Zu wenig vom Guten - Katinka Ruffieux - E-Book

Zu wenig vom Guten E-Book

Katinka Ruffieux

0,0
18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein bewegender Roman über Heimat, Verlust und die Sehnsucht nach einem Platz in der Welt Endlich echte Schweizerin werden – das ist der größte Wunsch der namenlosen Ich-Erzählerin mit ungarischen Wurzeln. Doch die familiären Bande sind so eng wie das Arbeiterhaus, in dem sie sich mit ihrer älteren Schwester und dem Großvater das Zimmer teilen muss.   Nach dessen Tod driftet die Familie zusehends auseinander, und die ältere Schwester bricht aus – sie ist kaum noch zu Hause, stürzt sich in die Jugendunruhen, die Anfang der 80er-Jahre das konservative Zürich aufmischen. Für die Jüngere ist klar: Nur eine von ihnen darf rebellieren. Doch als ihre Schwester eines Tages ganz verschwindet, begibt sie sich auf deren Spuren. Und das bleibt nicht ohne Konsequenzen. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Katinka Ruffieux

Zu wenig vom Guten

Die Arbeit an diesem Roman wurde durch die Bayerische Akademie des Schreibens, Literaturhaus München gefördert. Die Autorin dankt für die Unterstützung.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich für den Druckkostenbeitrag für dieses Buch.

Originalausgabe

© 2025 Arche Literatur Verlag,

ein Imprint der Atrium Verlag AG, Zürich

Covergestaltung: Anzinger und Rasp, München, unter Verwendung einer Fotografie von © Christian Fischer

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03790-161-8

 

www.arche-verlag.com

www.facebook.com/ArcheVerlag

www.instagram.com/arche_verlag

Édesanyámnak és Danikámnak

I miss you more than I remember you.

OCEAN VUONG, On Earth We’re Briefly Gorgeous

Meine Schwester wurde nie begraben.

Eines Tages sagt Mutter: »Es wird Zeit.«

Sie nimmt die Urne vom Regal, wischt den Staub vom Deckel, und wir gehen gemeinsam in den Wald. Auf einer Lichtung will sie die Asche verstreuen. Der Tod meiner Schwester soll nicht umsonst gewesen sein, keine Verschwendung. Sie wäre Nahrung für Neues, Boden für Flechten, Farne, Pilze. Mutter will selbst dem Tod noch eine Logik abgewinnen, und ich kann sie verstehen. Trotzdem sage ich: »Das ist eine Schnapsidee.«

Auch wenn ich Kreisläufe mag, mein Grüngut trenne, geht mir diese Art der Rückführung zu weit, und das erkläre ich auch Mutter. Womöglich ist es illegal?

»Jézusmária!«, ruft sie und dreht nervös am Deckel.

Ich sei schweizerischer geworden, als es mir zustehe. Was könnte natürlicher sein und wer, bitte schön, sollte es uns verbieten? Und weil ich darauf keine Antwort weiß, öffnet Mutter den metallenen Behälter und stellt ihn auf den Kopf.

Zu unserem Erstaunen passiert nicht viel, nur ein wenig Staub macht sich auf den Weg. Die Asche meiner Schwester hat sich verdichtet, will nach über dreißig Jahren nicht mehr aus dem Behälter. Sie klebt am Boden fest wie Kaffeesatz.

Meine Schwester mag sich nicht fügen, selbst nach all den Jahren nicht.

Mit Widerstand hat Mutter nicht gerechnet und sie schüttelt zaghaft. Mir ist, als streckten sich die Blätter der Bäume vorwurfsvoll, und der neugewachsene Schatten legt sich kalt auf meine Schultern. Auch Mutter spürt den Druck. Ihre Schultern sinken ein.

»Gib her«, sage ich und werde energisch.

Hier ist eine große Geste nötig, auch Schneid, und ich weiß, wo ich ihn finde. Mut kommt von Muttermilch und davon gab’s genug. Entschlossen lege ich meine ganze Kraft in beide Arme.

Ohne viel Lärm fällt etwas zu Boden, sieht aus, als gehörte es da hin. Nichts daran ist noch persönlich.

»Schnapsidee«, sagt Mutter und nickt, zückt dabei ein Taschentuch. Der Wind habe ihr Pollen ins Auge geweht und sie dreht sich weg. Doch ich muss ganz genau hinschauen. Am Ende bleibt nicht viel, sogar erstaunlich wenig, und auch das Wenige darf irgendwann vergessen werden.

Und das ist gut.

