Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Horst Rieck - E-Book
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Beschreibung

Im Alter von zwölf Jahren kommt Christiane F. in einem Jugendheim zum Haschisch, kurz darauf in einer Diskothek zum Heroin. Sie wird süchtig, geht vormittags zur Schule und nachmittags mit ihren ebenfalls heroinabhängigen Freunden auf den Kinderstrich am Bahnhof Zoo. Die Berlinerin Christiane F. erzählt mit minuziösem Erinnerungsvermögen und rückhaltloser Offenheit ihre traurige Geschichte. Ein Buch, das in den 70er Jahren Deutschland erschütterte - und bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

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CARLSEN-Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- und strafrechtlich verfolgt werden. Veröffentlicht im Carlsen Verlag 2009 Copyright © stern Buch im Verlag Gruner + Jahr AG & Co KG, Hamburg Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck Umschlagbild: Jürgen Müller-Schneck Umschlaggestaltung: formlabor Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92232-5 Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Die Anklage

Auszüge aus der Anklageschrift des Staatsanwalts beim Landgericht Berlin vom 27. Juli 1977

Die Schülerin Christiane Vera F. wird angeklagt, als Jugendliche mit Verantwortungsreife in Berlin nach dem 20. Mai 1976 fortgesetzt vorsätzlich Stoffe bzw. Zubereitungen, die den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes unterstehen, ohne die erforderliche Erlaubnis des Bundesgesundheitsamtes erworben zu haben.

Die Angeschuldigte ist seit Februar 1976 Heroinverbraucherin. Sie injizierte sich – anfangs in Abständen, später täglich – ungefähr ein Szeneviertel. Seit dem 20. Mai 1976 ist sie strafrechtlich verantwortlich.

Anlässlich zweier Kontrollen am 1. und 13. März 1977 wurde die Angeschuldigte in der Halle des Bahnhofs Zoo und auf dem U-Bahnhof Kurfürstendamm angetroffen und überprüft. Sie führte 18 mg bzw. 140,7 mg einer heroinhaltigen Substanz mit sich.

Außerdem wurde am 12. Mai 1977 in der persönlichen Habe der Angeschuldigten ein Stanniolbriefchen gefunden, welches ebenfalls 62,4 mg einer heroinhaltigen Substanz enthielt. Bei ihr wurden auch Fixerutensilien gefunden. Die PTU-Untersuchung ergab auch, dass an den Fixerutensilien teilweise heroinhaltige Anhaftungen vorhanden waren. Auch die Urinprobe ergab einen Morphingehalt.

Am 12. Mai 1977 fand die Mutter der Angeschuldigten, Frau U. F., in der persönlichen Habe ihrer Tochter 62,4 mg einer heroinhaltigen Substanz, die sie der Kriminalpolizei übersandte.

In ihrer Einlassung gab die Angeschuldigte an, seit Februar 1976 Heroinkonsumentin zu sein. Sie sei außerdem im Winter 1976 der Prostitution nachgegangen, um so das Geld für den Heroinkauf zu beschaffen.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die Angeschuldigte auch weiterhin Heroin konsumiert.

Das Urteil

Auszüge aus dem Urteil des Amtsgerichts Neumünster vom 14. Juni 1978. Urteil im Namen des Volkes

In der Strafsache gegen die Schülerin Christiane Vera F. wegen Op.-Vergehen.

Die Angeklagte ist des fortgesetzten Erwerbs von Betäubungsmitteln in Tateinheit mit fortgesetzter Steuerhehlerei schuldig. Die Entscheidung, ob Jugendstrafe zu verhängen ist, wird zur Bewährung ausgesetzt.

Gründe: Die Angeklagte hat bis zu ihrem 13. Lebensjahr eine normale Entwicklung durchlaufen. Sie ist überdurchschnittlich intelligent und hatte durchaus erfasst, dass der Erwerb von Heroin eine mit Strafe bedrohte Handlung darstellt. Zwar bestehen hinreichend Anzeichen dafür, dass die Angeklagte bereits am 20. Mai 1976 drogenabhängig war (vor der Strafmündigkeit). Dadurch war jedoch weder ihre strafrechtliche Verantwortlichkeit noch ihre Schuldfähigkeit ausgeschlossen. Die Angeklagte hatte zwischenzeitlich ihre Situation durchaus erkannt und sich selbst um einen Entzug bemüht. Sie war daher durchaus in der Lage, das Unrecht ihres Verhaltens einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.

Die Prognose für die Zukunft ist jedenfalls im gegenwärtigen Zeitpunkt günstig, wenn auch nicht gesagt werden kann, dass bei der Angeklagten ein Rückfall ausgeschlossen ist. Der weitere Werdegang der Angeklagten muss zumindest in nächster Zeit mit Aufmerksamkeit verfolgt werden.

