Wunderwelt der Fabeln - Äsop - E-Book

Wunderwelt der Fabeln E-Book

Äsop

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Beschreibung

E-artnow präsentiert Ihnen diese einzigartige Anthologie der größten Fabelsammlungen - magische Tiergeschichten, Satiren über menschliches Verhalten und die Gesellschaft sowie Erzählungen mit den besten moralischen Lektionen und Weisheiten für jedes Alter. Diese Sammlung enthält: Fabeln (Äsop) Lafontaines Fabeln (Jean de La Fontaine) Pestalozzis Fabeln (Johann Heinrich Pestalozzi) Lessings Fabeln (Gotthold Ephraim Lessing) Fabeln (Novalis) Fabeln und Parabeln (Abraham a Sancta Clara) Tiergeschichten (Hermann Löns) Tiergeschichten in Versen (Magnus Gottfried Lichtwer) Funfzig Fabeln für Kinder (Wilhelm Hey) Amoralische Fabeln (Lisa Wenger) Magische Tiergeschichten (Manfred Kyber)

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Äsop, Jean de La Fontaine, Johann Heinrich Pestalozzi, Gotthold Ephraim Lessing, Novalis, Abraham a Sancta Clara, Hermann Löns, Magnus Gottfried Lichtwer, Wilhelm Hey, Lisa Wenger

Wunderwelt der Fabeln

Das Buch der 1001 Fabeln: Der Affe und der Fuchs, Die Eiche und das Schwein, Die Wespen, Löwe und Maus, Die Nachtigall und der Pfau
e-artnow, 2024 Kontakt: [email protected]
EAN  4066339587298

Inhaltsverzeichnis

Fabeln (Äsop)
Lafontaines Fabeln (Jean de La Fontaine)
Pestalozzis Fabeln (Johann Heinrich Pestalozzi)
Lessings Fabeln (Gotthold Ephraim Lessing)
Fabeln (Novalis)
Fabeln und Parabeln (Abraham a Sancta Clara)
Tiergeschichten (Hermann Löns)
Tiergeschichten in Versen (Magnus Gottfried Lichtwer)
Funfzig Fabeln für Kinder (Wilhelm Hey)
Amoralische Fabeln (Lisa Wenger)
Magische Tiergeschichten (Manfred Kyber)

ÄsopFabeln

Inhaltsverzeichnis
Auf ein Bildnis Äsops
I. Mythen und Märchen
II. Tierfabeln
III. Tier und Mensch
IV. Menschenfabeln. Götter und Menschen
V. Menschenfabeln. Menschen unter sich
VI. Scherze, Schwänke, Novellen
Die Äsoplegende

Auf ein Bildnis Äsops

Inhaltsverzeichnis

anthol. plan. 332 (Agathias)

Wahrlich, greiser Lysipp, sikyonischer Künstler, du stelltest       richtig hinter Äsops Bild das der Weisen zurück. Denn die Sieben belehren mit Zwang, doch mangelt den Worten      die überredende Kraft, wie sie der Samier zeigt. Er verkündet in weisen Märchen und Fabeln das Wahre      und in spielendem Ernst lehrt er vernünftig zu sein. Weg mit den rauhen Geboten! Der Samier aber      bietet des Märchens Reiz, das wie ein Köder uns lockt.

I. Mythen und Märchen

Inhaltsverzeichnis

1. Die Erde als Mutter und Stiefmutter

... Der Gärtner sprach zu Xanthos: »Bitte, Herr, ich habe eine Belehrung von dir nötig.« »Sprich!«, sagte der Philosoph. Und der Gärtner sprach: »Meister, wie kommt es, daß mein Gemüse, das gut gehackt und gewässert wird, so langsam gedeiht, das aber, was wild wächst und nicht betreut wird, so schnell?« Xanthos hörte dies tiefphilosophische Problem an, fand aber durchaus keine Lösung. Daher sagte er: »Das bewirkt die göttliche Vorsehung.« Als das Äsop mitanhörte, mußte er lachen. Da fragte ihn Xanthos: »Lachst oder verlachst du?« »Ich verlache«, sagte jener, »aber nicht dich, sondern deinen Lehrer. Denn die Weisen sind gerade dazu da, um das Walten der göttlichen Vorsehung zu erklären. Versprich mir die Freiheit, und ich werde das Problem lösen.« Da sagte Xanthos zu dem Gärtner: »Du Witzbold, es schickt sich nicht für mich, der in so vielen Hörsälen disputiert hat, nun hier in den Gärten Rätsel zu lösen. Aber mir folgt hier ein gut bewanderter Sklave. Lege diesem das Problem vor, und er wird es lösen.« Da sagte der Gärtner: »Was? Dieser Mistfink soll die Wissenschaft beherrschen? Wehe mir über mein Pech!« Und zu Äsop sagte er: »Nun wohl, zeig' an, ob du die Sache verstehst!«

Äsop sagte: »Du willst also folgendes wissen: Warum gedeihen die wilden Pflanzen rascher und besser als die, die du in die Erde pflanzst und sorgsam betreust? Nun höre, das ist genau wie bei einer Frau, die eine zweite Ehe eingeht und bereits Kinder aus erster Ehe hat. Wenn nun auch der Mann Kinder aus erster Ehe hat, so zeigt sich die Frau als Mutter gegenüber den Kindern, die sie mitbringt, und als Stiefmutter gegenüber den Kindern, die sie vorfindet. Diejenigen, die sie selbst geboren hat, zieht sie liebevoll groß. Die aber, die fremden Wehen entstammen, haßt sie. Deshalb ist sie mißgünstig gegen sie, beschneidet ihnen die Nahrung und teilt den eigenen mehr zu. Denn die eigenen liebt sie als Gaben der Natur, die des Mannes aber haßt sie, weil sie der Menschensatzung entstammen. Ebenso ist die Natur die Mutter der Pflanzen, die von selbst wachsen, aber die Stiefmutter derer, die von dir gesetzt werden. Deshalb hegt und pflegt sie die eigenen besser als die von dir betreuten. Denn diese sind Stiefkinder für sie.«

Als der Gärtner das gehört hatte, sagte er: »Glaube mir, du hast mich von einem schweren Kummer befreit. Nimm dies Gemüse als Geschenk. Und wenn du wieder etwas brauchst, komm in diesen Garten, als ob er dein eigener wäre.«

2. Die Erde und das Meer

Als der Fabulist Äsop einst gerade Muße hatte, ging er auf einen Werftplatz. Sofort machten sich die Schiffbauer an ihn, verspotteten ihn und forderten ihn auf, ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Da sprach Äsop: »Erst war nur das Chaos und die Gewässer. Zeus wollte aber auch das trockene Element zu seinem Rechte kommen lassen und forderte die Erde auf, zu dreien Malen das Wasser in sich einzuschlürfen. Die Erde tat so, und beim erstenmal erschienen die Berge, beim zweitenmal auch die Ebenen. Wenn sie aber zum drittenmal ansetzt und das Wasser gänzlich einschlürft, so wird eure Kunst unnütz sein.«

3. Des Mondes Kleid

... den Toren aber will ich ein Märchen mitteilen, das einmal meine Tochter ihrem Bruder erzählte.

Der Mond bat einst seine Mutter: »Webe mir doch ein passendes Kleid!« Sie antwortete: »Wie soll ich das anfangen? Bald bist du kugelrund, bald halbrund und bald sichelförmig!«

4. Die Tränensaat

Auch Folgendes sagt Äsop: Prometheus rührte den Lehm, aus dem er den Menschen schuf, nicht mit Wasser an, sondern mit Tränen.

Daher darf man auch nicht versuchen, Freude und Trauer auszutreiben; das wäre auch unmöglich. Denn die Gottheit mischte sie nicht dem Menschen bei, um ihm Schimpf und Schande anzutun, sondern sie verwebte sie mit ihm und baute sie in ihn ein, um dem Menschengeschlecht Dauer und Rettung zu verleihen.

5. Das Tier im Menschen

Auf Zeus' Befehl schuf Prometheus Menschen und Tiere. Als aber Zeus sah, daß der Tiere weit mehr waren als der Menschen, befahl er ihm, aus den Tieren einige zu Menschen umzuformen. Prometheus tat das, und so kommt es, daß mancher eine menschliche Gestalt hat, aber eine tierische Seele.

6. Momos als Kritiker

Zeus hatte den Stier geschaffen, Prometheus den Menschen und Athene das Haus, und nun verlangten sie von Momos sein Urteil. Der aber war neidisch auf die Schöpfungen der andern und sagte: »Ihr habt es alle versehen. Zeus hätte dem Stier die Augen an die Hörner setzen sollen, damit er auch sieht, wohin er stößt. Prometheus hätte das Innere des Menschen nach außen kehren sollen, damit die Schurken nicht die anderen betrügen könnten. Schließlich hätte Athene das Haus auf Räder stellen sollen, damit einer rasch umziehen könnte, wenn er einen schlechten Nachbar hat.« Da ergrimmte Zeus über den hämischen Spötter und warf ihn aus dem Olymp.