1

Großvater behauptet, unser Haus sei eine Forelle, und ich glaube das auch. Im Sommer steht ihr Maul weit offen. Dann brauchen wir keinen Schlüssel, nur im Winter hängt er wie Fischköder um unseren Hals. An den Mauern glänzen Schuppen, je nach Licht mal hell, mal weniger, an guten Tagen rosa. Er ist nicht tot, der Fisch, ganz tief unten schlägt sein Herz. Ich höre es nur nachts, das Ohr an der Tapete. Da ist noch etwas Meer in seinen Adern, rauscht durch die Wasserrohre rauf und wieder runter. Aber egal wie gut ich höre, meine Vorstellung reicht nicht aus für all das Salz, die Algen und Korallen, und selbst wenn sie ausreichen würde, hätte ich doch wenig Ahnung, sagt Großvater. Um das Meer zu verstehen, müsste ich mit beiden Füßen ins Wasser.

 

Der Fischbauch, der ist riesig, aber wir müssen ihn teilen. Auf jedem Stockwerk gibt es drei Abteile, für jede Familie eines, und in den Abteilen Kammern, die hat man nie für sich allein. Meine Schwester und ich teilen unsere Kammer mit Großvater, und das ist bestimmt nicht gesund.

»In diesem Haus wird man kein rechter Mensch«, sagt er und wir sorgen uns um unser Menschsein, »hier wird man bloß verrückt!«, und da sorgen wir uns um Großvater. Immer sucht er einen Garten, den es hier nicht gibt; es wächst bloß Rasen. Aber vielleicht sorge auch nur ich mich. Der Rest meiner Familie macht sich nicht viel aus Sorgen.

»Vielleicht pflanze ich im Frühling weißen Cecei«, sagt Großvater und ich nicke, denn von Paprika versteht er viel und auch von Gärten, war doch schon Großvaters Vater Gärtner und dessen Vater auch, und das geht noch viele, viele Väter lang so weiter. Mehr als etwas Erde brauche es dazu nicht, behauptet er, aber wir haben keine Erde – jedenfalls keine, auf der man stehen könnte – und so viel Besitzlosigkeit macht müde.

»Ein handwarmer Gurkensalat mit viel Knoblauch, das Hähnchen knusprig paniert und zum Nachtisch madártej. In der süßen Milch schwimmt echte Vanille, nicht bloß Aroma, und Eiweißinseln so groß wie Kohlrabi. Aber«, und hier macht er eine Pause, so lange, dass wir denken, er sei schon wieder eingenickt, »nichts davon kann mich noch überraschen«, und doch klingt er verwundert. »Wenn es erst so weit ist, kann man getrost zu Bett und gleich dortbleiben.«

Wir widersprechen ihm nicht. Großvater will regelmäßig sterben und am liebsten noch mit vollem Magen. Und ist er erst mal tot, dann will er heim in seinen Garten, denn in der kargen Schweizer Erde würde man glatt verhungern. Aber eine Rückkehr ist ganz und gar unmöglich, noch nicht mal tot darf er zurück in seine Heimat und das macht ihn noch viel müder.

An solchen Tagen sprechen wir Ungarisch mit Großvater, das beruhigt auch uns. Sie kommt unangestrengt, die Vatersprache, als lägen die Worte schon auf meiner Zunge. Mutter spricht aus Prinzip nur noch Deutsch und mit Akzent. Sie meint es gut, fegt damit durch unsere Wohnung, so gründlich, wie die Menschen hier leben. Das Deutsch prallt hart auf unsere Wände, klingt immer nach Befehl, nie nach Bitte und tatsächlich spuren wir auf Deutsch viel schneller.

