ZUM VERBRECHEN VERFÜHRT - Douglas Rutherford - E-Book

ZUM VERBRECHEN VERFÜHRT E-Book

Douglas Rutherford

0,0

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Monatelang hat Wilfrid Crispin seinen großen Coup vorbereitet. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Doch im entscheidenden Augenblick macht ihm Linda Campbell einen Strich durch die Rechnung! Sollte die Polizei erfahren, was Linda gesehen hat, ist Crispin geliefert. Also muss das Mädchen verschwinden...   Der Roman ZUM VERBRECHEN VERFÜHRT von Douglas Rutherford (* 15. Oktober 1915; † 29. April 1988) erschien erstmals im Jahr 1968; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 290

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



 

 

 

 

DOUGLAS RUTHERFORD

 

 

Zum Verbrechen verführt

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 247

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

ZUM VERBRECHEN VERFÜHRT 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Monatelang hat Wilfrid Crispin seinen großen Coup vorbereitet. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Doch im entscheidenden Augenblick macht ihm Linda Campbell einen Strich durch die Rechnung!

Sollte die Polizei erfahren, was Linda gesehen hat, ist Crispin geliefert. Also muss das Mädchen verschwinden...

 

Der Roman Zum Verbrechen verführt von Douglas Rutherford (* 15. Oktober 1915; † 29. April 1988) erschien erstmals im Jahr 1968; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

  ZUM VERBRECHEN VERFÜHRT

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Im vergangenen Jahr sind allein im Amtsbereich der Londoner Metropolitan Police 46.731 Automobile abhandengekommen. Das bedeutet, dass durchschnittlich alle zehn Minuten pro Tag ein Autodiebstahl geschieht. In den letzten Jahren hat sich der Autodiebstahl in Großbritannien zum lukrativsten und bestorganisierten Geschäft der Verbrecherwelt entwickelt. Die Tätigkeit hat solche Formen angenommen, dass Scotland Yard sich gezwungen sah, eine Sonderabteilung zu schaffen, die sich allein mit Autodiebstählen befasst. Diese Abteilung heißt Stolen Motor Vehicle Investigation Branch und wird bei der Polizei kurz C 10 genannt. Von den insgesamt 46.731 gestohlenen Wagen wurden 38.148 innerhalb eines Monats sichergestellt. Damit bleibt immer noch eine Zahl von 7.583 gestohlenen Wagen, nach denen weiter gefahndet werden muss.

Natürlich ist das Verschwinden all dieser Fahrzeuge nicht immer auf ein Verbrechen zurückzuführen. Sehr häufig stellt sich heraus, dass die Anzeige übereilt erstattet wurde. Es kommt nicht selten vor, dass der erboste Haushaltsvorstand, nachdem, er die Polizei eingeschaltet hat, erfahren muss, dass sein Wagen einfach von einem Familienmitglied benutzt wurde, das es nicht für nötig hielt, Bescheid zu geben. Viele Autos werden von Jugendlichen ausgeliehen, die kurzerhand eine Spritztour in einem Fahrzeug unternehmen, dessen unvorsichtiger Eigentümer die Zündschlüssel hat steckenlassen. Doch an die zwanzig Fahrzeuge pro Tag werden von organisierten Banden gestohlen. Sie werden von Fachleuten, die sich aufs Autoknacken verstehen, von ihrem Parkplatz entfernt und in ein sicheres Versteck gebracht. Dort verändert man mit Spezialwerkzeugen ihre wesentlichen Merkmale, um sie später mit gefälschten Papieren wieder auf den Markt zu bringen.

Zur kleinsten Gruppe gehören jene Fälle, bei denen ein Fahrzeug gestohlen wird, um bei der Durchführung eines Verbrechens benutzt zu werden.

Linda Campbell konnte nicht wissen, dass der Diebstahl, den sie beobachtet hatte, in diese Kategorie fiel.

Linda wohnte am Burnham Crescent Nummer 192, im Haus ihrer verwitweten Tante Jane. Burnham Crescent lag in einer jener Gegenden, wo der Grundstückswert ständig sank. Der nahegelegene Waverley Bahnhof war eine Haltestelle für die Vorortzüge der Piccadilly-Linie. Sein Parkplatz war zu klein geworden für die vielen Fahrzeuge der Pendler, die hier allmorgendlich ihre Autos abstellten, um mit dem Zug in die Innenstadt zu fahren. Wer zu spät kam und auf dem Parkplatz keine Lücke mehr fand, stellte seinen Wagen einfach in einer der anliegenden Straßen ab.

Als die Reihenhäuser in den zwanziger Jahren erbaut worden waren, hatte der Immobilienmakler sie als Oasen der Ruhe und des Friedens in einem Vorortbezirk fern der Großstadt angepriesen. Jetzt mussten die Bewohner, die früh zu Bett gehen wollten, sich Watte in die Ohren stopfen, um vom Krach knallender Wagentüren und vom Aufheulen der Automotoren verschont zu werden.

Lindas Tante Jane allerdings brauchte sich mit diesem Problem nicht herumzuschlagen. Sie war so schwerhörig, dass ihr der Lärm nicht zusetzte. Doch sie hatte ein schwaches Herz. Die Treppen machten ihr zu schaffen. Ein ebenerdiges Haus wäre für sie viel besser gewesen, doch der arme Fred hatte im Erdgeschoss einfach nicht schlafen können, und als er starb, hatte er ihr die Hypothek hinterlassen. Sie dankte ihrem Schicksal, dass Linda zu ihr gezogen war.

