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Jackie Lane, Privatdetektivin aus Minneapolis, fühlt sich vom Leben betrogen. Schuldgefühle am Tod ihres damaligen Freundes und Polizeikollegen Norman lassen sie zu einer Eigenbrötlerin werden. Als der mit ihr befreundete Journalist Marvin Menson sie auf einen drei Monate alten Zeitungsartikel stößt, sind ihre Lebensgeister endlich wieder geweckt. Ist die inhaftierte Vanessa Orlay eine Giftmörderin? Vanessas Mutter, überzeugt von der Unschuld ihrer Tochter, beauftragt Jackie Lane, dies herauszufinden. Als auf einmal ein verschwunden geglaubtes Gemälde wieder auftaucht, nimmt der Fall eine neue, dramatische Wendung.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Janet Borgward
Zorn des Engels
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Danksagung
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Impressum neobooks
Zorn des Engels
Er öffnete nicht sofort, als es an der Türe klingelte, obwohl er wusste, dass sie davorstand. Sie war zu ihm zurückgekommen. Trotz allem.„Neue Haarfarbe?“ Dunkel stand ihr besser. Sie hätte aber auch rote oder braune Haare haben können, kurz oder lang. Für ihn sah sie immer perfekt aus. „Leider bekomme ich gleich noch Besuch, also …“ Es gefiel ihm, sie warten zu lassen, sie draußen stehen zu lassen, im Abstand zu seinem Leben. Ein kurzer Moment der Macht, den er sichtlich genoss. Dennoch war seine Neugier geweckt. „Für mich?“ Sein Blick fiel auf das schmucke Päckchen unter ihrem Arm. Ihre Eintrittskarte, um zu ihm zurückzukommen? Warum nicht. Es war schließlich Weihnachten, das Fest der Liebe.„Darf ich?“Seit wann musste sie das fragen? Er trat beiseite, ließ sie ein, ihr Parfüm in sich aufsaugend wie den Duft einer lieblichen Blume. Betörend, aber dezent. Ihr Duft raubte ihm den Verstand. Es war an der Zeit, Geschenke auszupacken.
An diesem Montagmorgen strapazierte der klirrend kalte Winter in Minneapolis und St. Paul meine Nerven aufs Äußerste. Aus der mit Eiskristallen marmorierten Fensterscheibe meines Arbeitszimmers konnte ich meine Stadt nur schemenhaft erkennen. Ich stellte mir vor, wie Geschäftsleute und Passanten gleichermaßen hektisch durch die zahlreichen Skyways marschierten, den Verbindungswegen zwischen den Bürogebäuden. Dieses kilometerlange Netz von klimatisierten Röhren bot einen nicht mehr wegzudenkenden Schutz gegen die oftmals vorherrschende Kälte hier. Zweiundsechzig dieser so genannten Skyways verbanden zweiundfünfzig Häuserblocks miteinander. Das entsprach einer Strecke von acht Kilometer klimageschützter Gänge zwischen den Gebäuden, hatte ich mal irgendwo gelesen.Das digitale Außenthermometer zeigte minus neunzehn Grad an. Nichts Ungewöhnliches für Minneapolis zu dieser Jahreszeit. Verträumt betrachtete ich die herabfallenden dicken Schneeflocken in ihrem wilden Tanz.„Sie sehen wie Nadelkissen aus“, sagte ich laut zu mir selbst.Ich lebte allein mit meinen Kater Dragon in einer kombinierten Bürowohnung im vierzehnten Stockwerk eines hässlichen Klotzes in der Washington Avenue im Süden von Minneapolis, auf den die Eleganz des Nachbargebäudes, der alten ‚Spaghetti Factory‘ leider nicht abfärbte.Ich nahm einen letzten tiefen Zug meiner Zigarette, begleitet von einem nicht enden wollenden Hustenanfall, bevor ich den Glimmstängel in dem bereits übervollen Aschenbecher begrub.„Ich muss damit aufhören, irgendwann.“Die Selbstgespräche hatten im Laufe der Jahre zugenommen und waren eine genauso schlechte Angewohnheit von mir wie das übermäßige Rauchen.Wie aus dem Nichts landete mein getigerter Perserkater auf dem Schreibtisch, stolzierte an mir vorbei und machte es sich schließlich im Posteingangskorb bequem. Längst hatte ich es aufgegeben ihn davon abzuhalten. Es waren ja auch kaum Papiere da, die er durcheinanderbringen konnte. Gerade mal eine Handvoll Aufträge.Der Bildschirmschoner meines Computers zeigte einen Endlostext: „Jackie Lane – Privatdetektivin“. Ich übernahm Sorgerechtsfälle, Kaufhausdiebstahl und alles andere – außer Mord.Seit fast einem Jahr war ich als Privatdetektivin tätig. Meist ging es um Scheidungsfälle, Ehemänner, die ihren Unterhalt nicht zahlten oder Sprösslinge, die den neuen Lover der Mutter nicht akzeptierten und kurzerhand ausbüxten. Wie gerne hätte ich mal einen richtig spannenden Fall ganz oben auf der Eingangspost. Einen, der Kombinationsgabe und kriminalistisches Gespür erforderte.Das Geld zur Gründung meiner neuen Existenz hatten mir meine Eltern geliehen. Ich glaube, wenn sie gewusst hätten, dass ich es für den Aufbau einer Detektei verwende, hätten sie es mir nicht zur Verfügung gestellt. Oft plagten mich Gewissensbisse, ob ich es je wieder zurückzahlen könnte.Es war nicht so gelaufen, wie ich es mir erträumt hatte. Nichts war so geschehen, wie wir es einst geplant hatten, Norman und ich. Ich bemerkte, dass ich schon wieder auf dem besten Weg war, mich meiner winterlichen Depression hinzugeben und in Selbstmitleid zu versinken. Dennoch war es mir nicht möglich, die Gedanken zu unterdrücken. Vier Jahre war es jetzt her, seit Norman bei einem Polizeieinsatz ums Leben gekommen war. Wir hatten heiraten wollen, mit allem Drum und Dran. Große Feier, Kirche und eine Hochzeitsreise nach St. Lucia. Nach St. Lucia wollte ich immer noch. Irgendwann mal.Als in die Stille hinein die Türklingel schrillte, riss mich das Geräusch aus Melancholie und Tagträumen. Wie von der Tarantel gestochen schoss ich aus dem Bürostuhl empor und wäre fast zu Boden gestürzt, weil mein Bein eingeschlafen war. Dragon sprang mit einem Fauchen aus dem Posteingangskorb heraus und belagerte sofort den freigewordenen, noch warmen Stuhl.