Wohnen unter Reet - Tom Hellberg - E-Book

Wohnen unter Reet E-Book

Tom Hellberg

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Beschreibung

Luxus, Lügen und ein tödliches Immobiliengeschäft auf Sylt! Ein Ferienhaus auf Sylt - davon träumen Helen und Jim. Doch die Traumimmobilie zu finden, ist schwerer als gedacht. Die friesische Insel entpuppt sich als Revier gerissener Makler, exzentrischer Millionäre und einflussreicher Strippenzieher. Als dann auch noch ein Toter in den Dünen auftaucht, geraten sie mitten in eine Mordermittlung, die tief in die dunklen Geschäfte der Sylter High Society führt. Mit scharfem Humor und feiner Satire entlarvt dieser Kriminalroman die Abgründe hinter den Reetdächern der beliebtesten Nordsee-Insel. Wer Sylt liebt, oder einfach gern über die Reichen und Schönen lacht, wird hier bestens unterhalten!

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Poetisches Vorwort

Darf ich bekannt machen?

Biike

Der Bäckerkönig

Begründung

Mönche nicht besser als Pfaffen

Der „Mehlbüddel“

Biike und der Walfang

Ein Toter auf dem Biikestapel

Ankunft

Keine Windräder auf Sylt!

Mitesser

Das Karussell und die Steuern

Die Durchrasenden

Der „Sylt-Schüttel“

Im Landhaus Alt Tinnum

Boy Himmelstatt

Das Gala-Dinner und der Kellner

Allgemeine Schaukasten-Revue

Das Alte Haus von Tinnum

Im Café Brodersen

Hörnumer Friesentorten-Tutorial

Zitas altes Bäckerhaus

Hindenburgs Damm

In Broders Kaffeegarten

Hauke Christiansen

Walisische Einsiedlerkrebse

In Makler Christiansens Büro

Im Landverschickungsheim 1963

Beim Notar

Einen Monat Später

Im Kaufmannsladen

Hundespaziergang am Watt

Im Bäckerladen

Baubeginn und erste Gäste

Sylter Bauskandale

Erste Schwimmzüge

Dornröschen erwacht

Sylter-Gästezentrale

Kommissar Funke

Vermisst

Der Widderhof

Polizeiliche Ermittlungen

Brüsseler Spitzen

Ein Kreativer Bäckermeister und sein äußerst Habgieriger Vermieter

Ottokar Adomeit

Der Brotfabrik-Prozess

Tätersuche

Das Backfinal

Justitia

Im Namen des Volkes

Vier Monate später

Epilog

Poetisches Vorwort

Seit vielen Jahren kommen wir nach Sylt

der Wind bläst hier oft wild

wild sind auch die Preise

auf dieser Nordseereise

gratis ist der Blick aufs Meer

schon längst nicht mehr

höchstens noch die frische Luft

mit ihrem würzigen Heideduft

Immobilien sind hier sehr sehr teuer hinzu kommt noch Maklerprovision und Grunderwerbsteuer und Häuser gibt es auch in Scheiben glaubt es oder lasst es bleiben die Inselnotare freuen sich ohne Ende denn ein und dieselbe Hütte geht nicht selten mehrfach durch dieselben juristischen Hände

gegessen wird hier abends in drei Schichten

das gilt für Tante, Onkel und die Nichten Brötchen heißen Rundstück, Sylter Knacker und Kliffkante die schmecken auch der Gouvernante wer’s süßer mag, bestellt den Bürgermeister der von gestern ist mitunter zäh wie Kleister

die Schafe auf dem Deich sind am Po farbig befleckt damit der Bauer weiß, ob sie gedeck Kitesurfer sausen über die Wellen in buntem Reigen und lassen beim Surfen in der Tat noch einen Drachen steigen Hunde dürfen da und dort an den Strand und manch einer gerät mitunter außer Rand und Band Wildkaninchen bohren gerne in den hübschen Gärten und Dünen

Löcher noch und nöcher bei Sturm schwimmt der Strandsand nach Röm da hilft leider auch kein geele Köm die Dänen spülen den Sand wieder zurück und kassieren Millionen

das sind für den deutschen Steuerzahler beträchtliche Investitionen

tausende Zweitwohnungen und Häuser stehen fast das ganze Jahr über leer

doch die Sylter finden keine Bleibe mehr ziehen auf‘s Festland mit Frau und Kind wo schon viele hingegangen sind da auf der Insel unentwegt gebaut wird es für eine Urlaubsidylle oft zu laut

Millionen Urlauber bevölkern die Insel mit Porsche und Benz darunter auch so mancher Stenz bringt Papas Kreditkarte zum Glüh‘n der das Geld verdient hat, meist mit Müh‘n manche Gäste fahren nur auf Sylt mit dem Rad kommen mangels Übung nicht selten ab vom Pfad und manche besonders Kühne landen kopfüber in der Düne

du dumme Kuh, kannst überhaupt kein Fahrrad fahr‘n

schimpfte der Mann seine Frau als sie ein Schlagloch übersah‘n und so sind manche auch im Urlaub ohne Weiteres bereit für einen ausgewachsenen Ehestreit Vati neben Mutti auf dem Elektrobike scheint heutzutage besonders Sylt-like

so, jetzt höre ich auf mit dem Dichten und fange an mit meinen Sylter Geschichten

Darf ich bekannt machen?

Verehrte Leserinnen und Leser, bevor wir uns den vielfältigen Anekdoten und Kapriolen widmen, welche Deutschlands beliebteste Ferieninsel in seiner langen Geschichte schrieb oder vollführte, gebietet es die Höflichkeit, zumindest die wichtigsten Personen der nun folgenden Geschichten kurz vorzustellen.

Dies auch als Vorgriff auf den von etwaigen Rezensenten gerne vorgetragenen Vorwurf, dass plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung eine bisher völlig unbekannte Person die Bühne der Erzählung betritt oder vor allem ältere Kritiker mit bereits nachlassender Auffassungsgabe Gefahr laufen, den Überblick über teilnehmende Protagonisten zu verlieren.

Bei allem gebotenen Respekt gegenüber dem philologischen Wissen allgegenwärtiger Literaturzensoren darf nicht verhehlt werden, dass dieses Buch in erster Linie der vergnüglichen Lektüre sowohl einer Sylt-interessierten Leserschaft als auch jenen Menschen dienen mag, welche bisher noch keinen Inselboden betraten, und eben gerade nicht einer wohl niemals aussterbenden Zunft notorischer Meckerer angehören!

Bevor wir allerdings mit den handelnden Personen beginnen, sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass zur Förderung des Leseflusses bei Personenbezeichnungen aus Einfachheitsgründen die männliche Form verwendet wird und damit selbstredend natürlich sowohl die weibliche als auch jene Leserschaft angesprochen werden soll, welche sich keines spezifischen Geschlechtes zugehörig fühlt.

Beginnen wir also mit Broder Brodersen, dem informellen König der Sylter Bäckerinnung, nach dessen Pfeife alle Menschen seiner mittel- und unmittelbaren Umgebung zu tanzen haben, mit Ausnahme natürlich seiner eigenen Lebensgefährtin, nach deren noch schrilleren Pfeife er nun wiederum das Tanzbein, ohne den Ansatz des geringsten Widerspruches zu schwingen hat.

Wir begegnen Hauke Christiansen, seinem engsten Freund und mit allen Nordseewässern gewaschenen Liegenschaftshändler, welcher den längst aus den Fugen geratenen Sylter Immobilienmarkt von Archsum her über die gesamte Insel ausrollt.

In seinem Windschatten, und an Wind mangelt es auf Deutschlands nördlichstem Eiland nun beileibe nicht, radelt Harm Bartleffsen, der langjährige Geschäftsführer des auf Sylt allgegenwärtigen Bauunternehmens, welcher nicht rastet und nicht ruht, bis auch noch das letzte historisch-pittoreske Friesenhaus dem Erdboden gleichgemacht, um auf ein und demselben Grundstück bestenfalls gleich fünf neue Reet-Retortenhäuser aus der Schublade eines auf solche Baukastengebäude spezialisierten Architekten für besonders betuchte Käufer zu bauen.

Wir treffen Justus Katz, den illustren Galeristen, der einst keinerlei Neigung auf das Erlernen eines „anständigen“ Berufes verspürte und dem das seltene Glück widerfuhr, sein Hobby zum lukrativen Broterwerb erheben zu dürfen.

Weiter dürfen nicht fehlen: Henner Harms, der Sylter Landwirt mit seinen bedauernswerten Weihnachts-Schlachtgänsen und Deichlämmern, sowie der arme Wurm Knut Blixen, Amtsleiter der Unteren Baubehörde des festländischen Husums.

Bei Aufzählung der bisherigen Figuren werden Sie sich zu Recht fragen: Sind hier überhaupt keine weiblichen Darsteller mit von der Partie?

Aber wo denken Sie hin, liebe Leser? Ohne unsere Damen wäre diese Geschichte erst gar nicht zustande gekommen! Denn ohne Helen Roth hätte ihr Mustergatte Jim bei seiner pathologischen Aversion gegen das Sylter Immobilien-Haifischbecken mitnichten das alte Bäckerhaus, nur einen Katzensprung von Broder Brodersens Bäckerei entfernt, erworben und wohl niemals die schillernde ehemalige Berliner Schauspielerin Zita Liebling mit ihrem zerstreuten „Hasen“ dürfen.

Und auch ohne die weiteren Figuren wie etwa Gretl Petri, Westerlands quirlige Dauerwurst-Bürgermeisterin und Frauke Anschütz, der beinharten Frau des Bäckerkönigs, wäre diese Erzählung wohl schmalerer Natur geblieben.

Nun wollen wir es mit der Vorstellung der bedeutendsten Säulen dieser Abhandlung aber auf sich bewenden lassen, nicht jedoch ohne Jens Swaartekoop, den alerten hanseatischen Immobilien-Mogul und gleichermaßen Vermieter Broder Brodersens zu erwähnen. Und auch Otto Tesch, Alter Ego und Mentor Jim Roths, nebst Prof. Dr. Jur. Bremer, den Spitzenjuristen, beide domizilierend in der Hansestadt Hamburg, dürfen keineswegs ungenannt bleiben.

Ohne die der Sylter Bäckerkönig niemals hätte in seine Schranken verwiesen werden können.

