Zerbrochene Seelen - Kim Mevo - E-Book

Zerbrochene Seelen E-Book

Kim Mevo

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Beschreibung

Carlys Teenager-Welt bricht zusammen, als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt. Während die sechzehn-Jährige ohnehin von Schuldgefühlen geplagt wird, meldet sie ihr Vater auch noch bei einer mysteriösen Militär-Akademie an. Carly fühlt sich von ihrem Vater verstoßen und hatte für ihr Leben eigentlich ganz andere Pläne. Ihr Vorhaben, sich schnell von der Akademie suspendieren zu lassen, gerät ins Wanken, als sie ihren Sandkasten Freund Tate wieder trifft und sich in ihn verliebt. Carly stößt auf eine Serie spurlos verschwundener Adoptivkinder und auf eine Organisation, die mit diesen Kindern ein tödliches Geschäft betreibt. Dabei gerät Carly selbst in große Gefahr und stößt auf Wahrheiten mit katastrophalen Folgen.

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kim Mevo

Zerbrochene Seelen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Dezember 1998

Sie saßen in einem grauen Raum, mit großen Möbeln, die zum größten Teil alle aus Metall waren. Der Raum war ungemütlich und Dennis fühlt sich nicht sonderlich wohl, als er nun auf einem der Sessel gleich vor dem Schreibtisch der Einrichtungsleitung  saß. Er klammerte sich an sein rotes Spielzeugauto mit schwarzen Rallaystreifen, als könne es ihn davor bewahren in ein Loch zu fallen. Die Leiterin der Einrichtung sah ihn streng über den Rand ihrer Brille an. Er knabbert nervös an den Fingernägeln seiner kleinen, rauen Hände.

Nicht nur der Raum machte ihn nervös, sondern auch das nette Lächeln des Paares, das am Rand des Raumes platz genommen hatte. Dennis war es nicht gewohnt, so nett angesehen zu werden. Seine eigene Mutter hatte immer kaum einen Blick für ihn übrig gehabt, nur wenn sie ihn geschlagen hatte. Und selbst die Leute die ihn in seinem Leben angesehen hatten, lächelten immer nur aus Höflichkeit, nie aufrichtig. Es war immer falsch und gelogen. Immer passierte nach diesem Lächeln etwas schlimmes, sodass Dennis nun immer ein Schauder über den Rücken lief, wenn er angelächelt wurde.

Er hatte das Paar schon kommen sehen, die beiden in ihrem teuren Auto und hatte nicht damit gerechnet, dass sie ausgerechnet ihn aussuchen würden. Warum auch? Hier waren noch so viele andere Kinder. Welche die viel netter aussahen als er. Welche, die nicht so viele Probleme hatten und sich nicht ständig prügelten. Welche, die nicht ständig angemotzt und ausgeschimpft wurden, weil sie mal wieder ein anderes Kind gebissen oder geschlagen hatten. Er verstand es nicht und es machte ihm Angst, wieder wo anders hinzumüssen.

Das wäre nun sein vierter Umzug in diesem Jahr und es war gerade erst Herbst. Auch sie würden ihn weg geben, da war er sich sicher. Keiner wollte ihn haben. Selbst die Leute aus den Heimen, in denen er bisher war, waren immer froh, ihn loszuwerden. Sie verabschiedeten ihn immer mit einem Lächeln, aber Dennis hatte sie zuvor immer tuscheln hören.

Furchtbar, Julia hat ihren Bluterguss noch immer. Aber ich habe ihr versprochen, dass er bald weggeht. Gott sei Dank!- Und genau das hatte Julia, ein Mädchen aus der vorigen Einrichtung, ihm auch Tage zuvor auf die Nase gebunden. Bald bist du endlich weg!, sagte sie gehässig Dann kannst du hier keinem mehr wehtun. Aber so war es eben, Erwachsene logen. Damit hatte sich Dennis schon lange abgefunden.

Mistress Parker, die Leitung des Arch Orphin, fühlte sich etwas beklommen, als sie den kleinen Jungen mit den wuscheligen, braunen Haaren und dem schmuddeligen Aussehen musterte. Sie hatte dem Paar nicht die ganze Wahrheit gesagt, als es mit der Bitte zu ihr kam, ihnen ein Kind zu vermitteln. Sie hatte Dennis als auffällig und mit einer Bindungsschwäche beschrieben, obwohl Dennis mehr als auffällig, eher aggressiv und geradezu bindungsgestört war, sogar bindungsunfähig. Etwas, das sich wohl nie beheben lassen würde. Dafür war er mit seinen sieben Jahren schon zu alt.

Der Weg über die Ämter ist ein langer. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass das Paar froh sein soll, endlich ein Kind haben zu dürfen. Das war heute nicht mehr so einfach, obwohl es unzählige Kinder gab, die ein neues Zuhause

brauchten. Doch die Zahlen misslungener Vermittlungen, waren dafür einfach zu groß.

Dennis wich ihrem Blick immer aus. Mistress Parker schob ihre Brille in eine bequemere Position und faltete ihre Hände auf den Papieren zusammen. „Dennis, das sind Mistress und Mister Reacher. Sie sind heute hier, weil sie gerne ein Kind adoptieren möchten.“

Dennis sah aus dem Augenwinkel zu dem Paar rüber. Seit er den Raum betreten hatte, hatte er sie nicht ein Mal direkt angesehen. Doch das Paar schien geduldig zu sein und lächelte weiterhin freundlich.

Mistress Reachers Hände lagen auf ihrem Schoß, während sie beinahe kerzengerade auf dem Stuhl saß. Ihre rotblonden Haare waren zu einem strengen Zopf gebunden. Sie wirkte, ebenso wie ihr Mann, ein wenig bieder und spießig. Mister Reacher trug über seinem hellblauen Hemd einen grauen Pullunder, der ihn in Kombination mit seiner Brille wie einen Lehrer wirken ließ.

„Dennis." Auch Mistress Parker lächelte nun freundlich.

Dennis erinnerte sich an das falsche Lächeln, das ihm bisher immer geschenkt worden war. Es war genau das gleiche. „Möchtest du ein schönes Heim haben?“, fragte Mistress Parker nun. Dennis zuckte die Schultern. Wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Was war schon ein schönes Heim?

-Das hier war es nicht und die Heime zuvor auch nicht. War das, wo die Leute her kamen auch ein Heim? Wurde er in das nächste Waisenhaus vermittelt?

„Wir haben Hunde“, bemerkte Mistress Reacher nun. „Magst du Tiere, Dennis?“

Bei dem Klang seines Namens aus ihrem Mund, schauderte es ihn. Es war, als würde er im Dunkeln eines Kellers stehen und wüsste, dass gleich das Monster aus der Ecke kriecht. Es würde seine Klauen in ihn jagen und ihn fressen. Er wollte nicht hier sein. Warum konnte er nicht einfach nach Hause gehen? Zurück zu seiner Mutter. Sie schlug ihn doch nur, weil er nicht gehört hatte.

Wenn er die Chance dazu hätte, würde er ihr jetzt sofort versprechen, dass er ihr das Bier das nächste Mal schneller aus dem Kühlschrank holt, dass er den Müll nicht mehr umstößt, der neben der Toilette gestapelt lag und dass er den Fernseher nie wieder so laut macht, wenn sie sich am Tag zum Schlafen hinlegt, wenn er nur mit diesen Leuten nicht mit gehen musste. Er würde alles tun, um zurück nach Hause zu dürfen.

Er fühlte sich wohl in der kleinen Wohnung, in der überall der Müll lag, weil der Mülleimer überquoll und seine Mom keine Lust hatte, bis in die Küche zu gehen, geschweige denn draußen an die Mülltonnen. In der die Zeitungen auf dem Boden auslagen, weil seine Mom manchmal nicht zur Toilette kam. Das passierte ihr öfter, wenn sie ihre Medizin spritzte. Aber das war gar nicht schlimm für ihn.

Seine Mom sagte immer, als er noch klein war, hat sie seine Scheiße auch immer weg machen müssen. Und damit hatte sie ja auch recht. Dennis antwortete nicht. Mistress Parker lächelte etwas verunsichert. „Hör mal, Dennis, wenn du mit Familie Reacher mitgehst, dann hast du ein tolles eigenes Zimmer mit einem großen Bett.“

Dennis mochte sein altes Bett. Es war eine Matratze, die neben der Couch auf dem Boden lag und nach Urin stank, aber sie war gemütlich. Und er war bei seiner Mom.

