Young Pat, der Boxer - Jack London - E-Book

Young Pat, der Boxer E-Book

Jack London

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  • Herausgeber: vss-verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Boxmanager Sam Stubener nimmt dem talentierten jungen Boxer Pat Glendon unter Vertrag, Sohn der Boxlegende Old Pat Glendon. Sorsam schirmt er den naiven Jungen vor den harten und unsauberen Methoden des Büxgeschäft ab, während er selbst schmutzige Spielchen mit den Kämpfen seines Schützlings spielt. Von alledem nichts ahnenend eilt Young Pat von Sieg zu Sieg, bis er doch eines Tages hinter die Machenschaften seines Managers und der mächtigen Wettmafia kommt, Und dann kommt es zum großen Showdown.

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Seitenzahl: 106

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Jack London

Young Pat, der Boxer

Vorspann

 

 

Jack London

 

Young Pat, der Boxer

 

 

Classics – Band 3 -Adventure

Jack London – Young Pat – der Boxer

1. eBook-Auflage – Juni 2017

© vss-verlag Hermann Schladt

 

Titelbild: Armin Bappert

Übersetzung: Chris Schilling

Lektorat: Hermann Schladt

 

I

Sam Stubener sah die Post durch, flüchtig und schnell. Als Manager von Preisboxern war er natürlich eine vielfäl­tige und kuriose Korrespondenz gewöhnt. Alle Spaßvögel - Teilhaber, interessierte Außenstehende und Reformer des Sportgeschäfts - glaubten ihm einen Rat geben zu müssen. Morddrohungen, maßvolle Einschüchterungsversuche, bei­spielsweise die Warnung, ihm die Zähne einschlagen zu wol­len, Fetische - Kaninchenpfoten oder Glückshufeisen ernstzunehmende Angebote und Viertelmillionenofferten übergeschnappter Habenichtse hatten ihn auf dem Postweg erreicht. Angesichts des Einfallsreichtums und des Umfangs dieser Überraschungen hatte er sich das Wundern abgewöhnt. Seit er einen Rasiermesser-Streichriemen, für den die Haut eines gelynchten Negers hatte herhalten müssen, und einen verschrumpelten, sonnengedörrten Finger bekommen hatte, der von einer im Death Valley aufgefundenen Leiche eines Weißen stammte, meinte er, dass ihm der Briefträger nie mehr etwas bringen würde, was ihm die Ruhe stehlen könnte. An jenem Morgen aber öffnete er einen Brief, den er zweimal überflog, in die Tasche steckte und wieder herauszog, um ihn ein drittes Mal zu lesen. Er war auf einem unbekannten Postamt im Bezirk Siskiyou abgestempelt worden, und sein Wortlaut gab ihm zu denken.

Lieber Sam,

Sie kennen mich nicht, nur mein Name wird Ihnen geläu­fig sein. Sie kommen nach meiner Zeit, und ich bin schon längst nicht mehr im Spiel. Aber glauben Sie mir, geschlafen hab ich trotzdem nicht. Ich habe alle Kämpfe verfolgt, und ich hab auch Sie beobachtet, von dem Tag an, als Kal Aufman Sie k.o. schlug, bis zu Ihrem letzten Match mit Nat Belson. Ich glaube bestimmt, Sie sind der geschickteste Ma­nager, den es je gegeben hat. Darum wende ich mich an Sie. Ich biete Ihnen den größten Unbekannten aller Zeiten. Das ist kein fauler Witz, sondern mein voller Ernst. Was halten Sie von einem Herkules, der über zwei Zentner Körperge­wicht in die Waagschale zu werfen hat, zweiundzwanzig Jahre alt ist und dessen Schlagkraft doppelt so groß ist, wie die meines stärksten Mannes war. Das ist er, mein Junge, Young Pat Glendon; unter diesem Namen wird er kämpfen. Ich habe alles bis ins letzte ausgetüftelt. Jetzt nehmen Sie am besten den nächsten Zug und kommen her. Dann sehen Sie selbst. Ich hab ihn aufgezogen, ich bin sein Trainer ge­wesen. Mein ganzes Wissen hab ich ihm eingetrichtert, und, ob Sie es glauben oder nicht, er kann noch mehr, als ich ihm beigebracht hab. Er ist der geborene Boxer, ein Wunder an Schlagschnelligkeit und Schlaggenauigkeit. Seine Schläge kommen akkurat im rechten Augenblick und landen genau dort, wo sie landen sollen. Dabei braucht er nicht zu über­legen. Sein Haken, mit angewinkeltem Arm aus sechs Zoll Entfernung ins Ziel gerissen, ist ein wirksameres Schlaf­mittel, als ein weither geholter Schwinger der meisten alten Hasen.

