Winterwein - Jens Burmeister - E-Book

Winterwein E-Book

Jens Burmeister

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Beschreibung

Rheinwein und Mord. Julian Somerset, ein bekannter Weinkritiker, hat kurz vor dem ersten Advent auf das Flusskreuzfahrtschiff MS Rheinvision eingeladen. Vor der Kulisse des romantischen Rheintals will er die besten deutschen Winzer auszeichnen. Der Aromaforscher Jaspal Wöhler ist heilfroh, zu den Auserwählten zu gehören, denn sein Weingut steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Doch dann springt die Weinhändlerin Charlotte Noll vor seinen Augen in den eiskalten Fluss. Am nächsten Morgen wird Julian Somerset tot in seiner Kabine gefunden. Kommissarin König und Kommissar Bäumler kommen an Bord und nehmen die Ermittlungen auf. Noch ahnen sie nicht, dass sie schon bald gemeinsam mit Wöhler einen Mörder jagen, der von dem unbändigen Wunsch nach Rache angetrieben wird. Und der ein Motiv hat, das weit in der Vergangenheit zu suchen ist.

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Wer sich mit der Kunst verheiratet, bekommt die Kritik zur Schwiegermutter.

Hildegard Knef (1925 - 2002)

Wein ist Poesie in Flaschen.

Robert Louis Stevenson (1850 – 1894)

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREIßIG

KAPITEL EINUNDDREIßIG

KAPITEL ZWEIUNDDREIßIG

KAPITEL DREIUNDDREIßIG

KAPITEL VIERUNDDREIßIG

KAPITEL FÜNFUNDDREIßIG

KAPITEL SECHSUNDDREIßIG

KAPITEL SIEBENUNDDREIßIG

KAPITEL ACHTUNDDREIßIG

KAPITEL NEUNUNDDREIßIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

SCHLUSSWORTE UND DANKSAGUNGEN

PROLOG

Polizeipräsidium Koblenz, 24. Dezember, 9:36 Uhr

Kriminalhauptkommissar Stephan Bäumler schaute durch das Gesicht des Mörders hindurch und ließ seine Gedanken schweifen.

Heute Morgen um acht Uhr hatte er zusammen mit seiner Kollegin Sigrid König das Verhör im tristen Kellerraum des Koblenzer Polizeipräsidiums begonnen. Schnell war der Widerstand des Verdächtigen zusammengebrochen. Jetzt noch ein paar abschließende Fragen, dann hatten sie ein lückenloses Geständnis und konnten den Mann gegen halb elf dem Haftrichter vorführen.

Bäumler dachte an den heutigen Abend. Den Heiligen. Es grenzte an ein christliches Wunder, dass sie den komplizierten Fall rechtzeitig zum Fest gelöst hatten.

Gegen achtzehn Uhr würde er sich in seinen gelben Porsche zwängen und nach Köln fahren. So wie jedes Jahr würde er das Weihnachtsfest zusammen mit seinen Eltern verbringen. Die beiden bewohnten immer noch das bescheidene Häuschen im Porzer Lilienweg und kamen trotz ihres Alters ohne Hilfe zurecht. Gemeinsam würden sie geräucherten Wels verspeisen. Das war Familientradition.

Dazu würde es schwarzen Tee geben. Aber der Kommissar würde weder das intensive Buchenholzaroma noch den Fischgeschmack oder gar den herben Duft des Tees wahrnehmen können. Seit der verschleppten Erkältung konnte Bäumler nichts mehr riechen und deshalb nur noch mit der Zunge süß, sauer, salzig, bitter und umami, den Fleischgeschmack schmecken. Das Weihnachtsessen bestand für ihn aus Fett, Salz und der Bitterkeit des Tees. Statt seines Geruchssinnes besaß Bäumler jetzt den gelben Sportwagen. Seine Art von Kompensation.

Wie war es dazu gekommen, dass er sich mit seinen achtundfünfzig Jahren noch immer nichts Eigenes aufgebaut hatte? Keine Frau hatte, geschweige denn eine Familie? An jedem Heiligen Abend fiel er in seinem Porzer Jugendzimmer in einen unruhigen Schlaf. Genauso würde es auch heute wieder laufen. Warum hielt es außer seinen Eltern niemand längere Zeit mit ihm aus?

Bäumler zuckte zusammen, weil König ihn in die Seite stieß. Sie stand auf, legte die Hände auf den grauen Resopaltisch und beugte sich nach vorn, rückte dichter an das Gesicht des Mörders heran. Der Kommissar musterte seine Kollegin, versuchte in ihrer Miene zu lesen. War sie immer noch nicht zufrieden? Welches Detail fehlte ihr im Geständnis?

»Es ist richtig von Ihnen, dass Sie ihr Gewissen erleichtert haben«, sagte König und strich sich die langen, dunklen Haare aus dem müden Gesicht. »Aber was hat Sie so wütend gemacht? Sie hatten doch schon lange keinen Kontakt mehr zu den Opfern.«

Der Mörder starrte vor sich auf den Tisch. »Ist doch egal. Sie haben mein Geständnis. Was wollen Sie noch von mir?«

Bäumler nickte und fing sich damit einen genervten Blick der Kollegin ein.

König blätterte in der Ermittlungsakte, strich die Seite glatt, die sie aufgeschlagen hatte, folgte einer Zeile mit dem Finger. »Warum haben Sie ihr Kunststudium damals abgebrochen? Das war doch bestimmt eine aufregende Zeit.«

Der Mörder blickte hoch. »Aufregend. Sie haben doch keinen blassen Schimmer.«

»Naja, aber Kunst. Das studiert man doch nicht einfach so. Da muss man doch eine Berufung für haben«, setzte König nach.

»Sie haben keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«

Bäumler spürte, wie König ihr Ziel einkreiste. Es schien ihm, als wollte der Mörder ihnen etwas sagen, sich aber gleichzeitig auf die Zunge beißen.

»Welche Art von Kunst gefällt Ihnen denn besonders? Malerei, Skulptur ...«

»Haben Sie die ›Liebeskraft‹ von Lajos Barta jemals mit Ihren eigenen Fingern berührt? Die Skulptur an der Brücke von Remagen. Das Männliche und das Weibliche, eng umschlungen. Tragen und getragen werden. Anschauen reicht nicht. Sie müssen die Kraft und Geschmeidigkeit mit den eigenen Händen spüren. Gehen Sie hin und begreifen Sie es.«

Bäumler schaute auf seine hellbraunen Wildlederschuhe. Er glaubte nicht, dass der Haftrichter sich für den Kunstgeschmack des Mörders interessieren würde. Immerhin, dachte er, ist jetzt auch das Rätsel um Lajos Barta gelöst.

»Sie haben ein Händchen für Skulpturen? Wir waren noch nicht bei Ihnen zu Hause, aber jetzt bin ich echt neugierig, wie es dort aussieht«, bohrte König geduldig weiter.