»Hier muss man etwas zu sagen haben, sonst ist man besser still.«

Und ich weiß, was Großvater meint. Hier ist man selbst beim Reden sparsam. Er vermisst das Schwatzen seiner Heimat, den fecseg, das keinen Zweck erfüllt. Dafür seien sich auch die Männer nicht zu schade, behauptet er. Aber hier, hier werde die Zeit nicht verquatscht, sondern zu Geld gemacht. Das Sparschwein gehört in die Wiege eines jeden Schweizer Kindes, und auch wenn wir keine Schweizer Kinder sind, schließen wir schon früh mit ihm Bekanntschaft. Mein Sparschwein ist ein Würfel, kanariengelb und mit verstecktem Eingang. Den Ausgang bewacht die Bank mit einem Schlüssel. Jeden sechsten Monat gehe ich mit gesenktem Kopf beichten. Genau wie der Pfarrer trägt auch der Bankmann schwarz und das nicht nur sonntags. Er steckt den Schlüssel in die Unterseite meines Würfels und ich bin stolz, wenn es möglichst lange klimpert. Den Verlockungen am Kiosk widerstanden zu haben klingt glockenhell und ich bestaune die Münzen. Sie glänzen wie Salamons linkes Auge. Aber der Bankmann ist wenig beeindruckt. Mit flinken Fingern zählt er durch, macht danach einen frischen Stempel in mein Sparbuch. Die Eins auf dem Papier hat bereits zwei Nullen und ich träume von Franz Carl Weber und seinem dicken Spielzeugkatalog. Immer Ende November stopft der Briefträger ein Exemplar in unseren Milchkasten. Die Reklame ist so dick, dass sie nicht durch den engen Schlitz für Briefe passt. Meine Schwester und ich teilen uns den Katalog, ihre Kreuze sind rot, meine blau. Wir brauchen Wochen, um eine gute Auswahl zu treffen. Nicht nur einmal ändere ich meine Meinung, radiere das Kreuz für die Spielzeugküche, das Monchhichi wieder aus. Schon nach wenigen Tagen sind da Löcher im Papier, ist der Preis für die Artikel nicht mehr zu erkennen und das treibt Mutter in den Wahnsinn. Auch das Christkind sei nicht allwissend. Aber die Ankreuzerei ist bloß verlorene Zeit, denn fast all unsere Wünsche bleiben offen. Meist bekommen wir Kleider oder Bücher, Dinge, die praktisch sind. Vielleicht könnte ich mir mit meinem eigenen Geld doch noch den daumenlutschenden Affen kaufen? Aber die Bank behält mein Gespartes, bis ich achtzehn bin, sagt Mutter, sonst streichen sie den Vorzugszins. Dass mein Geld nicht mehr nur mir gehört, leuchtet mir nicht ein und gerne würde ich den Bankmann danach fragen, aber ich traue mich nicht. Die Schweizer Banken sind heilig, ihnen fehlen nur die Weihwasserbecken am Eingang.

Als ich Großvater von meinem Bankbesuch berichte, fragt er, wofür ich sparen würde – im Himmel gäbe es alles für umsonst. Aber ich bin dem Himmel noch nicht so nah wie Großvater, erkläre ich, halte das Sparschwein deshalb für nötig. Er schüttelt nur den Kopf. Kinder seien dem Himmel doch viel näher, jedenfalls für kurze Zeit. Dass unsere schon fast vorbei ist, ahnen wir bereits.

»Mindenségit!«, ruft Großvater immer öfter und beklagt damit die Welt als Ganzes. »Mädchen, was zur Hölle? Ihr stinkt schon wie dieses Haus. Ihr Fischköpfe.«

Dabei riecht er nur den Lebertran. Davon wird man gescheit oder bekommt glänzendes Haar, mit etwas Glück sogar beides, erklärt Mutter, also schlucken wir ihn täglich. Doch Großvater behauptet, Demut stünde uns viel besser als dichtes Haar, und lehrt uns das Beten, stehend und auf Knien. Kniend mag uns Gott noch viel lieber, also knien wir lang und viel.

»Én istenem, jó istenem, guter Gott, meine Augen sind schon müd, doch deine wach.«

»Immer?«, frage ich.

»Immer«, behauptet Großvater.

Und ich denke darüber nach, wie ich einen immerwachen Gott wieder aus dem Kopf kriege. Hat man seine Gedanken nämlich nicht mehr nur für sich, bekommt man schnell ein schlechtes Gewissen, selbst dann, wenn man an gar nichts Böses denkt. 

Der liebe Gott versamt bei mir noch schneller als Großvaters Paprika und egal wie oft ich an ihm reiße, er bleibt von nun an eine Möglichkeit.

»Großvater?«

»Mhm.«

»Warum glänzte Salamons linkes Auge?«

Welcher König Salamon gemeint ist, das weiß ich schon. Der aus der Bibel jedenfalls nicht.

»Woher zum Teufel soll ich das wissen?«, sagt Großvater. So alt sei er nun doch nicht.

»Warum glänzte nicht das rechte?«

Solche Fragen stelle ich mir ständig.

»Himmel! Das ist ein dummes Sprichwort, mehr nicht. Ich erzähl’s dir, wenn du mich danach in Ruhe lässt.«

»Ja, Großvater. Bestimmt.«

»Also hör zu. In Wahrheit glänzte bei Salamon …«, er zögert, »ach, lassen wir das.«

Großvater hat es sich anders überlegt. Doch je geheimer etwas ist, umso dringender muss ich es wissen.

