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Mittelalter und Mord, Brenneisen und Brandzeichen, Schnabelschuhe und Schaffelle – auch in diesem Kriminalroman mit dem sympathischen Ermittler Goran Voltic geht es ans Eingemachte, als eine Leiche beim Bach gefunden wird. Die idyllische Kulisse eines Mittelaltermarkts bekommt Risse, die Recken der Fellgylde werden in die Gegenwart katapultiert. Geht es um Rache? Um ein Liebesdrama? Oder um Bestechung und Unsummen von Geld? Oder um unsaubere Machenschaften mit Bitcoins? Viele Vorurteile, unterdrückte Angst, versteckte Leidenschaften und handfeste Wirtschaftsinteressen erschweren die Ermittlungen. Doch Kriminalkommissarin Eva Brandenberg und Polizeinovize Goran Voltic, ein unkonventionelles Ermittlerteam mit Kultpotential, lassen sich nicht einschüchtern.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2025
Judith Stadlin | Michael van Orsouw
Ein Fall für Goran Voltic
Kriminalroman
Dörlemann
Jetzt schlägts 13
Krethi und Plethi
Etwas springen lassen
Durch die Blume gesagt
Mit Kind und Kegel
Ins Gehege gekommen
Hinz und Kunz
Den Bogen überspannt
Schlag auf Schlag
Schief gewickelt
Auf dem Holzweg
In die Schranken weisen
Nicht an die große Glocke hängen
Von allen guten Geistern verlassen
Durch die Lappen gegangen
In das gleiche Horn stoßen
Kein Blatt vor den Mund nehmen
Das geht auf keine Kuhhaut!
Auf keinen grünen Zweig kommen
Jemanden brandmarken
Auf die Pelle rücken
Lunte riechen
Gewappnet sein
Nach Adam Riese
Ross und Reiter nennen
Unter einer Decke stecken
Wie die Axt im Walde
Holzauge, sei wachsam!
Etwas auf dem Kerbholz haben
Arm wie eine Kirchenmaus
Etwas im Schilde führen
Das Blatt wendet sich
In der Zwickmühle
Dastehen wie ein Ölgötze
Sich aus dem Staub machen
Auf glühenden Kohlen sitzen
Einen Haken haben
Dreck am Stecken
Aufschneiden
Nicht mit gleicher Elle messen
Nicht lange fackeln
Auf den Zahn fühlen
Für ’n Appel und ’n Ei
Alle Brücken hinter sich abbrechen
Nägel mit Köpfen machen
Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen
Papperlapapp
Für etwas den Kopf hinhalten
Umgekehrt wird ein Schuh draus
An den Kragen gehen
Wie in Abrahams Schoß
Personen
Wir danken herzlich
Über Judith Stadlin und Michael van Orsouw
Donnerstag, 13.20 h
Graue Wolken hingen über dem Lagerplatz. Rauch vernebelte die Luft. Die Wolken ließen schwere Tropfen auf die Zelte und Hütten fallen.
Franziskus raffte das Schulterfell über seinem Wollumhang vor der Brust enger zusammen, zog die Kapuze tiefer über sein dichtes graues Haar und beschleunigte den Schritt auf dem Kiesweg.
Der groß gewachsene Mann sah zum Himmel auf, nicht zum ersten Mal heute, in der Hoffnung, dort ein einziges blaues Fitzelchen auszumachen. Seine Fußsohlen schmerzten allmählich in den ledernen Stiefeln, deren Schäfte mit Bändern straff an seine Unterschenkel festgeschnürt waren.
Die mittelalterliche Burg, keine hundert Schritte entfernt, war kaum auszumachen, zu viel dunkler Rauch erhob sich über den Feuerstellen und vernebelte die Sicht.
Franziskus war in Eile. Es schien bereits einzudunkeln. Obwohl: Konnte das sein, überlegte er, war es schon so spät? Hatte er sich im Kontor von Petrissa beim Bratapfelwein etwa dermaßen verplaudert? Unmöglich, rief er sich zur Vernunft, der Herold hatte doch eben erst die Turmbläser angekündigt.
Die Glocke der Oswaldskirche schlug … Franziskus rieb sich die Stirn und versuchte sich zu erinnern … wie oft? Hatte die Glocke nicht eben dreizehn Mal geschlagen? Oder hatte er sich verzählt? Das konnte doch gar nicht sein, keine Glocke schlug dreizehn Mal.
Und so lange, dass es schon dämmerte, war er doch bestimmt nicht an der Holztheke vor dem Alten Spittel gestanden? Nun gut, das Gläschen Hexenfeuer, das ihm Petrissa zusätzlich kredenzt hatte, hatte er einfach nicht verschmähen können.
Ein bisschen wattig im Kopf war ihm jetzt schon zumute. Vielleicht hatte er das Ganze tatsächlich etwas in die Länge gezogen, weil er sich unter dem Zeltdach von Petrissas Taverne so wohl gefühlt hatte. Aber Abenddämmerung? Nein, so spät konnte es unmöglich sein, um Himmels willen, die Sau würde ihm diese Verspätung nicht verzeihen!
Petrissas flüssiges Feuer brannte Franziskus bis zum Hals, möglicherweise war es doch etwas viel gewesen. Es kam ihm plötzlich vor, als hätte er ein paar Stunden dieses Tages verpasst.
Wahrscheinlich lag es am leeren Magen. Für einen Topf Habermus hatte es heute Morgen nämlich nicht mehr gereicht. Kaum war die Glut ideal und das Schwein am Drehspieß, war er losgelaufen, um seine Schulden beim Fleyschhändler zu begleichen.
Franziskus beeilte sich, um zu seinem Zelt zu kommen und seinen Stellvertreter an der Drehkurbel abzulösen.
In diesem Moment piepste es im Lederbeutel an seiner Hüfte. Vor Schreck überkam ihn ein Hustenanfall. Er schaute schuldbewusst um sich und fingerte hurtig nach seinem Smartphone im mittelalterlichen Hüftbeutel: »Ja, hust, bitte? Franz Brandenberg am Telefon …«
Donnerstag, 13.24 h
Schon wieder raste ein E-Bike ganz nahe an ihm vorbei. Goran Voltic drückte sich an den Wegesrand und ärgerte sich über die hohe Geschwindigkeit der elektromotorisierten Velos, von deren Rädern an diesem nassen Tag das Wasser in Fontänen hochspritzte.
