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Wie lange hat Sam auf den ersten Dezember gewartet! Jetzt geht es los mit der Gemütlichkeit, dem Lichterglanz, den Geheimnissen, dem Plätzchenbacken und der Weihnachtsdeko. Auch in der Schule ist auf einmal alles ganz aufregend. Sams Lehrerin zaubert einen magischen Adventskalender hervor, und jedes Kind darf einen Zettel mit den Zahlen 1 bis 24 ziehen. Wer die 24 bekommt, muss besonders gut darauf achtgeben, sonst fällt Weihnachten womöglich aus, sagt die Lehrerin augenzwinkernd. Doch dann geschieht genau das: Sam verliert den Zettel mit der 24! Zum Glück hat seine Freundin Esme schon eine Idee, wie sie Weihnachten retten können!
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ellen Karlsson
Wir müssen Weihnachten retten!
Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
© Deutschsprachige Ausgabe: Atrium Verlag AG, Imprint WooW Books, Zürich 2021
Alle Rechte vorbehalten
© Text: Ellen Karlsson
© Illustrationen: Cecilia Heikkilä
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
ISBN978-3-96177-582-8
www.WooW-Books.de
www.instagram.com/woowbooks_verlag
Heute ist der1. Dezember!
Wie hab ich auf diesen Tag gewartet, und jetzt ist er endlich da. Der allererste Tag vom Adventsmonat! Jetzt geht es los mit der Gemütlichkeit, dem Lichterglanz, den Geheimnissen, dem Plätzchenbacken und der Weihnachtsdeko.
Klar finden viele Menschen Weihnachten toll, aber es gibt niemanden, der es so sehr liebt wie ich! Ich finde alles an Weihnachten einfach nur schön!
Oder, na ja, fast alles. Es gibt eine Sache, die ich nicht so gut finde: den Lucia-Umzug, das Lichterfest am 13. Dezember. Ich mag es einfach nicht, von anderen Leuten angestarrt zu werden.
Zum Glück singen an unserer Schule nur die Drittklässler im Lucia-Chor, dieses Jahr bleibe ich also noch verschont. Und darum bin ich mir auch sicher, dass es ein perfekter Dezember wird!
Als ich an diesem Morgen unsere Klasse betrete, sehe ich als Erstes den Adventsstern im Fenster. Ein schöner großer gelber Stern, der gestern noch nicht dort hing. Ammi muss ihn aufgehängt haben, als wir im Hort waren.
Ammi ist unsere Klassenlehrerin.
Der Stern leuchtet so warm und wunderschön im Fenster. In mir drin breitet sich ein richtig weihnachtliches Gefühl aus, als ich mich auf meinen Platz im Sitzkreis auf der Gruppenmatte niederlasse. Sie ist eigentlich eine ganz normale blaue, große runde Bodenmatte mit vielen Punkten in unterschiedlichen Farben am Rand. Auf meinem Platz sind ein grüner, ein rosa und ein gelber Punkt.
Manchmal, wenn zwei Kinder, die nebeneinandersitzen, zu viel reden oder sich streiten, werden sie umgesetzt. Aber ich sitze schon seit Beginn der Vorschulklasse im August auf ein und demselben Platz.
»Guten Morgen, meine Lieblingskinder«, sagt Ammi.
Dann verstummt sie und schaut zu Vidar und Sarah und der leeren Stelle zwischen ihnen.
»Hm«, sagt sie. »Wer fehlt denn da?«
»Fideli!«, rufen wir im Chor.
Fideli sitzt normalerweise auf dem Platz zwischen Vidar und Sarah.
»Ach ja«, sagt Ammi. »Fideli ist heute krankgemeldet und kommt nicht in die Schule. Aber da fehlt doch noch jemand«, fährt sie fort und zeigt auf den leeren Platz neben mir.
»Ida!«, rufen alle.
»Nein, ich bin doch hier!«, sagt Ida von der anderen Seite der Matte und verzieht beleidigt den Mund.
»Genau, Ida sitzt ja da drüben«, sagt Ammi. »Weil sie den Platz getauscht hat. Dann fehlt jemand anders.«
Ich weiß, dass Esme fehlt, schweige aber. Ich sage nicht so gern allein was, lieber mit den anderen zusammen.
