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Durch einen sprechenden Laptop kommen die drei Freunde Max, Ali und Fenis nach YSSILO, auf eine exotische Insel mit seltsamen und schaurigen Kreaturen. Die drei müssen ums Überleben kämpfen und ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Ihre einzige Hoffnung auf Rückkehr ist der Why-Am-I. Aber können sie dem trauen? Yssilo enthält alles, was eine gute Story für jugendliche Leser ausmacht: Spannung, Action, Abenteuer.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2013
Cover
Danksagung
Titel
Impressum
I. Diesseits
Kapitel 1: Das Experiment
Kapitel 2: Anruf
Kapitel 3: Monsterpizza
Kapitel 4: Unfall
Kapitel 5: Im Schwitzkasten
Kapitel 6: Die seltsame Schüssel
Kapitel 7: Gespräch unter Freunden
Kapitel 8: Stromausfall
Kapitel 9: Der Plan
Kapitel 10: Lauschangriff
Kapitel 11: Besuch
Kapitel 12: Fahrt ins Wochenende
Kapitel 13: Umleitung
Kapitel 14: Der Bauernhof
Kapitel 15: YMI
Kapitel 16: Showdown
Kapitel 17: Auf der Spur
II. Jenseits
Kapitel 18: Blitz und Donner
Kapitel 19: Salzwasser
Kapitel 20: Mangold und Blut
Kapitel 21: Windgleiter
Kapitel 22: Seilschwinger
Kapitel 23: Die Sorgen des Ohms
Kapitel 24: Glitzern im Wasser
Kapitel 25: Flügelschläge
Kapitel 26: Die schwimmende Insel
Kapitel 27: Krallen
Kapitel 28: Sturzflug
Kapitel 29: Die Weißhaut
Kapitel 30: Milch und Rauch
Kapitel 31: Schwarze Nacht
Kapitel 32: Aufbruch
Kapitel 33: Scherenklapperer
Kapitel 34: Der Späher
Kapitel 35: Mumuk
Kapitel 36: Alles wird gut
Kapitel 37: Was sagt er?
Kapitel 38: Der Energiemeister
Kapitel 39: Die Prophezeiung erfüllt sich
Kapitel 40: Splitklinge und Bolzenhagel
Kapitel 41: Der Schwarm
Kapitel 42: Traurige Heimkehr
Kapitel 43: Helfende Hände
Kapitel 44: Die Karte
Kapitel 45: Die Rechnung des Wirts
Kapitel 46: Im Käfig des Piraten
Kapitel 47: Durch die Finsternis
Kapitel 48: Wertvolle Fracht
Kapitel 49: Im Gleiterturm
Kapitel 50: Der traurige Kaiser
Kapitel 51: Nachtflug
Kapitel 52: Kaiserliche Mutterin
Kapitel 53: Absturz
Kapitel 54: In der Kuppel
Kapitel 55: Frischfleischgalerie
Kapitel 56: Heilige Plazenta
Kapitel 57: Alles verloren
Kapitel 58: Fünf Gleiter
Kapitel 59: Abflug
III. Diesseits
Kapitel 60: Querfeldein
Kapitel 61: Dreißig Sekunden früher
Kapitel 62: Macht und Ohnmacht
Kapitel 63: Chips und Limo
Danke Didi!
Vielen Dank für die großzügige Spielwiese, Didi!
Karin und unserer bunten Kinderschar für Homebase und Spielewelten, dem eifrigen „Creative“-Team, Erika Krammer-Riedl für das erste Parallelweltenlektorat.
Efigenia, meinen engen Freunden und Hadmar von Wieser für inspirierende Stunden. Meinem zuverlässigem Korrektiv Andreas Schneider für inhaltliches und stilistisches „Ping-Pong“.
Danke!
ROBERT ROTTENSTEINER
PARALLELE WELT
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Originalausgabe
Copyright © 2013 by Baumhaus Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln
Redaktion: Harald Kiesel
Umschlaggestaltung: Manuela Städele, unter Verwendung einer Illustration von Robert Rottensteiner
Geschichte und Bilder von Robert Rottensteiner
Feinschliff und dramaturgischer Schnitt von Andreas Schneider
Erstlektorat von Erika Krammer-Riedl
Layout von Red Bull Creative
Umbruch und Reinzeichnung von Wilhelm Steiner
E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN 978-3-8387-2631-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Gute zwei Minuten fuhr der Aufzug schon in die Tiefe des Hochsicherheitsversuchslabors auf dem Forschungsgelände von Y-Lab.
»Keine Angst, Pit«, beruhigte Professor Gero Marmorstein seinen Assistenzgehilfen, der einer kleinen Schimpansendame den Hals kraulte und sehr besorgt dreinblickte. Der beleibte Professor zwinkerte ihm aufmunternd zu, was durch die dicken Brillengläser aussah, als blinzle ein Koi-Karpfen aus einem runden Aquarium.
»Nach all den Testläufen wird das ein Spaziergang für Lilu.«
Pit stieg nervös von einem Fuß auf den anderen. Er hatte die letzten zwei Jahre keinen Tag ohne Lilu verbracht. Lilu selbst war gelassener als ihr Trainer, aber sie wusste ja auch nicht, was auf sie zukam.
Sie ließ sich den Hals kraulen, fegte dann Pit die Schirmmütze vom Kopf und begann, ihn hingebungsvoll zu lausen. Der schlaksige junge Assistent drückte seinem Liebling einen Kuss auf die Stirn und steckte Lilu ein Stück seines Müsliriegels in das Maul.
»In spätestens zwei Stunden können Sie Ihre Freundin wieder nach oben ins Quartier bringen, wenn ich das so sagen darf.« Der Professor strich dem grinsenden Schimpansen über den Kopf.
»Jaaaa – und dann bekommt unsere Lilu ihre Zimtkeksi und eine Riesenschüssel Reismilch zum Tunken, gelle?«
Und zu Pit gewandt: »Und wäre diese Schimpansendame unserer Sprache mächtig, dann könnte sie uns hinterher von Dingen erzählen, die vor ihr noch kein einziges Wesen unserer Dimension zu Gesicht bekommen hat.«
»Professor, was wenn die Berechnungen falschliegen? Was, wenn die Rotationsquantenzahl Variable aufweist? Etwa die Schleifenquantengravitation? Ach, schicken wir doch noch mal den PT800 – wenn der Roboter …«
»Papperlapapp!«, unterbrach der Professor. »Wozu sollten wohl all die Rechnereien und Probeläufe der letzten Jahre gut gewesen sein? Spin simuliert, überprüft, gegengerechnet. Lilu hat mit unserem PT800 den perfekten Reiseführer, wenn ich das so sagen darf. Er wird schon gut auf sie aufpassen.«
Pit seufzte, und der Professor legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Hören Sie mir zu, mein Junge, wenn ich das mal so sagen darf. Lilu ist inzwischen im Simulator und im Schutzanzug zu Hause. Sie wird auf festem Boden landen, und wir werden uns nach ihrer Rückkehr alles ansehen, was ihre Helmkamera drüben aufnimmt. Die letzten PT/Alpha-Tests waren mehr als zufriedenstellend, wenn ich das so sagen darf. Jetzt kann Lilu ihren Beitrag leisten, und dann, mein Lieber, dann wird sich einiges ändern, wenn ich …«
Mit einem Ruck hielt der Aufzug.
Pit war froh. Er konnte es nicht besonders leiden, wenn der Professor in pathetischer Manier seine Weltverbesserungstheorien zum Besten gab. Wenn er das mal so sagen durfte.
Hinter der schweren Metalltür, die sich mit einem sanften Hauch aufgeschoben hatte, erwartete sie ein blasser, gedrungener Mann mit schütterem Haar. Er zupfte seinen weißen Labormantel zurecht und fingerte nervös an seinem kleinen Krawattenknoten herum. Schweiß stand ihm auf der Stirn.