Gerne hätte Goran die Radfahrenden gegrüßt, wie es eigentlich seine Art war, doch die Flyer, Bulls und Electras flitzten im Minutentakt, fast schon Sekundentakt an ihm vorbei, sodass keine Kontaktnahme möglich war. Zudem trugen die Fahrerinnen und Fahrer Helme mit verspiegelten Visieren, man sah keine Gesichter. Goran ärgerte sich nicht zum ersten Mal: Krethi und Plethi rasten in letzter Zeit mit diesen Atomstromvelos auf Spazierwegen und Straßen herum und verschreckten Kinder, Passanten und Hunde mit ihrem hohen Tempo. Ganz zu schweigen davon, wie viel so ein E-Bike kostete! Nun, die Zugerinnen und Zuger konnten sich derlei Luxusräder, die gut und gerne so viel kosteten wie früher ein Kleinwagen, offenbar leisten.
Goran hatte trotz des Regens den kleinen Umweg entlang des Seeufers gewählt. Der See faszinierte ihn seit jeher und bei schlechtem Wetter nicht minder. Beim Durchqueren der sogenannten Katastrophenbucht, deren kunstvoll gestaltete Wände mit Spraydosen-Graffiti und Filzstift-Schriftzügen wie etwa »Sändy is a Bitsch«, »Fuck de Police« und klischierten Bildern von primären Geschlechtsmerkmalen verunstaltet waren, wandte er den Blick zum Wasser. Stürmisch peitschte die Gischt über hohen, petrolfarbenen Wellen an die Kaimauer und benetzte seine Sneakers.
In Ufernähe hatten sich durch das Regenwetter PET-Flaschen, Bierdosen, Plastiktüten und eine Menge Schwemmholz zwischen den Steinen angesammelt. Gorans Blick fiel plötzlich auf etwas Schwarzes, Großes, das in Ufernähe im Wasser trieb. Der junge Mann erschrak – was um Himmels willen konnte das sein? Als er genauer hinsah, entdeckte er, dass es nur ein kaputtes Paddel war. Unwillkürlich dachte er an seine Zeit als Bademeister und SUP-Lehrer im Strändli auf dem Zuger Campingplatz zurück. Goran erinnerte sich: Bei diesem üblen Wetter hätte er als Bademeister frei gehabt. Aber seitdem der Campingplatz vor Kurzem geschlossen und geräumt worden war, vermied er es, an seinem vormaligen Arbeitsplatz vorbeizugehen, es deprimierte ihn. Ohnehin wirkte das Strändli an Tagen wie diesem komplett verlassen – wenn sich dort ein Mord ereignen würde wie vor vier Jahren, würde es wohl gar niemand bemerken!
Die unbeschwerte Zeit im Strändli war vorbei, wahrscheinlich für immer. Goran befand sich auf dem Rückweg vom Zuger Bahnhof nach Hause an den Höhenweg. Jetzt hatte er ein neues Leben, einen neuen Beruf. Er kehrte gerade von seinem anderthalbtägigen Fortbildungskurs »Aktive Bekämpfung von Littering im öffentlichen Raum« an der interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch zurück und hatte gestern und heute Morgen extra früh aufstehen müssen, noch bevor Patrizia und die kleine Ena wach waren. Umso mehr freute er sich jetzt auf seine Partnerin und seine Tochter. Und auf die bevorstehende Geburtstagsfeier seiner Chefin Eva Brandenberg.
Sieben Minuten später bog er in die Zuger Altstadt ein.
Die jahrhundertealten Häuser der Altstadt hatten bei ihm immer ein wohliges, heimatliches Gefühl hervorgerufen. Das spürte er jetzt noch, auch wenn er heute leider nicht mehr dort wohnte.
Beim großen Altstadtbrunnen trank eine Frau Wasser aus der Röhre. Sie trug einen schwarzen Knirps, dessen Gestänge teilweise gebrochen war, ein zerknittertes blassblaues Kleid und schwere, ausgetretene Bergschuhe, einen schmuddeligen dunkelroten Baumwollschal und eine grobe Umhängetasche aus dunklem Stoff; Nässe oder Schmutz hatten darauf Flecken hinterlassen.
Kurz war Goran verwirrt, doch als er die Trompeten der Bläser im Zytturm hörte, wurde ihm bewusst, dass ja heute das große Zuger Mittelalterevent in der Äusseren Altstadt begonnen hatte. Sein Vater Josip Voltic hatte als Präsident des Organisationskomitees und Medienverantwortlicher seit Tagen von nichts anderem gesprochen, und auch Enas Götti Franz war Feuer und Flamme für dieses Fest und hatte sogar sein Zelt im Heerlager aufgeschlagen.
Goran schaute an sich hinunter und stellte fest, dass seine hellblaue Outdoorjacke ganz und gar nicht zu diesem Event passte, dann sah er die Kostümierung der Frau am Brunnen und fand ihr Kostüm etwas gar übertrieben abgewetzt. Als sich die Frau aufrichtete und mit einer schmutzigen Hand über den Mund fuhr, bemerkte Goran ihre Augenringe und ihren ungesunden Teint. Er überlegte: Ob das wohl echt oder nur geschminkt war?
Drei Männer in Wildlederwämser, Fellhüte und Kettenhemden gekleidet, einer mit einer Hellebarde und einer mit einem Schwert am Gürtel, überholten ihn und sprachen den jungen Polizisten in Zivil an: »Der junge Recke sei gegrüßt! Kann er uns den Weg zum Heerlager weisen?«
Goran musste schmunzeln, grüßte trotzdem in heutiger Sprache zurück und wies mit der Hand in Richtung Osten. Hoffentlich, dachte er, als er den Männern in ihren fantasievollen Gewändern nachschaute, erwartet Franz von mir und Patti keine angemessene Mittelaltergewandung beim Spanferkelessen! Ganz zu schweigen von Schnabelschuhen oder Mittelalter-Make-up.
Dass er in seinem neuen Beruf eine Uniform tragen musste, war ihm nämlich schon genug der Kostümierung.
