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Ein Diebstahl im beschaulichen Meran in Südtirol? Ein Schwert wurde aus Schloss Schenna gestohlen. Ein Sammler antiker Kunst oder ein Mörder, der das Richtschwert benutzen wird? Frida Zorn recherchiert für den Dolomiten und taucht tief in die Geschichte ab. Kommissar Bruno Tallner und sein Kollege Antonio Santomauro sind ratlos, keinerlei Spuren weisen auf den Täter. Frida will sich nicht einmischen, zu gefährlich. Doch irgendwie schlittert sie erneut in die Geschehnisse, als sie und ihre Tochter Carlotta nachts den Theaterplatz, früher der Köpferlplatz, beobachten. Es tut ja sonst niemand.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Michaela Zernicke wurde in Düsseldorf geboren und ist ihrer Stadt ein Leben lang treu geblieben, wo sie heute mit ihrem Mann und ihren römischen Katzen lebt.
Nach Ausflügen in die Genres urbanromantasy und heiterer Liebesroman ist sie beim Krimi angekommen.
Gern verbindet sie Lieblingsorte mit ihren Geschichten, so spielten die ersten beiden Bücher in Rom. Die beiden
„Liebe nervt!?“ Romane, welche sie unter dem Pseudonym Ela van Klee geschrieben hat, spielen in Düsseldorf. Nun kehrt sie nach Italien, genauer gesagt nach Meran und Dorf Tirol zurück, dort wo sie auch heiratete.
Seit ihrer Kindheit hat sie hier fast jedes Jahr einen Urlaub verbracht, zuerst mit ihren Großeltern und schließlich mit ihrem Mann, den sie von der Schönheit der Gegend gar nicht erst überzeugen musste.
Vergebung
Worte können Taten nie vergessen machen.
Verzeihen mag helfen.
Liebe kann der Schlüssel zur Vergebung sein.
Doch wer glaubt daran in dieser Welt,
wo Zwietracht und Streit die Oberhand zu gewinnen scheinen?
Herbert Kleber
ZORNENTBRANNT
Michaela Zernicke
Krimi
Copyright © 2022 Michaela Zernicke, Lindenstraße 253, 40235 Düsseldorf als Autorin und Rechteinhaberin.
Covergestaltung: Wine van Velsen unter Verwendung eines privaten Fotos der Autorin und des Motivs ©istockfoto.com/Max2611
Lektorat, Korrektorat: Yvonne Zernicke und Herbert Kleber
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Weitere Informationen sind der Homepage https://meranmord.de zu entnehmen.
Dieses Buch ist ein Kriminalroman. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Er beschleunigte seine Schritte. Erneut dieses Gefühl, jemand beobachtete, verfolgte ihn. Seit einer Woche spürte er diese ihm bisher unbekannte Unruhe, dachte darüber nach, was er getan hatte. Das erste Mal. Zuvor war alles klar, glasklar. Er strebte ein Ziel an, fand eine Lösung, setzte es um, ohne über die Folgen für andere nachzudenken. Ohne sein Vorgehen jemals zu bereuen. Nun kam mit der Unruhe die Angst hinzu. Angst, dass es ihn einholte, dass eben doch alles seinen Preis haben könnte. Und jemand legte den Zahltag fest und bereitete ihn darauf vor, zeigte ihm, was Furcht wirklich bedeutete. Wieder sah er über die Schulter, ein Schatten? Vielleicht. Oder nur eine Spiegelung vom Licht der Laterne auf der regennassen Straße? Ein einsam vorbeifahrendes Auto, welches nicht hielt, um ihn mitzunehmen. Die nächste Laterne, welche matt ihr Licht in der Dunkelheit verteilte. Er fühlte sich wie eine Zielscheibe. Zügig ging er weiter, um die Schwärze zwischen den Straßenleuchten zu erreichen. Er wechselte die Straßenseite, rannte nun fast, gleich hätte er die Tiefgarageneinfahrt erreicht. Doch dort wäre er mit seinen Schatten ganz alleine. Warum hatte er heute nur so lange gearbeitet? Warum verließ er nicht bei Tageslicht sein Büro, mischte sich in die Anonymität der Touristen und der heimkehrenden Angestellten? Nun war es zu spät, dies zu bereuen. Jetzt galt es, sicher zu seinem Haus zu kommen, mit der Alarmanlage, die ihn vor Eindringlingen schützte, welche direkt mit der Polizei verbunden war. Noch wenige Meter, er sah schon den Schriftzug. Hinter sich hörte er Schritte, erneut schaute er zurück, nichts. Bildete er sich die Geräusche nur ein, verfiel er bereits dem Wahnsinn? Von weitem öffnete er mit der Fernbedienung das Garagentor. Langsam, viel zu langsam fuhr es hinauf. Er schlüpfte gebückt durch den gut einen Meter hohen Spalt. Sollte er hier warten, bis sich das Tor wieder geschlossen hatte? Nein, er trug nichts bei sich, was ihm als Waffe dienen könnte, selbst sein Regenschirm stand vergessen im Büro. Sowie er die Öffnung passiert hatte, fing er an zu laufen. Er ließ das Treppenhaus links liegen und rannte die Fahrspur bis zu seinem Wagen hinunter. Nur eine Etage bis zu seinem Auto. Vernahm er sein eigenes Schnaufen oder das seines Verfolgers?
Kapitel 1
Dienstag, 02. August
›Schenna, 01.August.
In den frühen Morgenstunden wurde aus Schloss Schenna ein Schwert entwendet. Der oder die Diebe brachen einen Nebeneingang fachmännisch auf und stahlen ein geschichtlich, regional bedeutendes Schwert aus dem 18. Jahrhundert. Von den Tätern fehlt jede Spur. Die örtliche Gendarmerie ermittelt und bittet die Bevölkerung um Mithilfe.‹
»Wer stiehlt denn bloß ein Schwert? Dort gibt es bestimmt Unmengen von Edelsteinen, eingearbeitet in Kronen oder Ketten und Gold.« Meine Tochter Carlotta sah mich an und ich wusste gar nicht, was sie von mir wollte.
Ich surfte gerade im Internet, da sie in einer Woche 18 würde und ich mich um ihr Geschenk, einen Motorroller, kümmern musste. Letzten Freitag bekam ich meinen Scheck von der Zeitung für den vergangenen Monat und einen Zuschuss zum Präsent von meinen Eltern. Damit hatte ich den erforderlichen Betrag zusammen und suchte nun im Netz einen Händler in der Nähe, der eine Vespa in der einzig richtigen Farbe, nämlich schwarz, für einen guten Preis anbot und der zudem das Höllengefährt nicht erst bestellen musste. Ich stieß in dem Moment auf ein günstiges Angebot, als meine Tochter anfing, über Schwerter zu philosophieren, völlig zusammenhanglos.
»Hä?«, kam es mir über die Lippen neben einem verständnislosen Blick.
»Du hörst schon wieder nicht zu«, klagte Carlotta, ging vom Küchentisch, an dem wir gegenübersaßen, zur Kaffeemaschine und füllte ihren Becher auf.
Ich hielt ihr meinen wortlos hin und wartete auf eine weitergehende Erklärung, während ich mich bemühte, den Laptop so zu drehen, dass meine Tochter keine Sicht auf die aufgerufene Seite bekam.
»Da hat jemand ein antikes Schwert aus Schloss Schenna geklaut und ich frage mich, warum keine Edelsteine oder sonst was«, klärte mich meine Tochter ungeduldig auf.
