Zündels Abgang - Markus Werner - E-Book

Zündels Abgang E-Book

Markus Werner

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Zündel, der Held, Mitte dreißig, verheiratet, spürt in sich wie eine schleichende Infektion das Existenzzernagende des Lebensalltags. Gegen Katastrophen könnte man sich aufbäumen, was aber hilft noch gegen die kleinen und umso dreisteren Alltagsattacken, gegen die abgeklärte Robustheit des Normalen. Als die großen Ferien da sind und ihn nichts mehr hält, entfernt sich Zündel. Der Versuch einer Reise nach Griechenland scheitert, ein erneuter Anlauf bringt ihn bis Genua. Was ihm dort zustößt, ist nur noch für den Leser zum Lachen. Zündel will nicht mehr und geht ab.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 148

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Markus Werner

Zündels Abgang

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Zum Warmwerden lag allem [...]123456789101112131415161718192021222324

Zum Warmwerden lag allem Anschein nach keine Ursache vor.

Robert Walser

1

Schöne Kindheit im Warenhaus. Abhanden gekommen das einzig Vertraute, untergetaucht in neonhellen Schluchten. Der Kleine, in Tränen aufgelöst und ohne Fassung wimmernd: Mama, Mama. – Wie immer viel Helferwille, Ersatzhände, vom Kinde abgeschüttelt, es rennt umher und schreit. Wird irgendwo hinter bunten Kulissen erhört: Da kommt sie, die Mama, das Kind ihr entgegen mit erhitztem Gesichtlein, verweint, doch erlöst, und sie läßt sich nieder vor ihm, breitet die Arme aus und schlägt zu, links rechts, links rechts, und zischt und schmäht.

 

Und Zündel? Zündel, ganz in der Nähe, schaut wie die andern zu, sieht jetzt, wie das Kind bleich wird und zu würgen beginnt. O blankes Parkett. Doch Mamas Hände haben sich schon zu einer Schale geformt, groß genug, den violetten Brei zu fassen. Da steht sie, blickt mutlos umher, die Handballen zusammengepreßt, und eine gequält schnuppernde Zeugenschaft dreht die Körper ab. Nun springt Zündel vor, bietet seine leere Plastiktragtasche an. In die hinein platscht stockend das Erbrochene.

 

Ein Verräter bin ich, ein Gaffer mit Faust im Sack. Windig. Gehandelt hab ich zwar, stimmt, ich regte mich, zu spät und falsch. Ein Nothelfer dieser Mama: Getilgt seien die Spuren ihrer Tat, denn sie stinken zum Himmel. Gott, das hätte jeder getan, das mit der Plastiktüte, ein Reflex! Verdient ein Spontanakt Luchsaugen, du galanter Assistent? Gewiß, immer. Späh doch: Wir schlachten nicht, wir reichen dem Metzger das Handtuch, nachher. Kein Reflex, solange das Beil geschwungen wird. Spitz die Ohren: Was klickt ein, was schnappt ein? Nichts. Warum? Man könnte sich verletzen, heilige Einfalt. Eben, dachte Zündel, kehrte sich auf den Bauch, schämte sich, schlief ein.

 

Erwachte nach Mitternacht. Schluchzen im Nebenzimmer. Dann eine ruhige Männerstimme. Ende des Schluchzens. Statt dessen: Der Schrank, der neben Zündels Bett an der Wand steht, beginnt zu vibrieren. Zündel denkt: Entweder-Oder. Lauscht widerwillig. – Si si, amore, dai dai dai! trällert die Frau, dann wird es still im Hotel.

 

Zündel aber war jetzt wach, machte Licht, stand auf und besah sein Gesicht im winzigen Spiegel über dem Lavabo. Ich bin eitel und gefalle mir trotzdem nicht, dachte er. Ich will auch in diesem Raum eine Spur hinterlassen, ein Zeichen setzen, ein verborgenes. Er hängte ein Bild der Jungfrau Maria ab, kehrte es um und schrieb auf die Rückseite: Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein. J. S. Mill 1861.