»Was, nicht das Auge?«

Es gelingt mir, keine Neugier zu zeigen. Spätestens jetzt will ich es wirklich wissen. Nichts ist spannender als Erwachsenenkram.

»Nein. Aber für den Rest der Geschichte bist du zu jung.«

Noch bevor ich weiter fragen kann, dreht sich Großvater um und schlurft davon. Er ist wie eine Schweizer Bank, bunkert seine Geheimnisse gerne gepanzert. Doch irgendwann werde ich ihn knacken.

2

Das Sprachgewirr in unserem Haus ist babylonisch, nur reicht der Turm nicht bis zum Himmel. Dort, wo unser Name an der Tür steht, ist Schluss. Fünf Buchstaben, zwei Vokale, die mehr über unsere Herkunft verraten, als ich es je tun würde.

»Irgendwann«, sagt Mutter, verstreue uns der Herrgott wieder in alle Welt.

Aber wir Fischbauchmenschen kommen schon von überall her, dürfen also bleiben. Wie lange, sagt Mutter nicht. Vater findet, der vierte Stock sei kein Zufall, das hätte schon alles seine Richtigkeit, eine verpflichtende. Er verkleidet die Wände mit seidenen Tapeten, installiert Boudoirlampen aus Kristall, nichts davon können wir bezahlen oder nur in Raten. Im Regal landet die Gesamtausgabe von Guy de Maupassant, Romane und Novellen in zehn Bänden und das auf Französisch. Deutsches scheint Vater nicht elegant genug. Böse Zungen behaupten, er hätte die Bücher nur wegen des luxuriösen Einbands gekauft und lesen kann er die Geschichten tatsächlich nicht. Der König bin ich, ist der einzige Satz, den Vater auf Französisch gut kann, doch kaum spricht er ihn akzentfrei, hört niemand mehr zu. Ein einzelner Satz hilft in keiner Sprache weiter.

Pünktlich Ende September kauft Vater den ersten Vacherin Mont-d’Or, wofür ihn Mutter genauso hasst wie für den beigen Flokati. Eigentlich ist der Teppich fabelhaft, zottelig wie ein alter Bernhardiner, aber in etwa so hygienisch, weil unsaugbar.

Als Anfang Oktober eine Listerieninfektion Großvater niederstreckte – der französische Rohmilchkäse stand natürlich sofort unter Verdacht –, er auf dem Weg ins Bad gleich zwei Mal auf den Langhaarteppich kotzte, flog der Flokati raus. Am liebsten hätte Mutter Vater gleich hinterhergeschickt, einfach weil Vater Vater ist, und niemand kann raus aus seiner Haut. In die ist man eingenäht wie Mantelfutter. Aber ich mag Vaters Haut, sie ist so sanft wie er und auch im Winter etwas dunkler – ein My zu dunkel für unsere neue Heimat. Entdecken es die Menschen, laufen sie schneller, flüstern, aber Vater hört sie nicht und hört er sie doch, dann bleibt er stehen und schaut verdutzt.

»Was denken die sich, Tochter, weißt du’s?«

Und weil ich es nicht weiß, gehen wir weiter. Insgeheim weiß ich es aber doch. Die Flüsterer denken, verlogen und schmutzig und nirgends daheim. Und wird etwas gestohlen, dann muss man nicht lang suchen. Aber das erzähle ich Vater nicht. Es fällt schwer, ihn anders als glücklich zu sehen, und es fällt auch schwer, seine verrückten Einfälle nicht zu mögen. Nur Mutter kann das.

 

Eines Tages wird eine monströse Sitzlandschaft angeliefert, und wir sind begeistert, Mutter nur alarmiert. Dass das Sofa nicht durch die Wohnungstür passt, verkauft Vater ihr als Schicksal, als launisches, und da helfe kein Jammern, nur Erfindergeist. Nach langem Hin und Her – ein Transport über den Balkon kommt genauso wenig in Frage wie das Retournieren – wird die Polstergruppe kurzerhand zersägt und durch die Tür bugsiert, danach neu zusammengewürfelt. Auf den ersten Blick sieht man die Bruchstellen kaum, geschickt drapieren wir die mitgelieferten Kissen, aber für Mutter bleibt das Sofa zerstückelt, etwas, das nie mehr ganz heil wird. Ich merke es an der Art, wie sie sich draufsetzt. Großvater tauft das Sofa »Taj Mahal«, wertet das Möbel als großes Zeichen einer noch größeren Liebe; nur sei Mutter noch nicht tot und das Sofa senfgelb. Fast alle können darüber lachen.

