WOLFSBLUT - Jack London - E-Book

WOLFSBLUT E-Book

Jack London

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Beschreibung

Jack Londons Buch 'Wolfsblut' nimmt den Leser mit auf eine fesselnde Reise in die Wildnis Alaskas. Das Buch erzählt die Geschichte von Wolfsblut, einem halb Wolf, halb Hund, der in der rauen Wildnis aufwächst und verschiedene Herausforderungen meistern muss. London verwendet einen klaren, prägnanten Stil, um die raue Schönheit der Natur und die harten Lebensbedingungen der Tiere darzustellen. 'Wolfsblut' ist ein bahnbrechender Abenteuerroman, der sowohl für seine packende Handlung als auch für seine tiefgreifende Darstellung der Naturgeschichte bekannt ist. London verwebt gekonnt Themen wie Überleben, Freiheit und Loyalität in eine fesselnde Erzählung. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jack London

WOLFSBLUT

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Anna Pohl
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
WOLFSBLUT
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Wildnis und Zivilisation entscheidet sich das Schicksal eines Wesens, das beides in sich trägt. Wolfsblut eröffnet diesen Grenzraum mit einer Klarheit, die sofort spürbar macht, wie unbarmherzig die Natur ist und wie ambivalent der menschliche Zugriff. Jack Londons Roman lädt dazu ein, ein Leben zu begleiten, dessen Instinkte, Erfahrungen und Begegnungen unaufhörlich verhandeln, was Überleben bedeutet. Die Geschichte fragt, wo Freiheit endet und Erziehung beginnt, und wie sich Macht, Angst und Neugier mischen. So entsteht ein Spannungsfeld, in dem Gewalt und Fürsorge, Ordnung und Chaos, Hunger und Hoffnung aufeinandertreffen und eine unverwechselbare literarische Energie entfalten.

Wolfsblut, im Original White Fang, stammt von Jack London (1876–1916), einem amerikanischen Autor, der für seine Nordland-Erzählungen bekannt wurde. Der Roman erschien 1906, zunächst als Fortsetzungsroman und noch im selben Jahr als Buch. London griff für Schauplätze und Atmosphäre auf Erfahrungen aus dem Klondike-Gebiet der späten 1890er Jahre zurück. Zeit und Ort sind präzise verortet: der Norden Nordamerikas, insbesondere der Yukon, im Umfeld des Goldrauschs. Daraus entsteht ein realistischer Rahmen, in dem Natur, Kälte, Mangel und Gefahr die Handlung tragen. Londons Erzählweise verbindet Abenteuerlust mit einer beobachtenden, naturalistischen Haltung, die das Ringen um Anpassung und Sinn vorführt.

Die Ausgangssituation ist klar: Ein Wolfs-Hund-Mischling wächst in einer rauen Umwelt auf, in der Hunger, Jagd, Rangordnung und stetige Bedrohung den Alltag bestimmen. Zugleich tritt die menschliche Welt ins Blickfeld – mit ihren Werkzeugen, Regeln und Absichten. Die Begegnungen zwischen Tier und Mensch sind wechselhaft, oft riskant, manchmal von pragmatischer Nähe. Die Erzählung verfolgt, wie Umweltreize, Erfahrungen und Entscheidungen Spuren hinterlassen und Verhalten formen. Ohne romantische Verklärung untersucht das Buch, wie Furcht, Neugier und Lernprozesse ein Wesen prägen, das den Grenzbereich zwischen Wildnis und menschlicher Ordnung bewohnt, und was daraus für beide Seiten erwächst.

Als Klassiker gilt Wolfsblut, weil es Abenteuer, Ideenroman und Charakterstudie in seltener Konsequenz zusammenführt. Der Text erschließt eine Perspektive, die literarisch anspruchsvoll und zugleich unmittelbar zugänglich ist. Londons genaue Beobachtungsgabe, sein Sinn für Rhythmus und seine schlichte, wirkungsvolle Sprache erzeugen Bilder von großer Anschaulichkeit. Der Roman zeigt, wie Erzählungen über die Natur mehr sein können als Kulisse: Sie werden zu Laboren, in denen Fragen nach Freiheit, Notwendigkeit und Verantwortung erprobt werden. So verbindet sich erzählerische Spannung mit gedanklicher Tiefe, was die anhaltende Faszination und kanonische Stellung des Werkes erklärt.

Im literarischen Feld steht Wolfsblut in einer Reihe mit Tierromanen und Naturabenteuern, zugleich in engem Dialog mit Londons Der Ruf der Wildnis. Statt nur die menschliche Sicht zu bestätigen, verschiebt das Buch den Blickpunkt konsequent hin zum nicht-menschlichen Protagonisten. Diese Perspektivumkehr hat weit über das Erscheinungsjahr hinaus gewirkt und das Erzählen über Tiere nachhaltig beeinflusst. Viele spätere Werke greifen die Frage auf, wie man Bewusstsein, Trieb und Lernen erzählerisch darstellen kann, ohne in sentimentale Vereinfachung zu verfallen. Damit wurde Wolfsblut zu einem Referenztext für Formen des realistischen, zugleich empathischen Schreibens über Tiererfahrung.

Thematisch kreist der Roman um Anpassung und Überleben, um das Verhältnis von Instinkt und Prägung sowie um die Beweggründe menschlicher Herrschaft über die Natur. Er nimmt die Reibungsflächen zwischen Macht und Schutz, zwischen Nutzen und Mitgefühl in den Blick. Daraus ergeben sich ethische Fragen: Was darf der Mensch einem anderen Wesen zumuten? Wie bildet sich Verhalten aus Umständen, Reizen und Grenzen? Die Wildnis liefert den Prüfstand, die menschliche Welt die Regeln – beide sind nicht eindeutig gut oder böse. In diesem Spannungsfeld verhandelt das Buch Konsequenzen von Entscheidungen, ohne einfache Antworten aufzudrängen.

Formal überzeugt Wolfsblut durch eine Erzähltechnik, die Nähe schafft, ohne zu vermenschlichen. Londons Prosa ist konkret, bildhaft und auf Handlung gerichtet; sie zeigt, wie Reize verarbeitet, Muster gelernt und Schlüsse gezogen werden. Kälte, Licht, Geräusche und Gerüche werden so geschildert, dass Erfahrungsräume entstehen, in denen der Leser mitdenkt, statt belehrt zu werden. Die Spannung erwächst aus Beobachtung und Folgerichtigkeit, nicht aus zufälligen Effekten. Diese Ökonomie der Mittel – knappe Sätze, präzise Details, kluge Rhythmik – verleiht dem Roman seine suggestive Kraft und macht ihn auch stilistisch zu einem Maßstab.

Der historische Hintergrund des Goldrauschs bildet mehr als Kulisse: Er zeigt eine Welt, in der Ressourcenknappheit, Hoffnung und Risiko dicht beieinanderliegen. Menschen folgen Versprechen auf schnellen Reichtum, die Landschaft stellt Gesetze auf, die sich nicht verhandeln lassen. Wolfsblut spiegelt dabei Vorstellungen seiner Zeit, die heute kritisch gelesen werden können, und macht sichtbar, wie Natur zur Projektionsfläche für Wünsche, Ängste und Herrschaftsansprüche wird. So entsteht ein doppelt realistisches Bild: eines der physischen Härte des Nordens und eines der sozialen Mechanismen, die Menschen und Tiere gleichermaßen unter Druck setzen.

Die Wirkungsgeschichte belegt die Ausstrahlung des Romans. In zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach nacherzählt, hat Wolfsblut Leserinnen und Leser über Generationen erreicht. Die Figur des Mischlings und die markante Nordlandkulisse sind in der Populärkultur präsent geblieben, ebenso die Diskussion über den angemessenen Umgang mit Tierperspektiven. Zudem regen Adaptionen in Film und Fernsehen immer wieder neue Lesarten an und führen die grundlegenden Fragen des Buches einem breiten Publikum vor. Diese dauerhafte Präsenz ist weniger Mode als Ausdruck eines Textes, der thematisch und erzählerisch tragfähig bleibt.

