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Eine Himmelfahrtsfeier mit schrecklichem Ausgang. Boxprofi und Hauptkommissar Alexander Parler aus Meschendorf bei Rerik gilt als ausgezeichneter Ermittler. Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr an die Ostseeküste wird er von seinem Jugendfreund Detlef Klein zu einer Vatertagstour eingeladen. Mehrere Männer wollen einen Segeltörn unternehmen, um danach am Strand der Halbinsel Wustrow zu feiern. Doch als der Polizist am Rastplatz erscheint, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen: Fünf Männer, vier bewusstlos und einer offenbar erschlagen, liegen am Boden. Alles deutet auf Klein, doch Parler, der nach geschiedener Ehe allein mit seinen Wellensittichen in einer kleinen Mietwohnung lebt, zweifelt an der Schuld seines Schulfreundes. Und so führen ihn die Ermittlungen durch seine alte Heimat in die Ostseebäder Rerik, Kühlungsborn und Heiligendamm sowie nach Bad Doberan und ins benachbarte Kröpelin und Neubukow. Plötzlich geschieht ein weiterer Mord: Ein umstrittener Autor ist tot.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Gero Große
Himmelfahrt
1Blauer Würger
2Blackbeard
3Poseidon
4Poetus laureatus
5Petermännchen
6Posaunen von Jericho
7Geisterstadt
8Zornesröte
9Todesbote
10 Kälteschock
11 Talisman
12 Lemurenaugen
13 Attentate
14 Sic transit gloria mundi
15 High noon
16 Totalausfall
17 Fischfutter
18 Kreuzung des Lebens
19 Innocenz
20 Leichengeruch
21 Viel Feind, viel Ehr
22 Platzhirsch
23 Feuerzangenbowle
24 Seneca und Euripides
25 S51
26 »Blut und Boden«
27 Lebenselixier
28 Atombombe
29 Sid Vicious
30 Altar
31 Knurrhahn
32 Marienbader Elegien
33 Bud Spencer
34 Rachel-Look
35 Tomoe Nage
36 Shotokan Karate
37 Nebra
38 Tanzmaus
39 Godzilla
40 Blackbox
41 Andromeda
42 Napoleon
43 Mongolensturm
44 Sisyphos
45 Leichenstein
46 Dyspnoe
47 Makarow
48 Kalte Fälle
49 Gary Cooper
50 Schimanski Poirot Maigret
51 Neurosen
52 Nacht des Jägers
53 Hitchcock
54 Hocus Pocus
55 Aschekegel
56 Verbotene Früchte
57 Hintergrundgeräusche
58 Betreten verboten!
59 Epikur
60 Macht
61 Komischer Vogel
62 Alarmanlage
63 Gekrakel
64 Notre-Dame
65 Stasi und Dissidenten
66 Griechische Göttin
67 Hongkong
68 Peitschenklatschen
69 Blaulicht
70 Apokalyptische Reiter
71 Herr über Leben und Tod
72 Pulp Fiction
73 Erpressung
74 Hoover-Staudamm
75 Oskar
76 Sturmflut
77 Beamtentriathlon
Der Autor
Die ersten Akkorde der 5. Sinfonie Ludwig van Beethovens erklangen aus seiner Brusttasche, als Alexander Parler aus dem Südeingang des Rostocker Hauptbahnhofs trat. Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkte. Ein warmer Wind strich über den Platz. Er zog das Smartphone heraus, sah die Nummer auf dem Display, streckte den Zeigefinger aus und stoppte ihn kurz vor der Ruftaste. Die Melodie begann gerade von vorn.
»Wer das Schicksal so oft umsonst anklopfen lässt, den wird es schneller ereilen als gedacht! Denken Sie an meine Worte, junger Mann!«
Parler wandte sich um und starrte auf eine leuchtende Bernsteinkette. Sie schlang sich um einen dürren, langen Hals, dessen Haut seitlich des Kehlkopfes in Falten lag wie die zurückgezogenen Vorhänge eines Zimmerfensters. Ein Kopf mit wachen Habichtaugen saß auf dem Hals, das Gesicht gerahmt von weißem, schütterem Haar. Die Dame mochte seit 90 Jahren auf diesem Planeten weilen.
»Danke für den Tipp, gnädiges Fräulein«, entgegnete Parler ironisch. »Sie kennen die Schicksalssinfonie also, aber noch mehr Schicksal als bisher ist mit mir nicht mehr zu machen.«
Sie mochte über die Bedeutung des letzten Satzes rätseln. Parler wollte es mit einem tiefen Blick in ihre Augen ergründen, doch schon war sie an ihm vorüber und verschwand in der Bahnhofshalle. Ein Menetekel? ›Was für ein Quatsch!‹, befand er, blickte erneut auf das Display und ein verschmitztes Lächeln erschien in seinem Gesicht.