»Vielleicht will der Dieb jemanden umbringen?« Ein Schauer lief mir über den Rücken, waren wir doch gerade im Frühjahr in einen Mord verwickelt gewesen. Die Mörderin kidnappte meine Tochter, nachdem sie mich vorher auf meinem Roller angefahren hatte. Nie zuvor fürchtete ich so um Carlottas Leben. Ich dachte an den netten Kommissar. Nein, als nett konnte man Bruno Tallner sicher nicht bezeichnen. Ich fand ihn schön mit diesem beruhigenden, symmetrischen Gesicht und den dichten, dunklen Locken, durchwirkt von den ersten grauen Strähnen. Ansonsten verhielt er sich eher aufbrausend und unberechenbar. Aber wenn er lächelte, was er selten tat, stand die Zeit irgendwie still. Seine Lachfältchen mit den leuchtenden Augen brachten mich um den Verstand. Ich wusste, er passte nicht in mein Leben, trotzdem war ich enttäuscht, als er sich nach dem Fall, dem Tod von Carlottas Fitnesstrainer, nicht bei mir meldete, vielleicht mal einen Kaffee mit mir trinken wollte. Nichts. Obwohl wir beide in Meran wohnten, trafen wir uns nie, man sah sich doch ab und zu zufällig auf der Straße, eigentlich.
»Frida Zorn!«, kam es nun deutlich lauter von meiner Tochter, anstelle dem sonst üblichen Moms. Was hatte ich verpasst?
»Ich sagte, dass du so etwas nicht sagen darfst, nachher passiert es tatsächlich«, maßregelte sie mich und nippte an dem heißen Kaffee.
»Ach Quatsch, wahrscheinlich irgendein kranker Sammler, der einen Dieb beauftragt hat, es für ihn zu stehlen. Jetzt verschwindet es in einem Keller oder auf einem Dachboden und niemand sieht es je wieder«, tat ich das Gerede meiner Tochter ab, trank einen Schluck und wendete mich erneut dem Geburtstagsgeschenk zu. Dabei kraulte ich unseren roten Kater Mascagni, der leise miaute, da er sich vernachlässigt fühlte.
»Wir sollten endlich mal wieder das Schloss Schenna besichtigen.«
»Wir waren nie dort«, stellte ich überrascht fest.
»Ein Grund mehr. Ich wachse in einem finsteren, kulturellen Loch auf. Ist dir das eigentlich klar?«
Ich lachte, obwohl Carlotta völlig recht hatte. Museen und Geschichte waren nicht so meins. Eher Kino, selten Theater, noch seltener Oper. Nur in die Scala in Mailand wollte ich mein ganzes Leben schon, die Karten kosteten allerdings ein Vermögen.
»Moms, deine Aufmerksamkeitsspanne gleicht der einer Fliege. Hörst du mir bitte mal zu?«
»Was sagtest du?« Ich starrte sie an, um nicht erneut meinen Gedanken nachzuhängen, eins meiner altbekannten Probleme, welches sich eindeutig auf der Kontraseite meiner dazugehörigen Liste wiederfand.
»Was ist nun mit Schloss Schenna?«
»Stell dir vor, wir treffen den Kommissar, weil er dort ermittelt.«
»Das würde dich sicher ganz gewaltig stören, habe ich recht?«
Ich merkte, mir wurde warm und mein Gesicht bestimmt rot, denn Carlotta grinste mich wissend an.
»Was ist eigentlich mit deinem Freund? Wann lerne ich ihn kennen?« Einen Versuch war es wert, das Thema Bruno Tallner fallen zu lassen.
»Erwin? Er ist nicht mein Freund, nur ein Freund.«
»Wer gab diesem armen Jungen nur diesen altmodischen Namen?«
»Ich nehme an, seine Eltern, die übrigens sehr nett sind. Moms, ein lahmes Bemühen von deinem Kommissar abzulenken.«
»Wie, du kennst seine Eltern, bringst ihn aber nicht mit zu uns? Schämst du dich?«
»Wofür?«, fragte sie ehrlich erstaunt.
»Vielleicht für die kleine Wohnung. Sie wohnen bestimmt in einem großen Haus.«
»Du weißt, sie haben einen Bauernhof. Natürlich ist der groß. Habe ich einen anderen Grund, mich zu schämen und wenn, für dich oder mich?«
»Carlo!« Carlo, ihr Spitzname, war stets der letzte Versuch, meine Tochter zu maßregeln, was mir immer seltener gelang.
»Ja, Moms.«
»Ach lassen wir das«, gab ich auf.
»Gut so, kommen wir zum Thema zurück. Wann gehen wir ins Museum? Heute?«
»Ich habe keine Zeit, muss gleich los.«
»Was denn? Hat es etwas mit meinem Geburtstag zu tun? Feier, Geschenke?« Seit Wochen wartete sie ungeduldig auf den Tag X. Nichts würde sich ändern. Ich wusste es, sie nicht.
»Du weißt schon, dass ich dir auch dieses Mal keine Antwort darauf gebe?«
»Ja«, quengelte sie. »Dann aber wenigstens das Museum. Morgen?« Wie ein kleiner Welpe schaute sie mich mit ihrem Dackelblick an. Sie perfektionierte diesen von Jahr zu Jahr, ich versuchte es ebenfalls, mit der Gegenwehr.
»Morgen bin ich auf dem Markt.« Musste ich ihr das nach zehn Jahren immer noch erklären. Mittwochs und freitags arbeitete ich als Käseverkäuferin in Pauls Stand auf dem Meraner Wochenmarkt, zunächst aus Leidenschaft. Damals ein Zeitvertreib als Ehefrau eines gut verdienenden Bankers. Nach der Trennung vor fast zwei Jahren, plötzlich mein alleiniges Einkommen. Meine Eltern steckten mir regelmäßig etwas zu, dafür half ich in ihrer Pension in Dorf Tirol aus. Schließlich stieg ich von der freien Journalistin beim Dolomiten, ohne einen einzigen veröffentlichten Artikel, zur Berichterstatterin für alle Hochzeiten und Todesfälle in der Gegend auf. Mittlerweile verdiente ich gerade so genug, um meinen Eltern mit meinen 39 Jahren nicht weiter auf der Tasche zu liegen. Nach meinem Unfall oder vielmehr Anschlag schenkten sie mir einen jungen gebrauchten Fiat 500, damit ich keinen neuen Motorroller kaufte. Mein schlechtes Gewissen blieb somit bestehen, obwohl ich das kleine Auto liebte.
Carlotta trat mir unter dem Tisch vors Schienbein, ich schrak auf, wieder driftete ich ab.
»Morgen Nachmittag, mein letztes Wort.« Sie stand auf und verschwand in ihrem Zimmer. Manchmal wünschte ich mir das auch, ein eigenes Zimmer, um verschwinden zu können, mal alleine zu sein. Doch ich konnte mir keine größere Wohnung leisten. Und unsere war in einem schönen alten Haus, mit einem kleinen Balkon, nur wenige Schritte bis zum Park und zur Passer. Dafür schlief ich im Wohnzimmer.
