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Ein emotionaler Regionalkrimi mit Sprengkraft. Gerade erst ist Lucie in das idyllisch gelegene Schleswig gezogen, da begeht ihre neue Freundin Fenja Selbstmord. Oder wurde sie etwa von der Brücke gestoßen? Kurz darauf gibt es eine Bombendrohung in der Schleswiger Innenstadt, und auch die Firma Calliesen, in der Lucie als Architektin arbeitet, wird durch ein Attentat bedroht. Dann explodiert in der Fußgängerzone ein Haus. Richten sich die Anschläge gegen die Familie Calliesen selbst? Schließlich war Fenja unglücklich in den Sohn des Bauunternehmers verliebt. Lucie beginnt zusammen mit einem alten Schulfreund von Fenja zu ermitteln, denn offenbar will jemand in Fenjas Namen Rache üben. Als Lucie einen Toten findet, hängt ihr eigenes Leben plötzlich am seidenen Faden. "Ein Fest für jeden der Krimis liebt, dazu ist die Handlung eingebettet in die schöne Region. Ich hatte größtes Lesevergnügen und kann dieses Buch nur empfehlen (...)" (bernd standhardt auf amazon.de)
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Die Autorin Gea Nicolaisen wurde in Bremerhaven geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend auf Sylt. Nach dem Studium in Kiel zog sie in die Nähe von Schleswig, wo sie seitdem mit ihrer Familie und einigen Pelzträgern auf Samtpfoten lebt. Sie schreibt mit Leidenschaft Krimis, Thriller und Abenteuer, die sie am liebsten zu ihrer eigenen Melange vermischt und mit Romantik garniert.
Das Buch
Gea Nicolaisen
Ein Schleswig-Krimi
Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de
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Alle Handlungen und Figuren in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.
Originalausgabe bei Midnight Midnight ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Dezember 2014 (1) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014 Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © Finepic® Autorenfoto: © privat
ISBN 978-3-95819-019-1
Alle Rechte vorbehalten.
Für Fred in Liebe
Lucies Blick ertrank in grauer Suppe, als sie nach oben schaute. Da waren keine Wolken zu erkennen, keine Konturen, nur grau in grau und Trostlosigkeit, beinahe passend für eine Beerdigung, zumindest für die einer uralten Frau, die ein langes Leben genossen hatte, sodass das Stereotyp von pladderndem Regen nicht bemüht werden musste. Aber Fenjas Tod verlangte nach einem Wolkenbruch! Sie war ganze sechsundzwanzig Jahre alt geworden.
»Vorsicht!« Jemand griff nach Lucies Ellenbogen und bewahrte sie davor, über einen unmotiviert neben dem Weg aus dem Boden ragenden Begrenzungsstein zu stolpern.
»Danke.« Sie lächelte den jungen Mann flüchtig an, als sie sich von ihm befreite, weil er nicht von alleine losließ. Wer mochte das sein? Benötigte er Halt, genau wie sie, während sie dem Sarg ihrer Freundin zum offenen Grab folgte? Der junge Mann war wieder ein paar Schritte zurückgefallen, weshalb sie vor ihm hergehen musste, direkt hinter Ragnar Calliesen. Die ganze Zeit verdeckte dessen schwarzer Mantel den Blick auf Fenjas Sarg, nur die Träger waren links und rechts zu sehen. Sie stoppten am Grab, um den Sarg darüber zu platzieren. Als er kurz darauf langsam in die Tiefe gesenkt wurde, schauderte Lucie. Wegschauen konnte sie nicht.
Fenjas Tante trat als Erste an die offene Grabstelle, um ein Gebet zu sprechen, während Lucie sie musterte. Sie waren sich nie begegnet, trotzdem meinte Lucie, Tante Margrete zu kennen. Sie sah genauso aus, wie Fenja sie beschrieben hatte: eine Weidenrute im Wind. Nun war Margrete Jürgens ganz alleine. Ihre Nichte war ihre letzte Angehörige gewesen, ihre Zukunft, wie Margrete sie laut Fenja genannt hatte.
Es gab keine Zukunft mehr. Fenja hatte keine gewollt und sich letzte Woche in einer frostigen Frühlingsnacht von einer Autobahnbrücke gestürzt. Ein dänischer LKW-Fahrer hatte nicht mehr rechtzeitig stoppen können, aber das war wohl egal – niemand hätte diesen Sturz auf den harten Asphalt überlebt.
Margrete taumelte, als würde sie gleich in das ausgehobene Grab fallen, und ausgerechnet Ragnar Calliesen sprang vor, um sie zu stützen. Mit einem Aufschrei machte sich Margrete von ihm los, dann floh sie über den Friedhof zur kleinen, weißen Kirche bei der Straße. Der Pastor eilte ihr nach und die anderen Trauergäste schwiegen betroffen, während Ragnar ein Schäufelchen Erde ins Grab schüttete, bevor er im Stechschritt davonging. Lucie hörte das satte Brummen eines starken Automotors, als sie zum Grab trat.
›Fenja‹, sagte sie in Gedanken, ›warum nur? Hättest du dich mir bloß anvertraut. Man wirft sein Leben nicht fort! Wir sind jung! Wir haben eine Zukunft, du hättest die auch haben können. … Wegen eines doofen Typen mit rabenschwarzem Mantel und aufgemotztem Auto bringt man sich nicht um. Andere Mütter haben auch hübsche Söhne!‹
Der unausgesprochene Satz kam ihr platt vor, dennoch zeigte er ihre ganze Hilflosigkeit. Sie hatte Fenja nicht retten können, aber sie wohnte auch erst seit Januar in Schleswig. Ihre Freundschaft war bloß ein Anfang gewesen, anders als die zu den anderen jungen Trauergästen, die nun nacheinander zum Grab gingen, mal stumm, mal laut in Tränen ausbrechend, und alle waren sie fassungslos. Wer mochten diese Leute sein? Fenja hatte immer nur von dem einen erzählt, von Ragnar Calliesen, ihrem ehemaligen Klassenkameraden, in den sie unsterblich verliebt gewesen war. Nein, nicht unsterblich – Fenja war tot.
Selbstmord, Suizid, keines der Worte drückte das Entsetzen aus, das Lucie gefangen hielt. Sie war sogar zu schockiert, um zu weinen, und beneidete die beiden jungen Frauen, die gerade am Grab standen, eng umschlungen und schluchzend. Was hatte sie mit Fenja verbunden? Im Gitarrenkurs, wo Lucie und Fenja sich kennengelernt hatten, waren sie nicht gewesen.
Die Gitarrenlehrerin war auch gekommen, eine attraktive, sehr schlanke, schwarzhaarige Frau von fünfunddreißig Jahren mit gemütvollen Augen, die optisch überhaupt nicht nach Norddeutschland passte. Ihrem Namen nach – Elena Sanchez – mochte sie Spanierin sein, auch wenn sie akzentfrei Deutsch sprach. Lucie wusste nichts weiter über sie, außer dass sie eine gute Lehrerin war. Fenja hatte in ihrem Unterricht viel gelächelt, aber nie gelacht wie Lucie, die Elenas Humor zu schätzen wusste und selbst eine freche Zunge besaß.
»Lucie passt zu mir.« Damit hatte sie sich Fenja damals vorgestellt.
»Dein Name gefällt mir. Meinen finde ich langweilig.« Fenjas Schulterzucken schien zu sagen, dass sie auch den Rest von sich langweilig fand. »Ragnar interessiert sich nur für interessante Frauen.«
»Wie interessant«, hatte Lucie pointiert, aber bei Ragnar kannte Fenja keinen Spaß.
Ohne auf das Wortspiel einzugehen, hatte sie grämlich gemeint: »Er hat natürlich die Wahl bei seinem Aussehen.«
Während des Trauergottesdienstes und auf dem Weg zum Grab hatte Lucie Ragnar hauptsächlich von hinten gesehen. Er war kleiner, als sie aufgrund von Fenjas Schwärmereien angenommen hatte, und sein Haar war keineswegs von leuchtendem Kastanienbraun, aber das lag vielleicht am trüben Licht dieses Tages. Immerhin wirkte er in seinem Mantel elegant – andererseits war das kein Kriterium, auf das Lucie Wert legte. Sie konnte Schnösel, die auf Kosten ihrer reichen Väter lebten, nicht leiden. Und das tat Ragnar als Sohn des größten Bauunternehmers der Gegend. Rainer Calliesen war Lucies Chef. Sie mochte ihn nicht, und Fenjas Schwärmerei ließ sie ahnen, dass der Sohn dem Vater in nichts nachstand.
