Wir und unsere große Schwester - Elisabeth Swoboda - E-Book

Wir und unsere große Schwester E-Book

Elisabeth Swoboda

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Ich bin satt. Ich kann nichts mehr essen. Wirklich nicht. Den Pudding esse ich zum Nachtmahl. Darf ich jetzt gehen?«, bat die kleine Sabine Scholz ihre große Schwester Annemarie. »Ich esse meinen Pudding auch abends!«, rief Herwig Scholz und schob seinen Teller weg. »Bitte, lass uns gehen, Annemarie. Die Kinder von Sophienlust warten auf uns. Henrik will mir seine Schwimmflossen borgen. Ich bin noch nie mit Schwimmflossen geschwommen. Bitte, Annemarie, komm!« »Und wer wird das Geschirr spülen?«, fragte Annemarie, allerdings eher im Scherz, um ihre Geschwister, die darauf brannten, zurück zum See zu eilen, ein wenig zu necken. »Wir helfen dir!«, riefen beide Kinder wie aus einem Munde. »Schnell, beeilen wir uns!« »Halt, langsam«, dämpfte Annemarie die Kinder.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust – 359 –Wir und unsere große Schwester

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie...

Elisabeth Swoboda

»Ich bin satt. Ich kann nichts mehr essen. Wirklich nicht. Den Pudding esse ich zum Nachtmahl. Darf ich jetzt gehen?«, bat die kleine Sabine Scholz ihre große Schwester Annemarie.

»Ich esse meinen Pudding auch abends!«, rief Herwig Scholz und schob seinen Teller weg. »Bitte, lass uns gehen, Annemarie. Die Kinder von Sophienlust warten auf uns. Henrik will mir seine Schwimmflossen borgen. Ich bin noch nie mit Schwimmflossen geschwommen. Bitte, Annemarie, komm!«

»Und wer wird das Geschirr spülen?«, fragte Annemarie, allerdings eher im Scherz, um ihre Geschwister, die darauf brannten, zurück zum See zu eilen, ein wenig zu necken.

»Wir helfen dir!«, riefen beide Kinder wie aus einem Munde. »Schnell, beeilen wir uns!«

»Halt, langsam«, dämpfte Annemarie die Kinder. »In eurer Hast fallen euch womöglich die Teller und Gläser aus der Hand. Und dann brauchen wir doppelt so lange, weil wir die Scherben wegkehren müssen. Sucht eure Badesachen zusammen! Ich räume einstweilen den Tisch ab. Vergesst aber nicht das Sonnenöl und die Handtücher!«

Annemarie blickte ihren Geschwistern lächelnd nach, als sie von der Terrasse in das Innere des kleinen Bungalows stoben. Sie brachte der Ungeduld der beiden volles Verständnis entgegen. Außerdem war sie froh, dass die Kinder wieder heiter und ausgelassen waren. Noch vor kurzer Zeit waren sie blass und bedrückt in der Maibacher Wohnung herumgeschlichen, erschüttert durch den Schicksalsschlag, der sie aus heiterem Himmel getroffen hatte. Ihre Eltern waren bei einer Bergtour tödlich verunglückt. Für Annemarie, Herwig und Sabine war damit eine Welt zusammengebrochen.

Die beiden Jüngeren hatten eine Weile gebraucht, bis sie die Tragweite des Verlustes völlig erfasst hatten, aber dann waren sie völlig verzweifelt und mutlos gewesen. Großeltern besaßen sie nicht, und auch sonst gab es keine näheren Verwandten. Sabine und Herwig hatten flüsternd die Befürchtung ausgetauscht, dass sie nun wahrscheinlich in ein Waisenhaus gehen müssten. Annemarie hatte diese Bemerkung aufgefangen und sogleich energisch widersprochen.

»Ich werde in Zukunft für euch sorgen«, hatte sie den beiden Kindern entschlossen mitgeteilt. Sie hatte ihren eigenen Schmerz und ihre Trauer unterdrückt und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie begrüßt, dass der Altersunterschied zwischen ihr einerseits und Herwig und Sabine andererseits so groß war. Sie selbst war vierundzwanzig, Herwig war acht und Sabine war sechs Jahre alt.