Ich ging auf den Balkon und begutachtete das Wetter. Von hier, aus dem dritten Stock blickte ich über den Park, darüber der Pulverturm mit dem alten Steinachviertel. Die Bewohner Merans beschwerten sich jahrelang beim Bürgermeister über diesen Schandfleck. Nun hatte man begonnen, das Viertel zu sanieren. Sicher, als Erstes ein Hotel, wie überall in der Gegend und ein zweites Haus wurde gerade restauriert. Ich wettete, auch in dieses würde ein Hotel einziehen, aber wer konnte es sich ansonsten leisten, ein altes heruntergekommenes Gebäude zu sanieren, nur wenige Privatleute verfügten über die notwendigen Mittel. Über dem Steinachviertel und dem Turm thronte der Küchelberg, welcher mit seinem leicht schrägen Plateau nach Dorf Tirol hinaufführte. Ich genoss diesen Blick, obwohl ich eigentlich nur schauen wollte, wie das Wetter heute würde. Vermutlich heiß, genauso wie die letzten Wochen. Der Sommer war zudem äußerst trocken, außer gestern Nacht, da regnete es endlich einmal. Die Weinberge und Obstplantagen mussten fast durchgängig bewässert werden. Der nächtliche Wind hatte die Regenwolken viel zu schnell vertrieben, so dass der Himmel azurblau leuchtete und das Thermometer zeigte 26 Grad , um halb acht morgens.
»Moms, ich muss gehen«, rief meine Tochter aus der Diele.
»Carlotta, nimm genug Wasser mit, es sind bereits 26 Grad.«
»Ja, ich hab eine große Flasche im Rucksack. Du weißt, ich bin heute nach meinem Dienst bei Leni, bin so um acht wieder da.«
»Dann hättest du ja gar keine Zeit fürs Museum gehabt. Grüß Leni von mir.« Gestern hatten die Ferien begonnen, Leni und Carlotta absolvierten diese Woche jeden Vormittag ein Praktikum auf Schloss Trauttmannsdorff im Bereich Botanik. Mittlerweile stand ich neben ihr und gab ihr einen Kuss auf die langen dunkelbraunen Locken, die sie heute zu einem Pferdeschwanz gebunden trug.
Ich überragte sie mit meinen 1,69, um fünf Zentimeter, über die sie sich seit Jahren beschwerte, eben diese 5 Zentimeter, die ihr selbst fehlten, die sie sich zu klein fühlte. Sie zog den Kopf sofort zurück, zu viel Liebesbezeugungen waren zumeist nicht angesagt, zu uncool. Ich ignorierte es, wusste ich doch, dass wir uns gut verstanden und mich manch andere Mutter um dieses Verhältnis beneidete.
Als Carlotta die Tür hinter sich zuzog, ging ich unter die Dusche. Ich wollte früh bei dem Motorradhändler sein. Die Vespa musste bis zum Geburtstag meiner Tochter schließlich noch angemeldet werden.
Glücklich verließ ich den Laden, mein Verhandlungsgeschick oder eher meine Penetranz brachte mir einen ordentlichen Rabatt ein, so dass ich ein wenig übermütig eine Jeans für Carlotta kaufte. Sie war äußerst genügsam, so dass ich nicht, wie andere Mütter ein Vermögen für Klamotten ausgeben musste. Zudem erstand ich Geschenkpapier und eine Geburtstagskarte. Gegen zehn Uhr fuhr ich zu meinen Eltern nach Dorf Tirol.
Heute kümmerte ich mich um den Garten. Mein Vater hatte vor Jahren einen Arbeitsunfall, als er bei der Post arbeitete. Zurück blieb ein steifes Bein und nach der langen Zeit des ungleichmäßigen Gehens forderte nun sein Körper Tribut. Sein Rücken tat immer häufiger weh, so dass er einige seiner Arbeiten nur unter großen Schmerzen erledigen konnte. Sein Stolz hielt ihn jedoch davon ab, mich um Hilfe zu bitten, also übernahm das meine Mutter und rief zwischendurch an, um mich auf die gute Idee zu bringen, zufällig vorbeizukommen, um zu helfen.
»Frida, schön, dass du da bist und so früh. Hast du den Roller gekauft?«, begrüßte mich meine Mutter und nahm mich in den Arm.
»Ja, alles erledigt. Am Montag kann ich ihn abholen. Ich bringe ihn dann zu euch, wo sie ihn am Dienstag bei ihrer Feier bekommt. Ich handelte einen üppigen Preisnachlass aus, von dem kaufte ich eben eine Jeans, so kann sie morgens wenigstens etwas auspacken. Es wird eine riesige Enttäuschung werden, eine schnöde Jeans zum 18. Geburtstag. Hoffentlich kann ich mich zurückhalten und verrate nichts.«
Meine Mutter lachte bei der Vorstellung. Ihre Enkelin wünschte sich bereits so lange eine Vespa, sollte diese nicht zur Volljährigkeit auf dem Gabentisch stehen, müsste sie es wohl aufgeben.
»Komm rein, dein Vater quält sich im Garten. Du musst ihn ablösen, sonst kann er sich morgen gar nicht mehr bewegen. Er sieht es einfach nicht ein.« Meine Mutter schien ratlos und besorgt.
»Du weißt, er kann nicht um Hilfe bitten. Ich mach das schon.« Ich ließ sie stehen und wandte mich direkt Richtung Garten, wo ich meinen Vater beim Rasenmähen fand. Den Rücken gekrümmt, schob er das Gerät über die Grünfläche, die Hände verkrampft an der Haltestange.
»Papa, hallo.«
Er stoppte und drehte sich langsam, mit einem angespannten Lächeln um.
»Frida, meine Liebe, was machst du denn hier?«
»Ich habe gerade den Roller gekauft, und da ihr mit eurem Beitrag einen erheblichen Anteil daran habt, wollte ich die frohe Kunde weitergeben. Lässt du mich den Rasen mähen?«
»Warum?«
»Papa, lass uns das nicht diskutieren. Ich mach das und du lässt dir von Mama den Rücken eincremen.« Mein Vater diskutierte wirklich nicht weiter, die Schmerzen zerrten sichtlich an ihm. Sonst gab es immer ein kleines Wortgefecht, bis ich mich durchsetzte. Ich machte mir Sorgen. Aber wir würden das irgendwie hinbekommen. Mir blieb neben meinen Jobs genug Zeit, die Pension gemeinsam mit meiner Mutter am Laufen zu halten. Sie war Gott sei Dank topfit. Für den Rücken meines Vaters konnte ich nichts anderes tun.
Ich schnappte mir den Rasenmäher und schob ihn hin und her über die große Fläche. Nach kurzer Zeit stand mir der Schweiß auf der Stirn und wenige Minuten später rann er mir den Rücken hinunter. Kein bisschen Schatten, am liebsten wäre ich in den Pool gesprungen. Also nicht wirklich ein Pool, meine Eltern hatten dieses Jahr zum ersten Mal ein mobiles Becken aufgebaut, aber es war recht groß. Die Gäste, vor allem die Kinder freute es, nach einer Wanderung in das kühle Nass zu springen. Derzeit waren alle unterwegs, so dass ich auch im Bereich der Gäste, den eine Hecke von der privaten Fläche trennte, in Ruhe meiner Arbeit nachgehen konnte.
Ich brauchte eine gute Stunde, danach zog ich tatsächlich meinen Bikini an und zog einige kurze Bahnen durchs Wasser, bevor ich mich zum Trocknen und Entspannen auf eine der Liegen legte. Ich genoss den Duft des frisch gemähten Rasens, während mein Vater schon wieder in der Terassentür stand und überlegte, was er im Garten erledigen könnte.
»Papa«, sagte ich nur.
