Wörter auf Papier - Vince Vawter - E-Book

Wörter auf Papier E-Book

Vince Vawter

0,0
11,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Victor ist der beste Werfer von ganz Memphis. Nicht nur beim Baseball. Jede Zeitung, die er austrägt, landet perfekt auf der Veranda. Doch wenn Victor an Freitag denkt, wird ihm mulmig zu Mute. Dann muss er das Geld bei den Abonnenten einsammeln. Und das, wo er so sehr stottert, dass er kaum zwei Wörter hintereinander herausbringt. Der heiße Sommer 1959 bringt die seltsamsten Begegnungen mit sich. Da ist Mrs Worthington, die Kummer hat; der Fernsehjunge, der nie rauszugehen scheint; und der weise Mr Spiro, der Victor einen stotternden Dichter nennt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



VINCE VAWTER

WÖRTER AUF PAPIER

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

In Erinnerung an meinen Vater, Vilas V. Vawter Jr.

EINS

Ich habe einen guten Grund, über die Messersache zu schreiben. Reden kann ich nicht.

Ohne zu stottern.

Außerdem habe ich Mam versprochen, niemals zu erzählen, was mit meinem Klappmesser mit dem gelben Griff passiert ist. Mam könnte sagen, Maschine schreiben ist gemogelt, aber ich muss die Wörter auf Papier sehen, damit ich sicher sein kann, alles ist so passiert, wie sich mein Gehirn erinnert. Ich traue Wörtern auf Papier viel mehr als Wörtern in der Luft.

Meine komische Art zu sprechen klingt nicht so sehr wie im Trickfilm. Ich bleibe nämlich beim ersten Laut eines Wortes hängen und versuche das Wort dann rauszudrücken. Manchmal kommt es auch nach ein bisschen Drücken, aber manchmal werde ich auch knallrot im Gesicht und kriege keine Luft mehr und drehe im Kopf so schwindelige Kreise. Ich kann dann nicht viel tun außer mir ein anderes Wort ausdenken oder weiterdrücken.

Die Frau, die meine Eltern angestellt haben, damit sie mir richtiges Sprechen beibringt, hat mich einen Trick gelehrt, den sie Sanfte Luft nennt. Dabei lasse ich ein bisschen von meinem Atem raus, bevor ich bei einem Wort steckenbleibe. Wenn ich also das Gefühl habe, dass ich ein Wort nicht richtig sagen kann, versuche ich mich mit so einem Zischeln ranzuschleichen.

s-s-s-s.

Für einen Elfjährigen ist es besser, Schlange genannt zu werden als Schwachkopf.

An manchen Tagen, wenn ich in der Schule bei einem Haufen Wörter steckengeblieben bin, komme ich nach Hause und lege ein Blatt aus dem Notizbuch in die Schreibmaschine. Die hat irgendwer aus dem Büro meines Vaters mal vor langer Zeit zu uns nach Hause gebracht und hier vergessen. Darauf schreibe ich jetzt diese Sätze. Ich hacke all die Wörter in die Tasten, die mir den Tag über am meisten Ärger gemacht haben. Meine Hände wissen, wo die Buchstaben sind, und ich muss mir keine neuen Tricks ausdenken, um ein Wort rauszudrücken.

Ich mag das Geräusch der Schreibmaschinentaste, wenn der Buchstabe auf das schwarze Band haut, weil es immer das gleiche ist. Ich weiß nie, welche Geräusche aus meinem Mund kommen. Wenn überhaupt mal eins rauskommt.

Nur dass ihr es wisst. Ich kann Kommas nicht ausstehen. Darum lasse ich sie beim Tippen manchmal weg, wenn ich meine, es geht auch so. Meine Aufsatzlehrerin hat gesagt, ein Komma heißt Zeit für eine Pause. Ich mache dauernd Pausen beim Reden, ob ich will oder nicht. Riesenpausen. Ich schreibe lieber eine Trillion Mal und als ein Komma zu viel.

Ich tippe in meinem Zimmer so viel, dass die weißen Buchstaben schon von den schwarzen Tasten abgescheuert werden. Aber die Taste mit dem Komma drauf sieht noch fast neu aus und kann von mir aus auch so bleiben.

– – – – – – – – – – –

Mam ist aus Mississippi nach Memphis gekommen, als ich fünf war, und sie wohnt bei uns und kümmert sich um mich und eins ist sicher: Ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen.

Mam heißt eigentlich Miss Nellie Avent. Meine Mutter hat gesagt, ich soll sie Miss Nellie nennen, aber das hat nicht funktioniert, weil da ein N auf ein M folgt. Mam war von allem, was ich aussprechen konnte, am nächsten dran und sie hat gesagt, das wäre ihr recht.