„Ja-ha?“, blaffte ich kurz in die Sprechanlage hinein.„Der Mann von der Zeitung“, zwitscherte eine fröhliche Stimme.Es war Marvin Farmer. Ein treuer Freund, wohl auch mein einziger. Er arbeitete als Journalist bei der Minneapolis Village Press, einer auflagenschwachen Zeitung mit dem Schwerpunkt Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft.Es dauerte eine Ewigkeit bis er schließlich vor der Tür stand. Vierzehn Stockwerke sind eben kein Zuckerschlecken, wenn man unter Klaustrophobie leidet und den Fußweg wählt.„Ich verstehe einfach nicht, warum du nicht den Aufzug benutzt.“Ich neckte ihn gern damit. Er fand es nie witzig. Dabei steckte seine athletische Figur die Strapazen mit Leichtigkeit weg. In gewohnt lockerer Art versuchte er, meine Bemerkung zu überspielen.„Ich will halt fit bleiben.“ Seine eisblauen Augen strahlten mich schelmisch an.Mit bösem Blick erfasste ich die kleinen Pfützen, die seine Thermostiefel auf dem Laminat hinterließen. Marvin streifte sie ohne Eile ab und stellte sie auf eine Lage Zeitungspapier, auf der auch schon ein Paar Moonboots von mir standen. Auf Socken folgte er mir in den Wohnraum.„An was arbeitest du gerade?“Ich führte eine allumfassende Bewegung mit den Händen aus und wies auf den Schreibtisch, der bis auf ein paar Zettel mit Notizen, einem angebissenen Sandwich vom Frühstück und einer Handvoll Aufträgen leer war.„Egal, lass alles stehen und liegen. Jetzt habe ich die Story für uns.“Ein Revolverblatt der Konkurrenz flog auf das Pult. In fetten Lettern stand geschrieben: „Mord – wurde Sohn reicher Modezarin vergiftet?“Ich tippte auf das Datum der Zeitung, der 30. Dezember des letzten Jahres.„Gehen dir die Ideen aus oder warum wühlst du in den Archiven der Konkurrenz?“Marvin stieß geräuschvoll die Luft aus.„Ich wusste, dass du es nicht verstehen würdest, Blondie. Hast du den Fall mal weiterverfolgt?“„Da war mal was …“Er verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße der Augäpfel zu sehen war. Lässig lehnte er sich an meinen Schreibtisch.„Ich helfe deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge. Der Sohn der Modezarin Pattna wurde am 29. Dezember letzten Jahres tot in seiner Penthousewohnung aufgefunden. Er ist mit Thallium vergiftet worden, Rattengift.“„Ich weiß, was Thallium ist. Ich verstehe bloß nicht, warum du jetzt, nach fast zwei Monaten damit ankommst.“ Verständnislos sah ich ihn an. „Warte – du, warst beim Frisör und weil man dich nicht bedient hat, hast du die Zeitung mitgehen lassen, richtig?“Er lächelte süffisant.„So ähnlich. Nun aber mal im Ernst. Der Fall ist bis jetzt nicht gelöst, Jackie. Und seitdem verrottet ein junges, unschuldiges Ding im Gefängnis. Im Carver County Jail.“ Erwartungsvoll sah er mich an. Ich starrte zurück. „Verstehst du nicht?“ Hektisch klopfte er mit dem Zeigefinger auf den Artikel. „Der Mörder läuft noch immer frei herum. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das einer Privatdetektivin erzählen muss.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung und schritt theatralisch durch den Raum.„Ich habe hierfür keinen Auftrag.“„Schon geschehen. Mrs. Orlay, die Mutter der Kleinen, wird sich mit dir in Verbindung setzen.“ Er klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und schenkte mir ein gönnerhaftes Lächeln. „Sag einfach danke, Baby.“ Marvin sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. „So. Ich muss los. Habe noch eine Menge Arbeit vor mir.“Er rauschte an mir vorbei, schlüpfte in seine Stiefel und verschwand durch die Wohnungstür. Was für ein Auftritt.Dragon gähnte und blinzelte mich schläfrig nunmehr wieder aus dem Postkorb an. Nur minimal veränderte er seine Position für ein weiteres Schläfchen. Skeptisch griff ich nach der Zeitung, die mein Freund zurückgelassen hatte. Ich las den Artikel intensiver. Jetzt begriff ich, was Marvin mir mit diesem Bericht sagen wollte: Ich hatte die vielleicht einmalige Chance, ein unschuldiges Leben zu retten, indem ich den tatsächlichen Mörder überführte. Ich konnte und sollte endlich handeln! Dieser Auftrag wäre die Medizin, die mir seit Jahren gefehlt hatte. Die Arbeit daran würde die peinigenden Schuldgefühle an Normans sinnlosem Tod begraben. Hier fand ich eine Möglichkeit, gegen ein Unrecht anzugehen.Energie durchflutete mich, ließ meine Finger wie von selbst über die Computertastatur fliegen. Nach und nach öffneten sich Programme und Tabellen. Vergessen war mein Vorsatz, alles andere außer Mordfälle zu übernehmen. Meine Arbeit begann.