»Ist ja gut.«
»Was soll ich noch tun?«
»Nichts, es gibt nichts zu tun.«
»Papa!« Ich kam mir vor, als unterhielte ich mich mit meiner Tochter, die sich ziemlich häufig genauso störrisch verhielt.
»Da sind einige Büsche, die über den Weg hängen und es muss gesprengt werden«, gab mein Vater auf. Er hasste es, es nicht selbst zu erledigen.
Zunächst harkte ich den Rasenschnitt zusammen, dann stutzte ich die Büsche, selbstverständlich unter seiner Aufsicht, damit es auch ja so wurde, wie er sich das vorstellte. Anschließend rief uns meine Mutter zum Essen. Wegen der Hitze aßen wir in der kühleren Küche, es gab gebratene Käseknödel mit zerlassener Butter und Parmesan, dazu einen Salat. Meine Mutter kannte natürlich meine Schwäche für Käse und zeigte mir mit dem Essen ihre Dankbarkeit für meine Hilfe.
Um die Mittagshitze abzuwarten, legte ich mich auf eine Liege im Schatten und döste in der Wärme ein. Erst zwei Stunden später weckte mich meine Mutter.
»Die Mittagshitze ist vorbei, du kannst jetzt sprengen«, forderte sie mich auf und zeigte auf ihren Mann, der gerade den Gartenschlauch abwickelte.
Ich sprang auf und eilte zu ihm, nahm ihm wortlos den Schlauch ab und deutete auf die eben freigemachte Liege. »Von dort kannst du beobachten, ob ich alles richtig mache.«
Um 16 Uhr fuhr ich völlig geschafft nach Hause. Mit offenen Fenstern hörte ich von 883 ›essere in te‹ und sang laut, aber total schief mit. Ich liebte die Stimme von Max Pezzali, dem Leadsänger, der bereits vor Jahren ohne die ehemalige Band seine Karriere fortsetzte. Nachdem ich mich die drei Stockwerke hochgekämpft hatte, nahm ich eine lange Dusche, um meinen angespannten Muskeln etwas Gutes zu tun. Um sechs Uhr traf ich meinen Chef und guten Freund Anton Iffinger vom Dolomiten im Kallmünz. Ich wusste gar nicht, warum er ständig in den feinen Laden mit mir ging, doch es sollte mir egal sein, solange er bezahlte. Ich mochte es dort und das Essen war hervorragend. Trotzdem fürchtete ich diese Treffen ein bisschen, da ich besorgt war, Anton könnte mehr Absichten als nur berufliche haben, was meine Person betraf.
Ich streifte ein kurzes Sommerkleid über, zog meine Lieblingssandalen an, nachdem ich meine braunen Locken, die ich ein wenig kürzer als Carlotta trug, zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte und machte mich zu Fuß zum nahegelegenen Sandplatz auf, an dessen Ende sich das Restaurant befand. Die Außenplätze wurden von großen Markisen vor Sonneneinfall geschützt. Grünpflanzen verschönerten die Mauer, welche die Terrasse umgab. Gemütlich, schattig und deutlich kühler, als direkt davor auf dem sonnigen Platz. Obwohl es erst kurz vor sechs war, wartete der schlaksige, fast zwei Meter große Anton bereits auf mich und begrüßte mich mit zwei Küssen auf die Wangen.
Zunächst sahen wir schweigend in die Karte. Ich wählte einen Salat mit gebackenem Ziegenkäse, für ein warmes Essen war es mir eindeutig zu sommerlich. Anton entschied sich wie immer für ein Steak, dieses Mal mit Fenchelgemüse. Als die Getränke kamen, fragte ich Anton: »So jetzt kannst du mir erzählen, warum wir uns heute treffen.«
»Nun, da es diesen August ein bisschen mau mit den Hochzeiten ist und wir hoffentlich nicht noch überraschend Todesfälle hereinbekommen, dachte ich mir, ich nutze deine Fähigkeiten und bitte dich, über das gestohlene Schwert zu recherchieren.«
»Das Schwert aus Schloss Schenna?«, fragte ich erstaunt nach. Mir geisterte es zwar nach dem Gespräch mit Carlotta im Kopf herum, aber ich dachte wirklich, es hätte keinen besonderen Wert für eine Recherche.
»Ja, genau. Der Bartolino, Sebastian ist im August in Urlaub, eigentlich sein Resort und ich habe das dumpfe Gefühl, das Schwert taucht nochmal auf, im schlechten Sinne.«
»Du meinst, es wird benutzt?«, hauchte ich. Ich starrte vor mich hin, als Matthias Ladurner mit einer viel zu jungen, blonden Frau das Lokal betrat. Er war in dem Mordfall im Frühling lange Verdächtiger Nummer eins, seinen Bruder getötet zu haben, bis ich ihn mit einem Foto entlasten konnte. Seitdem waren wir keine Freunde, aber er grüßte mich stets nett und mit einer gewissen Dankbarkeit in den Augen, wie auch jetzt, als er mir freundlich zunickte. Anton nahm er nur zur Kenntnis, kein Wunder bei der Berichterstattung des Dolomiten. Die Artikel erklärten ihn von Anfang an für schuldig.
Zurück zum Schwert. »Denkst du nicht, du übertreibst ein wenig?« Ich wollte mir das gar nicht ausmalen, wieder ein Mord in unserem so beschaulichen Städtchen. Das durfte nicht passieren.
»Eigentlich nicht. Trotzdem funktioniert Journalismus genau so. Vorbereitet sein und wenn nicht, gibt es einfach einen interessanten historischen Artikel über unsere Stadt«, tat es Anton mir etwas zu leichtfertig ab. In diesem Moment kam unser Essen und gab mir die Chance über das Gesagte nachzudenken. Der Salat war köstlich und auch Anton schien sein perfekt gegrilltes Steak zu genießen.
»Was bist du so schweigsam?«, fragte er mich zwischen zwei Bissen.
»Der Gedanke über ein mögliches Mordwerkzeug zu recherchieren wiederstrebt mir irgendwie. Wenn schon, müsste man dann nicht versuchen, die befürchtete Handlung zu verhindern?«
»Heres Ziel, aber wie willst du das machen? Außer natürlich, du zapfst deine Quellen bei der Polizei an und findest heraus, was die wissen.« Anton grinste.
»Daher weht der Wind, ich verstehe. Meine Suche soll also am lebenden Objekt und nicht in den Geschichtsbüchern stattfinden.«
»Ich denke sowohl, als auch.« Anton schwieg und wandte sich für meine Begriffe ein wenig zu aufmerksam seinem Steak zu.
Ich grübelte, über den Kommissar. Konnte ich ihn einfach anrufen und fragen: ›Ach übrigens, was macht denn das Schwert so? Könnte es Mittel zum Zweck werden und jemanden umbringen, wie in der guten alten Zeit?‹ Vielleicht sollte ich erst etwas über den geschichtlichen Hintergrund herausfinden. Dann könnte ich glaubwürdiger die Recherche für einen Artikel vorschieben.
Als wir mit dem Essen fertig waren, verabschiedete ich mich schnell von Anton, der überrascht schien. Er sollte mich besser kennen, hatte ich einmal Lunte gerochen, ließ ich nicht mehr locker. Mein Computer rief nach mir. Ich ging schnellen Schrittes zurück durch den Park und folgte dem Sissiweg, der unterhalb der Winterpromenade direkt an der Passer lag. Ich überquerte den Fluss über den Steineren Steg, der Ponte Romano. Nun folgte ich weiter dem Sissiweg, der sowohl auf der anderen Seite der Passer zurückführte, als auch in unsere Straße, den Kirchsteig mündete, an dessen Anfang wir wohnten.