 

Das war in Ancona, Italien.

 

Zwanzig Minuten vor Abfahrt der Fähre von Ancona nach Patras, Griechenland, verlor Zündel seinen Stiftzahn (Erster Schneidezahn oder Schaufel). Er hatte sich in der engen Viererkabine bereits installiert, hatte aus Verlegenheit eben die beiden Männer, die bei seinem Eintritt auf einer der unteren Pritschen saßen, gefragt, woher sie kämen (Where do you come from?), als, noch bevor sie hatten antworten können, sein Zahn aus ihm herausfuhr und zu Boden schlug. Bestürzung, Entsetzen und Scham überfluteten Zündel. – From Bümpliz near Berne in Switzerland, sagten die beiden gleichzeitig, als läge ihm jetzt – angesichts dieser Heimsuchung – noch das geringste an ihrer gründlichen Auskunft. Zwar nickte er anerkennend, obwohl selber nicht etwa Japaner, sondern ebenfalls Schweizer, dachte aber nur: Mit einer Zahnlücke reise ich nicht.

 

Wenig später schob sich die Fähre mit arroganter Gemächlichkeit ins braune Meer. Zündel stand am Ufer. Er hatte dem zuständigen Schiffspersonal in glaubwürdiger Panik erklärt, er sei kein Passagier, sondern habe nur seine Braut in die Kabine begleitet und dort das Tuten überhört, worauf ein paar Matrosen den Steg eigens für ihn nochmals hatten ausfahren lassen.

So weltfremd bin ich gar nicht. Ich kann lügen. Ich bin tauglich.

 

Zündel stand am Ufer und dachte: Vielleicht nimmt mein Dasein jetzt einen andern Lauf? Vielleicht wär ich in Griechenland ertrunken? Unter einen Bus gekommen? Vielleicht hätte ich aber auch die Frau meines Lebens getroffen, auf dem Schiff oder im Land der Griechen? Meine Ehe wäre – Gott bewahre – gesprengt worden, eine Existenzwende hätte sich angebahnt und aufgedrängt. Nun aber bleibt alles beim alten.

 

Fast besitzergreifend zwängt sich Zündels Zungenspitze in die noch fremde, fleischigweiche Schneise. Merkwürdig, wie ein plötzlich fehlender Schneidezahn den Horizont verengt. Und wie er einem Menschen das Gefühl geben kann, Weltmittelpunkt zu sein. Daß nicht jedermann ihn anstiert, fällt ihm zu glauben schwer, und sagte ein Freund ihm jetzt das, was Zündel sich selbst einredet: nämlich, es gebe auf Erden wichtigeres Elend, so würde er antworten: Arschloch.

Wirklich, der Intakte hat gut Sprüche klopfen. Sobald ihm die Haare ausfallen, pfeift auch er vorübergehend auf den Hunger in der Dritten Welt. Sobald ein Furunkel an seiner Wange wuchert, ist der ihm einstweilen näher als die Arbeiterklasse. – Wie war das damals mit Albert, der Zündel gegenüber einmal behauptet hatte, sein soziales Gewissen gebiete ihm einfach – ob er wolle oder nicht, ob er gesund sei oder krank –, täglich mindestens ein Flugblatt zu verteilen? Am Weihnachtsabend hatte sich Albert zur Freude seiner kleinen Neffen ein Gummiband straff um die Nase gewickelt, so daß diese sehr rot und knollenartig aus dem Gesicht loderte. Vielleicht fünf, höchstens zehn Minuten lang. Am andern Morgen war Alberts Nase ein blaugrüner Bluterguß. Albert blieb für rund vierzehn Tage zu Hause und erklärte seinen Genossen telefonisch, er befinde sich in einer Phase theoretischer Besinnung.

Also.

 

Aber etwas essen möchte Zündel nun doch. Dann ein Hotel suchen. Dann schlafen. Planen erst morgen.