Inmitten dieser satirisch eingefärbten Story werden wir Zeuge eines der abscheulichsten Mordfälle, den die Insel jemals erlebte und bei welchem die Leiche dieses Mal nicht, wie in fast allen Fernsehkrimis am Strand, sondern an einem Ort aufgefunden wird, der ganz besonderes Entsetzen auslöst.

Deshalb spielen natürlich Kommissar Funke, der so amtsmüde wie kurz vor seiner Pension stehende Kriminalbeamte, in Begleitung seines jungen, stets ein wenig überforderten und unmotivierten Kollegen Inspektor Jessen eine nicht unwesentliche Rolle.

Sämtliche Personen, welche trotz größtmöglicher Umsicht hier fürs Erste keine Beachtung fanden, werden sich zu einem späteren Zeitpunkt der Leserschaft gewiss noch persönlich vorstellen.

Nu geiht dat los...

Biike

Zu Petri zogen die Keitumer unter den Klängen der zu diesem Anlass vom nahen Festland herübergekommenen Niebüller Schützenkapelle mit ihren brennenden Fackeln hinaus zum Süddeich und erleuchteten den nachtschwarzen Februarhimmel, wo die Keitumer Feuerwehr bereits einen zwei mannshohen aus dem winterlichen Baum- und Heckenschnitt privater Gärten zusammengetragenen Holzstoß aufgetürmt hatten.

Und damit alles schneller brannte, wurde der „Scheiterhaufen“ zusätzlich mit einer Reihe von gänzlich vertrockneten Christbäumen garniert, welche von den Mädchen und Buben der Jugendfeuerwehr, meist versehen mit einem kleineren oder größeren Trinkgeld, vor den Grundstücken der Anwohner eingesammelt worden waren.

Der mit den Gepflogenheiten der Nordseeinsel noch nicht sonderlich vertraute Reisende könnte dem Gedanken verfallen, die Insulaner hätten sich während der Festtage so sehr an ihre Weihnachtsbäume gewöhnt, dass sie sich auch fast zwei Monate nach Heiligabend noch immer nicht von ihnen trennen mochten, frei nach dem Motto der Nordfriesen:

„Das Beste am Norden ist unsere Treue!“

Dabei hatten sich die überall in deutschen Landen üblichen immergrünen heidnischen Nadel-Symbole für Fruchtbarkeit und Lebenskraft erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts an den norddeutschen Küsten durchgesetzt, als die Inseln mittels moderner Schifffahrt endlich besser versorgt werden konnten als in den Jahrhunderten zuvor.

Denn die Insulaner waren so unvorsichtig, die besonders auf Sylt sehr überschaubare Anzahl von Wäldern zur Gänze abzuholzen und die Bäume für den Bau ihrer unsäglichen Walfang-Flotte zu verwenden.

Dies wiederum lieferte die Insel völlig schutzlos den Unbilden heftiger Nordseestürme aus und die Menschen konnten, wenn überhaupt, nur in gebeugter Haltung oder gar auf allen vieren kriechend, ihren alltäglichen Besorgungen nachgehen.

Und noch heute sind gebürtige Sylter unschwer an ihren evolutionär bedingt gekrümmten Rücken zu erkennen.

Aufgrund der bis zum Jahre 1864 währenden Herrschaft des Dänischen Königreiches über Nordfriesland, gefiel es den ansonsten diesem Wikingerstamm in herzlicher Abneigung verbundenen Küstenbewohnern, zum Fest sogenannte „Jöölboome“ zu basteln. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Jöölboom so viel wie: Apfel-Christbaum.

Dieser wird mit mehreren aus Salzteig geformten biblischen Tierfiguren geschmückt und besteht aus einem Holzgestell, das in der Grundform einem Baum mit kahlen Ästen entspricht. Um ihn herum wird ein Kranz aus grünen Zweigen gebunden. Alteingesessene Sylter Familien ziehen ihn noch heute den vom Festland „eingeschleppten“ Christbäumen vor.

Am Fuße des Jöölboomes blicken Adam und Eva mit der um den Stamm gewickelten Schlange hinauf zum Baum der Erkenntnis. Als Symbolfiguren dienen ein Hahn für die Wachsamkeit, der Hund für große Treue, ein Schiff für den Berufsstand der Seefahrer, eine Kuh, ein Schaf, ein Huhn und allerlei Früchte als Synonyme für die Versorgung der Familie.

An modernen Jööleboomen werden wie bei unserem Adventskranz insgesamt vier Kerzen nacheinander an den Sonntagen vor Weihnachten angezündet.

Allerdings hießen die ersten Menschen auf Sylt nicht Adam und Eva, sondern Fiete und Bente. Und als Fiete im Auftrag der Seeschlange den Apfel vom Baume der Erkenntnis naschte, erkannten die beiden, dass sie nackt waren.

Von da an richteten die Insulaner am Strand Textil-Bereiche ein und überließen die FKK-Bereiche ausschließlich ahnungslosen Touristen.

Zurück zum eigentlichen Thema. Zu Biike befestigen die Jünger Florians eine Strohpuppe, den sogenannten „Piader“ oder „Pidder“, der symbolisch für den Papst steht, an einem Besenstil oben auf dem Biikestapel. Dies symbolisierte den nordfriesischen Heiden eine ablehnende Haltung gegenüber eines zunehmenden Zwanges der Römisch-Katholischen Kirche, Friesen den „rechten“ christlichen Glauben über ihre meist blonden Haar-Schöpfe zu stülpen.

Schon immer waren die Friesen freiheitsliebende Leute, kämpften zu allen Zeiten gegen jegliche äußere Fremdherrschaft, was insbesondere die bereits erwähnten dänischen Herren zu spüren bekamen.

So berichtet die Sage von „Pidder Lüng“, einem armen Hörnumer Fischer, welcher dem Ansinnen der dänischen Besatzer widerstand, den stolzen Syltern Steuern abzupressen.

Als Henning Pogwisch, Amtmann von Tondern, in dessen Gefolge sich auch ein Pfaffe nebst einer Anzahl bewaffneter Landsknechte befand, versuchte, in Pidders Fischerhütte Abgaben von dem aufrechten Insulaner einzutreiben, kam es zunächst zu einer verbalen Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Fischer auf die gewohnheitsrechtlichen Freiheiten der Friesen verwies und die Steuerzahlung verweigerte.

Diese Freiheiten sind der Ballade des Dichters Detlev von Liliencron (1844-1909) vorangestellt: 1

Frii es de Feskfang

Frei ist der Fischfang

frii es de Jaght

frei ist die Jagd

frii es de Strönthgang

frei ist der Strandgang

frii es de Naght

frei ist die Nacht

frii es de See, de wilde See

frei ist die See, die wilde See

en de Hornemmer Rhee

an der Hörnumer Reede

Auf diese Verweigerung reagierte der dänische Amtmann, indem dieser voller Verachtung in den auf dem Herd köchelnden Grünkohltopf spuckte.

Daraufhin sprang Pidder auf, packte den Dänen am Nacken und drückte dessen Gesicht so lange in den heißen Kohl, bis der Halunke daran erstickte. Erst dann griffen die vor Schreck erstarrten Landsknechte ein, erstachen den Fischer und zogen zu einer Racheaktion mordend und marodierend über die Insel.

Zu ihrem Leidwesen mussten sich die Insulaner vom Mittelalter an bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus den fiskalischen Raubzügen der verhassten Dänen mangels militärischer Macht beugen, bis diese für deutsche Ohren völlig unverständlich sprechenden Nachfahren der Wikinger von den Preußen bei der berühmten Schlacht um die Düppeler Schanzen im Jahre 1864 aus Nordfriesland hinausgeworfen wurden:

Dr. Winfried Dolderer führt den Schlachtenverlauf in seinem Beitrag im Deutschlandfunk vom 18.04.2014 nochmals vor Augen. Er sei hier zitiert:

„Im Konflikt zwischen Dänemark sowie Preußen und Österreich ging es 1864 um Schleswig-Holstein. Die militärische Auseinandersetzung endete für Dänemark mit einer verheerenden Niederlage:

Vor 150 Jahren stürmten die Preußen die Düppeler Schanzen.

‚Als überwältigendes Schauspiel erlebte der Schlachtenmaler Wilhelm Camphausen den 18. April 1864 durch die Linse seines Fernrohrs:

‚Dämonisch, als speie die Erde sie aus, springen Tausende aus den verbergenden Gräben über die Brustwehr hinaus. Die Sturmfahnen werden entfaltet, und schon ist das ganze vorher so öde Blickfeld mit stürmenden Kriegern besetzt.

Es war zehn Uhr am Vormittag. Sechs Stunden hatte der Granathagel aus über hundert preußischen Geschützen angedauert. Soeben zum Vertrauen auf Gott und die gerechte Sache gemahnt. Dann gaben Trommelwirbel und Trompeten das Angriffssignal.

Sie kamen in langen Reihen vor uns aus dem Boden, sprangen ebenso schnell auf, duckten sich und stürmten los. Wir schossen ihnen mit unseren Gewehren ins Gesicht, und dann waren sie unter uns. Wir schlugen sie nieder, aber sie standen wieder auf. Sie kämpften hart, und es waren so entsetzlich viele,‘ erinnerte sich später ein dänischer Veteran an diesen Augenblick. Auf einer Linie von zwei Kilometern hatten zehntausend preußische Angreifer zehn Schanzen vor sich, mit Palisaden befestigte und mit Artillerie bestückte Erdwälle. Sie lagen auf einem Höhenzug, der sich nordöstlich von Flensburg zwischen dem Alsensund und einer Ostseebucht erstreckt. Die Verteidiger wehrten sich in wütenden Nahkämpfen.

‚Ich sah andere neben mir, die mit geballter Faust zuschlugen oder sich gegenseitig in die Kehlen bissen.‘

Derweil intonierten in einem rückwärtigen deutschen Laufgraben dreihundert Militärmusiker den eigens zu diesem Anlass komponierten <Düppeler-Schanzen- Marsch>.

Schon nach fünf Minuten waren die ersten Wälle überrannt. Ein preußischer Augenzeuge: ‚Was sich noch wehrte, wurde mit auf das Gewehr aufgepflanztem Bajonett niedergemacht. Unsere Leute schlugen wacker drauf. An den Kanonen lagen die dänischen Artilleristen tot. Förmliche Blutlachen in den Schanzen.‘ Nach vier Stunden Gemetzel waren auf beiden Seiten zweitausend Mann tot, die dänischen Truppen vom Festland auf die Insel Ilsen abgedrängt. Für Dänemark war diese Schlacht die entscheidende Niederlage im Krieg um Schleswig- Holstein, den es gegen Preußen und Österreich riskiert hatte.