Die Hoffnung der weißen Rasse? Das ist er. Kommen Sie, sehen Sie sich ihn an. Als Sie Jeffries betreuten, waren Sie verrückt aufs Jagen. Kommen Sie zu mir, und ich will Ihnen einen Kerl zeigen, neben dem sich alle Filmhelden erbärm­lich ausnehmen. Hier können Sie ordentlich jagen und fischen. Ich werde Young Pat mitschicken. Meine Beine wollen nicht mehr recht. Darum rufe ich Sie. Ich wollte den Jungen selber managen, aber ich taug nichts mehr. Mit mir geht’s abwärts, und wahrscheinlich ist’s bald ganz aus. Machen Sie also zu. Ich möchte, dass Sie sein Manager sind. Die Sache bringt beiden ein Vermögen ein, jedoch wünsche ich den Vertrag allein abzufassen.

Hochachtungsvoll!

Pat Glendon

Stubener stand vor einem Rätsel. Auf den ersten Blick schien es ein Scherz zu sein - die Leute vom Ring waren berüchtigte Spaßmacher und er besah sich den Brief ge­nauer, in der Erwartung, die lockere Handschrift Corbetts oder die großzügigen sympathischen Züge Fitzsimmons’ zu entdecken. Aber für den Fall, dass es kein Scherz war, lohnte es sich, der Sache nachzugehen. Pat Glendon hatte vor Stubener Bedeutendes geleistet, obwohl er ihn als Junge einmal in einem Sparring für Jack Dempsey erlebt hatte. Schon da­mals war er »Old« Pat gewesen und hatte nicht mehr als Aktiver im Ring gestanden. Noch zur Zeit der alten Lon­doner Boxregeln war er ein Vorgänger Sullivans gewesen. Seine letzten, schwächeren Kämpfe hatte er unter den aufkommenden Regeln des Marquis of Queensbury geliefert.

Welcher Boxfreund kannte Pat Glendon nicht! Wenn­gleich nur noch wenige lebten, die ihn in seinen besten Jah­ren bewundert hatten, und es nicht viele gab, die ihn über­haupt einmal gesehen hatten. Sein Name war in die Ge­schichte des Rings eingegangen, kein Sportlexikon könnte ohne ihn Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber sein Ruhm war nicht ohne Widersprüche gewesen. Niemand wurde höher verehrt als er, und doch hatte er nie die Ehrung durch einen Titel erfahren. Er war vom Missgeschick verfolgt, man hatte ihn den Pechboxer genannt.

Viermal wäre er beinah Meister im Schwergewicht gewor­den, und jedes Mal hätte er es verdient. Da war der Kampf auf dem Schiff in der San-Francisco-Bucht gewesen. Wäh­rend er den Champion mit Schlägen eindeckte, brach er sich den Unterarm. Dann boxte er auf einer Themseinsel. Sechs Zoll tief stand er im Wasser der steigenden Flut. Als er den Sieg greifbar nahe wähnte, glitt er aus und erlitt einen Bein­bruch. Auch in Texas hatte es einen unvergesslichen Tag gegeben. Sein Gegner war schon völlig mürbe gewesen, aber im entscheidenden Augenblick sprengte die Polizei die Ver­anstaltung, und wieder sah er sich um den Erfolg betrogen. Und schließlich war da der Kampf im Mechanics’ Pavilion von San Francisco gewesen, wo ihn ein niederträchtiger, gekaufter Ringrichter, der von einem kleinen Wettsyndikat ausgehalten wurde, fortgesetzt benachteiligte. In diesem Kampf erlitt Pat Glendon keinen Unfall, doch als er seinen Mann mit einem rechten Geraden gegen das Kinn und mit einem linken Stoß zum Solarplexus niedergelegt hatte, dis­qualifizierte ihn der Ringrichter kaltblütig wegen Tief­schlags. Jeder Augenzeuge, jeder Experte, die ganze Sport­welt wusste, dass es kein Foul gewesen war. Aber wie alle Boxer hatte sich Pat Glendon verpflichtet, die Entscheidun­gen des Kampfrichters anzuerkennen. Deshalb unterwarf er sich dem Urteil, er nahm es hin als eine neue Laune des Missgeschicks, das ihn verfolgte.

Das war Pat Glendon. Stubener litt darunter, dass er nicht wusste, ob Pat den Brief geschrieben hatte oder nicht. Er ging damit in die Stadt.