Es klopfte an der Tür. Mistress Parker sah auf, fast machte es den Eindruck, als sei sie darüber erleichtert, dass es klopfte. Die Stimmung im Raum war reichlich angespannt. „Herein!“, rief sie höflich und lächelte, als nun die Dame vom Jugendamt den Raum betrat. Die sah sich um und zupfte etwas nervös an ihrem Blazer. „Die Verspätung tut mir wirklich leid. Der Verkehr um diese Zeit ist eine Zumutung.“

Sie begrüßte zuerst Familie Reacher, dann Mistress Parker und Dennis. Sie nahm gleich neben ihm Platz. „Dennis, schön dich zu sehen. Ist es nicht toll, dass wir eine nette Familie für dich gefunden haben?“

Dennis sah auch sie nicht an. Er blickte starr vor sich auf den Boden. Miss Tenner, die Mitarbeiterin des Jugendamtes, warf Mistress Parker einen verunsicherten Blick zu. „Also, wie weit sind wir?“

„Vorstellung“, sagte Mistress Parker knapp und nickte Mister Reacher zu. „Sie sind sicher...“

„Ohne jeden Zweifel“, sagte dieser nun mit tiefer Stimme und sah Dennis zufrieden an. „Es wird seine Zeit dauern, aber ich bin mir sicher, dass wir uns toll ergänzen und eine wunderbare Familie werden.“

Mistress Reacher nickte zustimmend. Alle Beteiligten schienen einverstanden. Alle außer Dennis. Doch er war machtlos dagegen, dass nun alle ein Formular ausfüllten, das über sein Leben bestimmte. Er war gezwungen sich seinem Schicksal zu fügen.

2

Heute

Sie saß auf der untersten Stufe der Treppe, neben der sich gleich das Büro ihres Vaters befand. Er telefonierte, seine Stimme so leise, dass Carly es kaum verstehen konnte.

Ihr Rücken lehnte an dem hölzernen Treppengerüst und sie starrte zu den vielen Bildern auf, die wie eine Art Galerie den Flur zierten. Bilder zu Zeiten, zu denen noch alles in Ordnung war. Bilder ihrer Eltern, Bilder von Freunden der Familie, Bilder ihrer Tante mütterlicher Seite und Bilder von ihr. Ein paar Bilder ihrer Großeltern und ihres Onkels aus Anchorage.

Ihr Blick blieb an dem Bild hängen, auf dem sie ein Ballkleid trug. Ihre Eltern stolz links und rechts neben ihr positioniert, beide eine Hand auf ihren Schultern. Tränen brannten in ihren Augen. Die Aufnahme lag erst wenige Wochen zurück. Es war der Spring-Ball, der Erste, zu dem sie von einem Jungen ausgeführt werden durfte.

Ihr rotblondes Haar trug sie zu einem lockeren Zopf zur Seite geflochten. Das schöne Kleid aus cremefarbenem Satin hatte nur einen breiten Träger, der elegant über ihrer Schulter lag und ihren schlanken Hals betonte. Sie hatte ihren Vater nie wieder so lächeln sehen. Nicht seit dem Unfall.

Carly gab sich selbst die Schuld daran. Wäre sie selbst gefahren, wäre das alles nie passiert. Und sie war sich sicher, dass auch ihr Vater ihr dafür wohl die Schuld gab. Hätte sie nicht mitten in der Nacht angerufen und darum gebeten abgeholt zu werden, wäre ihre Mutter kein Auto mehr gefahren. Sie wäre nicht von einem anderen Wagen gerammt worden, der bei Rot über die Ampel gefahren war.

Sie erinnerte sich daran, wie ihr ihre Mom zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gab, ehe Carly zu dem Ball aufbrach, ihr sagte wie lieb sie Carly hatte und dass sie wunderschön war. Es war Carly damals etwas peinlich vor dem Jungen gewesen, heute ärgerte sie sich über diese Art von Gefühlen. Hätte sie doch nur eher gewusst, dass dies der letzte liebevolle Kuss ihrer Mutter war.  Stumme Tränen rannen über ihr Gesicht und tropften auf ihren dünnen Pullover.

Würde ihr Vater Carly nicht die Schuld geben, würde er sie jetzt nicht weg schicken. Doch er hatte sie seit jener Nacht nicht mehr ansehen können. Er war zu wütend, dachte Carly. Er hasste sie dafür, dass sie ihm das wertvollste in seinem Leben genommen hatte.

Sie erinnerte sich an die furchtbare Nacht, in der sie frierend vor der Schulaula gewartet hatte, dass ihre Mutter sie abholen kam. Doch sie kam nie an. Erst zwei Stunden später kam ihr Vater und schon da hatte Carly gewusst, das etwas nicht stimmte. Als sie eingestiegen war, hatte er kein Wort mit ihr geredet und war einfach stumm los gefahren.

„Wo ist Mom?“, wollte Carly wissen.

Doch er antwortete nicht. Also hatte sie ebenfalls nichts mehr gesagt, bis sie das Krankenhaus erreichten und Carly eine böse Gewissheit erlangte, die sie schon quälte, seit sie wusste, dass ihre Mutter nicht pünktlich kam.

Im Krankenhaus kämpfte man um ihr Überleben, als Carly und ihr Vater ankamen. Sie hatten schweigend im Warteraum gesessen.

Erst als ihre Tante Rachel kam und Carly in den Arm nahm, begann Carly laut zu weinen. Doch vor ihrem Vater hatte sie zuvor nicht geweint. Sie hatte keine Schwäche gezeigt, denn sie wusste, das er so etwas nicht mochte. Im Militär weinte man auch nicht. Man zeigte keine Schwäche, sagte er Carly immer. Und auch als ihre Tante da war, weinte Major Gereral Avery Havering nicht. Auch als Rachel Avery in den Arm nahm, weinte er nicht. Er saß stumm da und sah auf den Tisch im Warteraum, auf dem sich Zeitschriften stapelten. Fast so als studiere er der Reihe nach ihre Namen.

Selbst als sie Carlys Mutter beerdigten, weinte er nicht. Doch während der Trauerfeier sperrte er sich viele Stunden in seinem Büro ein, fast so lange, bis alle Gäste weg waren.

Tante Rachel nahm alle Beileidsbekundungen an und bedankte sich für das Erscheinen der Gäste. Das machte Carly wütend. Auch sie trauerte um ihre Mutter und auch Tante Rachel, die jüngere Schwester ihrer Mutter. Doch ihr Vater ließ sie damit alleine, so als würde es nur ihm schwer fallen, Abschied zu nehmen. Die vielen Gäste aushalten zu müssen und gezwungen zu sein, diese unabänderliche Tatsache akzeptieren zu müssen, dass sie für immer weg war.

Ihr Magen fühlte sich schwer, als Carly den Kopf hob. Ihr Vater hatte das Telefonat beendet. Es ging um einen Auftrag im Ausland. Nur wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter ging er wieder arbeiten. Weit weg.

Und auch sie war bald weg. Als wäre das nicht schlimm genug, wusste Carly, dass sie nie wieder in dieses Haus zurück kommen würde. Ihr Vater hatte sich ein anderes Haus gekauft, in einem anderen Bundesstaat. Schon morgen würde die Firma kommen, die hier alles ausräumte und die meisten Sachen in das neue Haus brachte. Vielleicht würde Carly das Haus ja noch mal von außen sehen, wenn sie Tante Rachel im Nebenort besuchte. Der Gedanke tröstete Carly allerdings nicht sonderlich.

Er nahm ihr alles weg. Ob er sie damit bestrafen wollte? Er schickte sie auf eine Militärschule weit weg von ihm, er verkaufte das Haus. Und Carly blieb nichts mehr. Es war praktisch so, als hätte sie mit ihren sechzehn Jahren beide Elternteile verloren.

Gleich würde sie Conleth abholen, ein guter Freund ihres Vaters, der lange mit ihm gemeinsam in einer Einheit gedient hatte.

Conleth und seine Familie waren früher oft zu Besuch gewesen, oder sie hatten ihn und seine Familie besucht. Sie wohnten gut vierzig Autominuten entfernt, trotzdem waren sie jedes Wochenende zusammen. Auch von ihnen gab es viele Bilder in der Galerie. Bilder beim Grillen, beim Schwimmen. Bilder wie Carly mit Conleth Sohn Tate im Garten spielte und Fallen bauten. Oder wie sie versuchten Tate´s Hund zu dressieren und ihm Kunststücke beizubringen. Doch seit Conleth und seine Familie vor sieben Jahren weg gezogen waren und Tate auf die Militärschule gegangen war, hatte sie ihn nur noch ein mal gesehen.

Damals war er ihr bester Freund. Sie hatten alles miteinander geteilt und sich alles erzählt. Das einzige Wiedersehen lag ebenfalls schon fünf Jahre zurück, damals war ihr Vater fünfunddreißig geworden.

Sicher hatte sich Tate sehr verändert, besonders durch die strenge Schule, zu der er ging. Die, die auch Carly bald besuchen würde.

Ihre Mom würde das nicht wollen. Das hatte Carly in einem Streit vor Kurzem auch zu ihrem Vater gesagt, als sie erfuhr was er vorhatte. Hasste er sie so sehr, das er nun strategisch ihren Untergang plante? So fühlte es sich jedenfalls für Carly an.

Der einzige Trost, den das Ganz hatte, war dass sie Tate wieder sehen würde. Aber sicher würde es ganz anders sein ihn wieder zu sehen, davon war Carly überzeugt. Zu viel Zeit lag zwischen ihren Kindertagen und heute. Wenn sie jetzt zu dieser Schule gehen würde, hatte sie nichts mehr.