Du vin rouge ou blanc? fragte der Kellner, obwohl Zündel seine Speisen auf italienisch bestellt hatte. Blanc, sagte er und bekam Roten. Das Fleisch war knorplig.

Hat Zündel in einem Gasthaus je reklamiert? Einen fehlerhaften Wein, ein blutiges Schweinsschnitzel beanstandet oder gar zurückgewiesen? Nie! Vor dreizehn Jahren hatte Zündel in Sardinien – eingeschüchtert durch die familiäre Atmosphäre der Pension – einen von kleinen weißen Maden wimmelnden Schafskäse zur Hälfte aufgegessen. Zwar wurde ihm damals die Problematik anständigen Verhaltens zum ersten Mal bewußt, aber nennenswerte Folgen zeitigte das Erlebnis nicht.

Kellner sind ja arme Teufel. Doch Hotelportiers! Die müßte man in Stücke reißen. Ihre Künste sind ausgereift. Fahr in eine Stadt, in der ein Bekannter wohnt, der dir Nachtquartier zusichert. Abends – spät, damit die Chance klein ist – geh dort in ein Hotel, frag nach einem Zimmer. Du bekommst es. Du bekommst eines, auch wenn die Stadt vor lauter Messen aus den Nähten platzt. Du bekommst das Zimmer, weil der Kerl an der Rezeption dir anriecht, daß du auf sein Zimmer nicht angewiesen bist. Umgekehrt: Du bist abgespannt, erledigt, zu allen Konzessionen hinsichtlich Zimmerkomfort (nach oben und unten) bereit. Nur nicht mehr lange suchen! Du kommst ins Hotel. Wirst gemustert. Wirst berochen. Wirst abgewiesen. Nicht weil du staubig bist, nicht weil alle Betten belegt wären. Sondern weil der Kerl an der Rezeption dir anriecht, daß du auf Gnade hoffst.

 

Seltsamerweise dachte Zündel erst nach der fünften Abweisung daran, daß es die Zahnlücke sein könnte, die ihn so gar nicht empfahl. Natürlich. Wie ärmlich das aussieht, wie verlottert, wie schwachsinnig wohl auch.

Jedenfalls ist hier nicht mit Menschlichkeit zu rechnen. Zum Bahnhof, zum Bahnhof.

 

Im Morgengrauen, kurz vor Mailand, taumelte Zündel verknittert zum WC. Ich bewege mich, der Zug bewegt sich, die Erde bewegt sich, und doch fehlt mir alle Beschwingtheit. Zündel pfiff. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Zündel dachte an seine Frau und an jenen Arzt, den er sich gesichtslos, aber stämmig vorstellte. Magda war Krankenschwester gewesen und er für kurze Zeit ihr erster Richtiger. Hartmut hieß dieser Typ, und der segelte und sie mit ihm.

Auf dem halbrunden Schiebeschild an der WC-Tür stand: Occupato. Zum Zeichen, daß jemand wartete, drückte Zündel die Klinke. Die Tür ging auf, Zündel erschrak. Die Toilette war leer. Aber auf dem Boden, zwischen Klosett und Papierkorb direkt an der Wand, lag ein Finger. Zündel bückte sich ungläubig. Es war ein Menschenfinger, gelblich, verkrustet mit schwarzem Blut, der Nagel blau. Sofort spürte Zündel, daß er dieser Entdeckung nicht gewachsen war. Als er sich aufrichtete, erblickte er im Papierkorb eine Brieftasche. Er starrte sie an. Dann griff er nach einer Zigarette, gab ihr Feuer und dachte: Keep cool, boy. – Er nahm die Brieftasche aus dem Papierkorb. Es war seine, es war Zündels Brieftasche.

Dann quietschten die Bremsen. Mailand.