Detlef Klein rief an, ein Freund aus Kindertagen, den er vor ein paar Tagen zufällig in Rostock auf der Straße getroffen hatte. Nach über zwanzig Jahren. Es klingelte erneut. Parler nahm das Gespräch an und verlieh seiner Stimme den seriösen Ernst eines Nachrichtensprechers: »Telefonseelsorge. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Detlef Klein stand 25 Kilometer entfernt vor dem Eingang der Kühlungsborner Marina, beobachtete eine Lachmöwe, die auf dem Geländer vor ihm saß und ihre Flügel streckte, ein Räkeln nach kurzem Schlaf. »Ökumenischer Studentenpfarrer Klein. Wat los? Kommste nun? Wir woll’n gegen halb zwei ablegen.«
»Hm«, Parler räusperte sich, »muss ich eigentlich nicht haben.«
Ihm schien es, als ließe ehrliche Empörung Kleins Stimme versagen, denn eine Pause entstand. Bei Schnellsprecher und Quasselstrippe Klein ein Zeichen mühsam beherrschter Wut. Damals. In den alten Zeiten. Plötzlich donnerte es stakkatoartig aus dem Telefon: »Himmelfahrt! Vatertag! Herrentag! Segeln! Grillen! Angeln! Ehrlicher Suff unter Männern! Nur einmal im Jahr! Ehrwürdige Tradition! Frauenfreie Zone!«
»Ich liebe Frauen!« Mehr brachte Parler nicht heraus. Der Umzugsstress wirkte nach, und Schnellschwätzer Klein war er nicht mehr gewohnt. Und da sagte man, Mecklenburger seien wortkarg. Aber Klein ließ sich in kein Klischee pressen, schon damals nicht, in Kindertagen.
»Ich auch«, beeilte sich Klein zu versichern. »Aber nicht heute. Was is’ denn los mit dir? Sieh zu, dass du kommst!«
»Ich muss noch einiges erledigen. Umzugskartons auspacken, Regale aufbauen, Bilder aufhängen.«
»Bullshit, Alter! Hasenfuß! Du warst doch früher keiner Party abgeneigt. Du warst 25 Jahre weg. Haben dich die 100 Jahre im Staatsdienst weichgekocht? Wird Zeit, dass du gleich mal ein paar Leute triffst, die du noch von früher kennst.«
»So? Wen denn?«, fragte Parler neugierig.
»Überraschung. Überzeug dich selbst! Kannst es dir ja noch mal überlegen und nachkommen. Der Wind soll auffrischen. Halbwindkurs. Werden etwa gegen vier oder fünf auf Wustrow sein, schätze ich. Etwa einen Kilometer hinter dem Tor am Strand.«
»Tor? Immer noch?« Die Halbinsel Wustrow zwischen Wismar und Rostock war jahrzehntelang von der Roten Armee besetzt gewesen.
»Genau da, wo früher die Russenwache war!«, rief Klein. »Es hat sich noch nicht viel verändert. Nur sitzt jetzt ’n deutscher Wachschutz da. Gesperrt für die Öffentlichkeit. Aber du bist ja ’n Bulle. Was hätte aus dir werden können!«, seufzte er. »… und wirst ’n Bulle!«
Ärger kochte hoch in Parler. »Alter Freund, jetzt höre mir mal zu …!«
»Bring Angelzeug und Schlafsack mit! Und natürlich mindestens ’n Sixpack Bier und ’ne Flasche Blauen Würger.«
»Blauer Würger?« Parler war erstaunt. »Kristallwodka?! Das Brechmittel aus DDR-Zeiten? Gibt’s den noch?«
»Alter Wein aus neuen Schläuchen. Wollte dich nur an die alten Zeiten erinnern. Weißte noch? Beim Einsenden von hundert Blauer-Würger-Etiketten spendierte die Krankenkasse die Kosten für ’nen Blindenhund. Wie sieht’s aus, alter Meister? Es gibt viel zu erzählen.«
Das stimmte allerdings. Parler rang sekundenlang mit einem Entschluss. Sein Blick fiel auf zwei stumme Trinker, die sich an einem weißen Plastiktisch wortlos gegenüberstanden und auf ihre Bierflaschen stierten. »Ich komme nach!«
Detlef Klein verstaute sein Smartphone, betrat mit einem Sechserpack Bier unterm Arm den Kai der Kühlungsborner Marina und steuerte auf einen knallgelben Halbtonner zu.
Der hochgewachsene, stämmige Udo Blomann stand breitbeinig an Deck des »Postbootes«, wie der Halbtonner von den heimischen Seglern genannt wurde, und schoss eine Leine auf. Silbrige Strähnen durchzogen Blomanns üppigen schwarzen Vollbart.
›Wie Lametta an einem verkohlten Weihnachtsbaum‹, dachte Klein. Wenn er sich jetzt aus dem Gewusel noch ein paar Strähnen flocht und anzündete, ging er als Piratenkapitän Blackbeard Teach durch. Er grinste. »Skipper!«
»Smutje«, dröhnte Blomann.
Smutje! Wie antiquiert! Und schon defilierte vor Kleins innerem Auge neben Teach der schmierige Koch Mugridge aus dem »Seewolf«, doch er witterte auch Lob für seine eigenen Kochkünste, schließlich existierte ja auch dieser andere weltberühmte fiktive Schiffskoch, und aus Kleins Mund sprudelte es: »So wie dich habe ich mir immer Käpt’n Flint aus der ›Schatzinsel‹ vorgestellt, der in Verfilmungen ja selten zu sehen ist, weil schon tot. Aber weißt du, wer die eigentlich faszinierende Figur in der Geschichte ist: nicht der kleine Jim Hawkins, nicht Livesay, Trelawny und wie die glatten Typen alle heißen, sondern Long John Silver, der einbeinige Koch. Weißt du …«
»Steiner kommt auch gleich«, unterbrach Blomann, der wusste, diese Information würde Kleins Redefluss automatisch stoppen.
»Wie bitte? Davon hast du nichts gesagt. Warum lässt du Steiner mitkommen?«
Blomann überging die Frage. »Das Sechserpack ist nicht nötig.«
»Herrentag!«, fauchte Klein.