Nicht das sie hier in ihrem Heimatort derzeit viel mehr hatte. Ihre eigentlichen Freundinnen hatte sie in den letzten Wochen, seit dem Tod ihrer Mutter, gemieden. Carly wollte keine Mitleidsbekundungen, keine Beileidsprüche, kein Es tut mir so leid, das mit deiner Mom. Und sie wollte auch nicht darüber reden müssen, wie es ihr geht. Das wollte sie auch nicht, als ihre Tante Rachel sie zu einem Psychologen schickte, mit dem Carly über den Tod ihrer Mutter reden sollte. Vielleicht hatte sie, was das anbelangte, doch mehr von ihrem Dad, als sie zugeben wollte. Von dem Vater, der sie nun mehr zu hassen schien, als alles andere.

3

Februar 1999

Das Paar saß dem blonden Mädchen gegenüber. Es lächelte sie nett an. Mister und Mistress Pearl, rief sie sich in Erinnerung. Zoe wurde es etwas mulmig zumute. Irgendwie waren ihr diese Leute unheimlich. Der Mann beugte sich etwas vor, der Teddybär, den er mit gebracht hatte, saß zwischen ihnen auf dem Tisch.

Mister Pearl wirkte, als würde er ein Kostüm tragen. Seine dunkelblonden, gut geschnittenen Haare, seine schwarze Strickjacke über seinem Polohemd. Es sah aus, als gehöre es nicht zu ihm. Das Bild passte nicht, auch wenn sich Zoe das nicht so recht erklären konnte. Er wirkte viel zu steif.

„Zoe, sicher möchtest du ein schönes zu Hause, so wie es viele andere Kinder auch haben, richtig? Wir können dir alles geben, wovon du träumst. Ein großes Zimmer mit Prinzessin Bett, jeden Tag deine Lieblingsgerichte“, er sah zu seiner Frau. „Mey liebt es zu kochen, richtig?“

Die Frau nickte. Ihre blonden, streng zurück gebundenen Haare, ließen sie weniger liebevoll wirken, als sie sich gab. Zoe war sich nicht sicher, ob sie das wollte. Eigentlich fühlte sie sich in dem Waisenhaus ganz wohl. Sie war schon viele Jahre dort, denn kein Paar wollte ein aggressives Mädchen wie sie haben.

Zoe hatte hier viele Freunde gewonnen, trotz ihrer häufigen Wutausbrüche. Und obwohl viele von denen, an die sie sich immer gerade gewöhnte, gingen, wollte sie hier bleiben. Das hier war das einzige, was sie richtig kannte. Sie war drei Jahre alt, als man sie vor drei Jahren aus ihren zu Hause raus holte.

Sie erinnerte sich kaum an ihre Mutter, die nun schon seit langem, so wie Zoe es bei Gesprächen der Erwachsenen gehört hatte, in einem Bundesgefängnis saß. Wenn Zoe nach ihrer Mutter fragte, so antwortete man ihr nur, das ihre Mom irgendwo ist, wo sie wichtige Dinge für ihr Leben lernt. Wo sie lernt, sich zu bessern.

Ihren Vater kennt Zoe gar nicht. Auch das Jugendamt wusste nicht, wer ihr Vater war.

Mistress Pearl schob den Teddybär bei Seite. Obwohl sie versuchte locker zu wirken, sah sie aus, als hätte man ihren Rücken an ein Brett gefesselt, so steif saß sie da.

„Zoe, wir werden dir das geben, was du brauchst. Du möchtest doch, das es dir gut geht, richtig?“

Zoe nickte automatisch.

„Also möchtest du natürlich mit uns kommen, stimmt´s?“ fragte sie weiter.

Wieder spürte Zoe, wie sie nahezu mechanisch nickte, obwohl sie ihrem Körper nicht befohlen hatte, sich zu bewegen. Mister und Mistress Pearl schenkten einander ein kühles Lächeln.

Dann ging alles ganz schnell. Sie sprachen mit dem Leiter der Einrichtung und der Dame vom Jugendamt. Dann wurden ihre kleine Tasche und ihr Rucksack schon in das luxuriöse Auto des Paares verstaut.

Als Zoe auf dem Rücksitz saß, entdeckte sie ein kleines, rotes Spielzeugauto, mit schwarzen Rallaystreifen, das auf dem Boden lag. Den Teddybären setzte Mistress Pearl neben sie auf den Sitz, schnallte Zoe an und warf die Tür zu. Sie unterhielten sich ein letztes Mal mit den anderen Erwachsenen, ehe die Reise los ging.

Zoe war zum Weinen zumute. Sie wollte nicht gehen. Das Paar machte ihr Angst. Hilflos sah sie, wie das Waisenhaus immer kleiner in ihrem Sichtfeld wurde und ganz verschwand, als sie in eine andere Straße einbogen.

Mistress Pearl warf ihr über den Rückspiegel ein kaltes Lächeln zu, das Zoe tiefer in ihren Sitz rutschen ließ. Sie wusste, das gerade etwas Schreckliches passiert war. Es war, als habe sie das Monster unter ihrem Bett gerade an den Knöcheln gepackt und zog sie nun langsam zu sich in die Dunkelheit. Und sie konnte nichts dagegen tun. Nicht mal schreien.

4

Heute

Carly blickte auf, als ihr Vater nach vielen Stunden das Arbeitszimmer verließ. Er blieb an der Treppe stehen, ohne sich zu ihr herum zu drehen, oder sie anzusehen.

„Conleth wird in einer guten halben Stunde eintreffen. Du solltest deine Koffer schon mal runter holen.“

Carly nickte stumm. Hatte er so wenig für sie übrig, das er ihr nicht mal jetzt in die Augen sehen konnte? So kurz bevor sie ihn verlassen würde? Würde es keinen Abschied geben?

Carly biss sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe. Dann stand sie auf und stieg mühselig die Treppen hinauf. In ihrem leeren Zimmer sah sie sich um. Was sie in ihrem Koffer nicht mit nahm, war nun in Kisten verstaut worden. Sie würden in das neue Haus gefahren werden, wenn die Firma am nächsten Tag kam.

Carly sah sich wehmütig im Raum um. Dann setzte sie sich auf den Boden, wo zuvor ein großer Teppich gelegen hatte und begann leise zu weinen. Wenn ihre Mutter jetzt da wäre, würde sie niemals zulassen, dass er Carly weg schickte.

Sie sah zu einer der Wände, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter bemalt hatte. Kopfschüttelnd und weinend zog Carly die Knie an die Brust. Sie wollte nicht weg gehen. Sie wolle nicht in diese blöde Schule, von der ihr Vater schon immer geschwärmt hatte.

„Du solltest Tate sehen. Er ist richtig erwachsen geworden, seit er dort zur Schule geht“, hatte er geschwärmt.

„Er wird mal ein guter General und viel Geld verdienen.“

Was kümmerte es Carly schon. Sie wollte nie so einen Job ausführen. Sie war sehr sportlich, ja. Aber sie hätte lieber so etwas wie Personal Trainer gemacht, an einer Hochschule Sport studiert. Oder Sportlehrerin.

Doch ihr Vater hatte andere Pläne für sie. Es kümmerte ihn gar nicht, was Carly wollte. Und das machte Carly wieder wütend. Sie schöpfte aus der Wut nun die Kraft aufzustehen und ihre Koffer hoch zu hieven, um sie in den Flur runter zu tragen.

Als sie den letzten Koffer abgestellt hatte, hörte sie ihren Vater in der Küche. Etwas klirrte und ging zu Bruch. Carly folgte dem Geräusch und blieb schließlich in der Tür stehen. Überrascht, vielleicht auch etwas peinlich berührt.

Ihr Vater stand an der Arbeitszeile. Sein Kaffeebecher lag zersprungen am anderen Ende des Raumes auf dem Boden. Der Kaffee floss in Rinnsalen über die Fugen der Fliesen.

Ihr Vater sah nicht auf, als er Carly bemerkte.  Aber das brauchte er auch nicht, damit Carly erkannte, dass er geweint hatte.

Unsicher blieb sie in der Tür stehen, fühlte sich mit einem mal hilflos. So hatte sie ihren Vater noch nie gesehen. Keiner sagte etwas und die Sekunden schienen sich wie Kaugummi zu ziehen.

Dann atmete er schwer durch und schüttelte den Kopf. „Ich ... es tut mir leid.“

Carly war sich nicht sicher, was er mit der Entschuldigung meinte. Die Tasse, oder die Tatsache, dass er sie weg schickte. Nun sah er zu ihr auf. Er wirkte um Jahre gealtert. Tiefe Falten zogen sich über seine Stirn und seinen Mund. Sein Gesicht war blass und er hatte schwarze Ränder unter den Augen. Fast war Carly erleichtert, als es an der Tür klingelte. Langsam löste sie sich aus ihrer Starre und ging in den Flur zurück, um die Türe zu öffnen.