Donnerstag, 13.28 h
Nun war er auf dem Rückweg zu seinem Zelt. Unter der Kapuze versteckt sah Franziskus sich um: In den Zelten, Werkstätten und an den Holztischen herrschte ein geschäftiges nachmittägliches Treiben. Das Mittelalterfest von Zug war in vollem Gange.
Der Lederbeutel, der am Schwertgurt von Franziskus’ Hüfte baumelte und bei jedem Schritt gegen seinen Oberschenkel im groben Beinkleid schlug, war längst nicht mehr so prallvoll wie gestern Abend. Zum einen wegen des Bratapfelweins und des Hexenfeuers, zum andern weil er dem Fleyschhändler den Obolus für die Sau hatte entrichten müssen.
»Wie viele Taler bekommt Ihr, werte Maid?«, hatte er das Weib im Fleyschhandelskontor gefragt.
»Für das Schwyn reichen zehn Taler, guter Mann«, hatte sie geflötet, und Franziskus hatte ihr gleich – insgeheim staunend ob des günstigen Preises – zehn Taler aus dem Beutel gezahlt. »Für das Salz, den Pfeffer, die Kräutermischung aus Muskatnuss, Thymian, Kreuzkümmel, Rosmarin, Sellerie, Zwiebel und Knoblauch, womit du das Schwyn einreiben musst«, hatte die Maid ihm frech ins Gesicht gelacht, »bekomme ich allerdings nochmals zwanzig glänzende Taler dazu.«
Der heitere Umgang, den die Leute im Zeltlager miteinander pflegten, war es, was Franziskus in dieser Gesellschaft besonders mochte.
Er schnupperte abermals und beschleunigte seine Schritte. Dem Geruch nach zu urteilen, hatte es sich gelohnt, die Goldtaler aus dem Beutel zu opfern und etwas springen zu lassen. Man beging schließlich nur einmal das Wiegenfest seiner Liebsten auf dem Lagerplatz. Seine Frau Eva – Evalyna – wusste allerdings noch nichts vom Spanferkel, der Überraschung, die Franziskus für heute Abend anlässlich ihres Geburtstages geplant hatte.
Der Regen reinigte die Luft ein wenig vom Rauch, die Sicht wurde klarer, sodass er im Vorbeigehen Demetrius, den Bader, und seine schwangere Frau Hildegard an der Stadtmauer erkannte. Hildegard war an einem Tisch aus Eiche mit einem Mörser in einem Holztopf und allerlei Kräutlein zugange. Gerne hätte Franziskus ein paar Worte mit ihr gewechselt, doch er musste schleunigst zu seiner Sau.
Schnell ging er am Zelt des Eisenformers Mergothin vorbei. Er schauderte beim Anblick der scharfen Stichwaffen, Äxte und Schwerter, die an Lederriemen von den Holzverstrebungen des Zeltdaches herunterhingen. Sie wirkten genau so, wie Franziskus sich das sprichwörtliche Damoklesschwert vorstellte, das über einem schwebt.
Es muss die Faszination des Grauens sein, dachte er beim Anblick der blitzenden Waffen, und wäre beinahe über die Seile gestrauchelt, die vom Dach des Pavillons bis zum Boden reichten. Schmied Mergothin hatte sie mithilfe von kunstvoll geschmiedeten, fünfzehn Zentimeter langen Nägeln in den Erdboden gerammt.
Franziskus versuchte zu ignorieren, wie feucht sich seine Füße anfühlten.
Der Regen ließ nicht nach, und der Duft nach nassem Gras vermischte sich mit den rauchigen Dämpfen von allen Seiten her. Aufgrund der kühlfeuchten Luft glühten im ganzen Lager Feuer unter schwarzen Töpfen an Dreibein-Gestellen, wo berauschende Getränke gebraut und schmackhafte Eintöpfe zubereitet wurden. An diese eigentümlichen Gerüche, die über das Zeltlager zogen, gewöhnte man sich schnell. Sogar an die Ausdünstungen der Arbeit des Seifensieders, wo es mehr nach verbranntem Fell als nach Seife roch, hätte Franziskus sich allenfalls irgendwann gewöhnen können. Bloß an den einen Geruch gewöhnte Franziskus sich wohl nie: Er entströmte dem mit Kuhfellen verschlossenen Zeltlager eines buckligen Gesellen in gelber Kniebundhose, brauner Wollrobe und fuchsrotem Berserkerfell über den Schultern. Franziskus empfand den Geruch ungewohnt süßlich und beißend, und zum Glück musste er dort jetzt nicht vorbei. Das Zelt des Feurigen Baruch, wie es angeschrieben war, stand nämlich weit hinten, nahe der Baumgruppe, wo der Bach aus dem Berg floss. Nur bei Ostwind wehten die schlechten Gerüche zur Wiese hinüber, wo Franziskus sein Lager aufgeschlagen hatte.
Der grauhaarige Mann war fast am Ziel, er brauchte bloß dem würzigen Bratenduft zu folgen, der desto stärker wurde, je näher Franziskus dem Daheimpark kam. Die aufgespießte Sau hatte Fleyschhauer Flavinius’ Knecht heute in aller Frühe im großen Holzkarren zu Franziskus’ Kochzelt gebracht, als er selbst noch in den Fellen auf seinem Holzbett gelegen hatte. Im Halbschlaf hatte er nach dem Lederbeutel mit den Goldtalern gegriffen, dann aber beschlossen, dem Fleyschhauer Flavinius die Taler später vorbeizubringen, sobald die Sau am Drehspieß über der Glut briet. Das tat sie jetzt seit Stunden und verströmte einen unwiderstehlichen Duft, der Franziskus alles vergessen ließ: den Regen, sein feuchtkaltes Wollgewand, das nasse Schulterfell und seine durchnässten Stiefel. Zu groß war seine Vorfreude auf das knusprige Fleisch, dessen Fett aufs brennende Holz tropfte und dort zischend verglühte.
Donnerstag, 13.32 h
In seinem Zelt schob Franziskus die Kapuze vom Kopf, fuhr sich durchs feuchte Haar und trocknete Gesicht und Gewand am groben Baumwolltuch ab, das an einer Hanfschnur von der Decke hing. Sehnsüchtig warf er einen Blick auf die mit Schaffellen bedeckte Bettstatt. Gleich würde er Arnold ablösen, der während Franziskus’ Ausflug die ganze Zeit den Schweinebraten am Drehspieß bewegt hatte. Doch vorerst wollte er sich noch kurz hinlegen, er fühlte sich immer noch etwas schwindlig.