In dem Augenblick kommt Esme zur Tür herein.
»Sorry!«, ruft Esmes Mutter aus dem Flur. »Das ist meine Schuld, ich hab verschlafen.«
»Macht nichts«, sagt Ammi. »Wir haben gerade erst angefangen. Guten Morgen, Esme.«
»Hallo«, sagt Esme und setzt sich neben mich.
»Dann fangen wir wohl am besten mit der Namensrunde an, oder was meint ihr?«, sagt Ammi.
Man könnte denken, dass Ammi das als Frage meint, tut sie aber nicht, weil jeden Morgen alle Namen aufgerufen werden.
Was eigentlich überflüssig ist, weil man ja auch so gleich sieht, wenn im Sitzkreis jemand fehlt. Aber die Namensrunde ist eine Schulregel, und Schulregeln dürfen nicht gebrochen werden, selbst wenn sie überflüssig sind.
Ammi ruft vierundzwanzig Namen auf, aber nur dreiundzwanzig Kinder antworten mit Ja, weil Fideli schließlich krank ist.
»Heute ist es endlich so weit!«, sagt Ammi. »Heute ist der Tag des Magischen Kalenders!«
Sie hält einen Kalender hoch, sodass alle ihn sehen können. Wir erkennen beim besten Willen nicht, was daran magisch sein soll. Das ist unser ganz gewöhnlicher Klassenkalender, ein Block, von dem jeden Tag ein Blatt abgerissen wird. Ganz und gar unmagisch, so viel ist sicher.
»Ihr fragt euch bestimmt, wieso ich den Kalender magisch nenne?«, sagt Ammi und kneift ein Auge zu.
Wir nicken. Natürlich fragen wir uns das.
»Na, ihr seid doch vierundzwanzig Kinder in der Klasse. Und wie viele Tage sind es bis Heiligabend?«
»Vierundzwanzig!«, rufen wir.
»Genau«, sagt Ammi. »Vierundzwanzig Tage. Das heißt, dass jeden Tag ein Kind ein Blatt abreißen darf. Und mit jedem Blatt, das ihr abreißt, rückt Heiligabend einen Tag näher! Bei der Weihnachtsfeier vor den Ferien dürfen die Kinder, die noch nicht an der Reihe waren, ihre Blätter mit nach Hause nehmen. Und wer das Heiligabend-Blatt hat, muss gut bis nach den Feiertagen darauf aufpassen!«
»Was ist, wenn das Blatt mit der Vierundzwanzig verloren geht?«, fragt Esme, ohne sich vorher zu melden.
Sie plappert immer einfach drauflos. Manche finden das nervig, aber ich weiß, dass sie nichts dafürkann. So ist sie eben.
»Das wäre schlimm, weil dann Heiligabend ausfallen würde«, sagt Ammi und lacht.
Mir rieselt es eiskalt den Rücken herunter. Kein Heiligabend! Wie kann sie nur über so etwas lachen?
»Dann will ich auf keinen Fall das vierundzwanzigste Blatt haben«, flüstert Esme mir ins Ohr.
Ich schon. Mein Körper kribbelt von oben bis unten, weil ich das Gefühl habe, dass ich das Heiligabend-Blatt haben muss.
»Stell dir vor, ich kriege es!«, flüstert Esme weiter in mein Ohr. »Das verlier ich doch garantiert, und dann ist alles im Eimer. Stell dir doch nur mal vor, du wärst schuld daran, dass Heiligabend ausfällt!«
Ich sehe mich im Kreis um. Alle Kinder aus meiner Klasse, bis auf Fideli, sitzen auf ihren Plätzen. Einigen von ihnen könnte es superleicht passieren, den Heiligabend zu vermasseln. In meiner Klasse gibt es, glaube ich, niemand, der weiß, wann es wirklich drauf ankommt. Ich muss unbedingt die Vierundzwanzig bekommen, sonst läuft bestimmt was schief.
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn Heiligabend verloren ginge.
»Dann losen wir jetzt aus, wer das erste Blatt abreißen darf«, sagt Ammi und nimmt den Beutel mit unseren Namensplättchen, mit denen immer ausgelost wird.
Sie mischt die Plättchen mit der Hand, ehe sie eins zieht.
»Esme«, sagt sie.