»Herr Professor, habe alles noch mal genau überprüft. Koordinaten wie letztes Mal, Gravitationsmodus um 0,22 my angehoben. Fluxwerte stabil. Der Reaktor läuft seit ...«
»Danke, Wassil«, unterbrach Marmorstein, ließ seinen Blick prüfend über die Monitore schweifen und fuhr sich mit seinen Fingern durch den filzigen, grauen Bart.
Der Hauptmonitor, ein wuchtiger 70-Zöller, zeigte den Versuchsraum, der zwei Stockwerke unter ihnen lag. Über die zwölf kleineren Bildschirme liefen in unregelmäßigen Abständen Zahlenreihen, Skalen und Textbänder. Die wichtigsten Informationen und Vergleichswerte für den bevorstehenden Test kamen aus den Datenbanken der Basiszentrale ungefähr einhundertachtzig Stockwerke über ihnen, an der Oberfläche des Laborzentrums.
Der Professor fixierte seinen Mitarbeiter und langjährigen Partner über seine Brillengläser hinweg. Wassil schwitzte noch mehr als sonst. Lampenfieber? Der Professor schmunzelte.
»Nun denn, Wassil. Wir haben alle Eventualitäten in den letzten Testläufen gründlichst durchgespielt, und jetzt stehen wir vor dem Durchbruch. Wir werden, wenn ich das mal so sagen darf ...«
Wassil verschluckte sich, und sein rasselnder Raucherhusten unterbrach den Monolog des Professors. Pit war seinem Vorgesetzten dankbar dafür. Wassil war ein kettenrauchender Kotzbrocken, aber er hatte Sinn für Timing.
»Wassil, ich werde diesmal die Probandin selbst vorbereiten. Bitte prüfen Sie inzwischen ein letztes Mal Ionisationsgrad und die Impulsenergie der Antiprotonenfalle, Spinregulator nicht vergessen. Auf keinen Fall über zwo Komma vier anheben, das reicht für die Dame. Wir wollen unseren schönen Planeten ja nicht durchlöchern, wenn ich das so sagen darf.« Der Professor zwinkerte vergnügt und nahm Lilu bei der Hand.
Pit fasste Marmorstein an der Schulter. »Aber, Professor, ich …«
»Papperlapapp!«, unterbrach Marmorstein. »Jetzt ist nicht die Zeit für Diskussionen. Pit, Sie überprüfen nochmals die Kontaktregler im Generatorraum. Die Fluxwerte müssen unter dem Viererlevel bleiben.«
»Äh, das habe ich schon …«, mischte Wassil sich ein und zog an seinem Krawattenknoten.
Pit sah ihn an. Unglaublich, wie der Mann schwitzen konnte.
»Pit, in den Generatorraum, bitte!«, befahl der Professor streng, ohne Notiz von Wassils Bemerkung zu nehmen. Dann fuhr er, an diesen gewandt, fort:
«Und Sie, mein lieber Wassil, behalten die Daten unserer kleinen Heldin im Auge, nicht wahr? Achten Sie mir genau auf die Geodätenkrümmung! Ich bin gleich wieder hier oben und starte dann den Countdown. Phase Gelb läuft wie geschmiert. Noch einundzwanzig Minuten bis Phase Grün, wenn ich das so sagen darf.«
Mit diesen Worten verschwand Professor Marmorstein durch die Sicherheitstür, dicht gefolgt von Pit, der Lilu noch einen Kuss auf die Stirn drückte und sich dann wortlos zum Generatorraum aufmachte.
Die letzten dreißig Meter in den Kern des Testraumes musste Marmorstein mit Lilu über zahlreiche Metalltreppen zurücklegen – aber diesmal genoss er den Abstieg. Er war zufrieden und aufgeregt, wie am Ende einer langen Reise.
Marmorstein ließ seine Finger über die Sensorfläche einer Konsole gleiten, deren Plasmaoberfläche komplexe Eingaben ermöglichte – ein nützliches Nebenprodukt seiner Forschungen, wenn er das so sagen durfte.
Zwischen den Stäben des Reaktorkerns schwebte ein silberfarbenes schüsselförmiges Objekt auf einem Lichtpolster, umrankt von unzähligen pulsierenden Kabeln. Über der Mitte des geschlossenen Deckels wippte ein mechanisches Auge am Ende einer dünnen Antenne. Aufmerksam folgte es jeder Bewegung des Professors.
Lilus Helmvisier war heruntergeklappt. Sie saß, eingepackt in einen dicken Anzug mit Sauerstofftank, in einer durchsichtigen Kabine und beobachtete das Geschehen unter ihr.
Der Professor räusperte sich.
»Wassil, hören Sie mich?«
»Laut und deutlich«, hallte es aus dem Deckenlautsprecher. Kameraaugen mit kleinen roten Linsen übertrugen jede Bewegung des Professors auf die Monitore der Kommandozentrale.
»Wassil, wenn wir heute fertig sind, erinnern Sie mich bitte daran, den Yttriumprozessor im PT800/Beta auszutauschen. So etwas wie neulich darf nicht mehr passieren, wenn ich das so sagen darf. Die Tangentialbündel für den Dualraum fahren wir heute maximal auf Level vier.«
Tief unter ihnen beleuchteten die spärlichen Notlampen den Rest des Testaufbaus, das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit. Der gewaltige Sockel der Betonkonsole, auf der die komplexe Stäbekonstruktion schwebte, verlor sich in einem Gewirr von Metalltreppen und Stegen.
»Schicker Anzug, meine liebe Lilu. Wenn ich das so sagen darf.«
Der Professor stand auf dem schmalen Metallsteg direkt vor Lilus transparenter Transportkabine, als ihm ein Schauer über den Rücken lief. Was war das für ein Zischen? Er fuhr herum, erstarrte: Die silberfarbene Schüssel war aufgeklappt, und gelbgrüne Lichtfäden zogen über ihren Rand. Durch den Testraum gellte ein Pfeifton, der Boden vibrierte.
»Wassil, was ist da los? Abschalten – sofort! Ich komme jetzt rauf!«
»Das glaube ich nicht, werter Kollege«, krächzte es aus dem Lautsprecher.
Lilu begann in ihrer Glaskugel zu kreischen.
Dann war da nur noch ein gewaltiger gelbgrüner Blitz.
Pit fluchte. Einer der Kontaktregler war abgeklemmt, zwei weitere waren kurzgeschlossen. »Professor, Professor ... hallo! Professor, hören Sie mich? Countdown abbrechen, sofort – haaallooo!« Pit riss sich fluchend das Headset vom Kopf. Heilige Scheiße, er musste das stoppen! Er sprang auf und hechtete zur Tür. Im Laufschritt peilte er die Treppe an, warf die schwere Metalltür des Generatorraums ins Schloss.
Plötzlich hatte die Panzertür keine Angeln mehr, und Pit wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Den Knall der gewaltigen Implosion hörte er nicht mehr: Die Sogwelle hatte ihn samt Metalltür gegen die meterdicke Zwischenwand gefegt.
Ein Stockwerk darüber griff eine zitternde Hand nach einer Zigarettenschachtel. Dichter Rauch quoll aus den Belüftungsschlitzen, und aus den Trümmern des großen Bildschirms sprühten Funken.
Der Boden war übersät mit geborstenen Scheiben und aufgebrochenen Betonteilen. Zerfetzte Kabelstränge ragten aus den Trümmern. An einem verbogenen Stahlträger baumelte noch ein riesiger Betonbrocken, der aus der Wand gerissen worden war.
Vor der Feuerschutznische im Mittelpfeiler lag eine deformierte Brandschutztür. Wassil hatte sich wieder einmal verschätzt mit seinen Berechnungen, war auf allen vieren aus seiner Schutznische gekrochen, hockte nun rußverschmiert auf dem verbogenen Türrahmen und zündete sich mit zitternden Fingern eine filterlose Zigarette an. Gierig zog er den Rauch in seine Lungen, bis ein heftiger Hustenanfall seinen Körper durchschüttelte und ihm den Hals zuschnürte. Auf Händen und Knien tastete er sich hustend zum Hauptrechner vor, stemmte sich schwitzend an dem zertrümmerten Rest seiner Arbeitskonsole hoch.