»Entschuldigung«, begrüßte mich Carlotta und holte mich aus den Tiefen des Internets hervor.
»Mmh«, bekam ich nur nebenbei heraus und versank wieder in dem Artikel, den ich gerade las.
»Es ist bereits neun, darum die Entschuldigung«, versuchte es Carlotta nochmal.
Eine Stunde zu spät oder vielmehr später als angekündigt. Meine Tochter war schließlich fast volljährig und musste deshalb nicht um acht Uhr zu Hause sein. Doch sie kannte mich und wusste, wie sehr ich es hasste, wenn ich auf sie wartete. Ich war eine echte Glucke und ständig in Sorge um sie. Aus diesem Grund hielt sie ihre Zusagen zumeist ein, das erleichterte unser Zusammenleben.
Nun schob sie mich mit ihrem Po auf dem Stuhl etwas zur Seite, setzte sich auf die freigewordene Kante und schaute auf den Bildschirm, sah mich anschließend mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an.
»Auftrag von Anton«, gab ich kurz angebunden zurück.
»Und was hast du herausgefunden?« Dabei stand sie auf und setzte sich auf den Stuhl neben mir, nachdem sie den Kater Mascagni von seinem Stammplatz hochhob und ihn auf dem gegenüberliegenden Stuhl ablegte. Er nahm es zur Kenntnis und schlief weiter.
»Ich schaue mir nur den Hintergrund des Schwerts an und glaub mir, schaurig, aber interessant. Pure Stadtgeschichte. Es war ein Hinrichtungsschwert aus dem 18. Jahrhundert von Bartholomäus Putzer. Nur seine beiden Söhne folgten ihm noch nach in dem Beruf. Mit diesem Schwert wurden 40 Menschen geköpft, normalerweise so an die 100, dann ließ sich der Scharfrichter ein Neues machen und vernichtete oder vergrub das Alte.«
»Ach hör bloß auf, sonst träume ich heute Nacht davon«, forderte mich Carlotta angeekelt auf.
»Gibt es etwas zu essen?«
»Hast du bei Leni nichts bekommen?«
»Nein, die Eltern waren nicht da und wir hatten zu tun.«
»Was war so wichtig, dass ihr vergessen habt, zu essen?«
»Leni hat ein Auge auf einen Typen in der Schule geworfen. Da jetzt Ferien sind, überlegten wir, wie wir an ihn rankommen. Gehst du nicht öfter ins Kallmünz? Dort macht er zwei Wochen ein Praktikum in der Küche. Können wir drei nicht mal zusammen essen gehen?«
»Ja, ich gehe ab und zu ins Kallmünz, aber nur sofern Anton mich einlädt, nicht ganz unsere Preisklasse. Außerdem sitze ich dann nicht in der Küche, also was sollte es helfen?«, fragte ich ratlos.
»Ich weiß auch nicht, wäre halt mal schön, wenn wir was zu viert machen könnten. So ist es ein wenig stressig.«
»Ist Erwin jetzt doch dein Freund? Du solltest dich entscheiden.«
»Hab ich, heute. Ja, er ist mein Freund und damit kommst du in den Genuss, ihn kennenzulernen. Wie wäre es am Wochenende, Freitagabend?« Meine Tochter war verlegen. Mit fast 18 wusste sie noch nicht mit einer solchen Situation umzugehen, süß.
»Klar, Freitag wäre toll. Sollen wir Pizza machen? Pizza entkrampft irgendwie.«
»Wieso sollte Pizza entkrampfen?«, verständnislos schaute sie mich an.
»Nun, das wirkt natürlich nur, sofern man es gemeinsam macht. Einer knetet den Teig, der nächste reibt den Käse, der andere schnippelt das Zeug für den Belag. Jeder gibt seine Wertung ab, warum man denn bloß dies und jenes auf der Pizza haben will und schon sind alle entspannt.«
»Du hast recht, so ist es immer bei uns und meistens gibt es Pizza, wenn sich nicht alle untereinander kennen. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, so viel Berechnung.«
»Reine Lebenserfahrung. Da du beinahe volljährig bist, muss ich langsam anfangen, meine Weisheiten mit dir zu teilen. Und diese wird dich in deinem Leben oft an mich denken lassen, glaub mir.« Erneut überkam mich ein Gefühl der Machtlosigkeit, weil ich meine Kleine bald alleine in die Welt hinausgehen lassen musste. Trotz meines Übermuttergehabes war ich froh, dass ich sie zu einer selbstbewussten und selbstständigen jungen Frau erzogen hatte, auch wenn es mir ein völliges Rätsel war, wie ich das geschafft hatte. Wahrscheinlich vollkommen ohne meine Beteiligung, nur pures Glück, was für ein toller Mensch meine Tochter zufällig geworden war. Ich schniefte leise und Carlotta nahm mich kommentarlos in den Arm. Sie kannte mich wirklich gut.
Kapitel 2
Mittwoch 3. August
»Paul, hast du das mit dem Schwert in Schloss Schenna gehört?«, fragte ich meinen Chef, und mittlerweile guten Freund, des Käsestandes. Heute war es wieder heiß. Gerade 10 Uhr und wir hatten den großen Ansturm bereits hinter uns. Bei dieser Hitze kamen unsere Stammkunden früher, um die wertvolle Ware bei noch kühleren Temperaturen in die Hotels und Restaurants zu tragen. Vorhin war der Koch vom Kallmünz gekommen, ihn begleitete ein junger Mann, recht hübsch, aber eben ein Jüngelchen, bestimmt der Auserwählte von Leni. Ich fragte mich, ob ich nicht eine Bemerkung fallen lassen sollte, ließ es dann jedoch, Carlottas beste Freundin würde mir das nicht verzeihen. Ich fragte den Koch lediglich, was er mit dem vielen Gorgonzola anfangen wollte, immer erpicht darauf, ein gutes Käserezept abzustauben.
»Den Milden gibt es als Antipasto zu einer Jakobsmuschel mit Juliennestreifen von der Möhre und der Zucchini in einem Fischsud. Den Piccante nehme ich für ein Nudelgericht mit geräuchertem Lachs und karamellisierten Zwiebeln, als primo, also ersten Gang. Nur eine kleine Portion, weil der Käse so mächtig ist. Als secondo ein Rinderfilet quattro formaggi, überbacken mit Pecorino, Gorgonzola, Parmesan und Talleggio sowie einigen Kräutern.
Alle Gänge werden wahlweise von einem Gewürztraminer, der es mit dem Käse aufnehmen kann oder einem Merlot begleitet. Was halten Sie, als Spezialistin, von unserem Gorgonzolamenü? Ach, zum Nachtisch gibt es ein süßes Käsesoufflé mit dem Gorgonzola dolce. Darauf bin ich besonders gespannt, ganz neu.« Ich sabberte bereits und bekam nur ein einziges Wort heraus: »Unglaublich.«
»Kommen Sie doch vorbei. Ich mache Ihnen auch einen guten Preis. Paul, für Sie gilt das natürlich genauso, führen Sie Ihre Frau mal wieder gut aus.« Der Koch lachte, bezahlte seine Rechnung und ging winkend davon.
»Für mich zu viel Käse«, kommentierte Paul nur, während ich gedanklich am Herd stand, da ich mir sicher war, sogar der gute Preis blieb für mich unbezahlbar.