›Blöde Kuh!‹, dachte sie in hilfloser Verzweiflung. ›Für so einen wirft man sein Leben nicht weg!‹
Lucie hielt es nicht mehr beim Grab, darum suchte sie sich einen Weg zwischen den anderen Parzellen hindurch, vorbei am separat stehenden, hölzernen Glockenturm zur Kirche. Der Gegensatz zwischen dem düsteren Turm und dem weiß getünchten Kirchlein war markant. Hell und Dunkel, Licht und Schatten – diese mittelalterliche Landkirche passte viel besser zu einer Hochzeit als zu einer überflüssigen Beerdigung. Fenja könnte noch leben!
Drinnen war es ruhig, lediglich der geschmückte Altarraum erinnerte an den Beisetzungsgottesdienst. Eine Holzempore überspannte sowohl den hinteren Bereich als auch die linke Seite des Hauptschiffes; die Kanzel schmiegte sich vorne rechts in eine Nische, dahinter öffnete sich ein Rundbogen zum Chor, der winzig war und dessen Altar von einem wenig schönen Christusmotiv dominiert wurde. Schablonenmalerei verzierte die alten Mauerrippenbögen und verlieh der Kirche eine romantische Leichtigkeit. Aber am schönsten war der Blick zurück in die Höhe zur Balustrade mit den türkisblau gerahmten Kassettenfeldern. Darüber schwebte eine Orgel, und an der Decke hing ein golden schimmernder Leuchter mit unzähligen Armen und einer blanken Kugel in der Mitte, worin man sich spiegeln konnte.
Lucie vernahm ein Geräusch, ein unterdrücktes Schluchzen. Natürlich, auch Tante Margrete musste noch hier sein. Die arme alte Dame, anscheinend wollte sie alleine sein, denn der Pastor war nicht da, und plötzlich fühlte sich Lucie wie ein Störenfried. Schließlich hatte sie Fenja bloß wenige Wochen gekannt, während Margrete ihre Nichte seit dem Tod von Fenjas Eltern aufgezogen hatte. Es war unhöflich, sie in ihrer Trauer zu belästigen, darum wollte Lucie die Kirche schnell verlassen, wurde jedoch bei der Treppe zur Empore von Margrete aufgehalten, die dort im Halbdunkel verdeckt von einem Holzträger gesessen hatte.
»Sie sind Fenjas Gitarrenkursfreundin, nehme ich an.«
»Woher wissen Sie das?« Lucie schluckte, dann sagte sie kehlig: »Mein Beileid.«
Margrete kam auf zitternden Beinen näher. Ihre schwarzen Schuhe, die viel zu groß wirkten, klapperten einen hektischen, unregelmäßigen Takt. »Gott hat meine Nichte zu sich gerufen. Wir alle sind in seiner Hand.«
»Fenja ist freiwillig …«, platzte Lucie heraus, bemerkte, wie sich Margretes hellgraue Augen verdüsterten, und stockte erschrocken. Das durfte sie jetzt nicht sagen, bloß nicht! »Ja, wir alle sind in Gottes Hand«, echote sie darum verlegen. »Es tut mir so leid. Fenja war eine tolle Freundin, wirklich. Wir haben viel Freude zusammen gehabt.«
»Sie hat mir von Ihnen erzählt«, bestätigte Margrete. »Darum wusste ich auch gleich, wer Sie sind; mit den Locken … Fenja sagte, Sie seien sehr hübsch.« Margrete klang nicht, als würde sie dasselbe denken, aber wen interessierte das schon?
»Ja, äh … danke.« Lucie trippelte vom linken auf den rechten Fuß. Plötzlich zwackte ihre schwarze Hose, die eigentlich perfekt saß und ihr stets gute Dienste geleistet hatte, wenn sie sich mal aufwaffeln musste, fürs Examen und als Rainer Calliesen sie eingeladen hatte, um zu feiern, dass die Schleswiger Ratsleute endlich seine Pläne zum neuen Hotel beim Gottorfer Schloss unterstützten – oder bloß, um herauszufinden, ob die junge neue Angestellte noch andere Qualitäten besaß. Lucie hatte sich äußerst korrekt und neutral verhalten, weshalb diese Einladung die einzige geblieben war. »Ich geh dann mal.«
»Warten Sie!« Margretes Hand fuhr wie eine Vogelklaue in die Höhe. »Könnte ich Ihre Adresse haben? Fenja bat mich, Ihnen etwas zu schicken.« Tränen sprangen ihr in die Augen, die sie mit einer fast zornigen Bewegung wegwischte. »Ich hatte mich gewundert, als sie das zu mir sagte, denn sie hätte Ihnen das Päckchen doch leicht selbst geben können. Ich wusste ja nicht …«
»Was ist es denn?«, fragte Lucie, ohne sich ihr Unbehagen anmerken zu lassen. Sonst wäre sie auch in Tränen ausgebrochen. Schließlich bewies dieser Auftrag, was Fenja geplant hatte. Einen Abschiedsbrief hatte sie dagegen nicht geschrieben.
»Das weiß ich nicht. Und ich will es auch nicht wissen!«, antwortete Margrete heftig. »Garantiert hat es mit diesem verfluchten Kerl zu tun, dem Fenja verfallen war. Was für ein hochnäsiger Bengel!«
Wie ein Bengel hatte Ragnar nicht auf Lucie gewirkt, weshalb sie die Bezeichnung trotz allem erheiternd fand. Aber natürlich war sie in seinem Alter; Margrete bereits weit über sechzig. Da empfand man einen Mann von Ende zwanzig vermutlich noch als Kind, besonders, da sie ihn schon als Schüler gekannt hatte.
Um sich nicht durch ein Zucken ihrer Mundwinkel zu verraten, kramte Lucie aus ihrer Handtasche eine Visitenkarte hervor, ein Geschenk ihres Bruders. Er hatte ihr zum Einstand bei Calliesen-Haus, der Baufirma, einen ganzen Stapel gedruckt, wie immer etwas zu viel und zu protzig, aber so war Linus halt.
Als Lucie Margrete die Karte reichte, berührten sich ihre Hände. Margrete fühlte sich eiskalt an, wie eine Leiche. Sie musterte das Kärtchen. »Fenja hat mir erzählt, dass Sie Architektin bei Calliesen sind. Hm, na ja, Sie konnten nicht wissen, worauf Sie sich einlassen, wo Sie aus Hamburg kommen.«
Anscheinend hatte Fenja ihre Tante über jedes Detail aus Lucies Vorleben informiert, und der Gedanke gefiel Lucie nicht sonderlich. Sie nickte daher, ohne auf Margretes Bemerkung einzugehen, bevor sie sich schleunigst endgültig verabschiedete. Vor lauter Hast rannte sie in den jungen Mann, der sie vorhin vorm Stolpern bewahrt hatte. Er wollte gerade in die Kirche hinein, als sie die Tür aufriss und gegen ihn prallte.
»Ups. Das ist schon das zweite Mal«, sagte er.
»Sorry.« Lucie wollte sich an ihm vorbeidrücken.
»Bist du eine Freundin von Fenja?«, fragte er mit merkwürdigem Timbre, das Lucie innehalten ließ. Sie sah an ihm hoch – er war sehr groß, bestimmt eins fünfundneunzig – und blickte in hellgrüne Augen, die in Tränen schwammen. Trotzdem lächelte der Mann. »Du musst Lucie Kroon sein.«
»Ja, und wer bist du?« Fenja schien überall von ihr geredet zu haben, während Lucie dachte, dass sie praktisch unbekannt und einsam in Schleswig wohnte. Welch ein Trugschluss.
»Malte Stürmer.«
»Aha.« Mehr fiel ihr nicht ein, obwohl er klang, als sollte nun alles klar sein.