»Zieh mal die Persenning runter!«, rief Blomann.
Klein zog an der Persenning. »Wow! Ein 50-Liter-Fass.«
Auf dem Parkplatz vor der Marina hielt ein blauer VW Passat. Rolf Steiner, ein untersetzter, braunhaariger Mann mittleren Alters, stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür.
Eine kleine Blondine mit Löwenmähne, die ihr bis in Höhe ihrer Lendenwirbel herabfiel, himmelblauen Augen und schön geschwungenen, üppigen Lippen entstieg dem Fahrzeug und umarmte Steiner. Es war Barbara Techel, die ihn nun sanft bis auf Armlänge von sich schob, um ihn ausgiebig zu mustern. »Skippermütze, Seesack, Isländer. Schmuck und zünftig siehst du aus!«
Steiner grinste hilflos. »Und wenn ich wieder über Bord gehe?«
»Dann fischt dich Blomann wieder raus. Er hat ja schon Übung darin. Außerdem ist kaum Wind, und die Ostsee schon recht warm. Kann also nichts passieren. Es ist euer Tag, Rolf. Ein wunderschöner Maientag.« Sie bemerkte Steiners Verstimmung. »Recht glücklich siehst du nicht aus.«
»Ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, dich allein zu lassen«, sagte Steiner. Was er dachte, war: ›… von dir allein gelassen zu werden.‹ Wie gern hätte er jetzt sein Gesicht zwischen ihren großen prallen Brüsten vergraben. Wie war es ihm nur möglich gewesen, diese Löwenmähnenblondine heimzuführen?
»Die Drohung war an dich gerichtet, nicht an mich. Ich kann auf mich selbst aufpassen«, sagte sie bestimmt.
»Du hast wohl recht«, gestand er ein. »Ich nehme das zu ernst.«
»Nun geh! Ich möchte nächste Woche doch einen Seemann heiraten«, sagte sie lächelnd und küsste ihn.
»Bis dann, Schatz!« Steiner glaubte plötzlich, eine Sorgenfalte in ihrem Gesicht auszumachen, und wandte sich ab. Er hasste lange Abschiede. Allein, er war ja nicht aus der Welt.
Er stieg die Treppe zum Bootssteg hinauf und trottete in Richtung POSEIDON.
Udo Blomann stand an Deck und hatte ihm den Rücken zugekehrt.
»Hallo Käpt’n.« Steiner bemühte sich um eine möglichst tiefe Tonlage.
»Den Düwel ook, Steiner. Schön, dass du dabei bist. Hauptsache, ich muss dich nicht wieder aus dem Teich ziehen.«
»Das werde ich dir niemals vergessen.« Steiner blickte ihn dankbar an. Doch er hielt Blomanns hartem Blick nicht lange stand und senkte den Kopf. ›Die Planken müssten mal wieder geschrubbt werden‹, ging es ihm durch den Sinn. Er erhielt einen Stoß gegen den Rücken und fuhr herum.
Lutz Borgward, ein großer, muskulöser Blondschopf in seinen Dreißigern, stand vor ihm und grinste. »Keine Angst, Steiner, ich bin diesmal auch dabei.« Der Mann trat an ihm vorbei und begrüßte Blomann mit Handschlag. »Skipper.«
Die Kajütentür öffnete sich. Detlef Klein lugte heraus, legte eine bärbeißige Miene auf und rief: »Steiner!«
»Klein!«, rief Steiner. »Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht mitgekommen.«
»Ihr liebt euch also«, konstatierte Blomann. »Das konnte ich nicht ahnen. Wenn ihr Zwist habt: Nicht hier und heute!« Und zu Klein: »Wat is’ nu mit deinem Kommissar? Kommt der noch?«
»Vielleicht kommt er nach.«
Blomann hob die gestreckte Hand horizontal über sein linkes Auge. »Da vorn kommt Krüger. Unser Poetus laurus.«
»… laureatus«, verbesserte Klein.
»Meinetwegen«, knurrte Blomann. »Hauptsache Krüger ist nicht jetzt schon besoffen. Dann lasst uns die Segel klarmachen und ablegen.«
Die POSEIDON lag vor der Küste Wustrows. Der Wind hatte aufgefrischt und kleine Wellen schwappten gegen das Haupt eines dunkelbraunen Findlings in Ufernähe. Eine große Mantelmöwe saß auf ihm und putzte ihre schwarzen Schwingen. Drei Tage zuvor hatte es heftig gestürmt, verwesender Blasentang säumte den Strand und verströmte einen herben Geruch. Angeln und Angelzeug lagen vorn am Wasser. Posen schwammen in Sichtweite in der Ostsee. Die Männer saßen auf Campingstühlen um einem kleinen weißen Plastiktisch am Strand und ließen den Stiefel kreisen. An den Dünen stand ein Bierfass. Schlafsäcke und kleine Zelte daneben. Das Gespräch ging um die Zukunft Wustrows. Eine Bürgerinitiative lag im Clinch mit einer Investorengruppe, die die Halbinsel großflächig bebauen wollte.
»Ich sag euch«, verkündete Borgward, »in zehn Jahren sieht das Idyll hier aus wie Mallorca: Ballermann 6, Beton und Wohnsilos.« Er übernahm den gläsernen Stiefel, setzte ihn an. Eine Lache Bier schwappte über und ergoss sich auf sein Gesicht.