Tags darauf wird auch noch ein Schrank angeliefert. Er ist kreisrund und schlank wie eine Litfaßsäule und er ist für meine Schwester und mich. Wir sind ganz aus dem Häuschen, schneiden Blumen aus den Resten von Vaters Seidentapete, vorwiegend blaue: Hortensien, Iris, Vergissmeinnicht. Kreuz und quer kleben wir sie. Etwas so Besonderes haben wir noch nie besessen. Als Schrank taugt der Schrank nicht viel, dafür als Teleporter. Noch passen wir beide rein, meine Schwester und ich, aber nur knapp. Ich liege, den Rücken in der Kurve, sie kauert, die langen Beine angewinkelt. Wir beamen uns weg, flüsternd, damit unser Versteck noch eine Weile versteckt bleibt, reden über Unwichtiges, aber auch übers Fortgehen.

»Wandern Forellen?«, frage ich ins Dunkel.

Es ist stickig und riecht nach ungewaschenen Füßen. Sie stoßen in meinen Bauch. Statt einer Antwort bläst meine Schwester ihre Haare aus der Stirn. Ich weiß, ihr Pony sitzt schief und endet deutlich über den Brauen, so wie meiner.

»Wandern? Wohin?«, fragt sie und reibt sich die Knie.

»Na fort, was sonst.«

»Quark mit Soße, Fischkopf!«

Sie ahmt Großvater nach und wir müssen beide lachen, aber nur ganz leise.

»Stimmt. Müssten die nicht schwimmen?«

Zu Forellen fällt mir nicht mehr ein. Wir prusten los, lachen, bis die runden Wände des Teleporters aneinanderschlagen. Der Schrank ist famos und Vater bestimmt ein Genie, aber mein Hirn ist nicht mehr verlässlich, bekommt zu wenig Sauerstoff.

»Willst du denn fort?«

»Na klar«, sage ich, »irgendwann bestimmt.«

Nach Amerika, behalte ich für mich. Träume, die man ausspricht, haben schlechte Karten.

»Warum?«

Ich glaube, die Frage ist ihr wichtig. Darum überlege ich gut, was am Fortgehen so toll sein soll. Viel Erfahrung habe ich nicht. Eigentlich gar keine.

»Na, wegen des guten Gefühls bei der Rückkehr.«

Und da kann ich so falsch nicht liegen. Ich mag den Fischbauch, unsere Kammer, den Geruch meiner Menschen. Meine Schwester bläst sich ein zweites Mal den Pony aus der Stirn, aber er klebt schon fest. Der Schrank ist inzwischen mehr U-Boot als Teleporter.

»Dann müssen wir in Zukunft jede Menge fort.«

Sie sagt es feierlich wie einen Schwur.

»Und am besten reisen wir gleich jetzt, sofort!«, rufe ich, denn hier geht’s ums Überleben. »Wasch dir das nächste Mal gefälligst die Füße. Stinker!«

»Selber Stinker.«

Ich weiß, meine Schwester streckt mir gerade die Zunge raus. Ich lege die Hände an die Wand und drehe uns zurück. Das Licht trifft mitten in den offenen Teleporter und für einen Augenblick sehen wir nicht viel mehr als Staub, der tanzt. Wir haben ihn ganz schön aufgewirbelt.

3

Samstags gehen wir zu den Pfadfindern. Nicht zu den hiesigen, wir haben eine ganz eigene Truppe, so wie wir einen eigenen Metzger mit scharfen Würsten und einen eigenen Gottesdienst haben. Für den müssen wir in die Stadt. Wir beten zwar nicht in der richtigen Kirche, sondern einen Stock tiefer, aber der Keller schweiße zusammen, findet Großvater. Das gemeinsame Hinabsteigen in den pince macht bescheiden. Vom Bescheidensein hält Vater jedoch wenig und auch Mutter nicht viel, und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mutter will sonntags seidene Strümpfe tragen – sie hat dazu auch die passenden Beine, der Keller jedoch die falsche Temperatur – und Vater wäre gerne wichtig, was ohne Aussicht wenig aussichtsreich scheint.

»Das ist kein Keller«, verkündet Vater eines Tages wütend. Auf dem Schild in der Kirche stehe Souterrain.

»Hülyeség!«, ruft Großvater. Blödsinn. Er verweist Vater auf seinen Platz.