Von da an kehrte Preußens Glanz und Gloria in die Sylter Amtsstuben ein und verscheuchte den dänischen Schlendrian.“ 2

Seit ihrem Rauswurf aus weiten Teilen Schleswig-Holsteins mussten die Dänen gezwungener Maßen Abstand nehmen von ihrer über Jahrhunderte hinweg so lieb gewonnenen Steuereintreibung in norddeutschen Landen und haben sich seitdem verlegt auf die ‚Ausplünderung‘ grenznaher Lebensmittel- und Getränkemärkte, in denen sie ihre Autos und Anhänger bis zum Dach mit Bier- oder Limonadedosen vollladen, weil die Steuern auf diese Flüssigkeiten zuhause wesentlich höher sind als im Nachbarland.

So reihen sich auf deutschem Boden direkt hinter der grünen Grenze dänische Supermärkte aneinander wie die Perlen an einer Schnur. Aber auch deutsche Lebensmittelkonzerne konnten der Versuchung nicht widerstehen, den Wikingern hyggelige Steuervorteile auf Bier- und Brausedosen zu verschaffen, die lockere 20 Cent pro Liter betragen und es sich bei den riesigen Mengen, die da bis weit nach Wikingerland hineingekarrt werden, lohnt, von Esbjerg bis ins deutsche Grenzstädtchen Süderlügum zu fahren, um für die „liebe“ Verwandtschaft und mitunter gleich für das halbe Dorf einzukaufen.

Jedenfalls sind die Parkplätze der geschilderten Einkaufstempel an Wochenenden vollgestellt mit dänischen PKWs, und der Laie könnte anhand der Kfz-Kennzeichen denken, er befinde sich inmitten Dänemarks und nicht im nördlichsten Nordfriesland.

Denn auf Grund einer von Amts wegen so bezeichneten „Bäderregelung“ sind die Märkte das ganze Jahr und vor allem am heiligen Sonntage geöffnet.

Als plagte die Landesregierung Schleswig-Holsteins seit den Düppeler Schanzen auch noch nach 150 Jahren das schlechte Gewissen, an Dänemark keine Steuern mehr entrichten zu dürfen. So diese durstige Spezies doch wenigstens in die Lage versetzt werden soll, ihre ausgetrockneten Kehlen günstiger als daheim zu befeuchten.

Natürlich ist nicht zu verhehlen, dass neben den Arbeitsplätzen in den Supermärkten auch grenznahe deutsche Friseure, Hotels und Restaurants fleißig von den nördlichen Getränkedosen-Enthusiasten aufgesucht werden.

Wobei Letzteres absolut verständlich ist. Denn wer als kulinarisch verwöhnter Germane schon einmal im benachbarten Tondern ein dänisches Speiselokal besuchte und für zu viele Kronen ein schier ungenießbares Essen mit Ketchup- und Mayobeutel am Tellerrand serviert bekam, wird dem Vereinigten Königreich von England Abbitte leisten müssen, welches einst angeblich die ganze Welt eroberte, weil die heimische Küche so abscheulich war.

Mal ehrlich, lieber Leser und Steuerzahler: Würden nicht auch Sie sich manches Mal wünschen, den einen oder anderen unerbittlichen Finanzbeamten heutiger Tage mit seinem blassen Amtsstuben-Gesicht in heißen Grünkohl zu tauchen?

Ein wenig „Grünkohl-Boarding“ würde zumindest seine Wangen ein wenig besser durchbluten.

Doch zurück zu Biike, damit das bereits hell lodernde Feuer wegen des Gedenkens an den armen Pidder Lüng und die Schlacht bei den Düppeler Schanzen nicht vor der Zeit erlösche:

Wie in den vergangenen Jahren so hielt auch heute die aus dem Bayerischen stammende und langjährige Bürgermeisterin Gretl Petri ihre traditionelle Biike-Rede:

„Liebe Gemeinde, auch in diesem Jahr wollen wir verstärkt Wohnraum für Sylter schaffen. Wir planen den Bau von mindestens hundert bezahlbaren Wohnungen. Interessenten melden sich bitte im Stadtbauamt. Und ich werde alles daransetzen, dass der Immobilienspekulation auf unserer geliebten Insel ein Riegel vorgeschoben wird. Es darf nicht sein, dass immer mehr dieser gierigen ‚Heuschrecken‘ mit einem Sack voller Geld vom Festland rüberkommen und Häuser von angestammten Syltern kaufen, egal was sie kosten!

Diese dann abreißen und gleich fünf neue auf dasselbe Grundstück pflastern, wo jedes einzelne das Dreifache des vormaligen kostet. Kein normal beschäftigter Insulaner braucht auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, den Erwerb eines solchen Neubaus anzustreben: Es ist einfach unerschwinglich!

Also was bleibt ihnen anderes übrig als aufs Festland zu ziehen und tagtäglich in überfüllten Zügen, häufig auch noch verspätet zu ihrem Arbeitsplatz in Westerland oder Wenningstedt zu gelangen. Was nützt es unserer geliebten Insel, wenn zehntausend Ferienwohnungen und mehr fast das ganze Jahr über leer stehen, weil die Eigentümer auch noch Immobilien in Miami Beach oder Mallorca besitzen und die Sylter auf der Insel irgendwo in einem Kellerloch für 1.500 Euro im Monat mit Nachtspeicher-Heizung hausen. Damit muss endlich Schluss sein. Sylter Wohnungen den Syltern!“

Ich werde …, ich verspreche …, ich setze mich dafür ein …, wir haben ….

Die Bürgermeisterin fuhr fort mit weiteren Worthülsen, welche wohl sämtlichen Ortsvorstehern dieser Welt zu eigen sind. Und der heftig wehende Süd-West- Wind tat sein Übriges, die Worte Gretl Petris in unverständliche Sprachfetzen zu zerlegen, die sich aus Schall physikalischen Gründen womöglich erst auf dem Festland wieder zu vollständigen Sätzen zusammenfügten, und so erst von den Einwohnern Klanxbülls zu verstehen waren. Aber die waren ja glücklicherweise nicht von der Wohnungsnot der Insel Sylt betroffen.

Broder Brodersen und sein bester Freund, der alerte Immobilien-Makler Hauke Christiansen, hörten der Ansprache so gelangweilt wie in jedem vorangegangenen Jahr zu. Denn beide wussten nur zu genau, dass die Worte der mit ihren blonden Locken und stets überzeichneten roten Lippen ausgestatteten, ansonsten jedoch durchaus nicht unattraktiven Gemeindechefin einmal mehr nichts anderes waren als bei fast allen Politikern: Nämlich leere Versprechen, die so schnell im Nordseewinde verwehten, wie sie ausgesprochen waren.

Und für den Keitumer Liegenschaftshändler Christiansen bedeuteten diese „Levavit lucustas“ von inselfernen Betongold-Investoren ein schier unerschöpfliches Füllhorn satter Vermittlungshonorare: 5,95%, wenn nicht gar über 7% vom bezahlten Kaufpreis bedeuteten ohne weiteres schon einmal schlappe 60.000 bis 72.000 harte Euro, wenn das Gemäuer nur eine bescheidene Million kostete, und ein Vielfaches mehr bei nicht seltenen achtstelligen Beträgen!

Und unter einem zarten Milliönchen war auf dieser Insel im Höchstfall das längst verwaiste und seit Jahren leerstehende Häuschen von Oma zu haben, die mit ihren gerade noch rechtzeitig fertiggewordenen dritten Zähnen bereits vor zwei Jahren ins Gras der saftigen Salzwiesen gebissen hatte.

Bereits die Amtsvorgänger Petris öffneten den Sylter Immobilienhaien schon vor Jahren Tür und Tor.

Denn ein jeder halbwegs vermögende Urlaubsgast, der sich in das vom Meer umschlungene Eiland verliebte und etwas auf sich hielt, wollte hier, koste es was es wolle, ein eigenes Domizil sein Eigen nennen, so er es auch nur als Sommerfrischler für wenige Wochen im Jahr mit seinen Lieben oder, so mancher Filou, gar mit seiner Geliebten zu nutzen gedachte.

Es sind Fälle verbürgt, wo „honorige Bankdirektoren“ oder waren es vielleicht Angehörige der höheren Beamtenlaufbahn, denn in manchen Behörden soll die Fremdgeherrate außerordentlich hoch sein, die Sommerferien mit Frau und Kindern im eigenen Ferienhaus auf Sylt verbrachten, unter der Woche jedoch zur Arbeit zurück nach Düsseldorf oder Stuttgart flogen um der wesentlich jüngeren wie hübscheren Sekretärin beim Kofferpacken für den gemeinsamen Sylturlaub behilflich zu sein.

Selbstredend war die Familie längst wieder Zuhause, der schwere SUV sicher in der heimischen beheizten Doppelgarage geparkt, als sich Herr Direktor oder Herr Ministerialdirigent einige Wochen später mit der jungen Sekretärin unter dem Vorwand, einen wichtigen beruflichen Kongress in Westerland zu besuchen, auf den Weg zur Insel machte. Dieses Mal natürlich im Porsche 911 und nicht in der Familienkutsche!

Und so mancher Sylter Restaurantmitarbeiter staunte nicht schlecht, als ein und derselbe Familienvater ein paar Wochen nach den Ferien mit einer völlig anderen, wesentlich jüngeren Dame Händchen haltend durch die pittoresken Straßen Keitums schlenderte und die Warenbestände der Boutiquen reduzierte.

Denn der Teilzeit-Sugardaddy wollte seiner jugendlichen Begleiterin natürlich damit imponieren, wie toll er sich auf Deutschlands nobelster Insel auskenne. Oder war es schlicht ein bei manch männlichen Wesen ausgeprägter Automatismus, stets in den immer gleichen Lokalen zu speisen?

Zwanzig Jahre später, insoweit es die Sekretärin wider Erwarten geschafft hatte, im Rahmen eines explosionsartig anmutenden gesellschaftlichen Aufstieges an die Stelle der Ehefrau zu treten, würde sie ihren mittlerweile zum Greisen gealterten ehemaligen Chef im Rollstuhl durch das Kapitänsdorf schieben, ihm im Salon 1900 mit einem in mundgerechte Häppchen geschnittenen Keitumer Deichlamm-Filet füttern, so Letzteres nicht gar als durch den Fleischwolf gelassener Brei zugeführt werden musste, wenn die Kauwerkzeuge völlig versagten.

