freundschaft?

Unsere Lehrerin Carlkvist hat ein Aquarium mit in den Klassenraum gebracht. Sie hat zwölf Black Molly und zehn Schwertträger hineingesetzt. Jeden Abend hat sie bei Mama und dem Scheißhaufen angerufen und mitgeteilt, dass ich in der Schule »unruhig« wäre.

Eines Morgens im Mai hat Fighter einen Hecht gefangen, so dick wie mein Unterarm. Er hatte im seichten Uferwasser gespielt. Um Viertel vor acht hat er ihn in das Aquarium gesetzt. Um zehn nach acht platscht es plötzlich. Wasser spritzt über den Boden! Alle blicken auf. Mia Hult schreit. Die Lehrerin gafft. Zwölf Black Molly und acht Schwertträger sind im Hechtmagen verschwunden.

Das, o Schwestern & Brüder, das ist Freundschaft!

 

Wir sammeln die beiden Ruder ein und bugsieren das Kajak an Land. Fighter und ich klettern auf die Felsen. Das alte Paar fährt weiter Richtung Drottningholm.

»Danke für die Hilfe!«, rufen wir ihnen hinterher, während sie langsam in Richtung Brommaland verschwinden.

Fighter und ich setzen uns ins Boot und paddeln zum Tranebergsbad. Auf den Felsen sitzen lauter nackte Mädchen mit nicht mehr als einem Fetzen Stoff zwischen den Beinen. Blonde Mähnen, die kraus vom Wasser sind, braun gebrannte Körper, üppig und schön. Wir paddeln hin und her, und Fighter ruft etwas zu ihnen rüber. Aber die Mädchen wenden sich ab. Sie wissen unsere bewundernden Blicke nicht zu schätzen.

»Warum tun sie das?«, stöhnt Fighter. »Warum ziehen sie sich aus und zeigen alles, was sie haben – und wenn man dann guckt, werden sie sauer?«

»Das sind eben unbegreifliche Wesen«, sage ich. »Von ganz anderer Art. Das kann man schon daran sehen, wie sie aussehen. Guck dir die da drüben an.«

Ich zeige auf eine mit prallem Hintern und molliger Oberweite und Haar, das ihr wie ein Strahlenkranz um den Kopf liegt.

»Da kann man ja durchdrehen«, sagt Fighter. »Lass uns abhauen.«

Wir paddeln unter der Brücke durch, an den Schleppkähnen vor Hornsbergs Strand vorbei zur Bootswerft in Ulvsundasjön.

»Wir bringen es hier unter«, sagt Fighter, hält sich am Steg fest und zieht sich hoch. Wir legen das Kajak auf den Steg und gehen an Land. Es riecht nach Farbe und Öl. Über unseren Köpfen streiten sich zwei Möwen. Ein Mann mit blauem Overall und fleckigem Pullover zieht einen monströsen Außenbordmotor auf einer Karre hinter sich her.

»Entschuldigung«, sage ich. »Wir haben ein Kajak, das wir gerne eine Woche unterstellen würden.«

»Wir bezahlen auch dafür«, sagt Fighter und zieht sein Bündel Hunderter aus der Tasche.

Der Mann mit der Karre ist stehen geblieben. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und zeigt zu einem Stacheldrahtzaun hinüber.

»Legt es da drüben hin. Das macht einen Hunderter pro Woche. Ich bin zwischen neun und sechs hier. Später abends kommt ihr nicht mehr hier rein.«

»Das ist in Ordnung«, sagt Fighter und drückt dem Mann einen Schein in die Hand.

Wir holen das Kajak, tragen es zu der Umzäunung und legen es auf ein paar grobe Planken. Die Ruder schieben wir unter das Boot. Fighter prüft den Maschendrahtzaun und sieht sich den dreifach gewundenen Stacheldraht an.

»Wenn es jetzt jemand klauen will, muss er schon einen Bolzenschneider haben«, sagt er und sieht zufrieden aus.