„Bitte, nehmen Sie doch Platz, Mrs. Orlay.“Gleich am darauffolgenden Tag hatte mich Vanessa Orlays Mutter angerufen. Noch für denselben Tag vereinbarten wir einen Termin. Am Telefon klang sie völlig verunsichert. Als sie jetzt mit herabhängenden Schultern wie ein Häufchen Elend vor mir stand, wurde mein Eindruck noch verstärkt. Ihre blassgrünen Augen huschten unstet über die Inneneinrichtung meines bescheidenen Büros und wieder zu mir zurück.„Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen, Mrs. Orlay?“Ihr heller Wollmantel war tropfnass vom Schnee. Ich nahm ihr den Mantel ab und hängte ihn über einen Stuhl mit der plötzlichen Erkenntnis, dass ich noch nicht einmal einen Garderobenständer besaß. Da hatte ich mir ja eine feine Detektei eingerichtet. Innerlich rechtfertigte ich mich damit, dass ich hauptsächlich außer Haus arbeitete. Da war die Wohnungseinrichtung ja wohl Nebensache.Mrs. Orlay nieste ein paar Mal kurz hintereinander und schnäuzte sich dann in ein Taschentuch, das genauso schnell wieder verschwand, wie sie es hervorgezogen hatte.„Ja, das Wetter ist wirklich das Letzte“, bestätigte ich, krampfhaft nach einem Gesprächsanfang suchend.„Ich bin nicht erkältet. Haben Sie eine Katze?“„Ja. Warum?“„Ich bin allergisch dagegen.“„Oh.“ Ich bot ihr an, sich zu setzten und schielte in Richtung Besuchersofa, wo Dragon inzwischen zusammengerollt auf seiner Decke lag. „Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Einen heißen Tee oder Kaffee?“„Danke, nein. Ich meine, ich habe keinen Durst. Mrs. Lane, denken Sie, dass Sie Vanessa da rausholen können? Aus dem Gefängnis, meine ich? Sie erzählt schreckliche Dinge darüber. Meine Tochter ist unschuldig. Sie könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun.“ Nervös zupfte sie mit ihren kleinen Fingern, die viel zu plump für ihre zierliche Gestalt wirkten, an ihrer Unterlippe.Ich schätzte ihr Alter auf Ende vierzig, vielleicht auch mehr. Der Kummer konnte einen Menschen älter aussehen lassen, als er war.„Wann wurde Ihre Tochter verhaftet?“Sie sah mich einen Moment verwirrt an, bevor sie antwortete.„Einen Tag vor Silvester.“„Hat Ihre Tochter einen Anwalt?“ Ich versuchte auszuloten, wer mir in die Quere kommen könnte, falls ich den Fall tatsächlich übernehmen sollte.„Eine Anwältin, ja. Terra Bowles. Sie wurde uns vom Gericht zugewiesen. Ich kenne sonst keinen Anwalt, wir können uns auch keinen leisten.“Na wunderbar, schoss es mir durch den Kopf. Und wer bezahlt mich dann für den Auftrag? Im Stillen verfluchte ich Marvin bereits. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Glaubte er, ich würde pro bono arbeiten?„Sie werden natürlich Ihre Bezahlung erhalten“, fügte sie hastig hinzu, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ich habe mir von einer Freundin Geld geliehen und mein Erspartes zusammengekratzt.“ Ein aufmunterndes Lächeln huschte für den Bruchteil einer Sekunde über ihr verhärmtes Gesicht.„Wir werden uns schon einig werden“, hörte ich mich daraufhin sagen. Dabei konnte ich kaum glauben, dass die Worte aus meinem Mund kamen. „In der Zeitung wurde berichtet, Phil Pattna wurde mit Rattengift ermordet?“„Das ist alles bloß ein dummer Zufall.“ Sie wischte eine imaginäre Fluse von ihrem cremefarbenen Rollkragenpullover.„Zufall? Das Gift wurde in der Wohnung Ihrer Tochter gefunden, zumindest ein Teil davon.“Mrs. Orlay schüttelte gequält den Kopf. „Ja, ja, das ist richtig. Aber das Gift war für mich.“„Für Sie?“ Ich hatte mich wohl verhört.„Nicht, was Sie denken. Es war für die Ratten in meinem Schuppen, wissen Sie? Ich wohne drüben in St. Paul in einem kleinen Reihenhaus. Als mein Mann noch lebte, hat er alles in diesem verdammten Schuppen gelagert, der hinterm Haus steht. Jetzt kümmert sich keiner mehr darum und die Ratten nisten sich ein.“„Sie wollten die Ratten in Ihrem Schuppen mit Gift bekämpfen? Dafür gibt es doch Kammerjäger.“Ihre Schultern bebten, während sie sich abrupt abwandte und zum Fenster blickte, wo sich am unteren Rand von innen Eisblumen zu bilden begannen. Wahrscheinlich lief die Heizung mal wieder nur mit halber Kraft.„Ich weiß. Es ist alles meine Schuld.“ Hilflos sah sie wieder zu mir. „Vanessa arbeitet in einer Apotheke und hat somit Zugang zum Giftschrank. Ich hatte sie darum gebeten, wegen der Ratten und jetzt…“„Was denn, sie konnte sich einfach davon bedienen?“ Gab es heutzutage keine Sicherheitsvorkehrungen mehr?„Ganz so leicht war es natürlich nicht, nein. Sie führen in der Apotheke immer ein Buch, hat sie mir gesagt. In das müssen sie eintragen, wenn sie etwas aus dem Giftschrank entnehmen. Das hat sie natürlich auch getan, aber sie hat mehr genommen, als sie eingetragen hat. Sie wollte keinen Ärger mit ihrem Chef bekommen wegen der größeren Menge.“„Und jetzt sitzt sie wegen Mordes im Gefängnis. Mrs. Orlay, ist Ihnen bewusst, wie banal das klingt?“„Das haben die von der Polizei auch gesagt.“ Ihre Stimme wurde brüchig. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte. „Aber so war es. Sie hat mir einen Teil des Giftes mitgegeben und ich habe es im Schuppen zwischen dem ganzen Gerümpel ausgelegt.“„Warum hat Sie Ihnen nur einen Teil gegeben?“„Ich weiß nicht. Vielleicht wollte sie nicht, dass das Zeug bei mir herumliegt. Oder sie wollte den Rest wieder in den Giftschrank zurücklegen. Ein paar Ratten haben es tatsächlich gefressen. Eine eklige Angelegenheit, das kann ich Ihnen sagen.