Gut fünf Minuten zu früh als angekündigt, stand Conleth vor ihr. Carly machte sich keine Hoffnung, dass in diesen fünf Minuten etwas passiert wäre, das ihre Abreise hätte verhindern können. Und doch ärgerte sie sich darüber.

Conleth trat einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Hallo Carly!“

Carly stand steif da und ließ die Begrüßung über sich ergehen. Irgendwie verspürte sie auch Conleth gegenüber Wut. Vielleicht, weil er derjenige war, der Carly abholte und in diese Schule brachte. Als sich Conleth löste, legte er seine großen Hände auf Carlys Schultern. „Mein Beileid.“

Bei diesem Wort zog sich Carlys Magen zusammen. Sie konnte diese Satz einfach nicht mehr hören, war ihm überdrüssig geworden. Er änderte nichts an der Tatsache, dass ihre Mutter weg war und er änderte auch nichts daran, dass sie um den Verlust ihrer Mutter trauerte. Dass es wehtat, das ihre Mutter für immer weg war.

Carly spürte Tränen in ihren Augen brennen. Sie hasste es zu weinen, erst recht vor anderen Leuten. Nur vor ihrer Tante Rachel hatte sie weinen können, ohne dass es ihr unangenehm war.

Sie senkte rasch den Blick und nickte schwach. „Dad ist in der Küche.“

Conleth trat an ihr vorbei ins Haus ein. Er warf einen Blick auf die Taschen, die bereits neben der Treppe standen. „So viel willst du mitnehmen? Weißt du, dass du eine Uniform bekommst?“

Uniform? Carly sah ihn schnaubend an. Mal abwarten, ob sie die anziehen würde.

Conleth winkte ab und ging in die Küche. Carly hörte ihn etwas murmeln, dann begrüßten sich er und ihr Vater und sie unterhielten sich in leisem Ton. Carly meinte ihren Vater schluchzen zu hören und sie war froh, dass Conleth da war. Sie wusste nicht, wie sie mit ihrem Vater umgehen sollte. Eigentlich war sie wütend gewesen. Doch als sie ihn eben in der Küche gesehen hatte, tat er ihr leid.

Carly beschloss die Koffer ans Auto zu tragen und lud sie vor dem Kofferraum ab. Mit einem Griff prüfte sie, ob das Auto offen war, doch Conleth hatte den Wagen abgeschlossen. Also setzte sie sich an den Bordstein und wartete. Sie wollte nicht zurück ins Haus, wo ihr Vater am Boden zerstört zu sein schien.

Carly dachte erneut darüber nach, ob sie ihren Vater je weinen gesehen hatte. Schließlich erinnerte sie sich an etwas, das schon viele Jahre her war. Sie war noch ein kleines Kind gewesen. Ihre Eltern hatten mitten in der Nacht mit ihr ins Krankenhaus fahren müssen, weil sie hohes Fieber bekommen hatte. Sie war wie benebelt gewesen, trotzdem erinnerte sie sich, dass sie im Bett lag und ihre Eltern vor der Zimmertür mit dem Arzt gesprochen hatten. Auch da war sie sich sicher gewesen, ihren Vater schluchzen gehört zu haben.

Es war ein Tag vor seiner Abreise nach Afghanistan. Doch er hatte den Rückflug verschoben, damit er neben ihr am Krankenbett bleiben konnte. Und er war geblieben, die ganzen vier Tage, die sie dort bleiben musste und sogar nach zwei Tage länger. Er hatte Carly ihr Lieblingsessen gekocht und mitgebracht, ihr Cracker mit seinem eigenem Dip gemacht und Tees, damit es ihr so bald wie möglich besser ging.

Vielleicht war es auch unfair, jetzt so wütend auf ihn zu sein. Sie bekam ein schlechtes Gewissen.

Dann hörte sie ein Fahrrad quietschen, ein Geräusch, das sie unter hunderten wieder erkannt hätte. Christina fuhr die Auffahrt hinauf und erblickte Carly erst einen Moment später am Bordstein sitzen. Dann stellte sie ihr Rad ab und ging zu ihr rüber.

Christina war eine ihrer Freundinnen in der Schule gewesen. Auch nach der Schule hatten sie immer viel unternommen. Doch in den letzten Wochen hatte sich Carly auch von ihr sehr zurückgezogen. Vielleicht war es auch besser so, dachte Carly. Somit würde der Abschied nicht so schwer fallen.

Christina setzte sich neben sie an den Bordstein und warf einen Blick auf ihre Taschen. „Fahrt ihr in Urlaub?“

Carly schüttelte den Kopf. Wieder brannten Tränen in ihren Augen. Sie war noch gar nicht dazu gekommen, Christina von der Entscheidung ihres Vaters zu erzählen. Als sich Christina umsah, erblickte sie das Zu-verkaufen-Schild und warf Carly einen entsetzten Blick zu. „Ihr zieht weg?“

Carly bekam ein schlechtes Gewissen. Sie schüttelte den Kopf, dann nickte sie „Naja, ja. Dad verkauft das Haus.“

Christina sah sie traurig und entrüstet an. „Das kann er doch nicht einfach so tun. Ich meine...“, sie stieß den Atem aus und hielt inne.

Dass er Carly auf eine Militärschule schickte, durfte sie Christina nicht erzählen, das hatte ihr Vater strickt verboten. Schon damals als sie es von Tate wusste. Es war nicht etwa so eine, wie für schwererziehbare Jugendliche, die sich nicht benehmen konnten. Sie war hoch angesehen und nur für Jugendliche bestimmt, die erstklassig qualifiziert waren. Meist welche, deren Eltern selbst für die Regierung arbeiteten. Oder sogar ausschließlich.

Als Carly Tate das letzte Mal sah, erzählte er ihr, dass in in seinem Gemeinschaftshaus nur welche lebten, deren Eltern hohe Ränge schmückten. Diese Schule war die beste Möglichkeit für die Schüler, selbst einen guten Einstieg zu bekommen, egal in welche Richtung. Ob CIA, FBI, NSA, ihnen standen alle Türen offen. Außerdem konnten sie sich nach der Absolvierung aussuchen, ob sie zur Navy, Air Force, Marine Corps, Coast Guards oder zur Army gehen wollen. Zuvor kann man schon eine Art Schnupperkurse in die verschiedenen Richtungen machen und verschiedene Kurse für die ausgesuchten Richtungen wählen. Außerdem gibt es noch mal die Unterteilung der verschiedenen Abteilungen in den Bereichen.

Erneut fragte sich Carly was sie dort überhaupt sollte. Christina und Carly saßen lange da, keine von ihnen sagte ein Wort. Dann seufzte Christina und rückte näher an Carly heran. „Du wirst mir echt fehlen.“

„Du mir auch“, flüsterte Carly und spürte, wie es ihr wieder schwer ums Herz wurde. Auch wenn sie Christina und die anderen in letzter Zeit gemieden hatte, waren sie immer gute Freunde gewesen. Sie hatten tolle Zeiten miteinander erlebt. Nun kramte Christina in der Tasche ihrer Sweatjacke und holte etwas Kleines heraus. Dann reichte sie Carly einen Anhänger mit einem Löwen, der ein Herz in der Hand hielt. Darauf stand Sei stark. Carly schluckte beklommen.

„Das passt ja jetzt sogar noch besser“, flüsterte Christina und wischte mit dem Handrücken ihre Tränen weg.

Carly nickte wortlos und nahm ihre Freundin in den Arm. „Ich schreibe dir so oft ich kann.“

„Versprochen?“

Carly nickte. „Und wenn ich meine Tante besuchen komme, rufe ich dich an. Dann treffen wir uns.“

„Gut“, Christina schluchzte.

Auch Carly konnte sich die Tränen kaum noch verkneifen. Sie hielten einander lange im Arm, bis Conleth nach ihr rief. Er winkte auch Christina zu, die ebenfalls höflich die Hand hob. „Tag, Mister Brewster!“

Beide standen auf und nahmen sich zum Abschied erneut in den Arm. Carly begleitete Christina noch zu ihrem Fahrrad. Einen Moment standen sie beklommen da, beiden wollten sich nicht verabschieden müssen. Doch sie wussten ebenso, das es unabänderlich war. Sie konnten an den Tatsachen nichts verändern, so sehr sie es auch wollten.

„Grüß die anderen von mir“, murmelte Carly.

Christina nickte. „Mach ich. Meld dich mal, wenn ihr euch etwas eingelebt habt.“

Christina wendete ihr Fahrrad. Aus einem Impuls heraus nahm Carly ihre Freundin nochmal in den Arm. Sie hatten schon so viel miteinander erlebt, so viel Unfug gemacht, so viel gemeinsam ausgestanden. Jetzt war es einfach vorbei und Carly bereute es mit einem Mal, sich so völlig zurück gezogen zu haben und die letzten Wochen nicht mit ihren Freundinnen genossen zu haben.

Sie hatte sich selbst nicht erklären können warum sie sich zurück gezogen hatte. Vielleicht war es auch vorgeschoben gewesen, sich nicht all die Beileidsbekundungen anhören zu wollen.