Unsere Familie gleicht einem Hühnerstall. Wer wen hacken darf, steht fest, trotzdem lassen alle Federn. Das liege in der Natur der Dinge. Menschen seien auch bloß Tiere? Auf meinem Mist ist dieses Wissen nicht gewachsen, nur habe ich vergessen, wer sowas behauptet. Die Kirche ist es jedenfalls nicht.

Sous terrain bedeute nichts weiter als unter der Erde, sagt Großvater, nur auf Französisch. Und auf Französisch klänge selbst das Scheißhaus nach einem wohlriechenden Ort.

»Pince trifft’s ziemlich genau.«

Der Keller sage doch einiges über unseren Stellenwert aus und auch über Vater; der wäre nämlich gerne etwas Besseres. Im Keller könne er für seinen Aufstieg jedoch beten, so laut und lange er wolle. Dort unten höre selbst der liebe Gott nur die Hälfte.

 

Das Fensterlossein hat System, denn auch die ungarischen Pfadfinder treffen sich in einem Keller. Meine Schwester mag das gemeinsame Hinabsteigen sehr, das Pipapo: Hymne, Fahne, das Einschwören auf eine Heimat, die wir beide nicht kennen, vielleicht auch nie kennenlernen werden – jedenfalls so lange nicht, bis man uns in der Schweiz offiziell adoptiert. Doch adoptiert werden nur die Schönen und Klugen, behauptet Großvater, und auch in der Reihenfolge. Das sei nicht anders als im Tierheim. Das Fell und die Zähne müssen tipptopp sein. Großvater fletscht seine, die keine echten mehr sind.

»Apu! Erzähl den Mädchen keine Märchen«, sagt Mutter. »Hier wird eingebürgert, wer lange genug bleibt, eine Prüfung besteht und das nötige Kleingeld hat.«

»Wir demnach nie«, sagt Großvater trocken und genügend Geld haben wir tatsächlich keines. Und weil ich nicht besonders schön bin und auch nur mäßig klug, lächle ich viel und bestimmt viel mehr als nötig, denn lächelnde Menschen sind nie wirklich hässlich.

Ich kann es ein- und ausschalten, das Lächeln, wie eine Taschenlampe, nur wird es immer dünner und das liegt an meiner schwachen Batterie. Aber das weiß nur ich, alle anderen sehen nur einen ziemlich schönen Menschen, einen Menschen, der dazugehören will.

»Ich bin eine von hier!«, rufe ich und meine den Fischbauch. Das scheint mir schon genug. Mehr zu fordern, wäre vermessen. Wiederhole ich es oft und laut genug, werde ich eines Tages nicht mehr fremd sein.

»Null Rückgrat«, sagt meine Schwester. Ich sei lasch wie Kopfsalat, den man zu früh ins Dressing gelegt hat. Sie, sie wisse ganz genau, aus welcher Erde sie stamme, und während sie das sagt, sticht sie mit der Schere in die ungarische Flagge, entfernt aus der rot-weiß-grünen Trikolore Hammer und Ähre, so glatt und schnell, dass ich überzeugt bin, sie wird einmal Chirurgin. Schwester? Tupfer, Nadel, Faden, und ich gehorche. Ihr ganzer Körper ist entschlossen, alles Kommunistische rauszuschneiden. Sie arbeitet wie ein Uhrwerk und müde wird sie nie. Leere Batterien kennt meine Schwester keine.

 

Solche Löcher hat schon Großmutter geschnitten, 1956 in Budapest, und Großvater mit einem Sprichwort auf die Barrikaden geschickt:

Gyáva népnek nincs hazája – Ein feiges Volk hat keine Heimat.

Großvater sah durch die Löcher hindurch und über den Eisernen Vorhang fast bis nach Wien, im Rücken aber hörte er die russischen Panzer rollen und wusste, was Sache war. Der Aufstand dauerte nicht lange, nur zweieinhalb Wochen, dann wurden sie von den Sowjets wieder gestopft, die Löcher, mit Hammer und Ähre und diesmal für immer. Und weil Großvater wegen dieser Löcher ganz schön lange im Gefängnis saß und Großmutter währenddessen der Schlag traf, will und darf er nie wieder heim und mit ihm auch wir nicht. Deshalb schneiden wir heute Löcher und hören auch nie damit auf – schwer zu verstehen ist das nicht.

 

»War damals denn alles schlecht, Großvater?«, frage ich. Sich den Krieg vorzustellen ist fast unmöglich. Ich glaube, den muss man erlebt haben, um ihn wirklich zu begreifen.