“Ich rief mir ins Gedächtnis, was Rattengift bei einem Menschen anrichten konnte: Herzrasen, man hat das Gefühl, einen Herzanfall zu bekommen. Später dann spürt man ein Taubheitsgefühl in den Händen, die Beine schmerzen. Man kann die Augen kaum offenhalten, fühlt sich wie gelähmt. Das Sprechen fällt einem immer schwerer, dazu kommen unglaubliche Magenschmerzen und ein Gefühl, als würde man von innen her verbrennen.Auf welche Weise hatte Phil Pattna das Rattengift wohl zu sich genommen? Wurde es in einem Getränk aufgelöst oder dem Essen beigemischt? Hatte er es schmecken können? Wie viel von der Substanz war nötig, um einen Menschen zu töten? War ihm alles auf einmal verabreicht worden oder über einen längeren Zeitraum in kleinen Portionen? Ich nahm einen Kugelschreiber in die linke Hand und machte mir ein paar Notizen.„Sie sind Linkshänderin, genau wie meine Vanessa“, bemerkte Mrs. Orlay und ihre Stimme wurde weich.Irgendwie war es mir plötzlich unangenehm, mit einer mutmaßlichen Giftmörderin verglichen zu werden. Nein, das war unfair von mir. Vanessa war nur als Verdächtige im Gefängnis und vor mir saß eine verzweifelte Mutter, die ihre Tochter befreien wollte und dabei nach jedem Strohhalm griff. Aus einem Impuls heraus bot ich Mrs. Orlay eine Zigarette an.„Nein, danke. Ich habe mir schon vor Jahren das Rauchen abgewöhnt.“„Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Dabei hoffte ich inständig, dass sie nein sagen würde. In den meisten öffentlichen Gebäuden der USA war das Rauchen inzwischen per Gesetz verboten. Da wollte ich wenigstens in meinen vier Wänden rauchen dürfen.„Bitte, wenn Sie möchten.“Gierig nach Nikotin steckte ich mir eine Zigarette an. „Wie lernten sich Vanessa und Phil eigentlich kennen?“„Auf einer Party. Vanessa war dort mit ihrer Freundin Kate Nash.“„Was war das für eine Party?“„Woher soll ich das wissen? Ich war nicht dabei. Eben eine, wo junge Leute so hingehen.“„Waren Drogen im Spiel, Alkohol?“„Meine Tochter nimmt keine Drogen“, antwortete Mrs. Orlay spitz. „Vielleicht hat sie was getrunken, ja. Sie kam jedenfalls am nächsten Tag nicht zum Mittagessen zu mir, weil sie über Kopfschmerzen klagte. Sie hat eine eigene Wohnung.“„Wie lange kannten sich die beiden?“„Haben Sie die Zeitungsberichte eigentlich richtig gelesen? Da stand es doch drin: Es war nur ein One-Night-Stand.“Mit einer plötzlichen Heftigkeit, die all ihre angestaute Bitterkeit widerspiegelte, schleuderte sie mir die Worte entgegen. Als mir klar wurde, dass ich einen Fehler gemacht hatte, wählte ich meine Worte mit mehr Bedacht.„Mrs. Orlay, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich versuche, mir nur ein Bild zu machen. Wenn ich Ihrer Tochter helfen soll, brauche ich jede Menge Hintergrundwissen vor allem über Dinge, die ich nicht den Zeitungen entnehmen kann.“Sie räusperte sich. „Hätten Sie vielleicht doch ein Glas Wasser?“„Selbstverständlich.“ Ich holte zwei Gläser aus der Küche und eine Flasche stilles Wasser.„Danke.“ Das Glas in ihrer Hand zitterte leicht, als sie es entgegennahm. Sie nippte nur kurz daran und stellte es gleich wieder ab.„Ich mische mich im Allgemeinen nicht in das Privatleben meiner Tochter. Aber wenn Sie mich fragen, wäre dieser Mann früher oder später selbst mit dem Gesetz in Konflikt geraten.“„Weswegen?“ Ich wurde hellhörig.„Weil er mit diesem Zeugs handelte.“„Crack?“„Nein.“ Sie rieb sich die Schläfen, als ob sie Kopfweh hätte. „Es gibt auch noch andere Dinge, mit denen es sich gut handeln lässt. Ginseng, zum Beispiel.“Hatte ich richtig gehört? Der Typ hatte mit Ginseng gehandelt? Inzwischen begann der Filter meiner Zigarette, die ich im Aschenbecher fast völlig hatte verqualmen lassen, zu schmoren. Ich drückte sie aus und hakte vorsichtig nach.„Ginseng? Soweit ich weiß, ist das eine Heilpflanze.“„Das ist richtig. Aber so einfach sind diese Wurzeln nicht mehr zu bekommen. Ich habe mich erkundigt, müssen Sie wissen. Auf dem Schwarzmarkt zahlt man bis zu fünfhunderttausend Dollar für ein Kilo wilden Ginseng.“Ich fragte mich, ob ich es hier mit einer hysterischen Mutter zu tun hatte, die mir weismachen wollte, dass der Ermordete in zweifelhafte Geschäfte verwickelt war oder ob an der Sache wirklich was dran sein könnte.„Sie meinen, Phil Pattna hat mit wildem Ginseng gehandelt?“ Ich kam mir vor wie ein Idiot, so als hätte ich die letzten Jahre auf einer einsamen Insel verbracht, völlig ab von jeglicher Zivilisation und den Nachrichten.„Vanessa erzählte mir so etwas, als sie schon ein paar Tage im Gefängnis saß. Sie hatte ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Mehr weiß ich leider auch nicht.“ Sie zupfte wieder an ihrer Unterlippe. „Denken Sie, Sie können sie da rausholen?“„Wie kommt es, dass Ihre Tochter so viel über Phil wusste, obwohl sie ihn, sagen wir, kaum kannte?“„Er muss ziemlich damit angegeben haben, mit dem Handel von wildem Ginseng viel mehr zu verdienen als mit seiner Tätigkeit als Architekt. Meine Tochter verdient als Apothekenhelferin nicht sehr viel. Er muss ihr imponiert haben.“Ich nickte. Das war einleuchtend.„In welchem Gefängnis ist sie denn inhaftiert?“„Im Carver County Jail.”Ich machte mir eine Notiz, obwohl mir Marvin diese Information bereits mitgeteilt hatte.„Ich übernehme den Fall gerne.“Mein Gegenüber atmete erleichtert auf.Schnell nutzte ich die Gelegenheit, um meinen Spesensatz zu nennen und reichte ein Auftragsformular nebst Umschlag über den Tisch.„Lesen Sie sich alles in Ruhe durch. Wenn es Ihnen zusagt, werfen Sie mir das Kuvert einfach in den Briefkasten.“Mrs. Orlay brauchte keine Bedenkzeit. Sie griff nach dem Kugelschreiber, mit dem ich mir soeben Notizen gemacht hatte und begann unverzüglich, das Formular auszufüllen. Dann kramte sie in ihrer Schultertasche und förderte ein kleines Mäppchen mit Schecks zu Tage. Sie überflog kurz das Auftragsformular. Offensichtlich wollte sie sich davon überzeugen, die richtige Summe für die Anzahlung einzutragen.„Sie sind Vanessas und meine einzige Hoffnung.“ Schwungvoll setzte sie ihre Unterschrift unter Auftrag und Scheck und schob beides zu mir über den Tisch.„Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte? Nur, damit ich weiß, wo ich ansetzten kann.