Auf der Hinterseite des Zeltes hörte er halbwüchsige Recken lautstark darüber streiten, ob Drachenblut sie unbesiegbar machen könne. Mit einem Schläfchen wäre bei diesem Lärm wohl nichts, entschied Franziskus und begab sich an die Kochstelle vor seinem Zelt, wo Arnold ihm gerne den Platz an der Kurbel überließ und sichtlich erlöst die Arme ausschüttelte.
Donnerstag, 14 h
Eva Brandenberg stand vor ihrem Schreibtisch im vierten Stock des Polizeikommandos von Zug und blickte versonnen auf einen übergroßen Blumenstrauß. Unübersehbar hatte er heute Morgen auf ihrem Pult gestanden. Gut gemeint ist bekanntlich oft das Gegenteil von gut, hatte sie gedacht. Nicht, dass ihr die Blumen nicht gefielen, sie waren wunderschön. Aber der zu üppige Strauß erinnerte sie an Bilder in der Gratulationsspalte der Gratiszeitung, auf denen der Stadtpräsident eine 95-jährige, »rüstig« wirkende Jubilarin im Altersheim besuchte und neben einem gigantischen Strauß medienwirksam ins Foto lachte.
Zwischen den Blumen auf ihrem Pult steckte noch immer das Kuvert von der Personalabteilung; Eva hatte es noch nicht geöffnet.
Es standen aber auch drei Flaschen ihres Lieblingsproseccos auf dem Pult und ein Briefumschlag, auf dem ihr Name in Beat Matullis Handschrift zu lesen war. Sie hatte ihn unverzüglich geöffnet. Es war eine Geburtstagskarte, die beim Aufklappen Musik machte.
»Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …«, trällerte ein elektronischer Chor fröhlich aus der Karte heraus. Als Eva die Karte erschrocken wieder zuklappte, verstummte der Chor augenblicklich, beim erneuten Aufklappen begann das Lied wieder von vorn. Neben gezeichneten, wild herumfliegenden Musiknoten und dem Text Hau heute auf die Pauke, das Leben ist zu kurz, um Trübsal zu blasen las sie eine handschriftliche Notiz:
Chille heute mal richtig und genieße den birthday!
Sorry, liebe Eva, aber für Dreiundsechzigjährige gabs leider keine passende Karte ☹.
Es gratulieren dir deine Kollegen vom vierten Stock: Beat, Dani, Janine, Pius, Dario, Petra, Stefan, Thomas, Vera, Roland, Lukas und Goran.
Die Unterschrift von Goran Voltic war allerdings mehr schlecht als recht von Beat Matulli imitiert worden, Goran hatte gestern und heute Morgen nämlich einen Kurs in Hitzkirch gehabt und war deshalb erst heute Mittag zurückgekommen, wie Eva wusste. Dass Goran Voltic beim Formulieren der Karte nicht dabei gewesen war, zeigte sich auch ganz klar daran, dass die Kollegen, die ja übrigens zu einem guten Drittel aus Kolleginnen bestanden, trendige Anglizismen wie chillen verwendet hatten. Goran wusste nämlich genau, wie sehr seine Chefin derlei Ausdrücke verabscheute.
Trotz des deprimierenden Umstands, dass sie an ihrem dreiundsechzigsten Geburtstag eine Karte für Sechsundsechzigjährige bekam, musste Eva etwas schmunzeln. Und zwar ob des Wortes »Kollegen«. Mit Beat Matulli und Daniel Novak, den Kriminaltechnikern, die an jedem Tatort zugegen waren, hatte sie ab und an zu tun, ebenso kannte sie natürlich IT-Spezialistin Janine Baumann von nebenan und überhaupt sämtliche Leute vom vierten Stock. Sowieso war das Zuger Polizeikorps überschaubar, man kannte einander, es war nicht wie in Zürich oder in Basel, wo Eva früher mal gearbeitet hatte. Dort bekam man den Chef höchst selten persönlich zu Gesicht, außer es gab etwas Unangenehmes zu bereinigen.
Sie alle, die auf dieser Karte unterschrieben hatten, waren also in der Tat Kolleginnen und Kollegen – aber Roland, nämlich Roland Zemp, war ganz sicher nicht ihr Kollege, sondern als Polizeikommandant vielmehr ihr Chef. Was er sie und das ganze Team auch gerne spüren ließ.
Nun, der handschriftliche Text auf der Karte war natürlich von Matulli, dieser Witzbold hatte sich typischerweise den Spaß erlaubt, weil er wusste, dass Zemp bestimmt nicht genau hinschaute, wenn er am Handy wieder ein wichtiges Gespräch führte. Und auch Lukas Giger, der Staatsanwalt, hatte unterschrieben, aber auch ihn konnte man nur schwerlich als Kollegen bezeichnen. Er, der STA, war bei jedem Fall die oberste Instanz, der sämtliche Ermittlungsschritte absegnen musste.
Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an? So ein Quatsch, dachte Eva und trat vor den Spiegel, der über dem kleinen Lavabo in ihrem Büro hing. Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre halblangen haselnussbraunen Naturlocken. Seit sie die Haare regelmäßig tönte, waren die grauen Strähnen weg, die sie unnötig alt wirken ließen. Aber was war mit der Haut? Prüfend betrachtete sie ihr Spiegelbild: War sie tatsächlich schon so alt, dass es auf die drei Jahre zwischen dreiundsechzig und sechsundsechzig nicht mehr ankam? Sollte sie vielleicht doch allmählich eine Gesichtsstraffung in Erwägung ziehen? Sie legte ihre Hände auf beide Wangen und zog die Haut etwas in Richtung Ohren. Kurz sah sie aus wie Donatella Versace. Wie Cher. Wie Nicole Kidman, wie Renée Zellweger, wie Megan Fox. Und wie ihre Nachbarin von oben. Und eigentlich auch diejenige von nebenan. Und wie sogar die sehr junge Frau im Coop an der Kasse.