Auch wenn dem so war, wusste Carly dass der Grund dafür viel tiefer ging. So wie die Sache mit ihrem Vater, den sie zuvor das erste Mal in ihrem Leben wirklich hatte weinen sehen. Vielleicht, dachte Carly nun, war es genau das. Er hatte ihr diese Distanziertheit immer vorgelebt.

Traurig sah sie nun dabei zu, wie ihre Freundin über die Auffahrt weg fuhr und auf die Straße abbog. Sie wurde am Ende der Straße immer kleiner, bis Carly sie schließlich nicht mehr sah.

Carly straffte ihre Schultern und sah zu Conleth. Dieser nickte ihr verständnisvoll zu. „Wahre Freundschaft übersteht auch einen Umzug, Carly. Glaub mir.“

Am liebsten hätte sie ihm in den Bauch geboxt. Das sieht man ja, hätte sie am liebsten dabei geschrien. Er und seine Familie waren das beste Beispiel dafür. Sie hatte von Tate nie wieder etwas gehört. Am Anfang schrieb er ihr noch Briefe, die mit der Zeit immer weniger wurden. Er war so beschäftigt, dass er kaum dazu kam, hatte er ihr mal in einem dieser Briefe erklärt. Kurz darauf schrieb er nicht mehr. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, entschuldigte er sich sehr dafür. Aber er erklärte ihr gleich sehr ehrlich, das er nicht wüsste, ob er daran etwas ändern könnte. Carly dachte traurig darüber nach.

Wenn sie ehrlich war, hatte auch sie kaum wirklich Zeit gefunden. Sie hatte oft viel lernen müssen und wenn sie frei hatte traf sie sich mit ihren Freundinnen. So war es wohl auch bei Tate. Das war eben die Sache, wenn man älter wurde und sich auseinander lebte.

Sicher würde es nicht anders sein, wenn sie nun auch die gleiche Schule besuchte. Tate würde kaum Zeit für sie haben. Aber es war ihr egal. Sie würde nicht lange dort bleiben, das hatte sie schon seit dem Abend beschlossen, an dem ihr Vater ihr die Wahrheit offenbarte.

Carly folgte Conleth ins Haus. Ihr Vater stand im Flur, bereit sich zu verabschieden. Plötzlich spürte Carly wieder einen dicken Kloß im Hals. Es war so weit. Sie mussten sich verabschieden. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und trat mit der Fußspitze auf den Fließen im Flur herum. Sie standen voreinander und scheinbar wusste keiner der beiden, wie sie beginnen sollten. Conleth wich etwas zur Tür zurück. „Vielleicht warte ich lieber am Wagen.“

Weder Avery noch Carly sagten etwas. Conleth verließ das Haus und ließ die beiden alleine zurück. Sie standen noch eine Weile wortlos da, dann trat Avery auf Carly zu. „Pass auf dich auf, ja?“

Carly hob langsam den Kopf und sah ihren Vater an. Sie war ein Kind. Gut, viel eher eine junge Erwachsene, aber sie war sein Kind. Er musste doch auf sie aufpassen. Doch stattdessen schickte er sie einfach weg.

Sie zuckte bloß die Schultern. Avery sah Carly traurig an „Bitte sei nicht wütend auf mich.“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Ich kann es einfach nicht.“

Carly schnaubte. „Du hast allen Grund wütend auf mich zu sein.“

Avery weitete entsetzt die Augen und öffnete den Mund um etwas zu entgegnen, doch ihm schienen die Worte zu fehlen. Einen langen Augenblick sah er sie entrüstet an, dann schüttelte er den Kopf. „Wieso sollte ich wütend auf dich sein?“

Carly zuckte die Schultern. „Wäre ich nicht gewesen, wäre Mom noch bei uns.“

„So etwas...“, er stockte bestürzt. „So etwas darfst du nicht mal denken, Carly. Es ist nicht deine Schuld.“

„Dann verstehe ich es nicht!“

In Carlys Augen begannen Tränen zu brennen. Sie schluckte hart, kämpfte gegen den Knoten in ihrer Kehle an.

„Dann verstehe ich nicht, wieso du das tust. Du bist wütend auf mich, oder nicht?“ „Um Gotteswillen, nein!“

Ihr Vater trat einen Schritt auf sie zu. „Nein, bin ich nicht. Wie kommst du darauf, Carly?“

Sie schnaubte wütend. „Du schickst mich weg und fragst mich, wie ich zu so einem Eindruck komme?“ „Aber es ist doch nicht deswegen.“

Auch Carlys Vater schluckte nun hart und auch er rang mit den Tränen. „Ich kann es nicht. Ich...“, in seinen Augen schimmerte etwas, Angst, Verlust, Leid und noch etwas, das sie nicht deuten konnte.

Er holte tief Luft. „Ich kann dich nicht alleine groß ziehen, Carly.“

Seine Stimme klang erstickt und rau. Es musste schwer sein, sich das einzugestehen. Carly wusste das ihr Vater stolz war und sich nur ungern Fehler eingestand. Sie schluchzte und schüttelte den Kopf. „Dad... bitte schick mich nicht weg. Bitte!“

Carly schluchzte abermals und ging einen Schritt auf ihren Vater zu ehe sie ihn erstickt anflehte „Wir bekommen das hin. Irgendwie. Aber bitte, schick mich nicht weg. Verkauf nicht unser Haus...“ „Ich kann nicht!“, flüsterte er mit gebrochener Stimme. Er atmete tief durch und senkte den Blick.

Als er Carly nach einer gefühlten Ewigkeit ansieht, schüttelt er erneut den Kopf „Ich habe den neuen Job schon angenommen. Ich kann nicht... ich kann das nicht abbrechen. Und ich kann nicht..." Seine Stimme brach erneut als er Carly verzweifelt ansah „Ich verspreche dir, dass es dir gut gehen wird. Besser als mit mir. Ich wäre kaum zu Hause und ich... ich kann einfach nicht für dich da sein, so wie du es brauchst. Ich bin kaum dazu im Stande... ich könnte deine Mutter niemals ersetzen..“

Carly schluchzte wieder und begann bitterlich zu weinen „Bitte, Dad... bitte schick mich nicht weg..“

Avery wich ihrem Blick aus, konnte den Anblick nicht ertragen. Konnte seine Tochter nicht so leiden sehen. „Es bleibt dabei. Du wirst mit Conleth mit fahren. Noch heute..“ „Nein!“ Carly schrie auf, wollte nicht wahrhaben, dass ihr Vater sie wirklich weg schicken wollte. Sie schnaubte wütend „Mom würde das nicht wollen und das weißt du!.“

Nun sah er sie ruckartig wieder an. Er schluckte schwer, in seinen Augen spiegelte sich das Leid „Sie ist aber nicht da!.“

Mit diesen Worten ging er an ihr vorbei und öffnete ihr die Tür. Carly stand starr und steif da, weigerte sich auch nur einen Schritt zu tun. Als sie ihren Vater so ansah, spürte sie erneut Wut in sich hoch kochen. Es ist ihm völlig egal, was mit ihr passiert. Es war ihm egal, dass sie ihren Vater nun mehr brauchte denn je.

Carly fragte sich, wie man jemandem, den man liebte, so etwas antun konnte. Von wegen, er war nicht wütend auf sie. Wie sonst konnte man jemandem so etwas sonst antun. Besonders, wenn es um die eigene Tochter ging. Das war nahezu unvorstellbar. Und doch war es genau das, was gerade passierte. Und für Carly war es, als zerbräche ihre Welt in Trümmern zusammen, als ihr Vater sie auffordernd und wartend ansah, damit sie endlich zu Conleth in den Wagen stieg.

5

Dezember 1999, kurz nach Weihnachten

Es war kurz vor der Jahrtausendwende, doch für Thomas schien es keine Hoffnung auf ein gutes, neues Jahr zu geben. Nicht mal auf ein gutes Jahrtausend.

Während nun gerade kurz vor Weihnachten viele Kinder ein neues zu Hause gefunden hatten, saß er alleine und verwaist auf der Fensterbank in seinem kleinen Zimmer. Er hielt den Stoffhasen, ein Ankunftsgeschenk des Heimes, in das er kürzlich gekommen war, fest im Arm und hatte das Gefühl, nur er allein sei sein Freund.

Die Pflegefamilie in der er zuvor gelebt hatte, hatte ihn weg gegeben. Sie hatten selbst ein Kind zur Welt gebracht und da war ihnen Thomas zu lästig geworden. Eine einsame Träne rollte über sein Gesicht. Er hatte doch nur mit der kleinen Kate spielen wollen. So wie sonst auch. Er hatte sie bloß etwas gekniffen und ihre Hand ganz feste gedrückt, das hatte er schon öfter gemacht. Doch diesmal hatte seine Pflegemutter ihn dabei gesehen und war furchtbar wütend geworden.

Thomas drückte den Hasen fester an sich, während er den Schneeflocken dabei zu sah, wie sie zu Boden rieselten und den Asphalt der Straßen unter sich bedeckten.