Bildungs- und kulturgeschichtlich ist das Werk bedeutsam, weil es Empathie über eine ungewohnte Perspektive schult. Wer Wolfsblut liest, übt, Verhalten im Kontext von Reizen, Zwängen und Lernwegen zu verstehen. Das kann Denkmuster über Mensch und Tier differenzieren und den Blick für Verantwortung schärfen. Der Roman eignet sich deshalb, um über Erziehung, Freiheit und Grenzen von Kontrolle zu sprechen, ohne die Komplexität zu nivellieren. Er zeigt, dass moralische Fragen nicht im Abstrakten entstehen, sondern in konkreten Situationen, in denen Entscheidungen unter Druck getroffen werden – ein Lernraum, der bis heute relevant ist.

Auch gegenwärtig bleiben die Themen des Buches aktuell. Diskussionen über den Schutz von Wildnis, über Zusammenleben mit Raubtieren, über Zähmung, Training und Tierwohl berühren Kernfragen, die London literarisch formt. Gleichzeitig spricht die Geschichte Menschen an, die nach Orientierung in Konflikten zwischen Autonomie und Anpassung suchen. In einer Zeit, in der ökologische Krisen und technischer Zugriff wachsen, gewinnt die Frage, wie wir mit dem Nicht-Menschlichen umgehen, zusätzliche Schärfe. Wolfsblut bietet hierfür keinen Katalog an Lösungen, aber einen narrativen Raum, der Problembewusstsein und Urteilskraft fördert.

Weshalb lohnt die Lektüre heute? Weil der Roman zeitlose Qualitäten bündelt: präzise Sprache, dichte Atmosphäre, erzählerische Ökonomie und eine Perspektive, die Fremdes verständlich macht, ohne es zu domestizieren. Wolfsblut zeigt, wie Literatur Erfahrung ordnen und erweitern kann, indem sie Wahrnehmung schärft und Widersprüche aushält. Die Geschichte bleibt offen genug, um neue Generationen mit eigenen Fragen hineinzulassen, und geschlossen genug, um als Form zu überzeugen. So behauptet sich das Buch als Klassiker: als Werk, das erzählt, was Menschen wissen müssen, um verantwortlich zu handeln, und zugleich, was sie nie ganz beherrschen werden.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Jack Londons Roman Wolfsblut (Originaltitel White Fang), erstmals 1906 erschienen, spielt im hohen Norden Nordamerikas zur Zeit des Goldrauschs. Er eröffnet in einer erbarmungslosen Winterlandschaft, in der Hunger, Kälte und Dunkelheit den Takt vorgeben. Eine kleine Reisegruppe mit Hundeschlitten kämpft ums Überleben, während ein ausgemergeltes Wolfsrudel die Spur hält. In diesen Szenen etabliert der Text die zentrale Frage nach den Kräften, die Verhalten bestimmen: Instinkt, Not und der Druck der Umwelt. Die Atmosphäre ist angespannt und von drohender Gewalt durchzogen. Der Roman verankert so früh sein Leitmotiv vom Existenzkampf und den harten Gesetzen des Nordens.

Aus dem Rudel tritt eine erfahrene Wölfin hervor, deren Tücke, Ausdauer und Lockkraft die Jagd lenken. Sie paart sich, sucht einen geschützten Ort und wirft einen Wurf, aus dem am Ende ein besonders widerstandsfähiger Welpe bleibt. Dessen Welt entsteht zunächst aus Geruch, Laut und Finsternis; sein Lernen ist ein Wechselspiel zwischen Neugier und Schmerz. Die Darstellung der ersten Tage und Wochen betont, wie eng Wahrnehmung, Instinkt und unmittelbare Erfahrung verknüpft sind. Gleichzeitig wird klar, dass Überleben nicht nur Kraft, sondern Klugheit erfordert – eine Einsicht, die den weiteren Werdegang des Tieres bestimmen wird.

Der junge Mischling wagt sich aus der Höhle, entdeckt Licht, Wasser, Beute und Feinde. Kleine Erfolge und herbe Rückschläge prägen sein Verständnis der Umwelt. Die Begegnung mit Menschen markiert einen Einschnitt: Feuer, Geruch von Rauch und die ungewohnte Ordnung eines Lagers kündigen eine andere Macht an. Er wird als Tier mit Anteilen des Hundes erkannt, benannt und in Besitz genommen. Fortan vergrößert sich sein Revier um neue Regeln. Der Roman verschiebt hier die Perspektive: Aus dem freien, aber gefährdeten Dasein der Wildnis wird ein Leben, das von menschlicher Willkür, aber auch von Handlungsrahmen und Strafe bestimmt ist.

Im Lager der Indigenen herrscht eine klare Hierarchie unter den Hunden. Der Neuling wird von einem bösartigen Rudelführer und dessen Anhängern drangsaliert. Er lernt, Schläge zu antizipieren und Angriffe blitzschnell zu kontern. Die Erfahrung von Stock, Leine und Rangordnung prägt ihn tiefer als Zuneigung. Als er von seiner Mutter getrennt wird, verhärtet sich sein Wesen weiter. Anerkennung erkämpft er sich nicht durch Nähe, sondern durch Gefürchtetwerden. Die zentrale Konfliktlinie verschiebt sich damit: Nicht mehr die Natur ist der vorrangige Gegner, sondern eine soziale Welt, in der Regeln und Gewalt untrennbar verbunden erscheinen.

Mit den Jahreszeiten wechselt das Lager seinen Ort; der Mischling wächst heran, wird schneller, wachsamer, berechnender. Er begleitet Reisen über Flüsse und Pfade, bewacht Vorräte und begegnet fremden Männern, Tieren und Geräuschen. Seine Bindung gilt vor allem dem, der ihn kontrolliert; Freundlichkeit erlebt er selten und misstraut ihr. Zugleich macht die Erzählung sichtbar, wie Intelligenz aus Erfahrung erwächst: Er wägt Risiken, meidet offene Konfrontationen, wenn List Erfolg verspricht, und nutzt Gelegenheiten gnadenlos. Aus einem schutzbedürftigen Welpen wird ein gefürchteter Einzelgänger, dessen Ruf zu einer Art Schutzschild und zugleich zur Last wird.

Ein neuer Wendepunkt entsteht, als Gier und Abhängigkeit seinen Besitzer zum Handel zwingen. Der Mischling gerät in die Hände eines skrupellosen Schaustellers, der aus seiner Wildheit ein Geschäft macht. Vor Publikum wird er gereizt, erniedrigt und gegen andere Hunde gehetzt. Die Kämpfe verschärfen seine Härte, aber sie zeigen auch die zerstörerische Logik eines Spektakels, das Schmerz in Unterhaltung verwandelt. In einer besonders brutalen Auseinandersetzung droht er zu unterliegen. Der Roman nutzt diese Eskalation, um die Grenze zwischen Instinkt und erlernter Brutalität sichtbar zu machen – und bereitet die nächste, unerwartete Veränderung vor.

In der Nähe des Todes greift ein Außenstehender ein, der den Mischling nicht als Bestie, sondern als formbares Wesen wahrnimmt. Geduld, berechenbares Verhalten und zurückhaltende Berührung öffnen einen schmalen Spalt im Panzer des Misstrauens. Die Gewaltspirale reißt nicht abrupt ab, doch die Rahmenbedingungen ändern sich: Zum ersten Mal entsteht ein Raum, in dem Angst nicht die einzige Triebkraft ist. Diese Phase markiert die zentrale Gegenbewegung des Buches: Was zuvor als unausweichliche Folge von Herkunft und Härte erschien, wird durch eine andere Erfahrung – Verlässlichkeit – infrage gestellt, ohne den Widerstand des Tieres zu leugnen.