Es war wahnsinnig aufregend. Meine Mutter packte tagelang Koffer und Kisten. Ich begriff, dass für uns ein neues Leben anfing.

Ich war sechs geworden und nach dem Umzug sollte ich zur Schule gehen. Während meine Mutter pausenlos packte und immer nervöser wurde, war ich fast den ganzen Tag beim Bauern Völkel. Ich wartete, dass die Kühe zum Melken in den Stall kamen. Ich fütterte die Sauen und die Hühner und tobte mit den anderen im Heu. Oder ich trug die jungen Katzen herum. Es war ein herrlicher Sommer, der erste, den ich bewusst erlebte.

Ich wusste, dass wir bald weit wegfuhren, in eine große Stadt, die Berlin hieß. Zuerst flog meine Mutter allein nach Berlin. Sie wollte sich schon mal um die Wohnung kümmern. Meine kleine Schwester und ich und mein Vater kamen ein paar Wochen später nach. Für uns Kinder war das unser erster Flug. Alles war ungeheuer spannend.

Meine Eltern hatten herrliche Geschichten erzählt von der riesigen Wohnung mit den sechs großen Zimmern, in der wir nun wohnen würden. Und viel Geld wollten sie verdienen. Meine Mutter sagte, dann hätten wir ein großes Zimmer für uns ganz allein. Sie wollten tolle Möbel kaufen. Sie hat damals ganz genau erklärt, wie unser Zimmer aussehen sollte. Ich weiß das noch, weil ich als Kind nie aufgehört habe, mir dieses Zimmer vorzustellen. Es wurde in meiner Fantasie immer schöner, je älter ich wurde.

Wie die Wohnung aussah, in die wir dann kamen, habe ich auch nie vergessen. Wahrscheinlich, weil ich zunächst einen urischen Horror vor dieser Wohnung hatte. Sie war so groß und leer, dass ich Angst hatte, mich zu verlaufen. Wenn man laut sprach, hallte es unheimlich.

Nur in drei Zimmern standen ein paar Möbel. Im Kinderzimmer waren zwei Betten und ein alter Küchenschrank mit unseren Spielsachen. Im zweiten Zimmer war ein Bett für meine Eltern und im größten standen eine alte Couch und ein paar Stühle. So wohnten wir in Berlin-Kreuzberg, am Paul-Lincke-Ufer.

Nach ein paar Tagen traute ich mich mit dem Fahrrad allein auf die Straße, weil da Kinder spielten, die etwas älter waren als ich. In unserem Dorf hatten die Älteren immer auch mit den Kleinen gespielt und auf sie aufgepasst. Die Kinder vor unserer Wohnung sagten gleich: »Was will die denn hier?« Dann nahmen sie mir das Fahrrad weg. Als ich es zurückbekam, war ein Reifen platt und ein Schutzblech verbogen.

Mein Vater vertrimmte mich, weil das Fahrrad kaputt war. Ich bin dann nur noch in unseren sechs Zimmern mit dem Fahrrad gefahren.

Drei Zimmer sollten eigentlich Büro werden. Meine Eltern wollten da eine Heiratsvermittlung aufmachen. Aber die Schreibtische und Sessel, von denen meine Eltern sprachen, kamen nie. Der Küchenschrank blieb im Kinderzimmer.

Eines Tages wurden Sofa, Betten und Küchenschrank auf ein Lastauto geladen und dann zu einem Hochhaus in der Gropiusstadt gebracht. Da hatten wir nun zweieinhalb kleine Zimmer im 11.Stock. Und all die schönen Sachen, von denen meine Mutter gesprochen hatte, wären in das halbe Kinderzimmer gar nicht reingegangen.

Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufszentren. Von weitem sah alles neu und sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke. Das kam von den vielen Hunden und den vielen Kindern, die in Gropiusstadt leben. Am meisten stank es im Treppenhaus.

Meine Eltern schimpften auf die Proletenkinder, die das Treppenhaus verunreinigten. Aber die Proletenkinder konnten meist nichts dafür. Das merkte ich schon, als ich das erste Mal draußen spielte und plötzlich musste. Bis endlich der Fahrstuhl kam und ich im 11.Stockwerk war, hatte ich in die Hose gemacht. Mein Vater verprügelte mich. Als ich es ein paarmal nicht geschafft hatte, von unten rechtzeitig in unser Badezimmer zu kommen, und Prügel bekam, hockte ich mich auch irgendwo hin, wo mich niemand sah. Da man aus den Hochhäusern fast in jede Ecke sehen kann, war das Treppenhaus der sicherste Platz.

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