7. Die zwei Ranzen

Prometheus zählte zu den alten Urgöttern. Der schuf aus Erde als den Herrn der Tierwelt den Menschen. Diesem aber, heißt es, hing er zwei Ranzen über, die vollauf gefüllt sind mit allen Fehlern, die dem Menschen anhaften. Vorn hängt der Ranzen, der der lieben Mitwelt Gebrechen anzeigt. Aber größer hängt hinten der Sack der eigenen Fehler. Daher kommt es, daß wir bei andern jeden Mißstand scharf sehen und für die eignen Fehler völlig blind scheinen.

8. Zeus' Strafgericht

Dem Hermes gab einst Vater Zeus den Auftrag, auf Schiefertafeln ihm der ganzen Menschheit gesamte Sünden sorgsam aufzuzeichnen. Dann hieß die Tafeln er in eine Holztruhe ihn werfen, die bei seinem Götterthron stand, damit er über jeden das Gericht spreche. Doch weil dabei die Tafeln in der Holztruhe bunt durcheinander fielen, kommt zum Urteil die früher, jene später in des Zeus' Hände. So darf darüber man sich auch nicht aufhalten, wenn oft ein Frevler spät erst sein Gericht findet.

9. Die Hoffnung als Trösterin

Zeus schloß die Güter alle in ein Faß ein, tat einen Deckel drauf und gab's dem Urmenschen. Doch diesen plagte unbeherrscht die Neugier, was wohl da drin sei, und den Deckel abhebend ließ er zum Göttersaal die Güter aufsteigen, die dort nun schweben und der Erde fernbleiben. Allein die Hoffnung, rasch den Deckel zuwerfend, gelang es ihm zu fangen. Daher blieb die allein noch bei uns und verspricht uns immer ein andres von den Gütern, die davonflogen.

10. Pferd / Rind / Hund und Mensch

Als Zeus den Menschen schuf, gab er ihm nur kurze Lebenszeit. Der aber brauchte seinen Verstand, und als der Winter herannahte, baute er sich ein stattliches Gehöfte. Wie es nun einmal sehr kalt wurde und Zeus den Regen vom Himmel herabgoß, konnte das Pferd es im Freien nicht mehr aushalten. So kam es denn im Galopp zu des Menschen Behausung heran und bat um Aufnahme. Der sagte: »Ich will dich aufnehmen, aber unter der Bedingung, daß du mir einen Teil deiner Lebensjahre abtrittst.« Das Pferd war es zufrieden und erhielt Stallung und Futter. Kurz darauf kam das Rind und noch später der Hund, und mit beiden schloß der Mensch den gleichen Vertrag. So kommt's, daß der Mensch, solange er in den Jahren steht, die ihm Zeus selbst verliehen hat, unverdorben und gut ist. In den Jahren aber, die er vom Roß hat, ist er hochmütig und üppig; in denen, die er vom Rind hat, ist er ein gewaltiger Schaffer und in denen, die ihm der Hund abtrat, mürrisch und bissig.

11. Die fromme Haubenlerche

Schulbildung fehlt dir und Weltweisheit und du hast den Äsop nicht gebüffelt. Der erzählt, wie bekannt, eine Lerche sei der erste der Vögel gewesen, eh' die Erde noch war. Einer Krankheit sei dann der Vater der Lerche erlegen. Der lag fünf Tage nun aufgebahrt – noch nicht war Erde vorhanden. Dann habe die Lerche in äußerster Not ihn im eigenen Kopfe begraben.

12. Die Fledermaus, der Tauchervogel und der Dornstrauch

Die Fledermaus, der Tauchervogel und der Dornstrauch waren ursprünglich Menschen und gründeten zusammen eine Handelsgesellschaft. Der erste nahm Geld auf gegen hohe Zinsen, der zweite steuerte eine Menge Kupfer bei und der letzte einen ansehnlichen Posten Kleider. Damit rüsteten sie ein Schiff aus und fuhren los. Aber als sie auf der hohen See waren, erhob sich ein gewaltiger Sturm, und das Schiff kenterte. Sie verloren all ihr Hab und Gut und retteten sich nur mit Mühe an den Strand. Die Götter aber hatten Mitleid mit ihrer Verzweiflung und verwandelten den ersten in eine Fledermaus, den zweiten in einen Tauchervogel und den letzten in einen Dornstrauch. Seit der Zeit taucht am Strande der Tauchervogel unablässig in die Tiefe in der Hoffnung, endlich einmal sein Kupfer wiederzufinden. Die Fledermaus hat Angst vor ihren Gläubigern; deshalb ist sie tags unsichtbar und geht nur in der Dunkelheit nach Nahrung aus. Der Dornstrauch aber hält alle Vorübergehenden an den Kleidern fest, um zu sehen, ob er nicht sein Eigentum wiedererkennt.

13. Der Kuckuck

Der Kuckuck fragte einst, so berichtet Äsop, die kleinen Vögel: »Warum flieht ihr vor mir?« Die antworteten: »O, wir wissen wohl: wenn du groß geworden bist, bist du ein Habicht.«

14. Der Zaunkönig

Stolz stieg der Adler, so erzählt Äsop, in die Lüfte; aber auf seiner Schulter ließ sich der Zaunkönig in die Höhe tragen. Dann schoß er plötzlich hervor und triumphierte: »Ich fliege doch besser als du und verdiene es, König der Vögel zu heißen.«

Das ist verkehrt gedacht (fügt Plutarch hinzu). Man darf nicht großen Männern ihren Ruhm entreißen wollen, sondern muß danach streben, daß sie uns aus freundschaftlichem Wohlwollen Ruhm und Ehre zuerteilen. Denn, wie Platon sagt, wer nicht richtig gedient hat, kann auch nicht richtig herrschen.

15. Wunsch und Bescheidung

II. Tierfabeln

Inhaltsverzeichnis

16. Gewalt geht vor Recht

Nunmehr sag' ich ein Gleichnis den Fürsten – sie deuten es selbst wohl. So zur Nachtigall sprach, der tönereichen, der Habicht, die er hoch zu den Wolken entführt in den gierigen Klauen. Jämmerlich klagte die Arme, zerfleischt von gebogenen Krallen, aber in herrischem Tone entgegnet der Starke ihr also: »Törin, was jammerst du doch? Ein Stärkerer ist's, der dich fortträgt. Du wirst gehen, wohin ich dich führe – so schön du auch singest. Lüstet es mich, so wirst du mein Mahl, sonst magst du entrinnen.« Also sagte der hurtige Vogel mit mächtigen Schwingen.

17. Durch eigene Schuld

Von Libyens Fabeln ist dies die berühmteste: Den Adler traf der schlank gespitzte Todespfeil. Verwundert sah er des Geschosses Federung und sprach: »So fing mich keiner andern Federn Kraft, nein, meiner eignen.«

18. Bestrafter Treubruch

Adler und Fuchs machten Freundschaft und beschlossen auch, nahe beieinander zu wohnen. Denn das, glaubten sie, würde die Freundschaft nur stärken. Der Adler baute nun sein Nest in den Wipfeln eines hohen Baumes, und der Fuchs schuf seinen Jungen ein Lager unter einem nahegelegenen Busche. Als aber der Fuchs einst jagen gegangen war, fehlte es dem Adler an Nahrung für seine Jungen. Da schoß er denn herab in den Busch, raubte die kleinen Füchslein, und er und seine Jungen verzehrten sie. Der Fuchs kam heim und sah, was vorgefallen war. Mehr noch als der Tod seiner Jungen schmerzte es ihn, daß er sich nicht rächen konnte. Denn wie sollte er, der Erdbewohner, den Vogel verfolgen? So tat er denn das, was auch den Schwachen möglich ist: er stand von ferne und verfluchte seinen Feind. – Aber nicht lange darauf sollte der Adler dafür büßen, daß er die Freundschaft verraten hatte. Landleute opferten nämlich auf dem Felde eine Ziege. Da flog der Adler herbei und raubte vom Altar ein Stück des Opfertiers, ohne zu bemerken, daß er auch ein glühendes Holzscheit mitschleppte. Als er die Beute in sein Nest geworfen hatte, sprang ein frischer Wind auf, und bald stand das Nest, das aus dürrem Reisig gebaut war, in hellen Flammen. Die jungen Adler aber, die noch nicht flügge waren, fielen halb verbrannt zu Boden. Da eilte der Fuchs herbei und fraß sie alle auf vor den Augen des Adlers.

18 a.

