Xespasmata - Ausbrüche - Rainer Müller-Hahn - E-Book

Xespasmata - Ausbrüche E-Book

Rainer Müller-Hahn

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Beschreibung

Xespasmata ist das griechische Wort für Ausbrüche. Es werden Ausbrüche aus Partnerschaft, Familie, Geschlechtsrolle und Konvention der Mitglieder einer zufällig zusammengetroffenen Gruppe von Touristen im malerischen Urlaubsort einer griechischen Insel geschildert. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Begegnung zweier Personen. Sie besitzt eine ungewöhnliche Intensität und wird begleitet von Ängsten und Widerständen. Deren Ursachen liegen in Begebenheiten während der Zeit des geteilten Deutschlands und führen zurück in die düstere Welt der Staatssicherheit. Ein sonderbarer Unfall und ein späterer Todesfall stellen die entstandene Beziehung auf eine Bewährungsprobe.

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Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Rainer Müller-Hahn

Xespasmata - Ausbrüche

- ein schicksalshafter Urlaub -

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Tag

2.Tag

3.Tag

4.Tag

5.Tag

6.Tag

7.Tag

8.Tag

9.Tag

10. Tag

11.Tag

12.Tag

13.Tag

14.Tag

15.Tag

16.Tag

17.Tag

18.Tag

Impressum neobooks

1.Tag

Ich schrecke hoch aus einem wirren Traum und muss mich für einen Moment lang neu orientieren. Bin wieder mal beim Lesen eingeschlafen. Das Buch ist heruntergefallen, die Brille verrutscht, das Hemd offen. Der Wind hat aufgefrischt. Nach der Hitze des Tages ist es jetzt kühl. Ich fröstle.

Meine Haut brennt ein wenig. Es ist der Preis für langes Liegen in der Sonne. Noch empfinde ich es als angenehmes Brennen. Später wird es sich zum Sonnenbrand entwickeln und bei der Berührung mit der Kleidung oder dem Bettzeug ins Unangenehme umschlagen.

An einigen Stellen meiner Haut hat sich auf dem verbliebenen Sonnenölfilm eine dünne Schicht Sandkörnchen angesammelt. Sand auch auf der Kleidung und dem Handtuch.

Das Handtuch ist immer noch ein wenig feucht. Seit meinem letzten Bad im Meer vor zwei Stunden hat die Sonne wohl nicht mehr die Kraft besessen, es zu trocknen. Wahrscheinlich hält das Salz die Feuchte fest.

Ich richte mich auf, schließe die Knöpfe des Hemdes, stelle die Rückenlehne der Strandliege steiler und lehne mich aufrecht sitzend dagegen. Für mich beginnt jetzt die schönste Zeit am Strand, und ich will noch eine Weile das Meer beobachten. Der Übergang von Himmel und Meer ist nicht mehr genau zu erkennen. Der Dunststreifen am Horizont hat beide weich miteinander verschmolzen.

Darüber steht die Sonne, sie hat bereits einen rötlichen Schein angenommen. Wolken, welche die Sonne kurzzeitig verdecken, leuchten auf mit goldenem Saum, gleißend helle Strahlenbündel fluten hervor und zeichnen helle Flächen auf die Meeresoberfläche.

Das Meer ist blauschwarz und wirkt auf mich irgendwie bedrohlich und unheimlich. Der Wind ist noch nicht stark genug, um Schaumkronen darauf tanzen zu lassen. Brandungswellen rollen in Dreierreihe auf den Strand zu. Nach Homer sind es die ‚nimmermüden Rosse des Poseidon’. Sie wachsen hervor aus der Dunkelheit des Wassers, als wollten sie den Wassermassen vorauseilen, bäumen sich auf mit weißer Krone, brechen, wenn sie ihre größte Höhe erreicht und sich ihre Farbe in ein helles, fast durchsichtiges Grün gewandelt hat, zerbersten beim Aufschlagen in brodelnde Gischt und spülen einen dünnen weißen Schaumteppich auf den Strand.

Der Rhythmus der Brandung nimmt mich gefangen. Er ist nicht gleichmäßig. Manche Wellen kippen in ihrer ganzen Länge plump und laut platschend, andere brechen in einer eleganteren Rollbewegung: Die Welle beginnt an einer Seite zu kippen, ihr Überschlag verläuft parallel zum Strand und bildet einen Tunnel. Dabei entstehen auf dem Scheitel, also dort, wo die Welle sich teilt, kleine senkrechte Fontänen, die wie ein silbernes Band über ihr mitlaufen - vielleicht die Mähnen der Rosse des Meeresgottes?

Auch ist das Geräusch dieser Wellen ein anderes. Zunächst höre ich ein leises Zischen. Es startet auf einer Seite, schwillt an zu einem kraftvollen Rauschen und ebbt zur anderen Seite schnell wieder ab.

Die Begleitung zu den verschiedenen Melodien der Wellen bildet das Rascheln der Kieselsteine, die vom zurücklaufenden Wasser aneinander gerieben werden. Hier bleibt die Tonlage des Geräusches gleich, verschieden ist aber die Dauer. Diese hängt davon ab, wie weit die Welle auf den Strand gelaufen ist und wie lange sie benötigt, über das Kieselfeld zurückzufließen.

Ich versuche, ernsthaft vorherzusagen, welche Welle am weitesten auf den Strand gelangen wird. Das scheint sich nach folgender Regel zu vollziehen: Wenn eine große einer kleinen Welle folgt und beide kurz nacheinander brechen, wird das Wasser der kleinen Welle durch die Wucht und Masse der Großen weit auf das Ufer gedrückt. Dagegen hat selbst eine große Welle, sobald sie in das zurücklaufende Wasser der vorangegangenen umschlägt, kaum die Kraft, sich weit über das Ufer zu verbreiten.

Wann nun aber diese Konstellation eintritt, groß folgt klein, kann ich nicht sicher prophezeien. Wellenkunde ist nicht einfach.

Dieses Schauspiel aus Licht, Bewegung und Musik bannt mich immer wieder, versetzt mich in eine Art Trance, erzeugt in mir eine merkwürdige Mischung aus Gelassenheit und zugleich konzentrierter Spannung. Äußere Einflüsse werden abgeschirmt und in den Hintergrund gedrängt. Es ist ein aktives Abschalten, eine besondere Art, das Gegenwartsbewusstsein zu verdichten. Es fällt mir schwer, mich davon zu lösen.

Eine Böe bläst mir feinen Sand ins Gesicht, als wollte der Wind daran erinnern, dass auch er eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung spielt. Tatsächlich habe ich ihn bisher nicht sonderlich beachtet.

Er ist stärker geworden und demonstriert nun seine Kraft, indem er Sand aufwirbelt, einen Sonnenschirm erfasst und diesen wie betrunken über den leeren Strand torkeln lässt. Schon hat er erste weiße Schaumkronen auf das Wasser gezaubert.

Ich wende mich wieder dem Spiel der Wellen zu und verfalle schnell in den meditativen Zustand, es ist, als würde mein Inneres die Wellenbewegungen nachvollziehen.

Plötzlich drängt sich der Wunsch in mein Bewusstsein, diese Eindrücke mit einem anderen Menschen zu teilen.

Gesichter tauchen auf, werden verworfen. Ein Bild bleibt: Es ist das einer Frau, die ich hier vor einigen Tagen getroffen habe. Wir sind heute Abend - zusammen mit ihrem Mann und Sohn sowie zwei anderen Ehepaaren - zum Essen verabredet. Ich bin über meine Wahl fast erschrocken und tausche das Bild schnell gegen das einer anderen Urlauberin aus.

Vielleicht ist es ein Teil elterlicher Hinterlassenschaft, die Vernunft, die sich als innere Stimme jetzt empört:

„Du meine Güte Michael! Was willst du eigentlich? Du fährst in dein Refugium, freust dich auf das Allein- und Unabhängigsein und beginnst schon wie der Sonnenschirm beim ersten Windstoß zu schwanken.“ Ich ignoriere diesen Kommentar, es ist zwecklos, etwas dagegen einzuwenden.

Nun beuge ich mich auf der Strandliege nach vorne, lehne mich gleich wieder zurück und hole dadurch Schwung, um aufzustehen. Es gelingt mir gleich beim ersten Mal. Ich stehe breitbeinig, die Liege zwischen meinen Beinen. Steif und verkrampft steige ich mit dem linken Bein auf die andere Seite. Meine Badehose liegt im Sand. Einen Augenblick lang überlege ich, ob ich sie mit dem Fuß hoch schleudern und mit der Hand aus der Luft fangen sollte. Dieses Manöver ist nicht schwierig, habe es lange mit Unterhosen geübt, und es sieht dazu noch recht elegant aus. Bei einer mit Sand bedeckten Badehose hat diese Technik jedoch den Nachteil, dass man dabei eine Fuhre Sand abbekommt. Also bücke ich mich schwerfällig, ergreife die Badehose und mache mich auf, sie im Meer auszuspülen.

Es ist nur ein kurzer Weg zum Wasser. Barfuss mit vorsichtigen Schritten überwinde ich ein Feld unterschiedlich großer, glatt geschliffener Steine, das weit ins Wasser reicht. Die Steine sind nass, und man kann vortrefflich darauf ausrutschen. Noch ein letzter ausholender Schritt, die schlüpfrige Gefahrenzone ist überwunden, und ich stehe fest auf weichem, sandigem Meeresboden. Das Wasser reicht mir bis zum Knie. Es ist angenehm warm. Ob ich noch eine Runde schwimme? Sofort ist meine innere Stimme zur Stelle:

„Denk doch mal nach! Es ist schon spät, Badehose an- und ausziehen, mit feuchtem Handtuch abtrocknen, würdest frieren und ...“

Die große Welle habe ich nicht kommen sehen. Sie unterbricht die Auflistung der Bedenken und umspült mich bis zum Bauchnabel. Ich habe Mühe, nicht von ihr umgeworfen zu werden. Aber die Shorts und der untere Teil meines Hemdes sind klatschnass.

