Zur Hölle mit den Wanderfalken - Walter Wolter - E-Book

Zur Hölle mit den Wanderfalken E-Book

Walter Wolter

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Beschreibung

Bruno Schmidt und die "reisenden Krieger" - sein bislang riskantester Auftrag In einer saarländischen Garnisonsstadt wird ein Bundeswehrsoldat ermordet. War es Rache von Fallschirmjäger-Kameraden? Ein Fememord?- Die Kriminalpolizei steht vor einem Rätsel. Privatdetektiv Bruno Schmidt nimmt die Spur auf - und trifft auf Männer, die er sich in seinen kühnsten Träumen so nicht vorgestellt hätte: Söldner, eiskalte "Hunde des Krieges", die für Geld töten - egal wen, egal wo. In einem geheimen Camp im deutsch-französischen Grenzgebiet trainieren sie ihr blutiges Handwerk, mit dem sie in Afrika Tod und Verderben verbreiten. Bruno, der bald in Teufels Küche gerät, versteht die Welt nicht mehr, als in diesem Dunstkreis männlicher Brutalität eine verlockende Frau auftaucht.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2005

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Walter Wolter Zur Hölle mit den Wanderfalken

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Walter Wolter Zur Hölle mit den Wanderfalken

Impressum

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Gollenstein Verlag, Saarbrücken

www.gollenstein.de

eISBN: 978-3-956330-29-2

ISBN: 978-3-935731-35-3

Fremde Krieger

Die Tropensonne schien wie durch Milchglas. Vor der klebrigen Hitze gab es kein Entkommen, auch nicht im Schatten. Unter der Plane des Militärlasters fiel das Atmen schwer. Kurz zuvor waren Leichen auf der Ladefläche transportiert worden. Der süßliche Geruch stand noch in der stickigen Luft. Schwarze Fliegen brummten ziellos umher. Wo die Verschnürung der tarngefleckten Plane sich gelöst hatte, war waagerecht ein Spalt entstanden, der den Blick nach draußen freigab. Links war eine lang gestreckte, senfgelb angestrichene Baracke mit zahllosen Einschusslöchern und einem Dach aus Wellblech zu sehen, rechts verlor sich eine bucklige Lehmpiste im Dschungel. Dazwischen, auf dem nackten, ockerfarbenen Platz, drosch ein Rudel schwarzer, schludrig uniformierter Kindersoldaten mit Knüppeln auf einen alten Mann ein, der sich staubbedeckt am Boden krümmte. Mit angezogenen Beinen lag er auf dem Rücken, die dürren Unterarme schützend vorm Gesicht gekreuzt. »Aiihh, aiihh, aiihh«, schrie er mit Fistelstimme, »aiihh, aiihh, aiihh.« Sein helles Hemd hing in Fetzen und auf seiner zimtfarbenen Schlabberhose wuchs ein Urinfleck. Die Schläge prasselten von allen Seiten auf ihn nieder. Seitlich am Schädel rötete sich das graue Kraushaar. Die Buben, ein heiteres, verkommenes Dutzend, keiner älter als zwölf, johlten und lachten mit weißen Zähnen. Einige steckten in Uniformblusen, die ihnen bis an die Kniekehlen reichten, andere trugen löchrige T-Shirts und abgeschnittene Militärhosen. Die meisten waren barfuß. Jeder der kleinen Kerle war mit Patronengurten behangen. Ihre verschrammten Kalaschnikows und zwei, drei vorsintflutliche Karabiner hatten sie am Rand des Platzes auf einen Haufen gelegt. Ein Halbwüchsiger, dessen magere, aufgeschossene Figur von einer grünen Uniform umschlottert wurde, feuerte sie mit heiserer Stimme an und fuchtelte mit einer Pistole. An seinem Gürtel baumelten zwei Eierhandgranaten und eine Bierflasche. Einer seiner Gummistiefel war blau, der andere schwarz.