Aber dennoch: Vielleicht sollte sie ihre Abneigung gegen kosmetische und chirurgische Eingriffe, die alle Frauen gleich aussehen ließen, langsam ablegen und ebenfalls etwas machen lassen? In den Straßen von Zug fühlte man sich ja allmählich als Exotin, wenn man nicht mit Botox in der Stirn, gestrafften Wangen oder einem entstellenden Duckface herumspazierte.
Hätte sie sich von ihrem Mann Franz eine Lippenaufspritzung mit Hyaluron zum Geburtstag wünschen sollen? Sie sah vor dem inneren Auge schon seine Reaktion: Er würde sich kaputtlachen ob des vermeintlichen Witzes. Ihr unkomplizierter und bodenständiger Franz wollte sie heute Abend mit einem Geburtstagsfest überraschen; sie solle sich warm anziehen, hatte er gesagt, und dies war bestimmt nicht im übertragenen Sinne gemeint. Denn für Anfang September war es ja ordentlich kühl. Und nass.
Ein Bling in der großen Handtasche an der Garderobe riss Eva aus ihrem Anblick im Spiegel.
Die WhatsApp-Nachricht zeigte ein Foto von zwei stolzen Eltern, die ihre neun Monate alte Tochter in die Luft hielten. Der rechte Daumen von allen zeigte nach oben, der vom Baby allerdings mithilfe des Vaters.
Häppy Day, liebe Eva, wir freuen uns auf den Abend! Dein Patenkind Ena mit Mami Patti und Papi Goran stand da, gefolgt von mehreren Herzchen, Champagnergläsern, Glücksklee, Kuchen mit Kerzen und allerlei anderen fröhlichen Emojis.
Diese Nachricht heiterte Eva blitzartig auf. Ach was, dachte sie, sie gehörte noch lange nicht zum alten Eisen! Schließlich hatte sie kürzlich zwei wichtige Mordfälle aufgeklärt, die sogar in die Kriminalromane Rötelsterben und Der Kirschtote Eingang gefunden hatten. Die Aufklärung beider Fälle war mit Goran Voltic zusammen gelungen, der unterdessen als diplomierter Polizist und frischgebackener Vater von Ena Fiona zur Zuger Polizei gehörte. Von diesen erfreulichen Gedanken und der eingegangenen Nachricht abgelenkt, griff Eva Brandenberg zum Kuvert, das im Blumenstrauß steckte.
Blumen auf der Vorderseite, gedruckte Großbuchstaben auf der Rückseite:
LIEBEFRAUBRANDENBERG
ZUIHREM63. GEBURTSTAGWÜNSCHENWIRIHNENGUTEGESUNDHEIT, ZUVERSICHTUNDKRAFT!
IHREZUGERPOLIZEI, ABTEILUNGHUMANRESOURCES
Der bunten Karte war ein vorgedruckter Brief beigelegt.
Geschätzte Mitarbeiterin,
liebe Frau Brandenberg
Es ist nie zu früh, sich mit der Pensionierung, die in nicht allzu weiter Ferne liegt, und den vielfältigen Herausforderungen des Lebens als Rentnerin zu beschäftigen.
Als Frau, die immer noch mit beiden Füßen im Leben steht, pflegen Sie bestimmt schon jetzt interessante Hobbys und vielfältige Interessen, die Ihnen dereinst den Übergang in ein Leben als Pensionierte erleichtern werden. Vielleicht singen Sie im Seniorenchor, besuchen einen Gartenkurs oder engagieren sich in einem gemeinnützigen Verein? Möglicherweise freuen Sie sich aufs E-Biken in der freien Natur oder aufs unbeschwerte Reisen in ferne Länder, oder Sie wünschen sich mehr Zeit für geselliges Zusammensein mit Freunden, Kindern und vielleicht auch Enkelkindern? Wir empfehlen Ihnen auf jeden Fall den Besuch des Kurses »Sorgenfrei in den dritten Lebensabschnitt« des kantonalen Personalamtes.
Für die Ihnen noch verbleibende Erwerbszeit wünschen wir Ihnen alles Gute.
Ihre HR der Zuger Polizei
Nach diesen zweifellos nur gut gemeinten Worten, dachte Eva, fehlt nur noch das Wort »rüstig«. Sie beschloss, für heute Schluss zu machen.
Donnerstag, 15 h
War das ein Gelächter! Das Publikum am Mittelalterfest klatschte den Rhythmus ausgelassen mit, als BardeBurkhard sein nächstes Lied auf der Leier anstimmte und mit kräftiger Stimme zu singen begann. Inmitten der Menge, viele hatten sich trotz des nasskühlen Wetters auf die Stufen des Stadtgartens gesetzt, wippte Franziskus mit und rief seiner Frau zu: »Prachtvolle Evalyna, wir stellen das Gefolge des Spielmanns!«
Eva Brandenberg warf einen Blick zu Goran Voltic und Patrizia Keiser, die neben ihr saßen. Goran mit den gewellten dunkelbraunen Haaren und den wachen Augen hatte die kleine Ena auf den Knien, die fasziniert den Musiker im Lederwams musterte, im Leinenbeinkleid und mit den zwei verschiedenfarbigen Schnabelschuhen. Patrizia, Enas Mutter, hatte einen athletischen Körper und trug die blonden Haare kurz, sodass man das Salamander-Tattoo auf dem Nacken deutlich sah. Das Nasenpiercing mit dem grünen Stein betonte ihre blaugrünen Augen.
Als die Leute – oder das Gefolge, wie Franziskus es nannte – merkten, dass Barde Burkhard eine satirische Mittelalterversion des Schlagers »Atemlos« von Helene Fischer zum Besten gab, war die Begeisterung noch größer.
Eva klatschte mit, allerdings ohne in die »Bravo!«-Rufe einzustimmen, denn sie hatte sich ihre Geburtstagsüberraschung etwas anders, sprich in einem etwas gemütlicherem Ambiente vorgestellt. Und vor allem etwas kulinarischer. Denn Franz Brandenberg war als ehemaliger, aus freien Stücken frühpensionierter Chefkoch für seine Künste bekannt. Obwohl Burkhard, der Barde, sie mit seiner frech-fröhlichen Fassung des Schlagers positiv überrascht hatte, war Eva erleichtert, als der Spielmann sein Publikum mit »Gehabt Euch wohl und behüt Euch Gott!« verabschiedete.