»Du musst den Stiefel rechtzeitig drehen!«, rief Klein.
Steiner starrte auf die Pose, sprang auf und lief los. »Da ist was dran.«
Die Männer folgten ihm.
Steiner holte die Angel ein und drillte einen etwa 30 Zentimeter langen, seitlich abgeflachten Grundfisch mit Augen an der Kopfoberseite ab. »Was ist denn das?«
»Vorsicht«, rief Blomann, »ein Petermännchen!«
Zu spät! Ein markerschütternder Schrei zerriss die Stille.
»Wunde auslutschen. Sofort! Und dann draufpinkeln!«
»Was?« Steiner starrte ihn ungläubig an.
»Draufpinkeln! Oder soll ich gegen deine Wunde strullen?«, rief Blomann.
»Das Gift des Petermännchens ist ein Eiweiß und wird durch Hitze denaturiert«, erklärte Klein.
»Klein, hol die Sanitasche aus der Kajüte! Im Schrank links oben. Borgward, setz einen Topf Wasser auf!«, kommandierte Blomann. Er schien ganz in seinem Element. »Petermännchen! Die kleinen Bastarde fühlen sich sauwohl in unserer alten Ostsee.«
Ärger stieg in Klein hoch, gab doch dieser Riesenwaldschrat auch an Land Befehle. Aber er fügte sich und stieg ins Beiboot.
Alexander Parler passierte die gotische Kirche in der Kleinstadt Rerik und fragte sich, ob am Ende der Auffahrt rechts Bäcker Graf immer noch seine exzellenten Brote buk oder ob das Anwesen an der Steilküste nicht längst in der Ostsee versunken war, so wie es schon die Großväter der Großväter prophezeit hatten. Doch nein, davon hätte er gehört. Vermutlich war seewärts einfach ein Wall aus tonnenschweren Steinen aufgeschüttet worden.
Parler fuhr langsam westwärts. Auf dem kurzen Damm, der die Halbinsel Wustrow mit dem Festland verband, stoppte er, stieg aus, sog den Geruch von fauligem Tang und Meeresfeuchte ein, den der Wind ihm entgegenblies, und genoss das uralte Rauschen des Meeres. Die indigoblaue Ostsee kontrastierte scharf mit dem hellblauen Himmel. Wolkenberge waren von Westen herangezogen, ihre Schneegipfel ragten in die höchsten Stufen der Himmelsleiter. Die Meereshaut zitterte. Schaumkämme erschienen und verglommen wie Sternschnuppen, ein wildes, weißes Gefunkel. Plötzlich brach Licht durch die Wolken, die Sonne warf wandernde Strahlen auf das Meer, als suchte sie etwas in ihm. Es war Parler, als säße er in der Loge des Göttlichen Theaters, satt zu sehen sich am ausgelassenen Spiel der Elemente, und der Gedanke, dass es wunderbar und gut war, gerade jetzt zu leben und an diesem Ort zu sein, spielte wie eine süße Melodie in ihm. Ein sanfter, wohliger Schwindel hatte ihn erfasst und entließ ihn umgehend wieder.
Parler drehte sich um. Linkerhand lag das Salzhaff blaugrau und in Ufernähe glatt, so als ginge der Wind es nichts an. Er setzte sich wieder in seinen Wagen, startete den Motor, fuhr los und hielt kurz darauf vor einem Zaun.
Ein blauuniformierter Wachmann trottete aus seinem Häuschen.
Parler zückte seinen Dienstausweis. »Wir haben Hinweise auf eine Straftat.«
Der Wachmann zog die Augenbrauen hoch. »Kripo? Hier?«
»Geht um nichts Gravierendes. Ein kleiner Fall von Umweltkriminalität. Ich will der Sache kurz nachgehen.«
»Was soll ich machen?«
»Tor öffnen! Sonst nichts. Ich will nur was nachschauen.«
»Hat einer die Eier aus dem Uhunest in der alten Ruine hinten geklaut?« Der Wachmann lachte schallend, als wäre das ein guter Witz, und öffnete das Tor.
»Schau an, hier brütet ein Uhu?«, rief Parler interessiert.
»Aber klaro doch.«
»Gut.« Parler nickte zum Gruß und sagte: »Sie können sich jetzt wieder hinlegen.«
Der Wachmann schaute irritiert.
»War nur Spaß, Mann!« Parler ging zum Wagen, dann drehte er sich noch einmal um: »Sitzt aufm Baum und ruft laut ›Aha‹ – was ist das?«
Der Wachmann zuckte mit den Achseln.
»Ein Uhu mit Sprachfehler.«
Das Gelächter dröhnte wie die Posaunen von Jericho.
Parler war froh, diesen vertrockneten alten Sparwitz erfolgreich vertickt zu haben. ›Aber witzig war’s doch!‹, dachte er.
Parler stellte seinen Golf zweihundert Meter hinter dem Tor ab und stieg auf einer löchrigen, alten Straße zwischen verfallenen Gebäuden aus. Eine kleine Geisterstadt. Vielleicht die einzige in Deutschland. Noch? Bei dem ihm unverständlichen Run auf die Großstädte könnte es bald mehr davon geben. Er schaute sich um. Es war, als atmete der Boden hier Geschichte: jahrhundertelang Weideland, Flakschule der Nazis, Stützpunkt der Roten Armee zu DDR-Zeiten, heute Spielwiese für Spekulanten. Der Kampf zwischen Bürgerinitiative und Investorengruppe war immer noch unentschieden. Parler begann, sich durch einen Urwald aus modernden Stämmen, dichtem Unterholz und stachligen Sträuchern zu kämpfen. Endlich erreichte er eine kleine Anhöhe und prompt erblickte er einen schaukelnden Mast. ›Punktgenau getroffen‹, frohlockte er. Es mussten nur noch wenige Meter bis zum Strand sein.