Wir verabschieden uns von dem Werftarbeiter und machen uns auf den Weg.

Auf dem verdorrten Rasen vorm Karlberger Schloss liegen massenweise Leute und sonnen sich. Auf dem Kiesplatz wird Boule gespielt. Auf dem Kanal fährt ein Polizeiboot vorbei. Es gleitet langsam durchs Wasser, und die beiden Polizisten in ihren hellblauen, kurzärmligen Hemden scheinen das Ufer abzusuchen.

Fighter blinzelt dem Polizeiboot hinterher, bis es unter den Weiden verschwindet, die bei Lilla Hornsberg ins Wasser hineinwachsen.

»Schön, dass wir denen gerade nicht begegnet sind«, sagt er.

»Meinst du, dass sie nach dem Kajak suchen?«

»Wenn die Besitzer gemerkt haben, dass es weg ist, kann doch sein.«

Er schaut in seine linke Handfläche.

»Scheiße!«, schreit er. »Scheiße!«

Er bleibt stehen und untersucht seine Handfläche, streckt sie mir entgegen. Da, wo vorher die vier Zahlen gestanden haben, ist jetzt nur noch eine Zwei und ansonsten ein hellblauer Fleck zu sehen.

»Sechsundzwanzig«, sagt Fighter. »Das war eine Sechsundzwanzig. Und dann kam irgendwas mit eins am Schluss.«

»Einbrecher sollten nicht Kajak fahren«, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Sechsundzwanzig«, sagt Fighter. »Und eine Eins am Schluss. Heute Abend werden wir denen einen Besuch abstatten.«

»Nicht, wenn der Alarm losgeht. Ich gehe nicht dahin, wenn wir den Alarm nicht abschalten können«, sage ich.

»Es fehlt nur noch eine Zahl. Neun Möglichkeiten also. Ich bin mir nämlich sicher, dass es keine Null war.«

»Eine Null bist du selber«, sage ich und täusche eine rechte Gerade an seine Schulter vor. Er pariert, und so laufen wir schattenboxend weiter bis zur U-Bahn am St. Eriksplan.

Am Hauptbahnhof steigen wir um. Fighter redet die ganze Zeit von den Mädchen auf den Felsen. Am Mariatorg steigen vier kahl geschorene Typen mit schwarzen Schnürstiefeln und schwarzen Jeans ein. Der Wagen ist nicht voll, es ist Platz genug. Aber die vier kommen ausgerechnet zu Fighter und mir. Sie haben alle vier weiße, kurzärmlige Shirts an. Einer von ihnen hat eine streichholzschachtelgroße Schwedenflagge auf dem Ärmel.

Der größte der vier, ein Kerl mit Oberarmen wie meine Oberschenkel, lässt sich neben mir auf den Sitz fallen, lehnt sich über mich und hält sich am Handgriff unter dem Fenster fest. Er sieht mich nicht an. Sein Ellenbogen drückt in meinen Brustkorb.

Fighter sitzt mir gegenüber, und ein langes und dürres Elend setzt sich neben ihn. Die beiden anderen bleiben im Gang stehen.

Der Lange hat ein Muttermal auf dem Kinn. Er wendet sich an Fighter und zeigt mit einem langen Zeigefinger auf mich.

»Ist das da dein Freund?«

»Ja«, sagt Fighter. Seine Stimme klingt wie ein dünner Faden, der auf staubigen Boden fällt.

Der Lange sieht mich an. Er hat starre, leblose Augen wie die Leute von der Küstenwache. Ich weiß auch nicht, wo sie die herkriegen. Wahrscheinlich werden sie in der Grundausbildung zusammen mit dem Schwanzvergrößerer und dem Buch ausgegeben, in dem steht, wie man sein Selbstvertrauen erhöhen kann, indem man sich in der Gruppe einen runterholt.