Diese plötzliche Dusche erkläre ich zum Ersatz für das abendliche Abschlussschwimmen. Ich schwenke die Badehose mehrmals durch das Wasser und wringe sie aus. Es wird Zeit, aufs Trockene zu flüchten, denn die nächsten großen Wellen rollen heran.

Ich ziehe mein Hemd nochmals aus, um die nassen Stellen auszuwringen. Dabei fällt meine Armbanduhr aus der Hemdtasche in den Sand. Ein kurzer Anflug von Ärger: Habe sie wieder einmal mit an den Strand genommen, obwohl ich mir jedes Mal vornehme, sie im Zimmer zu lassen. Ich säubere sie sorgfältig und binde sie um.

Dann suche ich meine Badelatschen. Einer liegt rechts, der andere links neben der Liege. Sie sind fast vollständig mit Sand bedeckt. Ich angle sie nacheinander mit den Füßen aus dem Sand und versuche, sie in eine solche Stellung zu bringen, dass ich hineinschlüpfen kann. Heute gelingt mir das nicht sofort, und ich muss eine Art kleinen Tanz aufführen, um sie an die Füße zu bekommen.

Jetzt gilt es, die nasse Badehose und die Flasche mit Sonnenöl in das Handtuch einzurollen. Mir fällt auf, dass ich bei allem, was ich tue, sehr langsam vorgehe und dabei eine merkwürdige Sorgfalt an den Tag lege. Ist es wirklich erforderlich, die Ecken des Handtuchs genau übereinander zu bringen oder die nasse Badehose vor dem Einrollen ins Handtuch vorher sorgsam zusammenzulegen?

Diese Sorgfalt entspricht nicht meiner sonstigen Gewohnheit. Man sagt mir in solchen Dingen eher Schlampigkeit nach, was ich durchaus einräumen würde.

Mir fallen Kinder ein, die trödeln und alles betont langsam machen, um das Schlafengehen so lange wie möglich hinauszuzögern. Wende ich diese Verzögerungstaktik hier an, um noch eine Weile am Strand bleiben zu können? Das würde bedeuten, dass ich mich selbst austrickse, denn eigentlich zwingt mich nichts, jetzt zu gehen - aber nur eigentlich. Denn sogleich meldet sich meine Stimme:

„Es wird Zeit, jetzt zu gehen, dir ist schon kalt, du musst dich vor dem Essen noch duschen und umziehen, und schließlich muss ja mal Schluss sein.“

Wer kann sich dieser geballten Vernunft widersetzen?

Der Abschied vom Strand fällt mir etwas leichter, weil die nassen Shorts sich bei jeder Bewegung unangenehm bemerkbar machen und der Tag nun in einen anderen Abschnitt übergeht, auf den ich mich sonst freue. Heute allerdings sind meine Gefühle gemischt. Den Vorschlag zum gemeinsamen Abendessen habe ich spontan - fast leichtfertig - unterbreitet und mir kommen jetzt Zweifel, ob das eine weise Entscheidung war?

Ein fernes Grollen reißt mich aus meinen Gedanken. Es ähnelt zunächst einem Gewitter, schwillt aber schnell zu einem dauerhaften, gewaltigen Dröhnen an. So wie es die ruhige Abendstimmung zerstört, hat es etwas Gewalttätiges.

Ich bin beunruhigt, weil ich den Ursprung des Donners zunächst nicht zuordnen kann. Dann aber erkenne ich zwei Militärjets von Süden heranrasen. Für einen Moment bildet sich die beängstigende Vorstellung, dass hier keine der üblichen Patrouillen geflogen wird, sondern, dass es aus diesen Maschinen gleich Bomben regnet. Die Düsenjäger fliegen nahe der Küste und dicht über dem Wasser im Langsamflug. Eine Maschine führt, die Zweite hält sich links daneben, um eine Flugzeuglänge versetzt.

Im Gegenlicht erscheinen sie schwarz, nur die Cockpits werden vom Abendlicht hell erleuchtet, und ich kann darin die behelmten Köpfe der Piloten erkennen.

Die Triebwerke haben nun im Vorbeiflug ohrenbetäubende Lautstärke erreicht und lassen meinen Körper innerlich vibrieren. Die Jets fliegen über die nördliche Bucht und sind vor dem Hintergrund der Berge und dem dunklen Wasser nicht mehr auszumachen. Erst ein erneutes Dröhnen kündigt ihren Steigflug an. Sie werden wieder als steil nach oben fliegende, schwarze Dreiecke sichtbar, abgehoben gegen das Graublau des Abendhimmels, hinter sich eine dunkle Rauchschleppe, die der Wind seitlich verschiebt und schnell auflöst.

Ich bin wieder einmal fasziniert von der gewaltigen Kraft dieser Technik, die Menschen erzeugen und bändigen können.

Als jemand, der selbst ein paar Stunden als Privatpilot durch die Lüfte geschaukelt ist - und übrigens auf diesem Wege, diesen Flecken hier gefunden hat - schaue ich mit Wehmut und Neid auf die Leute im Cockpit solcher Maschinen.

Aber irgendwo ist da noch das Gefühl der Enttäuschung oder Ernüchterung, dass dieser schöne Strand und die herrlichen, malerischen Sonnenuntergänge nicht von dieser hoch entwickelten Kriegstechnik verschont bleiben.

„Was für ein Unsinn! Da baust du dir in deinen Vorstellungen eine heile Welt, eine Insel der Glückseeligen und bist sauer, wenn du merkst, dass es sie nicht gibt. Eine geniale Art, sich selbst zu ‚ent’ - täuschen und sich fertig zu machen, weiter so“, rügt meine Stimme sofort. In Gedanken antworte ich trotzig:

„Ja, ja stimmt schon, aber trotzdem ist es schade!“ Ich mache mich auf in Richtung Georgios Taverne. Das Wegstück über den Strand ist kurz, vielleicht nur vierzig Meter.

Diese Strecke zu überwinden, kommt mir heute wie Schwerstarbeit vor. Ich fühle mich schlapp und müde, so als hätte ich den ganzen Tag Zementsäcke geschleppt. Ich stolpere, eine Sandale rutscht vom Fuß. Es braucht einige Zeit, bis ich sie, ohne meine Hände einzusetzen, wieder am Fuß habe. Mein Gang muss dem eines Betrunkenen ähneln.

Zur Taverne verläuft der Weg über eine betonierte, steile Auffahrt, die hauptsächlich dazu dient, Boote an den Strand zu transportieren. Sie verbindet den Strand mit der Straße, die vom Dorf in den Bergen kommt und vor der Taverne in eine gepflasterte Plattform mündet.

Am Fuß der Auffahrt befindet sich ein Wasserhahn mit einem kurzen grünen Schlauch. Ich drehe den Hahn auf und versuche, den Sand von Waden und Füßen zu spülen. Das gelingt nicht sofort. Erst, nachdem ich die Öffnung des Schlauchs etwas zudrücke und der Wasserstrahl mit größerer Geschwindigkeit austritt, lässt sich der restliche Sand entfernen. Nach diesem mühsamen Reinigungsprozess erwartet mich eine weitere Herausforderung: Es gilt, mit nassen Füßen, in glatten und offenen Gummisandalen, ohne aus diesen herauszurutschen oder zu stolpern, eine beachtliche Steigung zu überwinden. Es gelingt, ich erreiche die Plattform vor der Taverne unfallfrei.

Die Taverne ist ein - wie hier üblich - in gelblich-roter Farbe verputzter, zweistöckiger Bau mit flachem Ziegeldach und einem geräumigen, einstöckigen Vorbau. In der oberen Etage bildet dieser Vorbau eine große, offene Dachterrasse. Im rückwärtigen, überdachten Teil des Hauses liegen Gästezimmer, von denen ich eines bewohne.

Unter der Dachterrasse liegt der sogenannte kleine Gastraum, in dessen rückwärtigen Bereich, ein offener Durchgang zur Küche führt. Von der linken Seite des Gastraumes gelangt man durch eine Tür auf die große, verglaste Restaurantterrasse. Früher war sie kleiner und primitiver eingerichtet, aber keineswegs ungemütlich. Heute ist sie ‚touristisch voll erschlossen’: Ausgestattet mit einem festen Holzdach, einem mit hellen Steinplatten belegten Fußboden, einer umlaufenden Glasfront mit großen, verschiebbaren Fenstern, mit Plastikmöbeln, einer Musikanlage, einigen mehr oder minder gelungenen Dekorationsartikeln und einem großen Aquarium, in dem üblicherweise Krebse auf ihr Ende im Kochtopf warten. Zurzeit ist das Bassin unbewohnt, da die Wasserpumpe den Geist aufgegeben hat. Den ersten Stock der Taverne hat die Plastik-Ära noch nicht erreicht, hier ist die Zeit scheinbar stehen geblieben. Die Einrichtung der Gästezimmer besitzt noch den Charme der fünfziger Jahre. Zur Zimmerausstattung gehören der ein oder andere alte Tisch und jene typischen Stühle mit geflochtener Sitzfläche.

Spyros steht neben der Treppe zur Restaurantterrasse, grinst und ruft mir etwas auf Griechisch zu. Ich verstehe es nicht. Einmal, weil ich trotz häufiger Ferienaufenthalte nur wenig Griechisch gelernt habe, zum anderen, weil der Wind die Worte in die entgegengesetzte Richtung weht.

Wahrscheinlich ist es wieder eine seiner Schweinereien, die er mir beigebracht hat. Wenn ich sie gelegentlich anwende, schüttelt er sich vor Lachen.

Spyros ist achtundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, kräftig gebaut mit einem ganz leichten Ansatz zum Bauch. Sein dunkles Haar zeigt vereinzelt graue Strähnen.