Und Linda war durchaus einverstanden damit. Sie hatte beschlossen, ihr Kind zur Welt zu bringen und entgegen allen wohlgemeinten Ratschlägen allein für das Baby zu sorgen. Nicht, weil sie Desmond Carter noch immer liebte - sie würde niemals vergessen, wie blitzartig seine Liebe für sie abgekühlt war, als sie ihm gesagt hatte, dass sie ein Kind erwartete -, sondern weil ihr Stolz es nicht anders zuließ. Mit achtzehn Jahren ledige Mutter - das war für Mr. und Mrs. Campbell, strenggläubige schottische Presbyterianer, unfassbar. Linda hatte gespürt, dass ihr Verzeihen nicht aus dem Herzen kam. Tante Jane mit ihrem banalen Kommentar hatte sich merkwürdigerweise am verständnisvollsten gezeigt. »Mein Gott, Kind«, hatte sie gemeint. »Das ist nun mal der natürliche Lauf der Dinge, nicht wahr?«

Linda zog also zu Tante Jane und führte ihr den Haushalt, und dafür nahm Tante Jane ihr den zweijährigen Jeremy ab, wenn sie ihrer Arbeit im Krankenhaus nachging oder mit Freunden etwas unternahm.

Linda hatte gern junge Männer um sich. Sie war sehr kritisch, aber sie konnte es sich leisten. Nicht ihr Gesicht war das Anziehende an ihr, sondern ihre anmutige Figur und ihr lebhaftes Naturell. Ihr Mund war etwas zu groß, ihre Nase war vielleicht eine Spur zu flach, und ihre Augen waren etwas schräggestellt. Doch es war schon mehrmals vorgekommen, dass ein Autofahrer krachend auf der Stoßstange seines Vordermannes gelandet war, weil er diesem grazilen Mädchen mit dem schwingenden, leichtfüßigen Gang zu lange nachgeblickt hatte. Lindas Haar war dunkel und voll. Sie trug es kurz, weil das bei der Arbeit praktischer war.

Vor diesem Haus am Burnham Crescent 192 parkte Mr. Graham Wantage eines schönen Abends im späten August seinen liebevoll gepflegten Ford Cortina. Er lächelte und nickte Linda zu, die vom Bahnhof her auf das Haus zueilte. Sie gönnte ihm keinen Blick. Alle Bewohner von Burnham Crescent betrachteten die Autofahrer, die die ruhige Straße zu einem Massenparkplatz degradierten, als ihre Erzfeinde.

Doch eine Stunde später, als sie in ihrem Zimmer saß und sich zurechtmachte, erinnerte sie sich des freundlichen Lächelns. Ihr Toilettentisch stand übereck, links vom Fenster. Sie konnte direkt auf die Straße hinunterblicken. Sie wollte gerade den Augenbrauenstift zur Hand nehmen, als ein metallisches Geräusch von der Straße her ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Zwei Männer machten sich an dem Ford Cortina zu schaffen. Der eine hatte sich hinter das Steuer gesetzt. Der andere stand seitlich am Wagen und machte sich am Motor zu schaffen. Keiner von beiden war der Mann, der ihr begegnet war und der so gewissenhaft geprüft hatte, ob der Wagen auch verschlossen war.

Ihr Herz tat einen Sprung. Vielleicht handelte es sich hier um einen Wagendiebstahl? Man las jetzt so häufig darüber. Sie konnte nicht einfach hier sitzen bleiben und die Hände in den Schoß legen.

Sie hatte sich bereits ausgezogen. Doch sie brauchte nur Se- künden, um in eine lange Hose und einen Pullover zu schlüpfen. Als sie durch den Flur eilte, sah sie Tante Jane besorgt von ihrem Lehnstuhl im Wohnzimmer aufstehen.

»Du vergisst doch mein Abendessen nicht, Kind?«

»Nein, nein, Tante Jane.« Sie blieb einen Moment stehen. »Ich bin gleich wieder da.«

Als sie auf die Straße hinaustrat, fühlte sie sich nicht mehr ganz so sicher. Die beiden Männer waren sehr anständig gekleidet. Sie machten gar nicht den Eindruck von Autodieben. Der Motor lief, und die Kühlerhaube war geschlossen. Sie saßen beide auf dem Vordersitz, bereit, den Ford aus der engen Parklücke auf die Straße hinauszusteuern.

»Entschuldigen Sie.« Linda nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat zum Fenster auf der Beifahrerseite. »Ist das Ihr Wagen?«

Der Mann fuhr herum. Sie blickte ihm genau in die Augen. Es waren tiefblaue Augen, doch die schwarzen Pupillen wirkten unnatürlich groß, und einen Moment lang hatte sie das befremdende Gefühl, als blickte sie direkt in einen schwarzen, leeren Raum in seinem Schädel.

Dann verzog sich das Gesicht zu einem gewinnenden Lächeln, und plötzlich war der Mann ganz die Verkörperung des gewandten Weltmanns, bei dem jede Regung seiner Züge kontrolliert und wohl einstudiert ist. An seinen Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen. Sie fand ihn beinahe gutaussehend, doch irgendwie wirkte das fleischige Gesicht verlebt.

»Ja«, erwiderte der Mann. »Tut mir leid, dass wir Ihren Parkplatz mit Beschlag belegt haben. Es ist wirklich eine Schande, dass man nirgends seinen Wagen abstellen kann. Der Parkplatz war überfüllt.«

Stimme und Tonfall klangen beinahe geziert. Linda gefiel diese Art zu sprechen überhaupt nicht. Es klang fast herablassend.