»Hat Fenja nicht von mir erzählt?«
Lucie schüttelte den Kopf und lauschte hinter sich. Dort schien Margrete auszuharren, unentdeckt von Malte im Dunkeln, aber genau zuhörend.
»Typisch für Fenja, vermutlich hat sie bloß vom großartigen Ragnar geschwärmt.«
Dazu äußerte sich Lucie lieber nicht.
»Ich bin auch mit ihr zur Schule gegangen, wir drei waren gemeinsam in der Oberstufe, nachdem Fenja die zehnte Klasse übersprungen hatte. Sie war eine Überfliegerin, hyperintelligent.«
Auch dazu schwieg Lucie.
»Sollte man nicht glauben. Warum wirft sie dann ihr Leben weg?« Maltes Tränen schwappten aus den Augen. »Sie war total besessen von dem Idioten! Und dann springt sie von der Brücke! Das ist doch bekloppt! Sie hätte querschnittsgelähmt überleben können, oder was weiß ich! Wenn man sich umbringen will, muss man es wenigstens richtig machen! Springt von einer Brücke!«
Malte wandte sich ab und verschwand Richtung Parkplatz, ohne Lucie, die ihm vom Kirchenportal aus nachschaute, weiter zu beachten. Ihm gehörte der feuerrote, sportliche Audi, der Lucie bei der Ankunft aufgefallen war, weil die Signalfarbe nicht zur Beerdigung passte, und den sie für Ragnars gehalten hatte. Mit quietschenden Reifen brauste er davon.
***
Rainer Calliesen hatte Lucie eine Wohnung in einem ansonsten noch leer stehenden Neubau im Schleswiger Stadtteil ›Auf der Freiheit‹ vermietet, zu günstigen Konditionen, da ließ er sich nicht lumpen. Aber er hatte hinzugefügt, dass man für die Wohnungen Käufer anvisierte und sobald einer Interesse an ihrer hätte, sie das Feld räumen müsse – genau das waren seine Worte gewesen. Darum suchte Lucie nach einer geeigneten Unterkunft, wann immer sie Zeit hatte. Als sie nach der Beerdigung zurückkehrte, hätte sie dazu Gelegenheit gehabt, aber ihr fehlte der Mumm. Sie war total fertig. Nachdem sie sich umgezogen hatte, ließ sie sich matt in ihren alten Sessel plumpsen und schloss die Augen.
Ein Sonnenstrahl piekste sie. Ausgerechnet, Sonne! Das trübe Wetter sollte anhalten, Lucie wollte sich ihre Traurigkeit nicht von der genialen Aussicht verderben lassen. Sie beugte sich vor, um den Schalter zu betätigen, der ein Rollo vollautomatisch vor ihrem Panoramafenster herabfahren konnte, dann zögerte sie, lehnte sich wieder zurück, starrte mit brennenden Augen nach draußen.
Die Wohnung lag im dritten Stock mit direkter Sicht auf die Schlei. Phänomenal! Lucie entsann sich ihrer Begeisterung, als Calliesen ihr die ›Unterkunft‹ gezeigt hatte – auch dieser Begriff stammte von ihm. Lässig, als würde er die Wohnung für eine bessere Hundehütte halten. Ihr war noch nie jemand begegnet, der mehr dem Bild des selbstgefälligen Baulöwen entsprach; einzig die Zigarre fehlte. Dafür munkelte man im Büro, dass Calliesen gerne über den Durst trank und seine Frau – war es die dritte oder vierte? – mit Prostituierten brüskierte.
Sein Geschäftssinn war legendär. Innerhalb der elf Jahre, die er Calliesen-Haus leitete, hatte er nicht nur Schleswig, sondern das gesamte Umland mit neuen Eigenheimen gepflastert, hatte Mehrfamilienhäuser und Bürobauten geschaffen, die den klotzigen Gebäuden in der Hamburger HafenCity in nichts nachstanden, und sich einen denkbar miesen Ruf erworben. Trotzdem hielt ihn niemand auf, denn alle profitierten von seinen Projekten. Um seine Visionen voranzutreiben, hatte er zum Jahresanfang sein Architekturbüro aufgestockt. Lucie war eine der neuen Mitarbeiterinnen und hatte sich gefreut über den tollen Job. Inzwischen wusste sie nicht, ob sie dort bleiben wollte, und das lag an Schleswig. Denn hier wollte sie auf jeden Fall bleiben!
Sie war in Hamburg aufgewachsen. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie sich in eine kleine Provinzstadt verlieben könnte, aber genau das war geschehen. Schleswig war zu schade für Calliesens Projekte. Die kalten Fassaden, die scharfen Konturen, die eckigen Formen gehörten nicht in diese gemütliche Umgebung. Die sanften Hügel der Schlei wurden wie von Eiterpickeln entstellt, die überall sprossen, wo es am schönsten war.
Zugegeben, wenn man in solch einem Haus saß, in einem weichen Sessel und mit Panoramablick über das im Abendlicht orange schimmernde Wasser des gewundenen Meeresarms, dann war es herrlich, dass Calliesen seine Kuben ans Ufer baute. Aber wehe, sie betrachtete die sechs neuen Wohnblocks von der Südseite der Schlei aus – Linus’ Kommentar kam ihr in den Sinn: »Riesige LED-Würfel vom fremden Stern.«
»Das ist die besondere Fassadenfarbe. Sie lässt die Häuser weißer erscheinen, bringt sie zum Leuchten«, hatte Lucie ihm erklärt.
»Nicht mein Fall«, hatte er erwidert und sie musste ihm zustimmen. Danach hatte er ihr die Visitenkarten geschenkt, stolz auf die erfolgreiche, karrierebewusste kleine Schwester, und war zurück nach Berlin gedüst.
Lucie wischte sich über die Augen, aber das Brennen ließ nicht nach. Warum bloß hatte sich Fenja von der Brücke gestürzt? Hatte die Schönheit ihrer Heimat sie denn nicht mit dem Leben aussöhnen können? Klar, sie war hier aufgewachsen, da bemerkte man die liebliche Landschaft nicht mehr, die sich gerade jetzt, im April, von ihrer allerschönsten Seite zeigte. Überall begann es zu grünen, erste weiße Schlehen in den Knicks, den Wallhecken, die die Felder wie Spitzensäume rahmten, blühten auf und natürlich die Osterglocken in den Gärten. Ein Tuff hatte sich frech unten am Ufer angesiedelt. Wer wohl die erste Blume dort gepflanzt hatte? Ob das noch die Soldaten gewesen waren, die Jahrzehnte lang in den Kasernen auf der Freiheit gehaust hatten?
Inzwischen waren die meisten der roten Zweckbauten abgerissen worden, ab und an lagen noch Schuttberge und Ziegelsteine herum, während anderorts schon gebaut wurde. Ein ganz neuer Stadtteil entstand in Schleswigs Osten. Calliesen wollte daran richtig verdienen, darum hatte er sich auch für den Bau einer Therme stark gemacht, doch immerhin dieses vollkommen überzogene Projekt war in letzter Sekunde von den zuständigen Politikern gestoppt worden. Nun musste man neue Bauvorhaben finden, und diesmal wollte Calliesen noch kräftiger einsteigen. Lucie gehörte zu dem Team, das ein Konzept für einen luxuriösen Ferienpark erstellen sollte, inklusive neuem Hafenbecken. Wenn sie in ihrer Küche stand, sah sie direkt auf das Areal.
Ob diese Pläne der Freiheit gerecht wurden? Von Woche zu Woche zweifelte sie mehr, nachdem sie anfangs Feuer und Flamme gewesen war. Aber der trübe Januar war einem herrlich verschneiten Februar gewichen, die Schlei fror zu, sodass Lucie bis zur Möweninsel pilgern konnte. Sie hatte einen ganz neuen Blick auf die alte Domstadt genossen, und ihre Skrupel waren erwacht. Es war ein Verbrechen, dieser heimeligen Stadt eine moderne Maske überzustülpen, durch die sie sich in nichts mehr von anderen Städten unterschied.