Er hatte Kate schon nicht leiden können, als sie im Bauch seiner Pflegemutter war. Immer hieß es das Baby. Alles drehte sich um die kleine Kate, noch lange bevor sie überhaupt geboren war. Und Thomas war ihnen von da an völlig egal gewesen. Er hasste das kleine Mädchen dafür, dass sie ihm das Einzige genommen hatte, was er lieb hatte. Wäre sie nicht gewesen, dachte Thomas wütend, säße er jetzt nicht hier, ganz alleine.

Als es an der Tür klopfte schreckte Thomas hoch und hätte um ein Haar den Hasen fallen lassen. Eine der Mitarbeiterinnen öffnete langsam die Tür und lächelte. „Thomas?“, langsam trat sie ein, „Wie geht es dir?."

Thomas antwortete nicht. Seine Finger strichen nervös durch das borstige Fell des Stofftiers. Er setzte es auf seine Knie, so dass er es genau betrachten konnte. Obwohl es neu war, wirkte es schon über Jahre gebraucht und zerrupft. Thomas hatte seine Knopfaugen ausgerissen und am Hals klaffte ein Riss aus dem das Innenfutter heraus quill.

Die Frau räusperte sich und trat etwas näher heran. „Thomas, da ist jemand, der dich gerne kennen lernen würde.“

Nun wurde Thomas aufmerksam und sah die Frau neugierig an. Wer sollte ihn schon kennen lernen wollen? Er war erst drei Monate dort und doch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor.

Als die Frau den zerrupften Hasen sah, bemerkte Thomas wie unbehaglich sie sich nun zu fühlen schien. Sie lächelte ihn traurig an. „Du mochtest den wohl nicht so gerne, was?“ Wieder antwortete Thomas nicht. Die Frau wirkte allmählich etwas verzweifelt. Sie knabberte auf ihrer Unterlippe und sah sich verzweifelt im Raum um, so als könne sie vielleicht dort etwas finden, das ihn dazu bewegen könnte, mit ihr zu sprechen. Doch egal nach welchem Strohalm sie auch griff, Thomas blieb stumm auf der Fensterbank sitzen.

Nach einer Weile lehnte sie sich an seinen alten, kaputten Schreibtisch und strich mit den Fingern über ein Bild, das Thomas dort liegengelassen hatte. Ein Bild seiner Pflegeeltern.

Sie kniff die Augen zusammen und hob es vom Tisch hoch, um es genauer betrachten zu können. Thomas sah wie sich ihre Augen weiteten. Doch es war ihm egal. Die Menschen reagierten oft so auf das, was er tat. Nun rutschte er von der Fensterbank und schritt zur Tür.

Die Frau sah ihn irritiert an und legte das zerkratzte Bild zurück, auf dem er mit einem spitzen Stift dort hin gestochen hatte, wo auf dem Bild ihre Herzen lagen. Auch ihre Gesichter hatte er zerkratzt.

Ohne ein Wort an sie zu wenden, ging er durch die Tür zur Treppe. Besuch wartete meist unten am Büro der Leitung, das wusste Thomas mittlerweile. So nahm er dem Büro gegenüber platz und wartete.

Die Frau war ihm nun gefolgt. Während sie noch sichtlich zerstreut wirkte, klopfte sie an die Tür. Der Leiter der Einrichtung öffnete ihr die Tür und lächelte, wendete ein paar Worte an sie und lächelte schließlich Thomas zu. Er bat ihn herein.

Thomas entdeckte zwei weitere Personen im Raum. Scheinbar ein Ehepaar. Sie trugen die gleichen Ringe an ihren Ringfingern und saßen dicht beieinander. Die Frau hatte streng zurück gebundene, blonde Haare und trug einen schicken Hosenanzug. Der Mann wirkte in seinem feinen Zwirn wie ein Geschäftsmann. Seine graumelierten Haare hatte er ordentlich zur Seite gekämmt, seine brauen Augen wirkten irgendwie weise, aber kühl und berechnend.

„Das ist Thomas“, erklärte der Leiter nun und legte seine Hand auf die Schulter von Thomas. Dieser spannte sich innerlich an.

„Thomas. Das ist Familie Bruce. Sie möchten gerne ein Kind aufnehmen und haben großes Interesse daran dich kennen zu lernen.“

Thomas sah zu dem Paar. Ob sie ihnen erzählt hatten, warum er hier war? Wussten sie, dass er seine Pflegeschwester gequält hatte? Er wusste dass es ein Psychologe mal sadistische Züge nannte. Was auch immer das bedeuten sollte.

Thomas war noch ein Kind, trotzdem war er nicht dumm. Und er hatte es satt mit sich spielen zu lassen. Sich benutzen und verletzen zu lassen. Er wollte so etwas nicht noch mal erleben, wollte nicht an eine Familie wachsen um dann durch das echte eigene Kind ersetzt zu werden.

Thomas sah kurz zu dem Leiter, dann musterte er erneut das Paar. Es sah ihm nicht aus wie ein übliches Ehepaar. Alle anderen Paare die er hier ein und aus gehen gesehen hatten, wirkten irgendwie... freundlicher. Die Frau, Mistress Bruce, räusperte sich, als sie sich erhob und dem Leiter der Einrichtung zu nickte. „Können wir vielleicht eben vor der Tür sprechen?.“

Dieser willigte ein und verließ schließlich mit ihr den Raum.

Thomas stand noch immer in der Mitte des Raumes. Er hörte die Wanduhr ticken, während er und der Mann einander ansahen. Der Mann legte den Kopf etwas schief als er nun zu Thomas sprach. „Du bist nun schon drei Monate hier, richtig?“

Thomas antwortete nicht. Trotzdem ließ sich Mister Bruce nicht beirren und sprach weiter. „Du bist neun Jahre alt, richtig? Sicher schon ein starker Bursche.“

Wieder antwortete wieder Thomas nicht. Der Mann, der ihm so völlig fremd war, schien doch schon einiges über ihn zu wissen. Doch etwas wusste er sicher nicht.

„Ich habe meiner Pflegeschwester weh getan.“

Er sah den Mann ungerührt an, beobachtete seine Reaktion auf dieses Geständnis.

Der Mann nickte. „Das weiß ich“ „Ich mochte sie nicht“

Der Mann lächelte. „Wer mag schon jemanden, der einem etwas weg nimmt?“ Es war als spräche er aus seiner Seele. Thomas nickte.

„Wenn du mit uns kommst, wird dir niemand etwas weg nehmen. Alle sind gleich.“ erklärte der Mann nun. Thomas zuckte die Schultern.

„Und wenn ich sie auch nicht mag?“

„Niemand wird dich zwingen deine Gefühle zurück zu halten. Wir würden dich deswegen nie weg geben.“

Thomas sah den Mann skeptisch an.

„Es macht dir Spaß, anderen weh zu tun, oder?“ Der Mann nickte langsam und lächelte. „Es ist interessant. Eine Wissenschaft für sich, dieses Gefühl, anderen Schmerz zufügen zu können. Es hat dir das Gefühl gegeben stärker zu sein, oder? Dieses Gefühl von Macht.“

Thomas wusste nicht, wie er darauf antworten sollte. Nun öffnete sich die Tür wieder und der Einrichtungsleiter und Mistress Bruce kamen zurück in den Raum. Der Leiter sah Thomas lächelnd an. „Ich denke, du könntest dich bei ihnen sehr wohl fühlen, Thomas. Mistress Bruce erzählte mir gerade von der tollen Schule, die du in ihrer Nähe besuchen könntest. Sie wäre wie geschaffen für dich. Möchtest du den Tag mit ihnen verbringen, um sie besser kennen zu lernen?“ Thomas schüttelte den Kopf. „Ich möchte mit ihnen gehen.“

Der Leiter der Einrichtung wirkte etwas verwundert und überrascht. Er sah das Paar zögernd lächelnd an, dann sah er wieder zu Thomas. „Bist... bist du dir sicher? Das ist keine Entscheidung die man mal eben so trifft“ „Ich mag sie. Mister Bruce ist wirklich nett.“

Thomas kannte diesen Mann nicht. Und doch hatte er das Gefühl, er würde ihn verstehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war da jemand, der wusste wie sich Thomas fühlte. Es war besser als das hier. Besser als dieses Heim, dachte Thomas. Hier wo ihn jeder nur verachtend ansah und Angst um die anderen Kinder hatte. Dort würden Mister und Mistress Bruce sicher keine Angst deswegen haben.

Thomas war sich sicher. Es würde anders werden, als in seiner letzten Pflegefamilie, aber es würde ihm gut gehen, da war er sich sicher.

Mister Bruce konnte genau sagen, wie es ihm damit ging. Er hatte das ausgesprochen, was Thomas nur zu denken gewagt hatte. Wer mochte schon jemanden, der einem etwas wichtiges weg nahm? Und genau das war es, was seine Entscheidung fest stehen ließ. Thomas fühlte sich zu ihm verbunden. Egal wie viele Familien hier auch ein und aus gingen, sie waren es, wo Thomas hin gehörte.