»Du wirst für uns sorgen?«, hatte Sabine zweifelnd gefragt. »Wie machst du das? Du hast ja nicht so viel Zeit wie Mutti. Du bist den ganzen Vormittag in der Schule. Und manchmal auch am Nachmittag.«

»Im Herbst wirst auch du zur Schule gehen«, hatte Annemarie erwidert. »Und zuvor gibt es Ferien, die wir gemeinsam verbringen werden.«

»Aber du wolltest doch mit einigen Kolleginnen nach Spanien reisen!«, hatte Herwig seine große Schwester erinnert.

»Die Spanienreise ist für mich uninteressant geworden. Ich lasse euch nicht im Stich. Wir werden zusammen einen …, einen schönen Sommer verbringen«, hatte Annemarie den Kindern versprochen und ihre Tränen tapfer hinuntergeschluckt. An der Reise nach Spanien hatte ihr wirklich nichts mehr gelegen, aber an einen schönen Sommer hatte sie selbst nicht glauben können. Sie war kein Kind mehr, aber trotzdem vermisste sie ihre Eltern schmerzlich. Schlagartig war ihr klar geworden, dass es nach dem Tod der Eltern niemanden mehr gab, dem sie rückhaltslos vertrauen konnte, der ihr Sicherheit bot. Sie war vollkommen auf sich allein gestellt und musste Herwig und Sabine die Eltern ersetzen. Das war eine Aufgabe, die bestimmt nicht einfach war.

Doch bisher war Annemarie überraschend gut zurechtgekommen. Teilweise lag dies an ihrem Beruf. Sie war Hauswirtschaftslehrerin und unterrichtete an einer Fachschule in Maibach. Diese Beschäftigung ließ ihr genügend freie Zeit, um sich um ihre Geschwister zu kümmern. Selbstverständlich hatte sie auf sonstige Aktivitäten verzichten müssen. Ausflüge mit Kollegen, Konzert- und Theaterbesuche gehörten nun der Vergangenheit an. Aber damit hatte sie sich ohne Bedauern abgefunden.

Abgefunden hatte sie sich auch mit dem Platzen ihrer Beinahe-Verlobung. Seit ungefähr einem Jahr war sie mit einem jungen Bankangestellten so gut wie verlobt gewesen, doch nach dem Tod ihrer Eltern hatte sich diese Beziehung schlagartig abgekühlt, nachdem Peter erfasst hatte, dass seine zukünftige Frau nicht die Absicht hatte, ihre Geschwister in ein Waisenhaus zu stecken. Er hatte sich von ihr zurückgezogen und bei ihrer letzten Begegnung verlegen gemeint, dass es besser wäre, sich die Sache – womit er ihre Heirat gemeint hatte – nochmals gut zu überlegen.

Annemarie hatte ihn ziehen lassen. Im Grunde genommen konnte sie ihm keinen Vorwurf aus seinem Verhalten machen. Es war selbstverständlich, dass er ihre Geschwister nicht mitheiraten wollte. So hatte sie einen Schluss­strich gezogen und sich bemüht, keinen weiteren Gedanken an ihren Exverlobten zu verschwenden.

Vor Beginn der Sommerferien hatte Annemarie ihre kleine Schwester in einen Kindergarten geschickt. Sabine war ganz gern hingegangen, aber richtig aufgetaut war sie nicht. Sie hatte sich nicht direkt von den anderen Kindern abgekapselt. Sie hatte nur ein wenig abseits gestanden, wenn die Spielkameraden vor Ausgelassenheit förmlich explodiert waren. Die Betreuerin hatte Verständnis für Sabines Zurückhaltung aufgebracht. Sie hatte Annemarie geraten, mit dem Kind in den Ferien eine fremde Umgebung aufzusuchen, um die Kleine auf diese Art von ihrem Kummer abzulenken.

Annemarie hatte spontan beschlossen, diesen Rat zu befolgen. Allerdings hatte ihr Urlaubsbudget keine weite Reise erlaubt. Ein teures Hotel war ebenso wenig infrage gekommen. So war sie schließlich auf die Idee gekommen, am Wildmooser Waldsee einen Bungalow zu mieten. Wildmoos war zwar nur wenige Kilometer von Maibach entfernt, aber die Umgebung war für Herwig und Sabine neu. Ihre Eltern waren nie mit ihnen baden gegangen. Die Wochenenden und Urlaube waren stets Ausflügen, Bergwanderungen und Waldspaziergängen gewidmet gewesen.