Fenja war derselben Meinung. Sie arbeitete in einer Tourismusagentur und wiederholte gebetsmühlenartig, dass Calliesens Projekte Gift für Schleswig seien. Hatte sie die Schönheit der Schleiregion also doch bemerkt? Oder waren das bloß Befürchtungen gewesen, dass die Urlauber ausbleiben könnten, wenn Schleswigs Ufer verschandelt wurden? Fenja hatte nicht oft genug über das Thema gesprochen, dass sich Lucie ein Bild machen konnte. Fenjas Thema war Ragnar Calliesen gewesen.
›Er unterstützt die Projekte seines Vaters nicht, er hat erkannt, dass wir keine weiteren gesichtslosen Wohnwürfel brauchen. Er weigert sich, für die Firma seines Vaters zu arbeiten, und besitzt eine kleine Werft bei Borgwedel, wo er traditionelle Holzboote baut.« Fenjas Augen leuchteten, während sie sprach, als würde sie vom Erlöser reden. Ragnar, der unerschrockene Streiter zur Rettung des Ostseefjords – so nannte die Tourismusbranche die Schlei, wenn sie sie vermarkten wollte.
Ein Geräusch vor der Wohnungstür schreckte Lucie aus ihren Gedanken. Kam da jemand? Außer mit Fenja hatte sie sich bisher mit niemandem angefreundet und sie war die einzige Bewohnerin des Hauses – also: Nein, sie erwartete keinen Besuch. Gewöhnlich störte es sie nicht, alleine zu leben, jetzt beschleunigten die Geräusche unerwartet ihre Atmung. Nur sie besaß den Schlüssel für die Tür zum Hausflur unten. Warum machte sich dann jemand hier oben auf ihrer Etage zu schaffen?
Sie sprang aus dem Sessel, wagte es jedoch nicht, die Tür aufzureißen. Stattdessen lauschte sie. Jetzt war alles wieder still. Auch unten schien keiner mehr zu sein, keine Schritte, nichts. Hatten ihre Sinne ihr einen Streich gespielt? Vorsichtig linste sie in den Flur. Er war kahl und roch noch immer nach dieser schmutzabweisenden Spezialfarbe, die Calliesen bei ihrem Einzug gepriesen hatte. Lucie beschloss, sich eine Topfpalme für das Treppenpodest zu kaufen, dann würde alles viel freundlicher aussehen.
Ihr Blick heftete sich auf einen Gegenstand neben der Fußmatte, der dort nicht hingehörte. Das war ein Jutebeutel mit etwas darin. Automatisch hob Lucie die Tasche auf, spähte hinein und entdeckte ein flaches Paket.
»Frau Jürgens?«, rief sie ins kahle Treppenhaus.
Stille. Trotzdem trabte Lucie ein paar Stufen hinab zur nächsten Kehre, weil sie von dort durch ein Fenster den Bereich vorm Haus einsehen konnte. Moderne Betonplatten formten einen schnurgeraden Weg, auf dem sich keine Menschenseele zeigte. Zwei der Nachbarhäuser waren zwar schon bewohnt, aber Lucies Kontrollblick war der dritte und noch leer stehende Wohnwürfel im Weg, zu dem sich abends kaum jemand verirrte, weil dahinter eine Baustelle begann, wo Calliesen eine andere Art Kubus errichten ließ, mit noch komfortableren Appartements.
»Frau Jürgens!«, wiederholte Lucie, obwohl sie die Unsinnigkeit ihres Rufens einsah. Deshalb zog sie sich in ihre Wohnung zurück und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss. Wieso hatte Tante Margrete nicht geklingelt, um ihr das Paket persönlich zu übergeben? ›Sie will nicht mit mir reden. Zu deprimiert‹, entschied Lucie, während sie ins Wohnzimmer ging, um das Paket aus dem Jutebeutel zu holen. Es fühlte sich wie ein kleines Buch an, war jedoch für ein Taschenbuch zu unflexibel. Auf dem Packpapier stand ihr Name, in Fenjas Handschrift, darum ballte sich Lucies Magen zusammen, weil ihr war, als hätte sie eine Nachricht aus dem Jenseits bekommen.
Es kostete sie Überwindung, das Paket zu öffnen. Ein Tagebuch mit Herzcheneinband und von einem mickrigen Schloss vor unbefugten Augen gesichert sowie ein Brief an Lucie waren darin. Beklommen faltete sie den Bogen auseinander.
›Liebe Lucie, bitte gib Ragnar dieses Tagebuch. Und bitte, lies du es nicht, aber ich will, dass er es erhält und dass du es ihm persönlich gibst. Ich hab keinen Mut, das selbst zu machen. Peinlich, ich weiß, ich bin total feige. Darum musst du das für mich tun.
Vielen Dank, Fenja.‹
Lucie las die Zeilen noch einmal, während etwas in ihr dachte, dass sie Fenja selten so knapp erlebt hatte. Gewöhnlich plapperte sie wie ein Wasserfall, wenn es um Ragnar ging, aber anscheinend fiel es ihr schwerer, ihre Gefühle in sichtbar perpetuierte Worte zu fassen. Hatte sie deshalb keinen Abschiedsbrief geschrieben?
Auch beim dritten Lesen suchte Lucie vergeblich nach einem über den ausdrücklichen Inhalt gehenden Sinn dieser Bitte. Dafür brodelte Ärger in ihr hoch. Was dachte sich Fenja eigentlich? Brachte sich mal eben um und schickte ihr ein kitschiges Tagebuch, vermutlich voller unausgegorener Liebesschwüre an den, dessentwegen sie ihr Leben beendet hatte.
›Nicht mit mir!‹
Hitzig pfefferte sie das Büchlein auf den Couchtisch, wo es über die glatte Platte schlidderte und auf den Boden plumpste. Beschämt hob Lucie es auf. Das Schloss hatte die Behandlung nicht überstanden, sodass das Tagebuch auf einer Seite aufblätterte, auf die zwei Fotos geklebt waren.
Lucie konnte nicht umhin, die Bilder anzuschauen. Sie stammten offenbar aus Schülerzeiten, jung, wie die Menschen darauf waren. Natürlich Ragnar und Fenja. Er umarmte sie innig, während Fenjas Gesichtsausdruck an ein kleines Mädchen erinnerte, das den Weihnachtsmann anplierte, zugleich entzückt und ehrfürchtig. Dabei sah Ragnar ziemlich normal aus, befand Lucie. Eben ein circa Achtzehnjähriger mit sportlicher Figur – Fenja hatte erwähnt, dass er im Domschulruderclub zu seinen Zeiten zu den Stars gehört hatte – legere Frisur – okay, auf den Bildern leuchteten seine Haare tatsächlich in verführerischem Kastanienbraun – und mit blauen Augen, soweit das die alten Fotos erkennen ließen.
Der Mund war groß und breit, weswegen sich Lucie ungewollt ihre Lippen leckte, weil sie vermutete, dass Ragnars Küsse so phänomenal waren, wie Fenja immer behauptet hatte. Aber auf der Nase prangten Pickel und der läppische Bartflaum auf Wangen und Kinn stieß Lucie ab. Von diesem Teenagerbart hatte Fenja nie etwas erzählt, vielleicht fand sogar sie diesen Spleen albern.
Lucie klappte das Tagebuch mit einem Knall zusammen. Vergeblich versuchte sie, das Schloss zu reparieren, sie konnte es nicht mehr verschließen. ›Na und?‹, dachte sie rebellisch. Ragnar musste ihr eben glauben, dass sie den Anstand gewahrt und nicht heimlich Fenjas Liebesschwüre gelesen hatte. Falls sie ihm das Tagebuch überhaupt gab.
Seufzend las sie Fenjas Brief zum vierten Mal, bevor sie ihn mehrfach faltete, bis er einem Päckchen ähnelte. Sonst hätte sie die Zeilen gleich wieder gelesen, als wäre sie in einer Endlosschleife gefangen. Um nicht in Versuchung zu geraten, ihn wieder aufzuklappen, legte sie ihn auf den Tisch und wandte sich zum Fenster. Sie stützte ihr Kinn in die unruhigen Hände und verharrte minutenlang in dieser vorgeneigten Haltung am Fensterbrett, während es draußen dämmerte. Die Nacht schien ein tiefblaues Tuch über den Himmel zu ziehen, zwar im Zeitlupentempo, dennoch gut erkennbar. Von Ost nach West wurde es dunkel.