Er gehört zu den wenigen Menschen, die ich nie verstimmt, misslaunig oder aggressiv erlebt habe. Seine stetige Freundlichkeit, der Witz und die Ausgeglichenheit entstammen nicht einer professionellen Haltung seinen Gästen gegenüber, sondern seinem Naturell.

Hervorstechend sind seine großen und strahlenden, braunen Augen. Sie sind wie ein Markenzeichen der Familie. Spyros hat sie vom Vater Georgios geerbt, so wie seine Schwester Milia und Kosta, sein jüngerer Bruder.

Bei Spyros drücken sie immer einen Anflug von freundlicher Schlitzohrigkeit und Spott aus.

Bekleidet ist er wieder mit seinem olivgrünen T-Shirt und der dunkelblauen Hose, die am Sitz und an den Taschenrändern etwas abgewetzt glänzt. Die Füße stecken ohne Socken in schwarzen Mokassins.

Spyros’ ganze Haltung spiegelt Ruhe und Gelassenheit wider. Das Sonnenlicht verleiht seinem Gesicht jetzt einen bronzenen Farbton. Um in mein Zimmer zu gelangen, muss ich an ihm vorbei zum hinteren Teil der Taverne gehen. Dort führt eine Treppe in das erste Stockwerk. Ich wende meinen Blick von ihm ab, richte ihn auf den Boden und strecke meinen Arm ruckartig zu einem übertriebenen Gruß senkrecht nach oben. Ohne auf seine Reaktion zu warten, setze ich meinen Weg fort. Plötzlich, ohne mir über meinen Sinneswandel klar zu sein, halte ich ein, kehre um und gehe auf ihn zu.

Da wir uns schon früh am Tag begegnet sind, tippe ich ihm nur auf den Oberarm und murmele halblaut eine der Schweinereien, die ich von ihm gelernt habe. Er antwortet mit einer noch deftigeren. Damit erschöpft sich unsere Konversation. Ich setze mich auf die Stufen des Einganges. Sie sind von der Sonne aufgeheizt. Ihre Wärme ist angenehm und tut meinem Hinterteil gut. Es ist durch die nassen Shorts kalt geworden. Spyros bleibt weiterhin stehen. Beide schauen wir schweigend auf das Meer, in die untergehende Sonne, auf die felsige Küstenlinie der Insel und die bewaldeten Berge. Alles ist nun in ein weiches, warmes Licht getaucht, das Schatten und Konturen verstärkt. Dieses Panorama löst in mir intensive, schwer zu beschreibende Empfindungen aus. Es sind ineinander verwobene Gefühle von Freude, Ehrfurcht und Sehnsucht. Offensichtlich entstehen solche Empfindungen nicht nur bei mir, sondern auch bei demjenigen, der dieses Bild sein ganzes bisheriges Leben vor Augen hatte.

Denn nach einer Weile gemeinsamen Schweigens wendet Spyros seinen Kopf zu mir herab und sagt leise in ungewohntem Ernst: „Ist das nicht wunderschön?“

* * *

Eine gute halbe Stunde später sitze ich geduscht und umgezogen auf der Restaurantterrasse an meinem Stammtisch – es ist der Eckplatz direkt an der Fensterfront. Zuvor habe ich noch einen Tisch an den meinen gerückt, um Platz für die sieben Personen zu schaffen, die ich erwarte.

Die Sonne ist seit einiger Zeit hinter dem Dunstband am Horizont verschwunden; es ist jetzt sehr viel dunkler. Dort aber, wo die Sonne untergegangen ist, glüht es noch tiefrot nach.

Ich beobachte eine Weile die Fledermäuse, wie sie im Dämmerlicht mit ihrem vieleckigen, schnellen Flug Insekten jagen. An einem großen Tisch schräg neben mir sitzen Griechen vom Festland. Sie verbringen hier ihren Urlaub. Es sind sechs Personen. Ein Elternpaar mit zwei Kindern und zwei älteren, in traditioneller schwarzer Witwentracht gekleideten Frauen. Die Ähnlichkeit der Frauen untereinander und mit dem Familienvater lässt vermuten, dass es sich um Schwestern, also um Mutter und Tante des Vaters, handelt. Die Kinder bilden ein sehr ungleiches Paar.

Die Tochter ist ein schlankes, sehr hübsches, etwa sechzehnjähriges Mädchen, mit großen dunklen Augen und langem, schwarzem Haar. Der Sohn, etwa neunjährig, ist stark übergewichtig. Sein kreisrundes, etwas dümmlich wirkendes Gesicht und das kurz geschorene Haar erwecken den Eindruck eines Häftlings.

Eine ähnliche Kopfform und Frisur besitzt auch der Vater. Dessen Haare sind jedoch um einiges länger und bilden einen militärischen Igelschnitt. Er wirkt freundlich, in sich ruhend und lebenslustig. Die Mutter dagegen verhärmt, gequält und rastlos. Ihre unruhigen kleinen Augen wieseln ständig hin und her und sind wie ihr Mundwerk ununterbrochen in Bewegung. Das blond gefärbte Haar ist nachgewachsen, die Haaransätze treten in ihrer natürlichen, dunklen Farbe hervor. Es sind nicht nur die Haare, die auf geringe Gepflegtheit hindeuten. Alles in allem wirkt sie wie eine Frau, die begonnen hat, sich aufzugeben. Mir kommt das Lied von Charles Aznavour in den Sinn: ‚Du lässt dich gehen.’

Die beiden älteren Frauen sind ausschließlich auf den fetten Jungen konzentriert, reden fortwährend auf ihn ein, lachen, streichen ihm über den Kopf, wischen ihm den Mund ab, reiben Flecken von Hemd und Hose und necken ihn. Sie spielen ein Fütterungsspiel wie mit einem Haustier: Abwechselnd bieten sie kleine Häppchen Honigjoghurt an, die sie ihm auf einem Löffel dicht vor den Mund halten. Er versucht, danach zu schnappen, bevor der Löffel weggezogen wird. Wenn er die Leckerei ergattert, erhält er lauten Beifall, verfehlt er sie, wird er bedauert. Die Szene ist bizarr und abstoßend. Der dicke Junge tut mir leid.

Obwohl das Spiel von Großmutter und Tante auf den ersten Blick liebevoll gemeint sein mag, entsteht dennoch in mir das Bild zweier Krähen, die laut krächzend um ihre Beute tänzeln und sie mit schnellen Schnabelhieben traktieren. Ich beschließe, diese Familie die ‚Krähenfamilie’ zu nennen.

Die Tochter hat sich von alledem mithilfe ihres Walkmans abgeschirmt und schaut verträumt in Richtung Meer. Den Rücken halb zum Tisch und halb zu einer der schwarzen Frauen gedreht, ruht ihr rechter Arm auf der Rückenlehne des Plastiksessels. Auf diesen Arm hat sie ihr Kinn gebettet. Mit der Hand klopft sie rhythmisch auf die Lehne, zu nur für sie hörbarer Musik. Diese demonstrative Abwendung vom familiären Geschehen und die laszive, hin gegossene Haltung erscheinen mir wie eine aggressive und erotische Provokation. Ihre Herausforderung bleibt nicht ohne Wirkung, auch hier wechseln sich die schwarzen Frauen ab, allerdings mit Ermahnungen. Ich bin sicher, es sind Aufforderungen, sich ordentlich hinzusetzen. Von der neben ihr sitzenden schwarzen Frau erhält sie sogar einen Klaps auf den Rücken. Das Mädchen schreckt empört hoch, faucht wie eine Katze und begibt sich sofort wieder in ihre alte Pose. Nichts führt bei ihr zu einem ‚Haltungswechsel’.

Auf mich wirken diese Maßregelungen kraftlos. Sie werden ohne Engagement vorgetragen, sind eher pädagogische Pflichtübungen. Wahrscheinlich ist man sich längst über deren Wirkungslosigkeit im Klaren.

Die Mutter beachtet die Mästung ihres Sohnes nicht. Sie hat ihn wohl bereits an die beiden Alten verloren. Während der ganzen Zeit redet sie ununterbrochen.

Es ist für mich nicht auszumachen, an wen sie sich mit ihrem Redefluss wendet; sie schaut beim Sprechen niemanden an. Das löst in mir eine merkwürdige Vorstellung aus: Anstelle der Worte kommen nun Rauchwolken aus ihrem Mund, sodass die Personen um sie herum, langsam von diesen Schwaden eingehüllt werden. Möglicherweise ist es ihre Methode, mithilfe des eigenen Wortschwalls Abstand zu den anderen zu halten, sie zu benebeln, oder sich selbst dahinter zu verstecken und zu verschanzen.

Hin und wieder reagiert der Vater mit ein paar flüchtigen Worten oder einem sparsamen Kopfnicken auf seine Ehefrau. Es wirkt automatisch und sehr routiniert. Er hat vieles um sich herum ausgeblendet. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem seinem Fischgericht, das er in einem nahezu feierlichen Akt zelebriert. Mit der Präzision und Sorgfalt eines Chirurgen schneidet er den Fisch auf, entfernt geschickt die Hauptgräte und legt diese auf einen dafür vorgesehenen Teller. Einige der noch vorhandenen Gräten zupft er mit den Fingern sorgsam aus dem Fleisch und platziert sie ordentlich auf den Rand des Grätentellers. Nun trennt er mit der Gabel ein Stück Fisch ab und führt es langsam zum Mund. Ehe er zu kauen beginnt, scheint er den Bissen zunächst abzulutschen. Diese Mundbewegungen erinnern mich an Weinkenner bei der Verkostung. Sein Gesicht nimmt einen zufriedenen Ausdruck an, gleichzeitig ruft es lautlos den anderen zu: „Lasst mich ja in Ruhe, ich genieße.“

Nach dem er einen Bissen bedächtig gekaut und heruntergeschluckt hat, angelt er sich mit der Gabel ein Stück Kartoffel und ein paar Bohnen, die er bedächtig verzehrt. Schließlich nimmt er ein Stück Brot, und nach einigen langsamen Kaubewegungen spült er dieses mit einem Schluck Rotwein herunter.