»Puh«, seufzt Esme. »Glück gehabt!«
Esme reißt das Blatt ab, auf dem 1. Dezember steht.
»Schön«, sagt Ammi. »Jetzt darfst du es an die Tafel hängen.«
Ammi hat mit grünem und rotem Filzer einen weihnachtlichen Kranz auf die weiße Tafel gemalt. Darüber steht in grünen Buchstaben Datum.
Als Esme ihr Blatt an die Tafel klebt, gehe ich noch davon aus, dass ein mindestens genauso schöner Weihnachtsmonat vor uns liegt wie immer. Wie granatenmäßig ich mich irre, weiß ich an diesem ersten Dezembermorgen noch nicht.
In dieser Nacht träume ich, dass wir in unserem Klassenzimmer sitzen. Ammi hält den Beutel mit den Namensplättchen in der Hand und liest alle Namen nacheinander vor. Die aufgerufenen Kinder gehen zum Magischen Kalender und reißen ihr Blatt ab. Der Kalender wird immer dünner, und bald ist nur noch der Heiligabend übrig. Ammi zieht den letzten Namen aus dem Beutel und liest ihn vor: Sam.
Ganz langsam gehe ich zum Kalender und reiße das Blatt ab. Ich halte es fest in meiner Hand, und da beginnt die Vierundzwanzig auf dem Papier plötzlich zu glühen wie goldene Flammen! Eine golden züngelnde Zwei und Vier.
Als ich aufwache, fühlt sich der Traum noch ganz lebendig an. Nicht wie ein gewöhnlicher Traum, sondern wie ein Blick in die Zukunft. Davon hab ich schon gehört, das wird Wahrtraum genannt. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich mal so was erleben würde. Und dieser Wahrtraum ist besonders wichtig, weil es darin um Weihnachten ging.
Abgesehen davon, dass ich die Weihnachtszeit wegen der Gemütlichkeit und allem Drum und Dran so liebe, gibt es noch einen speziellen Grund, warum sie mir so wichtig ist. Es gibt etwas, das größer ist als alle weihnachtlichen Dinge zusammen. Weshalb ich mir auch so sicher bin, dass ich besser als irgendwer sonst auf das Heiligabend-Blatt aufpassen würde. Weil ich Eva nur an den Weihnachtstagen sehe.
Eva ist meine erwachsene Schwester, die auf der anderen Seite der Erdkugel wohnt – in Australien. Sie wohnt dort noch nicht ihr ganzes Leben, aber fast mein ganzes. Ihre Mama ist gestorben, als sie klein und ich noch gar nicht geboren war. Ich finde den Gedanken furchtbar traurig, aber Eva kann darüber reden, ohne zu weinen, weil sie es sozusagen nicht anders kennt. Sie kann sich gar nicht mehr an ihre Mama erinnern.
Eva ist immer ungefähr eine Woche im Jahr bei uns zu Hause, nämlich an Weihnachten. Den Rest des Jahres ist sie in Australien, und dann telefonieren wir, schicken einander Postkarten und vermissen uns.
Wenn ich mir für Heiligabend nur eine einzige Sache wünschen dürfte, dann wäre das Eva! Meine Schwester wünsche ich mir viel mehr als alle Weihnachtsgeschenke oder Süßigkeiten der Welt. Das hört sich vielleicht übertrieben an oder als ob ich besonders erwachsen tue, aber das ist die Wahrheit.
Auf dem Weg zur Schule glimmt der Wahrtraum in mir weiter wie ein brennendes Geheimnis. Ich balanciere auf der Mauer neben dem Bürgersteig, als wir den Abhang runter ins Zentrum gehen. Papa hält meine Hand, obwohl die Mauer nicht sonderlich hoch ist.
»Glaubst du, es schneit bald?«, frage ich.
»Wollen wir es hoffen«, antwortet Papa.
Das heißt, dass er es nicht glaubt. Und ich verstehe ihn, weil es sich trotz des kalten Windes immer noch eher wie Herbst anfühlt und nicht wie Winter.