»Nein, das ist es nicht. Hier stehen immer Autos. Wir haben uns schon damit abgefunden. Ich habe nur zufällig die Person gesehen, die den Wagen hier abstellte.«

Einen Augenblick lang war es still. Linda wich dem Blick des Mannes aus. Sie sah an ihm vorbei auf den Mann, der hinter dem Steuer saß. Er war wesentlich jünger und hatte ein langes, mageres Gesicht - ein wenig blass und ein wenig pickelig. Er wirkte unfertig und verwundbar. Er hatte sie unverwandt angestarrt und dabei selbstvergessen auf dem Nagel seines Mittelfingers gekaut. Als er jetzt ihren Blick auf sich fühlte, wandte er seine Augen ab. Röte breitete sich auf seinem Gesicht aus. Im Grunde genommen noch ein halbes Kind, fand Linda, die, über ihr Alter reif, alle Männer unter fünfundzwanzig so einschätzte.

»Sehr aufmerksam von Ihnen«, sagte der ältere Mann mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Sarkasmus. »Sie meinen Mr. Rowlands?«

»Ich kenne seinen Namen nicht«, versetzte Linda zögernd. Sie war jetzt ein wenig unsicher. »Ein jüngerer Mann, ungefähr dreißig, würde ich sagen.«

»Das ist er«, erwiderte der Mann prompt. »Er ist allerdings schon über die Dreißig hinweg, aber das würde man ihm nie ansehen. Er fühlte sich plötzlich nicht wohl und bat uns, seinen Wagen hier abzuholen.«

Er stieß den jüngeren Mann mit dem Ellbogen an. Dieser schaltete daraufhin den Rückwärtsgang ein und stieß ein Stück zurück.

»Das muss aber sehr plötzlich gekommen sein.« Linda musste ihre Stimme erheben, um sich über das Brummen des Motors verständlich zu machen. »Es ist bestimmt noch keine Stunde her, seit er hier war.«

Sekundenlang verzerrte das Zucken eines Muskels in der linken Wange das Lächeln des Mannes. Dann richteten sich die leeren blauen Augen wieder auf sie.

»Sie sind wirklich eine aufmerksame junge Dame. Wohnen Sie hier?«     

»Ja. Das ist das Haus meiner Tante.«

Sie nickte in Richtung auf das Fenster, wo ein goldbrauner Schäferhund mit aufgerichteten Ohren saß. Der Vorhang klaffte einen Spalt, und sie konnte Tante Jane sehen, die neugierig und besorgt herausspähte.

Seine Augen schweiften rasch an ihr vorüber zu der Hausnummer, die auf der Glasscheibe in der Tür leuchtete.

»Sie sind doch wohl nicht zufällig eine Polizeibeamtin außer Dienst?«

Sein Lächeln wurde breiter in dem Bemühen, aus der argwöhnischen Frage einen Scherz zu machen.

»Oh, Sie finden mich wohl aufdringlich?«

»Aber nein. Nein, gar nicht. Im Gegenteil, ich finde das sehr lobenswert von Ihnen. Dort vorn, ungefähr zweihundert Meter weiter, steht übrigens mein Jaguar. Wir sahen Robins - ich meine Mr. Rowlands’ Wagen, als wir hier vorüberkamen.«

»Ach so.«

Die selbstsichere Stimme klang überzeugend.

»Also - wir müssen uns jetzt auf den Weg machen. Wir haben versprochen, uns zu beeilen.«

Der Ford zwängte sich aus der engen Parklücke.

»Und was wird aus Ihrem Wagen?«, rief Linda mit einem letzten Anflug von Zweifel. »Wollen Sie den hierlassen?«

Die Antwort wurde vom Aufheulen des Motors verschluckt. Mit rascher Fahrt schoss der Wagen davon. Der Junge am Steuer drehte sich noch einmal kurz um und warf ihr einen flüchtigen, sehr merkwürdigen Blick zu. Er wirkte fast ein wenig verschreckt.

Linda stand am Bordstein und blickte dem Wagen nach, dessen rechtes Blinklicht in regelmäßigen Abständen aufflammte. Sie konnte das seltsame Gefühl nicht unterdrücken, das der Zwischenfall in ihr hatte wach werden lassen. Sie war überzeugt, dass sie die Sache falsch angefasst hatte. Doch irgendetwas hatte hier nicht gestimmt. Würde die Polizei sie auslachen, wenn sie anrief, um über den Vorfall zu berichten?

Dann erscholl aus dem Haus plötzlich ein durchdringender Schrei, und sie rannte hinein, um nachzusehen, was, um alles in der Welt, Jeremy jetzt wieder angestellt hatte.

 

Es war fast elf Uhr zwanzig abends, als Mr. Graham Wantage zu dem Ort zurückkehrte, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Ais er feststellte, dass das Fahrzeug verschwunden war-, klopfte er an die Tür von Nummer 192 und fragte, ob er die Polizei anrufen könnte, um den Diebstahl zu melden.

Linda erklärte den Beamten am Telefon, dass sie eine Beschreibung der Diebe geben könnte, falls dies von Nutzen sein sollte. Der Constable dankte ihr und versetzte, man würde sich später mit ihr in Verbindung setzen. Seinen Vorschriften gemäß gab er die Nummer des gestohlenen Fahrzeugs an die Zentrale weiter, und von dort wurde sie, zusammen mit einem Dutzend anderer Kennzeichen, an alle Reviere weitergeleitet.

Gegen zwei Uhr morgens entdeckte der Polizeibeamte, der in der Aldwych Road Streife ging, einen verlassenen Ford Cortina am Straßenrand. Er verglich die Nummer mit den Kennzeichen auf seiner Liste. Dann trat er näher und besah sich aufmerksam den rechten vorderen Kotflügel. Er war leicht eingedrückt und wies eine Spur einer klebrigen, noch feuchten Flüssigkeit auf.