Denn wie kalauerte bereits der selige Heinz Ehrhardt: „Die alten Zähne wurden schlecht und man begann, sie auszureißen. Die neuen kamen gerade recht, mit ihnen dann ins Gras zu beißen!“

Sie war auch nach nun zwei ins Land gegangenen Dekaden noch eine zweifelsfrei ansehnliche Anfang-Fünfzigerin. Und aufgrund der technischen Errungenschaften des modernen Friseurhandwerks leuchtete ihr langes Haar noch immer hübsch blond-gefärbt in der Sylter Sonne. Auch die durch den unerbittlichen Zahn der Zeit doch ein wenig tiefer gefurchten Gesichtsfältchen waren mit größeren Gaben ästhetischen Nervengiftes geglättet und die restlichen Bestandteile äußerlich sichtbarer weiblicher Anatomie wider die unumgänglichen Gesetzmäßigkeiten der Gravitation durch geschickte chirurgische Hebemechanismen wieder in Form gebracht worden. Alles in allem war Jutta durchaus noch einen ehrlich gemeinten Seitenblick wert.

Allerdings war zu befürchten, dass unser ungleiches Paar, derselbe Herr, die zweite Dame, notgedrungen im Hotel Miramar an der Westerländer Kurpromenade absteigen musste, weil das eigene Ferienhaus während der Scheidung Ehefrau Numero Uno als Abfindung für verdienstvolle Ehejahre bereits abgetreten worden war…

Und so fügte sich am Ende doch alles zum Guten: Die einstmalige Sekretärin hatte als Ergebnis ihrer nicht besonders vorausschauenden Partnerwahl auf „Krankenschwester“ umschulen „dürfen“ und unserem gealterten Casanova blieb das entwürdigende Dasein in einem, wenn auch von den Betreibern einer solchen kostspieligen Einrichtung meist in blumenreichen Lettern beworbenen Seniorenpflegeheim zum Leidwesen der Lebensgefährtin fürs Erste erspart.

Natürlich hatten, und dem können sicherlich viele noch junge Ehefrauen der zweiten Generation uneingeschränkt beipflichten, die Anstrengungen eines jahrelang geheim gehaltenen Doppellebens ohne Zweifel ihr Scherflein dazu beitragen, einen beschleunigenden Alterungs- und Verfallsprozess unseres greisen „maitre de l‘amour“ herbeigeführt zu haben.

So Herr Direktor adé den letzten Seufzer geseufzt hatte, die Herzdame sich von den Mühen der Aufopferung erholte und das noch gemeinsame gegenseitige Versprechen endlich wahr machte, welches da lautete:

„Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich nach Sylt!“

Wir stellen anheim, ob die Höhe des Nachlasses für ein auskömmliches Witwendasein in den eigenen vier Wänden im Apartment in Westerland nach Abzug von Erbschaftsteuer, Abfindung der Kinder aus erster Ehe des Verblichenen, Maklerprovision sowie Grunderwerbsteuer, um nur einige der allfälligen Positionen zu nennen, ausreichte.

Auf dieser Insel sollen gar Damen wandeln, welche in den zu Stein gewordenen Steuermodellen ihrer äußerst cleveren Erblasser, nicht selten in bester Lage mit Wattblick, das ganze Jahr über in Wonne domizilieren.

Dabei mag es sich um das Luxus-Reetdachhaus einer Stiftung handeln, die ihren Sitz im fernen München hat, und um die sechzigjährige Witwe des Stifters, die hier ihr Dasein genießt, aber von einer Stiftungstätigkeit wie etwa Seminaren, Vorstandssitzungen oder was auch immer die Aktivitäten einer solchen Einrichtung sein mögen, weit und breit jedoch nicht das Geringste zu erblicken ist:

Einsam und majestätisch ragen die heiligen Hallen des Friesen-Palastes in den blauen Sylter Himmel, aus welchem der selige Verstorbene gnädig auf die wohlversorgte Zurückgelassene herunterblickt. Und kein Finanzminister dieser Welt wird dieses offensichtlich gestaltete Steuermodell auch nur eine Sekunde in Frage stellen. Doch wir wollen uns nicht weiter in den Ursachen des Ausverkaufs einer Insel verlieren und wieder zurückkehren in die vom Feuerschein erhellte Februarnacht zur Biike.

Endlich fielen die letzten Worte Gretl Petris Ansprache, welche die Bürgermeisterin mit dem erlösenden Ausruf „Tjen di Biiki ön“ für dieses Jahr schloss.

Die Jungfeuerwehr hatte den Holzstapel mit gut und gerne vierzig Litern Diesel übergossen und auf Kommando flogen sämtliche Fackeln der Biike-Gemeinde in hohem Bogen auf den zu einem riesigen Berg aufgetürmten Haufen aus Ästen und Reisig, der sich in Windeseile entzündete. Erfahrene, meist insulare, Biikebesucher gesellten sich wohlweislich zu der Gruppe, die sich bereits neben der Feuersbrunst aufgereiht hatte. Die eigens zu dem Ereignis angereisten Feriengäste positionierten sich nichts ahnend einige Meter vor dem Brandherd und büßten dies postwendend mit verrußter stinkender Kleidung ein, da heftig wehender Westwind dicke Rauchschwaden in die Richtung der Biikenovizen wehte.

Becher, gefüllt mit traditionellem Teepunsch (Tee mit einem ordentlichen Schuss Köm), kreisten in der Menge und derjenige, welcher gleich mit mehreren Trinkgefäßen auch an die unerfahrenen Biikegäste gedacht hatte, erfreute sich an diesem Abend ungeteilter Beliebtheit.

Und alle, vom Kinde an der Hand des Vaters bis zur friesischen Oma, intonierten die Biike-Hymne mit vollster Inbrunst, so gut oder so schlecht sie Apollon mit der Vergabe ihrer stimmlichen Fähigkeiten eben bedacht hatte.

„Üüs Söl‘ring, dü best üüs helig, dü blefst üüs ain, dü best üs Lek, din Wiis tö Hual‘en, sen wü welig, di Söl‘ring Spraak auriit wü ek, wü bliiv me di ark Tir forbün‘en.“

Ins Festlandsdeutsch übersetzt: Unser Sylter Land, du bist uns heilig, du bleibst unser Eigen, du bist unser Glück, deine Sitten wollen wir erhalten, die Sylter Sprache vergessen wir nicht, wir bleiben dir allzeit verbunden.

1 vgl. www.erlebeschleswigholstein.de/tradition-schleswig-holstein-biike-brennen/

2 vgl. Holderer, Winfried: „Erstürmung der Düppeler Schanzen“, 2014, www.deutschlandfunk.de/vor-150-jahren-erstuermung-der-dueppeler-schanzen-100.html

Der Bäckerkönig

Broder Brodersen, nicht nur alleiniger Inhaber der größten Inselbäckerei, sondern auch die meisten Dorfbewohner mit seiner stattlichen Körpergröße von gut und gerne einem Meter neunzig weit überragend, dirigierte wie in den vergangenen Jahren den quotengerecht gemischten Biike-Chor mit seinem elfenbeinernen Taktstock, den ein altvorderer Walfang-Kapitän von seinen Eismeerfahrten im achtzehnten Jahrhundert aus Norwegen mitgebracht und dem Dorfmuseum vererbt hatte.

Nur einmal im Jahr zu Biike durfte der jeweilige Heimatvereins-Vorsitzende damit den Takt schlagen. Broders bleiches Gesicht kontrastierte ungemein mit seinen nicht nur von der Februarkälte geröteten Wangen im Scheine der immer höher lodernden Flammen. Eine wohlige Wärme durchströmte die frierende Biikegemeinde.

Sein hellblondes so lockiges wie volles Haupthaar hätte jedem kriegerischen Wikinger zur Ehre gereicht. Für einen Mann im nun doch schon fortgeschrittenen Alter eines Mittsechzigers hatte sich nicht die geringste Rückbildung der Haarpracht angezeigt, welche sich bei den meisten Knaben seines Jahrganges nicht selten an der Stirn und/oder an den mehr oder minder ausgeprägten Rückfahrscheinwerfern im hinteren Bereich des Hauptes unübersehbar bemerkbar zu machen pflegt.

Die himmelwärts sich konisch verjüngenden Ohren überragten jedoch auch noch die letzten Spitzen der vom Winde aufgestellten Haarsträhnen und umschmeichelten die offensichtliche Unförmigkeit seines kantigen friesischen Schädels. Auf besondere Art erinnerte die Form seiner Lauschorgane an die Spitzohren biblischer Satansgestalten, wie sie häufig von Kirchenmalern in üppiger Freskenmalerei an den Decken vieler römisch-katholischer Kathedralen verewigt wurden.

Broders Singstimme klang angesichts der Größe und Fülle seiner Physis unerwartet hell und mindestens eine halbe Oktave zu hoch, nicht sehr weit entfernt von einem wohlklingenden Sopran.

Niemand hätte hinter diesem hohen Timbre ein derartiges Gebirge von Mann vermutet, wäre es etwa unsichtbar über den Äther eines Rundfunkgerätes erschallt. Und genau aus dieser auch Broder bewussten Erkenntnis hatte er sich auf das Dirigieren verlegt!

Ohne Frage hatte es Broder auf dieser Insel zu etwas gebracht, wie man beileibe nicht nur auf Sylt dem für jeden Dorfbewohner sichtbaren Wohlstand vieler Metzgermeister, Apotheker, Bauunternehmer oder sonstigen Neu- oder Altreichen an allen Orten eines Landes meist neidvoll zugestehen muss.

Aber dies scheint nun mal das unteilbare Los erfolgreicher Zeitgenossen in den meisten Regionen dieser Welt zu sein, welche es mit Mühe, Fleiß und einer gehörigen Portion an Risikobereitschaft zu eigenem Vermögen gebracht haben: Wäre Broder Brodersen mit seiner Brotfabrik beizeiten nach Argentinien oder Uruguay ausgewandert, niemals wären ihm vermutlich eine derartige lokale Anmaßung und Missgunst in vergleichbar hohen „Nordseewellen“ entgegengeschlagen wie in „seinem“ alten Kapitänsdorf.

Und auch der weise Aphorismus des seligen Wilhelm Busch: „Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung“, schien ihm nicht den geringsten Trost über die Respektlosigkeiten der ihm in herzlicher Abneigung verbundenen Neidhammel im Dorfe zu spenden.

