Das Mädchen mit dem Flammenhaar - Janet Borgward - E-Book

Das Mädchen mit dem Flammenhaar E-Book

Janet Borgward

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Beschreibung

Für die 16-jährige Avery ist es nichts Besonderes, aus ihren Karten die Zukunft zu lesen. Ihr Misstrauen ist jedoch geweckt, als ihr Vater sie heimlich darum bittet, für ihn die Karten in einer politischen Frage zu legen. Als diese kurz darauf in einem wilden Strudel verwirbeln, ihrer Motive beraubt, glaubt Avery noch an Zufall. Doch nachdem auch Bilder die sie zeichnet plötzlich zum Leben erwachen, bekommt sie es mit der Angst zu tun, denn nun gerät sie ins Visier der Herren von Kandalar und ihres dunklen Lords Mahilo-Esch. Ist sie das Mädchen mit dem Flammenhaar, welches einer Sage zufolge das Spiel der Mächtigen dereinst wird beherrschen können? Avery muss um ihr Leben fürchten und flieht überstürzt in die Sümpfe Greenerdoors, doch fangen damit ihre Probleme erst richtig an.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Janet Borgward

Das Mädchen mit dem Flammenhaar

Macht und Mächtige

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Herren von Kandalar

Neschwirr

Ein Meer von Fragen und leeren Karten

Rauch über Gullorway

Verbrannte Spuren

In den Sümpfen

Die Bowmen

Das Brandmal

Der Rat der Fünf

Jodee

Ein Treffen in den Baumkronen

Lebende Bilder

Angriff auf Greenerdoor

Amarott

Besucher in der Nacht

Entführt

Die Burg von Kandalar

Geheimgänge

Bücher

Durch die Lüfte

In meinem Kopf

Flugstunden

Nächtlicher Ausbruch

Versöhnliche Töne

Unliebsame Familienbande

Der Blutstein

Unter einem schützenden Dach

Verräterische Geschenke

Das Komplott

Handfeuerwaffen

Karten und andere Bilder

Unsichtbare Mauern

Bewegen was erstarrt

Die Schlacht bei Xellaris

Der Untergang

Gullorway

Nachwort

Danksagung

Bisher erschienen

Impressum neobooks

Die Herren von Kandalar

„Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden wird, kann nirgends gefunden werden.“Aus Mahabharata, 1. Buch