Ich bewundere ihn. Es ist mir ein Rätsel, wie jemand sein Essen genießen kann, umgeben vom ständigen Wortschwall der Ehefrau, dem lauten Schnattern der älteren Frauen und dem Quieken des Sohnes.

Mein Blick fällt nun auf das junge Paar, in der Nähe des Eingangs. Es sind Franzosen. Ihr Motorrad hat ein französisches Nummernschild, außerdem sind ein paar Gesprächsfragmente zu mir herübergeweht. Auf ihrer Tour über die Insel werden sie hier übernachten, denn Helme und Satteltaschen liegen bereits am Fuß der Treppe zu den Gästezimmern.

Sie ist sehr schlank, keine Schönheit im üblichen Sinn, rötlicher Teint mit unzähligen Sommersprossen. Ein Rotschopf mit langem, vollem Haar, das vom Motorradhelm teilweise zu Strähnen verklebt, teilweise vom Wind aufgeplustert und so zu einer witzigen Clownsfrisur wurde. Auf den ersten Blick wirkt sie ernst und nachdenklich - in sich gekehrt, vielleicht sogar ein wenig spröde. Wenn sie jedoch mit ihrem Partner oder einer anderen Person spricht, strahlt ihr Gesicht unbändige Vitalität aus. Die großen hellen Augen lassen Klugheit und Witz erkennen.

Er ist mittelgroß, schlank, durchtrainiert und dunkelhaarig. Wahrscheinlich stammt er aus dem Süden Frankreichs. Er hat ein markantes Gesicht mit einer großen schmalen Nase. Auffallend sind seine feingliedrigen Hände. Die randlose Brille gibt ihm das Aussehen eines jungen Pfarrers oder Hochschullehrers. Von ihm gehen Ruhe und Ernsthaftigkeit aus.

Beide sprechen gedämpft miteinander und sehen sich dabei in die Augen. Sie warten auf ihr Essen. Vor sich haben sie halbgefüllte Biergläser. Auf ihrem Tisch liegen diverse Landkarten. Für Studenten sind sie mit ihren dreißig bis fünfunddreißig Jahren zu alt. Ich vermute, sie könnten Musiker oder Lehrer sein. Sollten sie länger bleiben, werde ich das herausfinden.

* * *

Ein großer Nachtfalter hat sich verirrt und fliegt pausenlos gegen die Fensterscheibe neben mir. Sein Ziel könnte der Lichtkegel der Laterne draußen am Ende der Straße sein. Als ich das Fenster aufschiebe, um das Tier zu befreien, faucht der Wind in den Raum, fährt in die Haare und Kleidung, wirbelt Papierservietten durch die Luft und zerrt an den Papiertischdecken.

Alle im Raum schrecken auf. Sogar die Mutter der Krähenfamilie verstummt für einen Moment. Die schwarzen Frauen und das französische Paar richten fragende und vorwurfsvolle Blicke auf mich. Mir ist, als würden Kanonenrohre auf mich zielen. Nur die Tochter lächelt mir freundlich zu. Sie hat den Kampf des Insekts beobachtet.

Ich hatte weder diesen heftigen Windstoß noch so viel Aufmerksamkeit erwartet. Ein wenig verlegen gebe ich mimisch zu verstehen, dass ich das Fenster gleich wieder schließen werde. Meine Rettungsaktion gestaltet sich jedoch etwas schwierig: Das erschöpfte Tier, festgekrallt zwischen Rahmen und Scheibe, macht keine Anstalten, durch den offenen Spalt zu entkommen. Erst ein kleiner Schubs ermöglicht ihm die Flucht. Ich schließe das Fenster, und es kehrt Ruhe ein. Wieder schenkt mir die Tochter ein Lächeln. Diesmal liegen darin Zufriedenheit und Anerkennung. Ist sie ein wenig neidisch auf das Entkommen des Falters?

Nach meiner Befreiungsaktion weiß ich nicht so genau, was ich tun soll. Meine ‚Gäste’ sind längst überfällig. Bierflasche und Glas sind leer. Hab’ wohl zu schnell getrunken, um die Wartezeit zu überbrücken.

Ich hasse das Warten, leide darunter. Ich kann nichts Vernünftiges tun, weil es unsinnig ist, etwas anzufangen, um es dann gleich wieder abbrechen zu müssen.

Als ich noch geraucht habe, wurde ich beim Warten zum Kettenraucher. In der ersten Phase meiner Tabakentwöhnung war es genau diese Übergangssituation, deren Verlockungen zu widerstehen und deren Peinigung zu ertragen, den größten Willenseinsatz von mir forderte.

Jetzt, nach vier Jahren, bin ich stolz, keine einzige Zigarette geraucht zu haben. Ich glaube, ich habe es endgültig geschafft. Geholfen hat mir dabei übrigens ein Prinzip der Anonymen Alkoholiker, an das ich mich angelehnt habe: „Heute werde ich nicht rauchen. Morgen entscheide ich neu.“ Trippelschritte der Abstinenz von Tag zu Tag lassen die Sehnsucht nach einer Zigarette erträglicher erscheinen. Damals gab es eine Reihe von Gründen, mich der Herausforderung des Nicht-Rauchens zu stellen: Da war einmal meine Luftknappheit. Mein Atem ging einher mit Pfeiftönen unterschiedlicher Tonhöhe und einer Lautstärke, die mich beinahe am Einschlafen hinderte. Zum anderen fühlte ich mich immer mehr geächtet. Als Angehöriger des schrumpfenden Häufchens der Abhängigen musste ich immer öfter Nichtraucher demütig um deren Entgegenkommen bitten, eine Zigarette rauchen zu dürfen oder eine Raucherpause zu akzeptieren. Ich wurde auf bestimmte Räume - meist auf kalte und zugige Raucherecken oder Balkone verwiesen - oder auf bestimmte Zeiten verpflichtet. Das kränkte.

Das Rauchen degenerierte dadurch zu einer eiligen, körperlichen Verrichtung, von Genuss, Entspannung oder Gemeinschaftsgefühl keine Spur.

Hinzu kamen die elementaren Erfahrungen von Abhängigkeit, der Zwang, ständig zu prüfen, ob noch genug Zigaretten zur Verfügung stehen. Wahrscheinlich können nur Suchtgenossen die Panik nachvollziehen, die mich packte, wenn ich spät abends feststellen musste, dass die morgendliche Frühstückszigarette ausfallen würde. Ich hatte die letzte Notreserve gedankenlos aufgeraucht, kein Münzgeld für den Automaten und keine Wechselmöglichkeit, die einzige Gaststätte mit Zigarettenautomat und die Tankstelle weit weg, möglicherweise geschlossen.

Aber neben diesen oder ähnlichen Diskriminierungs- und Abhängigkeitserlebnissen galten für mich auch die hinlänglich bekannten Vernunftgründe gegen das Rauchen sowie ein unverschämter Preisanstieg für Tabakwaren.

Schließlich kam noch eine weitere ermutigende Überlegung hinzu: Als Heranwachsender habe ich mit dem Rauchen deshalb begonnen, weil ich zeigen wollte, dass ich schon ein ganzer Kerl bin. Warum sollte ich als Erwachsener nicht aus demselben Grund damit aufhören?

Meine Gedanken kehren wieder in die Gegenwart zurück, und ich betrachte mich in meiner momentanen Situation. Da sitze ich nun eine geraume Zeit allein an einer von mir arrangierten Tischformation, langweile mich, trinke lustlos Bier und komme mir allmählich für dumm verkauft vor. Habe unter lautem Scharren von Tischbeinplastik auf Steinfußboden die Tische zu einer längeren Tafel zusammen geschoben, damit ein größeres gastliches Ereignis angekündigt und gleichzeitig die Anzahl der beliebtesten Plätze direkt an der Fensterfront vermindert. Und was passiert nun? Nichts!

Ich schaue mir das durch die Augen eines Außenstehenden an und denke: „Traurig, wie lange der alte Knabe da so herumsitzt, hat sich bemüht, aber alle haben ihn versetzt, er will’s nur noch nicht glauben.“

Mich selbst so zu sehen, macht mich ärgerlich. Habe ich das eigentlich nötig? Ohne diese dämliche Verabredung, die ich unbedacht mit den Worten vorgeschlagen habe, „Na, dann lasst uns doch morgen Abend zusammen etwas essen, bringt die anderen mit, wenn sie Lust haben“, hätte ich längst mein Essen bestellt. Haben sie die Verabredung für zwanzig Uhr vergessen? Ich beschließe trotzig und hungrig, nur mit einer Portion Ärger im Magen, jetzt mein Essen zu bestellen.

Man kann nach der Karte auswählen. Seit einigen Jahren gibt es eine umfangreiche, mehrseitige Speisenkarte in griechischer, englischer und deutscher Sprache. Das Deutsch ist etwas fehlerhaft. Ich hatte mich mal erboten, es zu korrigieren. Mein Angebot wurde zwar dankend angenommen, geriet aber in Vergessenheit.

Statt der Bestellung à la carte bevorzuge ich es - wie in Griechenland üblich - meine Mahlzeiten mit allen Zutaten in der Küche selbst zusammenzustellen. Genau das habe ich jetzt vor.

* * *

Auf meinem Weg zur Küche muss ich am Tisch der Krähenfamilie vorbei. Das Mädchen beobachtet mich, und unsere Blicke treffen sich. Es beginnt ein kurzer, wortloser Dialog. Ich schaue sie mitleidig an und verziehe den Mund bedauernd, um ihr zu bedeuten, dass sie mir in ihrer misslichen Situation leidtut.