»Du solltest dich nicht mit Niggern zusammentun«, sagt der Lange zu Fighter, seinen Blick weiter auf mich gerichtet. »Halte dich an deinesgleichen. Nigger raus aus Schweden. Du gehörst zu uns, den Schweden.«

»Ich bin Schwede«, höre ich mich selbst mit Piepsstimme sagen, die nicht mal einer Spitzmaus imponieren würde.

Zack, habe ich einen Ellenbogen auf meinem Solarplexus. Ich schnappe nach Luft. Der Kerl neben mir lässt den Ellenbogen noch eine Weile liegen. Der Lange scheint nichts bemerkt zu haben. Er legt eine Hand auf Fighters Schulter.

»Überleg es dir gut. Du bist schwedisch. Vergiss das niemals!«

In Hornstull steigen sie aus. Keiner von uns beiden sagt etwas, bevor die Türen sich geschlossen haben und der Wagen anfährt.

»Verdammte Schweine«, sage ich.

»Widerlich«, sagt Fighter. »Verdammt widerlich. Hast du den im Gang gesehen?«

»Nein. Der Hauklotz hat mir die Sicht versperrt.«

»Er hatte ein Messer in der Hand. Ich dachte echt, die würden uns abstechen.«

»Vielleicht haben sie es nur gelassen, weil noch andere im Wagen waren.«

»Verdammte Schweine. Verdammte, verfickte Schweine.«

Fighter schlägt sich mit geballten Fäusten auf die Schenkel.

»Obwohl ich sie ja irgendwie verstehen kann. Es gibt ziemlich viele Kanaken in der Stadt. Sie schnappen die Frauen weg.«

»Fighter«, sage ich. »Fighter, ich bin so ein verdammter Kanake.«

»Nein, du nicht. Du bist Schwede.«

»Mein Alter ist Schwarzer.«

»Aber deine Mutter ist genauso schwedisch wie ein Mittsommernachtsbaum.«

»Mein Alter ist Schwarzer. Ich bin ein echter Nigger.«

»Du bist kein richtiger Nigger. Du benimmst dich wie ein Schwede. Das zählt. Kommst du mit zu mir?«

»Nein, ich fahre zu Oma.«

Fighter nickt.

»Ich hole dich so um acht ab.«

In Aspudden steige ich aus. Als die Türen zugehen, grüßt Fighter mit Hitlergruß durchs Fenster. Wahrscheinlich meint er, dass das besonders witzig ist.

6

Brüder, o Brüder! Das ist Freundschaft!

Es war in dem Winter, als wir in die vierte Klasse gingen. Wenn das Eis in der Fahrrinne zwischen Aspudden und Bromma frisch aufgebrochen war, waren die Eisschollen so klein, dass man unmöglich auf die andere Seite kommen konnte. Aber wenn das Eis einen Tag zufrieren konnte, war es schon einfacher. Um die Eisschollen hatte sich ein Kranz dünnes Eis gebildet, auf das man seinen Fuß setzen konnte. Jetzt musste man nur schnell genug von einer Eisscholle zur nächsten springen, dann hatte man eine Chance, auf die andere Seite zu kommen.

Wir waren vor Lindholmen, als ich ins Wasser fiel. Ganz langsam kam die Kälte durch meine Kleider gekrochen. Gleich darauf wurden sie schwerer, und es zog mich an den Beinen nach unten. Immer weiter nach unten. Ich habe versucht, mich an einer Eiskante festzuhalten. Von der Stadt kam ein Schiff angefahren. Das hatte ich vorher gar nicht gesehen. Es kam schnell näher. Es war vielleicht halb vier und schon dunkel.

Ich kann mich erinnern, dass ich in dem Moment daran dachte, dass Montag war. Ich ertrinke an einem Montag, habe ich gedacht.

Und da lag dann plötzlich Fighter auf dem Eis.

Die Hand ausgestreckt, platt auf dem Bauch.