Der Mörder verengte die Augen zu Schlitzen. »Da können Sie lange suchen. Seit damals habe ich keine einzige Skulptur mehr geschaffen. Es nicht mal versucht. Ihm reichten ein paar Worte, um mich zu vernichten.«

»Von wem sprechen Sie?«, fragte König und setzte sich wieder neben Bäumler.

Der Mörder schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Bäumler erhob sich sofort, um einzugreifen, aber König drückte ihn wieder zurück auf den Stuhl.

»Na, mein Professor. Es war das Beste, das Schönste, was ich bis dahin geschaffen hatte. Seine Muskeln hatte ich präzise herausgearbeitet. Wenn man darüberstrich, spürte man die pure männliche Kraft, als würde man die Bütte mit den frisch gelesenen Trauben selber in die Höhe stemmen. Der Mann war gestählt durch die schwere körperliche Arbeit im Weinberg. Das vom Wetter gegerbte Gesicht mit den Falten, das gleichzeitig eine Art von tiefer Zufriedenheit ausdrückte, die man heute nur noch ganz selten findet. Ist mir perfekt gelungen.« Die Stimme des Mörders klang heiser.

»Und ihr Professor? Er hat all das alles nicht gesehen?«, riet König.

»Ausgelacht hat er mich. Ein Traubenträger, wie schön. Ich habe es immer noch im Ohr, als würde er es genau jetzt zu mir sagen. Lassen Sie es,« sagte er. »Gehen Sie lieber wieder dahin zurück, wo Sie hergekommen sind. Die Kunst ist nichts für Leute wie Sie.«

König nickte verständnisvoll. »Und wie haben Sie reagiert?«

»Sie wissen ja, wie es ausgegangen ist.« Der Mörder griff das Wasserglas und stürzte den Inhalt gierig herunter.

Bäumler füllte das Glas wieder auf. Jetzt war auch er gefesselt von der Erzählung des Mannes, der endlich seinen Emotionen freien Lauf ließ.

»Mein Lebenstraum war zerstört«, fuhr der Mörder mit kratziger Stimme fort. »Ich habe hingeschmissen, nie wieder versucht, ein Kunstwerk zu erschaffen. Manchmal, wenn ich in einer Ausstellung war und dort die Skulpturen betrachtete, kam ich mir vor wie dieser Tantalos aus der griechischen Sage.«

»Wer ist das denn?«, fragte Bäumler.

»Tantalos wurde von den Göttern zu ewigen Qualen verurteilt. Er musste in einem Teich stehen, über dem Birnenbaumzweige hingen. Jedes Mal, wenn Tantalos trinken wollte, senkte sich der Wasserspiegel. Wenn er eine Birne pflücken wollte, wichen die Äste zurück. Also, obwohl alles in greifbarer Nähe schien, war Tantalos doch zu ewigem Durst und Hunger verdammt«, erläuterte König.

»Aha, wieder was gelernt«, sagte Bäumler.

»So eine Kränkung vergisst man nicht, man verdrängt sie nur eine Zeitlang, solange das Leben einen anders beschäftigt«, sagte König.

»Alles kam plötzlich wieder hoch und ich musste Rache nehmen. Alle sollten bezahlen. Ich war ganz von Sinnen…«

König sank auf den Stuhl zurück. Jetzt endlich schien sie zufrieden mit der Aussage des Mörders. »Kommen Sie. Wir führen Sie dem Haftrichter vor.«

Ein Monat früher: Nolls Weinparadies, Koblenz, 24. November, 18:40 Uhr

Das Weinparadies war Charlottes ganzer Stolz. Erst im Oktober hatte der kleine Weinladen in der Koblenzer Altstadt, unweit der Liebfrauenkirche, das zehnjährige Jubiläum gefeiert.

Charlotte Noll war eine kleine, sportliche Frau mit blonden Haaren, die sie gerne zu einem Dutt zusammensteckte. Und mit einem Lächeln, das sie auf Anhieb sympathisch machte. Im Weinparadies hatte sie zwei ihrer großen Leidenschaften vereint: die Liebe zum Wein und die ebenso ausgeprägte Begeisterung für edle Wohnaccessoires. Wenn man die kleine Steintreppe hinaufging und in das Erdgeschoss eintrat, fand man rechts die Theke mit der Kasse. Links waren die Regale abwechselnd mit Weinen aus den verschiedenen Anbaugebieten und kleinen Deko-Objekten bestückt. Das Regal, auf das man beim Eintreten direkt zulief, hatte sie mit ›Charlottes Auslese‹ überschrieben. Hier wurde wöchentlich neu arrangiert. Heute standen dort ein paar Flaschen Primitivo di Manduria, eine Gruppe hölzerner Giraffen, ein Dolcetto aus Alba und die Skulptur eines kauernden Jünglings. Italienische Rotweine waren nach Nolls Meinung der perfekte Stimmungsaufheller im typisch deutschen, grauen November.

Eine offene Holztreppe führte ins Obergeschoss. Hier befand sich ein enger Raum, in dem Lesungen und Konzerte mit bis zu zwanzig Zuhörerinnen und Zuhörern stattfinden konnten, zumeist begleitet von einem Gläschen Wein. Diese Veranstaltungen zu organisieren, war sehr arbeitsintensiv. Aber dadurch war es Noll über die Jahre gelungen, sich eine kleine, aber sehr treue Fangemeinde aufzubauen.

Noll saß auf dem hohen Hocker hinter der Theke, von dem aus sie ihren Laden perfekt überblicken konnte. Sorgenfalten traten auf ihr Gesicht, während sie die Einnahmen des Tages zählte. Das Weihnachtsgeschäft war zwar im vollen Gange, aber auch der heutige Tag war wieder wenig einträglich gewesen. Noll spürte die Konkurrenz der Online-Händler. Es war ja inzwischen gang und gäbe, dass die Laufkunden sich bei ihr im Laden umsahen, um dann anschließend online zu bestellen. So war das zumindest bei den Wohnaccessoires. Vom Wein kauften sie zumindest eine Flasche. Wenn er ihnen schmeckte, fanden sie meist einen günstigeren Weg, Nachschub zu besorgen, als zu Noll zurückzukommen. Sie legte die Ellenbogen auf der Theke ab und stützte den Kopf in die Hände. Sie war dankbar für ihre treue Fangemeinde, aber leider würde die allein nicht ausreichen, um das Überleben ihres Geschäftes zu sichern.

Sie hörte den silberhellen Klang des japanischen Chidori-Windspiels mit der patinagrünen Miniatur-Pagode, das über der Tür baumelte. Ein kräftiger Mann in grünem Jancker, der über dem Bauch spannte, trat ein und blieb im Eingang stehen. »N'Abend« nuschelte er und steuerte zielsicher auf Charlottes Ausleseregal zu.