»Ähm«, begann Eva Brandenberg, »langsam habe ich ein bisschen Hunger, lieber Franziskus …«
Franz antwortete mit großer Geste, als ob er ein Theaterpublikum vor sich hätte: »Habt Geduld, oh holde Frouwe! Mich deucht, ich zeig’ Euch vorerst die mittelalterlichen Kramstände. Meine Geburtstagsüberraschung für Euch ist derweyl bei Arnold in guten Händen.«
Franziskus, jetzt ganz Winkelried des Mittelalterfestes, bahnte seinem Gefolge samt Kinderwagen den Weg durch die Menschenmenge. Es regnete nun nicht mehr, doch die Wolken hingen immer noch schwer am Himmel. Und die bunten Regenschirme, teils mit Werbeaufdrucken, die so gar nicht zum mittelalterlichen Ambiente gepasst hatten, waren mittlerweile eingeklappt worden.
Franziskus führte seine kleine Gesellschaft durch die Kirchenstrasse hinunter zur St.-Oswalds-Gasse und weiter auf den Burgbachplatz, wo ein handbetriebenes Holzkarussell die komplette Aufmerksamkeit der kleinen Ena auf sich zog.
Franz, dem begnadeten Laienschauspieler, machte es offensichtlich Spaß, eine pseudomittelalterliche Sprechweise anzuwenden. Er rief den Leuten hinter den Ständen zu: »Seid gegrüßt, edler Recke!« oder »Guten Tag, oh holdes Frowelyn!«
Hinter dem bestens gelaunten Franz versuchte Goran im hellblauen Parka, den leeren Kinderwagen durch die Massen zu lenken. Patti in der gelben Segeljacke trug Töchterchen Ena auf dem Arm und hielt die Linke beschützend über die Kleine, damit sie in der Menge kein Ellenbogen traf. Eva in ihrer grünen Allwetterjacke schien nicht ganz so guter Laune zu sein wie ihr Mann. Sie fror. Und sie hatte Hunger.
»Demetrius’ Wund- und Augensalbe«, las Goran laut vor, was mit Ochsengalle auf einem Buchenbrett geschrieben stand. »Hilft gegen alles!«
Franziskus’ Stimmung konnte das graue Wetter nichts mehr anhaben, jetzt wo seine Liebste Eva und deren Patenkind Ena Fiona bei ihm waren. Und natürlich auch Patrizia Keiser und Goran Voltic, Franz’ Wahlfamilie.
Seitdem die Kriminalkommissarin vor drei beziehungsweise vier Jahren mithilfe der inoffiziellen Unterstützung von Goran Voltic zwei Mordermittlungen erfolgreich zum Abschluss gebracht hatte, waren Eva Brandenberg und ihr Mann Franz der jungen Familie freundschaftlich verbunden. Eva war sogar die Patentante der kleinen Ena Fiona geworden. Und er, Franz, fühlte sich ein bisschen als Patenonkel und dritter Großvater der Kleinen.
Die richtigen Großeltern gab es auch, doch Patrizias Mutter Brigid Keiser war nach der Scheidung in die alte Heimat Irland zurückgekehrt, und Pattis Vater Peter arbeitete in Bern bei einer Versicherung und kam höchstens ab und an mal ein Wochenende nach Zug. Gorans Eltern, Erika und Josip Voltic-Moos, wohnten zurzeit probehalber in Kroatien. Gorans Großvater war vor Kurzem gestorben, und Gorans Mutter Erika leistete seiner Großmutter in Kroatien Gesellschaft und ging ihr zur Hand.
Gorans Eltern hatten ihr Haus am Höhenweg vorübergehend der jungen Familie zum Wohnen überlassen; im Tiefparterre gab es noch eine kleine Einliegerwohnung, in der die beiden bei ihren gelegentlichen Aufenthalten in Zug wohnten.
So wie gerade jetzt, Gorans Vater weilte für ein paar Wochen hier. Eben kam Josip mit seinem typischen sportlich-federndem Gang von Petrissas Taverne her. Wie üblich war der für sein Alter jugendlich wirkende Mann braun gebrannt, blendender Laune, und selbstverständlich steckte eine Zigarette zwischen seinen Lippen.
Seit der Geburt von Ena ärgerte sich nicht nur Goran über Josips Nikotinsucht, sondern auch Patrizia. Sie mochte Josip sehr, aber sie hätte sich für ihre Tochter lieber keinen kettenrauchenden Großvater gewünscht.
Donnerstag, 15.18 h
Josip hatte das Handy in Holzoptik am Ohr, als er die Fünfergruppe um Franziskus bemerkte. Schnell legte er auf und begrüßte dann zuerst seine Enkelin Ena mit einem übermütigen Zwicken in ihre Wange. Patrizia umarmte er zur Begrüßung, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Sie hustete demonstrativ, worauf Josip sich galant zu entschuldigen beeilte. Seinen Sohn Goran bedachte er mit einem väterlichen Schulterklopfen, Franz mit kollegialem Handschlag, und Eva erhielt einen galanten Handkuss: »Ewa«. Das E betonte Josip dabei absichtlich etwas zu AE-mäßig, und das V sprach er besonders weich als W. Eva lächelte verlegen und musste plötzlich sehr, sehr dringend die mittelalterliche Filzmütze auf Enas Kopf zurechtrücken, die sie dem Kind eben gekauft hatte.
»Sieh mal einer an«, meinte Josip in seinem ganz leicht kroatisch angehauchten Schweizerdeutsch lachend, »gleich zwei Vertreter der Zuger Polizei sind da – Frau Kriminalkommissarin Ewa Brandenberg und ihr dereinstiger Nachfolger Special Agent Goran Voltic. Wunderbar! Deren Präsenz an unserem Fest vermittelt dem Gelände die nötige Sicherheit!«
Eva ärgerte sich ein wenig und widersprach innerlich: So schnell, guter Josip, werde ich allerdings noch nicht abtreten! Heute schienen sich irgendwie alle auf ihre in ein paar Jahren anstehende Pensionierung eingeschossen zu haben. Außerdem, wusste Eva, war Josip Voltic genauso alt wie sie.
Typisch Vater, dachte Goran und warf Patrizia einen konspirativen Blick zu, wieder ganz der Übertreiber und Kommunikationsexperte. Er schafft es, jeder Situation etwas Medienwirksames abzugewinnen.