Um ein Uhr stand Carlotta vor mir und bot uns ihre Hilfe beim Aufräumen an.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte ich erstaunt.
»Wir wollen doch ins Museum, ich durfte heute früher gehen, Leni und Erwin hatten keine Zeit, die ein, zwei Stunden mit mir zu überbrücken.«»Du hast noch andere Freunde.«
»Die sind entweder in Urlaub oder helfen bei ihren Eltern aus. Viele sind selbstständig und freuen sich auf die Ferien der Kinder, weil dann zwei Hände mehr mit anpacken.«
»Such dir auch einen Job für die Ferien«, schlug ich ihr vor.
»Habe ich ja vor. Ich wollte gleich mal im Museum fragen, aber diese Woche bin ich ja in Trauttmansdorff.«
»Du weißt, das Schwert wurde bereits gestohlen. Im Schloss passiert voraussichtlich nichts Aufregendes.« Gott sei Dank, dachte ich im Stillen. Beim letzten Fall zeigte sich Carlotta äußerst engagiert und brachte sich damit in Gefahr. Das durfte auf keinen Fall nochmal passieren. Jetzt ausgerechnet die langen Ferien, sofern sie keinen Job fände, hätte sie sehr viel Zeit, dumme Dinge anzustellen.
Ich wunderte mich, wie meine Tochter anpacken konnte.
Nach kürzester Zeit schloss Paul die Klappe vom Käsestand, drückte uns und verschwand Richtung Algund, wo er mit seiner Frau lebte, die dort einen kleinen Lebensmittelladen führte.
Schlossweg 14, wir standen vor dem Schloss. Merkwürdigerweise war gar nichts los. Wir hatten wenigstens mit einigen Touristen gerechnet, die sich den zwar schön restaurierten, aber eher unscheinbar wirkenden viereckigen Kasten anschauen wollten. Bevor wir zum Parkplatz weiter fuhren, stieg Carlotta aus und ging zum Eingang.
»Nur Führungen mit vorheriger Online-Anmeldung und nur um 15 Uhr. Was machen wir jetzt?«
Ich schaute auf die Uhr, erst kurz vor zwei.
»Lass es uns mit dem Handy versuchen, also die Anmeldung. Wenn es klappt, gehen wir etwas essen und sind pünktlich um 15 Uhr zurück«, schlug ich vor.
Natürlich gab es hier kein Netz, wie immer, wenn man es brauchte. Zunächst suchten wir deshalb ein Lokal und landeten im Thurnerhof auf der Verdinserstraße. Ein herrlicher Biergarten lud uns förmlich ein, länger zu verweilen. Wir überlegten einen Augenblick, ob wir das mit dem Schloss sein lassen sollten. Doch unsere Neugier und der problemlose Zugang zum Internet siegten. Schnell meldeten wir uns an, schauten anschließend in die Karte und entschieden uns beide für das Dreigestirn der Knödel mit brauner Butter und Parmesan, dazu selbstgemachter Krautsalat.
Um kurz vor drei gesellten wir uns träge, aufgrund der gut gefüllten Bäuche, zu den übrigen Touristen, genau zwei an der Zahl, und warteten gemeinsam in der prallen Sonne auf die Öffnung der Pforte.
Diese wurde kurz danach von einer mittelalten Frau im landestypischen Dirndl geöffnet. Sie schaute skeptisch und fragte uns dann: »Haben Sie etwas dagegen, einige Minuten zu warten. Eine Gruppe fehlt noch und so lohnt es sich kaum.« Nun gut, nicht gerade einladend. Der Mann neben mir, der sich ständig mit einem Stofftaschentuch die Stirn trockenwischte, meinte nur: »Nur, sofern Sie mich in den verdammten Schatten lassen. Ist das dieses Jahr heiß hier in Südtirol.« Der Mann sollte eventuell eine andere Jahreszeit für seine Reise in unser schönes Land wählen, wenn er die Hitze nicht vertrug. Im August war es eigentlich immer äußerst warm, nur oben in den Bergen ertrug man es gut oder an einem der Seen. Er drängte an der Frau vorbei, ohne deren Antwort abzuwarten, als schon ein Kleinbus heranrauschte und ein fröhlicher Mann mit sächsischem Akzent rief: »Entschuldigung, wir suchen nur rasch einen Parkplatz.«
Während wir auf die Gruppe warteten, bezahlte ich die verlangten 22,00 EURO. Ein stolzer Preis für eine Führung, die ich gar nicht machen wollte, aber was tat man nicht alles zur Unterhaltung der eigenen Tochter. Ich überlegte kurz, ob ich Anton Spesen in Rechnung stellen konnte. Warum eigentlich nicht.
Zuerst ging es eine steile Treppe nach oben, wobei ich fürchtete, der Mann mit dem Taschentuch würde gleich kollabieren. Wir wurden durch wunderbar restaurierte Räume geführt und die Frau, die uns so unfreundlich begrüßte, schilderte nun sehr anschaulich das damalige Leben der Bewohner des Schlosses, tatsächlich ihrer eigenen Vorfahren. Auch Carlotta war hingerissen, so dass ich schnell das Eintrittsgeld als gute Investition betrachtete.
»Schau«, forderte sie mich wenig später auf, als wir an einem abgesperrten Bereich vorbeikamen und ein junger Mann gerade unter dem Absperrband hindurchkletterte. Antonio Santomauro, der Kollege von Bruno Tallner, hinter ihm, zwei Personen in Schutzanzügen.
»Wieso ermitteln überhaupt Bruno und Antonio? Sind die beiden nicht nur für Mord und so einen Kram zuständig?«, flüsterte mir Carlotta zu.
»Ich weiß nicht, vielleicht, weil es hier nicht so viele Mordfälle gibt, Meran ist halt klein und ziemlich unkriminell«, wisperte ich zurück, da Antonio fast bei uns angekommen war.
»Die Zorns, das wird den Kommissar besonders freuen, wenn ich ihm von unserem Treffen berichte«, sagte Antonio freundlich, aber mit leicht ironischem Unterton und einem breiten Grinsen.
Da ich schon erwischt wurde, hätte es wenigstens der Kommissar selbst sein können. Oh, war mir gar nicht klar, wie gern ich ihn wiedergetroffen hätte. War ich mehr an dem Mann oder dem Fall interessiert?
Carlotta schaltete sich ein: »Ich weiß gar nicht, was du hast, wir können uns doch ein Schloss ansehen? Meine Mutter und ich unternehmen häufig etwas zusammen.« Nachdem sie von ihm und Bruno Tallner aus den Fängen der Entführerin gerettet wurde, waren Antonio und sie automatisch zum vertraulichen ›Du‹ übergegangen.
»Klar, im Frühjahr wandern, im Sommer Museen. Was wohl im Herbst dran ist? Nun es wird anscheinend von den verübten Verbrechen abhängig sein.«
»Ist der Kommissar gar nicht im Urlaub und Sie selbst? Wir haben schließlich ferragosto«, fragte ich verwundert nach. Im August stand das Leben in Italien quasi still, alle waren im Urlaub. »Wir sind hier in Südtirol und nicht in Italien.« Damit meinte Antonio offenbar, alles gesagt zu haben, so als Süditaliener. Doch er war so freundlich, es nicht bei diesem Kommentar zu belassen.