Ein Märchen ist bei uns im Schwang, wie sich der Adler und der Fuchs zum Freundschaftsbund zusammenfanden

und treulos raubte sie der Aar und setzte sie seinen Jungen vor als grauses Mahl

(aus der Hohnrede des Adlers)

schau hin, wo jene hohe Klippe ragt, so schroff und so unnahbar steil – dort hause ich und achte deiner Fehde nicht.

reg' drum auch schnelle Flügel du und schwing zu dieser Klippe dich hinauf!

(Gebet des Fuchses)

Zeus, Vater Zeus, du herrschest in des Himmels Höh'n und siehst von dort der Menschen Tun, so Recht wie Unrecht. Auch der Tiere waltest du, der Frevler wie der Frommen ...

19. Die Rache des Schwachen

Als Äsop von den Delphern zum Richtplatz geführt wurde, sprach er zu ihnen: »Höret mich, Brüder aus Delphi!

Ein Adler verfolgte einst einen Hasen. Da dieser sonst nirgendwo einen Helfer sah, wandte er sich schutzflehend an einen Mistkäfer. Dieser sprach ihm Mut ein und bat den Adler, er möge ihn nicht seiner Kleinheit wegen verachten. Er beschwor ihn beim großen Zeus, das Schutzrecht zu ehren. Der Adler aber wurde zornig, warf den Mistkäfer mit einem Flügelschlag beiseite, raubte den Hasen und verzehrte ihn. Der Mistkäfer aber verkroch sich in das Gefieder des Adlers und ließ sich von diesem zu dessen Nest tragen. Dann kroch er hinein und wälzte die Eier des Adlers über den Rand des Nestes, so daß sie zur Erde fielen und zerbrachen. Der Adler aber nahm sich den Verlust seiner Brut zu Herzen und brütete das nächstemal an einem höher gelegenen Platz. Aber auch dorthin flog ihm der Mistkäfer nach und zerstörte wiederum die Brut. Nun war der Adler ratlos, flog hinauf zu Zeus und flehte den an: »Schon zum zweitenmal bin ich meiner Brut beraubt worden. Nun vertraue ich sie dir an, damit du sie bewachst.« Sprach's und legte seine Eier auf die Knie des Zeus. Der Mistkäfer aber ballte eine Kugel aus Mist, flog in die Höhe und ließ sie auf das Antlitz des Zeus niederfallen. Zeus sprang auf, um den Schmutz abzuschütteln, und dachte dabei nicht an die Eier des Adlers. So fielen diese zur Erde und zerbrachen. Dann aber erzählte der Mistkäfer dem Zeus, wie der Adler gefrevelt habe und wie er sich vergebens bemüht habe, ihn daran zu hindern. »Und er hat nicht allein gegen mich gefrevelt«, fuhr er fort, »sondern auch gegen dich. Denn obgleich ich ihn bei dir beschwor, tötete er den Schutzflehenden. Ich aber werde nicht ruhn, bis ich sein ganzes Geschlecht ausgerottet habe.« Da ergrimmte Zeus gegen den Adler und sprach zu ihm: »Mit Recht hast du deine Kinder verloren. Das ist die Rache des Mistkäfers.« Weil er aber doch nicht wollte, daß das Geschlecht der Adler aussterbe, riet er dem Mistkäfer, sich mit dem Adler zu versöhnen. Da der aber das hartnäckig verweigerte, verlegte er die Brutzeit des Adlers in die Monate, wo die Mistkäfer nicht schwärmen.

Mißachtet auch ihr, Männer von Delphi, nicht den Gott, in dessen Heiligtum ich mich geflüchtet habe, wenn es auch klein ist. Denn, wenn ihr gegen ihn frevelt, wird er es nicht ungeahndet lassen.«

20. Der Adler, die Katze und das Wildschwein

Hoch in der Eiche Wipfel war des Adlers Nest, des Stammes hohle Mitte barg der Katze Brut, und an den Wurzeln hegt die Wildsau ihre Zucht. Doch bald zerstört der ränkevollen Katze Trug, was so der Zufall nachbarlich zusammenführt. Sie steigt zum Nest des Adlers auf und spricht zu ihm: »Verderben droht dir und vielleicht mir Armen auch. Das schlimme Wildschwein wühlt den Grund auf Tag für Tag: es will die Eiche fällen und dann unsre Brut vernichten, wenn sie mit dem Stamm am Boden liegt.« Nachdem sie so des Adlers Sinn durch Angst verwirrt, steigt zu der borstigen Wildsau Lager sie herab. »Gar sehr gefährdet«, spricht sie, »scheint mir deine Zucht. Der Adler will die kleinen Ferkel rauben dir, sobald du mit den großen auf die Weide gehst.« Nachdem sie hier auch Furcht und Schrecken ausgestreut, verschließt sie listig sich in ihrem sichern Bau. Nachts klettert heimlich sie herab mit leisem Fuß und schafft für sich und ihre Jungen Nahrung bei, tags schaut sie ängstlich bald hinauf und bald herab. Der Aar verläßt den Baum nicht, der zu fallen droht, das Schwein sein Loch nicht, weil ihm vor dem Räuber bangt. Kurz, sie verhungern beide dort mit ihrer Brut, den Kätzlein aber boten sie ein leckeres Mahl.

Was oft ein doppelzüngiger Mensch für Unheil schafft, kannst, blöde Torheit, du aus diesem Beispiel sehn.

21. Hirschherz

Krank lag der alte Löwe in der Felshöhle, die matten Glieder auf dem Boden ausstreckend, und nur das Füchslein war bei ihm, sein Liebling. Zu diesem sprach er: »Willst du mich vom Tod retten? Ich hungre nach dem Hirsche, der im Walddickicht dort unter jener finstren Tannen Schirm haust. Zur Hirschjagd fehlt es leider jetzt an Kraft mir, doch, wenn du willst, wird er mir in die Hand fallen, da deiner Reden Honigseim ihn leicht ködert.« Der Schlaukopf ging. Er fand den Hirsch am Tanndickicht, wo er auf fetter Wiese froh umhersprang. Er warf sich vor ihm nieder, bot den Gruß ihm und sagte, daß er ihm ein großes Glück bringe. »Du weißt, der Löwe«, sprach er, »ist mein Nachbar, doch geht's ihm schlecht: er wird wohl bald ins Gras beißen. Nun fragte er mich jüngst, wer wohl sein Nachfolger im Tierreich würde. Ja, das Schwein ist stumpfsinnig, der Bär ist lahm, der Panther gar zu jähzornig, der Tiger ist ein Prahlhans und Herumtreiber. ›Der Herrschaft‹, sprach er, ›scheint mir nur der Hirsch würdig. Er ist von Ansehn prächtig, und er lebt lange. Auch sein Geweih ist aller Kreatur Schrecken, gleicht einem Baume, nicht den stumpfen Stierhörnern.‹ Was schwatz' ich viel? Mit einem Wort: dich wählt er, und herrschen wirst du ob des Waldes Tierscharen. Dann magst du, Herr, auch einmal an den Fuchs denken, der dir als erster diese Botschaft ansagte. Nur deshalb kam ich, Liebster. Doch leb wohl nun, ich eile, daß der Löwe nicht umsonst sich nach mir nun umsieht. Bin ich doch sein Ratgeber in allen Dingen! Und so wirst auch du's halten, so hoff' ich, wenn du dieses graue Haupt ehrst. Doch höre jetzt schon: Wäre es nicht ratsam, du gingst zum Löwen mit und sprächst ihm Trost ein in seinem Elend? Gar Geringes gibt oft im letzten schweren Augenblick den Ausschlag. Die Seele liest man in dem Aug' der Todkranken!« So sprach der Schlaukopf. Und durch seine Trugworte ließ sich der Hirsch betören. Ohne Argwohn ging mit er in des Ungeheuers Felshöhle. Doch allzu jäh vom Lager auf ihn einspringend, zerriß der Leu dem Hirschen nur den Ohrzipfel, vor Eifer blind. In toller Flucht hinausstürzend, eilt jener zitternd in das tiefste Walddickicht, indes die Hände schmerzlich übers Haupt schlagend das Füchslein laut um die verlorene Müh klagte. Der Leu lag ächzend und in seinen Bart knirschend, da ihn der Hunger wie der Ärger gleich plagte, bis er sich bittend wieder an den Fuchs wandte, daß eine neue Jagdlist er ihm aussänne. Der sprach, im tiefsten Herzensgrunde Rat suchend: »Ich will's versuchen, wenn's auch noch so schwer scheint.« Auf neue Künste nun und neue List sinnend, folgt' er der Fährte wie ein kluger Schweißhund und fragte jeden Hirten, den er antraf, ob nicht bei ihm ein blutiger Hirsch vorbeifloh. Und wer drum wußte, gab ihm auch den Weg an. So fand er schließlich denn den Hirsch im Walddunkel, wie er vom Rennen ruhte; und mit Keckheit an Aug' und Stirn gewappnet, trat er vor ihn. Ein Schauer fuhr durch Mark und Bein dem Hirsch erst, doch ließ die Galle bald ihn also losbrechen: »Diesmal, du Scheusal, soll's dir wenig Glück bringen, wenn du herankommst und nur einen Mucks wagst. Bei andern Toren magst du künftig fuchsschwänzen, mit Königtum sie ködern und wie mich krönen.« Doch unverzagt begann nun ihm ins Wort fallend der Fuchs: »So mutlos bist du und so unedel? Wie kann man auf die Freunde so Verdacht werfen! Es wollte dir der Löwe einen Rat geben, um dich zu wecken aus der frühern Schlaffheit. Er faßte dich am Ohre, wie den Sohn wohl am Totenbett der treue Vater anfaßt. Doch du ertrugst nicht einer kranken Hand Zupfen und wurdest wund erst, als du selbst dich losrissest. Und nun tobt jener gar noch mehr als du selbst, da du so sinnlos ängstlich seist und mißtrauisch. Den Wolf, so sagt er, will er nun zum Herrn machen. O weh, des schlimmen Königs! – Was soll ich tun? An unser aller Elend trägst nun du Schuld! Doch komm und zeige endlich, daß du Mut hast! Erschrick nicht wie das Lämmchen aus der Schafherde! Bei allen Blättern schwör' ich, allen Bergwassern, so wahr, als ich nur dich allein zum Herrn wünsche, so wahr liebt dich der Löwe, und aus Wohlwollen will er dich jetzt zu aller Tiere Herrn machen.«