Patrizia wusste, dass Goran das konsequente PR-Gehabe seines Vaters peinlich war, heute wohl ganz besonders, denn schließlich waren Eva und er privat hier auf dem Mittelalterfest und nicht im Dienst! So würde es heute hoffentlich auch bleiben, dachte die junge Frau und zog ihren Freund eng an sich. Sie befanden sich nämlich nicht in einem Fernsehkrimi, in dem die Kommissare jeweils unversehens aus dem Privatleben herausgerissen und an einen blutüberströmten Tatort bestellt wurden!
Josip Voltic, der im flotten weißen Hemd und dem mittelalterlichen Umhang aus Rohseide kein bisschen zu frieren schien – im Gegenteil, er machte einen entspannten Eindruck –, steckte sich lässig eine neue Zigarette an und verabschiedete sich mit einem Kuss in die Luft, der an alle fünf gleichzeitig gerichtet war. Eva nahm diesen allerdings gerne etwas persönlicher. Nach der deprimierenden Senioren-Geburtstagskarte ihrer Kolleginnen und Kollegen war sie nämlich richtig dankbar für Josips galante Geste.
Die Pflicht rufe, als Kommunikationsverantwortlicher des Mittelalterfestes müsse er ein Vorstandsmitglied auf ein beschwichtigendes Presseinterview vorbereiten, meinte Josip. Es sei ja heute Morgen etwas … nun, ähem, eher Unerfreuliches im Pulverturm vorgefallen, schob er nach. Trotz der beunruhigenden Aussage winkte Voltic schon wieder lässig und zog mit dem Smartphone im Anschlag durch den Burggraben hindurch in Richtung Pulverturm davon.
Donnerstag, 15.30 h
Während Franz und sein Gefolge sich auf dem mittelalterlichen Festgelände vergnügten, war Emil Seindler auf der nassen Wiese beim Huwilerturm angekommen. Er las auf seinem Smartphone nochmals Franz’ Nachricht: Mein Lager findest du dort, wo Balduin und Heregrin sich im Pfeilbogenschießen messen. Folge dem Geruch des Spanferkels – es ist die Geburtstagsüberraschung für Eva ☺
In einer zweiten Nachricht hatte Franz nachgeschoben: Wenn du magst, kannst du heute Abend mitessen. Zieh dir was an, das als mittelalterlich durchgeht, keine knallrote Outdoorjacke ;-)
Emil Seindler hatte deshalb Franz zuliebe einen alten Wollmantel seines verstorbenen Vaters hervorgeholt. Die Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, roch unangenehm nach Mottenkugeln und Kellerfeuchtigkeit.
Der bärtige Fünfzigjährige war Vegetarier; er mochte zwar den Geruch von gebratenem Fleisch, bloß dem Geschmack konnte er nichts abgewinnen. Abgesehen davon war er als Mann der Kirche nicht nur ein Menschen-, sondern auch ein Tierfreund, den Anblick eines toten Schweins am Stück wollte er sich eigentlich ersparen. Ob er die Einladung zum Essen annehmen sollte, wollte er deshalb später entscheiden.
Der Eingang zu Franz’ Zeltlager lag zum Glück der Grillstelle abgewandt. Als Seindler den Kopf in das geräumige Zelt hineinsteckte, war es leer. Er spähte kurz hinters Zelt zur Kochstelle, wo ein Unbekannter in einem langen, dunklen Wildlederwams, braunen Wollhosen, Filzkappe und auffälligen Schuhen mit Knebelverschlüssen damit beschäftigt war, die Kurbel zu drehen und Bier aus einem irdenen Krug über das Spanferkel zu gießen. Seltsam, dachte er, hatte Franz nicht gesagt, er sei den ganzen Tag hier, da er auf den Schweinebraten aufpassen müsse?
Seindler begab sich in Franz’ Zelt zurück und beschloss, auf dem Holzhocker auf Franz Brandenberg zu warten, den er vom einen oder anderen Bier im Schlachtstübli in der Altgasse her kannte. Gemütlich war es hier in Franz’ Zelt und trocken, und die Schaffelle auf dem Stroh luden geradezu dazu ein, sich kurz hinzulegen.
Gerade als er dem Drang, sich hinzulegen, nachgeben wollte, trat ein Mann entschlossenen Schrittes ins Zelt. Er trug schwarze Halbschuhe, ein fleckiges Fell über den Schultern und eine blaue Knappenmütze.
»Sind Sie der Besitzer des Zeltes hier?«, fragte der Typ unwirsch. Seindler schüttelte den Kopf und wollte zu einer Erklärung anheben, nicht, dass man ihn am Ende für einen Einbrecher – in ein Zelt! – hielt. Doch der fremde Mann wiegelte Seindlers Versuch ab, er schien sich ohnehin mehr für die Umgebung zu interessieren als für den Gesprächspartner. Der Eindringling hastete im Zelt herum, befingerte die Zeltwände aus Leinenplanen, Wolldecken und Strohballen, klopfte prüfend auf Holzstangen und Holzkisten, rieb Schnüre zwischen Daumen und Zeigefinger, schnupperte an jedem einzelnen Fell und schüttelte dazwischen immer mal wieder den Kopf.
Als er auch noch ein brennendes Feuerzeug nahe an eine Wolldecke, ein krauses Fell und sogar unter das Zeltdach hielt, wurde es Emil zu bunt: »Soll ich dem Zeltherrn vielleicht etwas ausrichten?« Seindler fragte weniger aus Höflichkeit, sondern wollte dem seltsamen Treiben des Kerls ein Ende setzen.
Der Fremde zog einen Stift und eine Visitenkarte aus seiner kunstledernen Umhängetasche und kritzelte ein paar Worte auf die Karte, die er dann wortlos, ja vorwurfsvoll auf Franz’ Schlaflager knallte. Kurz darauf war er auch schon grußlos verschwunden.
Emil Seindler erhob sich und las, was auf die Karte gedruckt war.