Der Warnton aus dem Horn der Späher ließ meine dreckverkrusteten Hände innehalten. Alarmiert reckte ich den Kopf empor, suchte mit zusammengekniffenen Augen den Horizont ab, um den Grund dafür auszumachen. Eine kleine, dunkle Wolke wurde in der Ferne sichtbar, doch versprach sie nicht den lang ersehnten Regen. Ein Reiterheer der ‚Herren von Kandalar‘ nahte. Wie Heuschrecken zogen sie übers Land, eine Spur der Verwüstung hinterlassend. Vornehmlich auf der Suche nach Büchern. Niemand durfte eines besitzen und wenn doch rollte sein Kopf – denn Wissen bedeutete Macht und sie waren die Mächtigen, uneingeschränkt. Dieses Gesetz existierte seit Generationen. Die Herren von Kandalartrieben Steuern ein, viel mehr als die meisten unseres Clans in der Lage waren zu geben. Wer nicht zahlen konnte, verlor Frau oder Kinder an die Herren von Kandalar als Pfand, bis die Schuld beglichen war – keiner kehrte je zurück. Im Laufschritt jagte ich über die staubigen Felder, sorgsam darauf bedacht, nicht die Setzlinge niederzutrampeln. Die Bewässerung des trockenen Ackerlandes verlangte ohnehin besonderen Einfallsreichtum. Geregnet hatte es seit Monaten nicht mehr und die zunehmenden Sturmböen dörrten den Boden zusätzlich aus. Überhaupt war das Wetter kaum noch vorhersehbar. Während es in einigen Gebieten unaufhörlich regnete, wie die Händler zu berichten wussten, herrschte in der Region von Kandalar größten Teils Dürre. Ein Kometensplitter, der unseren Planeten vor über zehn Jahren gestreift hatte, so klein wie ein Weinfass jedoch mit der Wirkung eines Vulkanausbruchs. Danach begann sich die Natur zu wandeln. Doch die meisten gaben den Herren von Kandalar die Schuld daran, da man ihnen dunkle Kräfte nachsagte und es leichter war, ihnen sämtliches Unheil anzulasten. „Wie viel Zeit bleibt uns?“, fragte Miles, ein Junge in meinem Alter. Leichtfüßig lief er neben mir her. Mit seinen sechzehn Jahren und gut einem Meter neunzig Körpergröße galt er fast schon als Mann. Sein durch die Arbeit auf dem Feld gestählter Brustkorb glänzte vor Schweiß, das um die Hüften geschlungene Hemd flatterte wie eine Fahne im Wind. „Keine Ahnung, lauf einfach!“ „Wer zuerst am Gemeindehaus ist“, stieß er aus und sprintete davon. Trotz der angespannten Situation stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen. Miles schaffte es immer wieder, mich zum Lachen zu bringen. Wir waren wie Geschwister. Unter uns herrschte ein Einverständnis, auch ohne Worte. „Wenn du weiter so trödelst, werden sie dich mit auf die Burg nehmen.“ Sein brauner Haarschopf wirbelte kurz herum, gefolgt von einem jungenhaften Lachen. Mein Ehrgeiz war geweckt. Natürlich wollte ich Miles einholen. Ganz Gullorway war inzwischen auf den Beinen. Die Männer des Ältestenrates, denen auch mein Vater angehörte, trieben uns an. „Beeilt euch. Alle ins Gemeindehaus und wartet dort auf eure Anweisungen“, feuerte mein Vater uns mit vor Anstrengung rotem Kopf an. „Mit Mistgabeln gegen eine Reiterschar des Schreckens, aus deren Waffen Flammen und Blitze schießen“, stieß Miles atemlos hervor, als wir vor dem Gemeindehaus zum Halten kamen. „Ist doch sinnlos.“ „Avery könnte uns ja ein paar Wunderwaffen zeichnen, aber sie malt ja lieber Blümchen und Kräuter“, stichelte meine ältere Schwester Charise. Sie war achtzehn und wurde nie müde mich spüren zu lassen, wie erwachsen sie schon war. Sie klopfte sich die Handflächen an ihrer sauberen Hose ab, als wären diese Hände je mit Dreck in Berührung gekommen. Nicht eine Schweißperle glänzte auf ihrer makellosen Alabasterhaut.Ja, ich konnte recht gut zeichnen. In letzter Zeit spielte mir diese künstlerische Fähigkeit allerdings einen Streich. Was ich zeichnete wurde – lebendig. Manchmal war es mir gar, als verströmten die gezeichneten Kräuter einen realen Duft nach Rosmarin, Liebstöckel, Sommerblumen oder was auch immer ich gerade zu Papier brachte. Bisher hatte ich noch mit niemandem darüber gesprochen. Es war mir irgendwie peinlich und ich hatte Angst davor, für verrückt erklärt zu werden. Doch Charise schien etwas zu ahnen und weil sie selbst über keinerlei Talente verfügte, außer vielleicht den jungen Männern in unserem Dorf den Kopf zu verdrehen, zog sie mich jetzt damit auf. Zum Glück ging keiner darauf ein. Nur mein Vater warf mir einen alarmierten Blick zu, wobei seine blassblauen Augen wie frisches Quellwasser leuchteten. Wir drängten uns ins Gemeindehaus und ließen eine schmale Gasse für die Alten und Gebrechlichen frei.„Da sind ja meine Mädchen.“ Unsere Mutter betrat den Raum. Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie uns entdeckte.„Kommt. Wir gehen weiter nach hinten durch.“ Trotz der Gefahr, die in der Luft lag, verströmte sie Zuversicht und Ruhe. Sie war noch immer eine bildhübsche Frau. Hochgewachsen und schlankwüchsig, wenn auch ihr rabenschwarzes Haar allmählich Silberfäden sichtbar werden ließ und sich feine Linien um Mund und Augen abzeichneten, die nicht nur vom Lachen herrührten. Sie bog ihren schmalen Rücken durch, was ihr eine gewisse Würde und Größe verlieh.Die Menschen in Gullorway waren meist hochaufgeschossen. Für die Männer war eine Körpergröße von einem Meter neunzig bis zwei Meter nichts Ungewöhnliches. Selbst Frauen maßen rund einen Meter achtzig. Nur Alter und Gram ließ die Bewohner mit der Zeit schrumpfen, so schien es. Die harte Arbeit auf den Feldern tat ihr übriges. „Es ist stickig hier drin“, beklagte sich Charise als wäre dies unsere einzige Sorge. „Ich glaube, ich sehe Denian dort hinten“, unternahm ich den Versuch, meine Schwester fortzulocken. Denian war ihr aktueller Freund. „Ich will aber, dass ihr an meiner Seite bleibt“, war die Stimme meiner Mutter zu vernehmen, in der außer dem plötzlichen Befehlston noch etwas anderes mitschwang: Angst. Charise rollte mit den Augen, ein genervtes Stöhnen auf den Lippen. „Ich bin doch kein Kind mehr.“„Eben“, setzte Mutter mit scharfem Tonfall hinzu. Ihr Blick verriet, dass es besser war, jetzt keine Widerworte zu geben. Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Es machte mich nervös hier drin zu warten und nicht zu wissen, was draußen vor sich ging. In diesem geschlossenen Raum mit nur einer Fluchttür hätten etwaige Angreifer ein leichtes Spiel. Langsam begann die Beklemmung von mir Besitz zu ergreifen. Was, wenn die Herren von Kandalar meinen Lesestein fanden, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Mein Vater hatte ihn mir heimlich von einer seiner Handelsreisen mitgebracht, weil er wusste, dass ich leidenschaftlich gerne las. Ein Stein wäre unauffälliger als Bücher, so hatte er gesagt. „Dieser Stein ist etwas Besonderes. Niemand darf wissen, dass du ihn besitzt, niemand.“ Das gebündelte Wissen sämtlicher Bücher sollte sich darin befinden. Seitdem hatte ich das ein oder andere darin gelesen. Heimlich. Sogar im Dunkeln. „Du musst das Wissen des Lesesteins, wenn nötig mit deinem Leben vor den Herren von Kandalar, sogar vor jedem von uns, schützen“, ließ er mich schwören. Der Lesestein aus meisterlich geschliffenem schwarzem Onyx, war etwa so groß wie meine Hand und so dünn wie mein Ringfinger. Die ebenmäßig gearbeitete Frontseite wechselte von tintenschwarz zu einer milchig durchscheinenden hellen Lage, wann immer ich mit der Hand darüberstrich. Dann erschienen vollständige Texte, fast so wie in einem Buch, nur dass die äußeren Ränder ein bisschen ausgefranst wirkten. Bei erneuter Berührung war es, als würde ich eine Buchseite umschlagen. Die Energie zur Darstellung gewann der Stein aus dem Sonnenlicht, so meinte mein Vater. Ich hatte aber auch davon gehört, dass Onyx allein schon die Fähigkeit besaß, das Selbstbewusstsein seines Besitzers zu steigern, weswegen man ihn auch den ‚Stein des Egoisten‘ nannte. In den Händen seines Besitzers förderte er analytisches Denken und Durchhaltevermögen, um die eigenen Ziele unaufhörlich zu erreichen – wovon ich allerdings noch nichts gemerkt hatte. In den wenigen Augenblicken, in denen ich unbemerkt in dem Stein lesen konnte, versuchte ich mir dieses Wissen einzuprägen, doch war der Lesestoff einfach zu umfangreich. Hufgetrappel mehrerer Reiter war nun auf dem Vorplatz zu hören. Aufgeregte Stimmen wurden von barschen, fremd klingenden Befehlen übertönt. Etwas zischte oder knallte kurz hintereinander. Vielleicht das Leder einer Peitsche. Dann war ein unterdrückter Schmerzensschrei zu hören. Alle im Raum erstarrten.