Sie fand, wir passten gut zusammen, weil sie nicht besonders gut schreiben kann und ich die beste Handschrift habe, die sie je bei einem kleinen Mann gesehen hat. So nennt sie mich seit ihrem ersten Tag bei uns. Kleiner Mann.

Mam ist mein allerbester Freund auf der Welt, außer wenn es ums Baseballspielen geht, dann ist es Rat. Sein richtiger Name ist Art.

Den hatte er am ersten Tag der dritten Klasse in Druckbuchstaben auf seinen Fanghandschuh geschrieben. Er ist nämlich Catcher und ich bin Pitcher. Ich musste ihm aber den Spitznamen Rat geben, weil mir das A an dem Tag einfach nicht über die Lippen kommen wollte. Er war einverstanden und deswegen mochte ich ihn gleich von Anfang an. Dabei sah er gar nicht aus wie eine Ratte. Aber er hat schneller verstanden als die meisten Kinder, dass ich mit Rat seinem Namen am nächsten kam, weil das R so einfach war. Mam nennt ihn Mr Rat und dann muss ich mich immer totlachen.

Mein Stotterproblem macht mich wahrscheinlich zum besten Spitznamenerfinder von ganz Memphis.

Einer von meinen harten Baseballwürfen hat Rat am letzten Tag der sechsten Klasse voll auf den Mund getroffen. Darum habe ich ihm angeboten im Juli für ihn die Zeitungen auszutragen, damit er seine Großeltern auf ihrer Farm außerhalb von Memphis besuchen kann. Ich wollte eigentlich nicht unbedingt Zeitungen austragen, aber ich dachte, das schulde ich Rat, weil ich ihm die Lippe aufgeschlagen habe. Rat findet, ich gebe mit meinen harten Würfen zu sehr an, und wahrscheinlich hat er Recht und jetzt muss ich dafür bezahlen.

Beim Zeitungsaustragen habe ich lauter neue Leute kennengelernt und da sind auch die vielen schlimmen Sachen passiert. Aber auch ein paar gute. Jedenfalls glaube ich, dass sie gut waren. Ich versuche das immer noch alles zu begreifen und ich hoffe, wenn ich die Wörter aufs Papier schreibe, dann hilft das.

– – – – – – – – – – –

Ich wusste, das Werfen der Zeitungen würde mir am besten gefallen, weil ich Werfen am allerbesten kann. Den Baseball. Steine. Dreckklumpen. Zeitungen. Alles Mögliche.

Aber es war auch kein großes Geheimnis, dass ich mir am meisten Gedanken darüber machte, jeden Freitag das Geld für die Zeitungen kassieren zu müssen.

Bei der Vorstellung, zur Haustür zu gehen und zu klingeln, schwoll mir alles an im Leib. Mit Leuten zu reden, die mich nicht kennen, ist für mich so schrecklich, weil ich auf den ersten Blick aussehe wie jeder andere Junge. Zwei Augen. Zwei Arme. Zwei Beine. Kurz geschnittenes Haar. Nichts Besonderes. Aber wenn ich den Mund aufmache, werde ich zu etwas anderem. Die meisten Leute geben sich gar nicht die Mühe rauszufinden, was mit mir los ist, und denken, ich bin wohl nicht ganz richtig im Kopf. Sie versuchen mich so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Das Beste, was ich machen konnte, wenn ich innen drin ganz nervös wurde, war mit Mam reden. Sie wohnt über der Garage hinter unserem Haus.

Von unserer Küche aus sah ich, dass bei ihr noch Licht brannte. Wahrscheinlich las sie in ihrer Bibel, bloß dass sie eigentlich nicht las, sondern sie anschaute. Sie hatte mir beigebracht mit ihr zusammen den dreiundzwanzigsten Psalm aufzusagen und sie hat den Finger an den Sätzen entlangbewegt, aber er landete nie genau da, wo wir gerade die Worte sprachen.

Ich stieg die Treppe hoch und klopfte mein Erkennungszeichen an die Tür. Das geht so: Dat da-da-da-dat – dat dat.

Was willst du denn, Kleiner Mann?

s-s-s-s-Muss mit dir s-s-s-s-sprechen.

Wir können uns ein bisschen unterhalten, aber dann musst du zurück ins Haus und ins Bett.

Mam wusste, das Kassieren für die Zeitungen lag wie eine schwere Last auf mir, aber sie wusste auch, ich redete gern um den heißen Brei herum, bevor ich über was Wichtiges sprach.

s-s-s-s-Hast du je eine s-s-s-s-Vorahnung dass was Schlimmes s-s-s-s-passieren wird?

Öfters, Kleiner Mann. Wo ich groß geworden bin in Coldwater, da hatten wir einen alten Mann, der hat sein Geld mit Weissagen verdient.

Erzähl s-s-s-s-mir was von ihm.