Und so ging alles auch ganz schnell. Das Jugendamt wurde informiert, Formulare wurden ausgefüllt, Erlaubnisse wurden eingeholt. Und dann war Thomas schon auf dem Weg in sein neues zu Hause. An einen Ort, an dem er sich nicht verstellen, verstecken, oder für seine Gefühle und Handlungen schämen musste. An einen Ort, an dem er verstanden wurde. Und an einen Ort, an dem mehr so waren wie er, als er dachte.

6

Februar 2000

Miss Tenner schob die vielen Ordner auf dem Beifahrersitz ihres Mercedes zur Seite und suchte nach dem Ordner des Klienten, dessen zweiten Besuch sie abstattete. Der Erste war einige Monate her, kurz nachdem Dennis im August zu der netten Familie gekommen war. Familie Reacher im Fall Dennis Lloyd, dachte Miss Tenner und fand nun endlich unter dem Stapel die richtige Akte.

Sie schob den schmalen Ordner in ihre Tasche, holte einen Kugelschreiber aus dem Handschuhfach und stieg aus. Doch schon beim Aussteigen fiel ihr etwas bedenkliches auf. Es war sechs Uhr am frühen Abend. Natürlich war es möglich, dass die Familie bei einem spontanen Besuch nicht zu Hause war und deswegen kein Wagen in der Einfahrt des schönen Hauses stand. Doch es waren eher die leeren Fenster, die sie stutzen ließen.

Keine Gardinen und der Blick durch die nicht verdeckten Fenster ließen in die kahlen Räume blicken, die von der Straße aus sichtbar waren. Miss Tenner fragte sich, ob die Familie umgezogen war. Sie kramte den Ordner aus ihrer Tasche und blätterte nach. Eigentlich war die Familie dazu verpflichtet einen Umzug zu melden. Vielleicht hatte sie diese Meldung übersehen oder vergessen. Doch beim Durchblättern des Ordners wurde schnell klar, dass kein Umzug vermerkt war.

Sie kramte ihr Handy hervor und wählte die Handynummer des Familienvaters. Kein Anschluss unter dieser Nummer, ein schrilles Tuten ertönte. Nun ziemlich irritiert, versuchte sie es auch auf der Nummer der Frau, doch es war das Gleiche. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Sie schob das Handy weg und ließ die Tasche in ihrem Wagen, ehe sie auf das Haus zu steuerte. Immer wieder sah sie sich um und fühlte sich etwas beklommen. Hoffentlich hielt sie niemand für einen Einbrecher.

An den Fenstern angelangt warf sie einen Blick in des Innere das Hauses. Es war fast völlig ausgeräumt. Vereinzelte Möbel standen noch vereinsamt an den Wänden. Doch der Rest war weg. Aber wie sollten sie das geschafft haben? Sie sah sich sorgfältig um, ging von Fenster zu Fenster. Doch in jedem Raum war es das selbe. Alle waren sie nahezu vollkommen leer.

„Kann ich Ihnen helfen?“ rief nun ein älterer Mann vom Nachbargrundstück, der einen Müllbeutel in der Hand hielt. Miss Tenner nickte, wusste aber nicht so recht wo sie anfangen sollte. Sie wich von den Fenstern zurück und ging dem Mann entgegen. Sie räusperte sich nervös. „Die Familie, die hier gelebt hat... ich wusste nicht, dass sie umgezogen waren“

Der alte Mann nickte keuchend, scheinbar fiel es ihm schwer sich auf den Beinen zu halten. „Da müssen sie aber lange keinen Kontakt mehr gehabt haben.“ Er zeigte auf das Haus. „Das Haus steht schon seit fast fünf Monaten leer.“

Miss Tenner keuchte entsetzt. Fünf Monate? Wie um Himmelswillen war das möglich? Sie versuchte ihre Fassung wieder zu erlangen und hakte weiter nach. „Und wissen Sie, wo die Familie hingezogen ist?“

Der Mann schnaubte. „Sie sind so plötzlich und schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht waren“ „Plötzlich, sagen Sie?“

Sie begann zu grübeln. Laut der Papiere besaß die Familie das Haus schon seit sieben Jahren. „Wann genau war die Familie in das Haus eingezogen?“ „Mhh“, er grübelte, „Das muss Ende Juli gewesen sein... ja.“ Er nickte. „Das war kurz nach dem Geburtstag meiner Frau.“

Miss Tenner begann die Aussage des Mannes anzuzweifeln, obwohl er einen klaren Eindruck machte. Aber so war es manchmal mit älteren Menschen. Sie brachten Dinge und Daten durcheinander. Wie sonst sollte das möglich sein? Sie hatten ihr die Papiere gezeigt. Alles. Ihre Eheurkunde, die Kaufpapiere des Hauses. Und sie hatte es in den Datensätzen überprüft. Das sie erst im Juli eingezogen sein sollen, ergab keinen Sinn. „Wo ist die Familie hingezogen?“, fragte sie nun erneut.

Obwohl sie schon die Vermutung hatte, dass es sinnlos war, das zu fragen, sollte er wirklich verwirrt und senil sein.

Er schüttelte den Kopf. „Das weiß ich wirklich nicht. Sie haben über Nacht das Haus verlassen.“ „Über Nacht?“

Miss Tenner schnaubte und zweifelte das Gedächtnis des Mannes nun wirklich an. Es war zwecklos mit ihm zu reden. Wie sollten sie über Nacht ihre Möbel ausräumen und in einen Umzugswagen, oder wo immer sonst hin, verstaut haben?

Miss Tenner sah sich auf der Straße um und hielt Ausschau nach anderen Nachbarn, die sie fragen könnte.

„Stand jemand aus der Nachbarschaft in engerem Kontakt zu ihnen?“

Nun wendete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem älteren Mann zu. Dieser schüttelte den Kopf. „Nicht direkt. Ihr Sohn ging in die selbe Schule wie der Millers Junge.“ „Millers? Wo finde ich die?“ „Dort!“, er zeigte auf die andere Straßenseite, fünf Häuser weiter, „Aber er und der andere Junge haben sich nicht gut verstanden. Er hat ihn mal ziemlich böse gebissen.“

Miss Tenner klappte fast der Mund auf. All das waren Vorfälle, die gemeldet werden müssen. Wenn schon nicht von der Familie, dann von der Schule. Das würde ein Nachspiel haben, das wusste sie jetzt schon. In der Einfahrt des Hauses, das ihr gerade der ältere Mann gezeigt hatte, standen zwei Autos, was darauf schließen ließ, dass die Familie Miller zu Hause war.

Miss Tenner bedankte sich bei dem Mann und steuerte schließlich das Haus der genannten Familie Miller an. Als ihr die vermeidliche Familienmutter die Tür öffnet, sah sie diese verwirrt an. Sie schaukelt den schätzungsweise acht Monate alten Säugling auf ihrem Arm und wirft einen Blick über die Straße. „Kann ich Ihnen helfen?“ „Mistress Miller?“ fragte Miss Tenner nun sicherheitshalber.

Diese nickt. „Ja..“ nun wirkt sie alarmiert und verunsichert, „Ist etwas passiert?“ „Es geht um die Familie, die in Haus 84 gewohnt hat. Familie Reacher.“

Die Lippen der noch recht jungen Frau pressten sich etwas zusammen, was Missbilligung signalisierte. Sie kannte die Familie, doch ganz offensichtlich war das nicht positiv. „Was ist mit denen?“ fragte sie nun, ein patziger Unterton in der Stimme.

„Ich hatte gehofft Sie könnten mir ein paar Informationen zu deren Umzug geben."

Sie schüttelte gleich den Kopf. „Ich weiß nichts.“

Sie wollte Miss Tenner schon abwürgen, doch diese blieb hartnäckig „Bitte, Mistress Miller. Es ist wichtig. Es geht um Kindeswohl.“

Mistress Miller grunzte. „Kindeswohl? Das hätte man mal bedenken sollen, bevor man deren Sohn auf eine öffentliche Schule geschickt hat.“

Miss Tenner nickte. „Der Nachbar erzählte mir von einem Vorfall“ „Einem?“ Mistress Miller wirkte nun bestürzt, „Wenn es nur der gewesen wäre. Er hat meinen Sohn terrorisiert. Es war schrecklich.“

Sie gab ihrem Jüngsten, der auf ihrem Arm saß, einen Kuss auf den Kopf „Ich bin froh, das sie weg gezogen sind.“ „Wann genau war das?“

Nun holte Miss Tenner einen Stift und ein Klemmbrett hervor, auf dem sie alles notieren konnte. Mistress Miller zuckte die Schultern. „Es fiel zuerst niemandem auf. Ihr Sohn ging öfter nicht zur Schule. Er erzählte den anderen Kindern mal, dass er privat unterrichtet werden würde. Das erzählte Richard mir.“

„Ihr Sohn?“

„Ja. In viel wichtigeren Dingen, wie er behauptete. Ich glaube, sie haben ihm Kampfsport beigebracht und... schlimmeres.“

Miss Tenner runzelte die Stirn. „Was meinen Sie?“

Mistress Miller wedelte mit der freien Hand vor ihrem Gesicht, fächerte sich Luft zu. „Hören Sie, ich bin einfach nur froh das sie weg sind. Es war im September, wenn ich mich nicht irre.“

„Bitte“ Miss Tenner sah das es Mistress Miller schwer fiel, darüber zu reden, dennoch waren diese Informationen sehr wichtig für sie. „Wäre es möglich, sich in Ruhe zu unterhalten? Ich brauche diese Informationen wirklich dringend!“

Mistress Miller musterte sie. „Wer genau sind Sie eigentlich?“

Nun reichte Miss Tenner ihr die Hand. „Tenner, von der Jugendfürsorge Massachusetts. Ich bin für den Fall Dennis Lloyd zuständig.“

Mistress Millers Gesichtsausdruck wechselte von empört bis hin zu entsetzt „Dennis Lloyd? Ist das der Junge? Ich wusste ja gar nicht... mir war nicht klar das...“ „Die Familie Reacher adoptierte den Jungen im August letzten Jahres.“ erklärte Miss Tenner, obwohl sie es genau genommen nicht durfte. Doch sie hatte die Hoffnung, dass Mistress Miller durch ihre Offenheit kooperativer sein würde.