Mit einer gehörigen Prise an zynischem Masochismus ausgestattet, genoss Broder jedoch die Hinterhältigkeiten seiner Spezies, wenn er so manch einem von ihnen eine Stellung in seiner Backstube oder in einer der zahlreichen Verkaufsfilialen auf der Insel verschaffte, und sie so in die sprichwörtliche Abhängigkeit des Broterwerbes bringen konnte.

Insbesondere einige seiner subalternen Führungskräfte übertrafen sich in der als vorolympisch zu bezeichnenden Disziplin des allgegenwärtigen „Speichelleckens“. Dies taten sie, indem sie dem selbsternannten König aller Inselbäcker nicht nur bis zur Selbstaufgabe gehorchten, wenn er sie zu immer neuen Höchstleistungen antrieb, sondern versuchten, ihn in seinem ihm so eigenen Gestus zu kopieren, ja, sich gar broderischer zu geben als Broder selbst: Wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er sich kleidete, wie er die berühmten Ohren spitzte, die hellblonden Augenbrauen in die Höhe zog, wenn er seinen Missmut über allfällige Nachlässigkeiten seiner Mannschaftsmitglieder zum Ausdruck brachte, wie er mit besonders attraktiven Exemplaren der häufig weiblichen Kundschaft schnackte oder mit Vertrauten, zu denen insbesondere auch Häuserdealer Hauke Christiansen zählte, hinter vorgehaltener Hand tuschelte oder so dünnlippig wie vielsagend lächelte.

So führte Broder Brodersen sogenannte Hitlisten, welche Filiale die meisten Schrippen oder ‚Bürgermeister‘ an die Frau oder den Mann brachten, was zu einem unsäglich gnadenlosen Wettbewerb unter den Verkaufsstellenleitern führte. Und jeweils der oder die „Jahrgangsbeste“ wurde auf der alljährlich am ersten Adventssonnabend stattfindenden betrieblichen Weihnachtsfeier zum Vorgesetzten sämtlicher Niederlassungen ernannt, wobei derjenige, der diese Aufgabe im abgelaufenen Jahr wahrgenommen hatte, wiederum den Kürzeren zog und zum Filialleiter der schwächsten Verkaufsstelle ‚degradiert‘ wurde und diese so lange anzutreiben hatte, bis auch hier die Verkaufszahlen wieder zu vollen Kassen führten.

Schaffte der Unglückliche dies aber nicht, etwa weil eben gerade diese Absatzstelle sich in ungünstiger Lauflage befand oder plötzlich vom Ordnungsamt über Nacht ein Parkverbot verfügt wurde, „durfte“ der Einpeitscher wieder als einfacher Verkaufssoldat von vorne beginnen. Die unverschuldet schwächelnde Filiale erlebte dann meist das nächste Osterfest nicht mehr.

Es bedarf keiner allzu ausgeprägten Fantasie, dass dieses so gnadenlose wie menschenverachtende System besonders unter dünnbesaiteten Mitarbeitern panische Angst und Schrecken auslöste. Und ein jeder, dem sich die Chance auf eine Brodersen-ferne Stellung anbot, ergriff dieselbe unverzüglich beim Schopfe und kehrte dem Bärentreiber für immer und ewig den Rücken.

Jedoch dem eigenen existentiellen Überlebenswillen geschuldet und mangels tragfähiger beruflicher Alternativen auf diesem 99,14 Quadratkilometer kleinen Inselwurmfortsatz beugten sich die allermeisten Mitarbeiter den herrschenden üblen Bedingungen und ließen ihren Frust nicht selten an den nichts ahnenden Kunden in den über die Insel gleichmäßig verstreuten Bäckerei-Exposituren aus:

„Jetzt kommen alle morgens um 8 Uhr mit Fünfzig-Euroscheinen, haben Sie das denn nicht kleiner?“ Oder: „Können Sie denn nicht gleich sagen, wie viele Teile Sie wollen? Dann hätte ich eben sofort nach einer größeren Tüte greifen können!“

Oder, wenn etwa der gerade voller Urlaubsvorfreude auf der Insel angekommene Feriengast nach nicht seltenen zwei oder mehr Stunden Wartezeit am Niebüller Sylt-Shuttle endlich entnervt Inselboden betreten hat und kurz vor Ladenschluss an der Bäckereitheke strandete, um eben noch einen Coffee to Go zu bekommen, sich anhören darf:

„Die Kaffeemaschine ist schon geputzt und ausgeschaltet, da hätten Sie eben mal ‘ne halbe Stunde früher kommen sollen! Irgendwann muss nach zehn Stunden Arbeit ja mal Feierabend sein! Da kann man sich ja auch mal ‘ne Thermoskanne mit ins Auto nehmen!“

Oder eine von zwei Verkäuferinnen ist gerade damit beschäftigt, eine neu angelieferte Fuhre „Sylter Knacker“ in die Verkaufstheke zu kippen, während sie die an jedem Morgen bedrohlich anwachsende Kundenschlange völlig ignoriert und die Bedienung derselben völlig tiefenentspannt auf die Kollegin abwälzt.

Dieses Phänomen einer in fast allen Bäckereien der Insel um sich greifenden Unlust, König Kunde so höflich und zuvorkommend zu bedienen, wie es sich gehört, hatte ihre Ursachen natürlich nicht nur in Broder Brodersens Geschäftsgebaren, welches sich dieser von einer eigens beauftragten Unternehmensberatung der Bäckerinnung freudig überstülpen ließ.

Allerdings erklärte dies die Frustration des Bäckereipersonals nur zu einem, wenn auch nicht geringen Teile. Eine üble, dafür aber essenzielle Ursache war auf dem Mist einer für die Bedürfnisse von täglich bis zu 5.000 Inselpendlern vollkommen ignoranten Eisenbahnverwaltung erwachsen, welche sich weder Willens noch in der Lage zeigte, die täglich auf die Insel und von ihren Arbeitsstellen abends wieder aufs Festland strömenden Bäcker, Metzger, Tischler, Elektriker, Maler, Reet- und Hartdachdecker (der Gott des goldenen Handwerks möge mir vergeben, sollte ich einen Berufsstand vergessen haben), ordnungsgemäß und sicher morgens auf sowie am Abend wieder von der Insel nach Hause aufs „Festland“ zu befördern.

Zu nachtschlafender Zeit kommen die „Wanderarbeiter“ aus dem 53 km entlegenen Bredstedt, Niebüll oder mit ein wenig Glück aus dem der Insel am zweitnächstgelegenen Dörfchen Klanxbüll und hoffen, wenigstens noch einen „gemütlichen“ Stehplatz in den zu früher Stunde bereits total überfüllten Zügen der Marschbahn zu erwischen. Nebeneinander aufgereiht wie die Heringe stehen sie dicht an dicht aneinander gepresst in den meist viel zu wenigen Wagons einer Deutschen Bahn, dessen Verwaltung im „Lichtjahre“ entfernten Frankfurt am Mainstrome sitzt und sich aus der Perspektive des „Weißwurst-Äquators“ womöglich nicht die geringste Vorstellung davon macht, dass tagtäglich tausende von Werktätigen einen elf Kilometer langen Eisenbahndamm überqueren müssen, der den Namen eines längst verblichenen ehemaligen Reichspräsidenten trägt, welcher in erster Linie als unsäglicher Steigbügelhalter eines Reichskanzlers in die Annalen der jüngeren Geschichte eingegangen ist, dessen Namen die meisten unter uns noch heute schaudern lässt!

Sicherlich denkt das an den Ufern der Kaiserfurt tätige, meist überbezahlte Zugmanagement, für die paar Handwerker hinter‘m Deich reichten zwei bis drei Wagons in der Frühe. Wahrscheinlich hat es noch kein einziger der hohen Herren für nötig gehalten, sich das morgendliche und abendliche Chaos an Deutschlands nördlichster Bahnstrecke persönlich vor Augen zu führen.

Kolleginnen und Kollegen ereilt nicht selten das alltägliche Pech, am Bahnsteig einfach mal zurückgelassen zu werden, weil die schier unergründlichen Ratschlüsse einer geheimnisumwitterten Zugeinsatzleitung es anscheinend für sinnvoll erachten, möglichst wenige Wagen an die veralteten und schwarz- stinkende Rußwolken ausstoßenden Dieselloks zu hängen, um die armen Pendler noch eine Stunde länger auf dem so zugigen wie ungemütlichen Bahnsteig ausharren zu lassen.

Denn meist kommen die Werktätigen erst mit einem der nächsten Züge, entnervt missmutig oder eben gar nicht an ihrer Arbeitsstelle an, wo dann ein ebenso missgelaunter Chef bereits Hände ringend nach der verspäteten Verkäuferin Ausschau hält. Denn schließlich können die auf Sylt Tätigen schwerlich, wie uns aus Indien schon lange bekannt, von außen auf das Dach des Zuges klettern und sich in Westerland wieder abseilen. Oder wäre dies nicht doch eine praktikable Lösung?

Die mangelnde Anzahl der angehängten Wagen könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass die über viele Jahre stark beanspruchten Gleise eventuell einer Schonung bedürfen, deren Erneuerung aus Kostengründen noch ein paar Jahre hinausgeschoben werden dürfte.

Ach, die arme Deutsche Bahn. Vielleicht sollte sie angesichts von bis zu vierhundert Millionen oder mehr jährlicher Einnahmen, die sie alleine mit dem Zugverkehr auf dem guten alten Hindenburgdamm gewöhnlich „einfährt“, unter den Fahrgästen zu einer Spendenaktion aufrufen, um genügend Eisenbahnwagons und Loks anzuschaffen, die bestehende Streckenführung zu sanieren und der zwischen Niebüll und Klanxbüll sowie zwischen Keitum und Westerland noch immer eingleisigen Strecke seit 1927 endlich einen zweiten Schienenstrang spendieren.

Dann gehörten die regelmäßig stattfindenden zusätzlichen Verzögerungen, welche zwangsläufig durch den Gegenverkehr entstehen, ein für alle Mal der Vergangenheit an.

Wie es auch immer sei, ist den auf Sylt arbeitenden „Festlandslegionen“ mit wohl gemeinten Verbesserungsvorschlägen bezüglich eines mehr als trägen Bahnmanagements leider nicht geholfen, aber kann als Erklärung dafür dienen, weshalb die altgediente Verkäuferin hinter der Brottheke so genervt und un- freundlich erscheint.