Also beschwatzte schmeichelnd er den Hornträger, daß er sich nochmals in des Grabes Tor wagte. Doch als er dort nun an die Wand gedrängt war, da hielt der Löwe schmatzend einen Festschmaus, das Fleisch verschlingend, der Gebeine Mark schlürfend und die Gedärme kauend. Doch umsonst hungernd stand neben ihm sein Treiber. Nur das Hirschherz verschlang er heimlich, da es nebenaus fiel, als kargen Lohn für alle seine Mühsal. Jedoch der Leu, die Eingeweide nachzählend, bemerkte, daß von allem noch das Herz fehle, und sucht's im Lager, sucht's im ganzen Wohnraum. Da bringt der Fuchs ihn von der wahren Spur ab: »Der hatte gar keins – suche nicht umsonst nach! Wie sollte der ein Herz auch haben, der sich zweimal in eines Löwen Bau hineinwagt?«

22. Der Fuchs vor der Löwenhöhle

Der Löwe, den das Greisenalter schlaff machte, so daß zum Jagen nunmehr ihm die Kraft fehlte, lag wie ein Kranker in der tiefen Felsgrotte. Er schnaufte sehr, als ob es ihm recht schlecht ginge, und zwang die mächtige Stimme leis zu lispeln. Die Botschaft drang zu aller Tiere Wildlager, und alle schmerzt' es, daß der König krank wäre. Ein jeder eilte, daß er ihm Besuch mache, und einzeln, wie sie kamen, fraß der Leu sie, so daß es trotz des Alters ihm recht gut ging. Am Eingang aber blieb der schlaue Fuchs stehn, der ihn durchschaute und begann: »Wie geht's dir, o König?« »Sei willkommen, du mein Liebling, vor allen Tieren!« sprach der, »tritt herein doch! Was stehst du ferne? Komm, mit klugem Scherzwort mich aufzuheitern, Süßer, da der Tod naht.«

»O mögest du genesen! Doch verzeih mir, wenn ich verschwinde«, sprach der Fuchs, »mich hält fern die große Menge mannigfacher Tierspuren. O zeige mir doch eine, die heraus führt!«

23. Der törichte Bock

Ein Fuchs fiel in einen tiefen Brunnen und wußte nicht, wie er wieder herauskommen sollte. Da kam ein durstiger Ziegenbock auch zum Brunnen, sah den Fuchs und fragte ihn, ob das Wasser gut sei. Der aber verhehlte sein Mißgeschick und sagte: »O, das Wasser ist ausgezeichnet, klar und wohlschmeckend, komm nur auch herunter!« Da sprang der Bock, ohne sich zu besinnen, hinab. Als er nun seinen Durst gelöscht hatte, fragte er den Fuchs: »Wie wollen wir aber wieder herauskommen?« Da sagte der Fuchs: »O, das werde ich schon machen. Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die Vorderbeine gegen die Wand und mache deinen Hals lang. Dann werde ich über deinen Rücken und deine Hörner auf den Rand des Brunnens klettern und auch dir heraushelfen.« Der Bock tat, wie ihm befohlen war, streckte sich aus, und der Fuchs kletterte auf seine Hörner und sprang von dort mit einem gewaltigen Satz auf den Brunnenrand. Dort blieb er, tanzte vor Freuden und verhöhnte den Bock. Der aber machte ihm Vorwürfe, daß er den Vertrag nicht eingehalten hätte. Da sagte der Fuchs: »O Bock, wenn du soviel Gedanken im Kopfe hättest, wie Haare im Bart, so wärst du nicht hinuntergestiegen, ohne vorher zu untersuchen, wie du wieder herauskönntest.«

24. Bestrafte Rachsucht

In Sizilien strebte Gelon danach, Tyrann von Himera zu werden. Daher zog er in der Volksversammlung gegen den Adel los und schmeichelte der Menge. Das Volk gewann ihn lieb, und als er den Antrag stellte, ihm (als Schutz gegen den Adel) eine Leibwache zu geben, war es bereit diese zu bewilligen. Der Dichter Stesichoros aber durchschaute ihn. Daher trat er in der Volksversammlung auf und erzählte den Bürgern als Vorbild der drohenden Gefahr folgende Fabel.

Das Pferd lebte frei auf einer herrlichen Weide, die von einem klaren Bach durchrieselt war. Da kam der Hirsch aus dem Wald dahergestürmt, zertrat das Gras und trübte das Wasser. Das Pferd wollte sich an dem Übeltäter rächen. Da es aber an Schnelligkeit dem Hirsch nicht gewachsen war, rief es den Jäger zu Hilfe. Der sagte: »Ja, ich verspreche dir, deinen Feind abzuwehren. Aber du mußt mir gestatten, dir einen Zaum ins Maul zu legen und deinen Rücken zu besteigen.« Das Pferd war's zufrieden und der Jäger nahm seine Spieße in die Hand und bestieg das Pferd. Bald lag der Hirsch vom Wurfspieß des Jägers durchbohrt am Boden – zu spät aber erkannte das Pferd, daß es der Sklave des Jägers geworden war.

»Dies«, fuhr Stesichoros fort, »befürchte auch ich für euch. Jetzt seid ihr noch ein freies Volk und werdet durch Gelon eure Feinde überwinden. Bald aber werdet ihr Gelons Sklaven sein, denn jede Macht dient dem Empfänger gegen den Geber, wenn man sie nicht ebenso zurücknehmen kann, wie man sie gab.

25. Die Blutegel

In Samos war in der Volksversammlung ein Demagoge auf den Tod angeklagt. Da erhob sich Äsop und sagte: »Männer von Samos, laßt mich euch eine Fabel erzählen. Einst wollte ein Fuchs einen Fluß überschreiten. Aber die Strömung trieb ihn ab, und er geriet in eine Felsspalte, wo er festgeklemmt wurde. Sofort stürzten sich von allen Seiten die Hundsläuse auf ihn und plagten ihn grimmig. Da strich ein Igel vorbei und fragte ihn mitleidig, ob er die Hundsläuse ablesen solle. Der Fuchs sagte: »Nein!« »Aber warum denn nicht?« sagte der Igel. »Die sind schon vollgesogen«, sagte der Fuchs, »und zapfen mir nur noch wenig Blut ab. Wenn du aber diese wegnimmst, werden andre kommen, die noch hungrig sind, und die werden auch noch den Rest meines Blutes trinken.«

So wird auch dieser Mann, Männer von Samos, euch nur noch wenig schädigen, denn er ist bereits reich. Tötet ihr ihn aber, so werden andere kommen, die noch nicht reich sind, und werden euch ausplündern, indem sie den Gemeindebesitz stehlen.«

26. ... »sich nach Schnauz und Schnabel richten!«

Wenn Philosophen sich bei einem fröhlichen Trinkgelage plötzlich in die dialektische Erörterung schwieriger Probleme vertiefen, so ärgern sie die andern, die nicht mitkommen können. Wenn diese dann aber anfangen, wertlose Geschichten und derbe Witze zu erzählen und öde Schlager anstimmen, so hat das Symposion seinen Sinn verloren, und Dionysos wendet sich gekränkt ab. Diese Leute benehmen sich wie Fuchs und Kranich bei Äsop.