„Wer ist euer Anführer?“, fragte eine derbe Stimme mit fremdländischem Akzent und schleppendem Tonfall. „Das bin ich. Aris.“ „Ist euer Dorf plötzlich ausgestorben?“ Gelächter von weiteren Männern war zu hören. Ich reckte mich, um irgendetwas von dem erkennen zu können, was da außerhalb vor sich ging. „Bei drei sind alle hier auf dem Platz oder bleiben für immer in diesem maroden Bau! Schätze, das baufällige Haus brennt wie Zunder, wenn wir ein paar Fackeln hineinwerfen.“ Es wurde so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Fast schmerzhaft umschloss Mutter mein Handgelenk.„Was wollt ihr?“, vernahm ich die Stimme meines Vaters. Klar und fest. „Ich bin es, der hier die Fragen stellt! Also, bei drei. Eins …“ Die Tür des Gemeindehauses flog auf. Einer nach dem anderen hasteten wir nach draußen. Kaum war der Letzte auf den Dorfplatz hinaus gestolpert, stach bereits der beißende Geruch von Feuer in unsere Nasen. Angefacht vom böigen Wind brannte das Gemeindehaus bald lichterloh. Die Hitze war schier unerträglich, doch wagte niemand sich zu bewegen, um den Brand zu löschen. „Sind alle eure Gebäude so instabil?“ Der Mann ohne Namen lachte boshaft und trieb sein Pferd durch die Menge. Wie gebannt stierte ich zu der imposanten Erscheinung des Sprechers hinüber. Unmerklich versuchte meine Mutter Charise und mich hinter sich zu bringen und damit aus dem Blickfeld der Herren von Kandalar. Der hünenhafte Mann samt Begleiter waren komplett in schwarz gekleidet. Seine Reitstiefel reichten ihm in einer breiten Krempe bis übers Knie. Goldene Bänder oder Schlaufen waren an den Seiten angebracht. In einer dieser Schlaufen steckte ein Schaft mit einem reich verzierten Dolch. Der schwarze, schwere Umhang des Mannes schimmerte am Saum leicht grünlich, wenn sich der Wind darin verfing. Seine Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen, mit breiter Manschette. Eine Hand ruhte lässig auf dem Knauf eines seltsamen Stabes, der in seinem Gürtel steckte. Die andere hielt die Zügel seines pechschwarzen Pferdes.„Nun Aris, wo dein Clan endlich so hübsch versam …“ Ein lautes Krachen und Knarren verschluckte den Rest des Satzes. Die Holzbalken des Dachstuhls hielten dem Feuer nicht mehr länger stand. Funken stoben wie Glühwürmchen umher und versengten jedem, der zu nahe beim Feuer stand Haut und Haare. „… verlangen wir die Herausgabe der vereinbarten Steuern“, sprach der Hüne unbeirrt weiter. In schleppendem Tonfall leierte er Forderungen herunter. „Dreißig Säcke Getreide, zehn Rinder, fünf Schweine, zwanzig Hühner und – eintausend Platons.“ „Eintausend Platons?“, stieß mein Vater hervor, dabei jede Vorsicht außer Acht lassend. „Hast du damit ein Problem, alter Mann?“ „Seht euch dieses Land doch an. Es gibt kaum genug für uns zum Leben her. Und erst kürzlich haben wir fünfhundert Platons.“ „Willst du wirklich mit mir handeln?“, dabei beugte er sich zu meinem Vater herunter, während die Hand am Knauf seiner Waffe zuckte. „Wir haben nichts, was wir euch geben könnten“, die Stimme meines Vaters war nur noch ein Flüstern. Es zerriss mir das Herz, ihn so zu Kreuze kriechen zu sehen. „Ihr treibt doch regen Handel mit Timno Theben und selbst Perges ist euch nicht zu weit.“ Er trieb sein Pferd auf meinen Vater zu, der zurückwich. „Womit bezahlt ihr dann diese Waren?“ „Mit Medizin.“ „Lauter! Eure seichte Sprache erreicht mein empfindliches Ohr kaum.“ „Wir stellen Medizin im Tausch gegen Waren her.“ „Tatsächlich? Seltsam, dass wir nichts davon wissen“, spie er meinem Vater entgegen. Selbst von meinem Platz aus konnte ich erkennen, wie seine Augen diabolisch funkelten. Mit einer herrischen Geste wandte er sich an seine Reiterschar, die aus etwa zwanzig, dreißig düster dreinblickenden Männern bestand. Er bellte ihnen etwas in ihrer Sprache zu, woraufhin sie auszuschwärmen begannen und in unsere Häuser und Stallungen eindrangen. „Aber wir brauchen die Vorräte“, setzte mein Vater an. „Ihr solltet lernen, damit besser zu haushalten.“ Wenige Zeit später trieben die Männer ein paar Rinder und Schweine über den Dorfplatz von Gullorway. Einer der Herren von Kandalar näherte sich dem Wortführer und schien ihm etwas zu überreichen, was sein langer Umhang jedoch verbarg. „Und was ist das hier?“ Triumphierend hielt er ein Buch in die Luft. Die Gesichtszüge meines Vaters erstarrten augenblicklich. „Das – ist unmöglich“, brachte er hervor. „Und dennoch halte ich es in Händen, wie du siehst.“ Er warf meinem Vater das verbotene Buch wutschnaubend vor die Füße. „Mir scheint, du hast deinen Clan nicht unter Kontrolle. Sie arbeiten ungenügend und verbringen ihre Zeit offenbar mit l-e-s-e-n.“ Wie zähfließender Schleim flossen die Worte aus seinem Mund, sein eigenartiger Dialekt war nur mit Mühe zu verstehen. „Und jeder von euch weiß, was darauf steht“, wandte er sich dann an alle Dorfbewohner, nahm meinem Vater damit die Möglichkeit für weitere Rechtfertigungen. „Also, wem gehört das Buch?“ Es entstand eine unerträgliche Stille. „Mir“, ertönte unverhofft eine Männerstimme von weiter vorne. „Mir auch.“ „Und mir.“ Immer mehr Stimmen wurden laut und schwollen zu einem einzigen Rhythmus an. „Mir, mir, mir!“ Bis auch Frauen und Kinder in dem Singsang einstimmten. Plötzlich zog der Mann seinen Stab aus dem Gürtel und feuerte damit blindlings in die Menge hinein, woraufhin einige Bewohner schreiend zusammenbrachen.„Du!“, wies er aufs Geratewohl auf einen Jungen. Cyrian, wenn ich ihn richtig erkannt hatte. „Herkommen!“Cyrian versteifte sich. Er hatte keine Chance gegen die berittenen Herren von Kandalar, die bereits aus ihren Sätteln gesprungen waren. In ihrer Mitte wirkte er geradezu schmächtig. Sie überragten ihn um fast zwei Kopflängen und ihre Schultern waren um ein Vielfaches breiter, muskulöser. Grob zwangen sie ihn auf die Knie. Es bedurfte nur eines kurzen Nickens ihres Anführers, dass einer von ihnen einen Säbel unter seinen Umhang hervorbrachte und mit einem einzigen Hieb Cyrians Kopf vom Rumpf trennte. Starr vor Entsetzen blickte ich auf Cyrians kopflosen Rumpf, unter dem sich bereits eine riesige Blutlache zu bilden begann, die gierig von dem staubtrockenen Boden aufgesogen wurde. Cyrian war gerade erst vierzehn Jahre alt geworden. „Gehört sonst noch jemandem das Buch?“ Mit unbeweglicher Miene sah er in die vor Schreck geweiteten Augen der Dorfbewohner. Niemand wagte auch nur zu Atmen. „G-u-t. Dann wäre d-a-s geklärt.“ Seine fremde Aussprache hallte wie ein abklingender Sturm in den Ohren nach. Er schloss zu seinen Männern auf, während sich die Menge vor ihm teilte. Hass, Mordlust, Resignation und vieles mehr las ich in den Gesichtern unseres Clans. Ein letztes Mal drehte er sich um, wobei seine ungnädigen Augen über die Köpfe der Menge hinweg nach etwas zu suchen schienen. Kurz bevor sich unsere Blicke trafen, stellte sich meine Mutter vor mich und nahm mir damit die Sicht. Und genauso schnell wie sie in Gullorway eingefallen waren, verschwanden die Herren von Kandalar auch wieder. Zurück blieben Trauer und Fassungslosigkeit.