Schon bald konnte Annemarie sich zu ihrer Entscheidung gratulieren. Der Bungalow war zwar winzig und lag nicht direkt am See, aber trotzdem blühten Herwig und Sabine sichtlich auf, vor allem nachdem sie am See eine Menge Spielgefährten kennengelernt hatten. Zwei Tage nach ihrer Ankunft am See waren sie unversehens in eine Gruppe von ungefähr zwanzig Kindern verschiedener Altersstufen geraten. Sabine hatte sich schüchtern zurückziehen wollen, aber damit war sie bei Heidi Holsten, einem blonden Mädchen, das beinahe die gleiche Größe wie Sabine aufwies, an die Falsche geraten. »Magst du nicht mit uns spielen?«, hatte Heidi beleidigt gefragt. »Gefalle ich dir nicht?«

»Doch, du gefällst mir …, und …, und ich möchte gern mit euch spielen, aber …, aber ihr seid so viele«, hatte Sabine scheu erwidert.

Herwig hatte sich mutiger als seine kleine Schwester gezeigt und mit Henrik von Schoenecker auf Anhieb Freundschaft geschlossen. Henrik war etwas älter als Herwig. Er war sehnig und braungebrannt, unternehmungs­lustig und strotzte vor Energie. Unter seiner Anleitung hatte Herwig innerhalb weniger Tage schwimmen gelernt – eine Leistung, auf die sowohl Schüler als auch Lehrer gleichermaßen stolz waren.

Das Einzige, was Herwig und Sabine ein wenig betrübte, war die Tatsache, dass die Kinder vom Kinderheim Sophienlust nicht jeden Tag an den See kamen. Aber an diesem Tag war es so heiß und der Himmel so wolkenlos blau, dass sie sicher da sein würden.

Deshalb strebten Herwig und Sabine im Laufschritt dem Badeplatz der Kinder von Sophienlust zu. Annemarie folgte ihnen in einem gemächlicheren Tempo, obwohl auch sie sich auf das Zusammentreffen freute. Meist wurden die Kinder von Regine Nielsen beaufsichtigt, einer jungen Frau, die in Sophienlust ihre Lebensaufgabe als Kinder- und Krankenschwester gefunden hatte.

Annemarie fand Frau Nielsen überaus sympathisch und plauderte gern mit ihr. Die Kinderschwester hatte ihr einiges über das Kinderheim Sophienlust erzählt. Es gehörte dem halbwüchsigen Dominik von Wellentin-Schoenecker, wurde jedoch von dessen Mutter Denise von Schoenecker geleitet. Annemarie war auch diesen beiden bereits am Waldsee begegnet und hatte einige Worte mit ihnen gewechselt. Sie hatte sofort herausgefunden, dass Denise von Schoenecker das Wohl ihrer Schützlinge, die meist Waisen waren, sehr am Herzen lag. Und auch Dominik – kurz Nick genannt – setzte sich, wo es nur ging, für die Heimkinder ein.

Als Annemarie zum Badeplatz kam, hatten Herwig und Sabine bereits etliche Hände geschüttelt und eine laut­starke Begrüßung ebenso lautstark erwidert.

»Wir wussten ja, dass ihr heute herkommt!«, krähte Sabine. Sie hatte ihre Schüchternheit den Kindern von Sophienlust gegenüber mittlerweile völlig abgelegt.

»Ja, bei diesem heißen Wetter kann man gar nichts anderes tun als baden!«, rief Fabian Schöller.

Alle nickten zustimmend. Schwes­ter Regine bot Annemarie einen Liegestuhl an, die sich dafür bedankte und sich mit einem kleinen Seufzer hineinplumpsen ließ.

»Es ist wirklich heiß heute«, meinte Annemarie. »Ich bin von dem kurzen Stück Weg vom Bungalow bis hierher müde.«

»Hm, möglicherweise gibt es bald ein Gewitter«, prophezeite die Kinderschwester und blickte argwöhnisch nach Westen. Aber auch dort zeigte sich der Himmel nach wie vor tiefblau.