Mit einem Ruck riss er den freigelegten Kabelstrang zum Schalter heraus. Dann setzte er sich auf einen geborstenen Mauerteil, tat noch einen tiefen Zug und blinzelte mit verschwollenen Augen über das Trümmerfeld.
Durch einen Riss in der Wand des Aufzugsschachtes drang ganz schwach das Heulen der Alarmsirenen. Wassil warf die Zigarette auf den Boden und stand auf. Er fummelte ein kleines silberfarbenes Kästchen mit leuchtend grünen Linien und Punkten aus seiner Tasche und steckte es in einen der Schlitze am Gehäuse des rauchenden Rechners.
Als er kurz darauf die Tür öffnete, stieg ihm beißender Rauch entgegen. Ein Taschentuch vor den Mund gepresst, starrte Wassil in die Tiefe, wo sich der Qualm langsam lichtete. Ein Schauer überlief ihn, als sich nach wenigen Metern demolierten Stiegenhauses ein nicht enden wollender Abgrund auftat.
Dort, wo eben noch das unglaublichste Experiment in der Menschheitsgeschichte hätte stattfinden sollen, war nichts mehr. Wasser und Dampf schossen aus geborstenen Rohren über zerfetzte Kabelstränge ins Nichts.
Als hätte jemand ein Loch in die Welt geschnitten.
Laut neuesten Meldungen forderte die gewaltige Detonation, die heute Nacht das Forschungsgelände von Y-Lab erschüttert hatte, zwei Menschenleben und elf zum Teil schwer Verletzte. Zurzeit gibt es keine Hinweise auf einen terroristischen Anschlag. Laut Pressesprecher wurde die Explosion in einem hundertsechzig Meter unter der Oberfläche gelegenen Forschungslabor während eines Testlaufs durch einen defekten Generator verursacht. Dabei kamen Professor Gerold Marmorstein, einer der führenden Wissenschaftler im Bereich der Quantenphysik und Biomechanik, sowie sein Assistent Andrej Pitjenko ums Leben.
Professor Marmorstein hatte die letzten fünfzehn Jahre der Erforschung von neuen, umweltverträglichen Energiegewinnungsmethoden gewidmet und stand laut Y-Lab kurz vor einem revolutionären Durchbruch. Zur Höhe des entstandenen Sachschadens gibt es noch keine offizielle Stellungnahme. Die Sicherheitskräfte der Polizei waren sofort zur Stelle gewesen und hatten das Katastrophengebiet großräumig abgeriegelt. Laut dem Sicherheitssprecher von Y-Lab besteht für die Bevölkerung angrenzender Wohngebiete keinerlei Gefahr durch austretende Strahlung oder Schadstoffe. Aus Sicherheitsgründen wird der Verkehr noch immer großräumig umgeleitet. Nähere Informationen erhalten Sie ...
Klick.
»Papa, du hast mir gar nichts erzählt von deinem Einsatz heute Nacht!«
Tom Stracke war ein unglücklicher Mann. Seit seine Frau gestorben war und ihn mit seiner fünfzehnjährigen Tochter alleine gelassen hatte, spürte er keine Freude mehr. Wut, Enttäuschung und Sorge beherrschten ihn. Er liebte seine Tochter über alles, aber die große, allgegenwärtige Angst, ihr könnte etwas zustoßen, lähmte ihn. Umso mehr, wenn er sie sah. Er spürte, wie sie ihm fremd wurde, dass er sie verloren hatte und nichts dagegen tun konnte.
In der Arbeit fühlte er sich wohler als zu Hause. Jeden Tag auf Streife vertrat er Recht und Ordnung, versuchte, die Dämme zu halten, die an allen Ecken und Enden brachen. Aber sosehr er sich auch bemühte, es blieb immer das Gefühl, nichts wirklich kontrollieren zu können und im Grunde zu versagen. Jedenfalls hielt er sich fit, für alle Fälle. Er musste in Form sein da draußen.
»War ja nur ein Routineeinsatz«, brummte er. »Ich war nicht mal auf dem Forschungsgelände, hab nur den Verkehr umgeleitet.« Er blätterte gedankenverloren in der Tageszeitung von vorgestern und überflog das Ergebnis des Fußball-Länderspiels.
Felis war froh um jeden Satz, den ihr Vater mit ihr redete. Sie versuchte immer, alles ganz richtig zu machen. Ob zu Hause, wo sie jetzt statt Mama den Haushalt führte, so gut sie konnte, oder in der Schule. Aber auch wenn sie nur die besten Noten nach Hause brachte, es reichte nie.
Ihr Vater war nie wirklich da. Immer traurig, stumm und abweisend. Er interessierte sich für nichts aus ihrem Leben. Mama fehlte ihr, und sie konnte mit niemandem zu Hause über ihren Kummer reden. Außer mit Nemo, dem fetten, einäugigen Kater. Sein totes Auge starrte sie immer aufmerksam an, sogar wenn er schlief.
»Du, in der Schule haben sie erzählt, dass es grün geleuchtet hat nach der Explosion. Glaubst du, sie machen dort irgendwelche Atomversuche?«, fragte Felis. »Ach ja, deine Nudeln werden kalt. Soll ich dir ein Bier aufmachen?«
»Hmpf. Jetzt nicht, später.« Mit diesen Worten und seinem mürrischen Tunnelblick steuerte ihr Vater sein Zimmer an.
Felis hielt ihren Teller unter den Wasserstrahl der Spüle und sah zu, wie sich die Reste der Spaghettisoße langsam von der Oberfläche lösten. Sie überlegte, wie sie sich für die nächsten Stunden davonmachen konnte. Max wäre eine erholsame und entspannende Möglichkeit. Bei Ali war es ihr meist ein bisschen zu hektisch. Die schreienden Zwillinge, die quengelige Schwester und die keifende, stocktaube Oma … obwohl, der verrückte Onkel, der war Comedy live.
Beklemmend drang das rhythmische Ächzen und Schnauben ihres Vaters aus dem Nebenzimmer. Jetzt trainierte er wieder mit seinen blöden Hanteln. Danach knallte er sich wie gewohnt mit zwei Bierflaschen vor die Glotze und pennte … und die Spaghetti waren wieder mal für den Müll.
Felis drehte den Wasserhahn zu. Das Bild über der Spüle lachte sie an. Mama im hellgrünen Sommerkleid. Sie fehlte ihr sehr. Als wär nur mehr Spätherbst, das ganze Jahr über. Felis spürte, wie ihre Augen zu brennen begannen, aber sie schluckte die Tränen runter und stellte den Teller zum Abtrocknen hin.
Sie warf sich aufs Wohnsofa und griff nach den Kopfhörern ihres iPods.
Die ersehnte Abwechslung kam in Form eines schrillen Telefonsignals. Mit einem Satz sprang Felis vom Sofa, die rechte Hand langte zum Telefon, die linke verscheuchte den fetten Kater von Papas Spaghettiteller.
»Hallo, Stracke!«, meldete sie sich energisch. Konnte ja sein, dass es ein Kollege von Papa war. Das monotone Schnauben im Nebenzimmer verstummte. Dafür schnaufte und keuchte es jetzt aus dem Telefon. Offenbar einer dieser perversen Spinner, die hin und wieder anriefen.
»Jetzt hör mal, du widerlicher Kotzbrocken!«, fing sie an und geriet richtig in Fahrt.
»Felis, ich bin’s«, unterbrach eine vertraute Stimme. Ali? Was war denn mit dem los?
»Hi, Ali, was schnaufst du so? Was geht ab?«
»Hast du, äh, hast du’s in den Nachrichten gehört?«
»Die Explosion im Forschungslabor? Klar.«
»Nein«, keuchte es durchs Telefon. »Der Unfall in der Stadt! Total krass – die Straßenbahn ist voll in einen LKW gekracht und umgekippt. Die Leute haben geschrien, und überall war Blut und Wäsche, bergeweise Wäsche. Äh, und … und ich hab Mist gebaut. Felis?«
»Ali? Geht’s dir gut? Soll ich vorbeikommen?« Felis dämpfte ihre Stimme, um einem Lauschangriff ihres Vaters zu entgehen.