In Windeseile schoss er zur nächsten Telefonzelle und setzte sich mit dem zuständigen Revier in Verbindung.

»Sergeant«, berichtete er aufgeregt. »Ich glaube, ich hab’ den Wagen gefunden. Ich meine den Tatwagen, der in dieser Mordsache gesucht wird.«

Kaum eine Stunde später stellte die Telefonzentrale von Scotland Yard die Verbindung mit dem Teilnehmer am Burnham Crescent 192 her. Man wollte eine Beschreibung der beiden Männer, die den Wagen am Abend gestohlen hatten. Doch man kam einige Stunden zu spät. Das Mädchen war spurlos verschwunden.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Ich möchte nicht, dass jemand glaubt, ich wollte mit diesem Bericht die Schuld von mir abwälzen und auf Crisp schieben - Mr. Wilfrid Crispin, wie er mit vollem Namen heißt. Ich möchte nur, dass die Leute erfahren, was wirklich geschehen ist. Nach den Zeitungen hätte man ja meinen können, wir wären die reinsten Ungeheuer. Dabei hatten wir nie die Absicht, irgendjemandem etwas Ernstes anzutun. Wir hatten alles so sorgfältig geplant, aber dann ging einfach eins nach dem anderen schief, und uns blieb gar nichts anderes übrig, als das zu tun, was wir taten. Was Linda Campbell zugestoßen ist, tut mir ehrlich leid, aber auch in ihrem Fall hatten wir keine Wahl, wir wurden von den Ereignissen dazu gezwungen.

Die ganze Geschichte begann an einem Tag im März. Ich hatte vor kurzem erst meinen zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und hatte seit meinem Abgang von der Schule die siebente Stellung angetreten. Diesmal war ich überzeugt, dass ich meine wahre Berufung gefunden hätte. Als Autohändler verdiente man wirklich gut. Ich war im Juni des vergangenen Jahres bei Simpsons Gebrauchtwagenhandel angestellt worden. Den ganzen Sommer hindurch hatte das Geschäft floriert, und ich hatte von meinen Provisionszahlungen so viel Geld auf die hohe Kante gelegt, dass ich jetzt mit einem kleinen Triumph Spitfire liebäugelte.

Inzwischen war es März geworden. Auf dem Automarkt rührte sich immer noch nicht viel. Doch an diesem Morgen spürte ich es direkt in den Knochen, dass ich einen unserer Wagen verkaufen würde. Das ist ein Instinkt, der jedem wahren Verkäufer mitgegeben ist. Die Luft war frisch und herb, der Himmel leuchtete blau, und die blitzblank geputzten Autos, die auf dem Parkplatz aufgereiht standen, funkelten in der Sonne. An so einem Tag würde sich vielleicht doch ein Kunde hierher verirren.

Simpson und ich hatten im Büro eine Zigarette geraucht. Er war ein unglaublich eitler Bursche, Junggeselle, ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, mit ölig glattem Haar und einem bleistiftschmalen Bärtchen über der Oberlippe. Er fühlte sich als unwiderstehlicher Herzensbrecher und erzählte mir von irgendeiner üppigen Blondine, die er am Abend vorher angeblich vernascht hatte. Wir drückten gerade unsere Zigaretten aus, als ich einen Mann draußen stehenbleiben sah. Er betrachtete einen Alvis, der noch vor dem Krieg gebaut worden war.

Der Wagen stand schon seit Juli da und wartete auf einen Käufer. Ich brauchte keine fünf Sekunden, um mich zwischen den dicht nebeneinanderstehenden Wagen hindurchzuzwängen.

»Haben Sie einen Wunsch, Sir?«

Der Mann warf mir einen Blick zu, aus dem leichte Belustigung und Gleichgültigkeit sprachen. Doch blitzartig änderte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht. Er starrte mich an, als zermarterte er sich das Gehirn, wo er mich früher schon einmal gesehen hätte. Dann schüttelte er ganz leicht den Kopf und vertiefte sich wieder in die Betrachtung des Alvis.

»Nein«, sagte er. »Das ausgediente Vehikel hat nur alte Erinnerungen wachgerufen. Ich hatte einmal einen ähnlichen Wagen. Das ist lange her.«

Ich glaube, dass mir schon in diesem Moment klar wurde, wie sehr ich mir wünschte, mich so ausdrücken zu können wie dieser gutgekleidete Fremde. Sein Akzent und sein Tonfall ließen einen sofort an die teuren Läden in der Bond Street denken, an exklusive Hotels und Hemden aus der Jermyn Street. Sechs Jahre Arbeit in untergeordneten Stellungen hatten mich gelehrt, was Stimme und Tonfall bewirken können. Wenn ich es jemals fertigbringen würde, so zu sprechen, wäre ich ein gemachter Mann.

»Der Wagen ist in sehr gutem Zustande, Sir. Hundertzwanzigtausend Kilometer - und der Motor hält bestimmt das Doppelte aus.«

»Hm. Und wie oft wurde das Tachometer auf Null zurückgedreht?«

Seine Stimme drückte genau das richtige Maß an Ironie aus.

»Möchten Sie nicht eine Probefahrt machen, Sir?«

»Nein. Kabrioletts sind für junge Leute. Aber trotzdem vielen Dank.«

Der Kunde musterte mich noch immer nachdenklich, ohne jedoch dabei aufdringlich zu wirken. Er schien beinahe mehr Interesse für den Verkäufer zu haben als für den Wagen. Wie es in meinem Fernkurs-Lehrbuch geheißen hatte: Häufig bewirkt weniger der Verkaufsgegenstand selbst als vielmehr der Verkäufer, der ihn vorführt, eine Minderung des Kaufwiderstands im Kunden. Ich wüsste jetzt, dass mein neuer Anzug die Kapitalanlage gelohnt hatte.