»Was ist aus Pat Glendon geworden?« so begrüßte er an jenem Morgen jeden, der Beziehungen zum Boxring unter­hielt. Niemand konnte ihm etwas Genaues sagen. Einige glaubten, er müsse tot sein, aber keiner wusste etwas Be­stimmtes. Der Sportredakteur einer Morgenzeitung blätterte in den Akten und stellte fest, dass sein Tod nicht vermerkt war. Erst Tim Donovan gab ihm einen Hinweis.

»Ganz gewiss ist er nicht tot«, erklärte Donovan. »Wie sollte das möglich sein, bei so einem Mann! Der nie gezecht oder gequalmt hat. Der hat Geld gemacht, mehr noch, er hat’s gespart und angelegt. Hat er nicht mal drei Kneipen gehabt? Und hat er nicht eine Menge herausgeschlagen, als er sie verkaufte? Ja, richtig, damals, bei dem Verkauf war’s, wo ich ihn das letzte Mal gesehen hab. Das muss gut zwanzig Jahre her sein. Pats Frau war gerade gestorben. ,Wo soll’s hingehn, alter Sportsfreund ?‘ frag ich ihn. ,Ich mache fort in die Wälder“, sagt er, ,ich streich die Segel. Wiedersehn, Tim, mein Junge.“ Seither hab ich nichts mehr von ihm gehört, aber natürlich ist er nicht tot.«

»Du sagst, als seine Frau gestorben war. Hatte er auch Kinder?« erkundigte sich Stubener.

»Eins, ein Baby, an dem Tag trug er’s auf dem Arm.«

»War es ein Junge?«

»Woher soll ich das wissen?«

Nach diesem Gespräch faßte Sam Stubener einen Ent­schluss. Die Nacht verbrachte er in einem Pullmanwagen, er fuhr in die wilde Gegend Nordkaliforniens.

II

Am frühen Morgen stieg Stubener in Deer Lick aus, und er vertrat sich eine Stunde lang die Füße, ehe die einzige Gaststätte ihre Türen öffnete. Nein, der Wirt wusste nichts von einem Pat Glendon, hatte nie etwas von ihm gehört, und wenn er in diesem Teil des Landes lebte, dann musste es noch ziemlich weit zu ihm sein. Auch der Gehilfe kannte keinen Pat Glendon. Im Hotel war man nicht klüger; erst als der Laden und die Post öffneten, fand Stubener die Spur. O ja, Pat Glendon wohnte weit draußen. Man nahm den Wa­gen nach Alpine, das vierzig Meilen entfernt lag und ein Holzfällerlager war. Von Alpine aus ging es dann zu Pferde durch das Antelope Valley weiter. Man musste die Wasser­scheide zum Bear Creek überqueren. Pat Glendon wohnte irgendwo auf der anderen Seite dieses Baches. Die Leute in Alpine wüssten schon Näheres. Jawohl, es gab einen jun­gen Pat. Vor zwei Jahren sei er in Deer Lick gewesen. Der Kaufmann hatte ihn gesehen. Old Pat habe sich schon seit fünf Jahren nicht mehr blicken lassen. Er sei ein alter, weißhaariger Sonderling und bezahle die Waren, die er aus dem Laden beziehe, stets mit Scheck. Mehr wusste der Kauf­mann auch nicht, aber von den Leuten in Alpine würde er bestimmt eine genaue Auskunft erhalten.

Stubener war zufrieden. Ohne Zweifel gab es einen jungen Pat Glendon, ebenso gut wie den alten, und sie lebten beide jenseits des Bear Creek.

Die Nacht verbrachte der Manager im Holzfällerlager von Alpine, am nächsten Morgen ritt er mit einem Gebirgspferd beizeiten das Antelope Valley hinauf. Er überquerte die Wasserscheide und ritt am Bear Creek entlang. Er ritt den ganzen Tag, durch die wildeste, raueste Gegend, die er je gesehen hatte, und bei Sonnenuntergang bog er in das Pinto-Tal ein, auf einem Pfad, der so steil und schmal war, dass er es mehrmals vorzog, abzusteigen und zu laufen.

Es war um elf, als er sich vor einer Blockhütte aus dem Sattel schwang und vom Gebell zweier riesiger Jagdhunde begrüßt wurde. Dann öffnete Pat Glendon die Tür, umhalste ihn und führte ihn hinein.