Schließlich ließ Lucie die Rollos herab, damit niemand reinschauen konnte. Irgendwie fühlte sie sich beobachtet.
Sie holte das Telefon aus der Küche, um sich damit im Sessel einzukuscheln, ein dickes Kissen auf den Beinen, weil sie fröstelte. Zögernd tippte sie Linus’ Nummer in den Apparat und hätte beinahe aufgelegt, ehe ihr Bruder sich meldete.
»Ich bin’s, Lucie«, sagte sie, nachdem er ein lässig klingendes »Hey« in den Apparat genuschelt hatte, wie es seine Art war. »Bist du beschäftigt? Dann rufe ich ein andermal an.«
»Was gibt’s denn?«
»Hast du Zeit?«, hakte sie nach, weil Linus abends zu den Aushäusigen gehörte.
»Nachher wollen wir zu einer Jamsession, aber eine halbe Stunde kann ich dir zuhören. Also, was ist los? Geht es um Fenja? Heute war doch ihre Beerdigung.«
»Hm«, stimmte Lucie zu, unschlüssig, wie sie anfangen sollte.
»Sind viele Leute gekommen?«
»Ging so … ihre Tante Margrete Jürgens als einzige Angehörige, soweit ich das den Worten des Pastors entnehmen konnte. Der ist übrigens jung und nett und hat echt freundliche Worte für Fenja gefunden. Nichts über ihre Probleme, sondern dass sie eine schöne Kindheit hatte, bis ihre Eltern bei dieser Tragödie starben.«
»Das Haus flog in die Luft, nicht wahr?«
»Ja.« Lucie krampfte die Hand um den Hörer. »Fenja hat mir davon bloß ein einziges Mal was erzählt. Mit ziemlich spärlichen Worten, als wollte sie nicht daran denken.«
»Verständlich. Garantiert kriegt man ein Trauma, wenn das Elternhaus explodiert«, mutmaßte Linus in einer Manier, die Fremde für gefühlskalt gehalten hätten. Lucie wusste es besser; ihr Bruder schützte sich auf diese Weise vor den eigenen Emotionen. Manchmal regte sie sich darüber auf, heute hingegen war sie dankbar, weil sie fürchtete, dass das Gespräch sonst tränenreich enden könnte. »Wo war Fenja denn, als das Unglück passiert ist?«, wollte er wissen.
»Auf Klassenfahrt in Norwegen. Das scheint eine Tradition des neunten Jahrgangs an ihrer Schule zu sein. Laut Fenja machen die das immer noch und sie muss dann immer an ihre Eltern denken.«
»Nachvollziehbar«, sagte Linus trocken.
»Tu nicht so cool«, meuterte Lucie. »Stell dir vor, unsere Eltern wären bei solch einer Katastrophe gestorben.«
»Sind sie ja zum Glück nicht, und darum haben wir keine Traumata, sondern können unser Leben in vollen Zügen genießen.«
»Blödi!« Lucie streckte ihrem großen Bruder die Zunge raus, obwohl er das nicht sehen konnte.
»Ich weiß, was du tust«, sagte er neckend, ehe er ernst wurde. »Was hat der Pastor sonst noch erzählt? Irgendwas Neues für dich?«
»Nichts Besonderes. Nach dem Unglück hat Fenja bei Tante Margrete in Nübel gewohnt, das ist das Dorf bei Schleswig, wo sie heute beerdigt wurde. Sie war ja ein Einzelkind und hatte wohl auch keine anderen Verwandten, die sie haben wollten. Margrete ist dagegen kinderlos, und laut Pastor war das für sie ein wunderbares Geschenk mit Fenja.«
»Tolles Geschenk«, murmelte Linus sarkastisch und sprach aus, was Lucie dachte, obwohl sie widersprach.
»Du musst das aus Margretes Sicht betrachten. Die war allein, dann kriegt sie gewissermaßen eine Tochter, die noch dazu richtig klug ist. Fenja hat eine Klasse übersprungen, ausgerechnet die Zehnte, also die Klasse nach der Tragödie.«
»Ich schätze, sie hat sich ins Lernen geflüchtet, um nicht dauernd dran denken zu müssen.«
»Trotzdem beeindruckend«, betonte Lucie, »sie war die Jüngste ihres Abijahrgangs. Danach hat sie in Kiel studiert, bevor sie hier in Schleswig eine Stelle bei der Schleitouristik gefunden hat und wieder zu Margrete gezogen ist.«
»Das klingt nach richtig bravem Mädel«, kommentierte Linus mit wachsendem Zynismus, den zu ignorieren Lucie immer schwerer fiel.
»Ja, vordergründig.« Sie schob sich eine juckende Locke aus der Stirn. »Tatsächlich hat Fenja ihr ganzes Leben nach Ragnar Calliesen ausgerichtet. Solange er in Kiel studiert hat, war sie auch dort, und kaum bricht er sein Studium ab, folgt sie ihm wieder nach Schleswig. Kapiere das, wer will.«
»Wo die Liebe hinfällt«, spöttelte Linus.
»Aber er wollte gar nichts von ihr! Während der Oberstufenzeit waren die beiden ein Paar«, Lucie sah die Fotos vor ihrem inneren Auge, »danach hat er sich von ihr getrennt. Bloß konnte Fenja das nie akzeptieren, darum hat sie sich nun umgebracht.«
»Aus Liebeskummer.«
»Ja.«
»Letzte Woche wolltest du das noch nicht glauben«, erinnerte Linus, der auf ein Telefonat anspielte, das sie am Sonntag geführt hatten, als Lucie sich bei ihm ausweinte. Sie presste kurz die Lippen zusammen.
»Inzwischen glaube ich es aber doch. Zwar hat man nach wie vor keinen Abschiedsbrief von ihr gefunden …«
»Weswegen dieser Kommissar Bendixen sogar bei dir war, um dich zu fragen, ob jemand Fenja ermordet haben könnte.«
»Ich habe ihm gleich gesagt, dass ich das für Blödsinn halte!«
»Weil Fenja deines Wissens keine Feinde hatte.«
»Genau. Sie war bloß unglücklich verliebt, weil Ragnar sie ignoriert hat.«
»Vielleicht ging sie ihm auf den Zeiger, darum hat er sie von der Brücke geschubst.«
»Blödsinn.«
»Blödsinn, Blödi, wenn du keine anderen Bezeichnungen für mich hast, zieh ich mich jetzt für den Jazzabend um.«
»Nein! ’tschuldige, warte!«, bat Lucie hektisch. »Vorhin hat mir ihre Tante ein Paket gebracht. Ein Tagebuch von Fenja. Dabei lag ein Brief, dass ich das Tagebuch Ragnar persönlich übergeben soll. Linus, findest du, ich muss das machen?«
»Das ist ja wohl Fenjas letzter Wunsch?«
»Anscheinend«, sagte Lucie unglücklich. »Trotzdem – mir missfällt das. Ragnar war auch bei der Beerdigung …«
»Sieh an, hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil er sie ständig von der Bettkante gestoßen hat.«
»Blö…, da waren echt viele junge Leute, bestimmt waren das meiste ihre Schulkameraden, für Arbeitskollegen waren sie nicht alt genug außer einer Elena, aber die war – nein ist – unsere, also jetzt nur noch meine, Gitarrenlehrerin.« Lucie musste kurz durchatmen, um sich nicht noch mehr zu verhaspeln. »Einen von den ehemaligen Schulkameraden habe ich auf der Beerdigung kennengelernt, einen Malte Stürmer. Der war ganz nett – und er hielt gar nichts von Ragnar. Hat ihn einen Idioten genannt. Außerdem hat er sich fürchterlich über Fenjas Selbstmord aufgeregt.«
»Recht hat der.«
»Hm.«
»Er hat recht«, bekräftigte Linus.