»Vielleicht eine Limousine?«

Jetzt kam es darauf an, ihn nicht von der Angel zu lassen, ihn daran zu hindern, mit einem höflichen Wort die Unterhaltung abzubrechen und zu verschwinden.

»Jetzt ist die richtige Jahreszeit, um einen Wagen zu kaufen. Wir haben einige Modelle ganz erheblich herabgesetzt.«

Er blickte an mir vorbei, und ich konnte sehen, wie seine Augen über die Wagenreihen schweiften.

»Der Morris dort drüben«, bemerkte er schließlich. »Was soll der denn kosten?«

Ich wusste natürlich, von welchem Wagen er sprach, aber ich drehte mich dennoch um und folgte mit dem Blick dem ausgestreckten Zeigefinger.

»Der grüne? Ja, das wäre ein günstiger Kauf. Der Motor ist sehr gut instand, aber die Karosserie braucht eine neue Lackierung. Deswegen stoßen wir den Wagen so billig ab. Er ist natürlich von der Zulassungsstelle geprüft.«

»Wieviel?«

»Hundertfünfundzwanzig«, erwiderte ich fest.

Er warf mir einen skeptischen Blick zu, und mir wurde klar, dass ich von Glück reden konnte, wenn ich ihm überhaupt einen Wagen andrehen konnte. Jeder, der früher einmal einen Alvis-Sportwagen besessen hatte, musste etwas von Autos verstehen, und er sah sowieso nicht so aus, als würde er sich leicht beschwatzen lassen.

Ich schätzte ihn auf ungefähr vierzig oder fünfzig Jahre. Die ganze Zeit hatte ich darüber nachgedacht, woran er mich erinnerte. Plötzlich fiel es mir ein. Er sah aus, als wäre er eben dem Mode-Teil einer Männerzeitschrift entstiegen. Sie wissen schon, der tadellos gekleidete Herr mit leicht ergrauten Schläfen, einem gepflegten Bärtchen und einem wohlproportionierten, elastischen Körper. Er trug einen ziemlich kurzen Kamelhaarmantel, eine kleinkarierte Hose ohne Aufschlag und in genau der richtigen Weite, und dazu beige Wildlederschuhe. Natürlich war er nicht mehr der Jüngste, aber mir machte er ganz den Eindruck, als könnte er es zum Beispiel auf der Judomatte noch jederzeit mit einem jüngeren Gegner aufnehmen. Auf jeden Fall gehörte er bestimmt nicht zu der Klasse Autofahrer, die in einem klapperigen alten Morris durch die Gegend schaukelt. Ich war direkt enttäuscht, als er mich aufforderte, den- Wagen zu einer Probefahrt fertigzumachen.

Ich schraubte die provisorischen Nummernschilder fest und steuerte das widerwillige Gefährt einmal um den Block.

»Gut«, meinte er. »Ich nehme den Wagen, vorausgesetzt, dass Sie die Steuern für die nächsten vier Monate übernehmen.«

Behutsam fuhr er sich mit der Hand über das wellige Haar, als wollte er sich vergewissern, dass jedes Härchen am richtigen Fleck war.

Ich bemühte mich, meine Überraschung nicht zu zeigen. Er war um den Wagen herumgegangen und hatte nicht einmal die Papiere zu sehen verlangt. Der Form halber begann ich zu feilsehen, sagte, ich müsste die Sache erst mit Mr. Simpson besprechen und so weiter. Doch schließlich wurde der Handel abgeschlossen. Er reichte mir die Anzahlung von zehn Pfund, ich notierte seinen Namen und seine Adresse, versprach, den Wagen bei der Steuer anzumelden und versichern zu lassen, damit er ihn am folgenden Morgen abholen könnte. Die Zahlung sollte in bar erfolgen.

Der Morris 1000 stand am Bordstein, als am folgenden Morgen um elf Uhr Mr. Crispin erschien, um ihn in Empfang zu nehmen. Er zählte den Restbetrag in Fünf-Pfund-Noten auf den Tisch, und Simpson gab ihm seine Quittung.

Dann begleitete ich ihn zum Wagen und redete eifrig auf ihn ein, um ihn von Fragen nach technischen Details abzuhalten. Ich wollte nicht in letzter Minute noch auf Hindernisse stoßen. Er nahm den Zündschlüssel von mir entgegen.

»Sehr schön. Das wär’s also.«

»Ja. Der Wagen gehört jetzt Ihnen...«

»Okay. Steigen Sie ein. Ich fahre Sie ein Stück spazieren.«

»Tut mir leid. Keine Zeit.« Jetzt konnte ich es mir leisten, die Maske verbindlicher Geduld fallenzulassen. Der Kauf war abgeschlossen, und ich hatte meine Provision in der Tasche. »Ich muss zurück an die Arbeit.«

»Sie fahren mit mir.«

Einen Moment lang war ich beinahe verblüfft. Sein Tonfall klang jetzt ganz anders. Die leicht herablassende Art des Mannes von Welt war verschwunden. Er fuhr mich an wie ein Feldwebel. »Sonst fahr’ ich diese Blechkiste zum nächsten Polizeirevier und erstatte Anzeige gegen Sie.«

Ich hatte schon früher mit verärgerten Kunden zu tun gehabt. Fast bei jedem Gebrauchtwagen gibt es etwas zu bemängeln. Aber die meisten Kunden merken das erst, wenn sie das Fahrzeug schon eine Weile in Gebrauch gehabt haben. Und dann kann man ihnen leicht weismachen, dass sie selbst den Schaden verursacht haben.