Diese seufzte nun und gab nickend den Weg frei. „Kommen Sie rein, Miss Tenner!“

Sie gingen vorbei an einem offenem Raum, in dem der Fernseher lief. Dann gelangten sie in die großzügige Küche, die für einen vierköpfigen Familienhaushalt viel Platz bot. Mistress Miller bot ihr einen Stuhl an, setzte ihren jüngsten Sohn in seinen Hochstuhl und kochte Wasser in einem Wasserkocher auf. „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“ „Danke, nein.“

Miss Tenner war zu unruhig, als das sie noch in Ruhe einen Tee genießen konnte. Es gab viel zu viele Fragen, die ihr durch den Kopf schwirrten. „Wann genau zog die Familie Reacher in das Haus gegenüber ein?“

Mistress Miller lehnte sich an die Arbeitszeile. Dann griff sie nach einer Trinkflasche und stellte sie ihrem Sohn auf die Ablage des Hochstuhls. „Es war so im Juli, wenn ich mich recht entsinne.“

Miss Tenner fühlte sich, wie in einem schlechten Film. Hatte der alte Mann doch das richtige erzählt? Stetig wachsendes Entsetzen machte sich in ihr breit. Das war Urkundenfälschung. Aber wie hatten sie das geschafft? Und was war dann nun aus dem Jungen geworden, dem kleinen Dennis, der in die Obhut dieser betrügerischen Familie gegeben wurde?

„Sind Sie sich ganz sicher?“ Miss Tenner schüttelte den Kopf. „Ich meine, im Juli welchen Jahres?“ „Letztes Jahr.“ antwortete Mistress Miller selbstverständlich.

„Und wann waren Sie noch gleich verschwunden?“ Sie hakte weiter nach und fühlte sich wie in einem Alptraum. Das war einfach nicht möglich. Entsetzlich, grauenhaft. Sorge und Angst machte sich um den armen Jungen in ihr breit.

„Es war so im September. Wie gesagt, Dennis kam öfter nicht zur Schule, weil er von seinem Vater selbst unterrichtet wurde.“ „Sie sagten zuvor in Kampfsport und anderen schrecklichen Dingen. Was meinten Sie damit?“

Mistress Miller drückte ihre Hand auf ihren Bauch, als sei ihr nicht wohl bei der Erinnerung.

„Also... unser Richard ging mit ihm auf die gleiche Schule. Richard wollte nett sein. Mein Mann und ich haben ihn noch dazu ermutigen können, damit Dennis Anschluss findet. Hätte ich gewusst was... was er ihm antut...“ Sie brach ab und kämpfte mit den Tränen. „Mistress Miller, was hat er Ihrem Sohn Richard angetan?“ hakte Miss Tenner nach.

Mistress Miller holte tief Luft. „Sie fuhren gemeinsam zur Schule. Am Anfang hat es mich noch gefreut, dass sie sich gleich so gut zu verstehen schienen. Aber Richard wurde mit der Zeit immer verschwiegener. Sie verabredeten sich nach der Schule und gingen im nahegelegenen Wald spielen. Ein Mal, da kam Richard nach Hause und seine Hose war voller Blut. Ich dachte, er hätte sich beim Spielen verletzt, aber als ich ihn abends weinend hörte, als er schlafen sollte, erzählte er mir die Wahrheit.“

Wieder hielt sie inne. Der Wasserkocher sprudelte und sie hob ihn hoch und goss sich das heiße Wasser in eine Tasse. Dann gab sie einen Teebeutel dazu und nahm ebenfalls platz. Als sie mit einem Löffel Zucker einrührte, zitterte ihre Hand und der Löffel schlug klirrend an das Porzellan.

„Dennis hat Richard dazu gezwungen... sie haben einen Hasen gefangen, mit Stacheldraht. Er hat Richard gezwungen, den Hasen aufzustechen.“

Miss Tenner war zum Erbrechen zumute, bei dem Gedanken. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich.

„Richard hat sich geweigert, also hat es Dennis selbst getan und ihn mit dem toten Tier beworfen und ihn als Weichei bezeichnet. Seit dem ging er ihm aus dem Weg. Dann prügelten sie sich mal in der Schule. Dennis ließ ihn in der Schule nicht in Ruhe. Er provozierte ihn und stichelte. Dann hat er ihn gebissen, als sich Richard wehrte.“

„Mein... Gott!“ stieß Miss Tenner erstickt hervor. Sie wusste um Dennis Akte und Vergangenheit. Aber dass es so furchtbar war, hatte sie nicht geahnt.

„Richard erzählte mir, dass Dennis ihm erzählte, dass sein Vater ihm das Jagen und Töten beibrachte.“ fuhr Mistress Miller fort. „Richard konnte viele Nächte nicht schlafen. Mein Mann und ich waren verzweifelt und haben einen Spezialisten hinzu gezogen.“

„Einen Psychologen.“ ergänzte Miss Tenner und schauderte erneut. Sie konnte gut verstehen, das diese Ereignisse Richard wirklich traumatisiert haben mussten.

„Halten Sie mich bitte nicht für herzlos.“ Mistress Miller sah Miss Tenner flehend an. „Aber ich bin wirklich erleichtert, das sie weg gezogen sind.“ „Ja...“

Miss Tenner war nun um so erleichterter, keinen Tee trinken zu müssen. Sie würde keinen Schluck herunter bekommen, angesichts dieser Informationen.

„Wie haben sie es geschafft, über Nacht das ganze Haus auszuräumen, ohne das es jemand mitbekommen hat?“ hakte Miss Tenner nun nach.

Mistress Miller schüttelte den Kopf. „Haben sie nicht. Es war die Stadt, die das Haus auflösen ließen. Sie haben alle Möbel und Kleidungsstücke zurück gelassen.“

Miss Tenner klappte der Mund auf. „Sie haben alles zurück gelassen?“ „Ja. Jetzt steht das Haus seit dem leer. Niemand in der Gegend möchte es kaufen, nachdem was dort gefunden wurde.“ „Gefunden?“

Miss Tenner dachte schon, dass es schlimmer nicht kommen konnte. Doch da irrte sie sich offensichtlich.

„Was wurde dort gefunden?“ „Im Keller waren Ketten an den Wänden befestigt. Überall auf dem Boden lag altes Blut. Tierkadaver und Knochen, Jagdwaffen.“ Mistress Miller schauderte heftig. „Richard weiß nichts davon. Er hat auch so schon genug zu verarbeiten.“

Entsetzt stand Miss Tenner auf. Sie musste etwas tun. Irgendetwas. Aber was genau wusste sie nicht. War sie zu nachlässig gewesen? Hätte sie schon viel eher nach ihnen sehen sollen? Hätte es sich so verhindern lassen können? Was hatten sie jetzt mit Dennis gemacht? Sie mussten den Jungen finden, wenn es nicht schon viel zu spät war.

Doch sie ahnte bereits, dass eine Suche nach fast fünf Monaten nahezu zwecklos war. Sie konnten mit ihm schon über alle Berge sein. Weit weg ins Ausland, wo sie ihre grausamen Erziehungsmaßnahmen fortführten.

Am liebsten hätte sich Miss Tenner übergeben, dachte sie nun, nicht zum ersten Mal, seit sie den Besuch begonnen hatte.

Wie hatte sie so furchtbar blind sein können.? Der augenscheinliche Lichtblick für eines von vielen verwaisten Kindern, war zu einem Horror ohne Ende geworden. Und sie hatte es unterstützt. Ahnungslos hatte sie eine zarte Seele in die Hände von grausamen Monstern gegeben und fühlte sich selbst wie eines.

Ihre Beine gaben unter ihr nach. Das musste ein Alptraum sein. Wie war all das möglich? Sie hatte ein armes, hilfloses und junges Leben für immer ruiniert und konnte nichts mehr daran ändern.