»Nimm die Hand!«, hat er geschrien und sich den Handschuh ausgezogen. Ich griff nach der Hand. Sie war warm und groß, und er hat mich herausgezogen. Wir sind von der Rinne weggekrochen. Gerade als wir aufgestanden waren und losrannten, fuhr das Schiff hinter uns vorbei. Das Eis krachte gegen den Stahlkörper, und ich dachte: Es ist Montag, und ich bin nicht ertrunken.

Schwestern, o Schwestern! Das ist Freundschaft!

 

Als ich in die Wohnung komme, liegt Oma auf dem Sofa im Wohnzimmer und schläft. Sie hat die Schürze übers Gesicht gelegt und schnarcht beim Einatmen. Bei jedem Ausatmen wölbt sich der Schürzenstoff über ihrem Mund. Sie redet im Schlaf.

Ich gehe in mein Zimmer, schmeiße mich aufs Bett und lege den Arm über die Augen.

Da kommen die Fantasien. Als ob ich auf eine automatische Schiebetür von einem großen Kaufhaus zugehe. New York, here I come!

Ich gehe durch den Central Park zum Planetarium. Auf dem Rasen steht ein junger Mann mit weiten Hosen und Hosenträgern. Er jongliert mit vier Bällen. Sein Oberkörper ist nackt, und im Gesicht hat er eine Pappnase sitzen. Frauen in Shorts, dünnen Unterhemden und mit Walkman laufen vorbei, immer paarweise. Ein Polizist sieht mir hinterher. Es ist heiß. Auf einer Bank sitzt ein Mädchen mit einem breit rot-weiß gestreiften Kleid und einer über die Stirn geschobenen Sonnenbrille. Sie leckt an einem Eis. Ich setze mich neben sie. Zwischen uns ist ein Meter freie Bank, und trotzdem rückt sie noch ein Stück weiter von mir weg. Der Polizist ist stehen geblieben und sieht zu uns herüber. Er wippt auf den Füßen hin und her, vor und zurück. Den Schlagstock hält er mit beiden Händen hinter dem Rücken.

»Haben wir uns nicht schon mal in Stockholm gesehen?«, frage ich.

»Bist du Schwede?«, fragt sie ihrerseits und hört auf, an ihrem Eis zu lecken.

»Das hört man doch wohl.«

»Ja, klar.«

»Ich bin wegen einer Inszenierung in New York.«

»Ah ja, was für eine Inszenierung?«

»Othello.«

»Ah ja«, sagt sie und streckt ihre lange Zunge aus, um wieder an ihrem Eis zu lecken.

»Was für eine lange Zunge du hast«, sage ich.

»Wenn du unverschämt werden willst, kannst du gleich Leine ziehen.«

»Ich meine das nicht böse. Ich wollte nur sagen, dass sie schön ist. Lang und schön.«

Sie lacht. »Ich soll eine schöne Zunge haben? Du spinnst ja!«

»Das stimmt aber, sie ist ungewöhnlich schön. Und groß!«

Sie lässt das Eis auf den Boden fallen und steht auf, nimmt die Sonnenbrille aus ihrem Haar, setzt sie auf die Nase und geht.

»Wo wohnst du?«, rufe ich hinter ihr her.

Sie bleibt stehen und dreht sich um, schüttelt den Kopf und geht weiter.

»Wo wohnst du?«, rufe ich und laufe langsam hinter ihr her.

Wir kommen an dem Polizisten vorbei. Der Schlagstock hängt an einem Lederriemen um seinen Zeigefinger, und er wirbelt ihn in der Luft vor sich herum, fast wie einen Propeller.

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, als Oma plötzlich mit den Händen in den Schürzentaschen und wirren Haaren vor mir steht.

»Was habt ihr schon wieder angestellt?«, fragt sie.

»Wieso?«

»Verstell dich jetzt bloß nicht. Ihr seid in der Stenkilsgatan gesehen worden.«

»Was meinst du?«, frage ich und versuche aus New York zurückzukommen.