»Das versteh’ ich nicht. Sie haben den Wagen doch gerade gekauft. Wenn Sie unzufrieden sind, warum haben Sie dann bezahlt?«

»Wollen Sie darauf die Antwort wissen?«, fragte er mich in etwas gemäßigterem Ton.

Der Ausdruck in seinen Augen war schwer zu deuten. Es waren tiefblaue Augen, und wenn man ihrem Blick begegnete, war es, als durchführe einen ein elektrischer Schock.

»Natürlich.«

»Dann steigen Sie ein. Wir fahren zum Royal Stag und trinken zusammen ein Bier. Vorausgesetzt, dass wir mit diesem Vehikel so weit kommen.«

»Ich rede lieber erst mal mit Mr. Simpson...«

»Vergessen Sie Ihren Mr. Simpson. Mit dem werden Sie sowieso nicht mehr viel zu tun haben.«

Es war nicht allein seine gebieterische Art, die mich veranlasste, in den Wagen zu steigen. Mir sagte ein Gefühl, dass hinter dieser Sache mehr steckte, als auf den ersten Blick ersichtlich war. Mr. Crispin machte mir ganz den Eindruck, als hätte er etwas in petto. Mein Interesse war erwacht, und ich war neugierig geworden. Ich wusste, dass ich es weit würde bringen können, wenn es mir jemals gelingen sollte, so zu sprechen wie er und mich so zu kleiden wie er.

Das Royal Stag war eines jener Gasthäuser aus der viktorianischen Zeit, an denen das Resopal-Zeitalter spurlos vorübergegangen ist. Crispin bestellte zwei helle Bier und trug sie in den düstersten Winkel des Gastraums.

»Prost.« Er kniff ein Auge zu und blickte in das Glas. Dann hob er es hoch und führte es zum Mund.

»Also...« Crispin beugte sich über den Tisch. Er hatte eine Art, einen zu fixieren, die es einem schwermachte, seinem Blick auszuweichen. »Sie halten sich wohl für einen gerissenen kleinen Gauner, was?«

Ich stellte mein Bierglas nieder. Innerlich erstarrte ich. Meine Hände verbarg ich unter dem Tisch, damit er nicht sehen konnte, wie sie sich zu Fäusten ballten. Mir war, als hätte mich plötzlich Schwäche überkommen, doch das stimmte nicht. Jemand hatte mir den Vorgang einmal erklärt. Es bedeutet, dass der menschliche Körper mit einem primitiven Instinkt reagiert und sich auf den Angriff vorbereitet. Von frühester Kindheit an hatte ich lernen müssen, meine Gefühle zu beherrschen. Deshalb saß ich auch jetzt ganz still da und sah ihn an, mit dem Gefühl, dass ein riesiger Abgrund uns trennte.

»Sie haben mir einen Wagen verkauft, der auf den Autofriedhof gehört. Drei der Reifen sind völlig abgefahren, das Steuerrad hat viel zu viel Spiel, die Hinterachse ist kurz vor dem Zusammenbruch, und die Elektroinstallation ist so nachlässig geflickt, dass man jeden Moment mit einem Feuer rechnen muss.«

»Sind Sie vielleicht vom Technischen Überwachungsverein?«

Die Worte waren mir entschlüpft, ehe ich sie recht bedacht hatte. Es war natürlich ein völlig unlogischer Gedanke.

»Nein. Doch als Steuerzahler und Bürger kann ich mich zum Schutz vor Leuten Ihres Schlags auf Recht und Gesetz berufen. Sie wissen doch wohl, dass es ungesetzlich ist, ein Automobil zu verkaufen, das den Vorschriften der Zulassungsstelle nicht entspricht?«

Meine Gedanken rasten. Ich fragte mich, ob dieser seltsame Mensch womöglich von der Polizei war - ein Kriminalbeamter in Zivil vielleicht.

»Ich weiß von diesen Mängeln nichts«, erklärte ich. »Ich bin nur angestellt, um die Wagen zu verkaufen. Mr. Simpson lässt sie in unserer Werkstatt alle gründlich überprüfen. Sprechen Sie doch mit ihm selbst. Vielleicht erklärt er sich bereit, den Wagen zurückzunehmen und Ihnen Ihr Geld wiederzugeben.«

Crispin hatte sein Glas gehoben. Wieder war in seinem Gesicht eine Wandlung vorgegangen. Jetzt musterte er mich mit dem mir schon bekannten Ausdruck leichter Belustigung. Seine Mundwinkel zuckten.

»Seien Sie doch nicht so vernagelt. Der Wagen interessiert mich gar nicht. Sie sind es, der mich interessiert.«

Ich betrachtete ihn aufmerksam, während er einen Schluck Bier nahm. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen. Da steckte etwas dahinter.

»Ihnen ist doch wahrscheinlich aufgefallen, dass ich Sie mir gestern recht genau angesehen habe. Sie haben nämlich eine unheimliche Ähnlichkeit mit meinem jüngeren Bruder. Das gleiche lockige, blonde Haar, die gleiche sommersprossige Stirn, die freche Spitznase und dieses draufgängerische Lächeln.«

»Ihr jüngerer Bruder?«

Mir schien das etwas sonderbar. Crispin musste mindestens zwanzig Jahre älter sein als ich.