“„Was mir bekannt ist, habe ich Ihnen gesagt. Alles andere müssen Sie meine Tochter fragen.“Ich würde mich ganz schön durchbeißen müssen. Ein Blick in die Polizeiakten wäre hilfreich und … Es fiel mir schwer, meinen totgeglaubten Enthusiasmus unter Kontrolle zu halten. Ich wusste, dass dieser Fall genau das war, worauf ich seit Langem gewartet hatte.Als Mrs. Orlay gegangen war, ging ich gleich zur Bank, um den Scheck einzulösen. Einen Teil ließ ich mir in bar auszahlenAuf einmal kam mir der Winter in Minneapolis gar nicht mehr so kalt und trist vor. Ich verlangsamte meine Schritte und beschloss spontan, einen kleinen Abstecher zum Chinesen um die Ecke zu machen. Dann besann ich mich jedoch eines Besseren. Mit den vielen Geldscheinen in der Tasche sollte ich wirklich nicht schnurstracks zur nächsten Imbissbude gehen und eine Frühlingsrolle bestellen. So machte ich auf dem Absatz kehrt und schlenderte zurück zu meiner Bürowohnung. Würde ich mir eben etwas liefern lassen.Mein Handy vibrierte in der Jackentasche, gerade als ich die Zimmertür aufschloss.„Na? War der Tipp gut?“ Es war Marvin.„Hm. Du kannst mir gleich behilflich sein. Ich muss alles über wilden Ginseng wissen und wie man drankommt.“„Na, das ist aber ein verdammt schwieriger Auftrag, bei dem ich bestimmt mein Leben aufs Spiel setzte“, spöttelte Marvin. „Warum gehst du nicht in die nächste Apotheke und kaufst dir ein paar Wurzeln oder nimmst das Konzentrat in Kapselform?“„Wilden Ginseng bekommt man nur noch auf dem Schwarzmarkt.“ Ich fand, ich klang überzeugend, so, als wisse ich schon bestens über das Thema Bescheid.„Du machst Witze.“„Nein, mache ich nicht. Könntest du dich bitte für mich umhören?“„Doch, du nimmst mich hoch. Oder hast du das Zeug geraucht?“„Wilder Ginseng bringt auf dem Schwarzmarkt etwa fünfhunderttausend Dollar pro Kilo. Glaub es mir.“Marvin pfiff durch die Zähne.„Holla. Das scheint mir eine echte Goldgrube zu sein. Ich werde mich mal umhören. Bis später.“Dragon begrüßte mich, als wäre ich den ganzen Tag über fort gewesen. Er rieb seine Flanken an meiner schneenassen Jeans und miaute laut und fordernd. Fütterungszeit hieß das. Pflichtschuldig öffnete ich für ihn eine Dose Katzenfutter, schob die Portion mit einer Gabel in seinen Napf und drückte sie ein wenig platt. Gierig verschlang mein langhaariger Kater die Happen.Als ich eine knappe Stunde später genüsslich meine chinesische Mahlzeit vertilgte, klingelte mein Handy erneut. Wieder Marvin. Ich schluckte rasch den letzten Bissen hinunter und nahm das Gespräch an.„Hast du etwa schon was herausbekommen?“ Ich lehnte mich mit angezündeter Zigarette in meinem Bürosessel zurück.„Na klar. War übrigens ein heißer Tipp, der mit dem Schwarzmarkt. Die Wurzeln stehen praktisch kurz vor der Ausrottung. Ginseng wird hauptsächlich in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt, gegen die unterschiedlichsten Leiden. Unter anderem zur Verbesserung der Herzleistung, Immunabwehr aber auch zur Potenzsteigerung.“ Marvin legte eine Pause ein. Offenbar hatte er sich Notizen gemacht und konnte seine eigene Sauklaue nicht mehr lesen. „Weil die Ginseng-Wurzeln in China bereits vor Jahrhunderten eine vielfältige Anwendung fanden, wurden sie schon damals mit dem dreifachen Goldgewicht aufgewogen. Später interessierten sich dann die Europäer dafür. Die Wirksamkeit von wildem Ginseng zur Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit ist sogar wissenschaftlich belegt. Weil die Medizin daran gut verdiente und eine enorme Nachfrage bestand, wurde geerntet, was das Zeug hält, und nun gibt es ihn nur noch in geringen Beständen in China und Russland.“„Daran lässt sich also gut verdienen“, murmelte ich gedankenverloren.„So ist es. Und dann gibt es da noch eine recht radikale Bande von Artenschützern, die den Verzicht auf die Nutzung von wildem Ginseng erzwingen wollen, bis sich die Bestände wieder erholt haben, was wir wohl nicht mehr miterleben werden.“„Hat diese Organisation einen Namen?“„Moment – ah, hier habe ich es. OTREP, Organisation to rescue economic plants, Organisation zur Rettung der Nutzpflanzen.“„So etwas gibt es?“, fragte ich ungläubig.„Ja, und die sind nicht zimperlich in der Durchsetzung ihrer Interessen. Vandalistische Einbrüche in Läden, die diese Wurzeln weiterhin vertreiben, bis hin zu Handgreiflichkeiten gegenüber Apothekern.“„Spinnen wir den Fall einmal weiter. Würden sie soweit gehen, einen Menschen zu töten, weil er trotz ihrer Drohungen weiter mit wildem Ginseng handelt?“„Bin ich der Allmächtige? Ich habe keine Ahnung, wie weit Fanatiker bereit sind, ihre Interessen durchzusetzen. Die einen schnallen sich vor ein Boot bei Windstärke zehn oder ketten sich an eine Bohrinsel bei eisiger Kälte. Vielleicht sind unsere Freunde von der OTREP bereit, alle zu töten, die zur weiteren Ausrottung der Pflanze beitragen.“„Das ist doch krank“, ereiferte ich mich. Ich inhalierte tief und wurde prompt mit einem kräftigen Hustenanfall bestraft.„Es ist auch krank, zwei Packungen am Tag zu rauchen!“Ich ignorierte seinen Kommentar.„Was ist mit denen, die mit Ginseng handeln? Vanessas Mutter sagte etwas davon, dass Phil Pattna da gewisse Kontakte besaß.“„Hey, nun mach mal langsam. Gib mir ein wenig Zeit, dann höre ich mich für dich um. Und du? Was planst du als Nächstes?“„Ich werde Vanessa mal einen Besuch abstatten und mir ihre Version der Geschichte anhören. Vielleicht weiß sie etwas über Phils Freunde, irgendjemanden, der ihn länger kennt als nur eine Nacht. Und da wäre noch eine Bitte.“ Ich sog an meiner Zigarette bis zum Filter und drückte sie dann im überfüllten Aschenbecher aus.„Na, das reißt ja nicht ab. Was darf es denn noch sein, Blondie?“Ich hasste es, wenn er mich so nannte.„Kannst du an die Polizeiakten herankommen? Ich würde gerne wissen, wer in diesem Fall ermittelt.“„Das kannst du vergessen. Keine Chance. Damit würde ich mich strafbar machen, das weißt du genau. Was ist mit deinen alten Kontakten? Howard fällt mir da spontan ein.“Das war eine ganz harmlose Frage. Mich traf sie jedoch wie ein Schlag. In all den Jahren nach Normans Tod hatten wir das Thema immer geflissentlich umgangen. Ich hatte mit der Zeit alle Kontakte zu seinen und meinen Polizeikollegen abgebrochen.Insgeheim hatte ich damals Howard Carter, einem gemeinsamen Freund und Kollegen, die Schuld gegeben, nicht rechtzeitig an Ort und Stelle gewesen zu sein, um Norman zu helfen. Mit dieser Lüge konnte ich besser leben. Ich war noch immer nicht darüber hinweg.„Ich schau mal, wie ich drankommen kann. Wir hören voneinander.“