Sie versteht meine Mitteilung spontan und antwortet, indem sie die Augen nach oben rollt, den Mund verzieht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und hilflos mit den Schultern zuckt. Ich übersetze das als: „Ja, es ist grauenhaft, aber was soll’s, ich kann nichts ausrichten.“

Ich widerspreche mit einem ermunternden Lächeln, einer dicht am Körper gehalten, energisch geballten Faust und sage ihr damit: „Ach was, das bekommst du schon geregelt.“

Offenbar freut sie sich über meine Zuversicht und Ermutigung, schüttelt aber zweifelnd den Kopf. Mit einer wegwerfenden Handbewegung weise ich ihre Bedenken zurück, schaue sie halb herausfordernd, halb ungläubig an und beende unsere Zwiesprache mit der Botschaft: „Unsinn, natürlich packst du das.“ Dann bin ich an ihr vorbei.

In der Küche herrscht rege Betriebsamkeit. Der Koch - ein weitläufiger Verwandter von Georgios aus Athen - hantiert mit Töpfen und Pfannen. Er arbeitet hier in der Saison und hat in den letzten Jahren die Vielfalt und Qualität der Angebote professionell erhöht und damit auch die Preise. Früher kochte Mutter Georgina solide griechische Küche ohne Schnörkel. Heute am Sonnabend erwartet man mehr Gäste als sonst. Deshalb helfen Georgina und die Großmutter. Spyros ist an der Friteuse beschäftigt. Alle wirken gelassen, sprechen und lachen miteinander. Man begrüßt mich mit dem obligatorischen:

„Guten Abend, wie geht es dir?“ Und ich antworte darauf mit der Standardformel, dass es mir sehr gut geht. Man darf nicht sagen, es würde einem nicht oder nur halbwegs gut gehen, damit bringt man alles durcheinander. Es muss dann zwangsläufig gefragt werden, wieso und warum. Das dauert lange und ist kompliziert, besonders dann, wenn das Griechisch so mager ist, wie das meine.

Spyros unterbricht sein Tun und fragt, was ich essen möchte. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich das noch nicht weiß. Daraufhin wischt er mit einem Lappen die von innen beschlagene Frontscheibe der Vitrine ab. Es werden verschiedene Gemüsegerichte, Fleischbällchen, Pastizio und Mussaka auf Küchenblechen sichtbar. Ich kann mich für keines dieser Angebote so recht erwärmen. Mir fällt das Abendessen des Vaters der Krähenfamilie ein, und ich frage, ob er einen schönen Fisch für mich hat. Daraufhin zieht Spyros eine Schublade des Gefrierschrankes auf, in der Fische verschiedener Art und Größe auf Eis lagern. Einen davon nimmt er heraus und zeigt ihn mir. Es ist eine mittelgroße Brasse, mehr als ausreichend für eine Einmannportion. Ich nicke, und Spyros legt den Fisch auf die Waage. Aus der Vitrine wähle ich noch verschiedene Beilagen. Es fehlt nur noch etwas zu trinken. Dazu gehe ich in den kleinen Gastraum nebenan.

Fast an jedem Wochenende treffe ich dort Milia hinter einem alten, dunkelbraunen Schreibtisch, auf dem eine Registrierkasse und ein Telefon stehen.

Sie ist die um ein Jahr jüngere Schwester von Spyros. Wenn sie aus der Stadt mit ihrer Tochter Maria die Familie besuchen kommt, hilft sie am Abend im Restaurant bei der Abrechnung. Sie nimmt dann wieder den Platz ein, den sie vor ihrer Heirat im Familienbetrieb innehatte.

Milia ist eine herbe Schönheit, durchaus fraulich, mit den aus-

drucksvollen, dunklen Augen des Vaters, einer tiefen Stimme und langem dunklem Haar, das sie meist straff nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden trägt. Damit betont sie den Zug zur Strenge. Sie empfängt mich mit einem herzlichen Lächeln, als ich den kleinen Gastraum betrete. Seit ich angekommen bin, haben wir uns noch nicht gesehen. Sie steht auf, kommt auf mich zu, wir umarmen uns, und unsere Wangen berühren sich links und rechts zu einer freundschaftlichen Begrüßung. Ich merke, dass sie sich etwas versteift und sich schnell von mir löst.

Meine Frage, wie es ihr und Maria geht, kommt der ihren zuvor, und so erhalte ich prompt die Standardantwort: „Danke, sehr gut“. Ich beeile mich, ihr zu versichern, dass es mir ebenfalls sehr gut geht, aber ganz besonders, wenn ich sie sehe. Trotz der plumpen Schlichtheit meines Kompliments erkenne ich so etwas wie Verlegenheit in ihrem Gesicht.

Milia spricht verständliches Englisch, und wir unterhalten uns eine Zeitlang über ihr Kind, ihren Mann und das Geschäft in der Stadt. Dann berichte ich, dass Tochter Janina heiraten wird, Sohn Stephan eine interessante Arbeit gefunden hat, dass Freund Evangelos mit seiner Familie im Herbst hierher kommen wird, dass Katze Pauline nun auch die restlichen Tapeten zerkratzt hat, dass meine Anwaltskanzlei in Berlin jetzt ganz gut läuft, und ich einen jungen Rechtsanwalt eingestellt habe. Das Klingeln des Telefons unterbricht unser Gespräch, eine gute Gelegenheit, zurück an meinem Tisch zu gehen. Vorher entnehme ich dem Kühlschrank eine Flasche Mythos und ein Bierglas aus dem Regal darüber. Mythos schmeckt mir gut. Es ist das einzige griechische Bier, das hier zu haben ist, und stellt eine angenehme Abwechslung gegenüber den sonst üblichen holländischen Marken dar. Ich zeige Milia beim Herausgehen die Flasche. Sie spricht mit dem Anrufer in einem schnellen, lauten griechischen Stakkato. Ich kann nach den vielen Jahren immer noch nicht einschätzen, ob sie mit dem anderen schimpft, streitet, oder ob es sich um das normale Sprechtempo beim Telefonieren handelt. Sie nickt mir zu und notiert etwas auf einem Zettel vor ihr.

* * *

Als ich die Restaurantterrasse wieder betrete, sind das erste Paar, Anna und Klaus mit ihrem achtzehnjährigen Sohn Michael, eingetroffen. Anna ist eine attraktive Frau, vermutlich knapp über die Vierzig, mit aschblondem Haar, einem aparten, klugen Gesicht, ausdrucksvollen Augen und einem schönen Mund. Ihre schlanke Gestalt ist harmonisch proportioniert. Sie hat sich sehr herausgeputzt, was ihre Attraktivität in meinen Augen eher mindert. Ich empfinde ihre Kleidung für die hiesige Umgebung zu mondän, Sprechweise und Bewegungen wollen wohl den Eindruck von Exklusivität und Unnahbarkeit vermitteln.

Ich stelle mir vor, dass sie in einem Mehrsterne-Hotel mit Swimmingpool, Cocktailbar, ein vom Gewicht der Speisen durchgebogenem Büfett, modisch gekleideten, vornehmen Gästen, feiner Restaurantetikette und diskret dahinrauschenden Kellnern besser aufgehoben wäre, als in dieser rustikalen Taverne.

Dieser Habitus einer Grande Dame wirkt aufgesetzt und löst Abwehr und Abstand in mir aus. Es war ihr Bild, das vorhin am Strand vor meinem geistigen Auge auftauchte, und das ich erschreckt wieder verscheucht habe.

Im Vergleich zu ihrem Mann Klaus wirkt sie aktiver, zielstrebiger und entschlossener. Er ist etwa fünfzig Jahre alt, etwa so groß wie Anna, kräftig gebaut, runder Kopf, sehr helle, etwas starr wirkende Augen. Das noch verbliebene Haupthaar ist sorgfältig von der rechten zur linken Seite des Haarkranzes gekämmt, kann aber den breiten Mittelscheitel nicht mehr verbergen. Klaus wirkt sympathisch, ruhig, ausgeglichen, ein wenig versonnen. Wenn er spricht, klingt sächsischer Dialekt an. Die Familie stammt aus der ehemaligen DDR und lebt jetzt in Berlin.

Ihr Sohn Michael ist ein hübscher, groß gewachsener Bursche, mit den breiten Schultern eines amerikanischen Footballspielers, kurzem blonden Haar, die Augen vom Vater, sonst aber der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Er ist aufgeschlossen und selbstbewusst, was ihn älter und reifer wirken lässt. Die drei Ankömmlinge stehen ein wenig unschlüssig vor den Tischen, die ich zusammengestellt habe. Sie sind sich nicht sicher, ob diese Plätze für sie reserviert sind. Ich bemerke bei ihnen eine gewisse Erleichterung, als sie mich aus dem kleinen Gastraum kommen sehen. Anna murmelt eine Entschuldigung, so spät dran zu sein. Die gerade begonnene Begrüßung findet eine geräuschvolle Fortsetzung, denn jetzt trifft das Düsseldorfer Paar ein – Gabi und Günter. Auch sie entschuldigen sich, dass irgendetwas länger gedauert habe, ohne zu erklären, was es genau war.

Gabi tritt wie ein Filmstar auf, der seine üppigen körperlichen Reize bewusst und betont zur Geltung bringt. Das hübsche, kindlich-puppenhafte Gesicht ist sorgfältig geschminkt und wirkt dadurch maskenhaft. Ihr kurz geschnittenes, platinblond gefärbtes Haar ist wild und frech in alle Richtungen frisiert. Insgesamt macht sie auf mich den Eindruck eines verwöhnten Mädchens, das mit allem unzufrieden ist und ständig schmollt. Verstärkt wird dieser Effekt durch den gequetschten und nörglerischen Tonfall ihrer Stimme.