»Ja, sicher, schon gut, trotzdem hat es mir nicht gefallen, wie er sich echauffiert hat. Oder … hm … vermutlich ist er total von der Rolle. Bin ich ja auch. Irgendwie schwankt man zwischen Entsetzen und Wut auf Fenjas schnöde Flucht aus dem Leben.« Lucie nahm das Tagebuch in die freie Hand. »Nun auch noch dieser dämliche Auftrag. Ich mag nicht zu Ragnar Calliesen gehen und ihm Fenjas Schwärmereien bringen.«
»Dann schmeiß sie weg.«
»Linus!«
»Blödi, ich weiß. Trotzdem meine ich es ernst. Ragnar wird dir kaum danken, wenn du ihm solchen Schmonzettenkrams gibst. Der dürfte sich eh schon fragen, ob er womöglich schuld ist an Fenjas Kurzschlusshandlung.«
»Das ist er, gewissermaßen.«
»Du kennst den Unterschied.«
»Ja, klar«, sagte Lucie nickend. Jemand, der sich aus verschmähter Liebe das Leben nahm, durfte dafür nicht den anderen verantwortlich machen. »Ich kann das Tagebuch nicht einfach in die Tonne werfen.«
»Dann gib es ihm halt, oder schick es ihm. Wie wäre es anonym?«
»Das ist feige.«
»Und wenn mein Schwesterlein etwas nicht ist, dann feige. Lucie, du musst es ihm bringen und dann ist gut. Lass Fenja keine Macht über dich haben mit ihrer morbiden Art, dazu bist du zu schade.« Linus schien auf die Uhr zu schielen. »Wie wäre es, wenn ich übermorgen, am Sonnabend, kurz hochkomme? Für ein Eis reicht die Zeit, und deine Schleigegend ist echt schön.«
»Für ein Eis ganz von Berlin? Du bist wirklich ein Blödmann«, sagte Lucie gerührt.
Sie hatte diverse Möglichkeiten, mit Ragnar Calliesen Kontakt aufzunehmen. Entweder probierte sie es über die Firma seines Vaters, da sie schließlich dort arbeitete, oder sie fragte jemanden nach seiner Telefonnummer – wen? –, oder sie schaute ins Telefonbuch. Letzteres war schnell erledigt. Lucie entdeckte keine Privatnummer, dafür die der Werft in Borgwedel – Kalleboot nannte sich die und neben der Nummer stand R. Calliesen.
Um diese Uhrzeit arbeitete niemand mehr, darum konnte sie sich den Versuch, jetzt noch durchzuklingeln, sparen. Trotzdem tippte Lucie die Ziffernfolge ein, wenn auch wie jemand, der lange suchen muss, wo sich die einzelnen Zahlen befinden. Mit wackelnden Zehen unter dem Kissen lauschte sie dem Summton. Einmal Klingeln, zweimal, dreimal, sie durfte wohl getrost ihren Versuch abbrechen und das Problem auf Morgen verschieben.
»Ja? Hier spricht Ragnar Calliesen.«
»Oh.« Sie verschluckte sich. Prustend stieß sie hervor: »’tschuldigung, oh, verflucht!«
Am anderen Ende blieb es ruhig, während Lucie vor Atemnot die Tränen kamen.
»Verdammt!«, wetterte sie, als sie genug Luft dafür übrig hatte. Dann verschluckte sie sich fast wieder, weil ihr aufging, wie ungehobelt sie klang. Oberpeinlich!
»Soll ich einen Notarzt rufen? Wohin muss ich ihn schicken?«
»Nein-nein, geht schon.« Selten war sie dankbarer gewesen, dass sie nur durch eine Telefonleitung mit dem unsichtbaren Gegenüber verbunden war. Zum Glück klang der Hustenreiz ab. »Ich habe mich verschluckt.«
»Tatsächlich?«
Die Ironie war unüberhörbar und das ärgerte Lucie. Fenja hatte nie erwähnt, dass Ragnar ein Spötter war wie Linus. An ihren Bruder zu denken stärkte Lucie, schließlich war sie bei ihm durch eine harte Schule gegangen, darum konnte sie mit neutralem Tonfall antworten. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie noch arbeiten.«
»Trotzdem rufen Sie mich an? Dann muss es aber was ganz Wichtiges sein.«
»Ja, Es geht um Fenja Jürgens.«
Ragnar stieß etwas aus, das an das ›Grmpf‹ aus einem Comic erinnerte. Offenbar hatte sie ihn überrumpelt.
»Wir sind uns vorhin auf der Beerdigung begegnet.«
»Tatsächlich?« Kein süffisanter Unterton mehr, sehr gut. Doch ehe sie auftrumpfen konnte, fügte er hinzu: »Sie sind die junge Frau mit den straßenköterblonden, schulterlangen Kunstlocken.«
»Meine Locken sind angeboren!«, entrüstete sich Lucie und hätte auch die Bezeichnung straßenköterblond moniert, wenn Ragnar sie hätte zu Wort kommen lassen.
»Aber Sie sind es; die Einzige, die Fenja nicht von früher kennt.«
»Dann waren die anderen echt alle Schulkameraden?«
»Und vom Handballclub und von ihrem alten Tanzverein, ja.«
Ragnar verstummte, wartend, und Lucie beschloss, das Gespräch nicht zu dehnen. »Ich habe etwas von Fenja für Sie.«
»Woher kennen Sie sie?«
»Das kann ich Ihnen erzählen, wenn ich Ihnen Fenjas Paket gebe. Jetzt habe ich keine Zeit«, log Lucie.
»Wann dann?«, fragte Ragnar scharf.
»Morgen, in meiner Mittagspause. Zwischen zwölf und eins.«
»Okay, zwölf Uhr. Wo?« Bevor sie einen Ort nennen konnte – ihr fiel auf die Schnelle nichts ein, weil sie Ragnar keinesfalls in der Firma seines Vaters treffen wollte –, machte er einen Vorschlag, der ihr zusagte. »Ich habe was in Schleswig zu erledigen. Wie wäre es, wenn wir uns bei Farenkrog treffen und von da in ein Café gehen?«
»In dem großen Antiquariat im Stadtweg?«
»Ja, genau. Sie sind wohl noch nicht lange in Schleswig?«
»Nein. Aber Farenkrog kenne ich natürlich.«
»Also dann …« Ragnars Interesse schien zu erlahmen, und Lucie war froh, diesen ersten, schwierigen Part überstanden zu haben, als sie sich verabschiedete. Ihr war unwohl bei der Vorstellung, wie er Fenjas Tagebuch aufnehmen würde – es gab Menschen, die köpften die Überbringer schlechter Botschaften. Ragnar machte den Eindruck, als würde er zu ihnen gehören. Umso besser, dass es gegen Mittag in der Ladenstraße gewöhnlich schön voll war. Da mussten sie sich beide beherrschen, auch Lucie durfte sich keine Gefühlsduseleien leisten.
Am anderen Morgen zog sie sich sorgfältiger an als sonst. Im Büro musste sie nicht übermäßig elegant rumlaufen, trotzdem wählte sie diesmal eine hellrosa Bluse, die ihre Haarfarbe blonder machte. Für einen struppigen Straßenköter wollte sie nicht mal von dem Kerl gehalten werden, dessentwegen Fenja ihr Leben weggeworfen hatte. Schon gar nicht von ihm! So einer konnte sie kreuzweise!
Grummelnd trat sie aus dem Haus, ein Windstoß ließ ihre Haare wirbeln, und sie schnupperte, weil es nach der nahen Schlei roch, ein wenig fischig, ziemlich modrig, und mehr noch nach den lärmenden Bauarbeiten, die schon in der Frühe wieder begonnen hatten. Das neue Nachbarhaus würde bald fertig sein. Sand wehte zu ihr herüber, den sie mit einem Handwedeln abwehrte.
»Hallo. Nicht sehr angenehm, auf einer Baustelle zu wohnen, was?«
»Hallo!« Überrascht blieb Lucie stehen, als sie von der Seite angesprochen wurde. Malte hatte an der Hauswand gelehnt, die Hände in den Hosentaschen, und stieß sich ab, um zu ihr herüberzukommen. »Hast du auf mich gewartet? Woher weißt du, wo ich wohne?«
»Fenja hat es mir erzählt«, antwortete er in einem Tonfall, als hätte er einen Frosch im Hals.