»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Ihre Weinauslese?« Er nahm eine Flasche Primitivo aus dem Regal, drehte sie um, schüttelte den Kopf und stellte sie wieder zurück. »Nomen est Omen«, sagte er abfällig. Dann griff er nach dem Dolcetto und nickte kennerhaft. »Völlig unterschätzte Rebsorte. Kann so unglaublich fruchtbetont, schlank, aber auch mit Tiefe daherkommen ... Aber ich kann Ihnen bessere Erzeuger verraten, als diesen hier.« Er stellte die Flasche wieder zurück.

Noll glitt vom Hocker herunter und kam hinter der Theke hervor. Der Kunde, der den Weinkenner so überdeutlich heraushängen ließ, kam ihr irgendwie bekannt vor. »Sie kennen sich mit Wein aus«, sagte sie. »Suchen Sie etwas zum Trinken oder zum Wohnen?« Noll bemühte sich, ihren Ärger über den arroganten Auftritt herunterzuschlucken.

»Ich bin auf der Durchreise.« Er nahm die Skulptur des kauernden Jünglings aus dem Regal und fuhr die Konturen des Körpers mit den Fingern nach. Dann stellte er das Stück wieder zurück. »Ich brauche nur eine Flasche für heute Abend.«

Klar, die übliche Einzelflasche, dachte Noll.

»Haben Sie was von diesem Jaspal Wöhler aus dem Bopparder Hamm?«

Noll war überrascht. »Dass Sie ausgerechnet auf diesen Winzer kommen ... Aber nein, noch nicht. Sie suchen einen rassigen trockenen Riesling mit ausreichend Körper? Wie wär’s mit dem Prinz aus dem Rheingau?«

»Bin ich mal wieder um den Bopparder Hamm herumgekommen. Na gut, der Prinz wird mir ohnehin weniger Kopfschmerzen bereiten. Von dem nehme ich eine Flasche.«

Noll wunderte sich über diese kryptische Bemerkung, sparte sich aber nachzufragen, um nicht mit weiteren Weinweisheiten belehrt zu werden. Sie kassierte und komplimentierte den seltsamen Gast eilig aus dem Laden heraus. Nachdem das Chidori-Windspiel verklungen war, schaute sie dem Kunden hinterher. Kannte sie ihn, oder hatte er einfach nur Ähnlichkeit mit jemandem? Ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie täglich Dutzende Gesichter kommen und gehen sah. Sie schaute auf die Uhr, drehte das alte englische ›We are Open‹-Blechschild um, sodass man von außen ›Sorry, we are closed‹ lesen konnte, und schloss die Tür ab.

Sie hatte Oliver, ihrem Mann, versprochen heute spätestens um acht zu Hause zu sein. Also hatte sie noch eine knappe halbe Stunde. Sie ging wieder hinter die Theke, beendete den frustrierenden Kassensturz und schloss das Geldkästchen ab, das sie später mit nach Hause nehmen würde. Sie ging in den hinteren Bereich des Ladens, der für die Kunden tabu war, und stieg die Kellertreppe hinunter. Sie schloss die graue Stahltür auf, knipste das Licht an und ließ die Tür ins Schloss fallen. Hier war ihr Lager. Rechts stand ein Regal, in dem die Wohnaccessoires in Kartons verpackt dicht an dicht lagen. Hier war kein Platz mehr frei. Die gegenüberliegenden Wände waren mit Weinregalen bestückt. Vor den Weinflaschen standen mehrere noch ungeöffnete Kisten. Hinten rechts war ein Kühlschrank. In der Mitte des Raumes standen zwei Klappstühle und ein Holzfass, auf dem Weingläser standen.

Noll setzte sich auf den Klappstuhl, drehte ihn zum Weinregal und musterte die Flaschen. Sie waren penibel nach Anbaugebieten und Regionen geordnet. Sie hatte kleine Pappschilder befestigt, auf denen in sorgfältiger Schrift Namen wie Mosel, Mittelrhein, Wachau und Piemont standen. Schmerzlich wurde ihr bewusst, wie lange die meisten Flaschen hier schon herumlagen. Sie griff sich ein Glas, ging zum Kühlschrank und nahm eine schlanke, braune Flasche heraus, die noch halb voll war. Noll goss sich ein, stellte die Flasche wieder zurück, setzte sich auf den Klappstuhl und versenkte die Nase ins Glas. Die Aromen von Äpfeln und Kräutern belebten sofort ihren Geist. Sie nahm einen Schluck, bewegte den Wein im Mund hin und her und schluckte herunter. Der Geschmack von Frucht, Säure, Salz und Schiefer explodierte förmlich an ihrem Gaumen. Dieser Basis-Riesling vom Weingut Matthias Müller aus Spay war genau das, was sie in diesem Moment brauchte. Der Wein stammte aus dem Bopparder Hamm. Sie dachte an den merkwürdigen Satz des Kunden, er sei noch mal um den Bopparder Hamm herumgekommen.

Wieder stand Noll auf und ging zum Kühlschrank. Sie beugte sich herunter, zog einen schmalen Karton hervor und entnahm ihm eine pinkfarbene Sektflasche. Sie trug die Sektflasche zum Fass und drehte sie so, dass sie das Etikett sehen konnte. Dann setzte sich und nahm das Weinglas wieder zur Hand. Vom Hals der Sektflasche baumelte ein Kärtchen herunter, das mit einem Band befestigt war, dessen Pink exakt den Farbton der Flasche traf. Sie trank einen Schluck Wein und drehte das Kärtchen herum, sodass sie den Text lesen konnte. Sie verzog den Mund zu einem Lächeln. Sie dachte an die vielen schönen Momente, die sie zusammen erlebt hatten. Dann dachte sie an Oliver.

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich.

Sie trank das Glas leer und stellte es ab. Achim Dutt, schoss es ihr in den Kopf. Natürlich, warum war sie nicht sofort darauf gekommen? Der weinwissende Kunde war niemand Geringeres als der bekannte Moselwinzer und Chefredakteur eines der bedeutendsten deutschen Weinführer. Was zum Teufel hatte Dutt in ihrem Laden gesucht? Warum hatte er nach Wöhlers Weinen gefragt?

Morgen Abend würde Julian Somerset, Dutts Intimfeind, zu einer Kreuzfahrt auf den Rhein laden, um Werbung für die aktuelle Ausgabe seines Weinmagazins zu machen. Noll war eingeladen und freute sich bereits auf das Event. Der große Rollkoffer war schon gepackt. War Dutts Auftritt in Koblenz reiner Zufall, oder hatte er etwas mit Somersets Rheinreise zu tun? Schließlich hatte er gesagt, er befände sich auf der Durchreise.

EINS

MS Rheinvision, Rheingau, 26. November, 23:47 Uhr

Der Barkeeper lächelte vielsagend, als Jaspal Wöhler den leeren Plastikbecher, der gerade noch einen Gin Tonic enthalten hatte, auf der Theke abstellte. Wie alle Angestellten trug der Barmann einen schwarzen Anzug mit roten Applikationen. Er schien zu wissen, dass Wöhler zu der Gruppe von Weinfachleuten gehörte, die diese Flusskreuzfahrt der MS Rheinvision mitmachten. Und er schien den Fachleuten Trinkfestigkeit zu unterstellen, die er vermutlich als unbedingte Voraussetzung für deren Beruf ansah.