»Nein, hör zu. Da waren diese Typen, im Anzug, das war so abgefahren, ich hatte so was von Schiss. Wie der auf mich gezeigt hat … Felis, ich geh zu Max. Ich hab da was, das muss er sehen. Ich glaub, ich sitz echt in der Scheiße. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Wer will was?«, dröhnte Tom Strackes Stimme aus dem Nebenzimmer. Felis presste den Telefonhörer an ihre Brust, überlegte blitzschnell.
»Nichts, Papi, Ali hat ein Problem mit der Matheaufgabe. Ich geh kurz rüber und helf ihm, okay?«
Nach einer unerträglich langen Pause, in der nur das Schmatzen des spaghettifressenden Katers zu hören war, setzte das rhythmische Schnauben aus dem Nebenzimmer wieder ein, und die Stimme von Felis’ Vater erklang gepresst:
»Zwei Stunden, dann … hmpf ... bist du ... wieder da ... hhhh ... Mag’s nicht ... phhh ... dass du dich ... hhhh ... rumtreibst ... phhh ... wenn’s draußen ... hmpf ... finster wird ...«
Das Schnauben wurde wieder rhythmischer, das Tempo schneller. Felis nahm den Hörer wieder ans Ohr und flüsterte: »In zehn Minuten bei Max an der Mauer.«
Kurz nachdem Felis das Telefon auf die Station geknallt hatte, stürmte sie schon, einen Arm in ihrer Jacke, im anderen die Turnschuhe, barfuß die Treppe runter. Im Hauseingang schlüpfte sie in ihre Allstars.
»treff.mauer10’ ☹«
Sie drückte auf »Auswahl«, wählte die Nummer von Max: »Senden«.
Dann ließ sie ihr Handy wieder in die Jackentasche gleiten und sprintete los, vorbei an den trostlosen Vorstadtfassaden. Die einzigen Farbtupfer hier waren ein paar gelungene Graffiti. Der Himmel war bedeckt, ein kühler Wind trieb sein Spiel mit einem alten Zeitungsblatt voller Neuigkeiten aus vergangenen Tagen.
War Ali irgendwie in den Verkehrsunfall verwickelt gewesen? War er vielleicht verletzt und traute sich nicht heim?
Felis beschleunigte an der Straßenecke, um möglichst schnell durchs Revier der Bozos zu kommen. Heute war ihr nicht nach einer Auseinandersetzung mit den drei unterbelichteten Macho-Brüdern und ihren Stiefelleckern, aber das war der kürzeste Weg zum Park. No risk, no fun, dachte sie, und sie hatte Glück: Die Straßengang war nicht auf ihrem Posten.
Die wildesten Gedanken schossen ihr durch den Kopf. So hatte sie Ali noch nie erlebt. Vielleicht hatten ihm die Bozo-Brüder übel mitgespielt? Er hatte doch irgendwelche Typen erwähnt?
Felis kannte den Weg zum Geheimgang an der Parkmauer im Schlaf. Oft genug hatte sie sich dort schon heimlich mit Ali, Max und Stinker getroffen. Stinker, das war Max’ Rauhaardackel-Schnauzer mit dem Odeur von verwesendem Fleisch, faulen Eiern und Bahnhofsklo. Er stank nicht immer, nur wenn er einen fahren ließ, aber das tat er meistens geräuschlos im Minutentakt.
Ein dichter Holunderbusch, der wohl an die hundert Jahre alt sein musste und dessen Geäst bis über die Parkmauern reichte, versperrte ihr den Weg. Kurzer Kontrollblick: Sie schien unbeobachtet. Also schob sie vorsichtig einen knorrigen Ast zur Seite. Ein schmaler Gang wurde sichtbar, und im Nu war sie im Dickicht verschwunden.
Sie robbte auf Knien und Ellbogen durch den stacheligen Gestrüpptunnel, über Berge von altem, verrottetem Müll, bis sie den uralten Trittstein am Anfang des Steintunnels erreichte. Der gab unter ihrem Gewicht sofort nach, und im selben Augenblick schob ein Mechanismus den knorrigen Ast von außen wieder vor den Geheimgang. Diese technische Spielerei verdankten sie dem Erfindergeist von Max. Eigentlich könnte Max ihr Bruder sein, so fühlte sich das für sie meistens an. Aber manchmal konnte er so unausstehlich sein, dass sie ihre Beherrschung verlor, und dann hasste sie ihn.
Gott sei Dank dauerte das nie lange an, vor allem wegen Ali. Er war der ausgleichende Pol in ihrer Dreierbande. Vielleicht verstand er sich deshalb so gut aufs Streitschlichten, weil er in einer richtigen Großfamilie lebte.
Felis erreichte die Steinwand und zog an dem alten, verrosteten Eisenring, der sich nach einiger Anstrengung mitsamt einer massiven Steinplatte aus der Mauer ziehen ließ und den Tunnel zu ihrem Treffpunkt freigab: gerade mal vierzig Zentimeter hoch, aber drei Meter lang.
Es kostete sie einiges an Überwindung, wie jedes Mal, aber sie gab sich einen Ruck. Auf dem Bauch liegend und mit nach vorne gestreckten Armen, robbte Felis in das dunkle Loch. Als ihre Hände schon im Freien waren, sie aber hinten noch im Gang feststeckte, zuckte sie zusammen.
Etwas Feuchtes, Schleimiges berührte ihre Hände. Sie spürte, wie ihr eine zähflüssige Substanz die Finger herunterlief. Erst als ihr ein vertrauter Geruchsmix in die Nase stieg, war der Schreck vorbei.
»Stinker, du altes Sabbermaul! Pfui-Bäääääh!«
Schnell kroch sie aus dem Tunnel, wischte sich die Hände an dem schwanzwedelnden Wollknäuel ab und zwinkerte Ali zu: »Na, du bist aber fix – hast du dich gerade durch ’ne Raum-Zeit-Schleuse gebeamt, oder hattest du ’nen Teleporter?«
Ali stand im Schatten des weinlaubumrankten, schmiedeeisernen Pavillons an der alten Stadtmauer, die das Anwesen der Fettucinis begrenzte. Abgeschottet durch die blickdichten Hecken und die üppigen Ranken, war die Laube mit ihrem Steintisch und den beiden marmornen Sitzbänken ein idealer, lange bewährter Geheimtreffpunkt. Ali war schweißgebadet und trat nervös von einem Bein auf das andere.
»Bist du hergeschwommen?«, lächelte Felis, immer noch etwas außer Atem.
Ali wischte sich mit dem Handrücken über die Schweißbäche auf seiner Stirn. Unter seinen anderen Arm hatte er eine Monsterpizzaschachtel geklemmt. Trotz seiner rundlichen Statur und der bronzenen, an Sommer erinnernden Gesichtsfarbe gab er heute ein erbärmliches Bild ab.
Felis deutete auf die Schachtel unter seinem Arm. »Hei, coole Idee, das mit der Pizza. Hab leider schon gegessen.«
Ali legte die Pizzaschachtel bedächtig auf die runde Steintischplatte, ohne sie loszulassen, und schnaufte schwer.
»Das hier ... ist keine Pizza! Das hier ist mein Problem.« Er blickte sich kurz um. »Hast du Max Bescheid gegeben?«
»Ja, hab ihm eine SMS geschickt. Er müsste eigentlich schon längst hier sein«, antwortete sie, lehnte sich aus dem Pavillon und ließ ihren Blick über die duftenden gelben und orangefarbenen Rosenbüsche bis zur Steinterrasse des modernisierten Fettucini-Palazzos schweifen.