 

Ein Dutzend Fahrgäste stand Schlange im Büro der Mailänder Bahnpolizei. Lauter im Nachtzug Bestohlene. Handtaschen, Brieftaschen, Aktentaschen. Von Finger nichts. Die Frauen schnatterten, die Männer blickten gekränkt. Es waren fast nur ausländische Touristen, Deutsche und Schweizer. Zündel wartete. Mehrmals rief der Herr, der an der Reihe war, dem Beamten seine Personalien zu: Hummelbauer Detlev aus Tauberbischofsheim. – Der Beamte hatte Mühe, diese Angaben zu protokollieren. – Umalbao? fragte er unsicher zurück. – Nein, Hummelbauer, herrgottsakrament! schrie der Deutsche. Analphabeten und Diebe! – Der Italiener verstand gar nichts, aber Zündel zitterte. Gerade wollte er Herrn Hummelbauer um Anstand bitten (wollte er wirklich?), da sagte einer der Schweizer zu seiner Frau: Emmi, hast du das gehört! Gut gegeben! Der Mann läßt sich nicht auf die Kappe scheißen!

 

Rasch verließ Zündel den Polizeiposten. Er fand, wenn er nicht den Schneid habe, diese fetten, bösen Menschen zurechtzuweisen, wolle er darauf verzichten, den Diebstahl seiner zweitausend Franken anzuzeigen.

2

Beleuchter stehen im Schatten. Chronisten bleiben blaß. Die farbenfrohe Krawatte des Protokollführers mag Anklang finden, ins Protokoll gehört sie nicht.

Wenn ich – oder eine Spur genauer: wenn ich, Viktor Busch, jetzt vortrete, mich einschalte, so nur, um jenen Menschen, die mit moderner Skepsis fragen, wer denn hier so mancherlei über Zündel wisse, zu erklären: Ich kenne Aufzeichnungen Zündels, ich kenne mündliche Berichte Zündels, und ich kenne (kannte) Konrad Zündel selbst recht gut – bei allen Einschränkungen, die üblich und vielleicht fällig sind, wenn von ›kennen‹ die Rede ist. Ich hatte ihn gern. Dabei verehre (verehrte) ich ihn so wenig wie er sich. Im Gegenteil. Zu oft war und ist meine Haltung Konrads Leben gegenüber die gleiche wie seine eigene, nämlich eine fatal kommentierende.

 

So bekannt mir also die Quellen sind, so wenig Lust verspüre ich, jeder Aussage von und über Zündel eine Fußnote aufzupfropfen: Dieses fand sich in seinen Notizen, jenes erzählte er mir, dieses weiß ich von Drittpersonen, jenes ahne ich nur. Verpflichtet zu solcher Pedanterie, verlöre ich den Mut, mich meinem Freund zu nähern.

 

Ein Wort noch zu Zündels ›Notizen‹. Daß er schrieb, wußte ich, und daß er sich dafür schämte, war spürbar. Einmal traute ich mich, ihn zu fragen, was er denn schreibe. Konrad sagte (und jetzt zum Beispiel referiere ich nur sinngemäß, nicht wörtlich): Nichts, nichts, nur ein bißchen privat, nur sozusagen therapeutisch. – Und nach einer Pause sagte er unvermittelt: Weißt du, all diese verstohlenen Schreiber mit ihren schubladisierten A4-Blättern, diese Lehrer vor allem (aber auch undsoweiter), diese Nebenherliteraten, die den Durchschnitt um genau jenen Millimeter überragen, der nötig ist, um die eigne Mittelmäßigkeit wahrzunehmen und an ihr leiden zu können … widerwärtig, jämmerlich!

 

Zehn Wochen nach Konrads Rückzug – was für ein behelfsmäßiger Ausdruck! – bekam ich ein unförmiges Paket aus Kanada. Es enthielt ein Stück Gips.

Auf dem beigelegten kleinformatigen Halbkarton stand – flattrig hingeworfen, undatiert – der eigentümliche Satz: Für Herrn Pfarrer Busch in meines scheinbar untapferen und verlorenen Kindes Konrad Auftrage (gemäß Rückseite) das Beiliegende. – Hans Fischer, Vancouver. – P. S. Dokumente folgen.