Wöhler ging zu einer der Sonnenliegen, die neben dem Pool aufgereiht standen, streifte den weißen Frottee-Bademantel ab und warf das Handtuch auf die Liege. Er stellte sich unter die Dusche, genoss das warme Wasser, das seinen Körper liebkoste. Er drehte wieder ab und war nach wenigen Schritten an der Poolkante. Seine Smartwatch meldete zehn Grad Celsius. Erstaunlich warm für diese Uhrzeit Ende November, aber der scharfe Westwind verbündete sich mit dem Fahrtwind zu einem eisigen Luftzug. Wöhler sprang kopfüber in den menschenleeren Pool und war bereits nach drei kräftigen Schwimmzügen am anderen Ende angekommen. Er klatschte ab, schwamm wieder zurück und zog noch zwei weitere Bahnen, bevor er am rechten Poolrand eine Pause einlegte. Rechts, also Steuerbord, erinnerte sich Wöhler und schüttelte das Wasser aus Haaren und Ohren. Er genoss den wohltemperierten Pool, während der Wind um seinen Kopf pfiff.

Gestern Nachmittag hatte Wöhler in seiner früheren Heimatstadt Köln eingeschifft. Um 17 Uhr hatten sie abgelegt und über Nacht waren sie durch das Mittelrheintal an Bonn und Koblenz vorbeigefahren. Hinter Koblenz wurde das Tal enger und es war vorbei an Boppard, an der Loreley, Bacharach, Bingen und dann in den Rheingau gegangen. Um 9 Uhr morgens hatten sie Rüdesheim erreicht. Gegen Mittag hatten sie die Stadt wieder verlassen und waren weiter nach Mainz gefahren, dem Ziel dieser Kreuzfahrt. Natürlich hatte Wöhler sich ausgerechnet, wann genau sie an seinen eigenen Weinbergen vorbeikommen würden. Den Wecker hatte er auf halb fünf Uhr morgens gestellt, um den Ausblick auf den Bopparder Hamm auf keinen Fall zu verpassen. Fast eine halbe Stunde hatte er frierend am geöffneten Fenster gestanden. Aber dann, nachdem das Schiff Spay passiert hatte und an dem gewaltigen Amphitheater des Weinbergs vorbeigefahren war, war Wöhler für die Mühe belohnt worden.

Ein Güterzug war vorbeigedonnert, dann war es ganz still geworden, bis auf das sonore Geräusch des Schiffsmotors. Von seinem winzigen Balkon aus hatte Wöhler seine eigenen Weinberge gesehen, die längst im Winterschlaf lagen. Er hatte Gänsehaut bekommen, im Dunkeln war es schwer gewesen, sein Weingut hoch in den Weinbergen zu erkennen. Spätestens zu dem Zeitpunkt war er endgültig auf dieser Kreuzfahrt angekommen. Er wollte einfach für ein paar Tage abschalten und die Probleme vergessen, die an ihm nagten.

Sein Lebenswerk war in Gefahr.

Schade, dass Susanne nicht hatte mitkommen können, aber einer musste schließlich im Weingut die Stellung halten. Er hatte ihr eine WhatsApp-Nachricht inklusive Emoji mit Kussmund geschrieben. Sie war offline gewesen und hatte seine Nachricht erst nach dem Aufstehen gelesen.

Vor gut einer Stunde hatten sie in Mainz abgelegt und die Rückfahrt nach Köln angetreten. Von nun an ging es flussabwärts, immer in Richtung Nordsee.

»Jaspal, wovon träumst du?«, dröhnte ein sonorer Bass. Wöhler zuckte zusammen.

Vor ihm stand ein breitschultriger Mann mit weißen Turnschuhen, schwarzer Jeans, blauer Steppjacke und wallenden schwarzen Haaren. Paul Zeehse, sein Bopparder Künstlerfreund und ehemaliger Kompagnon. Letztlich hatte Wöhler es ihm zu verdanken, dass aus dem Aromaforscher von einst inzwischen ein veritabler Winzer geworden war. Nun ja, er forschte immer noch an Aromen, aber jetzt an solchen, die man trinken konnte und nicht an Parfüms, wie einst bei den Rheinischen Aromafabriken. »Hey, guck mal, Paul, der Wallufer Walkenberg da drüben. Eine der großen Weinlagen des Rheingaus.«

»Der gehört doch diesem Bacharacher Weingut, das sowohl Weine im Rheingau als auch im Mittelrheintal anbaut.«

»Stimmt. Dem Hahnenhof.« Wöhler bemerkte Zeehses bleiches Gesicht. Er schien sich noch nicht daran gewöhnt zu haben, auf dem Wasser zu sein, obwohl das Schaukeln sich in Grenzen hielt.

»Jetzt gehörst du selber zu den Top Ten, Jaspal. Der Somerset hat eine echt tolle Rede gehalten. Du kannst stolz auf dich sein. Das wird die Verkäufe wieder ankurbeln.« Er wischte sich über die schweißige Stirn.

»Das ist auch bitter nötig. Der nächste Jahrgang steht vor der Tür und im Keller stapeln sich immer noch die Flaschen. Ich hatte mich auf die Großbestellung aus Japan verlassen … Einfach storniert haben die … Aber jetzt geht mir das alles ein bisschen zu schnell. Als ich die Einladung von Julian Somerset für die Rheinkreuzfahrt bekam, wusste ich nicht, dass er mich zum Aufsteiger des Jahres in seinem Weinguide machen würde. Ich trau dem Braten nicht ... Die Weinkritiker schreiben dich genauso schnell hoch, wie sie dich wieder runterschreiben. Die brauchen Aufmerksamkeit, sonst kauft niemand Ihre Weinführer ... Komm in den Pool, Paul, das ist unglaublich erfrischend.«

»Diese Art von Erfrischung ist nur was für solche indischen Fakire wie dich. Ich bin gleich wieder da.« Zeehse drehte sich abrupt um und steuerte zielsicher die Theke an.

Wöhler tauchte ins Wasser ein und kraulte ein paar Bahnen durch den Pool, um sich wieder warm zu schwimmen. Paul Zeehse war nie um einen lockeren Spruch verlegen und man konnte ihn leicht für einen oberflächlichen Showman halten. Der Aromaforscher aber wusste, dass der Künstler das Herz am rechten Fleck trug. Für ihn war Zeehse ein Freund, auf den er sich hundertprozentig verlassen konnte. Ein Fels in der Brandung, den so schnell nichts umhaute. Nur als Kompagnon im Weingut war er nicht zu gebrauchen gewesen. Dafür war er zu sehr Künstler, sprühte stets vor Inspiration, sprang ungeduldig von einem Projekt zum anderen. Aber Spitzenwein zu machen, das erforderte Akribie, Geduld und körperlich harte Arbeit.