Max hatte ihr mal erzählt, wie es zu dem Umbau gekommen war und wieso er überhaupt in einem alten Schloss lebte. Sein Stiefvater, Direktor Bartolo Fettucini, hatte die Ruine samt Schlosspark von irgendeiner Urgroßtante geerbt.
Vor fünfzehn Jahren hatte sich der weit gereiste Geschäftsmann dann hier niedergelassen, weil die überschaubare, provinzielle Kleinstadtidylle genau sein Geschmack war. Auf den Resten der Ruine ließ er sich ein luxuriöses Anwesen errichten, und »wie durch ein Wunder« bekam er das umfangreiche Bauvorhaben in allen Details vom Denkmalamt genehmigt. Und um sein Idealbild der Kleinstadtidylle noch zu vervollständigen, heiratete Direktor Fettucini eine »gebrauchte« Familie. Sagte jedenfalls Max, wenn ihn jemand danach fragte, und nach seinem typischen Schulterzucken tat er so, als ginge ihn das alles nichts an.
Felis ahnte, dass ihm die Scheidung seiner Eltern nicht ganz so egal war, wie er tat. Aber zumindest hatte er sich ganz gut arrangiert, mit seinem wortkargen, aber sehr spendablen Stiefvater. Max führte mit seiner umtriebigen Mutter, bei der man nie so recht sagen konnte, womit genau sie denn so schwer beschäftigt war, ein luxuriöses, einsames Leben im Palazzo Fettucini.
Durch eine Lücke in den Weinranken betrachtete Felis das Gebäude. Einige der alten Mauern und Türme waren gut erhalten, und das ganze moderne Beton- und Metallzeugs mit den großen Glasflächen nahm der ehemaligen Ruine die dunkle, unheimliche Ausstrahlung.
Immer noch keine Spur von Max. Nur Edgar, der alte Hausdiener, stakste den Kiesweg entlang und steuerte auf die breite Steintreppe der Terrasse zu. Felis drehte sich wieder in den Schutz des Pavillons und setzte sich zu Ali auf die Marmorbank.
„Na los, pack schon aus – wo brennt’s denn?“
Ali zappelte noch immer herum. »Entschuldige, ich ... ich muss schon die ganze Zeit.« Er sah sie verlegen an und stolperte aus dem Pavillon.
»Also, ich bin heut mit meinem Dada gefahren, Pizza liefern. Und dann wär ich fast draufgegangen, ehrlich ...«
Felis kraulte Stinkers Kopf und starrte auf die Schachtel, während sich Ali zwischen Pavillon und Weinranken zwängte und mit dem Rücken zu Felis sprach.
So wie Ali die Schachtel auf den Tisch gelegt hatte, musste der Inhalt ganz schön schwer sein. Sie war nicht nur an einer Stelle ausgebeult, der ganze Deckel war gewölbt. Felis’ Finger streckten sich Richtung Lasche, um sie wieder ganz reinzustecken. Der Deckel war leicht geöffnet, und darunter – da glänzte was.
»Wär’n wir ein bisschen später dran gewesen, hätte es mich und meinen Vater getötet – ich schwör’s dir!« Ein leises Plätschern begleitete Alis Kommentar aus dem Gebüsch.
Ein rasselndes Keuchen und Zischen aus einem Rosenbusch ließ Felis zusammenzucken. Wie von der Tarantel gestochen fuhr auch Ali herum. Er riss vor Schreck beide Hände hoch und ließ dabei unweigerlich alles andere los.
»Chrrr ... ichhh hhabe dainen Vaater nicht getöööötet! Chrrr ... ichhh bin dain Vaater!«
Ali stand wie angewurzelt da, mit offenem Mund und offener Hose. Der rasselnde Atem des »Ungeheuers« ging übergangslos in ein Kichern über.
Felis sprang aus dem Pavillon.
»Max, du Arschloch!«
Stinker hüpfte kläffend und schwanzwedelnd vor dem Rosenbusch hin und her, aus dem eine schlaksige Gestalt in einem grünen Overall auftauchte, einen Helm voller Gestrüpp auf dem Kopf. Als er das Visier des Helms hochklappte, blitzte hinter einer verrutschten Brille ein Paar blaugrüner Augen in einem blassen, sommersprossigen Gesicht auf.
Max wischte sich die blonden Strähnen aus der Stirn und grinste.
»Ali, du Penner, du hast mich angepisst! Mein neuer Tarnanzug ist im Arsch!«
Felis packte Max von hinten an der Schulter und setzte zu einem Fußtritt an, aber Max wich geschickt aus.
Ali nestelte an seiner Hose herum. »Du durchgeknallter Rambo-Verschnitt, du, du Vollassi!«
Felis hatte Ali noch nie so wütend gesehen. Sein Gesicht war krebsrot, und er schnaubte wie eine Dampfturbine. Umständlich versuchte er, seinen Hosenstall zu schließen.
»-brz-z-ziiep-«, machte es plötzlich.
»Jetzt hör endlich auf mit deinen schwachsinnigen Geräuschen, du unreifer Pickelmilchbubi!«, fauchte Felis.
»Was ’n das?«, fragte Max verdutzt und rückte seine Brille zurecht. »Das war ich nicht!«
Ali wurde kreidebleich. Er schob Max einfach zur Seite und ging zum Pavillon. »Da ... da ist es wieder«, flüsterte er und näherte sich vorsichtig dem Steintisch.
Das Geräusch kam eindeutig aus der Pizzaschachtel. Ali blieb stehen.
Felis hielt den Atem an. Hatte die Schachtel sich gerade bewegt? War da drin was Lebendiges?
Knurrend und mit aufgestellten Nackenhaaren brachte sich Stinker hinter seinem Herrchen in Stellung und verströmte vor Aufregung ein ganz besonderes Aroma.
Die drei Freunde drängten sich um die Monsterpizzaschachtel, und Ali fasste sich ein Herz. Er griff nach dem Deckel der Schachtel. Beugte sich langsam runter und horchte.
Nichts.
Dann zog er die Lasche aus dem Schlitz und hob vorsichtig den Deckel an, Zentimeter um Zentimeter.
Der Deckel ging hoch. Es verschlug ihnen den Atem, und das lag diesmal nicht an Stinker.
»Was ist denn das Endgeiles?«, platzte Max heraus.
Ali sah Felis an und setzte zu einer Erklärung an – als er abermals unterbrochen wurde, von einem dezenten Räuspern hinter ihnen.
Felis fuhr erschrocken herum, Ali ließ die Pizzaschachtel zuklappen. Nur Max wirkte kein bisschen nervös. Auf dem Kiesweg vor dem Pavillon stand ein hagerer, älterer Mann in Kniebundhosen und Gummistiefeln. Über seinem Tweedsakko hing eine Lederschürze, und in der Armbeuge hielt er einen Laubrechen, als wäre er ein Jagdgewehr: Edgar. Felis und Ali kannten den schrulligen Hausdiener schon von früheren Besuchen und Konsolenspiele-Nachmittagen bei ihrem Freund.
»Master Max?« Mit halb geschlossenen Augen nickte Edgar Richtung Pizzaschachtel. Felis sah aus den Augenwinkeln, wie Ali zusammenzuckte, aber sie glaubte nicht, dass der Hausdiener den Inhalt gesehen hatte.
»Ist es erwünscht, die passenden Gerätschaften zum Verzehr dieser Kulinarität in den Pavillon zu bringen? Obwohl ich nicht umhin kann zu erwähnen, dass sich weitaus nahrhaftere Gaumenfreuden kredenzen ließen als diese wohl im eigenen Fett ertränkte Teigwarenmonstrosität. Auch für Ihre jungen Freunde natürlich.« Er nickte den beiden zu, den Rechen immer noch in der Armbeuge.
Ali stand der Mund offen, er hatte kein Wort verstanden. Felis schmunzelte. Edgar wirkte mit seinem affektierten Näseln so hölzern und steif, dass man ihm alles zutrauen würde außer Humor.
Max verzog keine Miene.