 

Rückseite (Konrads Handschrift, ebenfalls flattrig):

Vater! Hast mich nie gesehn. Hast Johanna ein Kind gemacht damals in Genua. Bist nordwärts verschwunden. Weißt nicht, daß es graue Augen hat, weißt nichts. Nimm den Gips, nimm die paar Blätter, sind eine dürftige Fährte zum Sohn. Später schick alles dem Pfarrer Busch im scheußlichen Zürich, wohnt Birkenstraße 12 und war mir so gewogen. Muß nun fort, streicht mich aus Listen und Karteien.

In großer Eile Konrad.

3

Es war also Montagmorgen, Zündel hatte noch seinen Paß und in der Gesäßtasche sein Portemonnaie mit Fahrkarte und etwas Geld, und er entschloß sich, heimzufahren und am Dienstag den Zahnarzt aufzusuchen, und stand in einer Telefonkabine und sagte zu seiner Magda: Wie war das bio-energetische Weekend? – Wo bist du denn? fragte Magda. – Mir ist einiges widerfahren, sagte Zündel und fand sich abstoßend. – Was ist los, warum bist du nicht auf dem Schiff? fragte Magda. – Ich bin in Mailand, aber du bist gar nicht lieb, was hast du? – Ich habe geschlafen, sagte Magda. – Wieviel Uhr ist es denn? fragte er. Sie sagte: Neun Uhr. – Entschuldigung, sagte Zündel, ich wollte dir nur sagen, daß ich heute abend heimkomme. – Heute abend? fragte Magda ohne Begeisterung. – Ja, antwortete er trotzig. – Koni, bist du krank? – Ich erzähl dir dann alles, sagte er besänftigt.

 

Im Bahnhofbuffet merkte er, daß es ihm schlecht ging. Das Telefongespräch hatte ihn geschwächt. – Immer häufiger krümmt sich alles in mir, wenn ich mich reden höre. Ich bin müde. War Magda allein? Pausenlos muß man sich bewähren. Alles ist feindlich, alles, was mir begegnet, überfordert mich. Ausgerechnet mir schickt der Herrgott einen Finger. Mir nimmt man den Zahn. Beizeiten lernt jeder, sich untragbar zu finden. Die Menschheit rekrutiert sich aus ehemaligen Bettnässern, die das Gefühl existentieller Deplaziertheit nie loswerden. Ohne Schließmuskel keine Schwermut. Wie ahnungslos wird hier Kaffee geschlürft.

 

Für die Bahnfahrt hatte er eine deutsche Zeitung gekauft und sich auf die Lektüre gefreut. Aber schon das Wort ›Maßnahmenpaket‹ nahm ihn fast bis Como in Anspruch. Jenseits der Landesgrenze verweilte er lange bei der Bezeichnung ›Sattelgriff mit Antirutschnoppen‹. Auch darin sah Zündel eine imponierende Gegenposition zu seinem Lebensgestolper.

 

Bis Göschenen döste er.

Dann las er einen Artikel über Eingeweidewürmer. Hier fand er eine späte Erklärung für die Juckreize, die ihn als Kind, kaum daß er im Bett lag, so häufig zum Kratzen genötigt hatten: Die weiblichen Oxyuren (Madenwürmer) kriechen nämlich nachts ein bißchen heraus und legen ihre Eier vor den Ausgang.

 

In Arth Goldau stieg ein Fräulein zu. Bis jetzt hatte Zündel das Abteil für sich gehabt. Als die Frau ihre Tasche auf die Gepäckablage stellte, sah er, daß ihre Hose den Markennamen »Let’s go« trug. Die Jeans, die er selbst im Moment anhatte, hießen »Happy-Life«. Zündel dachte: Fräulein, unsere Hosen sind geistesverwandt. – Sie aber setzte sich und sagte: Überall wird man angequatscht. – Zündel bekam Gänsehaut. Hatte er laut gedacht? Stand es schon so mit ihm? – Seit Altdorf, erläuterte sie, werde ich von zwei Italienern belästigt, drum hab ich das Abteil gewechselt. – Ach so, sagte er und fügte bei: Ja, es gibt eben allerhand Kostgänger auf der Welt. – Diese Redewendung, die von Zündels Großvater stammte, schien ihr unvertraut, jedenfalls warf sie ihm einen verdutzten Blick zu und vertiefte sich sofort in eine Zeitschrift.