Neschwirr

Wie ein dunkler Schatten preschten die Reiter der Herren von Kandalar über magere Wiesen, vorbei an den schroffen Felsformationen der Ellar Hills, einer Gebirgskette in Merdoran. Nördlich des Massivs ragte dagegen ein einzelner graugrüner Bergkegel empor, auf dessen Gipfel ein monumentales Bauwerk thronte: die Burg von Kandalar. Eine Burg, so gewaltig und groß, dass eine Stadt darin Platz finden könnte. Mit zahlreichen spitzen Türmen, die wie Nadeln in den Himmel stachen, stets verborgen in einem dichten Wolkenkranz. Das gelblich schimmernde Mauerwerk aus Gold Quarzit überstrahlte die grobbehauenen stützenden Mauern aus Basalt und war bereits aus weiter Ferne sichtbar. Die Reiter gaben ihren vor Anstrengung dampfenden Pferden die Sporen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit auf die Burg zu gelangen. Wuchsen am Fuße des Berges noch Gräser, schneidend scharf wie Messerklingen, verlor sich der Boden zusehends in unwegsames Gelände. Knöchernes, mannshohes Dornengestrüpp zerrte an den Gewändern der Männer und erschwerte ihnen den Aufstieg. Kurz bevor die imposanten, schmiedeeisernen Tore der Burg nach unten gelassen wurden, stob die Reiterschar über den Burgplatz. Noch im Galopp sprang Manold, der Wachmann, aus dem Sattel. Unwirsch schlug er die helfende Hand eines herbeigeeilten Dieners beiseite. In seinen schulterlangen schwarzen Haaren, haftete noch der Staub vergangener Tage. Schwungvoll stieß er die Tür zur Schenke auf und zog sich einen Stuhl heran. „Bring mir einen großen Krug kühles Bier und einen Batzen Fleisch. Ich bin am Verhungern“, wies er ein dürres Dienstmädchen an. Achtlos warf er seinen schweren Umhang über einen Stuhl, der unter der Last umzukippen drohte. Eine Hand fing ihn mühelos auf. „Manold. Schon so zeitig zurück von eurer Reise?“ Die Stimme des weitaus jüngeren Mannes klang schneidend scharf. „Lange genug um eine anständige Mahlzeit und …“ „Mein Vater wartet ungern auf Neuigkeiten, die du sicher zu berichten hast. Wenn du also so freundlich wärst. Ich bin sicher, dass von seinem Abendessen noch ein paar Bissen für dich übriggeblieben sind. Und zieh dir frische Kleidung an.“ Nur mühsam beherrscht erhob sich Manold, um der Aufforderung Folge zu leisten. „Wie Sie wünschen, junger Lord.“ Dabei verzichtete Manold bewusst auf die korrekte Anrede ‚Guhl‘, um ihm eine Lektion zu erteilen. Er, Manold hatte schon gekämpft, als dem Bürschchen noch der Rotz aus der Nase lief. „Mir scheint, du hast deine guten Manieren beim Pöbel in den Dörfern gelassen.“ Die rabenschwarzen Augen des jungen Lords blitzten gefährlich auf. Viele waren schon für leichtere Vergehen getötet worden. Reumütig senkte der Wachmann seinen Kopf. „Ich bitte um Vergebung, Neschwirr-Guhl. Hunger und Durst haben mir wohl die Sinne vernebelt.“Kurze Zeit später stand Manold mit knurrendem Magen, frischer Kleidung und vom Bad noch feuchtem Haar vor Mahilo-Esch, dem herrschenden Lord von Kandalar. Der dürre betagte Mann saß am Ende einer ausladenden, hölzernen Tafel und schob gerade einen Teller mit den Resten eines Ochsenknochens beiseite.„Zu zäh für meine alten Zähne. Aber wenn du magst?“ Eine Reihe Goldzähne trat hinter spröden Lippen zum Vorschein. Manold hatte verstanden. „Zu gütig, Mahilo-Esch doch ich habe mir in der Schenke etwas zurückstellen lassen.“ „Wollen wir hoffen, dass es lange haltbar ist. Hast du Neuigkeiten für mich, Wachmann?“ Manold trat von einem Fuß auf den anderen. Von den engen Reitstiefeln waren seine Füße jetzt noch geschwollen. Wie gerne hätte er sich nach einem üppigen Mal auf einer bequemen Liege ausgestreckt, während ein junges Mädchen ihm die verkrampften Waden massierte. Doch der Alte bot ihm keinen Platz an. „Wir haben Getreide und Vieh eingetrieben.“ „Und?“„In Gullorway haben wir ein verbotenes Buch entdeckt. Sein Besitzer verlor den Kopf.“ Manold strich sich stolz über den dichten Bart. Scheppernd flog der Teller mit den Essensresten vom Tisch, als Mahilo-Esch ihn mit seinem sehnigen Arm fortwischte, Gift und Galle speiend. „Hast du nicht was vergessen?“ Die Brust wurde ihm zu eng, als Manolds Herz dagegen zu hämmern begann. Der Alte wusste es. Wie hatte er in der kurzen Zeit … „Und eintausend Platons.“ Schweißperlen rannen Manold über die Stirn. Sein Hunger war verflogen.„Die du dir einstecken wolltest!“ Mahilo-Esch war aufgesprungen. Selbst im hohen Alter von fast achtzig Jahren überragte er Manold. „Also überlege dir gut, ob deinem versoffenen Hirn nicht noch etwas Wichtiges entgangen ist.“ Lauernd sah er Manold an. Fieberhaft dachte dieser nach, was der Alte noch meinen könnte. Plötzlich stand Neschwirr neben seinem Vater, ohne dass Manold ihn hatte hereinkommen hören. Der Sohn, der einmal Mahilo-Eschs Nachfolger sein würde. Flüsternd beugte Neschwirr sich zu seinem Vater herunter, der inzwischen wieder Platz genommen hatte. „Sag mir, Manold. Was soll ich mit einem obersten Wachmann, wenn dieser blind und gierig ist?“ Mahilo-Eschs Stimme war mit einem Male leise doch dröhnte sie laut in Manolds Ohren. Jeder auf der Burg wusste, wozu der alte Lord fähig war. „Ich mag alt sein, Manold, aber meine Sinne sind noch jung. Eure dagegen scheinen abzustumpfen, wenn eure Augen junge Mädchen mit kupfernem Haar übersehen.“ Also war es doch keine Sinnestäuschung gewesen. Doch als er einen zweiten Blick gewagt hatte, waren die Köpfe in der aufgebrachten Menge verschwunden. Manold stand wie versteinert da, indes Neschwirr mit geschmeidigen, lautlosen Schritten zu ihm schlenderte und Mahilo-Esch ihn weiter unter Beschuss nahm.„Wie ich sehe, kommt die Erinnerung langsam. Doch zu spät, Manold. Die Zeiten sind schlecht und Frauen, gesunde Frauen, rar. Du weißt, dass wir nach der einen suchen, dem Mädchen mit dem Flammenhaar. Dich noch weiter durchzufüttern erscheint mir sinnlos.