Als Wöhler kurz am Beckenrand pausierte, sah er, dass Zeehse sich immer noch an der Theke aufhielt. Neben ihm stand eine kleine Frau mit neongelber Jacke und schwarzer Wollmütze. Die beiden unterhielten sich angeregt. Dem Künstler schien es wieder besser zu gehen.

Wöhler beschloss, inzwischen erfrischt genug zu sein und kletterte aus dem Pool heraus. Schnell griff er sich das Handtuch, duschte, ging zurück zur Liege. Er trocknete sich ab, wickelte sich in den Bademantel, zog die nasse Badehose aus und die Kapuze über den Kopf. Der Wind pfiff eisig. Er hasste es, sich zu erkälten, weil er nichts mehr riechen konnte, wenn er Schnupfen hatte. Und auch wenn er gemeinhin kein Hypochonder war: Vor einer Erkältung hatte er wirklich Angst. Was konnte man als professioneller Aromaforscher schon noch ausrichten, wenn man seinen Geruchssinn verloren hatte?

Wöhler ging vom Pool in Richtung Bug. Die Badehose stopfte er in die Tasche des Bademantels. Vor dem Steuerhaus war die kleine Theke, an der Zeehse und die Frau standen. Er rief ihnen zu, gleich zu ihnen zu kommen und nahm die Treppe nach unten. Angekommen auf Deck zwei ging er über den hellgrünen Teppich und suchte nach der Nummer 220.

Die MS Rheinvision war ein schwimmendes Fünf-Sterne-Hotel, ein hochmodernes Flusskreuzfahrtschiff, das fast 200 Gästen Platz bot und mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet war. Auf dem Oberdeck gab es nicht nur den beheizten Pool und die Bar, sondern einen großzügigen Restaurantbereich und sogar ein Putting Green inklusive Minigolfbahn. Auf Deck zwei waren im Bugbereich verschiedene Restaurants und Lounges, im hinteren Teil befand sich der Kabinentrakt. Man konnte es hier aushalten.

Wöhler hielt seine Karte an das Türschloss, ein grünes Licht leuchtete auf. Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, streifte den Bademantel ab und warf ihn auf das Bett. Er nahm die rosafarbene quadratische Pappschachtel vom Kopfkissen, öffnete sie und stopfte sich die Praline gierig in den Mund. Der Aromaforscher genoss das Feuerwerk aus dunkler Schokolade, Marzipan, Walnüssen und Rosen, das in seinem Mund explodierte. Während er genüsslich kaute, zog er Unterhose und Jeans an, streifte ein dunkles T-Shirt über. Er ging in die Badezimmerkabine, rubbelte sich die Haare trocken. Dann zog er einen blauen Seemannspullover über, griff nach der Jacke und machte sich auf den Weg zurück zum Deck vier. Als er von der Treppe hinaus ins Freie trat, sah er bereits, dass Zeehse inzwischen allein an der Theke stand. Er ging auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schultern. »Na Paul, die Frauen halten es nicht lange mit dir aus, was?«, frotzelte er.

»Sie haben Angst vor meinem einnehmenden Wesen. Auch ein Pils?«

»Das Beste an der Weinprobe ist das Bier danach.«

Zeehse hielt zwei Finger in die Höhe und der Barkeeper machte sich sofort ans Zapfen. »Sympathische Frau übrigens«, sagte er.

»Wer ist sie? Gehört sie zu uns?«

»Das war Charlotte Noll. Wir kennen uns von früher. Sie hat einen netten Weinladen in Koblenz und ich habe sie ganz scharf auf deine Weine gemacht. Sie wird dich noch drauf ansprechen.«

»Prima, das hört sich nach Umsatz an. Dachte ich doch, dass ich sie vorhin bei Somersets Event gesehen hätte. Wär doch schön, wenn man unsere Weine endlich auch in Koblenz kaufen könnte.« Jaspal prostete Zeehse zu und trank einen Schluck des gut gekühlten Biers. »Du hast ja eine Menge Fotos geschossen bei der Preisverleihung.«

»Stimmt. Waren ein paar ganz famose Exemplare dabei.«

Wöhler schaute fragend.

»Was guckst du mich so an. Ich meine den Nacktkalender. Vielleicht mache ich nicht nur einen mit Winzerinnen und Winzern. Nackte Weinjournalisten wären auch eine lohnende Thematik. Vielleicht schmuggle ich auch noch ein paar Weinhändlerinnen darunter.« Zeehse grinste breit und trank sein Bier auf einen Zug leer. Sein Gesicht hatte wieder ein wenig mehr Farbe angenommen.

»Ich dachte, das mit dem Nacktwinzerkalender wäre nur so eine fixe Idee gewesen. Ich wünsche dir, dass du genügend Freiwillige findest ... und dass nachher auch jemand deine Kalender kauft.«

»Du machst dir Sorgen. Wird der Renner, glaub mir.«

»Wollen wir mal aufs Wasser schauen? Ich meine nur, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Nun mach mal halblang. Das bisschen Geschaukel haut doch einen Mann wie mich nicht um.«

Wöhler unterdrückte ein Grinsen. Gemeinsam gingen sie zur Reling und genossen den Ausblick auf die Weinberge des Rheingaus, die an ihnen vorbeizogen. Der Wind hatte etwas abgeflaut, trotzdem bereute Wöhler es bereits, dass er keine Mütze auf die Reise mitgenommen hatte. Er hatte nur an die Preisverleihung gedacht, an feine Restaurants und chillige Lounges und dabei fast vergessen, wie schön, aber auch kalt es an Deck sein konnte. Er sog die frische Luft ein, das leicht brackig riechende Rheinwasser. »Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie die Reben hier dicht an dicht stehen. Und daran denke, wie viele Brachen wir am Mittelrhein in tollsten Lagen haben.«

Anstatt zu antworten, krallte sich Zeehse mit der rechten Hand an der Reling fest und deutete mit der Linken in Richtung Bug.

»Da vorn. Schau mal. Das klappt doch nie.« rief er aus. Nun wurde er wieder so bleich wie zuvor.

Jetzt sah Wöhler es auch. Er erkannte die Umrisse eines großen Schiffes, das direkt auf sie zusteuerte. Schon trötete das Horn der MS Rheinvision in ohrenbetäubender Lautstärke. Einige Gäste, die noch auf dem Oberdeck waren, riefen durcheinander. Ein paar Mutige stellten sich wie Wöhler und Zeehse an die Reling, die weniger mutigen verließen das Deck eilig über das Treppenhaus. Die Rheinvision machte einen kräftigen Schlenker nach Backbord. Schon war das andere Schiff auf Höhe des Bugs der Rheinvision und kam rasant näher. Wöhler stand starr an der Reling. Nun krallte er sich genauso wie Paul Zeehse mit beiden Händen am Gestänge fest. Das Containerschiff fuhr so dicht an ihnen vorbei, dass Wöhler beinahe mit der Hand an die gegenüberliegende Reling fassen konnte. Die Rheinvision begann, bedrohlich zu schaukeln. Dem Aromaforscher stockte der Atem, als er die Container mit Aufschriften wie ›Maersk Sealand‹ oder ›China Shipping‹ vorbeirauschen sah. Schließlich folgte das Führerhaus, das so weit hochgeschraubt war, dass es über die Container hinüberschauen konnte. Wöhler sah den Kapitän, der angestrengt nach vorne blickte, beide Hände am Steuer.