»Tatsächlich?« Nun wiederholte sie Ragnars provozierende Replik, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Ob er diese Antwort aus demselben Grund benutzt hatte? »Mir hat sie von dir nie erzählt.«
»Das haben wir schon gestern vor der Kirche festgestellt«, erinnerte Malte und sein Blick umwölkte sich. »Trotzdem würde ich dich gerne kennenlernen. Nur so – unverbindlich.«
Lucie hätte beinahe die Stirn gekraust. Was war das denn für eine seltsame Anmache?
»Hast du Lust, heute Mittag mit mir essen zu gehen? Wir könnten …«
»Nein, ich habe schon was vor.« Lucie wurde von einem Teufelchen geritten, als sie hinzufügte: »Ich bin mit Ragnar bei Farenkrog verabredet.«
»Hältst du das für angemessen? Fenja wäre schockiert!«, versetzte Malte mit plötzlich zorndunklen Augen, sodass Lucie zurückprallte.
»Das war ihre Idee! Ich soll Ragnar etwas geben. Es ist ihre letzte Bitte«, verteidigte sie sich.
»Und was?«
»Das geht dich nichts an!«
Malte hatte die Hände aus den Taschen genommen und ballte sie zu Fäusten. Mit leicht gespreizten Beinen ragte er sehr düster im Gegenlicht des Morgens vor ihr auf. Lucie machte einen Schritt zur Seite, dann noch einen und warf den Kopf in den Nacken. »Ich muss zur Arbeit!«
Sie stapfte davon, ohne dass Malte sie aufhielt, aber erst, als sie ein altes Ehepaar erreichte, das wie jeden Morgen seinen Hund ausführte und ihr wie immer grüßend zunickte, fühlte sie sich sicherer.
***
Malte und Ragnar gingen ihr nicht aus dem Sinn. Lucie gehörte nicht zu den ängstlichen Naturen, weswegen sie sich fragte, wieso diese zwei Männer es geschafft hatten, ihr innerhalb weniger Stunden beide einen Schauder übers Rückgrat zu jagen. Beiden wollte sie nicht alleine im Dunkeln begegnen. Maltes aufbrausendes Temperament und Ragnars Sarkasmus lösten ungute Gefühle in ihr aus. Weshalb hatte ausgerechnet die sanfte, schwärmerische Fenja sich mit ihnen abgegeben? Zu ihr würde eher Tjark Grothkopf passen, Lucies zur Fettleibigkeit neigender, junger Kollege, der mit dem Tempo einer Schnecke arbeitete, aber stets der Erste an der Kaffeemaschine war und allgemein bei den Mädels im Büro als Frauenversteher galt.
Das Architekturbüro befand sich in einem ausufernden Gewerbegebiet östlich von Schleswig, und Lucie fuhr gewöhnlich mit dem Rad zur Arbeit. Fürs Büro hatte sie dort High Heels deponiert, für die sie ein Faible besaß, und Gummistiefel, falls sie mal auf einer matschigen Baustelle zu tun hatte, daher musste sie auf dem Rad kaum was mitnehmen, trotzdem aber ordentlich strampeln, weil es von der Schleiniederung hinauf in die Hügellandschaft Angelns ging, die bei Schleswig begann. Meistens genoss sie den morgendlichen Sport, besonders weil sie ansonsten eher faul war und sich von Fenja nie hatte überreden lassen, zum Handballclub mitzukommen, und schon gar nicht zum Tanzverein. Das bedauerte sie flüchtig, als sie an diesem Morgen in ihren nagelneuen VW up! stieg, um mit dem Auto zu fahren, damit sie Ragnar am Mittag rechtzeitig treffen konnte. Den Wagen hatte sie sich zu Ostern selbst geschenkt, als Belohnung für ihre erste feste Anstellung – gut, die Eltern hatten was draufgelegt und sogar Linus, der exakt den Mehrpreis für die beiden hinteren Türen übernommen hatte.
Was würde er wohl von Ragnar und Malte halten? Es hatte eine Zeit gegeben, da ließ er kein gutes Haar an den Männern, die Lucie gefielen. Jeder nur halbwegs attraktive Typ wurde schlecht gemacht. Bei der Erinnerung musste sie grinsen, denn Linus’ Gemecker war für sie ein Indikator gewesen, wie toll der Hecht war, den sie an der Angel hatte. Seit sie in Schleswig wohnte, war sie solo und vermisste auch noch nichts, obwohl dieser Zustand keine Dauereinrichtung werden sollte.
Malte sah gut aus, sogar wenn er wütend wurde und seine eigentümlich hellgrünen Augen funkelten. Vermutlich stammten seine Vorfahren nicht aus Norddeutschland, wegen der dunkelbraunen Haare und weil sein Teint eher kräftig war, nicht so schwabbel-rosig, wie Lucie hier viele, besonders ältere Männer und Tjark Grothkopf, fand. Sein Alter war klar – da er mit Fenja Abi gemacht hatte, musste er wie Ragnar siebenundzwanzig sein. Was er wohl beruflich machte?
Eigentlich war es müßig, sich all diese Fragen zu stellen, die sie selbst nicht beantworten konnte, aber es war allemal besser, darüber nachzudenken, als über das Tagebuch und ihren unangenehmen Auftrag. Lucie ließ das Paket im Auto, als sie vor dem Büro parkte, und begrüßte ihre Kollegen im Büro mit derselben Lockerheit wie immer. Die Arbeitsatmosphäre war nett, auch wenn sie oft unter Druck Projekte abschließen mussten. Das Architekturbüro gehörte zwar zu hundert Prozent zu Calliesen-Haus, aber es erledigte auch Fremdaufträge und war mehr als ausgelastet. Lucie gefiel ihr Job, obwohl das Gehalt nicht üppig war, doch das war eben das Schicksal von jungen, namenlosen Architekten. Für sie selbst reichte es, und wenn sie erst eine eigene Wohnung gefunden hatte, würde es noch besser werden. In dieser Luxusbleibe zum Sonderpreis des Chefs fühlte sie sich ein bisschen wie eine ausgehaltene Geliebte.
Sie kicherte, und ihre Kollegin Petra Lohse – mit Anfang fünfzig die älteste im Team, eine adrette, schlanke Frau mit aparter Frisur – schaute von den ausgedruckten Plänen auf, die ihr gerade eine Bauzeichnerin gebracht hatte.
»Was gibt’s zu lachen?«
»Nichts«, beeilte sich Lucie zu sagen. Petra war auch die humorloseste Kollegin und würde alberne Vergleiche mit heimlichen Geliebten von Rainer Calliesen nicht gutheißen. Der Lebensstil des Chefs durfte in Petras Gegenwart nicht erwähnt werden, und der Grund dafür war pikant. Als Lucie Tjark mal danach gefragt hatte, hatte er ihr hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert, dass Petra vor vielen Jahren mit Calliesen auf Ibiza gewesen war. Danach hatte er eine andere geheiratet, von der er jedoch längst geschieden war.
»Du warst doch gestern auf der Beerdigung deiner Freundin?« Anscheinend durfte man deswegen nicht mehr lachen. »War’s schlimm? Früher hat man Selbstmörder irgendwo verscharrt; ich finde es vom Pastor sehr anständig, dass er einen normalen Gottesdienst für sie abgehalten hat. Na ja, vermutlich eher für Margrete; sie ist eine Stütze der Gemeinde.«
»Das wusste ich gar nicht.«
»Doch, Margrete engagiert sich beim DRK auf dem Dorf und organisiert die Seniorennachmittage und Ausflüge. Meine Tante fährt da gerne mit.« Petra schwatzte weiter, ohne dass Lucie ihr wirklich zuhörte. Ihre Gedanken kehrten zu Malte, Ragnar und dem vermaledeiten Tagebuch zurück.