Berufstätige auf dem Wege nach Sylt

Nach Feierabend während der Rückfahrt sind die Züge zwar meist wesentlich länger als am Morgen, jedoch mindestens genau so überfüllt, denn jetzt mischt sich zwischen das von ihrem Tagwerk geschaffte Arbeitsvolk mindestens so viel, wenn nicht mehr, tiefenentspanntes Urlaubsvolk, das mit einer Abschiedsträne auf der sonnengebräunten Wange untröstlich ist, die geliebte Insel mit dem ungleich ungeliebten Bürojob eintauschen zu müssen, nach Hause zu fahren und sich, man soll es nicht glauben, von den vielen apathisch und müde dreinblickenden Werktätigen in ihrem „Abschiedsschmerz“ zu allem Übel auch noch gestört fühlen.

Wie meinte weiland der weltberühmte amerikanische Schriftsteller, Samuel Longhorne Clemens, den meisten unter uns eher als „Mark Twain“ bekannt:

„Zuerst hat Gott Urlaubsgäste auf Sylt erschaffen, das war zur Übung, dann schuf er Eisenbahnverwaltungen“

(sehr frei interpretiert)

Unlängst machte eine von etwa 43.000 betroffenen Pendlern beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingereichte Unterschriftenliste von sich reden, welche die Missstände der Zugstrecke unmissverständlich zum Ausdruck brachte, und deren Inhalt dem verehrten Leser nicht vorenthalten werden darf:

„Erst war es nur unbequem, dann ziemlich lästig, mittlerweile ist es längst alltägliche Dauerquälerei. Sylts Lebensader, der Hindenburgdamm, ist restlos überfordert.Der Verkehr von und zur Insel kommt immer wieder ins Stocken, phasenweise sogar zum Erliegen. Es gibt Tage, an denen kein einziger Zug pünktlich nach Fahrplan unterwegs ist.

Rote und blaue Autozüge (der blaue Zug eines amerikanischen Unternehmens fährt neben der Deutschen Bahn seit Herbst 2016 nach Sylt), Regionalbahnen und Fernverkehr, Reisende und Pendler, Schulkinder und Tagesausflügler, Inselliebe und Grundversorgung, Infrastrukturprobleme und Investitionsstaus schwingen sich zu einer Welle auf, die mit Hochdruck gegen das ‚Nadelöhr Nord‘ brandet. Unglaublich, aber wahr. Diverse Abschnitte der Bahnstrecke Niebüll-Sylt sind seit 1927 unverändert immer noch eingleisig! Was den Verkehrsinfarkt unausweichlich und alltäglich macht. Stunden- oder tageweise scheint Sylt schon mal fast unerreichbar in der Nordsee zu dümpeln.

Betroffene? Nahezu jeder Syltbesucher. Jeder, der auf Sylt urlaubt, arbeitet, lebt.

Alle, die mit Sylt zu tun haben, täglich oder sporadisch. Kurz gesagt: du und ich. Wir alle.

Wir fordern:

• den schnellstmöglichen zweigleisigen Ausbau der 13 Kilometer langen Bahnstrecke Niebüll-Klanxbüll

• und als Voraussetzung dafür endlich Priorität für dieses Projekt sowie die längst überfällige entsprechende Einstufung des Ausbaus im Bundesverkehrswegeplan mit <vordringlichem Bedarf>

Begründung

Urlauber sind zu Krisenspitzen länger auf die Insel unterwegs als bei einem Transatlantikflug. Stundenlanges Ausharren an den Verladeterminals gehört zur Urlaubsplanung inzwischen dazu, das unzumutbare Stranden in Massen an Bahnhöfen genauso, und die Durchsage: <Wir warten noch auf einen Gegenzug>, ist längst der Soundtrack aller Sylttrips. Bei An- und Abreise empfiehlt es sich in der Hochsaison sowie an Feiertagen große Wasserflaschen und Müsliriegel prophylaktisch dabei zu haben. Egal, ob du mit oder ohne Auto unterwegs bist.

Die Arbeitstage von etwa 4500 Syltpendlern, die auf dem Festland zu Hause sind und auf der Insel arbeiten, blähen sich nicht selten auf über 12 Stunden auf. Kein Privatleben mehr, null Feierabendfreude. Nicht nur das Familienleben leidet, wenn Mutti oder Vati mal wieder um 4 Uhr aufsteht, getrieben vom verzweifelten Versuch, pünktlich um 8 zur Arbeit auf der Insel zu erscheinen. Ihr Sprachrohr, die Pendlerinitiative, ist unermüdlich im ehrenamtlichen 24h-Einsatz, um auf die Missstände auf der Strecke aufmerksam zu machen.

Zug fährt, Zug fährt doch nicht. Zug hat Verspätung. Erst 5, dann 15, dann 75 Minuten, dann fällt er doch ganz aus.

Im Mai und Juni 2018 sind noch nicht mal 40 Prozent aller Personenzüge in Richtung Westerland pünktlich. (Quelle Pendlerinitiative).

War wieder was? Was war denn da? Egal. Die Sylter Infrastruktur leidet so oder so immer mit, worunter wiederum Urlauber genauso wie Insulaner leiden.

Sorry, wir öffnen heute später, die Mitarbeiter hängen noch auf dem Damm, der Lehrer fehlt, die Zahnarzthelferin ist noch nicht da, die Milch kommt Stunden später, die zwei vierten Klassen einer Düsseldorfer Schule auch. Erste Geschäfte finden keine Mitarbeiter mehr und müssen schließen, entnervte und erschöpfte Pendler kündigen und verabschieden sich nicht selten tränenreich nach Jahrzehnten von der Insel und den Kollegen.

Da es auf Sylt Richtung West naturgemäß nicht weitergeht, ist eine weitere Konsequenz logisch: Alle Züge, die in den Westerländer Sackbahnhof zu spät einlaufen, tragen die Verspätung virulent bei jeder folgenden Bewegung weiter, zurück auf‘s Festland, in das gesamte Marschbahnkonstrukt hinein. Womit der Sylter Bahnwahn indirekt auch die anderen Inseln sowie Halligen betrifft und sogar entferntere Verwandte wie St. Peter Ording tangiert, wenn sich die Anschlusszüge auf den letzten 40 Kilometern von und zu der Insel wieder mal was eingefangen haben. 10 Minuten, 1 Stunde. 95 Minuten. Und mehr.

Im Schnitt quälen sich täglich über 120 Züge durch die eingleisigen ‚Meerengen‘ auf dem Weg nach Sylt. Zwischen Niebüll und Klanxbüll auf 13 (!) Kilometern sowie zwischen Keitum und Morsum nochmals auf fünf weiteren Kilometern sind die Schienen immer noch so verlegt, wie zu Zeiten des Dammbaus vor knapp 100 Jahren. Einspurig.

Alle fünf bis zehn Minuten fährt ein Zug über die eingleisige Strecke. Ganz klar, dass jede kleine Störung das fragile und am Limit getaktete Fahrplankonstrukt kollabieren lassen muss.

Nichts daran ändern kann auch die vor Kurzem angekündigte 160-Millionen- Euro-Investition der Deutschen Bahn zur längst überfälligen Instandhaltung von Schiene, Weichen und Signaltechnik auf dieser Strecke. Immerhin ein positives Zeichen, das aber das eigentliche Problem, die Eingleisigkeit, nicht löst.

Jahrzehnte ist es bereits her, da wurde zum ersten Mal wegen massiver Probleme auf der Strecke vehement der zweigleisige Ausbau der Strecke nach Sylt gefordert und von der Politik versprochen. Inzwischen ist das Projekt immerhin versehen mit dem Prädikat des „potentiellen Bedarfs“ im sogenannten Bundesverkehrswegeplan verankert. Bis heute allerdings ohne Folgen.

Umsetzung bis 2030? Unter diesen Umständen ausgeschlossen. Verspätet, verschleppt, nach hinten durchgereicht: Mal hieß es, das Projekt sei nicht wirtschaftlich, mal wurde die Dringlichkeit in Frage gestellt, dann wieder überholten andere Vorhaben. Während Sylt parallel immer beliebter wurde, bis heute ein ungebrochener Trend, und damit Zugpferd für den gesamten Norddeutschlandund Westküsten-Tourismus spielte, passierte schlicht - nichts.

Diese unglaubliche Ignoranz, mit ihren weitreichenden negativen Konsequenzen für die ganze Region, in wirtschaftlicher Hinsicht genauso wie alltäglich auch in menschlicher, muss ein Ende haben.“3

Mittlerweile mündete die Petition in einen entsprechenden Antrag des Landes Schleswig-Holsteins, welcher vom Bundesverkehrsministerium geprüft wird. Bisher ist nicht bekannt, was daraus geworden ist. Jedenfalls besteht nicht nur die Eingleisigkeit auf Teilen der Strecke, sondern auch die Engstirnigkeit in den Köpfen der Verantwortlichen oder besser gesagt, der Unverantwortlichen fort! Was soll man dazu sagen?

„Di Seewind Song me litjem Sunsin, (der Seewind sang mit leisem Säuseln), hur ik üp Söl`üs dütji slöp, (da ich auf Sylt als kleines Kind einst schlief)“, sang die Dorfgemeinschaft hinein in die vom Schein des Feuers erhellte Nacht dieses kalten 21. Februars des Jahres 2006.

Zum Erstaunen anwesender Nicht-Sylter, landläufig auch Feriengäste genannt, steckten Broders nackte Füße in schlichten Holländer-Holzpantinen, und dies bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt.

Friesen müssen aus einem anderen Material hergestellt sein, dachte Jim, der mit Helen zum ersten Mal im Leben einer Biikefeier beiwohnte: Niebelungen-Siegfried gleich badet dieses widerstandsfähige Völkchen kurz nach der Geburt sicherlich im Fett eigenhändig getöteter Wale, dass die Haut für alle Zeiten den Stürmen der See und der winterlichen Kälte Nordfrieslands trotze.

Spätestens seit die Klassenkameraden Broders in den Stimmbruch gekommen und sein Gesang immer noch dem eines hellen Rundstückes glich, ließen Hänseleien jeglicher Couleur natürlich nicht lange auf sich warten.

„Als der Pfarrer ihn auf dem Küchentisch kastrierte, hat er wohl vergessen ihm zu sagen, er müsse vor dem Schnitt kurz die Luft anhalten.“ Das war sicherlich einer der gemeinsten unter allen Sprüchen, die hinter vorgehaltener Hand die dörfliche Runde machten.