Mit dem neuen Umfeld kommen andere Geräusche, Gerüche und Erwartungen. Der Mischling begegnet friedlichen Tieren, geordneten Wegen und Menschen, die nicht mit Stock argumentieren. Alte Reflexe melden sich bei jeder schnellen Bewegung zurück, doch nach und nach lernt er, Impulse zu kontrollieren. Aus dem Überlebenskünstler der Wildnis wird ein Tier, das Regeln befolgen kann, ohne völlig zu kapitulieren. Die Spannung zwischen Wachsamkeit und Vertrauen bleibt bestehen und macht deutlich, dass Wandel ein Prozess ist. Der Roman kontrastiert so die unbarmherzige Logik des Nordens mit den Forderungen eines geordneten, menschlichen Zusammenlebens.

Wolfsblut entfaltet sich damit als Entwicklungsgeschichte, die Naturanlage und Prägung nicht gegeneinander ausspielt, sondern in ihrer Wechselwirkung zeigt. Die Perspektive des Tieres macht die Brutalität wie auch die Möglichkeiten menschlichen Handelns anschaulich. Zentral ist die Frage, ob Fürsorge und Konsequenz Gewalt überschreiben können – und zu welchem Preis. Ohne die letzten Stationen vorwegzunehmen, verweist der Roman auf die Verantwortung, die Menschen tragen, wenn sie Macht über andere Wesen ausüben. Jack Londons Erzählung wirkt über ihre Zeit hinaus, weil sie die Bedingungen von Zivilisation, Gewalt und Empathie unerbittlich und zugleich hoffnungsoffen verhandelt.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Wolfsblut spielt in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre im nordamerikanischen Subarktisraum, vor allem im Yukon-Territorium Kanadas und im angrenzenden Alaska. Diese Region stand im Zeichen des rasch expandierenden Goldabbaus, der das Siedlungsmuster, die Verkehrswege und die sozialen Beziehungen prägte. Dominante Institutionen waren im kanadischen Norden die North-West Mounted Police, die Bergbaubehörden und lokale Gerichte, die Claims registrierten und Ordnung durchsetzten. Daneben wirkten Handelsunternehmen und Frachtfirmen, die Versorgung und Preise kontrollierten. Das extreme Klima, lange Winter und Flüsse als Transportachsen bestimmten den Alltag und setzten auch die Rahmenbedingungen für den Umgang mit Tieren, insbesondere Schlittenhunden.

Auslöser dieser Umwälzungen war der Klondike-Goldrausch, der 1896 mit Funden am Bonanza Creek begann und 1897/98 zu einem Massenansturm führte. Binnen kurzer Zeit wuchs Dawson City zur weitläufigen Zelt- und Holzstadt mit teils zehntausenden Bewohnern. Die kanadische Polizei verlangte von Einreisenden über die Pässe eine Jahresausrüstung, um Hungerkrisen vorzubeugen. Gleichwohl herrschten Knappheit, hohe Preise und harte Konkurrenz. Diese historischen Bedingungen spiegeln sich im Roman in der Darstellung von Mangel, Kampf um Ressourcen und den engen Spielräumen von Menschen und Tieren, die unter Markt- und Naturdruck gleichermaßen zu bestehen haben.

Die Fortbewegung im Goldrausch basierte saisonal auf unterschiedlichen Technologien: Zu Fuß und mit Packtieren über Chilkoot- und White-Pass, im Sommer per Dampfer auf dem Yukon, im Winter mit Schlittenhunden. Nach 1900 veränderte die White Pass & Yukon Route die Logistik, doch fernab der Bahn blieben Hundegespanne das Rückgrat des Transports und der Postbeförderung. Diese materielle Infrastruktur prägt die Handlungsebene des Buches: Hunde gelten als Arbeitskraft, Transportmittel und Lebensversicherung. Zugleich macht die technische Einfachheit die Abhängigkeit vom Wetter, vom Futter und von der körperlichen Leistungsfähigkeit von Mensch und Tier unbarmherzig sichtbar.

Recht und Ordnung waren im Yukon offiziell straff organisiert: Die North-West Mounted Police regelte Einreise, Zoll, Waffen und die Vergabe von Claims. Historisch galt ihre Präsenz als ein Grund dafür, dass der kanadische Teil des Goldrauschs weniger von offenem Banditentum geprägt war. Doch die Distanz zwischen Außenposten, Winterkälte und Profitdruck schuf Zonen schwacher Aufsicht. Dort setzten sich informelle Normen durch, in denen Gewalt, Ausbeutung und improvisierte Justiz gedeihen konnten. Wolfsblut greift diese Ambivalenz auf, indem es sowohl institutionelle Kontrolle als auch die Härten eines nur begrenzt gezähmten Frontier-Alltags zeigt.

Vor dem Goldrausch bewirtschafteten indigene Gemeinschaften wie Hän und Gwich’in die Region in saisonalen Zyklen von Jagd, Fischfang und Handel. Sleddogs hatten lange vor dem Zustrom von Goldsuchern eine zentrale Rolle in Mobilität und Ernährungssicherung. Mit der Ankunft zehntausender Fremder verschoben sich Zugänge zu Jagdgründen, Handelswegen und Ressourcen. Der Roman stellt Begegnungen zwischen indigenen und nicht-indigenen Akteuren dar, spiegelt dabei jedoch die Perspektiven und Vorurteile seiner Entstehungszeit. Historisch stand der kulturelle Kontakt unter dem Zeichen asymmetrischer Machtverhältnisse, die Arbeits- und Tauschbeziehungen wie auch Konflikte strukturierten.

Zur wirtschaftlichen Basis der Region gehörten seit dem 19. Jahrhundert der Pelzhandel und die Jagd auf Wildtiere, einschließlich Wölfen. In vielen Gebieten Nordamerikas existierten Wolfsprämien, und Fallenstellen wie das Auslegen von Gift war verbreitet. Solche Praktiken folgten dem Ziel, Nutztiere, Vorräte und Transportketten zu schützen, entsprachen aber auch der Logik einer Rohstoffgrenze, die Raubtiere als Konkurrenten deutete. Wolfsblut reflektiert diese Sicht durch die furchtsame, häufig feindselige Wahrnehmung von Wölfen und Mischlingen. Die Tierwelt erscheint nicht als romantische Idylle, sondern als von Menschenhand ökonomisch geformter und regulierter Lebensraum.

Der Goldrausch war ein Boom-Bust-Phänomen. Einfache Schürfer, erfahrene Bergleute, Händler und Spekulanten konkurrierten um Claims und Versorgung. Preise für Lebensmittel, Werkzeuge und Transport explodierten. Firmen, die Frachtwege kontrollierten, erzielten Monopolgewinne; viele Individuen blieben dennoch verschuldet. Hunde, Futter und Schlitten wurden zu kalkulierbaren Vermögenswerten. In dieser Ökonomie reduzierte sich das Verhältnis zu Tieren oft auf Nutzen und Ertrag. Der Roman inszeniert diesen Zusammenhang, indem er die Instrumentalisierung von Hunden und die Kosten von Effizienzdenken spürbar macht, ohne die historischen Zwänge von Kälte, Hunger und Distanz zu beschönigen.

Jack London reiste 1897 auf der Welle des Klondike-Rauschs über die Pässe in den Norden. Er erkrankte an Skorbut und kehrte 1898 ohne nennenswerten Goldfund zurück, gewann jedoch reiches Anschauungsmaterial. Seine Erzählungen über Kälte, Nacht, Hunger, Schlittenrouten und Mensch-Tier-Beziehungen speisen sich aus Beobachtung und eigener Mühsal. Wolfsblut entstand nach dieser Erfahrung und nutzt die Topografie, Geräusche und Routinen des Nordens, die London aus erster Hand kannte. Der Autor verarbeitete damit nicht nur Naturerlebnisse, sondern auch die sozialen Mikroordnungen in Camps, an Landungsplätzen und entlang der winterlichen Trails.