Das war so ein alter Mann mit krausem weißem Bart, der hat die Zukunft vorhergesagt. Er hat Tierknochen hingeworfen und genau geguckt, wie sie landen. Die Leute haben gesagt, das sei Gotteslästerung, auf den alten bärtigen Mann zu hören, aber mir hat er nie was Falsches erzählt.

Was s-s-s-s-hat er s-s-s-s-denn erzählt?

Er hat mir erzählt, mein älterer Bruder würde zu Schaden kommen. In dem Sommer ist mein Bruder John im Coldwater Creek ertrunken, wo nicht mal ne Teetasse Wasser drin war.

Wie ist er s-s-s-s-dann er-s-s-s-s-trunken?

Weiß keiner. Der Doktor hat gesagt, da war mehr Wasser in der Lunge des hübschen Jungen als in dem Graben.

Schließlich erzählte ich Mam dann, ich hätte zwar bestimmt Spaß daran, auf Rats Route die Zeitungen zu werfen, aber das Kassieren am Freitagabend machte mich ganz durcheinander innen drin.

Ich komme mit dir kassieren.

Muss s-s-s-s-ich allein hin-s-s-s-s-kriegen.

Du wirst erwachsen, Kleiner Mann. Bin stolz auf dich.

Mam sagte, sie müsste in der Küche noch ein bisschen sauber machen und würde mit mir zum Haus zurückgehen. Ich wusste, das tat sie, weil sie sichergehen wollte, dass ich nicht zu niedergeschlagen war.

Der Buick meines Vaters rollte die Auffahrt hoch, als wir durch die Küchentür reingingen. Mam wartete auf ihn und hielt ihm die Tür auf, als sie sah, wie er seine großen Aktentaschen vom Rücksitz nahm.

Was halten Sie vom Kleinen Mann und dem Zeitungsaustragen, Mr V.?

Mein Vater sah mich an und lächelte.

Ich bin sicher, er wird die Zeitungen genauso gut werfen wie einen Baseball.

Ich hatte meinem Vater vorher erzählt, dass ich überlegte die Route zu übernehmen, und er hatte gesagt, es sei gut, dass ich einem Freund helfen wolle.

Mam und ich gingen die Hintertreppe hoch und über den Flur an meiner Mutter vorbei, die sich an ihrem Schminktisch im Schlafzimmer weißes Zeug ins Gesicht schmierte und Sachen ins Haar rollte wie immer abends.

Gute Nacht, Süßer.

Ich wollte ihr auch Gute Nacht sagen, blieb aber am harten G hängen und wusste, selbst wenn ich das G schaffte, würde mir das N auch noch Ärger machen. Also ging ich einfach weiter den Flur entlang zu meinem Zimmer und mein Atem steckte in mir fest und mir war gar nicht mehr nach allen möglichen s-s-s-sTricks, weil der Tag zu Ende und ich müde war.

Mam warf meine schmutzigen Kleider und Handtücher in den Wäscheschacht, als ich im Bad fertig war, und dann kam sie in mein Zimmer. Sie tätschelte mir den Fuß, als ich ins Bett ging, und knipste auf dem Weg nach draußen das Licht aus.

Mam hatte schon lange aufgehört mir Gutenachtküsse auf den Scheitel zu geben, ohne dass ich drum gebeten hätte. Man musste Mam nicht sagen, was man dachte, wie normalen Erwachsenen. Sie wusste es immer von selbst.

ZWEI

Am ersten Montag der Zeitungstour trafen die regulären Austräger nachmittags ab kurz vor drei an der Lieferstelle ein.

Ich hatte die beiden Leinentaschen mit der Aufschrift Press-Scimitar schon an einen Holzzaun gehängt, wie Rat es mir gezeigt hatte.

Die meisten Austräger waren in meinem Alter, aber auch ein paar Erwachsene waren dabei, was die Kinder daran hinderte, übertrieben rumzualbern. Einige Jungs kannte ich aus der Schule, aber die meisten waren aus anderen Stadtteilen.

Ein älterer Junge in abgeschnittener Jeans und schwarzem T-Shirt besetzte mit seinen Taschen den Platz neben mir am Zaun.

Wo ist Art?

s-s-s-s-Weg… den s-s-s-s-ganzen Juli.

Er sah mich komisch an. Im Kopf sagte ich, dass Rat den Monat freihat und ihn auf der Farm seines Großvaters verbringt. Das dachte ich, aber ich musste Wörter aussuchen, die zumindest eine Chance hätten, aus meinem Mund zu kommen. Ich suchte mir immer meinen Weg durch die Wörter so wie in den Gassen zwischen Flaschenscherben und Hundehaufen.

Wo ist er denn hin?

Großeltern würde nicht funktionieren. Ich merkte schon, wie sich das G in meiner Kehle verklumpte, wenn ich bloß daran dachte, das Wort auszusprechen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!