Das Carver County Jail lag im Westen der Stadt, im sogenannten Bildhauerviertel. Nachdem mein Legitimationsnachweis mindestens einer Handvoll geflissentlich arbeitender Gefängnisangestellten vorgelegt worden war und ich im Anschluss daran einer genauen Leibesvisitation unterzogen wurde, führte mich eine uniformierte Wärterin in den Trakt der Haftanstalt, in dem Vanessa Orlay untergebracht war. Durch endlose Gänge und Sicherheitsschleusen geleitet, fand ich mich schließlich im Besucherraum wieder. Nie im Leben würde ich hier allein wieder herausfinden.„Moment noch, bitte.“Eine dicke, nach säuerlichem Schweiß riechende Wärterin blaffte knappe Befehle in ihr Funkgerät, bevor sie mich mit einer Kopfbewegung aufforderte, auf einem der Plastikstühle vor der Sicherheitsscheibe Platz zu nehmen. Während ich auf Vanessa Orlay wartete, pflanzte sich die Gesetzeshüterin zu meiner linken auf eine Bank direkt neben der Eingangstüre. Unter ihrem Gewicht begann die Sitzgelegenheit gefährlich zu knarren. Gegen die rückwärtige Wand gelehnt verharrte sie, als könne sie kein Wässerchen trüben. Sie erinnerte mich an ein Krokodil, das in einem trüben Tümpel döst und darauf lauert, urplötzlich über ein Opfer herzufallen.Wie gern hätte ich mit Vanessa alleine gesprochen, durfte aber schon froh sein, überhaupt bis hierher gelangt zu sein. Als sie in Handschellen von zwei Wärterinnen in den mit Panzerglas abgetrennten Raum hereingeführt wurde, bewegte sich das auf der Lauer liegende Krokodil, um die plumpen Arme lässig vor der Brust zu kreuzen. Sie warf einen neugierigen Blick in meine Richtung, bevor sie den Kopf wieder entspannt nach hinten sacken ließ. So waren wir nun zu fünft, was ich für völlig überzogen hielt. Ich hoffte inständig, dass sich nicht noch mehr Personal dazugesellte.Zögernd nahm Vanessa hinter der Glasscheibe Platz. Sie unternahm keinerlei Anstalten, nach dem Telefonhörer rechts von ihr zu greifen. Stattdessen starrte sie mich nur angriffslustig an. Einstweilen zog sich eine der Wärterinnen auf Vanessas Seite wieder zurück. Die andere blieb in gebührendem Abstand hinter ihr stehen.Ich zückte meinen Detektivausweis und hielt ihn Vanessa vor die Scheibe. Sie warf einen prüfenden Blick darauf, mit zusammengekniffenen Augen, wie eine Kurzsichtige. Minuten vergingen, bis sie endlich nach dem Hörer griff und dann unerwartet schnell drauflos plapperte.„Wer hat Sie denn geschickt, meine Mutter etwa? Eine Detektivin sind Sie? Ist die Polizei nicht mehr in der Lage, den Fall zu lösen? Warum kommen Sie ohne meine Anwältin? Das verdammte Miststück hat sich schon seit zwei Wochen nicht mehr blicken lassen.“„Beruhigen Sie sich, Miss Orlay.“ Krampfhaft suchte ich nach einer Möglichkeit zu einer Überleitung, bevor entweder eine der Wärterinnen die Gesprächszeit für beendet erklärte oder Vanessa selbst abblockte. „Ich kann Ihre Aufregung ja verstehen.“„So, können Sie das? Von Ihrer Seite des Raumes aus ist es sicher nicht schwer. Wissen Sie, wie lange die mich hier schon unschuldig festhalten? Über zwei Monate. Zwei verdammte Monate. Meines Wissens darf niemand länger als vierundzwanzig Stunden festgehalten werden, wenn keine Beweise für seine Schuld vorliegen.“ Sie gab sich oberschlau, als hätte sie die Zeit genutzt, das Gesetzbuch auswendig zu lernen.Auf mich wirkte sie jedoch einfach nur verzweifelt.„Miss Orlay, haben Sie eine Ahnung, warum Sie hier festgehalten werden?“„Soll das ein Witz sein? Haben Sie etwa den langen Weg auf sich genommen, ohne sich vorher zu informieren? Fragen Sie doch mal die Wachhunde hier.“ Mit wild funkelnden Augen blickte sie von einer Wärterin zur anderen.„Ich möchte es lieber von Ihnen hören.“ Dabei lächelte ich gewinnend Vanessa nahm den Hörer in die andere Hand und stütze sich auf den rechten Unterarm, dann beugte sie sich nach vorn, als wäre ihr daran gelegen, dass ich sie so besser verstand.„Man wirft mir vor, einen Typen, den ich kaum kannte, mit Rattengift umgebracht zu haben. Können Sie sich das vorstellen?“„Phil Pattna.“„Genau den. Sohn der berühmten Modezarin Pattna, wie ich erst später erfuhr. Du meine Güte, ich hatte ja keine Ahnung.“ „Und nun ist er tot.“„Doch nicht durch meine Hand!“„Durch wessen dann?“„Wenn ich das wüsste, säße ich nicht in diesem Loch, oder?“ Ihre Schultern sackten resigniert nach unten. Sie war den Tränen nahe.„Woher kannten Sie Phil?“, nahm ich den Faden wieder auf.„Ich kannte ihn gar nicht, jedenfalls nicht lang genug. Eigentlich habe ich ihn nur an diesem einen Abend getroffen.“ Sie nagte nervös an ihrer Nagelhaut.„Wo sind Sie ihm begegnet?“„Auf einer langweiligen Party. Er war mit seinem Freund Edgar da und ich mit meiner Freundin Kate.“„Ist Ihre Freundin auch Apothekenhelferin?“Sie sah mich einen Moment nachdenklich an. „Nein. Kate arbeitet in einer Pfandleihe.“„Kannte Kate die beiden schon vorher?“„Nein, wir sind ihnen an diesem Abend zum ersten Mal begegnet. Ich fand Phil ganz süß. Ein echter Frauentyp, würde ich sagen. Wir tranken was, hatten Spaß und, na ja, schließlich landeten wir in meiner Wohnung.“„Er war bei Ihnen zu Hause?