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen als Neschwirr, flink wie ein Geist, ein kleines juwelenbesetztes Langmesser unter seinem Überwurf hervorbrachte und Manold seitlich bis zum Heft in die Brust stieß. Ein sauberer Stoß. Absolut tödlich. Mit einer gereizten Grimasse quittierte Mahilo-Esch den Mord, der vor seinen Augen geschah. „Lass ihn verschwinden und sorg dafür, dass nichts von seinem unreinen Blut weiterhin meinen kostbaren Boden besudelt.“ „Wie du wünschst, Vater.“ Neschwirr deutete eine Verbeugung an. Das Messer war wieder in den langen Ärmeln seines Gewandes verschwunden.„Und ich will, dass du nach Gullorway reitest. Bring mir die Mädchen mit den roten Haaren. Eine von ihnen wird die Richtige sein und für die andere finden wir hier sicher auch noch Verwendung. Es ist mir egal, wie du das anstellst, aber sorge dafür, dass es niemanden aus dem Dorf mehr gibt, der darüber berichten könnte!“ „Eine einfache Aufgabe und ganz nach meinem Geschmack, Vater.“ Neschwirr richtete sich voller Stolz auf. Sein Vater hatte längst das Potential erkannt, das in ihm steckte. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war es für Neschwirr bald an der Zeit, dass er dessen Nachfolge übernahm. „Enttäusche mich nicht“, setzte Mahilo-Esch nach. Aufgebläht wie ein Gockel verließ Neschwirr den Raum. Er sprach zwei Männer aus seinem Gefolge an, auf deren Verschwiegenheit er vertraute. Kurze Zeit später war von dem törichten Manold nichts mehr zu sehen. Die dunklen Holzplanken aus geschliffenem Schiffsrumpf ließen nicht erkennen, was hier geschehen war. Doch bevor Neschwirr aufbrach, gab es noch einiges zu regeln. Schlafen konnte er später. „So spät noch auf den Beinen, Bruder?“ Neschwirr rannte geradewegs in seinen Halbbruder Amarott, dem Sohn einer jungen Hure, an der sein Vater Gefallen gefunden hatte und die zu eine der ersten Gelblinge mutierte, so erzählte man sich. Überall stand der siebzehnjährige im Weg herum. „Genau das könnte ich dich fragen, Amarott. Ist es nicht schon längst Schlafenszeit für dich, kleiner Bruder?“ „Irgendetwas hat mich aus dem Schlaf gerissen.“ Amarotts buschige Augenbrauen warfen sanfte Wellen. Ein Anflug von Spott umspielte seine Lippen. „Dann sieh zu, dass du dir von Benoe ein Schlafmittel geben lässt. Ein Aufguss mit Melisse soll Kindern bei Schlafstörungen helfen.“ Amarott ließ sich diesmal nicht provozieren. Zu groß war seine Neugierde, um zu erfahren, was es mit dem großen, zugeschnürten Bündel auf sich hatte, das ein paar von Neschwirrs Vertrauten aus dem Esszimmer seines Vaters herausgetragen hatten. „Bei Kindern, mag sein. Aber Benoe hat noch andere Vorzüge, die einen schläfrig machen können.“„Sieh zu, dass du in dein Zimmer kommst, und steh mir nicht im Weg, kleiner Bruder.“ Langsam verlor Neschwirr die Geduld. Behände trat Amarott beiseite und ließ Neschwirr ziehen. Dieser schlug einige Umwege ein, um den Schatten seines Bruders abzuschütteln. Sein Weg führte ihn schließlich über den nun leeren Burghof, vorbei an den verschlossenen Fensterläden des Schmieds und weiter durch verschlungene Gassen, an den Mauern hochherrschaftlicher Häuser entlang. Die Burg bot mehreren hundert Menschen Platz, fast ausschließlich Männern. Die Frauen von Kandalar hingegen fielen seit Jahren einer rätselhaften Seuche zum Opfer oder mutierten zu Gelblingen, schauderhaften Wesen mit vogelartigen kahlen Köpfen und Klauen. Mahilo-Esch hatte verfügt, dass diese geisterhaften Wesen in den Verliesen der Burg gehalten wurden, an einem Ort, zu dem nur einige Auserwählte Zugang hatten. Auf leisen Sohlen und weiter im Schutz der Dunkelheit erreichte Neschwirr letztlich sein Ziel, das Haus des alten Färbers. Was er an ihm schätzte, war seine Verschwiegenheit, wenn auch sein Lohn immer unverschämter wurde. Aber ein in die Jahre gekommener Mann lebte schließlich nicht ewig. „Was führt Sie zu so später Stunde noch in meine bescheidenen Räumlichkeiten, Neschwirr-Guhl?“„Lassen wir das Theater. Du bist nicht bescheiden und ich bin in Eile. Ich brauche zehn Männer, die keine Fragen stellen und einen langen Ritt nicht scheuen. Vier Späher, die vorausreiten und das Gelände sichern. Dazu Gelblinge, die ihre letzten Gehirnzellen einzusetzen wissen und bedingungslos gehorchen. Kannst du mir da aushelfen?“ Neschwirr befingerte ein Stück frisch gegerbtes Leder, das so weich war wie die Haut eines jungen Mädchens. „Der Zufall will es, dass mir einige Männer noch einen Gefallen schulden.“ Der Färber lächelte und ließ dabei ein paar faule Zahnstummel sehen. Das Gold der Zähne war nur den Lords von Kandalar vorbehalten. „Und bei den Gelblingen, nun ja. Sie werden immer nützlicher …“ „Gut.“ Neschwirr gab noch weitere Anweisungen und machte dann einen Treffpunkt aus. „Da wäre noch eine Kleinigkeit, Neschwirr-Guhl.“ „Wie viel?“ „Nun, ich denke eintausend Platons wären eine angemessene Summe.“ „Überspann den Bogen nicht, Färber. Mein Vater könnte sich wundern, woher dein plötzlicher Reichtum stammt. Einhundertfünfzig Platons jetzt und weitere zweihundert, wenn der Auftrag ausgeführt ist und ich zurück bin.“ „Welche Garantie habe ich, dass ihr gesund zurückkommt, Neschwirr-Guhl? Die Herren von Kandalar sind nicht überall beliebt.“ „Das ist mein Preis. Nimm an, bevor ich es mir anders überlege.“ „Vierhundert jetzt und vierhundert nach eurer erfolgreichen Reise würden mein Gewissen beruhigen.“Neschwirr griff in die Falten seines Umhangs und zählte dreihundert Platons ab, die er dem Färber auf den fleckigen Holztisch warf. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er den stickigen Raum. Es würde der letzte Gefallen sein, um den er den alten Halsabschneider bat.