»Ich wusste, dass Sie kommen würden, Sam, mein Junge«, sagte Pat, während er sich langsam umtat, das Feuer in Gang brachte, Kaffee kochte und ein großes Bärensteak briet. »Der Junge ist heute Nacht nicht zu Haus. Bei uns wurde das Fleisch knapp, da hat er sich bei Sonnenuntergang aufge­macht, um einen Hirsch zu holen. Doch lassen wir das jetzt. Warten Sie, bis er vor Ihnen steht. Er wird gegen Morgen heimkommen. Dann können Sie ihn prüfen. Dort sind die Handschuh. Aber warten wir es ab.

Was mich betrifft, ich bin ein alter Mann. Im Januar werd ich einundachtzig. Immerhin bin ich noch recht gut beisam­men für einen ehemaligen Preisboxer. Allerdings hab ich auch danach gelebt, Sam. Ich bin nie spät ins Bett gekrochen und hab mit meinen Kräften hausgehalten. Schon als ich auf die Welt kam, war ich ein verdammt kräftiger Bursche, und ich hab mich nicht verplempert. Meine angeborene Lebens­kraft hab ich mir erhalten, wie Sie zugeben werden, wenn Sie mich ansehn. Und in diesem Sinne hab ich auch den Jungen erzogen. Was halten Sie von einem Zweiundzwanzigjährigen, der keinen Tropfen Alkohol gekostet und nie eine Zigarette geraucht hat? Das ist er. Er ist ein Riese, und er hat vom ersten Tag an natürlich gelebt. Warten Sie, bis er Sie zur Jagd mitnimmt. Die Augen werden Ihnen über­gehen, wenn er loslegt. Dabei trägt er die Ausrüstung und hat sich obendrein einen Hirsch auf die Schulter geladen. Er ist ein Kind der freien Natur. Weder Sommer noch Winter schläft er mit einem Dach überm Kopf. In der frischen Luft fühlt er sich wohl, so hab ich’s ihm beigebracht. Das einzige, was mir Kopfzerbrechen bereitet, ist das: Wie wird er sich daran gewöhnen, in einem Haus zu übernachten, und wie wird er im Ring mit dem Tabaksqualm fertig? Is’ doch eine schreckliche Sache, dieser Rauch, wenn man schwer kämpfen muss und nach Luft schnappt. Aber lassen wir das, Sam, mein Junge. Sie sind müde und sollten bestimmt längst schlafen. Warten Sie, bis Sie ihn gesehen haben.«

Über Old Pat war jedoch die Altersgeschwätzigkeit ge­kommen, und es verstrich noch geraume Zeit, ehe er Stube­ner erlaubte, die Augen zu schließen.

»Und Beine hat er, der Junge«, ließ er sich vernehmen, »er nimmt’s mit einem Hirsch auf. ’s ist das beste Lungen­training, dieses Jägerleben. Im übrigen ist er nich’ sonderlich gebildet, obwohl er dann und wann mal ein Buch mit so ’nem lyrischen Kram liest. Er ist ein reiner, unverfälschter Naturmensch, wie Sie bald merken werden. Sie brauchen ihn bloß anzusehen. Er hat viel von seinen irischen Vorfahren. Wenn ich beobachte, wie er umherstreift, denk ich manch­mal allen Ernstes, dass er an Märchen und Sagen glaubt. Er ist ein Freund der Natur, einen treueren hat es nie ge­geben, und er hat Angst vor den Städten. Er hat über sie ge­lesen, aber Deer Lick ist die größte, in der er gewesen ist. Er mag die vielen Menschen nicht. Man müsste sie ausjäten wie Unkraut, das waren seine Worte, ’s ist jetzt zwei Jahre her. Es war das erste und das letzte Mal, dass er eine Loko­motive und einen Eisenbahnzug gesehen hat.

Manchmal denk ich, dass es falsch war, ihn als Naturmen­schen aufwachsen zu lassen. Andererseits verdankt er dieser Erziehung seine starke Lunge. Er hat eine unerschöpfliche Ausdauer und die Kräfte eines wilden Stiers. Kein Stadt­mensch kommt gegen ihn an. Ich will zugeben, dass Jeffries in seiner besten Zeit dem Jungen ein bisschen zu schaffen gemacht hätte, aber nur ein bisschen. Der Junge hätte ihn wie einen Strohhalm knicken können. Dabei sieht er gar nich’ so aus. Das ist und bleibt das ewige Wunder. Äußerlich ist er bloß ein harter junger Bursche, ’s ist die Qualität seiner Muskeln, die ihn von anderen unterscheidet. Warten Sie, bis Sie ihn gesehen haben. Dann sprechen wir uns wieder.