Frederik Förry, Chef der Brandsicherheitsabteilung, daneben eine Telefonnummer. Darunter stand in kleinen, krakeligen Buchstaben: »Unbedingt unverzüglich anrufen!«
Donnerstag, 15.42 h
Weder vom Besuch des unfreundlichen Brandsicherheitsbeauftragten namens Förry in seinem Zelt noch von Seindler hatte Franz etwas mitbekommen. Franziskus, seine Frau Eva und die kleine befreundete Familie mit dem Kinderwagen ließen sich treiben, kauften im Burggraben wohlriechende Holzkugeln, schauten dem Kürschner der Fellerey bei der Arbeit zu, passierten ein Rundzelt mit einem riesigen Geweih, das auf einem Holzpfahl festgebunden war. Das Geweih markierte den Eingang zur rauchgeschwärzten Behausung des Tierpräparators Lambertus. »Hilft gegen Blitzschlag«, erklärte der Furcht einflößende Mann mit dem Glasauge am Zelteingang.
So schlimm wurde das Wetter hoffentlich nicht wieder, dass es gewitterte, es hatte sich ja etwas beruhigt, hoffte Franziskus. Ihm machte das starrende Glasauge des Tierpräparators keine Angst, aber die kleine Ena auf Patrizias Arm begann bei Lambertus’ Anblick sofort zu weinen. Auch die ausgestopften Tiere wirkten gruselig. Bevor die Kleine auch noch deswegen verängstigt wurde, fragte Franz: »Soll ich der edlen Gesellschaft einen Gerstensaft kredenzen? Wohlan, lasst uns die Schritte gen Schenke lenken!«
Eva lachte laut auf, sie liebte Franz’ dramatisches Wesen.
Auf dem Weg zur Schenke zum durstigen Ritter versuchte Franz zu vermeiden, dass Patrizia und Goran rechts am Stand von Mergothin die blitzblanken Schwerter, Dolche und Schutzhelme sahen. Keine Waffen! Kein Plastik! Keinerlei Junkfood! Das war die Einstellung der frischgebackenen Eltern.
Zum Glück entdeckten sie links Korbinian, den Korbmacher, der inmitten von Korbwaren in allen erdenklichen Größen und Formen seine Weidenruten in einem riesigen Holzfass einweichte, und daneben einen Falken, der unbeweglich auf einer Stange saß. »Sehet her, da zochet sich eyner eynen Falken«, rezitierte Franz einen mittelhochdeutschen Lyriker.
Der Raubvogel drehte ihm den Kopf mit dem hakenförmigen Schnabel und den dunklen Augen zu. Ena zuckte zusammen und drückte ihr Stoffeichhörnchen eng an sich.
Doch Franz streichelte ihr sofort die Wange: »Keyne Angst, holdes Kind, der Vogel ist bestimmt gezamet und liäb.«
In der Ferne waren Klänge zu hören. Musikanten schlugen große Trommeln, deren Töne dumpf vom Burgbachplatz hinüberhallten: Bumm, bubumm, bumm, bubumm … Die Kriminalkommissarin in Eva stellte sich unwillkürlich vor, wie gut man einen Gewehr- oder Pistolenschuss mit dem Geräusch von Trommeln übertönen konnte, hütete sich aber, den Gedanken zu äußern; Franz hätte sie nur wieder damit gefoppt, sie würde der Déformation professionnelle anheimfallen. Dennoch wandte Eva den Blick kurz zu Goran, um zu prüfen, ob ihm wohl etwas Ähnliches durch den Kopf ging.
Doch Goran Voltic war vollkommen damit beschäftigt, die kleine Ena in den Kinderwagen zu setzen und diesen über den holprigen, noch nassen Kiesweg zur Schenke zu manövrieren.
Vom nahen Pulverturm schallten die Fanfaren der Turmbläser. Es war Punkt 16 Uhr.
Donnerstag, 17.30 h
Auf den vom Regen feuchten Holzböcken hatten sie zu viert mit Honigwein auf Eva Brandenbergs Geburtstag angestoßen. Es war ordentlich laut gewesen in der Schenke zum durstigen Ritter im Erdgeschoss des Huwilerturms, doch trotz all des Getöses war die kleine Ena in ihrem Kinderwagen eingeschlafen.
Nach einer zweiten Runde Met hatten sich Patrizia, Goran, Eva und Franz mit Ena dann gut gelaunt zu Franziskus’ Zelt begeben, das keine fünfzig Meter entfernt im Park stand.
Nun saßen alle leicht angesäuselt und mit vom kühlen Wetter und Alkohol geröteten Wangen am Feuer, wo die Sau an ihrem Spieß briet. Auch Arnold, ein Trader und somit Franz’ ehemaliger Arbeitskollege bei der Rohstoffhandelsfirma Luritix, war mit dabei.
Im Gegensatz zu Eva, Patrizia und Goran, die ihre Alltagskleidung trugen, war Arnold aufs Konsequenteste mittelalterlich gekleidet: Er hatte offensichtlich viel Geld im Mittelalter-Onlineshop für seine Kostümierung ausgegeben. Unter einem Wildlederwams, das ihm bis zu den Knien reichte und mit kunstvoll geschmiedeten Verschlüssen sowie allerlei bunten Bordüren verziert war, trug er ein beiges Leinenhemd, um den Hals hing eine dicke Kette mit einer Löwenkopf-Plakette. Auf dem Kopf des Rohstoffhändlers prangte eine bordeauxrote Filzkappe mit hellem Fellrand, die nach Edelmann aussah und bestimmt teuer gewesen war.
Arnold stieß jetzt mit seinem Bierkrug so schwungvoll mit Eva auf deren Geburtstag an, dass ein ordentlicher Schluck über seine exklusiven Knebelverschluss-Schuhe lief. Er schnalzte ärgerlich mit der Zunge und rannte zum nahen Bach, um die Bierflecken zu entfernen.
Franz schnitt eben mit einem scharfen Messer ein Stück der knusprigen Schweinehaut ab, als es in seinem Hüftbeutel piepste. Peinlich berührt vom in diesem Umfeld unpassenden Ton, griff Franz hastig zum Handy und sah die Textnachricht von Emil Seindler: Danke für die Einladung. Schaffe es leider nicht. E Guete, lg.
Nun, stattdessen konnte Arnold mitessen, dachte Franz und wollte ihm gleich auf einer Holzgabel ein mundgerechtes Stück Spanferkel zum Probieren reichen. Doch Arnold