Er beschleunigte seine Schritte. Als er aus dem Dickicht trat, erstarrte er. Zwischen Grill, Tisch und Campingsitzen lagen fünf Männer regungslos auf dem Sand. Was, zum Teufel, war hier geschehen? Einer lag auf dem Bauch, die Arme gespreizt und die Hände in den Sand gekrallt. Ein weiterer hing in einem der Campingstühle, das Gesicht auf die Brust gesackt. Zwei von ihnen krümmten sich auf der Seite liegend in Embryohaltung. Ein Fünfter starrte himmelwärts wie eine aufgebahrte Leiche. Parler rannte nun der Szenerie entgegen, und kurz darauf kniete er sich neben einen großen, muskulösen Blondschopf und überprüfte Puls und Atmung. Der Mann lebte, war lediglich bewusstlos. Parler lagerte ihn auf seiner linken Körperseite, überstreckte seinen Kopf, legte den angewinkelten linken Arm so unter seinen Kopf, dass dieser auf dem Handrücken ruhte, zog den rechten Arm unter den Körper durch nach hinten und wiederholte die Prozedur mit einem Schwarzbärtigen und einem untersetzten Kurzbeinigen mit gewaltigem Schädel, denn sie lebten ebenfalls.
Dann erblickte er Klein. »Was machst du für Sachen, Klein!«, rief er und legte den Jugendfreund ebenfalls in die stabile Seitenlage.
Schnell wandte er sich einem Fünften zu, auf dessen Kopf verquollenes Blut mit den Kopfhaaren zu einem hügeligen Klumpen verschmolzen war. Ein blutgetränkter Stein lag daneben. Hier war nichts mehr zu machen! Der Mann war tot.
Plötzlich begann Klein zu würgen und zu röcheln. Er drehte und wandte sich wie wild.
Der Polizist schüttelte ihn.
Kleins Gesicht lief dunkelblau an.
Parler blickte sich suchend um. Ein Königreich für ein Messer! Neben dem Grill lag ein spitzer Dolch. Parler ergriff ihn und stach kurzerhand in Kleins Kehlkopf zwischen Schild- und Ringknorpel. Dann griff er in seine linke Brusttasche, doch der Kugelschreiber war nicht an seinem angestammten Platz. »Verdammt!« Hektisch tastete er sich komplett ab und fand ihn der Hosentasche. Er schraubte das Schreibgerät auseinander und steckte den rohrförmigen Griff in die Wunde.
Kleins Brustkorb hob und senkte sich. Ein paar tiefe Atemzüge röchelten durch das Röhrchen in seinem Hals.
Erschöpft ließ sich Parler neben Klein in den Sand fallen.
Der gewaltige Feuerball in der Ferne war gewachsen und stand nun dicht über dem Horizont, der Wind hatte abgeflaut und die See lag dunkelblau und ruhig, nur ein leichtes Plätschern war hörbar, wenn eine zarte Welle auslief.
Parler dirigierte die Beamten der Spurensicherung, um die Auffindeposition der Überlebenden zu markieren. Kurz zuvor waren Blomann, Borgward, Krüger und Klein ins Krankenhaus Bad Doberan gebracht worden. Vor der Leiche kniete eine weißhaarige, knochige Gerichtsmedizinerin, die kurz vor der Pension sein mochte. Ein großer Polizist sperrte den Tatort mit Flatterband ab.
Parler erhielt einen leichten Stoß in den Rücken. Er fuhr herum.
»Kerstin Ahlers. Kripo Rostock.«
Wenige Zentimeter vor seinen Augen schwebte ein Dienstausweis der Kriminalpolizei, gehalten von einer feingliedrigen Frauenhand. Noch bevor er Einzelheiten erkennen konnte, verschwand der Ausweis in einer Jackentasche.
Er räusperte sich und legte eine gleichgültige Miene auf, doch es gelang ihm nicht, seine Überraschung zu verbergen.
Eine hübsche Frau in ihren Dreißigern, mit großen jadegrünen Augen und braunen Haaren, die sie wie einst Coco Chanel als Bob trug. Zur Frisur passte auch der dunkelbraune Anorak von Jack Wolfskin. »Hallo! Sind Sie noch da?«, fragte sie schnippisch.
Parler signalisierte Anwesenheit.
»Wie kamen Sie hierher?«, fragte sie forsch. »Was hatten Sie hier zu suchen?«
Parler erzählte und endete mit einer ausführlichen Beschreibung seiner Heldentat. »… sonst wäre er erstickt. Koniotomie. Auch Kehlkopfschnitt genannt.«
»Sind Sie Arzt?«
»Nein.« – ›… Ihr neuer Kollege‹, wollte er hinzufügen, unterließ es aber, um noch etwas mit ihr zu spielen. »Jede Arztserie, die etwas auf sich hält, bringt das irgendwann in irgendeiner Folge.«
»Sie sind kein Arzt und trauen sich zu, so etwas zu machen?! Donnerwetter!«, sagte sie seltsam gleichmütig, sodass Parler sich fragte, ob daraus Anerkennung sprach oder ein Vorwurf wegen Fahrlässigkeit.