Ein Meer von Fragen und leeren Karten

Ich saß im Schatten unter dem Vordach unseres einfachen Hauses. Auf meinen abgeschürften Knien ruhte ein vergilbtes Blatt Papier, den eingetrockneten Federkiel bewegte ich zwischen meinen Fingern wie ein Taschenspieler. Seit heute hatten die Pforten der Schule wieder geöffnet. Nach Cyrians Tod waren sie tagelang zum Zeichen der Trauer verschlossen geblieben. Cyrian war der einzige Sohn von Recking, dem Bauern. Er hatte aus einem groben Holzblock Figuren von erlesener Schönheit schnitzen können, die unsere Händler für ihn verkauften. Seine Hände hingegen waren zu ungelenk, um Felder zu bestellen. Als die Ernte nicht genug einbrachte, nahmen die Herren von Kandalarseine Mutter und die kleinere Schwester mit auf die Burg. Und jetzt war er tot. Es war nicht so, dass der Ältestenrat von Gullorway tatenlos zusah. Unzählige Male hatte er die Hilfe von Abylane, Alebas oder der Goldenen Stadt Timno Theben erbeten, die über bewaffnete Kohorten verfügten. Doch waren diese mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Stattdessen gemahnten uns ihre Clanführer zur Vorsicht und das wir eben die Augen offenhalten sollten. Es gab keine Unterstützung. Im Umkreis von mehreren Tagen gab es kein einziges Dorf, keine Stadt. Während sich im Westen der Fluss Mukonor in den undurchdringlichen Sümpfen von Greenerdoor verlor, gab es im Osten nur das Bergmassiv der Ellar Hills, mit dem unbesiedelten Merdoran und Kandalar. „Avery, träumst du wieder?“ Wie von weit her drang Charise’ ungehaltene Stimme zu mir ans Ohr, dabei stand sie nur zwei Schritte weit entfernt. Gebieterisch baute sie sich vor mir auf. „Hallo? Jemand zu Hause?“ Sie wedelte mit ihren grazilen Fingern vor meinen Augen, um meine Aufmerksamkeit endlich auf sich zu lenken .„Ja, du bist ja nicht zu überhören“, maulte ich. Ich zog die Hosenbeine wieder über die verschorften Knie. Das Blatt Papier, auf dem ich soeben noch einen Vogel gekritzelt hatte, ließ ich unauffällig in meiner Hosentasche verschwinden.„Ich könnte deine Hilfe auf dem Feld gut gebrauchen.“ Abwartend stand sie mit verschränkten Armen vor mir. „Wenn’s keine Umstände macht“, setzte sie schnippisch hinzu. Eine Dohle flog über Charise hinweg, einen Kotklecks auf ihrer Schulter hinterlassend. „Igitt!“, stieß sie angeekelt aus und blieb wie versteinert stehen. „Soll Glück bringen“, brachte ich hervor, dabei konnte ich meine Überraschung kaum verbergen. Mit dem zerknüllten Papier wischte ich ihr den Unrat von der Schulter. Charise schlug meine Hand fort, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte davon. Ich ließ sie vorerst ziehen. Wenn sie in dieser Stimmung war machte es keinen Sinn mit ihr zu reden. Mit einem ausgeleierten Haarband versuchte ich meine störrische, kupferne Lockenpracht zu bändigen und unter dem abgewetzten Strohhut zu verbergen. Mutter hatte meiner Schwester und mir eingeschärft, unser rotes Haar nicht zur Schau zu tragen. Niemand sonst hatte rotes Haar und sie wollte nicht, dass man uns deswegen das Leben schwer machte. Wie gern hätte ich es mir einfach kurz geschnitten, damit es besser unter den Hut passte. Doch das würden meine Eltern und vor allem Charise, niemals zulassen. „Deine Haare hätte ich gern“, sagte sie oft, wenn sie vor dem Spiegel stand und wieder einmal trotzig versuchte, etwas aus ihren glatten, wie von Rost durchzogenen Haaren zu machen. Rasch erneuerte ich noch den Sonnenschutz auf meinen Armen mit Lehmpunsch, einem Gemisch aus Lehm und diversen Kräutern. Meine Erfindung. Der Brei kühlte die Haut und bewahrte sie vor dem Austrocknen. Außerdem hinterließ Lehmpunsch einen bronzefarbenen Teint, fast wie gebräunte Haut – was mir persönlich lieber war, als meine blasse Haut mit den versprengten Sommersprossen darauf. An der Konsistenz musste ich allerdings noch ein wenig feilen. „Da bist du ja endlich.“ Ihre Augen sprühten immer noch Funken, doch dann gab sie sich beherrschter. „An der Überleitung zum Verteilerding ist irgendetwas leckgeschlagen.“ Breitbeinig stand sie mit dem Rücken zum Maisfeld, die schweißnasse Stirn in Falten gelegt und auf den Fußballen wippend. „Es wird der Kippschalter sein, der den Zufluss zu den einzelnen Wasserrohren regelt“, überlegte ich kurz.„Sag ich ja, Kippschalter.“ Charise sah mich ungeduldig an. „Kannst du da was machen?“ Vermutlich. Schließlich hatte ich die Bewässerungsanlage ja entwickelt und mit aufgebaut. Ich flocht ein notdürftiges Band aus Schilf und Tampur, einer wasserabweisenden Großblattpflanze und surrte es um die defekte Leitung fest. „So müsste es eine Weile halten.“ „Meinst du wirklich?“ Charise blickte skeptisch auf die geflickte Stelle. Vorsichtig betätigte sie den Kippschalter, um das kostbare Wasser, welches wir dem Mukonor entnahmen, nicht zu vergeuden. Leitungen aus Bambusrohren führten vom Fluss zu den Feldern und verzweigten weiter zu mehreren Wasserreservoiren im Dorf. „Die Zeit wird knapp. Wir haben höchstens noch eine halbe Stunde zum Bewässern.“ Seit Monaten hatte es in Gullorway nicht mehr geregnet. Der Ältestenrat hatte daher das Wasser rationalisiert und für jede Familie genaue Zeiten für die Bewässerung festgelegt. Jeder Ausfall, aus was für Gründen auch immer, ging von der Bewässerungszeit der einzelnen Clanmitglieder ab, ließ die eigenen Felder damit fortwährend trockener werden. Die vorhandenen Brunnen waren mittlerweile auch größtenteils versiegt. Der Wasserstand des Mukonor sank zudem alarmierend. Als das Wasser wieder floss, gingen wir zu den bereits geschnürten Jutesäcken mit Sorghum, einer neuen Getreidesorte, die für die Gegebenheiten unserer trockenen Region optimal geeignet schien. Wir luden die letzten Säcke auf die bereitstehenden, altersschwachen Lastkarren und spannten die ausgemergelten Pferde davor. Mit erhobenem Daumen gab ich Miles das Zeichen, dass er abfahren konnte. Er ließ die Peitsche durch die Luft schnellen, dann setzten sich auch die anderen Karren in Bewegung Richtung Getreidesilo.„Kommst du heute Abend noch mit zu Denian und den anderen?“, fragte Charise mich. Sie verbrachten mehr Zeit miteinander, als es meinen Eltern lieb war. Aber Charise war schließlich erwachsen, wie sie nie müde wurde zu betonen. Wahrscheinlich würden Denian und sie heiraten, wenn Charise nur lange genug Gefallen an ihm fand. „Ich weiß noch nicht“, wand ich mich. „Ach komm schon, Avery. Es ist der siebte Tag der Woche und Miles wird sicher auch da sein.“ Miles wiederum war mein Freund. Wir gingen zusammen durch dick und dünn, wenn auch eher wie Bruder und Schwester. Heute jedenfalls war mir irgendwie nicht nach Gesellschaft zumute. Eine innere Unruhe hatte mich ergriffen, deren Ursprung ich mir nicht erklären konnte. Wie bei einem Gewitter, von dem man weiß, dass es Spuren in der Natur hinterlassen wird. Ich nahm mir vor, heimlich darin lesen. Seit dem Überfall der Herren von Kandalar hatte ich den Stein nicht mehr angerührt aus Angst vor Entdeckung. Doch hatte meine Mutter andere Pläne mit mir. Da Charise sich bereits geschickt aus dem Haus gestohlen hatte, blieb die Küchenarbeit mal wieder an mir hängen. Geduldig faltete ich mit meiner Mutter Wäsche zusammen, räumte das Geschirr in den Küchenschrank, schrubbte die derben Holzböden. Anschließend reparierte ich im Schuppen gemeinsam mit meinem Vater eine Dachlatte, damit es nicht hereinregnen konnte. Letzteres hätte sicher noch ein paar Wochen Zeit gehabt, da noch immer kein Regen in Sicht war. „So, jetzt kann der Regen kommen“, sagte mein Vater doch prompt, kletterte von der Leiter herunter und sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an. „Wenn ich dich nicht hätte.“ Väterlicher Stolz breitete sich auf seinen Gesichtszügen aus. Ich zuckte nur mit den Schultern, wollte den Schober schon verlassen, als er mich zurückhielt. „Hast du noch einen Moment Zeit, Avery?“ Versonnen strich er sich über das immer noch volle Haar, fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Was konnte es jetzt noch geben? „Setz dich doch.“ Seine Augen rollten unruhig hin und her. „Wir … der Rat braucht deine Hilfe.“ Prüfend sah er mich an. „Der Rat? Ist das Versammlungshaus renovierungsbedürftig?“ Er schüttelte lachend den Kopf. Es klang unsicher. „Nein, das nicht. Es ist eher etwas Politisches.