Entstehung und Veröffentlichung des Romans fielen in eine Hochphase populärer Magazinliteratur. Abenteuer aus dem „Northland“ versprachen Auflage und bedienten die Nachfrage nach Authentizität und Dramatik. Wolfsblut erschien 1906 zuerst als Fortsetzungsroman und im selben Jahr als Buch bei The Macmillan Company. Diese Publikationsform prägte Rhythmus und Spannungsführung. Zeitgleich konkurrierten Reiseberichte, journalistische Reportagen und naturkundliche Skizzen um die Deutung des Nordens. Londons Werk positionierte sich dazwischen: literarisch zugespitzt, aber mit dokumentarischem Anspruch, der dem Publikum die materielle Wirklichkeit des Goldrauschraums nahebringen wollte.

Literarisch steht Wolfsblut im Zeichen des amerikanischen Naturalismus. Diese Strömung betonte die Wirkung von Umwelt, Erbe und sozialem Druck auf Verhalten und Schicksal. In den Jahrzehnten zuvor hatten Darwins Evolutionstheorie und ihre populären Interpretationen Debatten über Anpassung, Kampf ums Dasein und Selektion befeuert. London griff solche Denkfiguren auf, übersetzte sie in Handlung und Tierperspektive und stellte die Frage, wie Umgebung, Nahrungsknappheit, Gewalt und Fürsorge Charakter bilden. Der Roman fungiert damit als Fallstudie für Determination und Entwicklung, ohne die Kontingenz einzelner Begegnungen auszublenden.

Die Jahrhundertwende war zugleich von sozialdarwinistischen Deutungen, rassen- und klassenbezogenen Hierarchien und einer Popularisierung von „Zivilisations“-Diskursen geprägt. Diese Ideen prägten auch die Sprache, in der man über „Wildheit“ und „Domestikation“ sprach. Wolfsblut verhandelt, wie Verhalten erlernt und umlenkbar ist, und wie Brutalität wie auch Milde Spuren hinterlassen. Dabei berührt das Buch zeitgenössische Fragen nach Vererbung, Disziplin und Milieu. Londons Darstellung bleibt Kind ihrer Epoche, eröffnet aber zugleich einen kritischen Blick auf mechanische Übertragungen biologischer Metaphern auf gesellschaftliche Verhältnisse.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erstarkte die Tierschutzbewegung. In den USA wurde 1866 die ASPCA gegründet; ähnliche Vereine entstanden in vielen Städten Nordamerikas und Europas. Öffentliche Debatten über Tierquälerei, Vivisektion und Sportkämpfe nahmen zu. Hundekämpfe waren verbreitet, standen aber vielerorts in der Kritik und wurden in zahlreichen Jurisdiktionen eingeschränkt oder verboten. Wolfsblut spiegelt diese Konfliktlinien, indem es Grausamkeit nicht ausspart und die politische Frage aufwirft, ob Unterhaltung, Profit und Notwendigkeit Grausamkeit rechtfertigen. Der Roman positioniert sich damit in einem breiten, grenzüberschreitenden Diskurs über Mensch-Tier-Ethik.

Zeitgleich diskutierten Wissenschaft und Öffentlichkeit das Verhältnis von Anlage und Umwelt. Dressur-, Trainings- und Erziehungsfragen wurden in Ratgebern und Zeitungsartikeln breit verhandelt. In nördlichen Regionen galt der zweckmäßige Umgang mit Schlittenhunden als Überlebenswissen. Wolfsblut demonstriert, wie Gewöhnung, Strafe, Belohnung und Beobachtung Verhalten formen, ohne auf komplizierte Fachtermini zurückzugreifen. Damit ordnet sich der Text in eine Epoche ein, in der empirische Erfahrungen der Praxis – Trapper, Postfahrer, Polizisten – und populäres Wissenschaftsinteresse eine gemeinsame Alltagssprache über Tiere und Lernprozesse ausbildeten.

Nach dem Goldrausch verlagerte sich das kulturelle Zentrum vieler Protagonisten in den amerikanischen Westen und nach Kalifornien, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts Urbanisierung, Landwirtschaft und neue Mittelklassenkulturen wuchsen. Hundehaltung verschob sich teils vom Arbeits- zum Freizeit- und Statusbereich; Zuchtvereine und Ausstellungen (in den USA etwa der 1884 gegründete AKC) trugen zur Etablierung eines bürgerlichen Haustierideals bei. Wolfsblut kontrastiert diese geordnetere Welt mit der harten Zweckmäßigkeit des Nordens. Der Roman nutzt diesen Gegensatz, um das Verhältnis von Sicherheit, Eigentum, Gesetz und Tierleben neu zu gewichten.

Die Popularpresse der Progressiven Ära zelebrierte Abenteuer, Entdeckergeist und körperliche Härte. In den Jahren um 1900 verbanden sich Imperiumsbewusstsein, industrielle Beschleunigung und die Faszination für Grenzräume zu einem kulturellen Klima, das Geschichten vom „Frontier“ begierig aufnahm. Jack London – Seemann, Arbeiter, Goldsucher – verkörperte die Figur des erprobten Erzählers, der Authentizität versprach. Wolfsblut bedient diese Erwartung, unterläuft sie aber, indem nicht heroische Eroberungsmythen im Zentrum stehen, sondern die prekäre Balance von Abhängigkeit, Fürsorge und Gewalt, die den Alltag der Nordregion prägte.

Parallel zum Abenteuermythos gewann in Nordamerika eine frühe Naturschutzbewegung an Einfluss. Forstverwaltung, Wildschutz und Debatten über Schutzgebiete nahmen unter US-Präsidenten wie Theodore Roosevelt Fahrt auf. Gleichzeitig standen Raubtiere weiter unter Druck, weil Viehzucht und Rohstoffförderung Priorität hatten. Wolfsblut bildet diese historische Spannung ab: Natur als bedrohte Ressource, als Gegner und als moralische Instanz. Indem der Roman die Konsequenzen von Ausbeutung, Vernachlässigung und rücksichtsloser Ökonomie zeigt, deutet er einen Schutzimpuls an, ohne die Lebensrealität derjenigen zu verklären, die von Tierarbeit und Jagd abhängig waren.

Ökonomisch kommentiert das Buch die Ambivalenzen der Boomgesellschaft: Chancen und Mobilität einerseits, Prekarität und Verrohung andererseits. Die Goldökonomie erzeugte soziale Schichtungen zwischen Claimbesitzern, Tagelöhnern, Händlern und Dienstleistern. Diese Hierarchien materialisieren sich an Tieren, die zu Handelsgütern, Werkzeugen und Spekulationsobjekten werden. Wolfsblut zeigt, wie Konkurrenz soziale Beziehungen deformiert, und wie Rechts- und Moralvorstellungen im Spannungsfeld von Profit und Not nachgeben. Damit liefert der Roman eine implizite Kritik an einer Ökonomie, die Menschen und Tiere in austauschbare Kalkulationsgrößen verwandelt, wenn äußere Zwänge dominieren und Kontrolle versagt bleibt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916) war einer der populärsten US-amerikanischen Autoren der frühen Moderne. Als Erzähler von Abenteuer- und Überlebensgeschichten verband er Naturbeobachtung mit sozialkritischem Blick und prägte das Bild des Yukon, der See und entlegener Regionen in der Literatur nachhaltig. Seine zeitgenössische Berühmtheit beruhte auf einer ungewöhnlichen Verbindung aus literarischem Ehrgeiz, journalistischer Energie und öffentlichem Auftreten. London veröffentlichte in führenden Zeitschriften, erreichte hohe Auflagen im Buchmarkt und wurde international gelesen. Zugleich stand er exemplarisch für den Naturalismus in den Vereinigten Staaten, der menschliches Handeln als von Umwelt, Arbeit und biologischen Kräften geformt verstand.