Günter repräsentiert das Klischee des Intellektuellen. Knapp zwei Meter groß, schlank, etwas gebeugte Gestalt, schmaler Kopf, schütteres, graumeliertes Haar, randlose Brille mit starken Gläsern. Er sieht sehr viel älter aus, ist sehr zurückhaltend, vielleicht sogar gehemmt. Vermutlich benötigt er eine längere Auftauphase, um Kontakt zu anderen zu finden. Beide erinnern mich an Arthur Miller und Marilyn Monroe, nur um ein paar Nummern kleiner.

Die Plätze werden eingenommen. Dabei gibt es eine kurze Rangelei zwischen Anna und ihrem Sohn um den Platz neben

mir. Michael ist erfolgreich und wird so mein Sitznachbar. Seine Mutter setzt sich neben ihn. Ich bin erleichtert, denn sie hat ein schweres, süßliches Parfüm aufgelegt, das bei mir einen kurzen Anflug von Übelkeit ausgelöst hat.

Alle, auch das noch fehlende Paar, Karin und Wolfgang, sind das erste Mal auf der Insel. Sie wohnen im Hotel. Man hat sich in den bisherigen Urlaubstagen miteinander bekannt gemacht. Als erfahrener Inselbesucher scheine ich in diesem Kreis willkommen zu sein.

Es naht der kleine Spyros mit den Speisenkarten. Er ist ein hübscher und freundlicher, sechzehnjähriger Junge aus dem Dorf, besucht das Gymnasium und bedient in seinen Schulferien hier die Gäste.

Er begrüßt uns unbefangen mit einem strahlenden Lächeln, verteilt die Karten und fragt nach den Getränkewünschen. Er schreibt nicht auf, was man ihm sagt. Wenn alle ihre Wünsche geäußert haben, wiederholt er die einzelnen Bestellungen und lässt sich deren Richtigkeit bestätigen. Mir und anderen ist aufgefallen, dass er bei der Wiederholung der Wünsche noch nie etwas vergessen oder verwechselt hat. Wenn er wenig später die Getränke an den Tisch bringt, ist nichts zu beanstanden. So korrekt wie sein Service ist auch seine Abrechnung. Es ist aber nicht nur diese Gedächtnis- oder Konzentrationsleistung, die mich beeindruckt, vielmehr ist es die Art, wie dieser junge Mann mit uns älteren Gästen umgeht. Da ist nicht die Spur von Hemmung, Unsicherheit oder gar servilem Kellnerverhalten. Er begegnet uns unkompliziert, selbstsicher, authentisch und keinesfalls respektlos. Diese Souveränität und Unbefangenheit hat er gemeinsam mit vielen anderen jungen Griechen.

Ich vergleiche, wie ich mich in diesem Alter verhalten habe. Dazwischen liegen Welten. Aber auch bei jungen Leuten in meinem Umfeld treffe ich diese Form von Selbstsicherheit eher selten an. Ich bin davon überzeugt, dass wir in unseren Breiten im Umgang miteinander irgendetwas falsch machen und würde gern wissen, woher diese ‚Leichtigkeit des Seins’ stammt. Ist es die Erziehung, betrifft es nur männliche Personen? Gehören diese zu einer privilegierten Personengruppe? Oder entsteht dieser Eindruck lediglich, weil ich die Sprache nicht beherrsche und deshalb entscheidende Nuancen in Wortbedeutung und Betonung nicht mitbekomme?

Während die Getränkewünsche abgefragt werden, betritt das dritte Paar - Karin und Wolfgang - die Restaurantterrasse. Karin ist etwa Anfang vierzig, besitzt dunkles, sehr fein gelocktes Haar, das sie unvorteilhaft und altmodisch frisiert hat, ähnlich der Haartracht eines Königspudels. Sie erscheint mit dieser Frisur ein wenig dümmlich und altbacken und kommt mir ziemlich still und gehemmt vor. Ihrem Mann Wolfgang

begegnet sie ängstlich, fast unterwürfig. Wolfgang ist um einen halben Kopf kleiner als Karin, ein gut aussehender Endvierziger südländischen Typs, drahtig, durchtrainiert und sehr gepflegt. Er macht einen schneidigen Eindruck. Sein markantes, scharf geschnittenes Gesicht und sein schmallippiger Mund verleihen ihm einem harten, entschlossenen Zug. Frisur und Haltung erinnern an einen Torero. Am Strand habe ich beobachtet, dass er, ähnlich wie Gabi, fast zwanghaft auf sein Äußeres bedacht ist. Es ist hauptsächlich die Frisur, die er ständig kontrolliert. Bewegung und Sprache sind wichtigtuerisch und manchmal affektiert. Karin und Wolfgang leben in Frankfurt/Main. Wolfgang entschuldigt sich für die Verspätung mit einer für mich unverständlichen Erklärung.

Der kleine Spyros bezieht die beiden wie selbstverständlich in die Getränkeabfrage mit ein, wiederholt alle Wünsche und macht sich auf den Weg zur Küche.

* * *

Nun beginnt das, was man als geselliges Beisammensein bezeichnet. Es wird eingeleitet durch ein stilles, konzentriertes Studium der Speisenkarten - ein eher ungeselliger Vorgang. Man verschafft sich einen Überblick über die vorhandenen Angebote. Gelegentlich wird gefragt, ob man weiß, was man bestellen will. Erste Eingrenzungen und Grundentscheidungen werden getroffen, beispielsweise es heute mal mit Fleisch zu probieren, da gestern bereits Fisch an der Reihe war.

Die Auswahl des eigentlichen Gerichts nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Es bedarf der Bewertungen nach Portionsgröße, Bekömmlichkeit, Gewürz u. ä.

Es ist die Stunde des Orts- und Küchenkundigen, und so befragt man mich ausgiebig. Ich beantworte die Fragen so gut ich kann, wiederhole gebetsmühlenartig mit wachsender Ungeduld, dass man das jeweilige Gericht doch einfach probieren möge.

Da ich nicht in die Karte schaue, ist die Frage unausweichlich, ob ich schon gewählt habe oder gar nichts essen wollte. Ich erkläre, mein Essen bereits bestellt zu haben. Unverständnis auf einigen Gesichtern, sodass ich es mir nicht verkneifen kann, an das allgemein verspätete Erscheinen zu erinnern. Auf diese Bemerkung geht man nicht ein, will aber alles über mein Gericht wissen.

Sohn Michaels Wahl ist klar, ohne dass er einen Blick auf die Karte geworfen hat. Auf die Frage seines Vaters antwortet er, dass er sich für Spagetti Bolognese entschieden habe. Kopfschütteln. Ob er nicht einmal etwas Anderes aussuchen möchte? Nein, ihm schmecke das eben gut. Die Mutter hält sich aus diesem Disput heraus.

Auch Karin beteiligt sich nicht an der Auswahldiskussion. Sie blickt unverwandt und wortlos in die Karte, liest darin wie in einem Roman. Mit einer Hand nestelt sie unablässig an einem Taschentuch herum.

„Schau mal hier, wie wär’s damit?“ Wolfgang hält ihr zum wiederholten Male die Karte vors Gesicht, viel zu dicht, als dass sie darin lesen könnte. Eine Hand umfasst die Karte wie eine Klammer, Mittel- und Zeigefinger auf der Innenseite sorgen dafür, dass die betreffenden Seiten auseinandergeklappt bleiben. Mit dem gestreckten Zeigefinger der anderen Hand weist er auf den entsprechenden Eintrag hin. Diese Geste wirkt auf mich nicht unterstützend, sondern bedrohlich. Sie erinnert mich an Szenen in Kriminalfilmen, wo Polizeibeamte einem Übeltäter den Haftbefehl vor die Nase halten. Karin schreckt jedes Mal hoch, beugt Oberkörper und Kopf ein Stück zurück, um erkennen zu können, was ihr gezeigt wird. Sie blättert nun folgsam in der eigenen Karte, bis die entsprechende Seite gefunden ist. Ohne etwas zu antworten, verfällt sie erneut in stilles Brüten.

Der gemeinsame Abend beginnt mühselig und verkrampft.

Wahrscheinlich ist es die Fremdheit der Parteien und die Spannung innerhalb der Paare, die eine lockere Stimmung nicht zustande kommen lassen.

Zwar gehen ein paar Spötteleien über Körpergewicht und Diätabsichten zwischen den Partnern hin und her, werden aber, wenn von den anderen überhaupt wahrgenommen, nur höflich belacht. Man weiß nicht, was man miteinander anfangen kann. Eigentlich kann es nur besser werden. Meine Stimme fragt:

„Wieso wunderst du dich darüber? Du hast doch eigentlich keine Lust auf diese Gesellschaft. Warum soll es den anderen anders ergehen? Deren Verspätung ist doch auch nicht ganz zufällig.“

Spyros bringt die Getränke. Sie sind vollständig, und er ordnet sie den Personen richtig zu. Ein großes Lob für den kleinen Spyros.

Nun nimmt er die Bestellungen für die Speisen entgegen. Das sollte eigentlich zügig gehen. Weit gefehlt! Alle bestellen, nur Karin tanzt aus der Reihe. Sie ist diejenige, die sich trotz Wolfgangs ‚Vorhaltungen’ noch immer nicht entscheiden kann. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Aus dem Prozess, ein Gericht auszuwählen, scheint nun ein Gerichtsprozess zu werden. Wolfgang verhält sich wie ein Anwalt, der längst von der Schuld seiner Mandantin überzeugt ist und sie zu einem strafmildernden Geständnis bewegen möchte. Er gibt sich den Anschein von Fürsorglichkeit, blättert mit ihr gemeinsam in der Karte und redet leise auf sie ein, aber die zunehmend drängende Schärfe seiner Stimme ist nicht zu überhören. In Karins beharrlicher Sprachlosigkeit und ihrem unverwandten Starren auf die Karte meine ich, Angst und Panik zu erkennen. Ich spüre, wie es in Wolfgang gärt. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass Karin solche Unentschlossenheit zeigt.