»Danke, Edgar, aber wir werden uns auf kürzestem Weg mit unserer Jagdbeute«, dabei zeigte er auf die geschlossene Pizzaschachtel, »in mein Zimmer schlagen, und es wäre echt megahammer, wenn Sie meiner Frau Mutter – Sie wissen schon, sie ist immer so schrecklich neugierig, wenn Freunde hier sind ... Wir wären gerne ungestört, bitte.«
»Sehr wohl.« Die standesgemäß herablassende Miene des Hausdieners blieb steinern wie Granit. Oder war da eine Augenbraue hochgezogen?
»Mega-hammer«, wiederholte Edgar angewidert, als hätte er etwas Ekliges angefasst. »Mega-hammer. Welch entsetzliche Wortwahl. Ihr Wortschatz hätte dringend ein paar Renovierungseinheiten nötig!«
Edgar drehte sich auf den Fersen um, schulterte den Laubrechen und stapfte auf dem Kiesweg Richtung Hausterrasse.
»Danke, Edgar!«, rief Felis ihm nach und drückte mit ihrem Zeigefinger Alis Kinnladen wieder nach oben. Sie mochte den knochigen alten Butler. Die spröde Schale war nur Fassade, der Hausdiener war in diesem kalten Schloss sicher die Person, die den meisten Anteil am Leben des jungen »Masters« nahm, wie er Max zu nennen pflegte.
Und dem alten Fuchs entging nichts. Wie hatte er vom Haus aus die Pizzaschachtel erkennen können?
»Na, dann. Los, Mädels!«, blies Max zum Aufbruch. »Ali, ich will wissen, was das für ein Ding ist und wo es herkommt. Nichts auslassen, hörst du?«
Ali wandte ihm den Rücken zu, klemmte die Pizzaschachtel unter den Arm und folgte Felis und Max betont langsam Richtung Haus.
War das cool? Direkt vor der Schule abgeholt zu werden in diesem abgefahrenen himmelblauen Pizzaexpress-Lieferwagen auf drei Rädern. Megacool! Keine Panik vor dem Heimweg durch das Territorium der doofen Bozos, kein Babysitten, während Mama das Essen richtete.
»Pizza, Pizza!«, rief Dada laut, und Ali musste sich zurückhalten, dass er nicht wie ein kleiner Junge draufloslief.
Dada saß hinter der Lenkstange des zweisitzigen Kabinenrollers, mit schiefem Baskenkäppi und Pizzaexpress-Overall. Er zwinkerte ihm unter seinen buschigen Augenbrauen zu, und unter dem abstehenden, dichten Oberlippenbart blitzte der Goldzahn aus seinem Lächeln.
»Na, wie war’s heute in Schule?«
Ali zuckte nur kurz mit den Schultern. »Okay.« Er fühlte sich sehr erwachsen heute.
»Und, wohin geht’s?«, fragte er betont gelangweilt. Dabei hätte er zerspringen können vor lauter Freude. Aber in seinem Alter war das einfach uncool, und er beherrschte sich.
»Mitten auf die Heldenplatz. Nummer zwölfe, das große neue Bankhaus.« Jovan Patterino drehte den Gashebel auf und reihte den knatternden Pizzaexpress in den dichten Mittagsverkehr ein. Richtung Stadtzentrum.
Ali strahlte übers ganze Gesicht, keine Spur mehr von aufgesetzter Coolness. Er dachte an die Fußgängerzone mit ihren bunten Leuchtreklamen, Tischchen und Sonnenschirmen. Vor allem aber an die große Eisdiele am Eck.
Der Kabinenroller schob sich durch das hektische Verkehrsgewühl, vorbei am Museumsplatz, über den angrenzenden Heldenplatz mit seinen unzähligen Straßenbahn- und Bushaltestellen. Durch den Kreisverkehr, rund um das bronzene Kriegerdenkmal mit der Taubenschissglasur, direkt auf den gläsernen Bankenturm zu, der sich neben dem alten Rathaus über die Dächer der Altstadt erhob.
Die Zweieuromünze fest im Griff, schaute sich Ali noch einmal kurz nach Dada um, der mit einem Achterstapel Monsterpizzen durch die Drehtür der Bank verschwand. Dann steuerte er die Eisdiele neben dem Eckcafé an, mit einem einzigen Gedanken im Kopf:
Nuss-Zitrone!
Die warme Spätsommersonne gab noch einmal ihr Bestes und verwandelte das dichte Menschengewühl und den dröhnenden Nachmittagsverkehr in einen lebensfrohen Groove.
Ein wenig entfernt von dem Getümmel bimmelte eine Straßenbahn.
Sven Horbach war schon über zwanzig Jahre im Dienst des städtischen Verkehrswesens. Seit fünf Jahren fuhr er die Strecke 39, die aus dem Nobelviertel Haideboden ins Stadtzentrum führte.
»Endstation Heldenplatz«, hieß es dann zum zigsten Mal.
Horbach war ein erfahrener, routinierter Fahrer, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte. Bis heute.
Seit sie eingestiegen war, hatte die alte Schachtel mit dem Silberfuchs um ihren dicken Hals den Mund nicht mehr zugemacht. Dass sie sich in die erste Sitzreihe direkt hinter Horbach gesetzt hatte, machte die Angelegenheit noch anstrengender. Als sie dann einen kleinen, rattenähnlichen Miniköter aus ihrer Glitzerhandtasche zauberte, war es aus mit der Geduld des Fahrers.
Seine gerade noch höfliche, aber deutliche Aufforderung, die Straßenbahn an der nächsten Station zu verlassen, da die Stadtbahnen schließlich keine Haustiere transportierten, brachte die alte Dame auf hundertachtzig.
Sie stand auf und plusterte sich neben dem Fahrer als Retterin der armen, unterdrückten Haustiere auf, die um ihre Rechte kämpfen würde.
»Auch Jessica-Schätzchen hat das Recht, die Aussicht zu genießen!« Sie hielt den zerzausten Pinscher vorne an die Scheibe und dokumentierte mit unglaublich schriller Stimme die Sehenswürdigkeiten, an denen die Tramway gerade vorbeifuhr.
»Und das, Jessica-Schätzchen, war das Museum. Der böse Onkel wollte, dass wir da aussteigen, aber Fraulimauli zeigt dir heute den Heldenplatz, da gibt’s dann feines Leckerli. Böser Onkel kriegt kein Leckerli – ist ein gaaaanz, ganz Schlimmer!«
Horbach war knapp davor, die Geduld zu verlieren. Die Alte hielt ihm den glupschäugigen, schielenden Köter mit der rosa Schleife zwischen den Fledermausohren direkt vors Gesicht.
Die Straßenbahn war gerammelt voll, und er wünschte sich nur noch an die Endstation. Als die Nervensäge drohte, sich »an oberster Stelle« über den »bösen Onkel« zu beschweren, mischten sich auch noch drei Punks ins Geschehen ein. Ein piercingübersäter Irokesenkopf mit grün-blau-violetten Strähnen in seinem Hahnenkamm bleckte sein gelbes Gebiss.
»Hey, was geht ab, Zombie? Soll ich die Fusselbürste an die frische Luft setzen?«
Das Gezeter der Lady verstummte kurz und ging dann in einen anschwellenden, vom japsenden Gekläff des Pinschers begleiteten Sirenenton über. Es klang, als würde sich eine ausrangierte Operndiva vergeblich zum hohen C hinaufkämpfen.
Weitere Fahrgäste mischten sich ein. Die einen kommentierten, andere beschimpften Horbach oder die alte Lady, und die drei Punks grölten dazu. Offenbar war jetzt Party angesagt. Einer der drei, ganz in zerschlitztem schwarzem Leder, stolperte auf Horbach zu und ließ sich auf seinen Schoß fallen. Die schwarz geschminkten Augen und die vollen, ebenfalls schwarz angemalten Lippen ließen vermuten, dass es ein Mädchen war. Ein ätzender Geruch von Alkohol, Nikotin, Urin und Patschuli stieg dem Fahrer in die Nase.