Aufgewachsen in Kalifornien, bildete sich London früh durch intensives Lesen in öffentlichen Bibliotheken und durch harte Arbeitserfahrungen in Fabriken, auf Schiffen und unterwegs als Wanderarbeiter. 1896 immatrikulierte er sich an der University of California, Berkeley, musste das Studium jedoch aus finanziellen Gründen nach kurzer Zeit abbrechen. Literarisch prägten ihn der Naturalismus und populäre Abenteuerliteratur ebenso wie sozialwissenschaftliche und evolutionstheoretische Lektüren, darunter Charles Darwin und Herbert Spencer. Auch die stilistische Prägnanz Rudyard Kiplings wirkte auf seine frühen Erzählungen. Diese Einflüsse verband London mit einer genauen Beobachtung von Arbeit, Gewalt, Naturbedingungen und sozialen Hierarchien.

Den entscheidenden Rohstoff für seine literarische Frühphase gewann London im Zuge des Klondike-Goldrauschs, den er 1897/98 im Yukon miterlebte. Aus diesen Erfahrungen erwuchsen erste Erzählbände wie The Son of the Wolf (1900) und prägnante Kurzgeschichten, darunter To Build a Fire. Den Durchbruch brachte der Roman The Call of the Wild (1903), der seine Reputation als kraftvoller Stilist und genauer Beobachter extremer Umwelten begründete. London veröffentlichte fortan regelmäßig in großen Magazinen, schrieb diszipliniert nach Redaktionsplänen und entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Generation. Mit The Sea-Wolf (1904) festigte er seine Position am Buchmarkt und erweiterte sein Themenspektrum um psychologische Seefahrtsdramen.

Zwischen 1903 und 1910 entstanden mehrere der heute kanonischen Werke Londons. White Fang (1906) variierte Motive von Wildnis, Domestizierung und Gewalt, während Martin Eden (1909) den Aufstieg eines Schriftstellers als bitteres Gesellschaftsbild entwarf. In The Iron Heel (1908) experimentierte London mit einer düsteren Zukunftsvision autoritärer Herrschaft. Neben Romanen beherrschte er die pointierte Kurzgeschichte und verfasste Serien für den Zeitschriftenmarkt. Stilistisch verband er sinnliche Anschaulichkeit mit straffer Dramaturgie und einer oft gnadenlosen Konsequenz in der Darstellung von Hunger, Arbeit, Kälte, Gier und Loyalität. Auch The Sea-Wolf (1904) verband maritime Kulissen mit moralischen Konflikten und fand ein großes Publikum.

Parallel dazu profilierte sich London als Reporter und Essayist. The People of the Abyss (1903) schilderte Elendsviertel im Londoner East End; The Road (1907) verarbeitete Erfahrungen des Vagabundierens. Er berichtete als Korrespondent über den Russisch-Japanischen Krieg und schrieb über das Erdbeben von San Francisco. Politisch engagierte er sich offen im Sozialismus, hielt Vorträge und kandidierte in den frühen 1900er-Jahren erfolglos für das Bürgermeisteramt in Oakland. Die Auseinandersetzung mit Klassenherrschaft, Arbeit und Armut prägte seine fiktionalen Stoffe ebenso wie seine publizistischen Texte und verlieh ihnen eine deutlich wahrnehmbare gesellschaftliche Dringlichkeit. Seine öffentlichen Auftritte erreichten ein breites Publikum.

Die Suche nach Stoffen und Unabhängigkeit führte London auf See und in den Pazifik. 1907 brach er zur Reise mit der Snark auf, die ihn in die Südsee führte und in The Cruise of the Snark (1911) und South Sea Tales (1911) literarisch nachwirkte. In Glen Ellen entwickelte er zugleich eine Farm, experimentierte mit Agrarwirtschaft und plante das großzügige Wolf House, das 1913 vor dem Bezug abbrannte. Trotz Belastungen durch Reisen und Arbeit hielt er eine enorme Produktionsgeschwindigkeit, belieferte Verlage verlässlich und balancierte populäre Stoffe mit politischen und dokumentarischen Projekten.

In seinen späten Jahren kämpfte London mit gesundheitlichen Einschränkungen, schrieb jedoch weiter und konsolidierte sein öffentliches Profil als Bestsellerautor und streitbarer Intellektueller. 1916 starb er in Kalifornien. Sein Werk wirkt fort: Erzählungen wie To Build a Fire und Romane wie The Call of the Wild, White Fang, The Sea-Wolf, Martin Eden und The Iron Heel gehören zum festen Bestand der englischsprachigen Literatur und wurden vielfach adaptiert. Londons Mischung aus Abenteuer, Sozialkritik und natürlicher Härte beeinflusste Generationen von Autorinnen und Autoren und bleibt Gegenstand lebhafter Diskussionen über Ethik, Darstellung und Ideologie.

WOLFSBLUT

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Teil
1. Kapitel. Auf der Fährte nach Fleisch
2. Kapitel. Die Wölfin
3. Kapitel. Heulender Hunger
Zweiter Teil
1. Kapitel. Kampf mit den Zähnen
2. Kapitel. Das Lager
3. Kapitel. Das graue Junge
4. Kapitel. Die Wand der Außenwelt
5. Kapitel. Das Recht auf Fleisch
Dritter Teil
1. Kapitel. Die Feuermacher
2. Kapitel. Die Knechtschaft
3. Kapitel. Der Ausgestoßene
4. Kapitel. Die Fahrt der Götter
5. Kapitel. Der Bund mit dem Menschen
6. Kapitel. Die Hungersnot
Vierter Teil
1. Kapitel. Der Feind seiner Gattung
2. Kapitel. Der tolle Gott
3. Kapitel. Das Regiment des Hasses
4. Kapitel. Im Rachen des Todes
5. Kapitel. Unzähmbar
6. Kapitel. Der Gebieter
Fünfter Teil
1. Kapitel. Die lange Fahrt
2. Kapitel. Das Südland
3. Kapitel. Des Herrn Besitztum
4. Kapitel. Die Stimme des Blutes

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel. Auf der Fährte nach Fleisch

Inhaltsverzeichnis

Dunkler Tannenwald dräute finster zu beiden Seiten des gefrorenen Wasserlaufs. Der Wind hatte kürzlich die weiße Schneedecke von den Bäumen gestreift, so daß sie aussahen, als drängten sie sich unheimlich düster in dem schwindenden Tageslicht aneinander. Tiefes Schweigen lag über dem Lande, das eine Wildnis war, ohne Leben, ohne Bewegung, so einsam, so kalt, daß die Stimmung darin nicht einmal traurig zu sein schien. Vielmehr lag es wie ein Lachen darüber, ein Lachen, schrecklicher als jede Traurigkeit, freudlos wie das Lächeln der Sphinx, kalt wie der Frost und grimmig wie die Notwendigkeit. Die unerbittliche, unerforschliche Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens[1q].

Und doch war Leben in dem Lande, trotziges Leben noch dazu! Denn den gefrorenen Wasserlauf hinunter zog mühsam eine Reihe wolfsähnlicher Hunde. Ihr dichter Pelz war dick mit Reif bedeckt; ihr Atem fror in der Luft so wie er in dichten Dampfwolken aus ihrem Maule emporstieg und hängte sich als Eiskristalle an die Haare ihres Pelzes. Sie gingen in ledernen Riemen an einen Schlitten gespannt, der hinten nachschleifte. Dieser Schlitten hatte keine Kufen. Er war aus dicker Birkenrinde gefertigt und ruhte mit dem ganzen Boden auf dem Schnee. Das vordere Ende war aufwärts gebogen, um den weichen Schnee, der wie Wellenschaum emporstäubte, aus der Bahn zu schieben. Auf dem Schlitten stand ein langer, schmaler, viereckiger Kasten und noch andere Dinge, wie wollene Decken, ein Beil, ein Kaffeetopf und eine Bratpfanne waren darauf festgeschnallt, doch den größten Raum nahm der lange, schmale, viereckige Kasten ein.