»Der Kommissar nimmt, glaube ich, nie Urlaub und ich fahre im September nach Hause. Wir Süditaliener fliehen ja gern im August in den kühleren Norden«, ergänzte Antonio. Er kam aus Rodi Garganico in Apulien, wo seine fidanzata, seine Freundin, und seine Familie lebten.
»Stell dir vor, wir fahren auch dahin, also nach Vieste, nahe bei deiner Heimatstadt. Eine Woche am Meer, letzte Augustwoche. Du kannst uns vielleicht noch ein paar Tipps geben. Wir wollen auf jeden Fall nach Matera, wegen der Höhlenwohnungen und weil wir sowieso bis Bari fliegen und es beinahe auf dem Weg liegt.«
Wir hörten ein mehrstimmiges Hüsteln, die Gruppe wartete auf uns und wurde langsam ungeduldig.
»Ich glaube, wir müssen«, forderte ich Carlotta auf, mit einem entschuldigenden Blick auf den jungen Polizisten.
»Wir können uns ja mal zum Mittagessen treffen, dann gebe ich dir ein paar Tipps«, wandte sich Antonio an Carlotta und gab ihr gleichzeitig seine Karte.
»Okay, das wäre toll. Ich rufe dich an«, strahlte meine Tochter. Wäre Antonio nicht in festen Händen, sie würde sich trotz Erwin an ihn ranmachen, da war ich mir ganz sicher. Wie so oft dachte ich: ›viel zu alt‹, obwohl ich Antonios Alter gar nicht kannte, aber er ging bestimmt stramm auf die dreißig zu.
Ich warf einen kurzen Blick in den abgesperrten Raum. Eine leere Vitrine, in Form eines verglasten Tisches, eingeschlagen. Dort lag vorher also das Schwert. Am Türstock bemerkte ich ein Glitzern. Ich kramte ein Papiertaschentuch aus meiner Tasche und pflückte, was auch immer vom Holz, und ließ beides zusammen in meiner Handtasche verschwinden. Der Rest der Ausstellung interessierte mich nicht mehr allzu sehr, ich wäre lieber einmal zum Tatort gegangen. Ob ich mich wohl heimlich hineinstehlen könnte?
»Kommen Sie mit?«, forderte mich eine etwas herrische Stimme auf, die Chance vertan.
»Und, was möchtest du als Nächstes besichtigen, so von wegen zu wenig Kultur in der Familie Zorn?«, fragte ich Carlotta, als wir hinaus in die Sonne traten.
»Ach Moms, weißt du, eigentlich reicht mir das jetzt für die nächsten zwei Jahre. Das Gen fehlt mir eindeutig. Außer, dass wir Antonio getroffen haben, fand ich es zwar nett, doch wir haben noch nicht mal den Ort des Verbrechens sehen können.« Enttäuscht ließ sie die Schultern hängen, hatte auch nicht nach einer Ferienanstellung gefragt.
»Ja, so kommen wir tatsächlich nicht weiter«, äußerte ich und biss mir sofort auf die Lippe, aber zu spät. Carlottas Augen fingen an zu leuchten.
»Du willst also, ich meine, sollen wir...?«
»Ganz sicher nicht«, unterbrach ich sie barsch, die Momente der Angst bei ihrer Entführung vor Augen.
»Moms, wieso nicht?«, quengelte sie und setzte erneut ihren Dackelblick ein, der jedoch von mir abprallte.
»Tina!«, nannte ich nur den Namen ihrer Entführerin.
»Es ist kein Mord, nur ein Diebstahl«, versuchte Carlotta es weiter.
»Noch nicht und jetzt Schluss damit«, unterband ich jede Diskussion und stapfte zum Auto. Das glitzernde 'was-auch-immer' ließ ich unerwähnt.
Kapitel 3
Donnerstag, 4. August
»Und was wollten sie da?«, fragte Bruno interessiert nach, nachdem Antonio ihm gerade von dem Zusammentreffen mit den Zorns berichtet hatte.
»Ich weiß es nicht. Sie sprachen nur von einer Besichtigung, wer’s glaubt... Carlotta will noch ein paar Tipps für ihren Urlaub in Apulien. Sie ruft mich an, um ein Mittagessen zu verabreden, da werde ich es schon rausbekommen. Was gibt es Neues?«, wechselte Antonio nun das Thema, wunderte sich aber über Brunos reges Interesse. Er fragte sich sowieso, warum Bruno im Frühjahr die Verbindung zu Frida Zorn komplett kappte. Er mochte sie, das war offensichtlich. Er wirkte dennoch nicht besonders beziehungsgeeignet, vielleicht lag es daran, dass es für Bruno einfach zu kompliziert war, über eine Beziehung nachzudenken. Lieber mit dem alten Trott weitermachen, als sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Er war gespannt, ob es jetzt wieder zu einem Zusammentreffen kam und wie sein Chef dann reagierte. Für ihr Alter war Frida echt 'ne tolle Frau, schlanke Figur, trotzdem mit den richtigen Kurven. Ihre ausdrucksstarken, braunen Augen zeigten stets ihren Gemütszustand, egal ob Angst, Freude oder Neugier, alles las man ihnen ab. Sie konnte nichts verbergen. Ihm war nur schleierhaft, warum sie sich auch für Bruno zu interessieren schien, als wahres Sonnenscheinchen galt er schließlich nicht. Manchmal zogen sich Gegensätze an und Bruno war ein schöner Mann. Er wusste nicht, woran es lag, er sah eigentlich normal aus, circa 1,90 m groß, breite Schultern wie die eines Schwimmers. Obwohl er die 40 überschritten hatte, war er gut in Schuss. Antonio konnte nur neidlos anerkennen, dass dem Kommissar alle Frauen zu Füßen liegen könnten, würde er nur ein wenig fröhlicher sein.
»Also, die Spurensicherung, mit der ich gestern nochmal im Schloss war, fand nichts, rein gar nichts. Ziemlich professionell das Ganze. Ich verstehe nur nicht, warum sie die Vitrine einschlugen. Am Nebeneingang einzelne Kratzspuren am Schloss, kein einziger Fingerabdruck, keine Fasern und dann donnern sie die Scheibe kaputt. Wer das Eingangsschloss knacken konnte, der kann doch wohl auch so ein simples Schloss an der Vitrine aufkriegen.«
»Vielleicht wurde die Tür draußen gar nicht geknackt, weil sie von drinnen kamen, zerkratzten nur ein wenig das Schloss, damit es so aussieht als ob. Wenigstens brächte uns das auf eine direkte Spur, ansonsten bin ich ratlos, wie wir den Dieb ohne jeglichen Hinweis finden sollten. Wir haben keine ähnlichen Taten in den letzten zehn Jahren gefunden, niemand, der sich für so altes Zeug interessiert, einen Sammler, der Ähnliches in Auftrag gab, nichts.« Bruno kratzte sich am Kinn. Er hatte heute Morgen keine Lust gehabt, sich zu rasieren, jetzt juckten ihn die kurzen Stoppeln. Überhaupt, der ganze Fall nervte ihn. Sollte das Schwert doch bleiben, wo es war und ihn in Ruhe lassen. Trotzdem schlummerte da dieses Gefühl, dass das verdammte Ding bald wieder auftauchen würde. Diesmal eventuell mit deutlichen Spuren, Spuren von Blut. Es rann ihm kalt den Rücken hinunter.
Das Telefon klingelte und holte ihn aus seinen trüben Gedanken.