Er lächelte und nickte leicht, als wollte er sagen: So bin ich nun mal.
»Tom!«, rief Ahlers.
Ein dürrer, ellenlanger Rotschopf mit Sommersprossen und einer ausgewachsenen Akne vulgaris trat näher.
»Nimm seine Personalien auf!« Sie wandte sich wieder an Parler. »Dann danke ich Ihnen dafür, dass Sie Erste Hilfe geleistet haben. Möglicherweise haben Sie dem Mann das Leben gerettet.«
»Nicht nur möglicherweise«, antwortete Parler.
»Vielen Dank noch einmal. Wir werden Sie in den nächsten Tagen noch einmal gründlich befragen. Sie können jetzt erst einmal gehen, Herr …?«
»Parler«, sagte Parler. Der Groschen war noch immer nicht gefallen. War er nicht angekündigt worden? Wohl kaum.
Sie hatte sich schon weggedreht und steuerte nun auf die Gerichtsmedizinerin zu. »Todesursache?«
»Ich sage mal: Schädel-Hirn-Trauma, wenigstens zweiten Grades. Der Stein dort.«
Neben einem blutverkrusteten Stein, etwa dreißig Zentimeter vom Kopf der Leiche entfernt, steckte eine kleine Fahne.
»Wann ist es ungefähr passiert?«
»Vor drei bis vier Stunden.«
»Vor mindestens drei Stunden und 14 Minuten«, warf Parler ein.
»Danke, und wie gesagt: Sie können jetzt gehen!«, versetzte Ahlers. »Wir melden uns bei Ihnen für eine ausführliche Zeugenaussage.«
»Ohne mich werden Sie hier nicht klarkommen«, sagte er sachlich.
»Wie? Was? Warum?«
»Weil ich einen hohen IQ und auch sonst einiges zu bieten habe. Und ich bin ein Mann.« – ›Jawoll!‹ Die chauvinistische Frechheit hatte gesessen. Parler wollte sehen, wie sie reagieren würde.
Prompt stieg Zornesröte in Kerstins Gesicht. Sie schürzte die Lippen, doch dann verengten sie sich zu einem harten Strich.
Parler interpretierte es als Zeichen mühsam beherrschter Wut. ›Wow!‹, dachte er. ›Eine prächtige Amazone. Eine, die sich beherrschen kann.‹ Doch noch bevor sie explodierte, zückte er seinen Polizeiausweis.
Sie hielten vor einem Einfamilienhaus am Stadtpark in Kühlungsborn West.
»Werden Sie damit klarkommen?«, fragte Kerstin Ahlers.
»Ich war schon oft der Todesbote«, antwortete Parler. »Es ist immer wieder hart, aber man darf es nicht zu nahe an sich rankommen lassen.«
»Das meine ich nicht. Mit mir?«
»Sie sind eine attraktive Frau.«
»Eine Frau, die wesentlich jünger ist als Sie …«
»Das kommt noch dazu.« Er lächelte gequält. »Welcher Mann wünscht sich das nicht?!«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »… die Ihre Chefin ist, meine ich. Chefin!«, wiederholte sie.
»Das geht in Ordnung«, log er.
»Sie gelten als ausgezeichneter Ermittler, Herr Kollege.«
»Sie haben also doch schon meine Akte gelesen.«
Sie schüttelte reumütig den Kopf. »Der Name war am Strand weg. Wer kann ahnen, dass ausgerechnet Sie die Leiche finden.«
»Allerdings. Schöner Einstand.« Parler runzelte die Stirn.
»Worauf ich hinaus will: Sie sind viel erfahrener als ich. Sie müssten eigentlich …«
»Eigene Schuld!«, sagte Parler kurz.
»Schade. Ein Ausraster, nehme ich an? Und jetzt sind Sie 49.«
»49 sind die neuen 25.«
Sie musterte ihn.
Parler bemerkte, dass ihr Blick auf seine Hände fiel, also verschränkte er seine Arme.
Sie schaute ihm ins Gesicht. »Schöne, braune Augen haben Sie«, sagte sie unvermittelt.
»… mit Gold durchwirkt«, setzte er hinzu.
Ihr heiteres, helles Lachen wirkte ansteckend. »Na ja, fast. Nun denn. Auf geht’s!«
Sie stiegen aus und klingelten am Tor.
Barbara Techel, eine hübsche, vollbusige Frau Mitte bis Ende dreißig mit blauen Augen und bastblondem Haar, das in Wellen tief herabfiel, öffnete die Tür. Ein edles Burgfräulein im Mittelalter musste in Parlers Vorstellung so ausgesehen haben. Doch statt einer historischen Tracht samt spitzem hohen Hut, wie er sie erstmals als Adeleide in der Ritter-Runkel-Serie der genialen Mosaik-Comics erlebt hatte, trug sie einen roten Jogginganzug.
›Ein wenig zu klein geraten und zu kräftig gebaut, sonst hätte sie modeln können‹, dachte Parler.
Die Frau führte das Polizistenduo Ahlers und Parler ins Wohnzimmer. Weiß gestrichene Raufaser. Einrichtung von der Stange. Kerstin brachte ihr die Todesnachricht behutsam und schonend bei, und Barbara Techel begann bitterlich zu weinen. Die beiden Beamten warteten geduldig, bis sie aufgehört und die letzte Träne unter dem Auge verstrichen hatte.