Im Schatten eines Mangobaums neben der Piste standen drei weiße Söldner. Sie trugen grünbraun getigerte Uniformen ohne Rangabzeichen, hatten Maschinenpistolen umhängen, rauchten Zigaretten und unterhielten sich. Die grünen Barette, an denen als Emblem ein mattsilberner Totenkopf über zwei gekreuzten Fairbairn-Dolchen befestigt war, hatten sie auf ihren kahl geschorenen Köpfen verwegen nach vorn gezogen. Alles an ihnen drückte Überlegenheit aus und kalte Professionalität. Die Prügelszene auf dem Platz war ihnen das Hinschauen nicht wert. Ihr offener Jeep, von dessen Rücksitz das Rohr einer Bazooka aufragte, stand schräg auf der Piste.

Der schlaksige junge Schwarze mit der Bierflasche am Gürtel stiefelte zu den Söldnern, straffte sich, presste die Hände an die Hosennaht, stampfte mit dem rechten Fuß auf und machte Meldung. Einer der Söldner, ein hoch gewachsener, sehniger, braun gebrannter Mittdreißiger mit verspiegelter Sonnenbrille und den Kraternarben einer überstandenen Hautkrankheit auf den hohlen Wangen, drehte sich lässig um, machte eine knappe Bemerkung und wandte sich wieder seinen Kameraden zu. Der junge Schwarze brüllte: »Oui, mon capitaine!«, machte zackig kehrt, marschierte wie eine Marionette mit durchgedrückten Knien und eckigen Bewegungen zu den kindlichen Milizionären zurück und schnarrte ein paar Worte auf Kisuaheli. Die Buben schrien wie entfesselt, zerrten den alten Mann hoch und stießen ihn vor sich her. Der Halbwüchsige folgte ihnen. Hinter der Baracke fiel ein Schuss. Die Söldner unterbrachen ihre Unterhaltung nicht.

Aus dem senfgelben Gebäude, das vier leere Fensteröffnungen hatte und eine Dorfschule zu sein schien, drangen ängstliche Stimmen. Als die junge Soldateska zurückkam, lärmend, lachend, feixend, wurde es wieder still unter dem Wellblechdach. Ein Bürschchen mit babyblauem T-Shirt und einem Brotmesser im Lochkoppel ließ seine blutige Hand, die den Penis des alten Mannes umklammerte, über dem Kopf kreisen. Kreischend schleuderte er die Trophäe auf das Blechdach, auf dem sich vor einer Weile erwartungsvoll zwei Kappengeier niedergelassen hatten. Die rotgesichtigen Vögel balgten sich um den Happen.

Der Halbwüchsige wies zwei Buben an, ihre Kalaschnikows aufzunehmen und verschwand mit ihnen, die Waffen vorgehalten wie bei einem Sturmangriff, in der Baracke. Angstschreie und lautes Weinen waren zu hören.

»Allons, c’est fini!« Der Kommandant schlenderte auf den Jeep zu.

Einer seiner Männer, ein bulliger, untersetzter Kraftmensch mit starkem Nacken und einem zwirbelbärtigen, vom Töten gehärteten Landsknechtsgesicht, folgte ihm mit wiegendem Schritt. Der andere zögerte noch. Er war mittelgroß, wirkte durchtrainiert, hatte einen bis weit unter die Mundwinkel reichenden Schnauzbart, ein kantiges Kinn und hellgraue Augen. Lange schien er noch nicht in den Tropen zu sein, denn auf seiner Nase schälte sich die Haut. Während er langsam auf die Fahrerkabine des Lastwagens zuging, behielt er die Baracke im Blick. Die Kindermiliz scharte sich schnatternd um die abgelegten Kalaschnikow-Gewehre.