»Ja, er wurde 1940 über dem Kanal abgeschossen.«

»Ach so.«

Das war es also. Der Alvis und die Erinnerung an den jüngeren Bruder. Und deswegen hatte ich womöglich die Provision für einen Verkauf eingebüßt, den ich inzwischen hätte machen können.

Während ich schweigend dasaß, neigte sich Crispin leicht zur Seite und holte ein goldenes Zigarettenetui aus der Tasche. Er ließ es aufschnappen und hielt es mir hin. Ungelenk nahm ich mir eine Zigarette. Sie trugen keine Markenbezeichnung, nur die Initialen R.W.C. . Er knipste sein goldenes Feuerzeug an und reichte mir Feuer. Ich schluckte eine Riesenladung Rauch und konnte nur mit Mühe einen Hustenanfall unterdrücken. Das Wasser stieg mir in die Augen.

»Ich habe versucht, Ihr Alter zu erraten«, bemerkte Crispin. Er hatte den Rauch des schweren türkischen Tabaks mit Wohlbehagen eingesogen.

»Ich bin vierundzwanzig.«

Ich nannte ihm mein Alter im gleichen Tonfall, wie ich ihm den Preis des Morris genannt hatte. Und ich empfing dafür den gleichen skeptischen Blick.

»Sie möchten wohl gern wie vierundzwanzig aussehen«, stellte er fest.

»Mr. Crispin, ich habe keine Ahnung, was Sie von mir wollen. Sie haben mir ein paar recht unerfreuliche Dinge gesagt. Wenn Sie wirklich wegen des Wagens, den wir Ihnen verkauft haben, Anzeige erstatten wollen, dann kann ich Sie nicht daran hindern. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen...«

Ich musste beim Sprechen lauter geworden sein. Ein pickeliger Jüngling, der einen wollenen Schal dreimal um den Hals geschlungen hatte, drehte sich nach uns um.

»Moment!«, unterbrach Crispin. »Bleiben Sie auf dem Teppich. Ist Ihnen der Gedanke gekommen, dass es für mich unter Umständen von Bedeutung sein kann, Ihr wahres Alter zu wissen? Dass ich vielleicht auch noch verschiedene andere Dinge über Sie erfahren möchte?«

»Von Bedeutung? In welcher Hinsicht?«

Crispin zögerte. Sein Blick wanderte von der Zigarette in seiner Hand zu mir und wieder zurück zum rotglühenden Ende der Zigarette.

»Ich glaube, Sie sind der Mann, den ich gesucht habe, der Mann, den ich brauche, um einen großangelegten Plan durchzuführen.«

Er drückte sich so vorsichtig aus, sprach so ernst, dass mir klar war, dass es sich nicht um einen Scherz handelte. Er hatte offenbar tatsächlich einen besonderen Plan. Eine Welle der Erregung stieg in mir auf.

»Wollen Sie ein Geschäft mit mir machen?«

Im Autohandel habe ich eines gelernt: Man darf den Kunden nie merken lassen, dass man erpicht darauf ist, ein Geschäft abzuschließen. Und wenn man sich selbst verkaufen will, ist das auch nicht viel anders als ein Wagen verkauf.

»Möglich«, versetzte er vorsichtig. »Erst müsste ich Ihnen einige Fragen stellen.«

»Schießen Sie los. Stellen Sie Ihre Fragen. Ich werde sehen, ob ich sie beantworten kann.«

»Ich möchte aber wahrheitsgemäße Antworten. Sonst ist kein Geschäft zu machen.«

»Versteht sich. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich jede Frage beantworten werde. Ich hab’ Sie schließlich noch nie zuvor gesehen.«

»Sie heißen Manning, nicht wahr?«

»Ja. Jerry Manning.«

Ein alter Mann hatte »die Schwingtür des Lokals auf gestoßen und schlurfte auf wackeligen Beinen zur Bar. Er trug einen langen schwarzen Mantel, einen blau-weiß-rot gestreiften Wollschal und einen schwarzen Hut, dessen Krempe rundherum aufgeschlagen war. Sein Gesicht legte sich in tausend Fältchen, als er lächelte und seine bebrillten Augen der gutmütig aussehenden Frau mittleren Alters zuwandte, die hinter der Theke bediente. Er sagte gar nichts.

»Das Übliche?«, fragte sie freundlich.

Er nickte, und sie schenkte ihm ein Glas Sherry ein.

Crispin beugte sich weit über den Tisch und stellte mit leiser Stimme seine Fragen.

»Fangen wir mit Ihrem wahren Alter an. Also?«

-Ich bin zweiundzwanzig.«

»So ist es besser. Wo sind Sie geboren?«

»Nicht weit von hier. In Hammersmith, wenn Sie’s ganz genau wissen wollen?«

»Geschwister?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Eine große Familie also?«

Ich starrte an ihm vorbei auf ein Schild über der Bar, auf dem die Getränkepreise verzeichnet standen. Ich war das fünfte Kind meiner Mutter gewesen, und sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass meine Ankunft zu den unwillkommensten Ereignissen ihres Lebens gehörte.

»Ja. Fünf Kinder. Ich war der Jüngste.«

Irgendetwas in meinem Ton musste Crispin gewarnt haben. Ich spürte, wie er mich forschend anblickte.

»Was für einen Beruf hat Ihr Vater?«, fragte er dann.