Bei Schulbeginn im August war es noch sommerlich warm. Das kommt mir ewig lange her vor. Ich fand alles so aufregend und neu. Die meisten Kinder kannten niemanden in der Klasse, also haben wir in den Pausen immer alle zusammen gespielt. Dann haben Vivi und ich uns angefreundet und fast nur noch zu zweit was gemacht. Bis Vivi plötzlich an unserer Schule aufgehört hat, obwohl das Schuljahr gerade erst angefangen hatte. Sie ist jetzt auf einer anderen Schule, die ihre Eltern viel besser finden als unsere. Da hätte Vivi schon von Anfang an sein sollen, aber zuerst war noch kein Platz frei, obwohl sie schon seit ihrer Geburt auf der Warteliste stand.
Der ist dann im Oktober plötzlich frei geworden, als wir gerade Freunde geworden waren, wenn nicht sogar beste Freunde, obwohl wir nie darüber gesprochen haben.
Nachdem Vivi weg war, habe ich irgendwie noch lange damit gerechnet, dass die Klassentür aufgeht. Dass sie plötzlich dasteht mit ihrem fusseligen rosa Pullover und dem grünen Cap und sagt, dass alles nur ein Scherz war. Aber das passierte nicht. Also habe ich mir angewöhnt, wieder mit den anderen zu spielen.
Wenn ich an all das denke, kann ich kaum glauben, wie viel in den wenigen Monaten passiert ist. Ich fühle mich gar nicht mehr wie der Sam, der ich im August noch war.
Obwohl ich Vivi nach wie vor vermisse, warte ich nicht mehr die ganze Zeit auf sie. Wenn jetzt die Klassenzimmertür aufgeht, weiß ich, dass es nur Esme ist, die sich wie üblich verspätet hat.
»Guten Morgen, Esme! Komm rein und setz dich«, sagt Ammi. »Wir wollen gerade mit dem Namenziehen für heute angefangen.«
»Ihr hättet doch nicht auf mich warten müssen«, sagt Esme. »Ich war ja gestern schon dran.«
»Stimmt, aber es ist schöner, wenn beim Ziehen alle dabei sind.« Ammi fischt einen Namen aus dem Beutel.
»Fideli«, liest sie vor. »Da müssen wir noch mal ziehen, weil Fideli noch immer krank ist.«
»So ein Pech für sie«, sagt Esme.
»Ja, das ist Pech«, sagt Ammi. »Aber wir legen das Plättchen mit ihrem Namen einfach wieder in den Beutel, damit es an einem anderen Tag noch mal gezogen werden kann, wenn sie wieder gesund ist.«
Sie schiebt die Hand erneut in den Beutel und zieht einen anderen Namen.
»Sam!«, sagt sie und strahlt mich an.
Mir wird schlagartig eiskalt. In weniger als einer Sekunde zerplatzt mein aufregender Traum vom Kalenderblatt mit der Vierundzwanzig wie eine Seifenblase. Schlägt mein Herz noch? Ich fühle gar nichts, bin ganz und gar leer. Am liebsten würde ich aus der Klasse auf den Flur rennen. Was ich natürlich nicht tue, weil ich mich das niemals trauen würde. Stattdessen nehme ich den Magischen Kalender von Ammi entgegen und sehe, wie sie das Plättchen mit Fidelis Namen zurück in den Beutel steckt und meinen Namen in die Schale zu Esmes Plättchen legt.
Das darf nicht sein und ist so ungerecht! Der 2. Dezember war für Fideli gedacht. Für Fideli oder für wen auch immer, aber nicht für mich!
Das Blatt lässt sich ganz leicht vom Kalender abreißen. Ich halte es in der Hand und starre die Zwei an. Auf meinem Blatt sollte keine einsame schwarze Zwei stehen, sondern eine golden strahlende Zwei und eine goldene Vier.
Ohne nachzudenken, zerknülle ich das Kalenderblatt in meiner Hand.
»Aber Sam, du sollst es doch an die Tafel hängen«, sagt Ammi und zeigt auf den gemalten Adventskranz.
Ich stapfe zur Tafel und pinne den blöden Zettel fest. Es ist mir egal, dass er zerknittert ist. Von mir aus könnte er noch viel zerknitterter sein und zerbröseln wie der Traum.
Wie konnte ich nur so dumm sein, ihn für einen Wahrtraum zu halten?
In meinem Bauch ballt sich eine kalte Faust zusammen. Wer wird jetzt das Heiligabend-Blatt bekommen?
Als mein Blick