»Ach wo. Damals, da hatte ich noch richtige Zähne. Und das war prima.«

4

Im Erdgeschoss, unter der Treppe, ist eine alte Tür aus Holz. Nicht, dass sie älter wäre als der Rest des Hauses, sie sieht nur älter aus. Fast immer liegt sie im Schatten, ob Sommer oder Winter, nicht mal die Sonne traut sich bis in diese düstere Ecke des Fischbauchs und das hat seinen Grund. Hinter der Tür liegt eine steile Treppe, achtzehn Stufen ist sie lang. Für Erwachsenenfüße sind die Stufen etwas kurz, aber nicht für zarte Kinderfüße, sagt Großvater, und die möge der bakurász am allerliebsten. Erstaunlich ist das nicht. Großvaters Füße stecken sieben Tage die Woche in fleischfarbenen Socken, und täten sie es nicht, würden jetzt zehn unappetitliche Fußnägel vorne aus der Öffnung seiner Pantoffeln lugen.

Der Legende nach nimmt das Ungeheuer alle bösen Kinder mit und manchmal nicht nur die; auch Erwachsene sind vor ihm nicht immer sicher und das finde ich nur gerecht. Fürs Mitnehmen seien die Erwachsenen aber zu schwer, deshalb schießt ihnen der bakurász bei Bedarf in den Rücken.

»Wie sieht er denn aus?«, frage ich.

Es wäre gut, ihn rechtzeitig zu erkennen.

»Klein ist er«, sagt Großvater, »und schnell.« Der Rücken krumm, die Nase stumpf, der Bart lang und verfilzt. Gesehen habe er ihn noch nie, dafür gespürt. Er macht jede Menge Wind. »An eurer Stelle würde ich mich sorgen.«

Und ich sorge mich tatsächlich.

»Böse Kinder? Pff …«, meine Schwester lässt sich nicht so leicht beeindrucken. »Richtig böse wird man erst viel später. Als Erwachsener.«

Trotzdem habe ich Zweifel und die quälen nicht nur mich. Selbst Mutter mag nicht in den Keller steigen, aber müssen muss sie doch. Dort unten steht die einzige Waschmaschine weit und breit.

»Jaj, es ist die Hölle«, jammert sie Woche für Woche und hält sich dabei auffällig oft den Rücken.

 

Eines Tages hat meine Schwester damit begonnen, mit dem Pfadfindermesser in die Oberfläche der alten Tür zu ritzen, und das ist der eigentliche Grund für ihr übermäßiges Altsein.

»Ein Pentagramm. Das ritzt sich in einem Zug«, sagt sie und macht es gleich vor. Ein fünfzackiger Stern mit Kreis drumherum. Er bannt böse Geister und Dämonen und das bereits seit tausenden von Jahren. Der Zauber müsste selbst für unseren bakurász genügen. Natürlich schafft sie es nicht in einem Zug und meine Schwester schneidet sich beim Kreis in den Finger. Ihr Blut sickert in das rohe Holz der Tür, macht einen unschönen Fleck.

»So wirkt’s noch besser. Jede Wette«, sagt sie und verlangt, dass ich mein Blut auf ihres drücke. Aber ich will nicht! Kampf, Opferbereitschaft, doppelte Verschwesterung? Nichts davon leuchtet mir angesichts der zu erwartenden Schmerzen ein.

»Wozu?«

Und dabei bleibe ich. Körperflüssigkeiten mochte ich noch nie.

»Kannst wohl kein Blut sehn, du Mimose. Später wirst du das Feigsein bereuen.«

Ständig droht sie mir, später dies und später das.

Aber ich glaube nicht, dass das Später mich einholt. Dafür denke ich zu weit voraus. Heute kann ich nur die sein, die ich bin. Morgen werde ich bestimmt eine gute Schwester sein. Versprochen.

Einmal angeritzt, ist das Höllentor vor nichts mehr sicher. Ich hole mir ein Buch über Okkultismus und leite den Bannzauber an. Auf das Pentagramm folgen acht Sechssterne. Ordnet man die richtig an, sind sie ein besonders starker Schutz. Ein Rabe auf dem Dach bringt den Tod, doch sitzt er schon dort, kommt der Teufel gar nicht erst auf die Idee sich dazuzusetzen. Entsprechend gehört auch ein Haus mit Rabe an die Tür. Das Haus ist eindeutig zu erkennen, der Vogel nicht. Gut möglich, dass der bakurász uns doch noch besuchen kommt?