»Hey Süßer, geiles Outfit!« Sie schnappte sich die Fahrermütze und stülpte sie sich verkehrt herum auf den Kopf.
»Mach mal die Luke auf, Oberförster … wir wollen Frau Wabbelarsch und ihren Fifi entsorgen!«
Horbach verlor die Beherrschung. »Uuuund Ruuuhe, zum Donnerwetter noch mal! Wir sind hier nicht auf dem Jahrmarkt!«
Mit einem Stoß gegen ihren Rücken beförderte er die Punkgöre Richtung Hundebesitzerin.
»Hinsetzen, alle! Ich ...«
Weiter kam er nicht.
Die Störenfriede starrten wie gelähmt in Fahrtrichtung. Mit weit aufgerissenen Augen verstummte die Hundelady, nur »Jessica-Schätzchen« kläffte immer noch. Eine böse Vorahnung ließ Horbach wieder nach vorn schauen, aber da war es schon zu spät.
Das Firmenlogo auf der Seitenwand des Wäschereilasters kam schnell näher. Berstendes Glas, kreischende Bremsen, das Schmirgeln der blockierten Metallräder auf den Geleisen. Wie ein Keil bohrte sich der Führerstand der Straßenbahn in die Seite des Lastwagens. Krachendes, sich verformendes Blech, herumsausende Splitter, Schreie.
Vor allem Schreie.
Die Straßenbahn schob den umgekippten Lastwagen auf dem Kopfsteinpflaster donnernd vor sich her. Funken stoben immer wieder zwischen schleifendem Blech und Straße, Rauchwolken stiegen auf. Die hintere Ladefront des Lastwagens rammte eine Ampel und wurde aufgerissen.
Fußgänger sprangen zur Seite, Wäschecontainer krachten über den Bürgersteig, überschlugen sich. Wie in Zeitlupe schwebten weiße Wäschestücke durch die Luft, während sich aus einem abgerissenen Hydranten eine gewaltige Wasserfontäne über das rauchende Chaos ergoss.
Der Schock, der Ali durchfuhr, riss ihn acht Jahre zurück. Er sah das brennende Elternhaus, die schreienden Menschen, und er wollte wieder wegrennen – wie damals, als sie von zu Hause fortmussten. Aber hier war kein schützender Wald.
Ein ohrenbetäubendes Krachen donnerte an Ali vorbei, und eine große Kugel Nuss-Zitronen-Eis tropfte über seinen Schuh auf den Bürgersteig. Wäschecontainer polterten auf ihn zu, neben ihm rammten kreischende Autos einander. Eine gewaltige Metallkiste schlug nur wenige Meter von ihm entfernt auf das Pflaster und blieb direkt neben Dadas Pizzaexpress liegen.
Ali hörte nichts mehr.
Vom Himmel schwebten blütenweiße Tücher. Er konnte die Unterseite des umgekippten Lasters sehen, Rauch quoll hervor. Es sah aus, als hätte sich der Laster übergeben und seine Ladung auf den Platz erbrochen. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, ein blutüberströmter Kopf kam zum Vorschein. Der Fahrer versuchte, sich hochzustemmen, rutschte ab und verschwand wieder im Rauch.
Der zur Seite geneigte Straßenbahnwaggon machte den Eindruck, als wolle er sich am hinteren Teil des Lastwagens anlehnen, um sich auszuruhen. Aus den offenen Türen stolperten und krochen Menschen ... blutend, geschockt und planlos. Manche setzten sich einfach auf die Straße.
»Ali, ab in den Wagen und warte da!« Die starke Hand seines Dadas packte ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich. Er sah ihm tief und bestimmt in die Augen. Der Wald. Sie waren im sicheren Wald.
»Ali, hörst du?«
Dann lief sein Vater zu den Wäschesäcken, sammelte Tücher auf, riss sie in Streifen.
Wie ferngesteuert stolperte Ali zum Pizzawagen, während er immer noch auf die Unfallstelle starrte. Da war Dada, wickelte ein weißes Tuch um den blutenden Kopf des Straßenbahnfahrers. Viele Verletzte lagen herum, einige rührten sich nicht.
Und aus dem umgestürzten Wäschecontainer, direkt neben dem Pizzawagen – Ali blieb wie angewurzelt stehen –, da schauten zwei Füße raus.
Ohne Schuhe. Seltsam verdrehte Füße. War das Blut?
Dann wurde der Container plötzlich angehoben, und Ali starrte in ein Paar schwarze Sonnengläser auf fetter, schiefer Nase. Pockennarbiges Gesicht, massives Kinn. Die öligen, streng nach hinten gekämmten Haare wurden von gewaltigen Koteletten ergänzt, die fast bis zu den Mundwinkeln reichten. Eine einzelne, fettige Locke hing in die fliehende Stirn.
Der Mann trug einen schwarzen Anzug und schwarze Handschuhe.
Hinter dem Container kam noch so ein Typ zum Vorschein, auch im Anzug, ziemlich blass und viel schmächtiger als der andere, mit ganz kurzer Bürstenfrisur. Seine großen, abstehenden Ohren leuchteten in der Nachmittagssonne. Als die beiden den Container endlich aufgestellt hatten, waren die verdrehten Füße verschwunden.
Alis Herz pochte. Er senkte den Blick und ging weiter Richtung Pizzaexpress, als hätte er nichts gesehen. Keine Füße.
Der Wäschecontainer rollte los, aber nicht Richtung Lieferwagen. Ali schaute kurz auf. Die beiden Typen schoben das Ding in eine Hofeinfahrt. Als Ali einen Schritt vorwärts machte, stieß er sich den Fuß an etwas Hartem, Schwerem. Vor ihm lag eine silberfarbene Schüssel mit komischen Gravuren drauf. Und – was war das?
Aus der Mitte der Schüssel starrte ihn ein Auge an. Es drehte kurz die Pupille, starrte ihn noch einmal an und verschwand. Die Schüssel glänzte und blitzte, und irgendwie strahlte sie ... Ali war wie hypnotisiert. Geschockt. Gehörte das alles zu einem abartigen Film, der da lief? Träumte er das alles? Wie in Trance hob er die Schüssel auf. Sie fühlte sich warm an. Er sah die Pizzakartons im offenen Laderaum direkt neben sich. Und als er die Laderaumklappe zudrückte, hatte er keine Ahnung, warum er das getan hatte.
Er hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der nächste Schrecken durchfuhr ihn, als er sich umdrehte. Der blasse Typ mit den abstehenden Ohren stand keinen Meter entfernt vor ihm und knarzte mit seinen Handschuhen. Sein Grinsen entblößte messerscharfe Schneidezähne, und die dunklen, violetten Adern an seinen Schläfen pochten. Seine Haut war blass, fast durchscheinend.
Ein Vampir, fuhr es Ali durch den Kopf. Die Sirenen der Einsatzfahrzeuge übertönten alle anderen Geräusche auf dem Platz.
Der Mann im Anzug beugte sich runter zu Ali, bis der den Knoblauch in seinem Atem riechen konnte. Der Typ spitzte seine schmalen Lippen und hob den Zeigefinger an den Mund. «Pschschschschscht ...« Dann verschwand er im Menschengewühl.
Das Sirenengeheul steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Gejaule, als die Einsatzfahrzeuge mit quietschenden Reifen den Platz erreichten. Das rote und blaue Aufblitzen der Einsatzlichter schimmerte durch den Rauch der Unfallstelle.
Kurze Zeit später saß Ali im Kabinenroller, und sein verschwitzter und blutverschmierter Vater tauchte auf. Ein Polizist wies ihn unfreundlich an, mit der Schrottkiste endlich wegzufahren. Dada stieg wortlos ein, schüttelte den Kopf und ließ den Uniformierten in einer blauen Rauchwolke stehen.
Wassil wischte sich den Schweiß vom Oberlippenbart und fingerte eine Zigarette aus der Brusttasche. Sein nicht mehr ganz weißer Laborkittel war an Schultern und Ärmeln aufgerissen.