Vor den Hunden wanderte ein Mann auf breiten Schneeschuhen und hinter dem Schlitten ein zweiter. Auf dem Schlitten lag in dem Kasten ein dritter, dessen Mühe und Arbeit vorüber war, ein Mann, den die Kälte der Wildnis niedergeworfen und besiegt hatte, so daß er sich nicht mehr rühren, noch regen konnte; denn Bewegung liebt sie nicht. Das Leben ist für sie eine Beleidigung, denn das Leben ist Bewegung, sie aber strebt danach, alle Bewegungen aufhören zu machen. So läßt sie das Wasser gefrieren, um zu verhindern, daß es ins Meer fließe, so treibt sie den Saft aus den Bäumen, bis sie ins innerste Herz hinein erstarren; und am grausamsten und schrecklichsten verfolgt sie den Menschen und zwingt ihn zur Unterwerfung, ihn, das ruheloseste aller Wesen, das in steter Empörung gegen den Spruch ist, daß am Ende alle Bewegung aufhören soll.

Vor und hinter dem Schlitten wanderten jedoch unablässig und unerschrocken die beiden Männer, die noch lebendig waren. Ihr Körper war in dicken Pelz und weichgegerbtes Leder gehüllt. Ihre Augenwimpern, Wangen und Lippen waren so vollständig mit den Eiskristallen ihres gefrorenen Atems bedeckt, daß die Gesichtszüge unkenntlich waren, was ihnen das Aussehen von gespenstischen Masken gab, von Leichenträgern aus einer spukhaften Welt beim Leichenbegängnis eines Gespenstes. Trotzdem aber waren es Menschen, winzige Abenteurer, die durch das Land der Öde, des Hohnes und Schweigens zogen und kampfbereit sich gegen eine Welt stellten, die so fern, so fremd und ohne Leben war, wie die Abgründe im Weltenraum.

Sie wanderten dahin ohne zu sprechen, denn sie mußten den Atem für die Arbeit des Leibes sparen. Ringsumher herrschte lastendes Schweigen, das ihre Seele bedrückte, wie die Wassermassen den Körper des Tauchers auf dem Meeresgrunde. Es preßte sie mit dem Gewichte der Unermeßlichkeit, der unentrinnbaren Notwendigkeit. Es drängte sie in die tiefsten Winkel ihrer Seele zurück und quetschte aus ihnen, wie den Saft aus der Traube, alles falsche Streben, alle unwahre Begeisterung, alle übertriebene Wertschätzung irdischer Dinge heraus, bis sie sich klein und unbedeutend vorkamen wie Sonnenstäubchen, die mit wenig Klugheit und geringer Weisheit im Fangballspiel der großen, blinden Naturkräfte sich hin und herbewegen.

Eine Stunde verstrich und dann noch eine. Das bleiche Licht des kurzen, sonnenlosen Tages fing an zu erlöschen, als ein ferner, schwacher Laut gleichsam in die Luft emporstieg. Rasch glitt er einige Töne hinauf, bis er zitternd auf der höchsten Note verweilte und dann dahinstarb. Man hätte ihn für den klagenden Ruf einer verlorenen Seele halten können, wenn nicht aller Traurigkeit eine gewisse hungrige, gierige Wildheit beigemischt gewesen wäre. Der Vordermann drehte den Kopf herum, bis seine Augen denen des Gefährten begegneten, dann nickten sie einander verständnisvoll über dem schmalen, länglichen Kasten zu.

Ein zweiter Ruf erklang, der schrill wie eine spitze Nadel durch das Schweigen fuhr. Beide Männer erkannten, daß die Richtung, aus der er ertönte, die Schneewüste war, die sie soeben durchkreuzt hatten. Ein dritter Schrei – wie eine Antwort aus derselben Richtung, aber links von dem zweiten Ruf.

»Sie sind hinter uns her, Bill,« sagte der Vordermann.

Die Stimme klang heiser und geisterhaft; der Mann hatte scheinbar mit Anstrengung gesprochen.

»Das Fleisch ist knapp,« antwortete sein Gefährte. »Ich habe seit Tagen nicht die Spur von einem Kaninchen gesehen.«

Weiter sagten sie nichts, doch lauschten sie aufmerksam auf den Jagdschrei der Verfolger, der dauernd hinter ihnen her ertönte.

Beim Einbruch der Dunkelheit lenkten sie die Hunde in ein Tannengebüsch am Rande des Wasserlaufs und schlugen das Lager auf. Der Sarg neben dem Feuer diente als Sitz und Tisch. Die wolfsähnlichen Hunde drängten sich hinter dem Feuer zusammen, knurrten und bissen sich, zeigten jedoch keine Lust, sich ins Dunkle zu wagen.

»Mir scheint, Heinrich, sie bleiben heute merkwürdig dicht beim Lager,« bemerkte Bill.

Heinrich, der am Feuer hockte und den Kaffeetopf mit einem Stück Eis aufstellte, nickte. Er sprach auch nicht eher, als bis er seinen Platz auf dem Sarg eingenommen und zu essen angefangen hatte.

»Sie wissen, wo ihr Fell am sichersten ist,« versetzte er. »Sie fressen auch lieber, als daß sie sich fressen lassen. Es sind ganz kluge Hunde.«

Bill schüttelte den Kopf. »Oh, das weiß ich doch nicht.«

Sein Kamerad blickte ihn verwundert an. »Zum erstenmal höre ich dich etwas gegen ihre Klugheit sagen.«

»Du, Heinrich,« entgegnete der andere, indem er langsam an den Bohnen kaute. »Hast du vielleicht bemerkt, was für einen Spektakel die Hunde machten, als ich sie fütterte?«

»Sie lärmten allerdings mehr als gewöhnlich,« bestätigte Heinrich.

»Wie viel Hunde haben wir, Heinrich?«

»Sechs.«

»Schön.«... Bill hielt einen Augenblick inne, um seinen Worten größeren Nachdruck zu geben. »Wie du eben sagtest, Heinrich, haben wir sechs Hunde. Ich nahm auch sechs Stück Fisch aus dem Sack. Ich gab jedem Hund einen Fisch, und hatte doch einen zu wenig, Heinrich.«

»Du hast falsch gezählt.«

»Wir haben sechs Hunde,« wiederholte der andere mit vollkommener Seelenruhe. »Ich nahm auch sechs Stück Fisch heraus. Einohr bekam aber keinen. Ich ging hernach an den Sack und brachte ihm seinen.«

»Wir haben aber nur sechs Hunde,« behauptete Heinrich.

»Du, Heinrich,« fuhr Bill fort, »ich will nicht sagen, daß es alles Hunde waren, aber sieben haben Fisch bekommen.«

Heinrich machte eine Pause im Essen, blickte über das Feuer hinweg und zählte die Hunde.

»Es sind jetzt nur sechs,« sagte er.

»Ich sah den andern über den Schnee weglaufen,« beharrte Bill mit kühler Bestimmtheit, »und ich zählte sieben.«

Heinrich blickte ihn mitleidig an. »Ich werd' mich mächtig freuen, wenn die Fahrt erst vorüber ist.«

»Wie meinst du das?« fragte Bill.

»Ich meine, daß unsere Fracht hier dir auf die Nerven fällt und du anfängst, Gespenster zu sehen.«

»Daran hab' ich auch gedacht,« antwortete Bill ernsthaft. »Drum, als ich das so quer über den Schnee laufen sah, untersuchte ich denselben und sah Spuren darin. Dann zählte ich die Hunde, und es waren und blieben sechs. Die Spur ist noch im Schnee. Willst du sie sehen? Ich kann sie dir zeigen.«

Heinrich erwiderte nichts, sondern kaute schweigend weiter, bis er den Rest der Mahlzeit mit einer Tasse Kaffee hinuntergespült hatte. Dann wischte er sich mit dem Rücken der Hand den Mund ab und sagte: »Du glaubst also, es war –«

Eia langgezogener, furchtbar trauriger Ton, der irgendwo aus der Dunkelheit hervorkam, unterbrach seine Rede. Er hielt inne, um zu lauschen. Dann schloß er den Satz mit einer Handbewegung nach dem Geheul hin, – »einer von denen?«

Bill nickte. »Ich möchte hunderttausendmal lieber das, als was andres glauben, und du hast ja selbst den Lärm gehört, den die Hunde machten.«

Ein Geheul nach dem andern, wobei eines immer wie die Antwort auf das andere klang, verwandelte die Stille ringsum in den lärmenden Tumult eines Tollhauses. Von allen Seiten kamen die Töne, und die Hunde drängten sich angstvoll aneinander und so dicht um das Feuer herum, daß die Hitze ihnen den Pelz versengte.