So manch alter Keitumer dachte gar darüber nach, ob sich unter Broders Vorfahren etwa Kastraten befunden haben mögen, welche ihrer Manneskraft vom Ende des 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts aufgrund klerikal erzwungener Opfergaben an den Küsten der Nordsee beraubt worden waren.

Zur Abwendung verheerender Sturmfluten, die ganze Inselteile unter Wasser setzten und Vieh wie Mensch in den nassen Tod schickten, fingen die Inselbewohner, inspiriert von den holländischen Deichbaukünstlern des beginnenden 18. Jahrhunderts damit an, sich mittels mühevoller Deichaufschüttungen vor den Unbillen des blanken Hans zu schützen.

Und immer, wenn ein Deichbauwerk unter größtem körperlichem Einsatz der Inselbewohner kurz vor der Fertigstellung stand, wurde für die Erteilung des göttlichen Segens für das Bauwerk eine Opfergabe aus der Inselbevölkerung verlangt, welche der nachfolgenden näheren Schilderung des Chronisten bedarf:

„Zur Feierstunde sang der Sylter Kirchenchor, welcher zu jener Zeit alleine aus den wohlklingendsten Knabenstimmen der Inselgemeinden bestand.

Denn aus moralapostolischer Sicht der damaligen Nordkirche verbaten sich zu jener Zeit musikalische Darbietungen von Frauenchören, weil die Zurschaustellung weiblicher Attribute und Singstimmen insbesondere konservativ geprägte männliche Kirchenbesucher von ihrer inneren Einkehr abhalten und bei jüngeren Gläubigen gar zu unzüchtigen Phantasien Anlass geben könne …!“

Aufgrund einer schon zu jener Zeit geringeren Bevölkerungsdichte als im Rest der deutschen Fürstentümer, gebaren die sturmerprobten Friesinnen zum Leidwesen der Pfaffen jedoch nicht genügend des wohlklingenden Sanges mächtige Jünglinge.

Zu diesem gottgegebenen Mangel, denn alleine ein Knabenchor repräsentierte den männlichen, zur Fortführung der Bauernhöfe überlebensnotwendigen „Rohstoff“, gesellte sich in weiterer Folge ein noch ärgerer Fehlbestand an singenden Knaben alleine durch Bruch der zarten hell ertönenden Stimme, so dass sich die Kirchenoberen einer List bedienten, welche sie, scheinheilig wie sie immer waren, als ein zur Weihung des Deiches notwendiges Opfer darstellten, welches von den heimischen Familien aufzubringen sei.

Zu diesem Behufe ward gar ein Gesandter der Friesenkirche nach Rom geschickt, beim Heiligen Vater Rat zu erbitten, wie ein ausdrucksvoller Knabenchor auch mit einer geringen Zahl dieser Sprösslinge aufzustellen sei. Denn schließlich verfügte der Vatikan über den seit dem sechsten Jahrhundert von Papst „Gregor dem Großen“ gegründeten „Päpstlichen Chor der Sixtinischen Kapelle“ (Cappella Musicale Pontificia Sistina), der bei päpstlichen Liturgiefeiern die musikalische Gestaltung meist im Petersdom abhielt.

Jener Chor bestand also bereits seit der Spätantike und dem Barock vorwiegend aus Knaben, die vor ihrer Pubertät mit dem Ansinnen einer Kastration dem Klangkörper zugeführt wurden, um ihre hohe Sopran- oder Altstimme der Kindheit zu konservieren und eine durchaus mögliche Karriere als Kirchen- oder Opernsänger zu beschreiten.

Die Berühmtesten unter ihnen hießen: Loreto Vittori, Marc‘Antonio Pasqualini, Siface oder Farfallino.

Und trotz, wohl nicht allzu ernst gemeinter, Verbote neuzeitlicherer Päpste schnippelten eigens für diese Schandtaten ausgebildete Priester bis in das ausgehende 19. Jahrhundert munter drauf los.

Ein letzter berühmter Kastrat der Sixtinischen Kapelle hieß „Alessandro Moreschi“, wegen seines glockenhellen Soprans war er auch als „Engel von Rom“ in die unselige Geschichte des Chores eingegangen.

Im Jahre 1883 gab Moreschi den „Seraphen“ in Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“, bei welchem von der höchsten menschlichen Stimme das dreigestrichene „e“ verlangt wurde.

Kastraten vergangener Jahrhunderte erzeugten vorzugsweise bei weiblichen Zuhörerinnen wahre Begeisterungsstürme, die nicht selten zu Ohnmachten, ähnlich den viel späteren Konzerten beispielsweise der Liverpooler Beatles, führten.

Für besonders Interessierte sei erwähnt, dass von Alessandro Moreschi als einzigem Entmannten Tonaufnahmen existieren, die der Verfasser seiner Gattin zu Gehör brachte, um zu erfahren, ob diese dazu Neigung zeige, ebenfalls das Bewusstsein zu verlieren.

Dies schien zwar nahezu der Fall, jedoch nicht aufgrund des von der damaligen Damenwelt empfundenen Wohlklanges, sondern weil ihre an Eunuchengesang ungewohnten Ohren, das einer um ihr Revier kämpfenden Katze nicht unähnliche Gejaule mitnichten ertragen konnte: Musikalische Geschmäcker im Wandel der Zeiten.

Allen, dem betörenden „Gesang“ des armen Allessandros tatsächlich zugeneigten Lesern, seien die in den unergründlichen Weiten des World Wide Web vorgehaltenen „prähistorischen“ Tonaufnahmen des in 1922 vor seiner Zeit verstorbenen Künstlers wärmstens ans Herz gelegt. Die Bischöfe der Nordkirchen jedenfalls zeigten sich von den Ausführungen des aus Rom zurückgekehrten Gesandten begeistert und das Deichbauopfer war „geboren“.

Allen voran Bischof Hieronymus von Nordstrand. Der Husumer Kirchenfürst ersann lange vor den heutigen Ideen über das Grundeinkommen für ‚weltliche‘ Bedürftige ein ausgeklügeltes Vergütungssystem für friesische Kastraten.

50 Taler Fixgehalt, 10 Taler Tantieme für herausragende gesangliche Leistungen sowie weitere 5 Taler für besonderes Wohlverhalten gegenüber dem Lehrkörper.

Nachdem sich die Verstümmelungen im Namen der Religion auch bis in die verstecktesten Winkel Nordfrieslands und bis auf die Halligen herumgesprochen hatten, wagten es die Kirchenoberen nicht mehr länger, ihr lukratives Geschäftsmodell der Verleihung ihrer männlichen „Soprane“ an Kultureinrichtungen und dergleichen aufrechtzuerhalten. Von nun an wurde auf Beschneidungen jeglicher Art verzichtet, doch was anfangen mit den vielen schutzbefohlenen Jünglingen, die in kirchlichen Internaten ja weiterhin in großer Zahl zur „Verfügung“ standen?

Von früh bis spät ausschließlich trockene geistliche Nahrung in die Gehirne Halbwüchsiger einzuflößen, war auf Dauer nicht gerade erfüllend für einen in notorisch unerfüllte zölibatär-erotische Tagträume verhafteten Klerus.

Und wenn diese mitunter wunderhübsch gewachsenen Knaben schon da waren, konnten sie doch auch ihren Beitrag zur körperlichen Entspannung ihrer nach offizieller Lesart für alle Gläubigen so vorbildlich enthaltsamen Würdenträger leisten.

Gesagt getan, so sich die Übergriffe sinnlicher Priester an hübschen Jünglingen einer Jahrhunderte bis in die Neuzeit anhaltenden vergnüglichen Gewohnheit unter den Schwarzröcken „erfreute“.

Selbstredend mitnichten bei den geschundenen Buben, die je nach physischer und/oder psychischer Verfassung mitunter ihr gesamtes restliches Leben unter den im Ministranten-Alter erlebten Misshandlungen litten und häufig außerstande waren und sind, jemals eine als normal zu bezeichnende Beziehung zu einer Partnerin oder einem Partner aufzubauen.

Den bedauernswerten Schülern in den kirchlichen Internaten wurde erklärt, es sei eine hohe göttliche Gnade von der Hand des Herrn, welche sich den armen Würmern in Gestalt entblößter priesterlicher Phallen darzustellen pflegte, an intimsten und meist jungfräulichsten Stellen berührt zu werden, die ein Sechs- bis Zehnjähriger „der klerikalen Geilheit“ darzubieten hatte.

Der Priester zum Jüngling:

„Lasse uns ein Krippenspiel zum Segen des Herrn und deiner ganzen Familie spielen, damit sie einst einen schönen Platz im Himmel, sitzend zur dreihundertdreißig-tausendsten Reihe hinter dem Herrn, finden mögen.“

„Ich bin der Esel, welcher von Dir, dem Hirtenjungen zum Gefallen des Herrn gemolken werden muss, also falte deine Hände und reibe mein Zepter so lange, bis gebenedeite Milch herausfließt.“

Dies steigerte die Erregtheit des Kirchenmannes über die Maßen, bis ihn der Jüngling mit seinen zarten Händchen oder den Lippen bis zum letzten Tropfen geweihten Ergusses von seiner „Qual“ erlöste.

In diesem Zusammenhang erscheint einer der bekanntesten Bibelstellen, der bei nahezu keiner kirchlichen Trauerfeier fehlen darf, in einem gänzlich anderen Lichte:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele […]“

(Psalm 23)

Hauptursache aller bis in unser Zeitalter hineinreichenden sexuellen Übergriffe Zölibat-geschädigter Priester war und ist die unermessliche Habgier der Römisch-Katholischen Kirche, die es ihren „Würdenträgern“ ab dem Jahre 1073 verbot, zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Mit diesem hinterhältigen Trick sicherte sich das göttliche Bodenpersonal zahllose „Verlassenschaften“, wie Erbschaften im Österreichischen treffender als im Deutschen bezeichnet werden, wie ich meine.

Wenn es also dem Herrgott gefallen hat auch den „heiligsten“ Schwarzrock eines fernen Tages zu sich zu rufen, mehrte sich das Vermögen der Kirche über die Jahrhunderte zu einem mehr als unanständig zu nennenden Milliardenbetrag.

Häuser, Ländereien und Wertpapiere jeglicher Art fielen so in den „Schoß“ eines unersättlich gierigen Klerus‘.

Und nicht von ungefähr zählt die Kirche nach Vater Staat zum größten und vermögendsten Immobilienbesitzer der meisten katholisch geprägten Länder.