Techel zündete sich eine Zigarette an. »Ich habe ihn erst vor einem Dreivierteljahr auf der Arbeit kennengelernt«, sagte sie schluchzend.
»Wenn Sie wollen, kommen wir später wieder«, bot Ahlers an.
»Geht schon. Fragen Sie, was Sie fragen müssen!«
In einem mannshohen, in viele Quadrate unterteilten IKEA-Regal – Parler hatte das gleiche – stand eine Vinylplattensammlung. Im obersten Regal links erkannte er eine Platte der Reriker Heulbojen, einem landesweit bekannten Männerchor aus dem gleichnamigen Ostseebad. Die Vorderseite des Covers in den Raum gerichtet. Ein kleines Ölgemälde an der gegenüberliegenden Wand zeigte eine Ansicht Reriks. ›Das muss an der Schustertreppe sein‹, vermutete Parler. Ein kurzes Lächeln umspannte seine Lippen.
Ahlers warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »… auf der Arbeit kennengelernt«, wiederholte Ahlers. »Sie arbeiten als …?«
»Altenpflegerin. Nie habe ich jemanden erlebt, der sich rührender um seine Mutter … ähm, Stiefmutter gekümmert hat«, verbesserte sie sich. »Am Freitag wollen … wollten wir heiraten. Wer tut so etwas? Warum?«
»Wir werden es herausbekommen, Frau Techel«, versicherte ihr Ahlers. »Kennen Sie die anderen Herren der Herrentour?«
»Blomann, den Skipper.«
Parler setzte einen fragenden Gesichtsausdruck auf.
»Der Mann mit dem buschigen Bojarenbart«, sagte sie. »Segellehrer. Habe bei ihm das Segeln gelernt, letztes Jahr. Feiner Kerl. Er hat Rolf vor acht Wochen das Leben gerettet.«
»… das Leben gerettet?«, warf Parler erstaunt ein. »Ich meine, wann rettet schon mal jemand einem anderen das Leben heutzutage, in unseren Breiten.«
»Rolf nahm ebenfalls Segelunterricht bei Blomann. Er ging über Bord. Ende März. Das Wasser war eiskalt. Bei Blomann auf der Jacht war Tage zuvor eingebrochen worden. Unter anderem wurden auch die Schwimmwesten geklaut. Die aufblasbare, die Blomann vor dem Törn noch schnell besorgt hatte, war defekt. Er warf ihm einen Rettungsring zu. Der Kälteschock war so groß, Rolf konnte ihn nicht greifen. Die Sinne schwanden. Blomann sprang hinterher ins eiskalte Wasser. Selbstlos. Mutig. Ein feiner Kerl.«
Ahlers und Parler nickten anerkennend.
»Kennen Sie Herrn Borgward?«, forschte Ahlers weiter.
»Er war lange mein Kollege im Altersheim. Wir waren auch lange ein Paar. Aber nachdem ich Rolf kennengelernt hatte, …«
»… trennten Sie sich?«, vervollständigte die Kommissarin.
»Ja.«
»Ist er womöglich immer noch …?«, fragte Ahlers.
»Ich glaube nicht, er hat’s auch recht locker genommen. Aber kann man’s wissen?«
»Wer langsam zürnt, zürnt lange«, warf Parler ein.
»Und Detlef Klein?«, fragte Ahlers.
»Nur entfernt.«
»Hatte Ihr Mann Feinde?«, fragte Parler.
Techel holte etwas aus einer Schublade und reichte es dem Kommissar. Ausgeschnittene Zeitungsbuchstaben waren auf ein DINA4-Blatt geklebt worden. STEINER, DU MIESER SPITZEL. ICH WERDE DICH TÖTEN.
»Haben Sie Anzeige erstattet?«, fragte Parler.
»Nein. Wir haben das nicht ernst genommen«, entgegnete Techel.
»Haben Sie eine Vermutung, wer dahinterstecken könnte?«
Techel schüttelte den Kopf.
»Denken Sie nach, Frau Techel!«, bohrte Parler. »Auch Kleinigkeiten können wichtig sein. Irgendjemand muss das ja geschrieben haben.«
»Rolf war bis vor einem halben Jahr Privatdetektiv. Oft bei Verfehlungen in Partnerschaften. Oder unangenehme Sachen. Schwarzarbeiter überführen. Vorher war er Polizist. Bleibt man da ohne Feinde?«
»Wo waren Sie selbst gestern am Spätnachmittag?«, fragte Parler und setzte schnell hinzu: »Wir müssen das fragen.«
Ein vorwurfsvoller Blick Barbara Techels traf ihn, und sekundenlang fühlte er sich schuldig, empathielos.
»Wir wollten Freitag heiraten.«
Ahlers schwieg.
Parler blickte aus dem Fenster. Die Fichten des Stadtwaldes standen einträchtig und still beieinander.
»Ich hatte Spätschicht. Von 14 bis 22 Uhr.«
Während Ahlers verständnisvoll die Hand auf Techels Schulter legte, tütete Parler das Drohschreiben ein und wechselte einen Blick mit seiner neuen Chefin, die mit dezentem Kopfdrehen in Richtung Tür andeutete, dass es für heute genug sei. Sie verabschiedeten sich von Barbara Techel.
»Die Pneumatikblondine hat Ihnen gefallen, was?!«, raunte Ahlers Parler zu.