Seit Stunden wartete er in diesem überheizten, versifften Motelzimmer an der Umgehungsstraße. Er saß auf einer fleckigen Couch, die nach Mottenkugeln und Desinfektionsmitteln roch, und starrte die gegenüberliegende Wand an. Viel gab’s nicht zu sehen: kaffeesudbraune Tapeten, eine nikotinvergilbte Stehlampe. Schmutzige Jalousien verdunkelten das Zimmer.
Ab und zu flackerte die defekte Leuchtschrift vor dem Fenster auf und warf einen roten Lichtschein auf die halb leere Wodkaflasche und den übervollen Aschenbecher. Der Fernseher lief ohne Ton und spiegelte sich in der Glasplatte des Couchtisches.
Wassil nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche und starrte mit glasigen Augen auf das Display seines Mobiltelefons.
Seit drei Stunden wartete er auf den Anruf. Das Telefon hatte er vom Doktor, das war abhörsicher. Warum meldete er sich nicht wie vereinbart? Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Der Fernseher zeigte Bilder von irgendeinem Straßenbahnunfall in der Innenstadt. Wassil griff wieder nach der Wodkaflasche.
Er hatte sich so viel Mühe gegeben mit dem Sperrcode und den Überbrückungen der Energieleitung. Es hätte den aufgeblasenen Professor zum Platzen gebracht wie ein Ei in der Mikrowelle. Alles perfekt eingefädelt. Der Fehler hätte eindeutig beim Alten gelegen – er hätte sich selbst gegrillt und den pickeligen Affenheini in ’ne andere Dimension geschickt.
Aber der alte Besserwisser musste ja im letzten Moment den Ablauf ändern. Da hieß es für Wassil: improvisieren! Rasch handeln und ein zusätzliches Paket aus diesem Pickel-Pit schnüren …
Beim Gedanken daran, wie er den blutüberströmten Assistenten in den Wäschecontainer hatte stopfen müssen, schnürte es ihm die Kehle zu. Er hatte das allgemeine Chaos genutzt und die Pakete – so wie vereinbart – im Schmutzwäschecontainer zur hinteren Laderampe gestellt. Dann die Befragung durch die zwei eifrigen Bullen, ein perfekt inszenierter Schwächeanfall, und die Sanitäter waren zur Stelle. Im Ambulanzwagen ins Krankenhaus und dann ab durch die Hintertür und mit dem Taxi hierher. Seine Abwesenheit im Krankenhaus war sicher längst aufgefallen, aber deshalb würde niemand gleich Verdacht schöpfen … Der Auftrag war gelaufen, das Blut abgewaschen, und Wassil hatte es überstanden. Jetzt wollte er die Früchte ernten für all die Mühe, die er auf sich genommen hatte. Ein neues Leben beginnen.
Warum läutete das verdammte Handy nicht.
In zwölf Stunden würde er in der ersten Klasse sitzen, unterwegs nach Rio. Und wenn ihm die hübsche Stewardess Getränke anbot, würde er mit einem weltmännischen Lächeln einen Moskovskaya ordern. Nicht so einen billigen Fusel wie den hier, was war das überhaupt?
Und wenn ihm die Polizei auf der Spur war? Unmöglich – er hatte nichts übersehen! Sein Puls beschleunigte sich, seine Hände begannen zu zittern. Er sah wieder auf sein Handy, nahm einen Schluck aus der Flasche und inhalierte noch einen tiefen Zug, bevor er den Zigarettenstummel in den übervollen Aschenbecher drückte.
Er musste husten und klopfte sich auf die Brust. Als sein rasselnder Atem sich wieder beruhigt hatte, stemmte er sich von dem Sofa hoch und wankte ans Fenster. Er drückte sich an die Wand, bog die Jalousienblätter auseinander. War da draußen jemand? Wurde er beobachtet? Zumindest stand kein Auto auf dem Parkplatz.
Plötzlich fuhr er herum. Aus dem Telefon dudelte die Titelmelodie einer Kinderserie, flach und elektronisch verzerrt. »Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maajaaa. Kleine, schlaue, freche Biene Maajaa ...«
Wassil stürzte zum Tisch und griff nach dem Handy.
Noch vor Ende des Refrains hielt er das Ding mit zitternden Fingern an sein Ohr.
»Hall-lo?« Er bemühte sich, entspannt zu klingen, aber Angst schnürte ihm die Kehle zu.
»Wassil, mein Bruder«, erklang eine sonore, ölige Bass-Stimme aus dem Hörer.
»Doktor!«, entfuhr es Wassil erleichtert. »Ich warte schon seit drei Stunden! Wann kann ich hier weg?«
»Wassil, ich war immer gut zu dir. Du hast bekommen, was du gebraucht hast, und ich habe dir vertraut. Warum machst du das mit mir?«
Wassils Knie gaben nach. »Aber, Doktor, ich ... «
»Warum machst du mich wütend?«
»Aber es lief doch alles, wie ausgemacht? Das mit dem zweiten ... Wäschestück, das war natürlich nicht geplant, aber ich habe Ihnen doch Bescheid gegeben und beide Pakete in die Schmutzwäsche ...«
»Beide?«, unterbrach die dunkle Stimme und klang nun etwas lauter. »Ich entsorge dir deine Schmutzwäsche, und du hältst dich nicht an unsere Abmachung! Wo ist MEIN Paket?«
Der Schweiß auf Wassils Stirn fühlte sich plötzlich kalt an. Wassil brachte keinen Ton heraus, wollte aufspringen, doch die Beine versagten ihm den Dienst. Er wollte schwören, auf alles, was ihm heilig war. Er wollte ...
»Hör zu, mein Freund. Wir werden uns in aller Ruhe unterhalten.« Die Stimme am anderen Ende klang nun wieder besonnen und gefasst. »Erhol dich erst mal ein wenig. Du hast in den letzten Stunden viel durchgemacht.«
»Aber, Doktor, ich muss doch ...« Wassil piepste wie ein verängstigter Kanarienvogel. Seine Hand zitterte, und das Handy schlug gegen sein Ohr. Im anderen Ohr pochte es. Der Schweiß rann in Strömen.
»Du musst erst mal zu Kräften kommen und brauchst einen kühlen Kopf. Schlaf dich aus. Fritz holt dich morgen ab, dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten.«
»Aber ...«
»Ich weiß, wo du bist«, unterbrach ihn der Doktor. »Mach dir keine Sorgen. Bleib, wo du bist, dann passiert dir nichts«.
Klick.
Wassil stand mit weichen Knien vor dem Glastisch. Er legte das Handy hin, starrte aufs Display. Es pochte wild in seinen Ohren. Was war schiefgegangen? Starke Übelkeit stieg ihm aus dem Magen hoch.
Er griff zur Flasche, leerte sie in einem Zug und ließ sich aufs Sofa fallen. Sein Körper war schwer wie Blei, aber in seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander wie Wäsche in einer riesigen Waschmaschine, voller Schmutz, voller Blut. Irgendwann zog ihn der Wodka in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.
Als er mit seiner Erzählung fertig war, zog Ali die Monsterpizzaschachtel vorsichtig zu sich, als wäre ihr Inhalt zerbrechlich. Oder gefährlich. Felis und Max warteten gespannt.
»Ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen, wie das war. Ich wollte das Ding nicht mitnehmen, aber ...«
Alis Finger kratzten an der Kartonlasche der Pizzaschachtel, hielten sie immer noch geschlossen. Nervös kaute er an seiner Unterlippe.
Felis und Max sahen einander an. Ein Auge, das ihn angeschaut hatte? Aus einer metallenen Schüssel? Der »Vampir« mit den abstehenden Ohren und die verdrehten Füße im Wäschecontainer? Das klang nach Horrorfantasy. Aber die beiden zwielichtigen Anzugtypen, die an der Unfallstelle Wäschecontainer durchsuchten? Vielleicht hatten die ja genau das gesucht, was jetzt in Max’ Zimmer auf dem Couchtisch lag.
Ali öffnete die Schachtel.