Als Petra Lucies geistige Abwesenheit bemerkte, klopfte sie ihr mütterlich auf die Schulter. »Wenn du heute eher gehen willst, nehme ich dir das nicht übel. Das bleibt unter uns; ich kann nur zu gut nachvollziehen, wie du dich fühlst.«
»Danke, ist schon okay. Ich muss bloß die Mittagspause eventuell um ein paar Minuten verlängern.«
»Tu das«, sagte Petra, und Lucie verließ fünf vor zwölf das Büro.
Auf dem Firmenparkplatz stand ein knallrotes Fahrzeug neben ihrem VW, das sie gestern bereits bewundert hatte: Maltes Audi-Coupé. Verblüfft ging Lucie darauf zu, als Malte auch schon ausstieg. Er wirkte leicht verlegen. »Ich habe auf dich gewartet.«
»Wieso?«, fragte sie reserviert.
»Um mich zu entschuldigen. Heute Morgen, das war bescheuert von mir. Mich nimmt halt Fenjas Tod echt mit.«
»Denkst du, mich nicht?«, fragte sie zurück, immer noch abweisend, obwohl sie nicht umhinkonnte, seine Entschuldigung anständig zu finden. Gleich gefiel er ihr besser.
»Das ist alles beschissen«, sagte er und zog den Mund schief, sodass in seiner rechten Wange ein Grübchen entstand.
»Ja.« Lucie ging widerstrebend zu ihrem Auto, um einzusteigen, zögerte jedoch an der Tür. »Ich muss mich beeilen, wegen meiner Verabredung mit Ragnar.«
»Was sollst du ihm denn von Fenja geben?«
»Das ist wirklich privat, Malte. Verstehst du?«
Er presste die Lippen zusammen und nickte.
»Vielleicht sollten wir uns heute Abend irgendwo auf ein Bier treffen?«, schlug Lucie vor, ehe sie sich zurückhalten konnte. Sie wurde mit einem Lächeln belohnt.
»Gute Idee! Ich hole dich ab.«
So hatte sie sich das zwar nicht vorgestellt, aber weil ihr die Zeit im Nacken saß, stimmte sie zu und fuhr gleich darauf schwungvoller als geplant vom Parkplatz, was nicht an ihrer Eile lag, sondern an Maltes Blick. Er begleitete sie gewissermaßen bis zum Parkhaus in der Innenstadt, wo man sein Fahrzeug umsonst abstellen konnte, wie nahezu überall in Schleswig. Als Ex-Hamburgerin fand Lucie das frappierend, obwohl sie sich den Grund ausmalen konnte – ohne dieses Privileg würden kaum Leute zum Shoppen in den Stadtweg kommen, weil das Ladenangebot nicht übermäßig attraktiv war, sah man von einem großen Bekleidungskaufhaus, dem tollen Antiquariat und den Buchläden ab, von denen in Schleswig sogar gleich mehrere existierten, beeindruckend für eine Stadt von knapp 24.000 Einwohnern. Vielleicht waren die Schleswiger sehr belesen, Lucie freute sich einfach über die qualitätsvolle Auswahl.
Sie stellte ihren Wagen ab, dann ging sie durch eine Passage zur Ladenstraße und wollte sich nach rechts wenden. Doch ihr wurde der Weg versperrt. Polizisten riegelten die gesamte Fußgängerzone mit Trassierband ab! Gleichzeitig wurden die Passanten, die sich innerhalb der Sperrzone befanden, genötigt, diese schnellstens zu verlassen. Jenseits davon, wo die Straße verlief, die Lucie eben noch heruntergefahren war, sammelten sich Polizeiautos aller Art. Auch dort wurde die Straße gesperrt, zunächst bei der Ampel, nachdem man letzte Wagen durchgelassen hatte, dann vermutlich am oberen Ende der abschüssigen Bismarckstraße, weil keine weiteren Autos mehr auftauchten, außer einem Einsatzfahrzeug, dem ein Polizist mit einem Hund entstieg. Mehr bekam Lucie nicht mit, weil sie von einem Trupp Schüler ins Abseits gedrängt wurde.
Andere Passanten entfernten sich zügig, die Schüler wollten neugierig bleiben und wurden von einer Polizistin zurechtgewiesen.
»Geht bitte, zu eurer eigenen Sicherheit.«
Lucie kämpfte sich zu der Frau durch. »Was ist denn passiert?«
»Wir haben eine Bombendrohung für das Antiquariat.«
»Oh.« Lucie schluckte perplex. »In Schleswig?« Das passte eher in ihre Heimatstadt Hamburg! »Von wem denn?«
»Gehen Sie bitte.«
»Ich bin mit einem Bekannten im Antiquariat verabredet.«
»Dort ist niemand mehr außer dem Einsatzteam.«
»Aber …« Suchend schaute sich Lucie um, ohne eine Spur von Ragnar zu entdecken. War er davongegangen, ohne auf sie zu warten? Oder befand er sich am unteren Ende des Capitolplatzes, der ebenfalls abgesperrt worden war? Dort standen Schaulustige, aber Lucie bemerkte niemanden, der Ähnlichkeit mit Ragnar hatte.
Blieb noch die andere Seite der querenden Bismarckstraße. Auch dort trieben sich Neugierige herum. Lucie ging auf Umwegen hinüber, fand Ragnar jedoch nicht, obwohl die Schaulustigen sich etwas verliefen, weil sich beim Antiquariat nichts tat. Nur der Hund kam heraus und Lucie gewahrte Kommissar Bendixen, der mit dem Hundeführer und anderen Einsatzkräften sprach. War er auch für Bombenattentate zuständig, nicht nur für Tötungsdelikte?
Ihr Inneres zog sich zusammen. Tötungsdelikte … Bendixen hatte sie nach Fenjas Selbstmord routinemäßig befragt, jetzt kümmerte er sich um die Bombe. Schleswig war ein heißes Pflaster …
Ragnar war fort, eindeutig, darum gab Lucie die Suche nach ihm auf, weil ihr in der Nähe des abgesperrten Bereichs unheimlich zumute war. Wer wusste schon, wie groß diese Bombe war – wenn sie denn existierte. Bendixen und die Polizisten hatten nicht sonderlich aufgeregt gewirkt. Trotzdem, sicher war sicher.
Grübelnd marschierte Lucie zu ihrem Auto zurück, wo sie feststellte, dass plötzlich Rushhour im Parkhaus angebrochen war. Die Leute, die aus der Stadt vertrieben worden waren, wollten natürlich alle auf einmal vorzeitig nach Hause. Missmutig reihte sich Lucie in die Schlange ein und schaffte es gerade eben, zum Ende der Mittagspause wieder im Büro zu sein. Das Tagebuch war sie nicht losgeworden.
***
Petra, Tjark und die anderen Kollegen zeigten sich schockiert über Lucies Schilderung der Bombendrohung. Inzwischen wurde darüber auch in den Regionalnachrichten im Radio berichtet, und gegen drei Uhr hieß es, die Sperrungen seien aufgehoben worden, weil man keine Explosivkörper gefunden hatte.
»Na, Gott sei Dank.« Petra schlug die Hände zusammen, während Tjark vor sich hinmurmelte, als wäre im Kragen seines Rollis ein Mikrofon versteckt.
»Explosivkörper, klingt das harmloser als Bombe?«
»Habt ihr häufiger solche Aufregungen in Schleswig?«, fragte Lucie.
»Natürlich nicht. Das ist das verschlafenste Nest, das du dir vorstellen kannst.« Tjark träumte davon, nach München zu ziehen, wie er seinen Kollegen nicht müde wurde, unter die Nase zu reiben. Aber dabei blieb es, vielleicht weil er wusste, dass er viel zu bequem war, um sich wirklich dem hektischen Großstadtbetrieb zu stellen.
»Ihr habt doch sicherlich auch manchmal Gewaltverbrechen«, meinte Lucie.
»Natürlich, da gab es ein paar Morde – vor etlichen Jahren wurde ein Arzt von einem Patienten umgebracht, und dann gab es eine ziemliche Aufregung in einem Altenheim namens Odinshöh, das unweit von Schleswig steht. Vor ein paar Monaten war ebenfalls Trouble in den Schleidörfern, der ordentlich Wellen geschlagen hat …«
»Ein Scharfschütze hatte es auf einsame Spaziergänger abgesehen!«, warf Petra augenrollend ein.