Der überging das. Am Gartenzaun hörten sie, wie Barbara Techel im Haus bitterlich zu weinen begann, herzzerreißende Klagelaute, die noch lange in Parler nachhallten. Und so saßen die neuen Kollegen noch bis kurz vor dem Seeheilbad Heiligendamm schweigend nebeneinander im Auto. Ja, dachte Parler plötzlich, es stimmte, dass Schweigen die höchste Blüte der Geselligkeit war, wie er kürzlich bei Marie von Ebner-Eschenbach gelesen hatte.
Der Mann hauchte einen bläulichen Ring aus Zigarettenrauch gegen die Windschutzscheibe und schnipste den Zeigefinger gegen seinen Talisman, ein Minol-Pirol-Männchen. Nicht länger als eine Zigarettenlänge, nachdem er hier in der Straße geparkt hatte, dauerte es, bis seine Zielperson aus dem Dunkel aufgetaucht war. Perfektes Timing. Er hatte bereits mit dem Mann gerechnet, denn er war eben an ihm vorübergefahren. Doch er hatte ihn nicht gleich stellen können, weil dort mehrere Passanten auf der Straße herumlungerten. Wie gut er doch war!
Der eitle, alte Pfau war zwar noch mindestens einhundertfünfzig Meter entfernt, aber der schnelle Gang und die bleistiftgerade Haltung, vor allem aber der alberne Schlapphut ließen schon, als er schnell an ihm vorbeigefahren war, keinen Zweifel daran, dass er es war: Maximilian Faber.
Der Mann drückte die Zigarette in den Aschenbecher, stieg aus dem Wagen, überquerte die Straße, blieb auf dem Gehweg stehen und streifte sich Quarzsandhandschuhe über die schwieligen, großen Hände. Das erhöhte zusätzlich die Schlagkraft. Hatte er natürlich gar nicht nötig, überflüssig wie ein Kropf, aber sicher war sicher. Er ballte die Faust, streckte sie wieder aus, zog den Handschuh noch straffer nach hinten und blickte ins Dunkel.
Faber kam näher und näher.
Hinter Hecken und Zäunen schimmerte nur vereinzelt Licht durch Fenstervorhänge. Die Nacht war mondhell. Myriaden Sterne standen am Himmel. Im Schein der Laterne warf eine Buche verkrüppelte Schatten auf Straße, Gehweg, Zäune und ihn selbst: den großen, schweren Mann. Er überragte Faber um Haupteslänge, er war der Besitzer doppelt so breiter Schultern und zwanzig Jahre jünger als sein über 50-jähriger Gegner, trotzdem war er sich seiner Sache plötzlich nicht mehr so sicher. Irgendetwas beunruhigte ihn, und er fragte sich, ob es der Gang und dieser komische Schlapphut waren, durch den Faber wie eine Gestalt aus einem anderen Jahrhundert wirkte, irgendwas zwischen Vogelscheuche und Militär. Der große, schwere Mann straffte und fasste sich. Seine Erscheinung allein reichte aus, dem mickrigen Kerlchen das Schlottern zu lehren. Aber ein Schlottern Fabers war dem Mann heute nicht genug. Er hatte ihn gewarnt. Nun setzte es schwere Prügel.
Faber war mittlerweile bis auf wenige Meter herangekommen.
»Jetzt mache ich dich alle! Gewarnt habe ich dich lang genug«, rief der große, bullige Mann.
Faber blieb stehen und musterte ihn. Der Brustkorb des Riesen vor ihm, gehüllt in eine schwarze Bomberjacke, blähte sich auf und pumpte wie ein Blasebalg. Seine Schultern hoben und senkten sich, die behandschuhten Fäuste waren geballt. Die ganze Erscheinung strahlte die Kraft einer unter Dampf stehenden Lokomotive aus, von der Faber nun unerbittlich überrollt würde. Mochte die entfesselte Wut des Kolosses ihn zerreißen, er blieb fest und sternestet. Sternestet? ›Dieses Wort gibt es nur in einem Benn-Gedicht, oder?‹, überlegte Faber, während er sein Gegenüber gleichmütig fragte: »Was willst du Schwuchtel von mir?«
Einen tiefen Grunzlaut ausstoßend, stürzte der große, schwere Mann mit erhobenen Fäusten auf Faber zu.
Im ersten Stock des Gebäudes der Rostocker Polizeiinspektion in der Ulmenstraße befand sich Alexander Parlers neuer Arbeitsplatz. Er parkte ein paar hundert Meter entfernt, um noch ein wenig frische Luft zu schnappen. Drei Jahre zuvor hatte er es aufgegeben: Der übermächtige Wunsch, jetzt eine Zigarette zu rauchen, war ein Verräter. Es zeigte ihm einmal mehr, dass ihn der Neustart nicht kalt ließ. Zwar ging es ihm nicht wie jenem berühmten Dirigenten, der seine Nervosität bekämpfte, indem er das Publikum leise mit »Ihr Arschlöcher« beschimpfte, bevor er den Taktstock schwang, aber nach 17 Jahren bei einer Berliner Mordkommission hatte ihn der Gedanke an den ersten Tag in einem anderen Arbeitsumfeld mit ihm völlig unbekannten Mitarbeitern die vorausgegangene Nacht schlecht schlafen lassen. Und so murmelte er jetzt halblaut die Zauberformel vor sich hin: »Ödet ihr Fische mich an, haue ich wieder ab.« Es war ein irrationales Spiel mit seinen Möglichkeiten, die sich auf zwei reduziert hatten, aber er wusste natürlich, dass er auch bei den Zweien keine Wahl hatte.