Der Aromaforscher löste sich erleichtert von der Reling, als er begriff, dass das Containerschiff an ihnen vorbeigefahren war, ohne das Kreuzfahrtschiff auch nur zu berühren. Nur das Schwanken der Rheinvision war geblieben. Die beiden Kapitäne hatten hervorragend reagiert. Er nahm sich fest vor, sein Weingut genauso sicher durch die turbulente Zeit zu führen, die vor ihm lag.

In diesem Moment sah er, dass Zeehse leichenblass geworden war. Der Künstler hielt sich die Hand vor den Mund und stürmte zum Treppenhaus.

ZWEI

MS Rheinvision, Rheingau, 26. November, 0:30 Uhr

Wöhler stand noch immer an der Reling, er konnte den Blick nicht von den Weinbergen lösen. Inzwischen lag die MS Rheinvision wieder genauso ruhig im Wasser wie vor der Beinahe-Kollision mit dem Containerschiff. Kapitän Jan Fohrenburg hatte danach eine launige Ansage gemacht, in der er beteuerte, alles im Griff gehabt zu haben. Er hatte von zwei Meter hohen Wellen gesprochen, die die Rheinvision nicht umhauen würden und die Besatzung daran erinnern würden, dass wir in Richtung Nordsee schipperten. Abschließend hatte er sich für die Störung entschuldigt und den Gästen eine angenehme Nachtruhe gewünscht.

Zeehse hatte sich seit seinem plötzlichen Abgang nicht mehr an Deck sehen lassen. Der Aromaforscher kannte den Künstler gut genug, um zu wissen, dass er jetzt lieber allein sein wollte. Spätestens beim Frühstück wäre er wieder die personifizierte Lebensfreude und würde sich alle Mühe geben, seinen abendlichen Schwächeanfall vergessen zu machen.

Wöhler spürte eine sanfte Berührung am rechten Arm.

»Sie können auch nicht schlafen?«, fragte die zierliche Frau mit der schwarzen Wollmütze und der neongelben Jacke.

»Die frische Luft hier oben ist herrlich belebend. Und dann der Rheingau. Ich kann die Augen gar nicht davon lassen.«

»Sie sind verliebt?«

Wöhler stutzte. Dann versuchte er eine schlagfertige Antwort: »In das Rheintal, mit seinen Burgen, der faszinierenden Landschaft und den fantastischen Weinlagen.«

»Und was ist mit den Menschen?« Die Frau musterte ihn amüsiert von der Seite.

»Na, die sind natürlich auch sehr liebenswert«, erwiderte Wöhler irritiert. »Die meisten jedenfalls.« Er schaute in ein Paar hellwacher, blauer Augen, die in einem lächelnden Gesicht saßen. Die Grübchen standen ihr ausgezeichnet. Er hielt ihrem Blick einige Sekunden lang stand. »Sie sind auch wegen Julian Somerset hier, sagte mein Freund Paul.«

»Wenn Paul schon alles erzählt hat, habe ich gar keine Geheimnisse mehr vor Ihnen. Wie langweilig.«

»Ihre erste Kreuzfahrt?«

»Ach, Herr Wöhler ...« Sie beugte sich über die Reling, drehte sich um und stand nun mit dem Rücken zum Rhein.

Wöhler ging automatisch einen Schritt rückwärts, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen.

»Sie sind Aromaforscher?«

»Ich bin Chemiker und habe viele Jahre in der forschenden Aromaindustrie in Köln gearbeitet. Wir haben unter anderem neue Parfüms entwickelt. Aber das, was ich jetzt mache, ist viel aufregender. Die Traube erzeugt die Aromen im Wechselspiel mit dem Wetter, dem Boden und der Arbeit des Winzers. Jedes Jahr eine neue Offenbarung der Natur.«

»Herr Wöhler, das haben Sie wunderschön ...«

»Jaspal, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Charlotte.«

Sie reichten einander die Hand. Ihre fühlte sich kühl, aber weich an.

»Julian Somerset hat wirklich eine sehr hohe Meinung von dir. Ich kann das gut verstehen. Du hast dir die Auszeichnung redlich verdient. Die Lössruhe, dein Riesling aus dem Feuerlay, der goldenen Mitte des Bopparder Hamm, hat mir besonders gut gefallen. Diese reifen, tropischen Aromen, Ananas, Mango mit der feinen Würze im Hintergrund. Man kann gar nicht mehr aufhören, zu schwelgen. Wenn man nicht aufpasst, ist die Flasche ruckzuck leer.«

»Dankeschön. Das ist exakt die Aromaforschung, die ich meine.«

»Fährst du bis Köln mit?«

»Klar. Wer weiß, wann ich das nächste Mal auf einer Kreuzfahrt bin. Und du?«

»Auch ... Ist natürlich schon merkwürdig für mich, einen Landausflug nach Koblenz zu machen. Ich kenne die Stadt ja fast so gut wie das Innere meiner Handtasche. Es gibt da ein furchtbar nettes Café, gleich um die Ecke von meinem Weinladen. Hättest du Lust, oder bist du schon mit Paul ...?«

»Gerne«, sagte Wöhler etwas zu schnell. Er spürte, dass diese Frau mehr als ein Geheimnis mit sich herumtrug und er war neugierig darauf, mehr über sie zu erfahren. Außerdem gefiel ihm, dass mit ihr, im Gegensatz zu den anderen Weinfachleuten hier auf dem Schiff, auch ein normales Gespräch möglich war. Paul hatte ohnehin eigene Pläne für Koblenz. Er wollte sich ein Motorrad ausleihen und eine Spritztour an die Mosel machen. Der Aromaforscher hatte sofort abgewunken, denn das wäre überhaupt nicht sein Ding gewesen. Er ging jetzt wieder zurück an die Reling und stellte sich neben Noll.

»Ist das nicht Geisenheim da drüben?«, fragte sie.