»Astrid hat beobachtet, wie ihr das Kanu mitgenommen habt.«

»Wovon redest du?«

»Astrid hat gesehen, wie du und Fighter das Kanu mitgenommen habt.«

Ich richte mich auf.

»Ich verstehe nicht ganz, wovon du redest.«

»Habe ich dir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, welche Regeln gelten, wenn du hier wohnen willst?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

»Astrid hat gesehen, wie ihr ein Kanu von einem Autodach genommen habt und damit im Wald verschwunden seid.«

»Ach so, das Kanu«, sage ich.

»Versuch nicht, dich herauszureden.«

»Wir haben unten auf den Felsen mit einem Pärchen zusammengesessen, die uns von ihrem Kanu erzählt haben. Sie konnten es nicht zum Wasser tragen, weil sie sich die Hand verstaucht hatte.«

»Erzähl keinen Blödsinn. Was waren das für Bedingungen, unter denen du hier wohnen kannst, habe ich dich gefragt!«

»Wir haben ihnen versprochen, das Kanu für sie zu holen. Das hatte also alles seine Ordnung.«

»Die Bedingung lautet, dass du keinen Blödsinn machst, hast du das vergessen?«

Ich stehe auf. »Aber, Oma, wir haben es doch nur für die beiden geholt. Sie haben uns darum gebeten. Glaubst du mir etwa nicht?«

In der Matratze ist eine Mulde zurückgeblieben, wo ich gelegen habe. Mitten in der Mulde liegt das Bündel Hunderter. Oma nimmt die Scheine in die Hand und fuchtelt damit vor meiner Nase herum.

»Und was ist das hier, wenn ich fragen darf?«

Sie starrt mich an und schüttelt ihre grauen Locken.

»Den ganzen Sommer über hast du nicht einen Handschlag getan, nicht einen Versuch gemacht, überhaupt einen Job zu bekommen. Und jetzt hast du plötzlich …«

Sie zählt nach.

»Eintausendfünfhundert Kronen! Habt ihr das für das Kanu bekommen?«

»Hör mir bitte zu, Oma.«

»Ein Dieb, das bist du, ein simpler Dieb. Verschwinde hier!«

»Oma, hör mir bitte zu!«

»Raus hier, aber sofort!«

»Oma!«

»Habe ich dir nicht gesagt, dass du in dem Augenblick rausfliegst, wenn ich annehmen muss, dass du wieder irgendeine Dummheit begehst? Habe ich dir das nicht deutlich genug gesagt?«

»Oma, wir haben einem Mädchen das Leben gerettet!«

»Glaubst du denn, dass ich ganz bescheuert bin, nur weil ich graue Haare habe?«

»Bitte, Oma, du kannst Fighter fragen, wenn er kommt.«

»Der kommt mir nicht über meine Schwelle. Ein Dieb bist du, nichts anderes. Ein simpler Dieb. Nur gut, dass Großvater das nicht mehr erleben muss.«

»Bitte, Oma, wir können auch bei ihnen anrufen.«

»Bei wem?«

»Bei denen, deren Tochter wir das Leben gerettet haben.«

»Tu das, dann glaube ich dir vielleicht. Das Telefon steht dort drüben.«

»Ich weiß allerdings nicht, wie sie mit Nachnamen heißen. Und außerdem sind sie gerade nicht zu Hause.«

»Tsss! Ausreden.«

Oma leckt sich die Lippen. »Du kannst deine Sachen packen.«

»Und wo soll ich wohnen?«

»Du wirst wohl wieder zu Hause wohnen müssen, wie alle anderen.«

»Du meinst also, dass ich wieder beim Scheißhaufen wohnen soll?«

Oma geht zum Schrank und nimmt die Tasche raus, die ich bekommen habe, als ich noch Eishockey gespielt habe. Sie zieht die oberste Schublade der Kommode auf, reißt meine Unterwäsche heraus und schmeißt sie in die Tasche.