Die Kinder hatten sich inzwischen in die klaren Fluten des Sees gestürzt. Henrik hatte wie versprochen seine Schwimmflossen mitgebracht. Unter großem Hallo, Gelächter und Planschen wurden sie nun von Herwig ausprobiert.

Annemarie beobachtete lächelnd ihre jüngeren Geschwister, und Regine Nielsen beobachtete ihrerseits Annemarie. Sie wusste Bescheid über den Tod ihrer Eltern und über die Aufgabe, die die junge Lehrerin sich gestellt hatte. Annemarie hatte ihr so ziemlich alles erzählt, nur die auseinandergegangene oder – besser gesagt – nicht zustande gekommene Verlobung mit Peter hatte sie nicht erwähnt. Trotzdem ahnte die Kinderschwester, dass die junge Frau neben ihr vor Kurzem eine Enttäuschung erlitten hatte. Annemarie hatte nämlich einige Bemerkungen über junge Männer im Allgemeinen fallenlassen, aus denen deutliche Resignation herauszuhören gewesen war.

Regine Nielsen fand, dass Annemarie Scholz richtig gehandelt hatte, als sie sich entschlossen hatte, ihre kleinen Geschwister bei sich zu behalten und für sie zu sorgen. Sie hätte an ihrer Stelle das Gleiche getan. Dennoch war der Kinderschwester klar, dass Annemarie auf vieles würde verzichten müssen. Dieser Umstand war irgendwie bedauerlich, denn Annemarie war hübsch und besaß ein angenehmes Wesen. Die Freizeit, mit Freunden auszugehen, sich zu unterhalten und ihre Jugend zu genießen, wäre ihr zu gönnen gewesen. Statt dessen saß sie hier und sah Herwig und Sabine beim Herumtollen im Wasser zu. In ihren braunen Augen lag ein sanftes Strahlen. Sie war sichtlich erfreut, dass ihr Bruder und ihre Schwester so ungezwungen und heiter spielten.

Äußerlich sehen die beiden Kinder ihrer großen Schwester nicht ähnlich, dachte Regine Nielsen. Die Kleinen sind blond und haben blaugraue Augen, Annemarie Scholz ist brünett, ihre Augen sind braun. Im Schnitt ihrer Gesichter gleichen sie sich allerdings, und noch mehr scheint das auf ihre Charaktere zuzutreffen. Die Kinder sind gutmütig, ein bisschen zurückhaltend Fremden gegenüber, ansonsten aber freundlich und aufgeschlossen. Dasselbe kann man auch von ihrer erwachsenen Schwester behaupten.

»Annemarie! Schwester Regine! Schaut her!«, unterbrach Sabine den Gedankengang der Kinderschwester. »Ich tauche!«

Das kleine Mädchen hielt sich die Nase zu und verschwand unter der Wasseroberfläche. Nach einigen Sekunden tauchte es prustend wieder auf. »Komm ins Wasser, Annemarie«, bat Sabine. »Es ist überhaupt nicht kalt. Wenn du die Augen aufmachst, kannst du den Grund sehen. Da liegen kleine Kieselsteine.«

»Ja, ich komme.« Annemarie erhob sich aus ihrem Liegestuhl und steckte zögernd ihre linke große Zehe ins Wasser.

»Aber, Annemarie, sei nicht so feig!«, rief Sabine und kicherte. »Soll ich dich anspritzen?«

»Untersteh dich!« Annemarie tauchte zur Abwechslung ihren rechten Fuß, und diesen sogar bis zum Knöchel ins Wasser. Sie war keineswegs wasserscheu, aber sie wusste, dass es Sabine ein ungeheures Vergnügen bereitete, wenn sie Angst vor dem kalten Wasser vorschützte. »Huh, ist das kalt«, schauderte sie und zog den Fuß schnell wieder zurück.

Annemarie war mittelgroß, ihre Beine waren wohlgeformt, an ihrer Figur gab es nichts auszusetzen. In ihrem blauen, mit weißen Tupfen bedruckten Bikini bot sie einen hübschen Anblick, aber dessen war sie sich nicht bewusst. Wichtig war ihr allein der Spaß, den ihre kleine Schwester hatte. Sabine lachte, kreischte hellauf, tanzte im seichten Wasser herum und konnte schließlich der Versuchung nicht widerstehen, Annemarie doch anzuspritzen.