Einst lud der Fuchs den Kranich zum Mahle. Als dieser erschien, setzte er ihm in einer flachen Schüssel einen fetten Brei vor und hieß ihn den schmausen. Aber der ölige Brei rann dem Kranich aus seinem spitzen Schnabel wieder in die Schüssel, ehe er ihn schlucken konnte. So bekam der Kranich nicht nur keine Mahlzeit, sondern machte sich auch noch lächerlich. Aber er zahlte es dem Fuchs heim, indem er auch ihn zu Gaste lud. Als der erschien, setzte er ihm eine Flasche mit einem langen und schmalen Hals vor, auf deren Grund verlockende Speisen lagen. Der Kranich selbst steckte seinen dünnen Schnabel durch den Hals der Flasche und schmauste vergnüglich. Aber der Fuchs konnte nicht an die Herrlichkeiten heran und erhielt so die verdiente Gegengabe.

27. Der gefräßige Fuchs

Ein Buchbaum zeigt' am Fuße eine Höhlung. In der lag eines Hirten alter Schnappsack, gefüllt mit trocknem Brote und mit Fleischstücken. Den sah ein Fuchs, und in die Höhle eindringend fraß er ihn leer. Natürlich schwoll sein Bauch an, daß aus dem engen Loch er nicht herauskonnte. Er klagte laut, so daß ein anderer Fuchs kam, der spottend sprach: »Nun halte hier nur Fasttage. Denn bis dein Bauch so dünn nicht wie beim Einsteigen geworden ist, wirst du nicht mehr herauskommen.«

28. Bestrafte Habgier

Ein Hund, der ein Stück Fleisch im Maul trug, überschritt einen Fluß. Dabei sah er seinen Schatten im Wasser und meinte, das sei ein andrer Hund, der ein größeres Stück Fleisch habe. Sofort ließ er das eigene fahren und fuhr auf das Spiegelbild los, um das Fleisch zu rauben. Aber dabei kam nur heraus, daß er beides verlor, das fremde Fleisch, weil es überhaupt nicht da war, und das eigene, weil es vom Wasser weggetrieben war.

29. Der überlistete Esel

Ein Händler ließ seinen Esel schwere Säcke voll Salz von der Küste ins Land tragen. Als der Esel dabei einen Fluß durchschreiten mußte, glitt er aus und fiel ins Wasser. Wie er sich wieder aufrichtete, merkte er, daß die Last viel leichter geworden war, denn ein gut Teil des Salzes war weggeschmolzen. »Halt!« dachte der Esel, »das will ich mir merken!« Und als sie das nächstemal wieder an den Fluß kamen, fiel er freiwillig hinein. Aber nicht lange sollte er sich seiner Schlauheit erfreuen, denn der Händler wußte ihn zu überlisten. Wieder trug der Esel seine Säcke, und wieder fiel er in den Fluß. Als er sich aber wieder aufrichten wollte, merkte er, daß die Last viel schwerer geworden war. Der Händler hatte nämlich statt Salz Schwämme in die Säcke getan, und diese hatten sich mit Wasser vollgesogen. Mit Mühe und Not arbeitete sich der Esel wieder ans Land, und von da an trug er die Salzsäcke ohne Widerstreben.

30. Der Esel in der Löwenhaut

In Kyme hüllte sich ein Esel in eine Löwenhaut und begann die Rolle des Löwen zu spielen. Er brüllte die Leute von Kyme, die von Löwen nichts wußten, fürchterlich an, so daß sie auf den Tod erschraken. Aber da kam ein Fremder, der mit Löwen Bescheid wußte. Der verprügelte den Unhold gründlich und zeigte den Kymäern, daß es eben nur ein Esel war.

31. Die ersten Herren die besten

Ein Esel diente bei einem Gärtner, wo es viel zu schleppen gab, aber wenig zu essen. Er flehte also zu Zeus, er solle ihn von dem Gärtner befreien und einem andern Herrn überweisen. Zeus schickte den Hermes zu dem Gärtner und befahl ihm, den Esel an einen Töpfer zu verkaufen. Bei dem aber mußte der Esel noch viel schlimmere Lasten tragen und wandte sich daher wieder an Zeus. Da bewirkte dieser, daß er ein letztesmal verkauft wurde, und zwar an einen Gerber. Als der Esel aber sah, was sein Herr für ein Handwerk betrieb, sagte er zu sich selbst: »O, hätte ich doch bei meinen früheren Herren Mühe und Hunger ertragen und wäre nie hierher gekommen. Denn hier werde ich auch nach dem Tode kein ehrliches Begräbnis finden.«

32. Eines schickt sich nicht für alle

Ein Herr besaß einen Esel und ein Malteser Schoßhündchen. Der Esel mußte schwere Lasten schleppen und stand sonst unbeachtet im Stall, mit dem Hündchen aber pflegte der Herr zu spielen. Wenn er einmal auswärts speiste, brachte er dem Hündchen etwas mit, das ihm fröhlich bellend entgegensprang und ihn umwedelte. Da packte den Esel der Neid, und auch er lief dem Herrn entgegen, wieherte fürchterlich und wollte den Herrn mit seinen Hufen liebkosen. Der aber rief den Dienern und befahl ihnen, den Esel zu verprügeln und an die Krippe zu binden.

33. Die kluge Eule

Äsop erzählt folgende Fabel. Einst kamen die Vögel zur Eule und baten sie, sie sollte, wie sie selbst, nicht länger in der Nähe menschlicher Wohnungen nisten. Sie wollten lieber auf die Bäume übersiedeln und in deren Zweigen sich Nester flechten; von dort herab werde ihr Gesang auch viel voller tönen. Jetzt wachse gerade hier eine Eiche in die Höhe, und wenn diese groß geworden sei, wollten sie auf ihren Zweigen sitzen und sich ihres schattigen Laubes freuen. Die Eule jedoch sagte, sie sollten sich ja nicht über die Eiche freuen, denn auf dieser wachse die Mistel, die man mit Recht »der flüchtigen Vögel Verderben« nenne. Aber die Vögel hörten nicht auf die Mahnungen der Eule, sondern freuten sich, wie die Eiche kräftig emporschoß. Als sie groß geworden war, siedelten sie sich auf ihr an und ließen fröhlich ihre Lieder von ihr herabschallen. Als aber auch die Mistel gewachsen war, machten die Menschen aus ihr den Leim und fingen mit diesem die Vögel ein. Da änderten die Vögel ihre Meinung und bewunderten die Eule wegen ihrer Klugheit. Auch jetzt noch denken sie hoch von ihr und suchen ihren Umgang, um von ihr zu lernen. Aber das ist umsonst. Denn die alte Eule war wirklich klug und konnte Rat erteilen. Die Eule von heute hat nur ihre Federn, ihre Augen und ihren krummen Schnabel. Sonst aber ist sie noch dümmer als die übrigen Vögel.

34. Fremde Federn

Zeus beschloß den Vögeln einen König zu geben. Daher setzte er eine Versammlung an; in dieser wollte er den schönsten zum König machen. Da eilten alle Vögel zum Fluß, um sich zu säubern und zurechtzuzupfen. Auch die Krähe kam, und da sie sich ihrer Häßlichkeit bewußt war, sammelte sie die Federn, die den andern Vögeln bei ihrem Putz entfielen, und fügte diese dem eigenen Gefieder ein. So kam es, daß sie viel bunter aussah als alle andern Vögel. Dem Zeus aber gefiel sie, und er wollte sie zum König machen. Da gerieten die andern Vögel in Zorn: sie stürzten sich auf sie, und jeder entriß ihr die eigenen Federn. Und die Krähe war wieder eine Krähe.

35. Verderblicher Ehrgeiz

Die Möven, Weihen, Taucher und die Strandvögel bat herzbewegend einst die träge Schildkröte: »O, wenn doch einer mir ein Flügelpaar schenkte!« Zufällig hört's der Adler und »Wieviel«, fragt er, »Schildkrötchen, wirst dem Adler du als Lohn geben, wenn er bewirkt, daß leicht du in der Luft schwebst?« »Des Roten Meeres Schätze sollst du ganz haben.« »Nun wohl, ich lehr's dich«, und sie in die Luft hebend trug sie der Adler zu den Wolken. Dann aber warf er sie ins Gebirge, und der Schildkröte Gehäus zerbrach, das feste. Noch im Tod sprach sie: »Geschieht mir Recht, der Törin! Warum mußt' ich das Reich der Wolken und ein Flügelpaar wünschen, da ich am Boden schon mit Müh mich fortschleppte?«

36. Der Wettlauf zwischen der Schildkröte und dem Hasen

Der Hase verspottete einst die lahme Schildkröte wegen ihrer Faulheit. »Höre, du Schnelläufer«, entgegnete die Schildkröte, »ich werde dich im Wettlauf besiegen.« »Das kannst du leicht sagen«, antwortete der Hase, »aber laß dich nur in den Kampf ein, dann wirst du etwas erleben. Wer soll nun den Platz abstecken und den Sieger verkünden?« Das weiseste und gerechteste Tier, der Fuchs, steckte die gerade Linie ab. Die Schildkröte, ihrer Schwerfälligkeit bewußt, war nicht müßig und machte sich sofort auf den Weg. Der Hase aber in seinem Übermut legte sich erst einmal schlafen. Als er dann ans Ziel kam, fand er dort die lahme Schildkröte als Siegerin.