Sein Kollege Jonas Gruber von den Uniformierten, derzeit in der Fortbildung, teilte ihm mit, dass er eine Frau Zorn für ihn in der Leitung hätte. Bruno stöhnte innerlich, da sie bestimmt etwas über das Schwert erfahren wollte. Musste er erneut diese privaten Ermittlungen unterbinden und vor allem gelänge es ihm dieses Mal? Diese Frau und ihre Tochter brächten sich ohne einen Moment des Überlegens in Gefahr und er müsste sie retten, wie das letzte Mal. Dass sie äußerst hilfreich waren, gestand er sich momentan lieber nicht ein.
»Legen Sie auf«, bat er seinen Kollegen. »Frau Zorn, Sie werden doch wohl nicht....?«
»Herr Tallner, immer schön, ihre freundliche Stimme zu hören.« Ich war bereits nach den ersten Worten genervt. Konnte dieser Mann mich noch nicht einmal normal am Telefon begrüßen? Trotzdem fuhr ich fort, auch wenn ich am liebsten den Hörer ohne ein weiteres Wort aufgeknallt, vielmehr wütend das Knöpfchen mit dem roten Hörer gedrückt hätte, um anschließend mit dem Fuß kräftig irgendein Möbelstück zu malträtieren. »Herr Tallner, mein Chef gab mir den Auftrag, für die Zeitung, Sie wissen, den Dolomiten, ein wenig über den Hintergrund des Schwertes herauszufinden. Da gehört natürlich ebenso die Story des Diebstahls dazu. Könnten Sie mir hierzu etwas sagen?«, flötete ich.
»Ich dachte, Sie machen in Hochzeiten und Beerdigungen?«, kam die Antwort, ohne auf meine Frage einzugehen.
»Nun, Herr Tallner, es ist ferragosto. Der Kollege ist im Urlaub, so dass ich jetzt die Ehre habe, mich bei Ihnen nach dem aktuellen Sachstand zu erkundigen.« Hoffentlich verstand er meinen Sarkasmus.
»Ich will mal nicht so sein. Das Schwert wurde gestohlen und es gibt derzeit keine Hinweise auf den oder die Täter. Schönen Tag Frau Zorn«, damit legte er auf. Kleine Gewitterwölkchen sammelten sich über meinem Kopf. »Dieser, dieser... unmögliche Mensch«, brüllte ich durch die Küche, um mir Luft zu machen. Im Frühjahr waren wir bereits beim ›Du‹ gewesen, dann kein Wort mehr, nichts und jetzt das. Oh, dieser verdammte Kerl. Dabei hielt ich das Taschentuch gerade in meiner Hand und wollte ihm davon berichten, nachdem er mich mit einigen Infos gefüttert hätte. Nun gut, sollte er einfach ohne meine Indizien ermitteln. Mich brächten diese Fäden allerdings kaum weiter, dazu bräuchte es halt die Polizei.
»Hättest du nicht ein wenig höflicher sein können«, erkundigte sich Antonio vorsichtig bei seinem Chef.
»War ich das nicht? Ich habe ihre Frage wahrheitsgemäß beantwortet und mich freundlich verabschiedet.« Bruno schaute seinen Kollegen erstaunt an. Antonio zuckte nur mit den Schultern. Sollte nicht sein Problem sein wie Bruno mit Frau Zorn umging, mit einer Frau, die er anscheinend mochte. Was tat er nur, wenn er jemanden nicht mochte?
Bruno betrachtete seinen Kollegen verständnislos, er gab Frida Zorn die gewünschte Auskunft und beendete das Gespräch, alles gut. Vielleicht hatte der smarte Antonio tiefergehende Erfahrungen mit Frauen. Er war ein ganzes Stück kleiner als er selbst, bestimmt 10, nein über 10 Zentimeter und ziemlich schmal gebaut, ansonsten der typische Süditaliener, fast schwarze glänzende Haare, mittlerweile nicht mehr kurz geschoren, dazu einen Dreitagebart und die etwas dunklere olivfarbene Haut. Ein Typ, der lässig seine Schuhe ohne Socken trug, Bruno hatte das noch nie probiert, fand es für sich selbst ein wenig affig, bei anderen gefiel es ihm, irgendwie leger. Und die Frauen himmelten ihn an, selbst die 17-jährige Carlotta Zorn. Zu jeder Frau, egal welchen Alters war er charmant, manchmal zu vertraut, auch wenn er sie gar nicht kannte. Das lag sicher an dem süditalienischen Blut. Erneut ertappte er sich bei seinen Vorurteilen, warum schob er es darauf ab? Frauen waren stets vorsichtig, ängstlich, gebrechlich, Frau Zorn würde er aus seiner eigenen Schematisierung mal ausnehmen, und Süditaliener waren halt so, na so wie Antonio. Obwohl ihm sein Kollege schon oft genug das Gegenteil bewiesen hatte, weder faul noch unzuverlässig.
»Bruno!« drang die laute Stimme Antonios zu ihm durch.
»Ja?«
»Ich fragte gerade, wie wir weiter vorgehen wollen.«
»Ehrlich, ich weiß es nicht. Warten wir ab, was passiert, wir können es nicht verhindern. Sag den Uniformierten, sie möchten des Nachts die Streifen erhöhen, mehr können wir nicht tun.«
»Sollen wir uns nicht etwas die Vergangenheit ansehen, wozu es wann und wo genutzt wurde?«
»Das habe ich bereits. Da wo das Theater heute steht, war früher der ›Köpferlplatz‹, da wurde vollstreckt.«
»Moms, stell dir vor, auf dem Theaterplatz wurden früher die Leute geköpft. Es galt als die leichtere Art umgebracht zu werden und war hauptsächlich den Adligen vorbehalten. Das Schwert war so scharf, dass es schnell ging. Ansonsten wurden die normalen Verbrecher gehängt oder gefoltert. Also die Folter meist vorher, aber es überlebten nicht alle.«
»Du wolltest doch nichts davon hören, du sagtest, du könntest dann nicht schlafen.«
»Es lässt mich nicht los, dass etwas passieren könnte, wenn wir es nicht verhindern. Die Polizei scheint sich nicht drum zu scheren, denkt augenscheinlich, es sei nur ein Diebstahl. Du hast es selbst gesagt, es wird jemand getötet, nur zu diesem Zweck ist es gestohlen worden.«
»Ich denke nicht, dass wir die Mittel haben, es zu verhindern oder willst du dich einem Mörder mit einem rasiermesserscharfen, riesigen Schwert entgegenstellen?« Bei dem Gedanken stellten die Härchen auf meinen Armen auf.
»Nein, auf keinen Fall, aber wir könnten Fotos machen. Du hast von früher die Spiegelreflexkamera, mit der könntest du nachts forografieren.«
»Könnte ich, wenn ich es könnte. Du weißt, bei mir wären lediglich die Sterne zu sehen, sonst nichts. Außerdem kann ich weder jede Nacht im Auto auf einen Mörder lauern, noch dazu wahrscheinlich am falschen Ort. Wer sagt uns, dass es, was auch immer möglicherweise geschieht, dort passiert? Sicher wartet der Dieb, bis Gras über die ganze Sache gewachsen ist, und schlägt erst in einem halben Jahr zu.«
»Wir beide wissen, dass du genau vom Gegenteil überzeugt bist, es wird heute oder morgen passieren, und zwar an diesem geschichtlich passenden Theaterplatz. Wir könnten uns jetzt ins Bett legen, und um zwölf aufstehen, sieben Stunden Schlaf, nur eben früher.