Nun kreischte auch Annemarie. »Na warte, Sabine, ich spritze zurück!«

»Das macht mir nichts. Das macht mir nichts«, sang das kleine Mädchen. »Ich bin ja schon nass. Komm, Heidi, hilf mir, Annemarie anzuspritzen«, forderte sie ihre erst kürzlich gewonnene Freundin auf.

Heidi folgte dieser Aufforderung umgehend, sodass Annemarie bald genug nass war, um sich weiter in den See wagen zu können.

»Ich würde gern ein Stück hinausschwimmen«, sagte Annemarie, als sie bis zum Bauch im Wasser stand.

»Ja, schwimm nur«, meinte Sabine.

»Hm – wirst du unterdessen keine Dummheiten machen? Du kannst noch nicht schwimmen …«

»Ich mache bestimmt keine Dummheiten«, versicherte das kleine Mädchen seiner großen Schwester.

»Nein, gewiss nicht, weil ich nämlich auf dich aufpasse«, setzte Schwes­ter Regine hinzu. Annemarie konnte daher beruhigt losschwimmen.

Es waren an diesem heißen Tag zwar viele Leute an den See gekommen – Urlauber, Ausflügler und Mütter mit ihren Kindern – aber die meisten dösten am schattigen Ufer vor sich hin. Da es windstill war, brauchte Annemarie sich vor den Seglern und Surfern, die sonst kreuz und quer über den See glitten, nicht in Acht zu nehmen. Sie drehte sich auf den Rücken, legte sich flach auf die Wasseroberfläche und plätscherte ein wenig mit den Händen und den Beinen. Im Moment fühlte sie sich erstaunlich wohl. Das Leben war ja doch schön – trotz allem. Wenn die Sonne so herrlich schien, wenn sie glitzernde Reflexe ins Wasser zauberte und die Zitterpappeln und Weiden am Ufer vergoldete, konnte man nicht Trübsal blasen. Man musste zuversichtlich in die Zukunft blicken. Was geschehen war, war geschehen. Nichts konnte Papa und Mama wieder lebendig machen, selbst die allergrößte Trauer nicht. Mit Schicksalsschlägen musste man sich abfinden und durfte nicht verzweifeln.

Das hatte Annemarie mittlerweile gelernt. Sie schreckte auf, als sie die Ruderschläge eines Bootes und zugleich Herwigs Stimme vernahm: »Annemarie! Schau, wie weit ich geschwommen bin.«

»Aber, Herwig, du sollst nicht so weit schwimmen. Du bist noch ungeübt!« Ihre letzten Worte gingen in ein Gurgeln über, denn vor Schreck über den Wagemut ihres kleinen Bruders war sie selbst mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche geraten. Sie kam schnell wieder hoch, musste jedoch blinzeln, da sie das Wasser in den Augen nicht vertrug.

»Soll ich dich retten, Annemarie?«, bot Herwig ihr an. »Ich helfe dir, zu Nick ins Boot zu klettern.«

»Nein, danke.«

»Nick begleitet mich nämlich mit dem Boot, eben weil ich noch kein guter Schwimmer bin«, erklärte Herwig. »Falls ich müde werde, zieht er mich ins Boot.«

Nick war nahe an Annemarie herangerudert. Nun, da er merkte, dass sie seiner Hilfe nicht bedurfte, wendete er geschickt sein Ruderboot und meinte tadelnd zu Herwig: »Du hast deine Schwester erschreckt. Zur Strafe kehren wir jetzt um.«

»O nein!«, protestierte Herwig. »Ich möchte am liebsten ans andere Ufer schwimmen. Dorthin, wo die bunten Sonnenschirme stehen.«

»Nein, das ist viel zu weit!«, rief Annemarie. »Wenn du unterwegs einen Krampf in den Beinen bekommst, gehst du unter, bevor Nick dich herausziehen kann!«

»Ach, sei nicht so ängstlich, Annemarie«, schmollte Herwig.

Als Nick jedoch kurz und trocken sagte: »Du bist wohl übergeschnappt? Das andere Ufer erreichst du nie«, fügte er sich und drehte um. Nick winkte Annemarie zu und ruderte dann langsam hinter Herwig dem Badeplatz zu.