»Der Rabe sieht aus wie eine Ameise«, sage ich und bekomme für den Vergleich eine Kopfnuss. Zur Sicherheit schnitzen wir neben den Raben das ungarische Wort holló in die Tür – für den Fall, dass der Teufel lesen kann. Ein Lebensbaum kann auch nie schaden, dazu die Hand der Fatima. Wir erfinden sogar unsere ganz eigenen Symbole, um das Ungeheuer unter der Erde zu halten, und Mutter tut mir leid, wegen der vielen Briefe von der Verwaltung und auch, weil sie keine Wahl hat und trotz allem in den Keller steigen muss.

 

Eines Tages erbarmt sich Vater und kauft uns eine eigene Waschmaschine. Nicht das günstigste Modell, sondern eine mit glänzenden Knöpfen und richtig vielen Funktionen. Fragt man Mutter, war es sein erster guter Einfall überhaupt und trotzdem verdreht sie die Augen. Eine weniger teure Maschine hätte es auch getan, eine, die uns vier Wochen Bratwurstgulasch ersparen würde. Mutter kann sehr hart sein. Vater lächelt ihre Kommentare weg, so wie er alles Unangenehme weglächelt. Er besteht auf Qualität, auch wenn sie Opfer fordert. Doch das ist idiotisch, flüstert Mutter hinter vorgehaltener Hand. Vaters Verhalten sei nur der Beweis für eine Rechenschwäche. Sie tippt sich an die Stirn. Menschen, die nicht rechnen können, stattdessen ständig lächeln, hätten bald nichts mehr zu lachen.

Mein Vater ist der Nordpol, Mutter der Südpol. Kalt ist mir oben und unten.

 

Im Bad ist kein Platz für die neue Maschine, deshalb wird sie kurzerhand ins Wohnzimmer geschoben. Weil sie für die gute Stube aber zu hässlich ist – der Taj Mahal in ihrer Nähe zu einem gewöhnlichen Sofa verkommt –, zieht Mutter der Waschmaschine eine Häkeldecke über. Die reicht über den Rand hinaus ganz bis auf den Boden, und da sie ein wenig vergilbt ist, passt sie auch farblich gut zum Sofa. Die Decke hat unsere Urgroßmutter väterlicherseits gehäkelt. In viel Handarbeit.

»Wie war dédmama so?«, will ich von Großvater wissen.

Außer dass sie gut häkeln konnte, weiß ich nicht viel über ihr Leben.

»Keine Ahnung«, sagt Großvater, nimmt die Brille von der Nase und reibt sich die Augen. Das tut er immer, wenn er angestrengt nachdenken muss, als sähe er die Vergangenheit ohne Brille schärfer. »Ich habe sie nie kennengelernt.«

»Das tut mir leid, Großvater«, sagt meine Schwester voller Neugier und ich trete ihr unterm Tisch ans Bein. »Bestimmt hast du sie sehr vermisst?«

»Wie kann ich etwas vermissen, das ich nie kennengelernt habe?«

Doch da ist Großvater schief gewickelt. Ich vermisse jede Menge Unbekanntes. Eigentlich nur. Es fühlt sich an wie großer Hunger und er packt mich, wenn ich die ein- und ausfahrenden Züge sehe, die, die von ganz weit kommen und noch viel weiter reisen werden. Die Güterzüge kommen oft aus Italien oder Frankreich, manchmal aber auch aus Übersee. Einmal stand da Los Angeles auf einem der Wagons, United States of America. Ich habe mich lange gefragt, was hinter den rostfarbenen Blechen stecken könnte. Aus einer Stadt mit Engel im Namen kann nur Gutes kommen, doch sicher ist auch das nicht. Erst kürzlich hatte ich eine Erdbeerzunge und ein Genuss war die nicht, dafür Scharlach.

»Die Frauen in unserer Familie machen sich alle rechtzeitig aus dem Staub«, sagt meine Schwester und bringt damit das Verschwinden unserer Groß- und Urgroßmütter auf den Punkt.

»Ja, alle. Außer eure Mutter.« Großvater setzt die Brille wieder auf. »Die ist eine ganz zähe.«

Die Worte klingen wie ein wunderbares Kompliment, jedenfalls will ich, dass es eines ist. Mutters Zähsein kann unmöglich mit dem eines Wiener Schnitzels verglichen werden.

 

Einmal die Woche ist Waschtag. Dann rollen wir die neue Maschine gemeinsam ins Bad. Allein sind die Türschwellen kaum zu schaffen. Mit ein Grund, sagt Mutter, warum man sich nicht schon kurz nach der Hochzeit gleich wieder scheiden lässt. Ohne Mann sei das Leben unnötig schwer. Das schreibe ich mir hinter die Ohren. Männer haben ihre Berechtigung und Alleinsein will kein Mensch.