37. Der Freund der Wahrheit

Bekanntlich pflegt man auf Seereisen Malteserhündchen und Affen mitzunehmen, um sich mit ihnen unterwegs die Zeit zu vertreiben. So brachte auch einst einer einen Affen mit an Bord. Als sie nun aber beim Sunion, dem Vorgebirge Attikas, waren, erhob sich ein gewaltiger Sturm, und das Schiff kenterte. Alle suchten das Land durch Schwimmen zu erreichen, und so trieb auch der Affe in den Wellen. Ein Delphin sah ihn und nahm ihn auf seinen Rücken, um ihn zu retten, da er ihn für einen Menschen hielt. Wie sie sich nun dem Piräus, dem Hafen Athens, näherten, fragte der Delphin seinen Schützling, ob er aus Athen sei. Der Affe antwortete: »Natürlich! Ich stamme aus einem der ersten Geschlechter Athens.« Der Delphin fragte dann weiter, ob er denn auch den Piräus kenne. Der Affe meinte, jener rede von einem Menschen, und sagte: »Jawohl, das ist einer meiner allerbesten Freunde.« Da aber ergrimmte der Delphin über eine so unverschämte Lüge und tauchte unter, so daß der Affe ertrank.

38. Die Cikaden

Ehe die Musen geschaffen waren, waren auch die Cikaden Menschen. Als aber die Musen geschaffen waren und zum erstenmal ein Lied ertönte, wurden sie so von der Begeisterung gepackt, daß sie Essen und Trinken vergaßen und nur noch sangen. Auf diese Weise aber richteten sie sich, ohne daß sie es merkten, selbst zugrunde. Da erbarmte sich die Gottheit ihrer und verwandelte sie in Cikaden. Diese aber haben von den Musen die Gabe empfangen, daß sie keiner Speise bedürfen. Ohne zu essen und zu trinken singen sie immerfort bis zu ihrem Tod. Dann aber eilen sie zu den Musen und berichten ihnen, wer von den Menschen die Musen ehrt und welche von ihnen besonders.

39. Die törichten Schafe

(Als Kroisos die Auslieferung des Äsop begehrte, erhob sich dieser in der Volksversammlung und sprach: Ihr Männer von Samos, ich will euch eine Fabel erzählen.)

Als alle Tiere noch eine Sprache redeten, war Krieg zwischen den Wölfen und Schafen, und die Wölfe waren weitaus überlegen. Da verbündeten sich die Schafe mit den Hunden, und diese verjagten die Wölfe. Nun aber schickten die Wölfe einen Gesandten zu den Schafen und ließen ihnen sagen: »Wenn ihr mit uns in Frieden leben und nicht immer Angst vor einem Krieg haben wollt, so liefert uns die Hunde aus!« Die dummen Schafe aber ließen sich von den Wölfen betören und übergaben ihnen die Hunde. Die Wölfe aber zerrissen erst die Hunde, und dann fraßen sie auch in aller Behaglichkeit die Schafe.

40. Verspätete Besserung

Eine Schlange und ein Krebs hielten Kameradschaft. Der Krebs war von biederem Charakter und setzte der Schlange immer zu, sie solle auch einen geraden Wandel führen. Aber die Schlange ließ nicht ab von ihrer Bosheit. Da wurde es dem Krebs zu dumm, er paßte ab, bis die Schlange schlief, packte sie dann mit seiner Schere am Hals und zwackte sie tot. Die Schlange ringelte sich noch etwas, dann lag sie gerade ausgestreckt da. Da sagte der Krebs: »So gerade und bieder hättest du früher sein sollen. Dann wäre dies Strafgericht nicht über dich gekommen.«

40 a.

(Skolion, Lied beim Trinkgelage)

Also sprach zu der Schlange der Krebs, packte sie fest mit der Schere an: »Grade muß der Genosse sein, krumme Gedanken taugen zu nichts.«

41. Vergeltung

Ein Weinstock prangte mit Trauben und üppigem Laub. Da kam ein übermütiger Bock, nagte an der Rebe herum und verwüstete den Stock aufs schändlichste. Da sagte der Weinstock: »Dein Frevel wird bestraft werden. In kurzer Zeit wirst du zum Altar geführt werden, ich aber werde den Wein liefern, mit dem man das Opfer besprengt.«

41 a.

(Epigramm der Anthologie)

»Friß mich nur bis auf die Wurzel! Es bleiben doch Trauben genügend, dich zu besprengen, o Bock, wenn man zum Opfer dich führt!«

42. Was du tust, wirst du erleiden!

(Als die Delpher den Äsop zum Richtplatz führten, bat er sie, erst noch eine Geschichte anzuhören. Sie willigten ein und er erzählte.)

Als die Tiere noch alle die gleiche Sprache redeten, gewann eine Maus einen Frosch lieb. Daher lud sie ihn zum Mahle und führte ihn in die Vorratskammer eines Reichen. Da gab es Brot, Käs, Honig, Feigen und alle andern Leckerbissen. »Nun iß nach Herzenslust, lieber Frosch«, sagte die Maus. Der ließ sich das nicht zweimal sagen, und alle beide schwelgten in auserlesenen Genüssen. Dann sagte der Frosch: »Nun komm auch einmal zu mir, liebe Maus, und mäste dich an meinen Schätzen! Damit du aber bei der Reise durchs Wasser keine Angst bekommst, will ich deinen Fuß an meinen anbinden.« Das tat er auch und sprang in den Teich, wobei er die Maus gefesselt mit sich zog. Als diese nun merkte, daß sie ertrinken mußte, sprach sie: »Ich werde von dir getötet werden, aber von einem Stärkeren werde ich gerächt werden.« So starb sie. Aber wie sie noch auf dem Wasser dahintrieb, flog ein Habicht über den Teich. Der sah die Maus, schoß herab und ergriff sie und zugleich mit ihr den Frosch. Und er verschlang sie beide.

43. Zeus und die Schlange

Als Zeus Hochzeit hielt, brachten ihm alle Tiere Geschenke dar, ein jegliches nach Vermögen. Da nahm auch die Schlange eine Rose in den Mund und kroch hinauf zum Olymp. Zeus aber sprach: »Aller andern Tiere Geschenke nehme ich gern – aus deinem Mund aber nehme ich nichts.«

44. Aphrodite und das Wiesel

Ein Wiesel liebte einen schönen Mann einst und Kypris, die die Mutter heißt der Sehnsucht, erbarmt' sich seiner und schuf es zum Weib um. Es ward so schön, daß jeder gleich in Glut stand, der es erblickte, und so auch der Jüngling. Er warb um sie. Bereit schon stand das Festmahl. Da huscht ein Mäuschen durch den Saal: die Braut springt vom weichen Pfühle auf und jagt der Maus nach. Aus war die Hochzeit! Der dies schlimme Spiel trieb, Eros, entwich. Auch er zwingt die Natur nicht.

45. Drei wahre Worte

Die feige Füchsin fiel in eines Wolfs Klauen und fleht' ihn an: »O, laß mich altes Weib leben! Zerreiß mich nicht!« Und er: »Ich will's, beim Pan!, tun, sagst du drei Worte mir, die wirklich wahr sind.« »Nun wohl! O wärst du niemals in den Weg mir getreten – oder, wenn es das Geschick wollte, o wärest du als Blinder in den Weg mir getreten – und zum dritten: mögest bald du doch sterben und mir nimmer in den Weg treten!« [Und bieder ließ der Wolf das alte Weib laufen.]