»So, raus mit dir.«

»Das meinst du doch nicht ernst, Oma?«

»Ich meine es sogar so ernst, dass ich, wenn du in zehn Minuten nicht von hier verschwunden bist, die Polizei anrufe und ihnen erzähle, dass Astrid Strömvall aus der Stenkilsgatan heute Nachmittag zwei Jungen beobachtet hat, als sie ein Kanu von einem Autodach gestohlen haben.«

Sie schmeißt mir die Geldscheine ins Gesicht.

»Du hast noch neun Minuten.«

Sie zieht den Telefonstecker aus der Wand, nimmt das Telefon mit und schmeißt die Tür hinter sich zu.

Ich habe nicht viele Sachen, es passt alles in die Tasche. Als ich den Reißverschluss zugezogen habe, gehe ich in den Flur. Oma sitzt am Küchentisch mit dem Telefon vor sich.

Sie sieht aus wie ein Dobermannpinscher, dem jemand den Knochen stehlen wollte. Das Haar steht ihr vom Kopf ab.

»Tschüs«, sage ich.

»Adieu. Wenn du eines Tages in Långholmen landest, brauchst du gar nicht zu glauben, dass ich dich besuchen komme, lass dir das gesagt sein.«

Zuerst reizt es mich ja, sie darauf hinzuweisen, dass das Gefängnis auf Långholmen schon seit Ewigkeiten geschlossen ist, aber dann überlege ich es mir doch anders und verschwinde im Treppenhaus.

Ich schleppe die Tasche zur U-Bahnstation und setze mich auf eine Bank, warte. Es dämmert und ist kühler geworden, darum suche ich nach einem Pullover in meiner Tasche.

Nach einer Weile kommt die Bahn aus Norsborg, und Fighter kommt aus dem Wagen gesprungen. Er hat einen kleinen blauen Rucksack über die Schulter geschwungen. Ich rufe ihn und springe in den Wagen, der vor mir zum Stehen gekommen ist. Fighter springt wieder in den Zug. An der nächsten Station kommt er in meinen Wagen.

»Was hast du in der Tasche?«, fragt er.

»Alles, was ich habe. Oma hat mich rausgeworfen.«

Ich erzähle ihm, was passiert ist. Fighter schüttelt den Kopf.

»Und wo willst du jetzt wohnen?«

»Nicht beim Scheißhaufen, so viel steht fest.«

»Vielleicht kannst du bei Kurt unterkommen«, sagt Fighter und guckt, als ob er Freikarten fürs Grand Hotel hätte.

7

O Brüder & Schwestern, das ist Freundschaft!

In der Ersten war ich in Lena Thurell verknallt. Sie hatte dickes, blondes Haar und eine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Mittwochs nach der Schule hatte sie Geigenunterricht. »Ich bin in Lena Thurell verknallt«, habe ich zu Fighter gesagt. »Wenn ich groß bin, werde ich sie heiraten.« Fighter boxte mir in den Magen.

»Das tust du nicht!«, brüllte er. »Ich will Lena heiraten!«

Am Wegrand lag eine Planke, so groß wie ein Prellballschläger. Ich habe mich gebückt, sie aufgehoben und Fighter eins über die Nase gegeben.

O Schwestern & Brüder! Das ist Freundschaft!

 

»Die verdammten Schweine waren auf dem Nachhauseweg«, sagt Fighter.

»Wer?«

»Die Glatzen. Sie haben mich wiedererkannt und gefragt, wo ich meinen Freund gelassen hätte.«

»Und was hast du gesagt?«

»Nichts.«

»Was hast du in dem Rucksack?«

Er reicht ihn mir rüber. Ich mache ihn auf und schaue hinein und sehe einen Hammer, ein Stemmeisen und ein kleineres Brecheisen. Ich gebe ihm den Rucksack zurück.