»Keine Ahnung. Der zog Leine, noch ehe ich meine ersten Zähne bekam.« Crispin hatte nicht lange gebraucht, meinen wunden Punkt zu finden. Jedes Mal, wenn ich an das alles dachte, fing irgendetwas in mir zu schwelen an. Ich bemühte mich sogleich, den Ausbruch zu vertuschen. »Man kann ihm ja eigentlich auch keinen Vorwurf machen. Fred war öfter im Haus als er.«

»Fred?«

»Mutters Hausfreund. Er zog zu uns, gleich nachdem mein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte.«

»Aha.« Die Bemerkung klang, als hätte Crispin eine Ahnung, wie es bei mir zu Hause zugegangen sein musste. »Aber Ihre Mutter blieb. Und Fred wurde für Sie und Ihre Geschwister eine Art Pflegevater?«

»Ja, so könnte man es nennen.«

»Wie kamen Sie in der Schule vorwärts?«

Ich zuckte die Achseln. Das Wort Schule beschwor die Erinnerung an den Geruch öder Klassenzimmer, an lange, düstere Gänge, an den durchdringenden Geruch der Toiletten herauf. Es rief die Erinnerung wach an die Zeiten, als man tun musste, was andere Leute einem befahlen, ganz gleich, ob man Lust dazu hatte oder nicht, an die Lehrer, die nichts weiter im Sinn zu haben schienen als einem nachzuweisen, dass man entweder ein Schwachkopf war oder ein nichtsnutziges Früchtchen.

»Mit der Schule hab’ ich mich nicht befreunden können.«

»Das wundert mich. Ein aufgeweckter Junge wie Sie hätte da doch eigentlich keine Schwierigkeiten haben sollen.«

Es war merkwürdig - jetzt, wo er angefangen hatte, seine Fragen zu stellen, machte es mir gar nichts aus, sie zu beantworten. Bis zu diesem Tag hatte kein Mensch Interesse für mich aufgebracht, um mich nach meinem Werdegang zu fragen.

»Ich war froh, als ich das hinter mir hatte. War doch reine Zeitverschwendung.«

Als ich das sagte, wurde mir plötzlich klar, dass das ungerecht war - zumindest einigen meiner alten Lehrer gegenüber. Der Zeichenlehrer mit den lebhaft glänzenden Augen und dem rabenschwarzen Bart, zum Beispiel, hatte immer viel von mir gehalten. »Du hast echtes Talent«, hatte er eines Tages zu mir gesagt, als eines meiner Bilder einen Preis gewonnen hatte. »Wenn du dir Mühe geben würdest, könntest du es weit bringen. Du hast die Beobachtungsgabe, die ein guter Maler braucht, und du hast das Gedächtnis für das Detail. Aber zuerst musst du lernen zu zeichnen. Das ist die Grundlage.« Ich lernte das Zeichnen nie.

Auch der Turnlehrer war immer sehr zufrieden mit mir. Am meisten setzte sich jedoch der Englischlehrer für die Weiterentwicklung meiner Geistesgaben ein. Er bot alle seine Überredungskünste auf, um mir klarzumachen, wie vorteilhaft es für mich wäre, noch ein paar Jahre länger die Schulbank zu drücken. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund bildete er sich ein, ich hätte schriftstellerisches Talent. »Orthographie?« pflegte er zu sagen. »Das ist doch völlig nebensächlich! Konnte Edmund Spencer vielleicht rechtschreiben? Lies mal seine Bücher, dann wirst du’s sehen. Jeder kleine Beamte und Schreiberling kennt seine Rechtschreibregeln. Aber wer kann schon in bildhafter Sprache das satte Rot der Rose preisen? Na?« Er war wirklich ein bisschen plemplem, der gute Alte.

»Sie gingen also sobald als möglich von der Schule ab?«, fragte Crispin.

»Ja, ich wollte Geld verdienen. Das war wichtig. Solange ich nicht mein eigenes Geld hatte, war ich an zu Hause gebunden. Damals hatte ich nur ein Ziel - ich wollte aus Hammersmith weg.«

»Sind Sie mit Ihrer Mutter oder Ihren Geschwistern noch in Verbindung?«

Ich blickte Crispin ins Gesicht. Seine Stimme verriet mir, dass diese Frage ihm wichtiger war als alle anderen. Ich sah vereinzelte weiße Haare im sandigen Braun seines Schnurrbarts, und seine Koteletten waren nicht gleich lang. Er rasierte sich morgens wahrscheinlich bei schlechtem Licht.

Ich schüttelte den Kopf.

»Als ich einmal von zu Hause weg war, hab’ ich alle Brücken hinter mir abgebrochen«, erklärte ich. »Diesen Teil meines Lebens würde ich am liebsten ganz vergessen.«

Die Antwort befriedigte ihn offensichtlich. Er nahm sich eine neue Zigarette aus seinem teuren Etui. Mir fielen die gut manikürten Fingernägel auf, und ich merkte, dass er sich auf seine gepflegten Hände etwas einbildete.

»Sie wollten also Geld verdienen?«, meinte er. »Was für eine Stellung nahmen Sie an?«

»Ich hab’s nirgends lange ausgehalten. Sobald sich etwas Besseres bot, wechselte ich. Zum Glück war ich für mein Alter groß und kräftig. Kein Mensch stellte Fragen, wenn ich mich ein paar Jahre älter machte, als ich wirklich war. Am besten hat's mir bei dem Schrotthändler gefallen, bei dem ich eine Zeitlang gearbeitet habe. Da hab’ ich fünfzehn Pfund in der Woche verdient. Aber die Stellung hatte keine Aussichten.«

»Was haben Sie denn für Pläne? Haben Sie für die Zukunft bestimmte Vorstellungen?«

»Ich glaube, ich habe Verkaufstalent. Im Autogeschäft kann man ganz gut vorwärtskommen, wenn man vom Verkauf etwas versteht. Bei Simpson werde ich nicht mehr lange bleiben. Aber ich muss sagen, dass er mir eine Menge beigebracht hat.«