46. Ameise und Grille

Im Winter trocknete vor dem Bau die Ameise das Korn, das sie im Sommer eingeheimst hatte. Da kam die Grille, die sie hungrig anflehte: »O gib mir Nahrung, sonst rafft mich der Tod hin!« »Was triebst du denn im Sommer?« fragte jene. »Ich war nicht faul, ich sang zu aller Welt Freude.« Da lachte die und sprach den Weizen wegschließend: »Sangst du, wenn's heiß war, magst du jetzt im Frost tanzen.«

47. Die bekehrten Selbstmörder

Die Hasen waren dieses Lebens einst müde und wollten sich in einen dunkeln Teich stürzen. »Denn«, sagten sie, »kein Wesen ist so ohnmächtig, so feigen Sinns, nur fähig zum Davonlaufen.« Doch als sie jetzt am Rand des runden Teichs standen, da sahn sie knickebeinig rings die Sumpffrösche in hellen Haufen ängstlich in den Schlamm springen. Sie hielten an, und einer sagte Mut fassend: »Wir brauchen nicht zu sterben! Laßt uns heimkehren. Es gibt, so seh ich, auch noch größre Schwächlinge.«

48. Der kranke Rabe

Der kranke Rabe, dessen Mutter laut schluchzte, sprach: »Weine nicht, du mußt die Götter anflehen, daß sie der Krankheit herbe Pein mir abwenden.« »Und welche Gottheit«, sprach sie, »wird denn dich retten? Wo ist ein Altar, wo du nicht das Fleisch stahlest?«

49. Der Wolf und das Lamm

Zum gleichen Bache kam der Wolf einst und das Lamm, vom Durst getrieben. Weiter oben stand der Wolf, das Lamm bachabwärts. Von dem nimmersatten Schlund getrieben sucht der Räuber einen Grund zum Streit. »Was trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?« beginnt er. Und die Unschuld in dem Wollenkleid entgegnet zitternd: »Ach, wie soll das möglich sein? Von dir herab zu meinen Lippen fließt das Naß.« Und der bezwungen von der Wahrheit Allgewalt fährt fort: »Hast vor sechs Monden du mich nicht geschmäht?« »Nein«, spricht das Lamm, »denn damals lebte ich noch nicht.« »Dann war's dein Vater, der mich schmähte«, schreit der Wolf und würgt in unverdientem Tod sein Opfer ab.

Die Fabel zielt auf jene, die mit Lug und Trug die Unschuld gerne unterdrücken vor Gericht.

50. Der Fuchs und der Rabe

Wer sich an einer Schmeichelzunge Lob ergötzt, wird in nutzloser Reue späte Buße tun.

Ein Rabe stahl vom offnen Fenster einen Käs und setzte sich zum Schmaus auf einen hohen Baum. Da nahte gierig ihm der Fuchs mit solchem Spruch: »Wie herrlich strahlt, o Rabe, dein Gefieder doch! Wie adlig ist dein Haupt und deiner Glieder Bau! Wärst du nicht stumm – es käme dir kein Vogel gleich.« Doch wie der Tor nun seine Stimme zeigen will, entfällt der Käs dem Schnabel, den der schlaue Fuchs mit gierigen Zähnen auffängt. Nun erst stöhnt, zu spät, des Raben schwer betrogne Torheit auf.

51. Eselstritt

Wer seiner früheren Herrschermacht verlustig ging, ist auch der Schlechten Spielball nun, nachdem er fiel.

In seinen letzten Zügen lag der Löwe da, vom hohem Alter seiner früheren Kraft beraubt. Da kam der Eber mit dem blanken Hauerpaar und rächte altes Unrecht jetzt mit einem Stoß. Der Stier durchbohrte ebenso mit grimmem Horn den Leib des Feindes. Wie der Esel sah, daß man straflos den Leu mißhandeln kann, zerstieß er ihm mit seinem Huf die Stirne. Sterbend sprach der Leu: »Mich schmerzte tief der tapfern Kämpen schnödes Tun, doch daß von dir, du Schandfleck der Natur, ich dies ertragen muß, heißt doppelt sterben in der Tat.«

52. Durchschaute Spitzbuben

Wer schon einmal durch schlimmen Trug berüchtigt ward, dem glaubt man nicht mehr, wenn er auch die Wahrheit spricht. Das lehrt in dieser kurzen Fabel euch Äsop.

Den Fuchs bezichtigt eines Diebstahls einst der Wolf. Der aber leugnet, daß just er der Täter sei, und über beide sitzt der Affe zu Gericht. Nachdem nun beide ihre Sache vorgebracht, erging, so heißt es, so des Affen Richterwort: »Was du beanspruchst, Wolf, verlorst du sicher nicht, und du, Fuchs, stahlst – trotz deiner Sprüche – es gewiß.«

III. Tier und Mensch

Inhaltsverzeichnis

53. Die getretene Schlange

Die Schlange war es satt, von den Menschen getreten zu werden, und wandte sich an Zeus. Der aber sagte: »Wenn du den ersten, der dich trat, gebissen hättest, hätte kein zweiter das zu tun versucht.«

54. Die Hausschlange und der Bauer

Ein Bauer hatte in seinem Gehöft eine Schlange, die er als Schutzgeist des Hauses hoch hielt und der er täglich Speise vorsetzte. Eines Tages aber biß die Schlange den Sohn des Bauern, der sie gequält hatte, so daß dieser starb. Da ergrimmte der Bauer und beschloß, die Schlange zu töten. Deshalb nahm er eine Axt und stellte sich vor das Loch, in dem die Schlange hauste, um sie zu erschlagen, sobald sie herauskäme. Als dann die Schlange den Kopf hervorstreckte, schlug er zu. Aber die Schlange fuhr schnell zurück, und der Beilhieb spaltete nur den Stein oberhalb der Höhle. Nach einiger Zeit ging der Bauer in sich und beschloß, die Schlange wieder gut zu stimmen. Daher stellte er Honig und Milch vor den Eingang der Höhle und bat die Schlange, sich wieder mit ihm zu versöhnen. Aber die Schlange sagte: »Zwischen uns kann nicht Friede und Freundschaft sein, solange ich den gespaltenen Stein sehe und du das Grab deines Sohnes.«

55. Unangebrachte Mildtätigkeit

Ein Wanderer, der im Winter seine Straße zog, fand eine Schlange, die vor Frost erstarrt war. Er hatte Mitleid mit ihr und barg sie an seinem Busen, um sie zu erwärmen. Solange die Schlange von der Kälte noch bewußtlos war, hielt sie still. Als sie aber von der Wärme ins Leben zurückgerufen war, fuhr sie an dem Manne zur Erde nieder und biß ihn dabei in den Leib. Jener aber sagte sterbend: »Mir geschieht Recht! Was mußte ich auch die aus der Todesgefahr retten, die ich, auch als sie noch bei Kräften war, hätte erschlagen sollen.«

56. Der Mensch und die Cikade

(vor Kroisos geführt, sprach Aisopos so:)

Ein armer Mann, der Heuschrecken nachstellte, fing unter ihnen auch eine lieblich zwitschernde Cikade. Als er sie töten wollte, sprach sie zu ihm: »Töte mich nicht, denn das hätte keinen Sinn. Ich schädige kein Zweiglein und keine Ähre, aber ich ergötze die Wanderer, indem ich meine Füße an meinen Flügeln reibend schöne Töne hervorbringe. Auch wirst du außer meiner Stimme nichts an mir finden.« Als der Mann das hörte, ließ er die Cikade fliegen. So umfasse auch ich, König, bittflehend deine Füße. Töte mich nicht, denn das hätte keinen Sinn. Ich bin keiner der Mächtigen, die dir schaden könnten. Aber in aller Schlichtheit weise Lehren verkündend bessere ich die Menschen.

57. Die Henne, die goldene Eier legt

Ein Mann verehrte den Hermes inständig, und dieser schenkte ihm eine Henne, die goldene Eier legte. Aber der Mann war mit dem sich so langsam mehrenden Gewinn nicht zufrieden. Er glaubte, auch die Eingeweide der Henne müßten golden sein, und tötete sie unverzüglich. Aber er sah sich in seinen Erwartungen getäuscht. Die Eingeweide der Henne waren wie die aller andern, und goldene Eier gab es nun auch nicht mehr.

58. Der Fischer und die Fische

Sofort nachdem die Lyder von den Persern unterworfen worden waren, schickten die Ioner und die Aeoler Gesandte an Kyros und erklärten, sie seien bereit, unter denselben Bedingungen seine Untertanen zu werden wie früher die des Kroisos. Als Kyros ihren Antrag gehört hatte, erzählte er ihnen folgende Fabel.

Ein Fischer sah, daß das Meer voller Fische war. Da setzte er sich an den Strand und begann Flöte zu spielen. Denn er hoffte, die Fische würden dann ans Land zu ihm herauskommen. Als er sich aber in dieser Hoffnung getäuscht sah, ergriff er ein Netz, fing eine Menge Fische und warf sie auf den Strand. Wie er sie dann da zappeln sah, sagte er zu ihnen: »Hört mir auf zu tanzen! Vorhin, als ich Flöte spielte, wolltet ihr ja auch nicht herauskommen und tanzen.«

Diese Fabel erzählte Kyros den Ionern und Aeolern aus diesem Grunde: als früher Kyros die Ioner durch Gesandte bat, von Kroisos abzufallen, ließen sie sich nicht dazu überreden. Nun aber, da die Dinge eine andere Gestalt angenommen hatten, waren sie bereit, dem Kyros zu gehorchen.