Mit seinen Hinweisen will er sie wohl rechtzeitig mit der Nase auf Möglichkeiten stoßen, damit sie uns andere mit ihrer Zögerlichkeit nicht nervt. Wolfgang hat Mühe, seine Verärgerung unter Kontrolle zu bringen.

Am Tisch wächst die Spannung. Obwohl ich bereits bestellt habe, macht Karins Verhalten nun auch mich kribbelig.

Schließlich, als sie immer noch keine Entscheidung getroffen

hat, zischt Wolfgang sie zornig an:

„Ach, mach doch, was du willst!“, und wendet sich demonstrativ von ihr ab.

Ich schmunzele innerlich über diese tragische Paradoxie, denn er fordert genau das von ihr, was sie nicht kann. Sie weiß eben nicht, was sie will und tut deshalb auch nichts. Es folgt ein bedrückendes, scheinbar endloses Schweigen. Erst langsam kommen Gespräche in Gang, die mit munterer Arglosigkeit und belanglosen Inhalten die unbehagliche Situation überspielen sollen. In diese beginnende Entspannung hinein sagt Karin unsicher und leise, dass sie das Gleiche essen möchte, was ihr Mann bestellt hat. Sofort herrscht wieder Stille am Tisch, diesmal ist darin Erleichterung zu spüren.

Spyros fragt Karin direkt, ob sie also eine Portion Gyros wünscht, so wie ihr Mann sie bestellt hat. Spyros scheint klar zu sein, dass Karin bis dahin nicht wusste, was Wolfgang gewählt hat. Die schaut ihn unsicher an, zögert einen Moment, um dann schließlich ergeben zu nicken. Spyros schenkt Karin ein freundliches und anerkennendes Lächeln.

Wolfgang dagegen tritt noch einmal kräftig nach, sagt herablassend und gehässig: „Na, das hättest du ja auch gleich haben können!“

* * *

Meine Gedanken kreisen um das eben Erlebte. Das war kein banales eheliches Hickhack’ Unter der Oberfläche brodelt ein sehr viel bedeutsameres Geschehen. Es ist, als hätten mich die Wellen eines entfernten Seebebens erreicht. Ich will versuchen zu begreifen, was sich da eben tatsächlich zugetragen hat.

Woher rührten unsere Ungeduld und unser Ärger? Nur weil jemand mehr Zeit zur Entscheidung benötigt, als andere? Niemand wurde dadurch wirklich behindert. Das Ganze dauerte nur ein paar Minuten.

War es die Schwäche beim anderen, welche die eigene wachrief und die nicht bewusst und öffentlich werden durfte? Fühlte ich mich von Karin provoziert, war es meine Hilflosigkeit, mich nicht dagegen wehren zu können? War es das Unbehagen, Zeuge einer Auseinandersetzung und dadurch vor die Wahl gestellt zu sein, sich ohne Berechtigung einzumischen, oder tatenlos dabei zuzusehen und so zu tun, als ob nichts sei? Sicherlich empfand Karin ihre Zögerlichkeit auch als unangenehm, mit der sie den Ablauf des Abendessens staute, wie ein quer liegender Baumstamm das Wasser im Fluss.

Sie stand am Pranger, weil sie als Einzige keine rechtzeitige Entscheidung treffen konnte, spürte den Druck der anderen, erfuhr Unverständnis, Ärger, Mitleid und musste die öffentliche Missbilligung ihres Ehemanns ertragen.

Was aber ging in ihr vor? Wollte sie uns ihre Macht auf diese stille Weise zeigen: „Solange ich wähle, gibt es auch für euch nichts zu essen.“ Nahm sie dafür unsere Missbilligung in Kauf, nach dem Prinzip: Besser von allen geächtet, als gar keine Beachtung? Wollte oder konnte sie nicht entscheiden? Wollte sie ohne Risiko entscheiden, wollte sie unbedingt nur das Richtige wählen? Wollte sie alles auf einmal und auf nichts verzichten?

Warum hat sie nicht darum gebeten, noch einen Moment lang die Karte zu studieren und ihre Entscheidung etwas später zu treffen? Wahrscheinlich wäre niemand ungeduldig und ärgerlich geworden. Warum hat sie sich nicht für irgendein Gericht entschieden, um sich aus der Bedrängnis zu befreien. Im schlimmsten Falle hätte es ihr nicht geschmeckt. Das aber war bei jeder anderen Wahl auch nicht auszuschließen. Was hat ihr den Blick für diese oder ähnliche Lösungen verstellt?

Für ihre Unentschlossenheit musste sie einen hohen Preis zahlen. Aber warum und wofür? Was Schlimmeres konnte sie damit verhindern? Lieber nicht entscheiden und die Konsequenzen dafür tragen, als was Falsches zu tun und bestraft zu werden?

Vielleicht waren wir nicht Zeuge bloßer Unentschlossenheit, sondern eines Konfliktes zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, den Karin dann schließlich mithilfe eines eigenartigen ‚Entscheidungs-Anpassungs-Zwitters’ bewältigte. Indem sie sich der Wahl ihres Mannes anschloss, die ja nicht falsch sein kann, denn was der Herr tut, das ist wohlgetan, nicht ihr Wille geschehe, sondern der seine, hat sie sich angepasst und zugleich ein ‚bisschen’ eigenständig entschieden. Wenn das zutrifft, dann liegt die eigentliche Dramatik darin, dass sie sich in einem Teufelskreis bewegt.

Sie hat große Angst, etwas falsch zu machen und gerät in Entscheidungssituationen in eine Art Stillstand. Dafür nimmt sie - wie hier - Missbilligungen durch andere in Kauf und versucht, unter Druck dem vermeintlichen Bestrafungsrisiko durch Anpassung zu entgehen. Dadurch kann sie nicht erfahren, dass eigenständig getroffene Entscheidungen möglicherweise gar keine Kritik nach sich ziehen, vielleicht sogar positiv bewertet werden. Solche Erfahrungen aber wären notwendig, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Es dürfte schwierig für sie sein, aus einer solchen Falle zu entkommen. Dieses Problem ist sicher nicht erst heute entstanden und wird sich auf mehr als nur auf die Auswahl von Speisen beziehen.

Ich würde gern erfahren, ob sich Karin genauso verhält, wenn ihr Mann nicht dabei ist. Mir ist klar, dass er bei diesem Geschehen eine wichtige Rolle spielt, wahrscheinlich keine besonders gute.

Wie sieht es nun mit dessen Verhalten aus? Karins Hilflosigkeit hat er kommen sehen. Sie war ihm sichtlich peinlich, und er wollte sie vermeiden. Aber warum wurde sie für ihn zum Problem? Fühlte er sich wie ein Vater, der sein plärrendes Kind beruhigen muss, damit es die anderen nicht stört? War es ihm peinlich, eine derart schwache Frau zu haben, fürchtete er, die Wertschätzung der anderen zu verlieren? Warum hat er das auf sich genommen? Er hätte ebenso Karin ermutigen können, später zu bestellen. Damit hätte er ihr den Druck und die Angst genommen, und wir anderen wären aus der Wartehaltung entlassen. Hat er nicht anders gekonnt oder nicht anders gewollt? Hat er das Verhalten seiner Frau vielleicht sogar bewusst oder unbewusst hervorgerufen und ihre Angst noch schüren wollen? Ein solcher Verdacht entstand, als er sie trotz ihrer mühselig getroffenen Entscheidung zum Schluss noch einmal attackierte. Was wäre das für ein merkwürdiges Spiel? Und wozu würde er es betreiben?

Bleibt noch die Frage, was der kleine Spyros erlebt hat? Hatte nicht auch er gute Gründe, ungeduldig zu sein? Wir waren nicht seine einzigen Gäste. Konnte er seine Ungeduld besser kaschieren? Ist er toleranter und verständnisvoller, weil er solches Verhalten öfter erlebt? Empfand er die Unentschlossenheit Karins überhaupt als kritisch? Meine Stimme meldet sich:

„Mann, du hast ja Sorgen! Um was kümmerst du dich da eigentlich? Worum geht’s überhaupt?“

„Ich finde interessant, was da geschehen ist, und hier habe ich die Zeit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich im Alltag gar nicht beachten oder abtun würde“, gebe ich zurück.

„Und was genau ist daran interessant?“, fragt sie beharrlich weiter. „Ich sehe im Verhalten von Karin etwas Grundsätzliches, was mich beschäftigt: Es geht um das Problem, öffentlich seine Wünsche zu äußern - Karin ist nur ein Beispiel. Ich meine, wenn man sagt, was man wirklich wünscht und will, kann das zu Problemen führen, denn nur die wenigsten Menschen können es sich leisten, ihre wahren Wünsche offen zu legen. Andere könnten gekränkt oder entsetzt sein“, antworte ich ungeduldig. Darauf meine Stimme: „Und was hat das mit Karin und der Auswahl ihres Essens zu tun? Vielleicht solltest du erst mal selbst überlegen, welche Wünsche du hast und welche du davon öffentlich preisgeben willst.“

„Es geht doch hier gar nicht um mich“, versetze ich ungehalten, „sondern um ein allgemeines Problem, dass jemand, der etwas wünscht, sich angreifbar macht. Vielleicht hat das Karin von einer eigenen Wahl abgehalten?“

„Mann, du beschäftigst dich stellvertretend mit einem Problem, das du und nicht Karin hast. Willst es nur nicht wahrhaben. Wie wäre es, wenn du beginnen würdest, dich mit der Frage zu befassen, was du hier in dieser Gesellschaft suchst?“

Ich winke innerlich ab, sage, dass das mit dem anderen Thema nichts zu tun hat, und beende ärgerlich meine innere Zwiesprache.