Auch Annemarie schwamm zurück. Als sie an Land stieg, gestand ihr der kurz vor ihr angekommene Herwig kleinlaut: »Ihr hattet recht, du und Nick. Ich bin jetzt doch ziemlich müde. Ich muss noch viel üben, bis ich ein so guter Schwimmer bin wie Henrik.«

»Die Ferien dauern noch eine ganze Weile«, meinte Annemarie aufmunternd. »Du wirst also noch oft Gelegenheit für Schwimmübungen haben.«

»Die Ferien sollten nie ein Ende haben«, seufzte Herwig.

»Das habe ich mir auch schon oft gewünscht«, pflichtete Henrik ihm bei. »Aber leider kommt dann doch immer der Herbst und der Schulbeginn.«

»Ihr Armen«, spottete Pünktchen, die eine gute Schülerin war und infolgedessen keinen Grund sah, immerwährende Ferien herbeizusehnen.

»Denkt jetzt nicht an den Schulbeginn«, forderte Vicky Langenbach die beiden Jungen resolut auf. »Überlegt lieber, was wir jetzt tun sollen. Wer spielt mit mir Familientennis?«

»Ich!«, rief Herwig sofort begeistert aus.

Vicky reichte ihm einen der Schläger, dann entfernten sich die beiden Kinder ein Stück vom Badeplatz, auf der Suche nach einer freien ebenen Fläche. Sie hatten Glück, da eine mehrköpfige Familie soeben aufbrach und Badetücher und Luftmatratzen einrollte.

Nachdem die Leute gegangen waren, begannen Herwig und Vicky ihr Spiel. Aber der Bub stellte sich recht ungeschickt an.

»Hast du noch nie Familientennis gespielt?«, fragte Vicky, nachdem Herwig dreimal hintereinander den gelben Ball verfehlt hatte.

»Nein, noch nie«, gab der Junge zu.

»Federball auch nicht?«

»Nein. Aber ich lerne es bestimmt schnell. Bitte, spiele weiter mit mir.«

Obwohl Vicky einen geübten Partner vorgezogen hätte, erteilte sie Herwig Ratschläge, wie der Ball am leichtesten zu erwischen war. Herwig jagte keuchend dem Ball nach. Sein Ehrgeiz ließ ihn nicht aufgeben. Es war schließlich Schwester Regine, die einschritt, indem sie sagte: »Du hast heute genug geleistet, Herwig. Ruh dich ein bisschen aus.«

»Aber …, aber ausruhen ist langweilig!«, stieß Herwig, nach Atem ringend, hervor.

»Wir haben ein Kartenspiel mit«, sagte Schwester Regine. »Heidi, Fabian und Henrik mischen bereits die Karten. Sie würden sich freuen, wenn du ebenfalls mitmachtest.«

»Na gut!« Im Grunde genommen war Herwig froh, dass er den Schläger der Kinderschwester übergeben konnte. Er war tatsächlich ziemlich müde.

Auch Sabine schloss sich den Kartenspielern an. Das Spiel war so einfach, dass sie es rasch begriff.

Trotz seiner Kenntnisse verlor Henrik ständig. Die Kinder spielten um Zahnstocher. Gegen Abend hatte es Sabine auf vier gebracht, Herwig und Heidi hatten je drei dieser nützlichen Gegenstände erworben. Fabian hatte einen Zahnstocher und Henrik war leer ausgegangen. Er protestierte, als die Kinderschwester zum Aufbruch mahnte.

»Ein Spiel noch«, bettelte er. »Ich habe bisher immer verloren. Ich möchte ein einziges Mal gewinnen.«

»Morgen kommen wir wieder her«, tröstete Schwester Regine. »Da könnt ihr weiterspielen. Für heute ist Schluss. Wir müssen pünktlich zum Abendbrot in Sophienlust sein. Außerdem wird es langsam ungemütlich hier am See. Merkt ihr nicht, wie euch die Stechmücken umschwirren?«

»Ja, mich hat gerade eine gestochen«, piepste Heidi. »Gehen wir. Ich mag nicht lauter juckende Pusteln bekommen.«