“ „Inwiefern?“„Wir brauchen deinen Rat.“ „Meinen Rat?“ Jeder andere hätte sich jetzt vielleicht geschmeichelt gefühlt, bei mir gingen jedoch sämtliche Alarmglocken an. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wolle er den Schlaf vertreiben. Mit einem Mal wirkte er sehr erschöpft. Dann, als hätte er eine Entscheidung getroffen, stellte er die Frage, die offensichtlich auf seinen Lippen brannte. „Könntest du für uns deine Karten legen?“ Das überraschte mich nun wirklich. „Wie sollten meine Karten gegenüber der Lebenserfahrung eurer Ältesten etwas voraushaben?“ „Sie – sind objektiver“, stieß mein Vater hervor. „Du, willst die Karten gelegt haben, nicht der Rat. Stimmt’s?“ Er sah mich lange an, bevor er antwortete. „Was bist du doch für ein kluges Köpfchen.“ „Hm. Was willst du wissen?“ „Sag du es mir durch deine Karten.“ Für mich sprach er in Rätseln. Irgendetwas schien ihn so stark zu beschäftigen, dass er es weder vor dem Rat noch vor meiner Mutter aussprechen konnte. Die Reparatur der Dachlatte war also nur ein Vorwand, mich unter vier Augen sprechen zu können. Das machte mir Angst und meine dunkle Vorahnung stellte sich wieder ein. „Ich brauche einen Anhaltspunkt, irgendwas.“ Er schüttelte nur den Kopf. „Ich kann dir nichts sagen. Aber“, er griff in seine Hosentasche und zog ein Päckchen mit abgegriffenen Karten hervor. Meine Karten. „Wo hast du die her?“, zischte ich ihn an. Ich mochte es nicht, wenn meine Eltern hinter meinem Rücken in meinen Sachen wühlten. „Tut mir leid, aber die Zeit drängt.“ „Du hättest mich fragen müssen“, blaffte ich ihn an. Sie gehörten nicht in andere Hände. Sie waren auf mich geprägt. Solche Karten hatte man ein Leben lang. Man spielte nicht mit ihnen um Geld beim Wein. Von ihnen ging eine besondere Kraft aus. Resigniert schloss ich die Augen, atmete tief durch. Langsam beruhigte ich mich wieder. „Wirst du sie mir legen, Avery?“ Fast flehend beschwor er mich. Was war nur in ihn gefahren? Ein Mann wie ein Baum. Mit allen Wassern gewaschen. Zu ihm schauten die Leute auf, fragten ihn um Rat und jetzt sollte ich, gerade mal sechzehn Jahre, ihm in einer Lebenskrise helfen? Danach sah es jedenfalls für mich aus. „Hast du eine andere Frau kennengelernt?“, fragte ich daher gerade heraus. „Was?“ Er sah mich entsetzt an. „Nein, natürlich nicht. Das hast du geglaubt?“ Er schien entrüstet, dass ich so etwas überhaupt in Erwägung ziehen konnte. „Was sonst sollte so furchtbar sein, dass du es noch nicht einmal vor Mutter sagen kannst, hm?“ „Avery, also wirklich. Das ist es nicht. Es geht um Politik.“ Mit verschränkten Armen stand er vor mir. Hatte er eben noch einen Moment der Schwäche gezeigt, so war dieser jetzt verflogen. „Wirst du mir jetzt die Karten legen, Avery? Bitte.“ Doch der Nachdruck, mit dem er seine Bitte aussprach, ließ sie eher wie einen Befehl klingen. „Aber nicht hier drin. Ich muss sie unter freiem Himmel auslegen.“ „Ist das nicht zu gefährlich?“ „Gefährlich? Vater, ich lege doch nur Karten.“ „Schon gut. Dann lass uns rausgehen. Hinter dem Schuppen sind wir ungestört.“ Er räumte rasch sein Werkzeug beiseite, dann folgte er mir nach draußen. Im Vorbeigehen hatte ich mir einen alten Besen gegriffen. Auf einer Fläche von etwa eineinhalb Metern begann ich sorgsam den ausgetrockneten, rissigen Lehmboden von Blattresten, zertrampelten Fußspuren und sonstigen Störfeldern zu befreien, bis eine glatte Ebene entstand. Die Karten mussten auf dem Boden ausgelegt werden, denn aus ihm gewannen sie einen Teil ihrer besonderen Kräfte. Den anderen Teil steuerte ich bei. Als ich die Karten zu mischen begann, zog mein Vater sich eine Holzkiste heran und nahm darauf Platz, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt? Ein spezielles Thema, zu dem ich die Karten befragen soll?“ „Nein. Leg sie einfach aus und sage mir dann, was sie bedeuten.“ Heute wurde ich einfach nicht schlau aus ihm. Für gewöhnlich wurden meine Kartenkünste nur vor Vermählungen benötigt, um dem Paar die Zukunft vorauszusagen oder um den Händlern den rechten Zeitpunkt für ihre Reise zu benennen. Ich mischte die Karten erneut. Dann ließ ich mich auf die Knie sinken. In einem einzigen Fächer, entgegen dem Uhrzeigersinn, legte ich sie mit der linken Hand und dem Bild nach unten auf den staubtrockenen Boden aus. Einen Moment verharrte ich in absoluter Unbeweglichkeit. Um mich herum verstummten die Geräusche. Nur das Rauschen meines eigenen Blutes konnte ich im Kopf hören. Dann öffnete ich die Augen wieder. Gerade, als ich den Kartenfächer von oben nach unten umschlagen wollte, vernahm ich ein herannahendes Grollen, wie von Gewitter. Ich blickte zum Himmel, doch es war kein einziges Wölkchen zu sehen. Mein Vater sah mich abwartend an. Ob er das Grollen auch gehört hatte? Dann schraubte sich mit einem Mal ein Wirbel direkt aus dem Inneren des Kartenkreises empor, wie ein Tornado im Herbst. Wie war das möglich? Die Zeit schien still zu stehen. Ich sah, wie die Karten in eben diesen Strudel gerieten, wie in einen Trichter. Immer schneller, empor zum Himmel und dann war der Spuk plötzlich vorbei, und sie fielen in einem letzten, wilden Tanz auf den Boden zurück. Nur die zerfurchte Erde unter ihnen strafte die anschließende Ruhe Lügen. Das hatte ich noch nie erlebt. Was war geschehen? Als ich die Karten umdrehen wollte, die seltsamerweise alle noch verdeckt auf dem Boden lagen, war ihre Bildseite verschwunden. „Avery, was hat das zu bedeuten?“ Die Stimme meines Vaters war nur noch ein Flüstern, als er auf die leeren Karten starrte. Endlich konnte ich mich aus meiner Starre lösen. Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Ich habe dafür keine Erklärung.“ „Aber warum sind die Bilder weg?“ „Ich weiß es nicht, Vater.“ Verwirrt sammelte ich meine Karten wieder ein. Jede einzelne prüfend, wie in Trance. Alle trugen nur auf der Rückseite ihr gewohntes Muster. Die Bilder auf der Vorderseite blieben jedoch verloren. Das Gesicht meines Vaters war inzwischen aschfahl geworden. „Hast du es gesehen?“, fragte ich ihn leise, als könnten wir belauscht werden. Ein Schatten huschte plötzlich über seine Augen, dann sah er mich fragend an. „Was meinst du?“ „Den Wirbelsturm und …“ „Wirbelsturm?“ Er rieb sich die Schläfen, als hätte er Kopfschmerzen. „Nein. Wo denn?“ Suchend blickte er sich um. „In den Bergen?“ Wollte er mich auf den Arm nehmen? Er hatte doch keinen Steinwurf weit entfernt auf seiner Holzkiste gesessen. „Avery, wo sind die Bilder auf den Karten?“ „Langsam, langsam. Wir müssen systematisch vorgehen.“ Mir schwirrte der Kopf. „Sag mir genau, was du gesehen hast, Vater.“ „Ab welchem Zeitpunkt?“ „Nachdem ich die Karten gemischt habe.“ Nervös nagte er an seiner Unterlippe. „Also, du hast sie gemischt, wie immer, bist in die Knie gegangen, danach waren die Bilder weg.“ „Und dazwischen, Vater? Was hast du gesehen, gehört?“ „Dazwischen? Wie meinst du das? Ich habe nichts gehört.“ Ja war er denn plötzlich senil geworden, oder was? „Vater, es war nicht zu überhören oder zu übersehen. Das Donnergrollen, der anschließende Wirbel.“„Avery, Kind. Ich h-a-b-e nichts gesehen oder sonst was gehört! Sag mir lieber wie es möglich ist, dass die Bilder auf dem Kartenspiel auf einmal fort sind. Wie hast du das gemacht?“ Er schien es für einen billigen Zaubertrick zu halten, wollte schon nach den Karten greifen. „Ich?“ Rasch nahm ich die leeren Karten wieder an mich. „Du hast das Kartenspiel angefasst. Erinnerst du dich? Du hast die Karten aus meinem Schrank genommen. Woher wusstest du überhaupt, dass ich sie dort aufbewahre?“ Was spielte er mir bloß für ein seltsames Theater vor? So kannte ich ihn überhaupt nicht. „Vater. Warum sollte ich dir die Karten wirklich legen? Was wolltest du darin sehen? Ich muss es wissen!“Mittlerweile schrie ich ihn an, spürte, wie ich kurz davor war, hysterisch zu werden. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Er dagegen schüttelte nur in einem fort den Kopf. „Sprich mit niemand darüber. Schwör es mir, sonst …“ Als meine Mutter, aufgeschreckt durch meine schrille Stimme, über den Hof gelaufen kam, stürmte er in die entgegengesetzte Richtung davon. Wie angewurzelt blieb ich stehen, mit einem Meer von Fragen und leeren Karten.