Bill warf mehr Holz auf die Glut, bevor er sich eine Pfeife anzündete.

»Ich denke, du bist ein bißchen melancholisch gestimmt,« bemerkte Heinrich.

»Du, Heinrich...« Er sog nachdenklich eine Weile an der Pfeife, bevor er fortfuhr: »ich dachte gerade daran, wie viel hunderttausendmal glücklicher doch der da dran ist, als wir, du und ich, es je sein werden.«

Dabei deutete er mit dem Daumen abwärts auf die Kiste, auf der sie saßen.

»Wenn wir, Heinrich, du oder ich, sterben, können wir glücklich sein, so viel Steine auf unsere Kadaver zu bekommen, daß die Hunde davon abgehalten werden.«

»Aber wir haben auch keine Verwandten und kein Geld und all das, wie der da,« entgegnete Heinrich. »Eine lange Reise als Leiche ist etwas, was wir uns nicht leisten können.«

»Was mich wundert, Heinrich, ist, was so 'n Mensch wie der da, der im eigenen Lande ein vornehmer Herr war und sich um Essen und Trinken und ums Nachtquartier nie hat zu sorgen brauchen, – was so einer hierher in diesen gottverlassenen Winkel kommt, das kann und kann ich nicht recht einsehen.«

»Er hätte ein hohes Alter erreichen können, wenn er zu Haus geblieben wäre,« stimmte Heinrich bei.

Bill öffnete den Mund, um zu sprechen, besann sich jedoch eines andern. Er deutete statt dessen in das Dunkel hinein, das wie eine Mauer sie auf allen Seiten umgab. Es waren in der dichten Finsternis weder Formen, noch Gestalten zu erblicken, nur ein Augenpaar konnte man wie glühende Kohlen darin leuchten sehen. Heinrich deutete mit einer Kopfbewegung nach einem zweiten und einem dritten Augenpaar. Ein Kreis glühender Augen schien sich um das Lager zu ziehen. Hin und wieder bewegten sich die glühenden Punkte, verschwanden, um einen Augenblick später wieder aufzutauchen.

Die Ruhelosigkeit der Hunde hatte zugenommen, sie rannten in einem Anfall plötzlicher Angst nach der Innenseite des Feuers und drängten sich an die Männer heran. Bei der wilden Flucht war einer dicht am Feuer zu Falle gekommen, und während der Geruch seines versengten Pelzes die Luft erfüllte, winselte er vor Schmerz und Angst. Unterdessen hatte sich der Kreis glühender Augen unruhig hin- und herbewegt und einen Augenblick sogar ein wenig zurückgezogen, aber wieder kehrten die leuchtenden Punkte an den früheren Platz zurück, als die Hunde ruhiger wurden.

»Heinrich, es ist ein großes Unglück, daß wir keine Patronen mehr haben.«

Bill hatte seine Pfeife ausgeraucht und half dem Gefährten, auf die Tannenzweige, die sie noch vor dem Abendessen auf den Schnee gelegt hatten, die wollenen Decken und Pelze zum Nachtlager auszubreiten. Heinrich brummte zustimmend und machte sich daran, seine Mokassins[1] aufzuschnallen.

»Wie viele Patronen haben wir noch, sagtest du?« fragte er.

»Drei,« war die Antwort. »Ich wünschte, es wären dreihundert. Dann wollte ich ihnen schon was zeigen, den verdammten Bestien.«

Bill schüttelte ärgerlich die Faust nach den glühenden Augen hin und fing ebenfalls an, sich die Mokassins auszuziehen, die er am Feuer aufstellte.

»Ich wünschte, diese Kälte möchte mal endlich nachlassen,« fuhr er fort. »Wir haben nun schon vierzehn Tage lang fünfzig Grad gehabt, und ich wollte, ich hätte mich nie auf diese Fahrt begeben, Heinrich. Mir gefällt sie nicht! Mir ist nicht wohl dabei, und wenn ich einmal beim Wünschen bin, so möcht' ich, die Fahrt wäre erst vorbei, und du und ich, wir säßen am Feuer in Fort Mc. Gurry so um diese Zeit des Tages, und spielten Karten. Ja, das möcht' ich!«

Heinrich brummte und kroch ins Bett. Beim Einduseln weckte ihn die Stimme des Gefährten.

»Hör mal, Heinrich – den andern, der dazukam und den Fisch bekam –, warum bissen den die Hunde nicht weg? Das beunruhigt mich.«

»Du plagst dich zu sehr, Bill,« kam schläfrig die Antwort. »Du warst doch vorher nie so. Nun hör 'mal auf und schlafe, dann bist du morgen wieder frisch und munter. Du hast dir den Magen verdorben, und das quält dich!«

Die Männer schliefen unter derselben Decke schwer atmend nebeneinander. Das Feuer brannte herunter und der Kreis glühender Augen zog sich immer enger um das Lager. Die Hunde drängten sich angstvoll aneinander und knurrten jedesmal drohend, wenn ein Augenpaar näher herankam. Einmal wurde der Lärm so toll, daß Bill erwachte. Er kroch vorsichtig aus dem Bett, um den Schlaf seines Kameraden nicht zu stören, und warf mehr Holz auf das Feuer. Als es aufflammte, zog sich der Augenkreis weiter zurück. Zufällig blickte er nach den sich zusammendrängenden Hunden hinüber, rieb sich die Augen und blickte schärfer hin. Darauf kroch er unter die Decken zurück.

»Du, Heinrich,« sagte er, »hör doch mal, Heinrich!«

Dieser, aus dem Schlafe erwachend, brummte: »Was ist denn los?«

»Nichts,« war die Antwort. »Nur daß es jetzt wieder sieben sind. Ich hab' sie eben gezählt.«

Heinrich beantwortete die Kunde mit einem Brummen, das in ein Schnarchen überging, als der Schlaf ihn übermannte. – Am Morgen erwachte Heinrich zuerst und trieb den Gefährten zum Aufstehen an. Der Tag brach erst drei Stunden später an, obgleich es schon sechs Uhr war, und so ging Heinrich in der Dunkelheit umher und kochte das Frühstück, während Bill die Decken zusammenrollte und den Schlitten zur Abfahrt bereit machte.

»Hör mal, Heinrich,« fragte er plötzlich, »wie viel Hunde sagtest du, daß wir hätten?«

»Sechs.«

»Falsch!« verkündete Bill triumphierend.

»Wieder sieben?« fragte Heinrich.

»Nein, aber fünf, denn einer ist weg.«

»Höll und Teufel!« rief Heinrich wütend, ließ das Frühstück stehen und kam, um die Hunde zu zählen.

»Du hast recht,« erwiderte er. »Fett ist fort.«

»Und wie ein geölter Blitz ging es mit ihm, als er erst los war. Nichts war mehr von ihm zu sehen.«

»Wie sollte es auch?« erwiderte Heinrich. »Sie verschlangen ihn gewiß gleich lebendig. Ich wette, er bellte noch, als sie ihn hinunterschluckten, die verdammten Bestien.«

»Er war immer ein bißchen dämlich,« meinte Bill.

»Aber kein dummer Hund sollte so dämlich sein, daß er hinliefe, um Selbstmord zu begehen.« Dabei ließ Heinrich den Blick prüfend über die übrigen Hunde gleiten, als wollte er sich die Charakterzüge jedes Einzelnen vergegenwärtigen.

»Ich wette, das würde keiner von den andern tun.«

»Die könnte man nicht mal mit 'nem Knüppel vom Feuer jagen,« stimmte Bill bei. »Ich dachte immer, daß es mit Fett nicht ganz richtig wäre.«

Und dies war die Grabrede auf einen toten Hund bei einer Nordlandfahrt – nicht dürftiger als die manches anderen Hundes und manches Mannes.