In Fällen, in denen sich jedoch die priesterliche Liebe der eigenen Haushälterin im Pfarrhause zugewandt hatte oder die Zuneigung zur attraktiven Solosängerin im Kirchenchor entflammt war, schien es mehr als fraglich, ob die bei einer solchen Liaison entstandenen Nachkommen dieser Sultanen- und Kuttenträger auch nur den geringsten Anspruch auf Erbteile ihrer „unkeuschen Väter“ einlösten/ besaßen.

Seltene Fälle, in denen Seelsorger wider Kirchenrecht den Mut aufbrachten, sich zu ihrer Liebe zu bekennen, seien von der gerade stattgefundenen Pfaffenbeschimpfung ausdrücklich ausgenommen!

Denn diese „armen Sünder“ erfuhren nicht nur ihre postwendende Exmatrikulation aus den Diensten der selbsternannten „heiligen“ Römisch-katholischen Kirche, sondern gingen vor allem auch jeglichen Alters-Pensionsansprüchen verlustig.

Gewöhnlich standen die Bedauernswerten vor dem beruflichen Nichts und verdienten sich ihren Lebensunterhalt nicht selten als Taxifahrer oder Nachhilfelehrer in Latein oder Altgriechisch.

Priesterliche Kinder waren im katholisch-geistlichen Leben nun mal nicht vorgesehen. Deren leibliche Mütter erhielten folglich auch keinen Unterhalt. Wie praktisch. Der Kleine hatte, ach wie schade, leider „keinen Vater“. Er war wie bei Maria, der Mutter Gottes, das Produkt einer „unbefleckten Empfängnis“, also frei von jeglicher Erbsünde.

So verkündete Papst Pius IX. in seiner Bulle Ineffabilis Deus zu Mariä Empfängnis am 08. Dezember 1854:

„Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherrlichung der jungfräulichen Gottesgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott

geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, dass er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, dass er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonst wie seine Auffassung äußerlich kundzugeben oder zu leben wagt.“

Die Befreiung von jeglicher Erbsünde hatte nebenbei den nicht zu unterschätzenden „Vorteil“, dass der Vaterlose am Ende seines Lebens keiner Läuterung im „Fegefeuer“ mehr bedurfte, da seine Läuterung bereits während seiner Empfängnis gleich mit erledigt worden war. Dies galt allerdings nur dann, wenn sich der unbefleckt Empfangene während seines Lebens im Sinne der Zehn Gebote keine Sünden zu Schulden hatte kommen lassen.

Aber selbst einzelne Sünden konnten im Beichtstuhl von denselben lüsternen Pfaffen postwendend wieder aufgehoben werden, so dass der staufreien Einfahrt in die Einzigartigkeit des katholischen Himmels nichts mehr im Wege stand.

Meist wurde die Schuld an den Folgen unzüchtiger priesterlicher „Leibesübungen“ ausschließlich den ach so verführerischen Müttern zugeschrieben, welche die selbstredend natürlich völlig keuschen Männer Gottes den verbotenen Apfel der Sünde gereicht hatten. Ehelos, bescheiden und enthaltsam sollten die „Winzer im Weingarten des Allmächtigen“ ganz alleine dem Vertreter Gottes auf Erden dienen.

Nebenbei bemerkt war das seit Jahrhunderten gepflegte und an jedem 8. Dezember gefeierte kirchliche Dogma Mariens Empfängnis nicht einmal auf dem Mist des scheinbar über allem Wissen stehenden Klerus gewachsen, sondern aus dem alt ägyptischen Mysterienkult der Isis und Osiris entnommen, man könnte auch sagen: „geklaut“.

Denn Römische Legionäre verbreiteten die auf den Innenwänden der Pyramiden festgehaltene Osiris-Sage zu Zeiten der Spätantike bis nach Germanien und in die Urzelle des damals völlig neuartigen Christentums Rom, wo sie wahrscheinlich von einem besonders gewitzten Urchristen in das von den Katholiken bis heute angebetete Märchen von Marias unbefleckter Empfängnis umfunktioniert wurde.

Dabei handelt es sich bei der altägyptischen Pyramidenstory um das krasse Gegenteil einer „Liebe deinen Nächsten Geschichte“:

Osiris, Gott-König von Ägypten wurde nämlich von seinem jüngeren Bruder Seth, dem Gott des Chaos‘ und Verderbens aus heute nicht mehr gerichtsfest zu ermittelnden Gründen getötet und in viele mundgerechte kleine Happen zerteilt.

Um die offensichtliche Gräueltat zu verschleiern, versprach er sämtlichen Aasgeiern des Königreiches, sie bis zum Ende ihrer Tage mit den leckeren Aasstücken zu versorgen, wenn sie die Leichenteile des Bruders gleichmäßig im ganzen Land vergraben würden.

Da Osiris eines Abends nicht nach Hause kam, erstattete Isis am nächsten Tage eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizeidienststelle.

Doch sämtliche Nachforschungen über den Verbleib des Ehegattens blieben leider erfolglos. Osiris blieb verschwunden.

Erst die einen Monat später erfolgte Ausstrahlung des Vermisstenfalles über die schon damals sehr beliebte Fernsehsendung Aktenzeichen XY brachte den entscheidenden Hinweis.

Einer der Geier hatte nämlich der Versuchung nicht widerstehen können und war von Passanten dabei gesehen worden, wie er auf offener Straße den Unterschenkel des ermordeten Osiris genüsslich abzunagen begann.

Die kriminaltechnische Untersuchung konnte auf dem Körperteil eine eindeutige DNA-Übereinstimmung mit dem der Tat verdächtigten Bruder Seth feststellen.

Seth ließ sich auch in völligem Schuldbewusstsein widerstandslos festnehmen und führte als Tatmotiv an, dass er auf seinen älteren Bruder krankhaft neidisch gewesen sei und er mit allen Mitteln an dessen königliche Stelle treten wollte.

Osiris führte mit Isis eine mehr als glücklich zu nennende Ehe und regierte seine Untertanen stets gerecht und zu deren Wohlfahrt, gewährte ihnen fruchtbare Äcker und Weiden, belastete sie mit nur sehr geringen, für die Staatsführung des Königreiches notwendigen, Steuern und Abgaben.

Wer unverschuldet arm und krank wurde, konnte sich einer völligen Abgabenbefreiung erfreuen und musste auch den sonst üblichen Pauschalsteuersatz in Höhe des Zehnten des zu versteuernden Einkommens nicht an den König entrichten.

Osiris war so gerecht, dass er von seinen Beamten genauestens kennzeichnen ließ, für welchen Zweck der Staat die von den Bürgern vereinnahmten Steuern ausgegeben hatte.

Und kam es, wie es ja in unseren Zeiten nicht selten üblich, gar zu Steuergeldverschwendungen, wurden etwa Pyramiden höher gebaut als nötig, Tempelanlagen zu aufwändig errichtet oder unnötige Straßen verlegt, konnte der verantwortliche Staatsdiener ganz schnell seinen Posten oder in schlimmen Fällen auch schon einmal seinen Kopf verlieren.

Leider haben unsere heutigen Politiker nichts von den alten Ägyptern gelernt, sonst käme auch unser modernes Staatswesen mit wesentlich weniger Geld aus und die viel zu hohen Steuern könnten zum Wohle der Bürger endlich gesenkt werden.

Isis jedenfalls, vom Tode ihres Mannes zutiefst verstört, folgte einer inneren Eingebung und sammelte mit Hilfe ihrer Schwester Nephthys, im Hauptberuf Totengöttin, die von Seth über das ganze Land verstreuten Leichenteile des Ehemannes wieder ein und fügte sie fein säuberlich zusammen. Dabei trauerten die beiden nicht wie heute üblich in schwarz, sondern in Gestalt von Rotmilanen.

Als Isis Osiris komplett zusammengesetzt und einbalsamiert hatte, erwachte dieser für einen kurzen, jedoch ausreichend langen Moment, zum Leben und zeugte rücklings auf einer „Löwenbahre“ lagernd mit Isis, welche jetzt auf einmal in Falkengestalt über ihrem Bruder und Ehemann schwebte, man höre und staune, einen Sohn, um im Anschluss für immer und ewig als „Orpheus“ in die Unterwelt einzutauchen.

In den schilfreichen Sümpfen von „Chemnis“, nahe der Stadt Buto, gebar Isis ihren Sohn Horus, welcher später eine steile Karriere zum Himmels- und Königsgott, ja, darüber hinaus sogar zum Herren der Oberwelt machen sollte. In letzterer Funktion rächte dieser sich an seinem nach dem Tode von Osiris im Lande herrschenden Onkel Seth, vertrieb diesen nicht nur vom Throne, sondern legte den Meuchelmörder für den Rest seines schändlichen Lebens in Ketten.

3 Vgl. offene Petition von unbekannt, Endlich zweigleisig nach Sylt: Marschbahnausbau jetzt!, https://www.openpetition.de/petition/online/endlich-zweigleisig-nach-sylt-marschbahnausbau-jetzt

Mönche nicht besser als Pfaffen

Lassen wir es dabei bewenden und verweilen noch ein wenig bei den so lüsternen wie kulinarischen Genüssen des göttlichen Bodenpersonals, den Vereinskameraden der Priester, den männlichen Klosterbewohnern, auch Mönche genannt:

Zahllose Abbildungen so wohlbeleibter wie fettgefressener Mönche bevölkerten von jeher die Motive zahlreicher Ölgemälde und Fresken der Gotteshäuser.

Wer kennt ihn nicht? Den feixend lachenden Mönch mit kreisrund kahl geschorener Platte auf dem Schädel, den steinernen Bierkrug mit aufgeklapptem Zinndeckel oder dem Weinkelch in der Hand, den fülligen Leib in der weiten braunen Kutte, welche von einem grob geflochtenen, um die Hüfte geschlungenen Strick zusammengehalten, nur erahnen ließ, welche fleischgewordenen Gebirge unmäßiger Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sich unter dem geistlichen Zelt verbargen.

Der Kölner Stadtanzeiger schreibt in seiner Ausgabe vom 03. November 2009:

„Warum die Mönche so dick waren

Kaum ein Berufsstand steht so für Enthaltsamkeit wie der des Mönches. Dass die Askese indes ihre Grenzen hat, erläuterte Hans Conrad Zander im Goldenen Saal von Haus Altenberg. Der ‚Großmeister der religiösen Satire‘, machte sich Gedanken darüber, warum die Mönche so dick waren.

Das gottgeweihte Leben im Geiste schloss kulinarische Todsünden keinesfalls aus.