Am Eingang zur Baracke entstand Bewegung. Zwei Buben zerrten an einem Mädchen, das – halb Kind, halb Frau – einen Kopf größer war als sie. Der Halbwüchsige griff ein, trat der Widerstrebenden gegen die Beine und trieb sie hinaus. Mit beiden Händen hielt sie ihren roten Wickelrock zusammen. Schon auf den ersten Metern verlor sie ihre Plastiksandalen. Die kleinen Häscher hingen wie Wildhunde an ihr und brachten sie vor den Füßen des Söldners zu Fall. Außer sich vor Angst schaute sie zu ihm hoch und bettelte um Schonung.

»Was haben wir denn da für eine Gazelle?« Der Söldner sprach deutsch.

Die junge Schwarze umklammerte seine Schnürstiefel, drückte ihren Kopf mit den kurzen krausen Haaren gegen seine Unterschenkel und klagte mit heller Stimme.

»Patrice, sieh dir das mal an!«, rief der Söldner über die Schulter.

»Olàlà! Une belle conasse!«, erwiderte der Kommandant, der bereits im Jeep saß. »Ein schönes Flittchen! Immer dasselbe mit dir, mon ami! Eh bien! Tu as des préservatifs?«

Die Buben kicherten und drängten sich zusammen. Der Halbwüchsige sah den Söldner fragend an.

»Patrice!« Der Söldner hatte eine laute, rasselnde Kasernenhofstimme. »Sag, was heißt ausziehen auf Französisch?«

Der Kommandant grinste und bedeutete dem breitschultrigen Söldner, der neben ihm hinterm Lenkrad des Jeeps saß, er solle den Motor abstellen. »Allez! Déshabillez la poulette!«, rief er leutselig. »Los, zieht das Hühnchen aus!«

Der Halbwüchsige befolgte den Befehl mit sichtlichem Vergnügen. Einen Fuß auf den Rücken der jungen Frau gestellt, löste er ihre Hände von den Stiefeln des Söldners und bog ihre Arme zurück. Sie schrie und weinte und ließ den flehentlichen Blick nicht von dem weißen Mann, während ihr zwei Buben den Wickelrock und die gelbe Bluse vom Körper rissen. Ihre dunkle, blanke Haut glänzte. Als sie erkannte, dass von dem weißen Krieger keine Hilfe zu erwarten war, sondern das Gegenteil, verstummte sie. Die kalten Augen des Söldners ließen keinen Funken Hoffnung aufkommen. Beim Anblick des jungen Frauenkörpers begannen sie zu flackern und im rechten Mundwinkel entstand ein Zucken. Unaufhaltsam übernahmen Hormone die Herrschaft über den Mann. Aus der Balgtasche seiner Uniformhose zog er zwei Lederschnüre. Der Halbwüchsige schien das Signal zu kennen. Er lachte beflissen und riss die Zusammengekauerte hoch. Sie wollte nicht stehen bleiben und sackte wieder auf die Knie. Er schrie sie an. Die beiden Buben, die ihm schon beim Entkleiden des Opfers geholfen hatten, gingen ihm zur Hand. Zusammen schleiften sie die Jugendliche zum Lastwagen. Der Söldner kam mit starrem Gesicht hinterher, nur sein Mundwinkel zuckte unaufhörlich. Mit den Lederriemen zurrte er ihre Handgelenke weit auseinander an zwei Ösen der Seitenklappe fest, grätschte ihre Beine, indem er von hinten seinen Oberschenkel dazwischendrängte, öffnete das Koppelschloss und ließ seine Hose herunter. Während er die junge Frau mit wilden Stößen vergewaltigte, schlug er ihr mehrfach mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

»Na, wie ist es?«, fragte er stöhnend.

Sie keuchte mit zusammengebissenen Zähnen, bis sich ihr Peiniger röchelnd entlud. Abrupt trennte er sich von seinem Opfer und zog die Hose hoch. Sein Gesicht war entspannt.