“„Ist das vielleicht schon strafbar?“ Ihr Körper straffte sich, um eine Verteidigungshaltung einzunehmen.„Natürlich nicht. Bitte, erzählen Sie weiter.“„Was? Was soll ich Ihnen noch erzählen? Hat meine Mutter nicht schon alles berichtet?“„Sie sind diejenige, die ihn zuletzt lebend gesehen hat.“Vanessa bekam einen hochroten Kopf. „Er hat nur bei mir übernachtet. Ich erinnere mich nicht einmal, ob zwischen uns überhaupt etwas vorgefallen ist. Wir hatten beide ziemlich viel getrunken. Ich weiß nur noch, dass er am nächsten Morgen so schnell wie möglich wegwollte, ohne irgendeine Erklärung. Ich fand das eine ganz schön miese Tour und war stinksauer auf den Kerl.“„Hm, das ist eine vertrackte Situation.“„Wem sagen Sie das?“ Sie wechselte den Hörer wieder in die andere Hand.„Miss Orlay, könnten Sie mir die Namen und Adressen der Personen nennen, mit denen Sie an dem Abend zusammen waren? Oder die Namen derer, die Sie auf dieser Party aufgeschnappt haben?“„Ist das nicht der Job meiner Anwältin?“„Richtig. Wie Sie mir hingegen zu Beginn sagten, hat sie sich schon eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen. Miss Orlay, wenn Sie mir nur ein wenig vertrauen, könnte ich Ihnen helfen, hier herauszukommen.“ Ich berichtete knapp, was mir ihre Mutter mitgeteilt hatte. „Was hat es mit dem Ginseng auf sich?“Vanessa zuckte wieder mit den Schultern. „Weiß nicht. Phil und Edgar handelten damit, verrückt nicht? Mit wildem Ginseng, das muss man sich mal vorstellen. Er ist kaum noch zu bekommen, wussten Sie das? Keiner will mehr die Pillenform einnehmen. Es muss unbedingt die Wurzel sein. Als Phil hörte, dass ich in einer Apotheke arbeite, schien er bloß eine weitere Bezugsquelle gewittert zu haben.“„Was machte er beruflich?“„Er war Architekt. Er prahlte ziemlich damit, als müsse man ihn kennen.“„Noch fünf Minuten, Ladys“, meldete sich das Krokodil auf meiner Seite und tippte dabei auf die Armbanduhr.Ich nickte ihr zu. „Was ist mit seinem Freund, Edgar? Wissen Sie, was der beruflich macht?“„Nö. Das weiß Kate vielleicht. Sie war nach diesem Abend eine Weile mit ihm zusammen. Kaum zu glauben, so schwul wie der ist.“„Er ist homosexuell?“„Ist das ein Unterschied?“„Woraus schließen Sie, dass er homosexuell ist? Ich denke, er war mit Ihrer Freundin Kate zusammen.“„Meine Güte, sind Sie naiv. Das ging doch nur ein paar Tage, dann hat Kate ihm den Laufpass gegeben. Der hing doch an Phil wie eine Klette.“„Wie meinen Sie das, wie eine Klette?“„Na, wie eine Klette eben, die Dinger, die auf Müllhalden oder so wachsen und einem an der Kleidung haften bleiben.“Wie eine Klette. Einen lästigfallenden Menschen bezeichnete man so. Jemanden, der durch seine Anhänglichkeit zur Last wird. „Und Sie? Haben Sie Phil den Laufpass gegeben?“„Hören Sie eigentlich nicht zu? Ich habe doch eben gesagt, er hat sich am nächsten Morgen davongemacht. Wollte nur für eine Nacht seinen Spaß haben. Wahrscheinlich war das für ihn billiger als im Puff.“ Als sie bemerkte, dass sie sich in ihrem Frust mit einer Prostituierten gleichsetzte, fügte sie mit gedämpfter Stimme hinzu: „Jedenfalls hab ich ihn danach nicht mehr gesehen.“„Wie war das mit dem Rattengift?“Vanessa schlug mit der freien Hand heftig auf die schmale Ablagefläche vor ihr. „Ich weiß nicht, warum mir das jeder anhängen will. Warum soll ich jemanden, den ich kaum kenne, vergiften wollen?“Weil sie sich benutzt vorkam, aus Enttäuschung oder wegen verschmähter Liebe, schätzte ich. Stattdessen sagte ich: „Sie scheinen keine besonders hohe Meinung von dem Ermordeten zu haben.“„Oh, ich weiß. Man sollte nicht schlecht über Tote reden. Ich pfeif drauf.“Neben mir knarrte und knackte es auf der Bank, als die Wärterin sich nach oben hievte.„So, das wär’s für heute. Darf ich bitten?“„Ja sofort.“ Ich sprach schnell in den Hörer. „Die Adresse Ihrer Freundin Kate, wie lautet die?“„Kate Nash. Prosperity Avenue, Mapplewood, St. Paul. Grüßen Sie Kate von mir.” Sie warf mir einen wehmütigen Blick zu, dann drehte sie sich rasch um und stakste davon.Wieder draußen an der frischen Luft atmete ich erst mal tief durch. Dann brauchte ich unbedingt eine Zigarette. „Mist, verdammter“, fluchte ich vor mich hin, als ich feststellte, dass die Packung leer war. Ich blickte mich suchend um. Nichts. Kein Laden weit und breit. Außerdem hatte ich inzwischen Hunger bekommen. Bärenhunger. Ich war ohne Frühstück losgefahren und jetzt war mir schwindelig.Ich stieg in meinen dunkelblauen Dodge, Jahrgang 1993 und fuhr den Flying Cloud Drive bis zur nächsten Ausfahrt Richtung Edina. Fahren war eigentlich zu viel gesagt. Es glich eher der Olympiadisziplin im Bobfahren. Nur, dass ich in Zeitlupe durch einen Eiskanal fuhr. Die Schneepflüge hatten die weiße Pracht links und rechts der Fahrbahn aufgetürmt. Pech für jeden, der seinen Wagen am Straßenrand geparkt hatte und diesen wohl nun vor Einsetzen des Tauwetters im Frühling nicht mehr wiederfinden würde. Ich schlitterte auf den vereisten Parkplatz vor dem Southdale Shopping Center und parkte so nah wie möglich neben dem Haupteingang.Erst Zigaretten kaufen, dann etwas essen. In der Reihenfolge. Ich kaufte eine ganze Stange John Player Special, riss ein Päckchen auf und stapfte zum Rauchen wieder nach draußen. Bei klirrender Kälte stand ich vor dem Eingang und rauchte gleich zwei Zigaretten hintereinander. Erst dann machte ich mich auf, um meinen knurrenden Magen zufriedenzustellen. Nicht wählerisch entschied ich mich für einen mexikanischen Imbiss, bestellte einen Vorspeisenteller mit Tortillas und drei unterschiedlichen Dips. Während ich auf das Essen wartete, suchte ich über das Handy Kate Nashs Telefonnummer heraus und versuchte mein Glück. Es war niemand zu Hause. Hätte ich mir ja auch denken können. Ich hinterließ meine Nummer und bat um Rückruf. Endlich kam mein Essen. Ich verschlang die schwammigen Tortillas und spülte die Reste mit schwarzem Tee hinunter. Kein Gourmetmahl, aber eine kalte Cola hätte ich jetzt beim besten Willen nicht trinken können. Ich legte meinen Notizblock neben den Teller und fasste zusammen, was ich wusste.Nach dem Imbiss beschloss ich, ein paar Einkäufe zu erledigen. Trockenfutter für Dragon, Nudeln und Fertigsuppen für mich. Früher hatte ich gerne gekocht. Doch seit ich allein lebte, hatte ich keine Lust mehr dazu. Ich schob den Einkaufswagen durch die Gänge, packte meine Einkäufe hinein und überlegte krampfhaft, was ich noch alles brauchen könnte. Durch die dicke Winterjacke ertönte der gedämpfte Klingelton meines Handys.