2. Kapitel. Die Wölfin

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Als das Frühstück verzehrt und die wenigen Lagergerätschaften auf den Schlitten gepackt waren, drehten die Männer dem hellen Feuer den Rücken und verschwanden in der Dunkelheit. Sogleich begann wieder das fürchterlich traurige Geheul, das auf verschiedenen Seiten wie antwortend durch Kälte und Dunkelheit tönte. Der Männer Gespräch verstummte. Um neun ward es Tag. – Mittags erglänzte der Himmel im Süden in rosigem Lichte, aber die Rosenfarbe verblaßte schnell. Das graue Tageslicht, das zurückblieb, dauerte bis drei Uhr, wo es ebenfalls erblich, und nun breitete die Polarnacht[2] ihr dunkles Leichentuch über die einsame, schweigende Welt.

Als die Dunkelheit hereinbrach, erklang das Geheul rechts, links und im Rücken näher, ja, mehr als einmal so nahe, daß die müden Hunde vor Angst zitterten und in der Aufregung durcheinander gerieten.

Nach einem solchen kurzen Aufenthalt, als Bill und Heinrich das Gespann wieder in Ordnung gebracht hatten, sagte jener: »Ich wünschte, sie möchten ein anderes Wild irgendwo aufspüren und uns in Ruhe lassen.«

»Sie fallen einem wirklich gräßlich auf die Nerven,« stimmte Heinrich bei. Weiter sagten sie nichts, bis das Nachtlager aufgeschlagen wurde.

Heinrich beugte sich über den Topf, in dem die Bohnen brodelten, und in den er kleine Stückchen Eis hineintat, als ein lauter Schlag und ein Ausruf von Bill sowie das scharfe Knurren und das Wehgeschrei eines Hundes ihn zusammenfahren ließ. Er richtete sich auf und sah noch, wie eine dunkle Gestalt über den Schnee lief und in der Finsternis verschwand. Dann erblickte er Bill, halb triumphierend, halb niedergeschlagen, unter den Hunden, wie er in der einen Hand einen dicken Knüttel, in der andern das Schwanzende eines gedörrten Lachses hielt.

»Die Hälfte hat die Bestie doch gekriegt,« verkündete er, »aber ich gab ihr dafür auch einen tüchtigen Klapps. Hörtest du sie schreien?«

»Wie sah sie denn aus?« fragte Heinrich.

»Sehen konnte ich nicht. Aber sie hatte vier Beine und ein Maul und Haare und sah wie ein Hund aus.«

»Es muß ein zahmer Wolf gewesen sein, glaub' ich.«

»Verdammt zahm, was es auch ist, wenn es so zur Fütterung kommt und sein Stück Fisch holt.«

Als das Abendbrot vorüber war und die beiden Männer auf dem länglichen Kasten saßen und ihre Pfeife schmauchten, zog sich der Kreis glühender Augen wieder dichter zusammen.

»Ich wünschte, sie möchten auf ein Rudel Elche oder was Ähnliches stoßen und uns zufrieden lassen,« sagte Bill.

Heinrich brummte etwas, was nicht wie eine Zustimmung klang, und eine Viertelstunde saßen sie schweigend da, wobei Heinrich ins Feuer und Bill auf den Augenkreis starrte, der in der Dunkelheit dicht hinter dem Feuer flimmerte.

»Ich wünschte, wir könnten von hier in einer Tour nach Mc. Gurry fahren,« begann Bill wieder.

»So hör endlich einmal mit deinem Gewünsch und Gekrächz auf,« brach Heinrich ärgerlich los. »Ich sag' dir, du hast dir den Magen verdorben. Schluck eine gute Dosis Natron[3] runter, dann wird dir besser und deine Gesellschaft angenehmer werden.«

Am folgenden Morgen wurde Heinrich durch gräßliche Flüche aus Bills Munde geweckt. Er stützte sich auf den Ellenbogen und sah den Gefährten neben dem flackernden Feuer mitten unter den Hunden mit wutverzerrtem Gesicht und scheltend erhobenen Armen stehen.

»Hallo!« rief Heinrich. »Was ist denn los?«

»Frosch ist weg!« war die Antwort.

»Nein!«

»Ich sage ja!«

Heinrich sprang aus den Decken und lief auf die Hunde zu. Er zählte sie und stimmte dann in die Verwünschungen ein, womit sein Kamerad den Mächten der Wildnis fluchte, die ihnen abermals einen Hund geraubt hatten.

»Frosch war der stärkste von allen,« bemerkte Bill zuletzt.

»Und er war auch nicht dämlich,« fügte Heinrich hinzu, und das war innerhalb zwei Tagen die zweite Grabrede.

Das Frühstück wurde in düsterer Stimmung eingenommen und die vier noch übrigen Hunde vor den Schlitten gespannt. Der Tag war eine Wiederholung der vorhergegangenen. Die Männer wanderten stumm über die gefrorene Erde, und das Schweigen wurde nur durch das Geheul ihrer Verfolger unterbrochen, die ihnen unsichtbar folgten. Mit dem Einbruch der Dunkelheit am frühen Nachmittag klang das Geheul wieder näher, wie die Verfolger ihrer Gewohnheit gemäß näher kamen; die Hunde wurden aufgeregt und furchtsam und verwickelten sich in ihrer Angst in den Strängen, was die beiden Männer noch mehr entmutigte.

»So, das wird die dummen Dinger doch wohl festhalten,« sagte Bill am Abend voller Befriedigung, als er sich von seiner Arbeit aufrichtete.

Heinrich ließ den Kochtopf stehen und kam, um zu sehen, was der andere gemacht hatte. Bill hatte nicht nur die Hunde angebunden, sondern dies nach der Art der Indianer mit Stöcken getan. Um den Hals eines jeden Hundes hatte er einen ledernen Riemen so dicht befestigt, daß der Hund ihn mit den Zähnen nicht fassen konnte, und an diesen Riemen hatte er einen vier oder fünf Fuß langen Stock gebunden, und das andere Ende des Stockes mit einem zweiten Lederriemen an einem Pfahl im Boden festgemacht. So konnte der Hund wegen des Stockes weder an den einen noch an den anderen Lederriemen gelangen, um ihn zu durchnagen. – Heinrich nickte zufrieden mit dem Kopfe.

»Es ist das einzige Mittel, um Einohr festzubinden,« sagte er. »Denn der beißt durch das Leder so glatt, als wenn es mit 'nem Messer durchschnitten wäre, nur daß es ein bißchen länger dauert. – Morgen werden sie alle am Platze sein.«

»Darauf kannst du eine Wette eingehen,« bekräftigte Bill. »Wenn morgen einer fehlt, so will ich keinen Kaffee haben.«

»Die wissen ganz genau, daß wir kein Pulver und kein Blei mehr haben,« bemerkte Heinrich beim Schlafengehen, indem er auf den Kreis glühender Punkte deutete. »Wenn wir ihnen nur eins auf den Pelz brennen könnten, so würden sie mehr Respekt haben. Sie kommen jede Nacht näher heran. Sieh eine Weile nicht ins Feuer, sondern scharf darauf hin. Sahst du den da?«

Die Männer amüsierten sich eine Zeitlang damit, die Bewegungen der undeutlichen Gestalten am Rande des Feuerscheins zu beobachten. Wenn sie die Augen fest auf ein im Dunkel leuchtendes Augenpaar hefteten, so fing die Gestalt des Tieres an, allmählich Form anzunehmen, und sie konnten dann und wann die Formen sich bewegen sehen.

Ein Lärm unter den Hunden zog die Aufmerksamkeit der Männer an. Einohr ließ ein flehendes Gewinsel hören, strebte am Ende seines Stockes ins Dunkel hinein und ließ nur davon ab, um von Zeit zu Zeit mit den Zähnen wahnsinnige Angriffe auf den Stock zu machen.

»Sieh doch mal, Bill,« flüsterte Heinrich.