 

Zündels Sympathie gehörte den beiden unanständigen Italienern. Längst hatte er bemerkt, daß die Frau keinen BH trug und darüber eine nahezu durchsichtige Bluse. Ich sehe solche Dinge zwar nicht ungern, wahrscheinlich sogar gern, dachte er, aber ich hasse sie auch, und wenn ich gesetzgeberische Befugnisse hätte, würde ich vielleicht einen Freizügigkeitsstop anordnen. Heutzutage wird nämlich alles geschützt, nur der Mann nicht. Als müßte er sich nicht schon genug zusammennehmen, sich beherrschen, sich bezwingen! Und jetzt tauchen noch diese Sommermädchen auf und halten das, was uns Männern ein unzumutbares Maß an Selbstkontrolle abverlangt, für natürlich und freiheitlich. – Das alles und noch viel mehr will ich gelegentlich überdenken, nahm Zündel sich vor, schaute bis Zürich aus dem Fenster und ärgerte sich über die schauderhafte Gepflegtheit der Schweiz.

Die Stadt sieht aus, als leckte eine Million Zungen sie unaufhörlich sauber. Schick sind die Leute gekleidet, einige auch mit Sorgfalt schlampig. Breitspurig ist ihr Dialekt, verkrampft und schief ihr Gang, und ich bin ein alter Griesgram, da kommt mein Tram.

4

Im Treppenhaus erst begann sich Zündel auf Magda einzustellen. Nach fünf Jahren Ehe noch Herzklopfen – das soll mir einer nachmachen! Am liebsten wäre mir jetzt ein Lauch-Auflauf, ein wenig enttäuschen würden mich Ravioli. Seltsam, an der eigenen Wohnungstür zu klingeln! Streng genommen demütigend. Vor allem, wenn niemand öffnet. Sicher ist sie unter der Dusche, wo hab ich meinen Schlüssel.

Lieber Konrad, ich vergaß Dir zu sagen, daß ich heute abend Frauengruppe habe. Du mußt nicht aufbleiben. Schlaf gut. M.

Mit dem Zettel in der Hand wanderte Zündel durch die Wohnung. Auf keinem Tisch stand ein Tellerchen für ihn bereit. Nur im hellgrünen Plastiknapf auf dem Küchenboden lagen ein paar Klümpchen Katzenfutter. – Vor einem Jahr noch hätte ich mir in dieser Lage leidgetan, mittlerweile habe ich dazugelernt, dachte er und kämpfte mit den Tränen.

Er aß eine Birne.

 

Später lag er im Vollbad, aber er sang nicht. Er sprach: Meine Damen und Herren, wer im Vollbad singt, ist ein Klischeemensch. – Dann fixierte er den Boiler und sagte in Magdas Tonfall: Du, Koni, ich glaube, die Befreiung der Frau kommt auch euch zugute! – Sowieso! rief Zündel und ließ schmetternd sein Darmgas ab.

 

Bevor er schlafen ging, trug er ein paar Worte in Magdas Zimmer und deponierte sie auf ihrem Kopfkissen: Liebe Frau, schon lange macht mir Deine beschleunigte Entwicklung Beine, aber Beine sind noch keine Flügel! Schlaf wohl. Dein K.

 

Spät und überraschend vergnügt begann das gemeinsame Frühstück. Konrad plauderte über seine Schicksalsschläge, und da Magda Anteil nahm, gelang ihm dann und wann ein abgeklärtes Schmunzeln. – Du mein armes Pechvögelchen, sagte sie. Er stülpte die Oberlippe hoch und lallte: Ich hab dich doch so gern, aber ich werde dir noch die Zähne zeigen. – Da sagte Magda: Ich muß mit dir reden, Konrad.