„Ja?“„Spreche ich mit der Detektivin?“„Ja. Jackie Lane.“ Ich rollte den Einkaufswagen von der Gefriertruhe weg und versuchte, einen ruhigen Platz zu finden.„Sie wollten sich mit mir treffen?“, vernahm ich am anderen Ende eine unsichere weibliche Stimme. „Wer spricht denn?“, fragte ich.„Oh, Entschuldigung. Hier ist Kate Nash.“
Eine Stunde später saßen wir im Starbucks von Southtown bei einem Mandelkaffee. Wegen der chaotischen Wetterverhältnisse war es mir unmöglich gewesen, vorher nach Hause zu fahren. Meine gesamten Einkäufe standen daher neben mir. Im Kofferraum meines Wagens konnte ich sie nicht lassen, da sie mir sonst gefrieren würden.„Sie haben Glück, dass ich heute Nachmittag frei habe.“ Kate blickte mich kurz an und dann gleich wieder zu Boden.„Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben. Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“„Ich arbeite in einer Pfandleihe.“Somit konnte ich schon mal ausschließen, dass sie beruflich an Rattengift gekommen war. Ich strich diesen Punkt von meiner Liste.„Wie geht es Vanessa?“„Sie lässt Sie schön grüßen. Wirkte ziemlich durcheinander.“ Ich forschte in den rehbraunen Augen meines Gegenübers. Kate nickte kurz. Sie schloss ihre Hände um einen heißen Becher Kaffee, um sich daran aufzuwärmen.„Was wollen Sie von mir wissen?“„Wer war der Gastgeber der Party, auf der Sie und Vanessa Phil Pattna kennenlernten, und was war der Anlass der Feier?“„Terence Crale feierte seinen dreißigsten Geburtstag. Ich kenne ihn aus dem Buchladen in der Bloomington Mall, wo ich samstags jobbe. Er ist ein netter Kerl, aber stinkend langweilig.“ Sie rührte mit einem Plastikstäbchen in ihrem Kaffee und nahm einen großen Schluck.„Vanessa hat mir erzählt, Sie und Edgar wären eine Zeit zusammen gewesen?“„Ja, das heißt, eigentlich nein. An dem Abend hatten wir alle ganz schön was getrunken. Phil machte sich gleich an Vanessa ran und Edgar an mich, wenn man das so sagen kann. Wir verzogen uns wie Teenager in den Keller und hatten unseren Spaß zwischen Koffern und Matratzen. An mehr erinnere ich mich nicht.“ Sie kicherte verlegen. „Als wir wieder nach oben gingen, lief die Party ihrem Höhepunkt entgegen. Vanessa und Phil waren nirgendwo zu sehen. Edgar und ich trafen uns ein paar Mal, aber bald war die Luft raus. Ich hatte das Gefühl, dass er mit Frauen nicht wirklich etwas anfangen konnte.“„Wissen Sie, wo er wohnt?“„Ich glaube, er hat mal kurz erwähnt, direkt am International Flughafen zu wohnen. Er könne die Flugzeuge fast greifen und vor allem hören, sagte er. Wir haben uns nie bei ihm zu Hause getroffen, deshalb kann ich Ihnen keine Straße nennen.“ Kleine rote Flecken erschienen auf ihren Wangen.„Haben Sie einen Nachnamen für mich?“„Hershey, soweit ich weiß.“Welch erschöpfende Auskunft. „Wie kamen Vanessa und Phil miteinander klar?“„Oh, ich dachte erst, es wäre die große Liebe, weil ich tagelang nichts von ihr hörte und sah. Dann rief sie mich eines Abends an und schüttete mir ihr Herz aus, was für ein Schwein er wäre und dass er gleich am nächsten Morgen auf und davon sei. Tja, und dann hieß es plötzlich, sie solle ihn vergiftet haben. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ich kann das alles auch jetzt noch nicht glauben.“„Bei Vanessa fand man aber das Gift.“„Deshalb muss sie ihn noch lange nicht umgebracht haben.“„Sondern?“, hakte ich nach.„Keine Ahnung, was weiß ich?“„Vielleicht wollte sie Phil nur eine kleine Lektion erteilen und hatte dann im Übereifer doch zu viel von dem Gift genommen?“„Aber sonst geht’s Ihnen gut? Man mischt doch niemandem Rattengift unters Essen, bloß weil man sich verletzt fühlt?“„Wie kommen Sie darauf, dass das Gift im Essen war?“Kate wurde verlegen. „Ach, das sagt man doch so. Hören Sie, ich weiß nicht, was zwischen den beiden vorgefallen ist. Aber ich kenne Vanessa. Sie könnte so etwas nie tun. Egal wie wütend sie auf diesen Kerl war, aber sie ist keine Giftmörderin.“„Warum hatten Sie das Gefühl, Edgar wisse mit Frauen nichts anzufangen?“, ging ich nochmal einen Schritt zurück.„Ach, weiß nicht. Irgendwie …“, sie schien nach Worten zu suchen, „als sei er es nicht gewöhnt, eine Frau zu berühren. So, als ob es ihm nicht gefiel. Vielleicht war ich nicht mehr sein Typ, als der Zauber des Abends verflogen war.“
Wieder in meiner Bürowohnung übertrug ich die gesammelten Notizen in den Computer und arbeitete sie erneut durch. Da war Vanessa, die wegen Mordes an Phil Pattna im Gefängnis saß, was ihre Mutter nicht glauben konnte. Dann gab es noch ihre Freundin Kate, die zwar einigermaßen betroffen über die Mordanklage gegen ihre Freundin war, aber nicht wirklich verzweifelt wirkte. Und Edgar, der an seinem toten Freund wie eine Klette gehangen haben sollte. Was verband sie miteinander? Und da war noch Phils Mutter. Wie hatte sie den Tod ihres Sohnes verkraftet? Kannte sie weitere Freunde von ihm? Ich markierte den Namen Edgar Hershey mit einem pinkfarbenen Balken in meiner Computeraufstellung. Dann überlegte ich weiter. Vanessa hatte behauptet, Edgar sei schwul. Kate räumte ein, er könne mit Frauen nichts anfangen. Ob da etwas Wahres dran war?