59. Die Schwalbe und die Vögel

Als zum erstenmal die Mistel emporwuchs, erkannte die Schwalbe die Gefahr, die von ihr den Vögeln drohte. Daher versammelte sie diese und riet ihnen, vor allem die Eichen auszurotten, auf denen die Mistel wachse. »Falls das aber unmöglich ist«, fuhr sie fort, »wollen wir uns bittflehend an die Menschen wenden und sie ersuchen, den Mistelleim nicht zu verwenden, um uns zu fangen.« Aber die Vögel verlachten sie wegen dieser törichten Rede. Da wandte sich die Schwalbe bittflehend an die Menschen. Die freuten sich über ihre Klugheit und nahmen sie als Hausgenossin an. – So werden denn die andern Vögel von den Menschen mit Leimruten gefangen und verspeist, aber die Schwalbe darf als ihr Schützling sogar in ihren Häusern ihr Nest bauen.

60. Die Lerche und der Vogelsteller

Eine Lerche sah, wie ein Vogelsteller seine Falle herrichtete. Neugierig flog sie hinzu und fragte ihn: »Was machst du denn da?« »Ich gründe eine Stadt«, sagte der Vogelsteller und zog sich hinter den Busch zurück. Arglos flog die Lerche näher heran und fraß von der ausgelegten Lockspeise. Ehe sie sich's versah, war sie gefangen, und der Vogelsteller eilte herbei. Als er sie aufgriff, sagte die Lerche: »Ja, wenn du auf diese Weise Städte gründest, wirst du viele Einwohner finden!«

61. Der Bummler und die Schwalbe

Ein liederlicher Jüngling vertat sein ganzes väterliches Erbe, so daß ihm schließlich nur noch ein Mantel blieb. Als er spazieren ging, sah er eine Schwalbe, die vor der Zeit aus dem Süden zurückgekehrt war. Da glaubte er, es sei schon Frühling und er brauche jetzt keinen Mantel mehr. Also verkaufte er auch den schleunigst. Aber auf einmal schlug das Wetter um und es wurde wieder bitter kalt. Als er nun spazieren ging, fand er die Schwalbe tot am Strande liegen. Da sagte er: »O Schwälblein, du hast dich und mich zugrunde gerichtet.«

62. Lamm, Hirt und Metzger

(Ich will euch eine Geschichte erzählen, die ich nach den Fabeln des Phrygers (Äsop) gestaltet habe.)

Ein Hirt und ein Metzger gingen gemeinsam über Land. Da sahen sie ein fettes Lamm, das von der Herde abgekommen war. Sofort schossen beide auf es los, und jeder wollte es haben. Da fragte das Lamm – denn damals redeten die Tiere noch die gleiche Sprache wie die Menschen –: »Was habt ihr für einen Beruf und was wollt ihr mit mir anfangen?« Beide gaben wahrheitsgemäß ihren Beruf an. Da überantwortete sich das Lamm dem Hirten und sagte zum Metzger: »Du bist ein mordgieriger Geselle und wütest wie ein Henker in der Schafherde. Dieser aber dürfte sich wohl mit meiner Wolle zufrieden geben.«

63. Üble Vorzeichen soll man nicht fürchten

Ein kriegsunlustiger Mann mußte zu Felde ziehen. Als er auf dem Marsch war, hörte er plötzlich Raben krächzen. Da legte er zunächst seine Waffen nieder und blieb stehen. Dann aber nahm er die Waffen wieder auf und marschierte weiter. Als aber die Raben von neuem krächzten, blieb er wieder stehen. Schließlich jedoch sagte er: »Krächzt so laut ihr wollt! Meinen Leib werdet ihr doch nicht zu fressen kriegen« und marschierte weiter.

64. Üble Vorzeichen treffen sicher ein

(Ich will euch etwas erzählen, was sich in Phrygien zutrug.)

Ein Phryger fuhr auf seinem Ochsenwagen. Da sah er eine Krähe und hielt die für ein schlimmes Vorzeichen – denn die Phryger sind stark in solchem Aberglauben. Deshalb stieg er ab, warf nach ihr mit einem Stein und traf sie auch. Da freute er sich sehr, denn er glaubte, das Unheil nun auf sie abgewendet zu haben. Er stieg also wieder auf und fuhr weiter. Die Krähe aber war vorausgeflattert und stieg plötzlich vor dem Gefährt auf, so daß die Tiere scheuten. Sie warfen den Mann ab, und dieser brach ein Bein. Da sah er zu seinem Mißvergnügen ein, daß Vorzeichen in Erfüllung gehen.

65. Der Fuchs und der Holzhauer

Auf der Flucht vor Jägern sah der Fuchs einen Holzhauer und flehte den um Schutz an. Der Holzhauer sagte ihm, er solle sich irgendwo in seiner Hütte verstecken. Gleich darauf kamen auch die Jäger und fragten den Holzhauer, ob er nicht einen Fuchs habe vorbeilaufen sehen. Der leugnete das zwar mit Worten ab, aber mit der Hand wies er auf den Ort hin, wo jener verborgen war. Die Jäger aber sahen den Wink nicht, sie trauten den Worten und zogen ab. Wie der Fuchs sah, daß sie gegangen waren, wollte er sich lautlos davonschleichen. Aber der Holzhauer fuhr ihn an: »Nun habe ich dir das Leben gerettet, und du bedankst dich nicht einmal mit einem Wort?« »Ich würde mich schon bedankt haben«, entgegnete der Fuchs, »wenn den Worten deines Munds die Taten deiner Hand entsprächen.«

66. Der verliebte Löwe

Ein Löwe, der ein schönes Menschenkind liebte, hielt bei dem Vater um sie an. Der Greis zeigte sich wohlgesinnt und frei von jeder Abneigung. »Du sollst sie haben«, sprach er »sollst sie gern haben – des mächtigen Löwen Schwäher mag man wohl heißen! Doch junger Mädchen Herzen sind sehr schwachmütig, und was hast du für Klauen und für Raffzähne! Wie soll sie furchtlos dir wohl in den Arm sinken? Dein bloßer Anblick macht das zarte Kind weinen, drum nahe dich als Freier, nicht als Raubtier!« Der Löwe, freudetrunken, traut der Zusage, läßt sich die Zähne ziehn und mit dem Schnitzmesser die Nägel kürzen. So kommt er zum Brautvater, die Braut zu fordern. Doch da schlägt mit Holzknüppeln, mit Steinen alles auf ihn ein und Faustschlägen. Bald lag er wehrlos, wie ein Schwein verröchelnd. So hatte ihm der greise, höchst verschmitzte Schlaukopf die Weisheit beigebracht, daß Ehebündnis von Mensch und Tier und Tier und Mensch nicht angeht.

67. Der Wolf und das Weib

Dem Kind, das weinte, drohte einst die Landamme: »Sei still, sonst werf' ich dich dem Wolf zum Fraß vor!« Der Wolf kam just vorbei und hielt's für Wahrheit und wartete voll Freuden, bis die Nacht kam. Doch als das Kind zur Ruhe nun gebracht wurde, zog hungrig auch mit leerem Maul der Wolf ab, der lang vergeblich falscher Hoffnung nachhing. Doch als die Wölfin, seine Frau, ihn ausfrug: »Wie kommt's, daß nicht wie sonst du etwas mitbringst?« sprach er: »Wie sollt' ich, der ich einem Weib glaubte?«

68. Die beste Hilfe

Die Haubenlerche nistete im Kornfeld, ums Morgenrot wettsingend mit der Frühschwalbe, und zog die Jungen groß mit zarten Saatspitzen, so daß sie flügge schon mit stolzem Busch prangten. Da kam der Herr des Felds einmal sein Korn mustern und sprach, da falb die Ähren glänzten: »Zeit wird's, daß alle meine Freunde ich zur Mahd rufe.« Doch von den jungen Lerchen mit dem Kopfbusche vernahm es eine, die's dem Vater mitteilte. »Schau zu«, so sprach sie, »wo du jetzt uns ansiedelst.« Der aber sprach: »Noch ist zur Flucht kein Anlaß. Dem eilt's nicht sehr, der auf der Freunde Arm baut.« Bald kam der Bauer wieder. Von der Glutsonne sah er die Körner aus den Ähren ausfallen. »Zu morgen will ich Schnitter mir um Lohn mieten, zu morgen«, sprach er, »Garbenbinder anwerben«. Da rief die Lerche ihren Jungen: »Jetzund ist's Zeit, daß eilig wir von hier hinwegflüchten, da er nicht auf die Freunde baut und selbst schneidet.«

69. Die Ziege und der Hirt

Ein Hirte trieb die Ziegen ins Gehöft ein. Die einen folgten, andre waren unfolgsam, besonders eine, die am würz'gen Mastix und andern Sträuchern nagte in der Felsschlucht. Der Hirte warf mit einem Stein und traf sie, so daß das eine Horn abbrach. Da fleht er: »Beim großen Pan, dem Hüter dieser Talschluchten, verrat' dem Herrn mich, liebes Zicklein, Mitsklavin, doch ja nicht, Zicklein! Nicht mit Absicht traf ich.« Die sprach: »Wie soll ich diese offenbare Tat bergen? Das Horn wird schreien, wenn ich selbst auch stillschweige.«

70. Der Hirsch im Ochsenstall