Rauch über Gullorway

„Wo warst du gestern?“, flüsterte Charise mir am Frühstückstisch zu. „Später.“Ich musste in die Schule. Charise blickte fragend zwischen meiner Mutter und mir hin und her. Vielleicht dachte sie, dass wir uns gestritten hatten. Sollte sie glauben, was sie wollte. Hauptsache sie hörte auf, mich weiter mit ihren Fragen zu löchern. Ich brauchte Zeit. Mein Vater war erst spät in der Nacht nachhause gekommen, und hatte uns kurz nach Sonnenaufgang wieder verlassen. Ohne ein Wort. Ich verstand sein Verhalten nicht, meine Mutter verstand mich nicht, und sagen durfte ich zu niemandem etwas. Aber ich musste mit jemandem darüber reden, was gestern geschehen war, sonst würde ich verrückt werden. Miles, fiel es mir ein. Er wäre der Richtige. Ich würde mit ihm angeln gehen. Dann würde ich ihn fragen, was er von der Angelegenheit hielt. Mit ihm konnte ich über alles reden. Aber die Schule … „Charise? Heute gehst du mir mal zur Hand, hm?“ Die Stimme meiner Mutter holte mich aus meinen Tagträumen zurück und rief bei meiner Schwester ein genervtes Augenrollen hervor. „Und wir sprechen uns nach der Schule noch, Avery“, wandte Mutter sich dann mit durchdringendem Blick an mich. Ich griff nach meinem Lederrucksack, packte die nutzlosen Karten hinein, ein Messer mit meinen Initialen im Knauf und meinen Lesestein. Doch mein Ziel war nicht die Schule. In Gedanken versunken hetzte ich durch die staubigen Straßen von Gullorway. Alles schien wie immer. Kein Gewitter am Horizont. Vor einem frisch getünchten Haus in safrangelb, mit schiefen, schneeweißen Fensterläden, hielt ich an. Miles wohnte hier mit seinen Eltern, zwei jüngeren Schwestern und seinem zehn Jahre älteren Bruder.Als hätte er gespürt, dass ich zu ihm wollte, öffnete sich die Eingangstür. „Nanu? Du kannst es wohl gar nicht erwarten in die Schule zu kommen.“ „Vergiss die Schule, ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen.“ Zwei strahlend blaue Augen schauten mich erwartungsvoll an. Auf dem markant geschnittenen Gesicht mit dem kleinen Grübchen im Kinn zeichneten sich bereits erste Stoppeln eines Bartes ab. Charise behauptete immer, Miles sähe ausgesprochen gut aus. In wenigen Jahren würden ihm die Frauen unseres Dorfes reihenweise zu Füßen liegen, aber ich wäre ja offensichtlich blind für solche Dinge. „Gehen wir angeln“, sagte ich zu ihm, bevor er sich anders entscheiden konnte. Er zog die Tür hinter sich ins Schloss und sah zum Himmel auf, als würde der voller Fische hängen.„Echt? Du willst die Schule sausen lassen fürs Angeln? Dann hast du deine aber zu Hause vergessen genauso wie deinen Hut.“ Er stupste mich an, wollte noch einen Scherz hinzusetzen, wie ich von seinem Gesicht ablas, hielt sich dann aber zurück. „In Ordnung. Du kannst eine von meinen nehmen. Brauchen wir Köder?“Unentschlossen zuckte ich mit den Schultern. „Du bist heute nicht sehr gesprächig, was? Stress mit deinen Eltern?“ „Lass uns gehen“, sagte ich nur und eilte voraus, in Richtung des Mukonor. Ich wusste, er würde mir folgen. Kurz darauf schloss er zu mir auf. Zwei Angeln in der Hand und eine kleine Büchse, wahrscheinlich randvoll gefüllt mit wimmelnden Ködern. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Die Luft war drückend heiß. Schon jetzt. Kein Vogelgesang war zu hören. Seltsam.„Ist was passiert?“ „Wieso?“„Du wirkst so komisch. Du willst nicht in die Schule und gestern bist du auch nicht mehr vorbeigekommen.“„Ich musste meinem Vater noch helfen.“ „Sicher, aber du solltest dich nicht ausnutzen lassen. Es war schließlich der siebte Tag, der einzige freie Tag in der Woche. Mit der flachen Hand schlug er eine Fliege auf dem Oberschenkel platt, die eine ekelige Blutspur hinterließ. Seine Hand wischte er am Hosenboden ab. Ich blieb stehen und sah ihm fest in die Augen. „Ich lasse mich nicht ausnutzen“, fuhr ich ihn an. „Außerdem hast du gerade einen fetten Köder plattgemacht“, setzte ich wieder versöhnlicher hinzu. Wir gingen weiter, über dürre Hügel, die einst mit saftigen grünen Gräsern bewachsen waren. Die Luft flirrte vor Hitze und verschwamm am Horizont zu einem diffusen Licht. Wir schlenderten nicht auf unserem gewohnten Pfad zum Fluss, sondern bogen ein Stück weiter rechts in den Wald hinein ab, der uns Schutz vor der Sonne bot. Miles schien es ganz recht zu sein, der Schule fernzubleiben. Wir hatten eh nur noch wenige Wochen bis die Ausbildung begann, die unsere Eltern für uns vorgesehen hatten. Bei einem Sattler, Glasmacher, Zimmermann oder mit viel Glück bei einem Händler. Letzteres würde ich bevorzugen, wenn ich denn wählen dürfte. Doch für Mädchen blieb nur eine Schneiderlehre und Heirat. Vor Jahren hatte es eine dunkelhäutige Heilerin in Gullorway gegeben, doch diese war irgendwann nicht mehr von ihrer Kräutersuche zurückgekehrt und hatte ihr Wissen mitgenommen. Von da an war es uns Mädchen verboten über die Grenzen Gullorways hinaus zu gehen. Miles schien es nicht zu stören, dass ich heute so schweigsam war, denn er redete umso mehr. „Du hast gestern echt was verpasst. Cole und Trevor hatten was Selbstgebranntes, Hochprozentiges dabei. Nachdem sie etliche Flaschen herumreichten und selbst davon am meisten tranken, konnten sie sich anschließend kaum noch auf den Beinen halten. Dabei machte Trevor Shannon schöne Augen. So“, er klimperte mit den Wimpern wie ein Mädchen, „die ihn in dem angetrunkenen Zustand jedoch kühl abblitzen ließ. Und dann deine Schwester und Denian. Ich dachte, sie vernascht ihn gleich an Ort und Stelle. Ist sie so wild darauf Mutter zu werden, oder warum bietet sie sich ihm so an?“ Mitunter war Miles wie ein Waschweib. Aber es entging ihm nichts. „Vielleicht. Dann könnte sie von zu Hause ausziehen und müsste sich von unseren Eltern nichts mehr sagen lassen.“„Ach was.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung. „Das kann doch nicht ihr Ziel sein, oder? Dann steht sie doch wieder am Herd, bloß, dass es dann der eigene ist.“ Miles lachte herzhaft über seinen eigenen Witz. Es tat gut, ihn lachen zu hören. Langsam wich meine innere Anspannung.„Und du, was willst du später mal machen?“, fragte ich ihn nach einer Weile, als hätte er eine Wahl. „Du meinst, wenn ich mal groß bin?“ Er sah mich sorgenfrei an. Fast vergaß ich, weswegen ich ihn von der Schule fernhielt. „Tja, was werde ich wohl machen?“ Sein Lächeln verschwand augenblicklich. „Wahrscheinlich werde ich edles Mobiliar herstellen, wie mein Vater und davor sein Vater und dessen Vater schon.“ Miles blieb plötzlich stehen, als hätte er etwas gehört. Unwillkürlich lauschte auch ich in den Wald hinein.„Hörst du das?“ Er hielt sich eine Hand hinters Ohr. „Die Ferne ruft mich. Sie lockt mich über die Grenzen von Gullorway hinaus, in die goldene Stadt von Timno Theben, oder übers Meer hinaus nach Perges.“