Wöhler nickte. »Seitdem viele junge Winzer an der Geisenheimer Hochschule studieren, hat sich im deutschen Weinbau eine Menge getan. Die Qualität war noch nie so hoch wie heutzutage.«

»Aber es geht auch ohne, du bist ja das beste Beispiel.«

»Ich hatte ganz tolle Lehrer. Daniel Alt zum Beispiel. Hat auch in Geisenheim studiert. Leider ist er unter sehr tragischen Umständen ums Leben gekommen.« Er machte eine Pause und atmete tief durch. »Sein Vater Alfred steht mir mit Rat und Tat zur Seite. Ohne ihn wäre ich auch heute noch ziemlich aufgeschmissen. Mir fehlt einfach die praktische Erfahrung und es gibt immer wieder Situationen wie extrem feuchtes Wetter oder ungewöhnliche Hitzeperioden, da ist seine Hilfe Gold wert.«

»Ich erinnere mich an die Zeitungsartikel über den Mord. Schreckliche Geschichte. Habt ihr deswegen fusioniert?«

»Ja, genau. Alfred wusste, dass er es nicht allein schafft. Nicht nur mental. Seit Daniels Tod ist er nie mehr der Alte geworden.«

»Warum ausgerechnet Boppard?«

Wieder war Wöhler überrascht. Über die Art, wie Noll ihre Fragen stellte. Und über deren Inhalt, der erkennen ließ, dass sie genau hinschaute, fragte, zuhörte und ihre Schlüsse zog. Er freute sich schon jetzt auf den gemeinsamen Trip nach Koblenz. »Ach, das ist eine lange Geschichte ... Letztlich war es Pauls Idee gewesen, dass ich das Weingut seiner Tante Lizzie übernehme. Und du hast ja selbst geschmeckt, was für tolle Weine der Bopparder Hamm hervorbringt.«

»Hervorbringen kann. Wenn man ein Händchen dafür hat.« Noll nahm die Wollmütze ab. Der Wind zerzauste ihre blonden Haare, sie ordnete sie wieder notdürftig und stülpte die Mütze darüber. »Weißt du, an wen du mich erinnerst?«

»Ich denke schon ... Der Wissenschaftsjournalist indischer Abstammung ist schließlich sehr bekannt. Aber du schuldest mir noch die Antwort auf meine Frage nach der ersten Kreuzfahrt.«

»Okay, Jaspal, der Punkt geht an dich.« Sie schmunzelte, schien einen Moment zu überlegen. »Hast du eigentlich schon mal Eiswein geerntet?«

»Leider nein. Und wenn ich mir die Klimaveränderung vor Augen führe ...« Jetzt leitete sie also doch zu Weinthemen über. Immerhin hatte sie nicht das neue Weingesetz angesprochen. Wenn Wöhler daran dachte, was die Apparatschiks aus Brüssel und aus dem Landwirtschaftsministerium gerade planten, dann fühlte er ein Drücken in der Magengegend. »Ich mache mir sowieso große Sorgen um den Weinbau am Mittelrhein. Immer weniger junge Leute haben Lust auf die schwere Arbeit in den Steillagen. Wir müssen höhere Preise verlangen, als die Winzer in Rheinhessen, der Pfalz und Baden, wo die Weinbergarbeit weitgehend automatisiert abläuft. Bei uns ist das ja alles Handarbeit. Aber nicht jeder Kunde ist bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen.«

»Und dazu noch der Klimawandel ...«

»Die Trauben werden in manchen Jahren regelrecht gekocht, wegen der Trockenheit müssen wir unsere Weinberge bewässern und den Eiswein können wir uns ohnehin abschminken. Du merkst ja, wie warm es schon wieder ist. Wir haben Ende November!«

»Dann gibt es bald Syrah vom Bopparder Hamm statt aus Chile?«

»Ja, vielleicht. Ich mach mir schon Sorgen um die Zukunft des Weinbaus, wie wir ihn kennen.«

»Ach, Jaspal, jetzt wo Somerset dich gerade in den Olymp befördert hat.«

»Vielleicht ein Pyrrhus-Sieg.«

Noll umfasste Wöhlers Taille, drehte ihn zu sich hin, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. »Ich muss mal kurz wohin. Du läufst mir nicht weg, ja?«

Wöhler blickte ihr überrascht nach, wie sie auf das Treppenhaus zusteuerte. Ihr federnder Gang verriet, dass sie gut trainiert war.

Sein Handy klingelte. Ungewöhnlich für die Uhrzeit. Wöhler schaute auf das Display. Es war Susanne. Er bekam sofort ein schlechtes Gewissen.

DREI

MS Rheinvision, Rheingau, 26. November, 1:05 Uhr

»Jaspal, ich kann nicht einschlafen. Wie war der Abend mit Somerset?«, fragte Susanne.

Wöhler musste das Handy dichter ans Ohr pressen, um trotz des Fahrtwinds telefonieren zu können. »Ist was passiert?«, fragte er besorgt.

»Erzähl du erstmal.«

Wöhler fasste in kurzen und präzisen Worten zusammen, wie der Abend verlaufen war. Aus seiner Zeit als Manager der Rheinischen Aromafabriken war er den ›Elevator-Pitch‹ gewohnt, in dem es darum ging, die Botschaft so komprimiert und überzeugend wie möglich rüber zu bringen. Die Begegnung mit Charlotte Noll ließ er unerwähnt.

»Toll, Jaspal, ich freu mich so für dich. Herzlichen Glückwunsch. Wenn jemand diese Auszeichnung verdient hat, dann du.«

»Wir, Susanne. Gestern Abend wurde das Weingut Wöhler und Alt ausgezeichnet. Und du bist eine unserer wichtigsten Säulen.«

»Ich weiß nicht, Jaspal, genau darüber mache ich mir ja Gedanken.«

Wöhler schwante bei dieser Einleitung nichts Gutes. Er musste ein Gähnen unterdrücken, aber nur aus körperlicher Müdigkeit. Sein Geist war auf volle Aufmerksamkeit geschaltet. Genau genommen auf höchste Warnstufe. »Bitte sag schon, was los ist«, sagte er.

»Ach weißt du, Jaspal, ich hab dich ja wirklich gern. Die Arbeit im Weingut geht mir leicht von der Hand, ich mag den Umgang mit den Kunden. Ich merke mir die Namen ihrer Kinder und Enkelkinder, ihre persönlichen Geschichten. Es freut mich, wenn sie wiederkommen und genauso freut es mich, zu sehen, wie unser Betrieb sich weiterentwickelt. Wir beide sind ein perfekt eingespieltes Team. Du kümmerst dich um die Reben und um die Arbeit im Keller. Und ich manage die Kundenkontakte.«

Das klingt nach einem großen ›Aber‹, dachte Wöhler und sprach den Gedanken dann auch offen aus.

»Mein Exmann war ein riesengroßes Arschloch und ich bin heilfroh, dass ich ihn los bin. Manchmal, wenn ich abends allein im Weingut bin, dann bekomme ich Angst, dass er plötzlich vor meinem Bett steht, um mich dafür zu bestrafen, dass ich ihn verlassen habe. Du weißt, was ich meine. Ich schließe immer alle Türen ab, lege alle Riegel vor, selbst die im Keller.«

»Das tut mir leid, Susanne, das wusste ich nicht. Sollen wir eine Alarmanlage installieren lassen?«

»Ach, das ist ganz lieb, aber ...«

»Ich bin doch übermorgen schon wieder da«, versuchte er zu beschwichtigen.

»Ich weiß. Das mit meiner Angst vor Armin ist schlimm, aber nicht der eigentliche Grund, warum ich nicht schlafen kann.«

Noch ein ›aber‹, dachte Wöhler, sagte diesmal aber lieber nichts.