* * *

Der Vorfall scheint niemanden sonst weiter zu bewegen. Man hat sich anderen Themen zugewandt. Zwei Gesprächsgruppen, säuberlich getrennt nach den Geschlechtern haben nun am Tisch gebildet.

Die Damen: wie es heute in der Stadt war? Ob die Bluse hier gekauft wurde? Man habe in der Hitze die Festung nicht mehr besichtigen wollen. In der Nähe des Hafens hätte man sehr schöne und preisgünstige Ledersachen entdeckt. Im vorigen Jahr habe man in der Türkei eine Ledertasche gekauft ..., es folgen Preisvergleiche, Berichte über Einkäufe und Beinahe-Einkäufe, Beweggründe dafür und dagegen.

Die Herren: Diskussion über das allgemeine Verhalten der Einheimischen im Straßenverkehr, die hiesige Qualität und Kosten von Mietwagen, die Benzinpreise und der Straßenzustand im internationalen Vergleich. Letzterer ermöglicht, auf unaufdringliche Weise zu erwähnen, wo überall in der Welt man schon gewesen war. Beim Thema „Tourenziele“ bin ich ein gefragter Gesprächspartner. Heute jedoch stellt meine touristische Beratung ein eher zwiespältiges Vergnügen für mich dar. Es macht mir durchaus Freude, auf die Sehenswürdigkeiten, die ich im Laufe meiner Besuche entdeckt habe, aufmerksam zu machen oder Interessierte dorthin zu führen. Ich komme mir dann wie ein Gastgeber vor, der voller Stolz den Gästen sein großes, schönes Haus zeigt. Bei diesen Gästen hier bin ich noch nicht sicher, ob ich sie in alle Zimmer dieses Hauses lassen werde. Die Damen scheinen mir für eine solche Besichtigung am wenigsten in Frage zu kommen, denn mit Kenntnissen über Modeboutiquen, Schmuckläden und Cocktailbars auf der Insel kann ich nicht aufwarten.

Langsam versickern die Gespräche, und es droht Schweigen. Gabi verhindert das, indem sie Karin und Wolfgang - die zuletzt eingetroffen sind - quengelig fragt, wo diese denn vorhin so lange geblieben sind. Sie hätte mit Günter eine ganze Zeit in der Hotelhalle vergeblich gewartet.

Mit Genugtuung, zu diesem Thema direkt befragt zu werden, reckt sich Wolfgang Bedeutung heischend, als wollte er zur Beantwortung der Frage aufstehen, räuspert sich ausgiebig und beginnt seinen Bericht.

Man hatte, bevor man losgehen konnte, noch dies und jenes zu erledigen.

„Und was glaubt ihr, ist dann passiert?“ Das weiß natürlich niemand von den Unbeteiligten. Nur Karin schmunzelt still und wissend in sich hinein. Trotz dieses dramaturgischen Kunstgriffs will keine rechte Spannung aufkommen. Was folgt, ist eine komplizierte, breit angelegte, wenig interessante Geschichte über einen verwechselten Zimmerschlüssel und die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen.

Ich folge der Erzählung nicht einmal mit halbem Ohr. Meine Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen auf der Restaurantterrasse. Die Krähenfamilie ist nicht mehr vollzählig. Eine der schwarzen Frauen fehlt. Die Fütterung des Jungen und die Mahlzeit des Vaters sind beendet. Die Mutter redet auf die verbliebene Frau ein, während sich der Vater mit dem kleinen Spyros unterhält.

In einer etwas veränderter Haltung hängt die Tochter noch immer auf ihrem Stuhl. Sie blickt jetzt in unsere Richtung. Dies hat sicher etwas mit dem jungen Mann neben mir zu tun. Soeben hat sie eine neue Kassette in ihren Walkman geschoben und schaut verstohlen zu uns herüber. Ich fange ihren Blick auf und frage sie mit einer diskreten Kopfbewegung in Richtung meines Nachbarn, ob dieser nicht etwas für sie wäre. Ein Hauch von Röte huscht über ihr Gesicht. Sie hat aber schnell ihre Verlegenheit überwunden, und nun steht dort Zweifel geschrieben. Unschlüssig, mit einem skeptischen Lächeln wiegt sie ihren Kopf. Ich deute dies als: „Ich weiß noch nicht, mal sehen, vielleicht.“

Das überzeugt mich nicht, ich denke, dass sie sich längst entschieden hat. Wer außer Michael sollte sie aus dem Krähennest befreien? Ehe sich unsere Blicke wieder trennen, lächelt sie mir dankbar und fast liebevoll zu. Wahrscheinlich tut es ihr gut, dass ein Erwachsener ernsthaft und partnerschaftlich auf sie eingeht. Nach dem, was ich in ihrer Familie beobachtet habe, dürfte sie in dieser Hinsicht nicht verwöhnt sein. Außerdem glaube ich, dass sie - genau wie ich - davon angetan ist, wie problemlos wir uns ohne Worte verständigen können.

Mein Blick wandert weiter zu den französischen Lehrern. Diese sind schweigend und konzentriert mit ihrer Mahlzeit befasst. Sie verzehren einen Boursetto, einen besonders schmackhaften Fisch, zubereitet in roter Pfeffersauce. Es ist eine der Spezialitäten der Küche und vergleichsweise kostspielig, weil dieser Fisch nicht immer zu bekommen ist. Aber es lohnt sich, ihn zu bestellen; allein die Sauce ist ein Gedicht. Der Anblick des Fischgerichts bringt mein Hungergefühl zurück ins Bewusstsein. Da die Franzosen schon bedient worden sind, dürfte mein Essen nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Lautes Lachen an unserem Tisch reißt mich aus meinen Betrachtungen. Nach einer Schrecksekunde ist mir klar, dass ich die Pointe von Wolfgangs Geschichte nicht mitbekommen habe. Das macht mich verlegen. Um nicht allzu unhöflich zu erscheinen, reihe ich mich mit einem mühsamen Lächeln in die Gruppe der Lachenden ein.

Mein junger Tischnachbar ist der Erzählung offenbar genauso wenig gefolgt. Seine Aufmerksamkeit galt die ganze Zeit über dem Mädchen. Mir fällt jetzt das Gerangel zwischen ihm und seiner Mutter um den Platz neben mir ein, und ich beginne zu verstehen, was der Grund dafür war. Ich war schon verwundert, wie nachdrücklich er darauf bestanden hat, neben mir zu sitzen und konnte mir nicht gut vorstellen, dass er besonders an meiner Nähe interessiert war. Er hat von Anfang an in diesem Platz eine für die Kontaktaufnahme mit der jungen Dame vorteilhafte Position erkannt. Dafür bekommt er von mir ein stilles Kompliment. Wer so etwas derart schnell erfassen kann, muss ein heller Kopf sein.

Nun erahne ich plötzlich das Interesse der Mutter an diesem Platz. Möglicherweise hat auch sie darin eine günstige taktische Ausgangsbasis für einen ähnlichen, allerdings viel ‚näher sitzenden’ Zweck gesehen.

Diese Vermutung löst in mir Spannung und Unruhe aus, von denen ich nicht einmal sagen kann, ob sie mir angenehm oder unangenehm sind. Jedenfalls werde ich auf der Hut sein.

Mein Versuch, mich wieder der Gesellschaft am Tisch zu widmen, scheitert an meiner Lustlosigkeit und der nur bruchstückhaften Kenntnis der soeben berichteten Geschichte. Diese wird von den anderen kommentiert und mit weiteren ähnlichen Anekdoten angereichert. Es gärt in mir. Ich beginne, mich in dieser Gesellschaft immer unbehaglicher zu fühlen und will mich nicht in die Gespräche einfädeln. So nippe ich an meinem Glas, kratze gedankenverloren das vom Bier bekleckerte und aufgeweichte Papier aus dem Tischtuch und rolle es zwischen den Fingern zu unterschiedlich großen Kugeln. Meine Stimme macht mir nun Vorhaltungen:

„Reiß dich zusammen! Schließlich, warst du es, der die Leute hier zusammengebracht hat. Entscheide dich! Du kannst unter einem Vorwand verschwinden, oder du bleibst und machst mit. Was du jetzt aber tust, ist unhöfliches Herumhängen.“

„Ist ja schon gut, ich spiele ja mit“, lenke ich ein.

So unterbreche ich die Papierkugelfabrikation, zeige ein interessiertes Gesicht und wende mich der Tischgemeinschaft zu. Offenbar angeregt durch Wolfgangs gelungenen Beitrag, kommt eine weitere Geschichte zum Vortrag.

Ich nehme mir vor, dieser nun etwas aufmerksamer zu folgen. Das erweist sich jedoch als unglaublich qualvoll. Ursache dafür ist, dass zwei Erzähler gleichzeitig berichten wollen, die unglücklicherweise auch noch in Konkurrenz zueinander stehen. Günter, der Initiator, beginnt umständlich, stockend und lückenhaft über ein undurchsichtiges Geschehen zu berichten. Dabei wird er ständig von seiner geltungsbedürftigen Ehefrau Gabi unterbrochen. Hochmütig korrigiert und ergänzt sie seinen Bericht. Und in jedem ihrer Beiträge schwingt die unausgesprochene Botschaft mit, dass ihr Mann ein großer Trottel ist.

Da sie ihre Erklärungen gänzlich unabhängig davon einbringt, ob diese für das Gesamtverständnis der Geschichte erforderlich sind oder nicht, verstärkt sie die ohnehin bestehende Verwirrung und wachsende Ungeduld der Zuhörer.

Günter fühlt sich gekränkt, öffentlich gemaßregelt und streitet mit ihr über Einzelheiten. Dabei steht er auf verlorenem Posten.

Gabi ist ihm überlegen. Sie ist lauter, schneller, schlagfertiger und hält sich nicht immer an die Regeln der Logik.

Am Tisch hat sich mittlerweile eine verhalten aggressive und unleidliche Stimmung aufgebaut.