»Ich hatte viele Träume, damals im Studium. Ich wollte die ganz Großen, die tragischen Rollen spielen. Von einer Person in die andere schlüpfen und völlig verschmelzen mit der Rolle. Als Schauspielerin auf der Bühne stehen und im Applaus der Zuschauer baden. Oder ihre Buhrufe ertragen, weil wir sie erfolgreich provoziert haben.«

Wöhler räusperte sich verlegen. Er hatte sich gleich bei ihrer ersten flüchtigen Begegnung in Susanne verliebt, weil ihre verträumte und zugleich selbstbewusste Art ihn magisch angezogen hatte.

»Mit Claus hatte ich eine wunderbare Zeit, aber der wollte ja lieber Pfarrer werden. Dann kam Armin und schließlich unser Sohn. Ich habe im Weingut ausgeholfen, wo ich konnte und dann war ich so drin in der Tretmühle, dass ich über die Jahre all meine Träume fast vergessen habe.«

»Und jetzt stehst du immer noch jeden Tag im Verkauf, lässt die Kunden Weine probieren und erklärst mit einer Engelsgeduld die Unterschiede zwischen den Rieslingen aus dem Feuerlay und aus dem Fässerlay. Und trotzdem wird der Keller nicht leer, stapeln sich die Flaschen.«

»Du verstehst, was ich meine.«

»Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde, Susanne... Nicht nur im Weingut. Wir werden eine Lösung finden. Gut, dass du angerufen hast. Viel besser, als wenn du das alles für dich behalten würdest.«

»Oder, wenn ich alles in mich hineinfressen würde.«

»Da mach ich mir bei dir aber überhaupt keine Sorgen.« Wöhler war froh, dass sie schon deutlich heiterer klang als zuvor. »Lass uns Schlafen gehen, Schatz. Wie gesagt, wir finden eine Lösung.«

Sie verabschiedeten sich mit Küssen voneinander.

Wöhler betrachtete gedankenverloren das Telefon. Er seufzte. Er hatte keine Ahnung, worin die Lösung bestehen würde, die er so vollmundig versprochen hatte.

Der Aromaforscher steckte sein Handy in die Hosentasche und wandte sich zum Gehen. Genau in diesem Moment kam Charlotte Noll mit leichenblassem Gesicht auf ihn zu gerannt. Sie blieb vor der Reling stehen, zog die neongelbe Jacke aus und warf sie im hohen Bogen in den Rhein. Dann streifte sie die Wollmütze ab, schleuderte sie hinterher. »Jaspal«, keuchte sie. »Bitte sag niemandem etwas. Er will mich umbringen. Ich habe in seine Augen geschaut. So voller Wut. Bitte, du musst mir versprechen, dass du schweigst!«

»Ja, aber ...«

»Du musst es mir versprechen. Ehrlich.« Sie ergriff seine rechte Hand und drückte sie fest. Dann war sie mit einem Satz auf der Reling und stürzte sich kopfüber ins Wasser.

Wöhler hatte noch versucht, sie zu fassen zu bekommen, aber sie war zu schnell gewesen. Fassungslos beobachtete er, wie ihr Körper eintauchte und in den Fluten verschwand. Er schaute sich um, aber weit und breit war kein Mensch an Deck zu sehen. Fieberhaft suchte er nach der Stelle, an der Noll ins Wasser eingetaucht war. Er meinte, ihren Kopf zu erkennen, doch dann war das Schiff längst weitergefahren und er hatte keine Chance mehr, sie zu sehen.

Charlotte war verschwunden.

Wöhlers Beine zitterten, das Herz klopfte wütend gegen die Brust. Der Rhein war hier bestimmt fast einen Kilometer breit. Hatte sie eine Chance, selbst wenn sie eine noch so hervorragende Schwimmerin sein sollte? Würde sie jemand am Ufer finden und retten? Oder würde sie als vermisst gemeldet werden und nie wieder auftauchen? Oder irgendwann rheinabwärts als Leiche? Bei den eisigen Temperaturen! Vor wem hatte sie solche Angst gehabt?

Er sah das wuterfüllte Gesicht seines Vaters vor sich und wusste, dass er sich diesmal an sein Versprechen halten würde. Er hatte keine andere Wahl. Mit einem Kopf, der völlig leer war und gleichzeitig vor Gedanken zu zerplatzen drohte, taumelte Wöhler zum Treppenhaus.

VIER

MS Rheinvision, Koblenz, 27. November, 8:30 Uhr

»Hey, Jaspal, was für eine Laus ist dir denn heute Morgen über die Leber gelaufen? Ich hol uns erstmal ein Sektchen, damit du aufwachst«, dröhnte der Bass von Paul Zeehse.

Wöhler köpfte missmutig sein Frühstücksei und schaute auf. Er hatte nichts anderes erwartet. Zeehses dunkle Haare klatschten noch nass am Kopf, oben drauf saß eine quietschgrüne Brille. Natürlich war der Künstler hellwach und bester Dinge. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst. »Wie kannst du früh morgens nur so munter sein«, maulte der Aromaforscher.

»Schau dich mal um, auf unserem schwimmenden Luxushotel. Angenehmer kann der Tag doch gar nicht beginnen.« Mit einer ausladenden Armbewegung stapfte Zeehse zum Büffet.

Wöhler war froh, einen der Fensterplätze an der Backbordseite ergattert zu haben. Er schaute auf den Rhein, dachte an die gestrige Nacht. Ihm schauderte. Vor gut zwei Stunden hatte die MS Rheinvision kurz vor dem Deutschen Eck festgemacht. Wenn Wöhler jetzt durch die Panoramafenster auf der Steuerbordseite schaute, sah er bereits die ersten Passagiere in Richtung der wartenden Reisebusse strömen. Es hatte leicht zu nieseln begonnen und so spürte der Aromaforscher immer weniger Lust, den heutigen Tag damit zu verbringen, die Stadt zwischen Rhein und Mosel zu erkunden.

»So, hier kommt der Schampus, wie versprochen«, unterbrach Zeehse Wöhlers trübe Gedanken. Der Künstler balancierte in der einen Hand zwei bis zum Rand gefüllte Sektgläser, in der anderen hielt er einen Teller, auf dem Rührei, Würstchen, Speck, Käse und ein Brötchen übereinander gestapelt waren.

»Es ist nicht verboten, mehr als einmal zum Buffet zu gehen. Ich weiß nicht, ob du davon schon mal gehört hast«, brummte Wöhler, der dieses typisch touristische Verhalten schon immer belächelt hatte.

»Jaja und jeder Gang macht schlank. Ich weiß. Jetzt aber erstmal Prost.« Zeehse ließ sich die gute Laune nicht verderben, setzte sich gegenüber von Wöhler hin, sie ließen die Gläser klirren.

Wöhler sog die Aromen von frischen Äpfeln, Hefe und Kräutern ein. »So ein Riesling-Sekt am Morgen belebt selbst mich ein wenig.«