»Das war nötig«, rief er seinen Kameraden zu, die dem Vorgang belustigt zugeschaut hatten, »jetzt ist mir wohler.«

Einer der Milizbuben erklomm die Ladefläche, kroch unter der Plane durch, wühlte emsig zwischen Buschmessern und Munitionskisten, warf eine Axt hinaus und sprang hinterher. Andere hatten derweil einen Hauklotz organisiert, den sie aufgeregt schwatzend auf den Platz rollten. Auf ein Kommando des Halbwüchsigen stellte die zerlumpte Bande sich in Reihe auf. Mit groteskstrammer Haltung und absurdem Führungsdünkel schritt der jugendliche Rottenführer die Front der Kinder ab, blieb vor einem vollwangigen Bengel mit wulstig aufgeworfenen Lippen stehen und legte ihm bedeutungsschwer die Hand auf die Schulter. Auf sein erneutes Kommando kam Bewegung in die Schar. Sie banden die Vergewaltigte los und zerrten sie zum Hauklotz. Sie wehrte sich kaum. Aus der Baracke drang ein dünner Jammerton, der in einem leidvollen Winseln verebbte. Dann war es still. Atemlos still. Nur der eintönige Ruf eines Vogels in der Krone des Mangobaums war zu hören. Tütütütütü. Tütütütütü.

In das Gesicht der jungen Schwarzen trat lähmendes Entsetzen, als der Halbwüchsige ihren rechten Arm packte und ihre Hand auf den Hauklotz presste. Der Junge, den er durch Handauflegen dazu bestimmt hatte, führte die Axt. Die junge Frau schrie gellend auf. Ihre Hand hing lose am Gelenk – wie an einer Schnur. Aber die Tortur war noch nicht zu Ende. Der Hieb auf ihr linkes Gelenk war präziser. Die Hand mit den schlanken Fingern fiel zur Erde.

Da preschte der Jeep heran und der Kommandant sprang heraus.

»C’est fini! Es ist Schluss, habe ich gesagt!«, schrie er den Halbwüchsigen wütend an.

Der legte die Hände an die Hosennaht.

»Mon capitaine, j’ai suivi l’orrdre d’serrgent-chef«, sagte er in hartem Französisch mit gerolltem R und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Söldner, der die Jugendliche vergewaltigt hatte.

»Ein Missverständnis, Patrice«, sagte der Söldner achselzuckend.

»Têt’ de noix! Dumme Nuss!«, fuhr der Kommandant den verdatterten Halbwüchsigen an und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

Mit einem Handzeichen gab er den Befehl zum Aufsitzen. Für die junge Schwarze, die geschändet, geschockt und entsetzlich verletzt auf der Erde kauerte, hatte er keinen Blick übrig.

Der schnauzbärtige Söldner erklomm die Fahrerkabine des Lastwagens. Mit aufheulendem Motor setzte sich der Jeep an die Spitze. Der Platz leerte sich. Zwei Frauen kamen aus der Baracke gelaufen und knieten sich händeringend neben die Verstümmelte. Die Kindersoldaten rollten die Heckplane des Lastwagens auf und kletterten auf die Ladefläche. Sie rochen nach Blut.

Hopp-tausend, zweitausend, dreitausend…

Die graue Wolkendecke hatte keinen Anfang und kein Ende. Es nieselte unaufhörlich. Dunstschleier hingen über den Wäldern und dämpften die Ockerfarben des Herbstes. Auf der Straße, die in langen Biegungen bergauf durch einen Mischwald zur Fallschirmjäger-Kaserne im saarländischen Merzig führte, röhrte mit defektem Auspuff und geschlossenem Verdeck ein bananengelbes Cabriolet des Typs Peugeot 306. Der nasse Asphalt glänzte.

Die junge Frau am Steuer hatte kupferrote Haare, einen fransigen Ponyschnitt und einen porzellanweißen Teint mit verblassenden Sommersprossen, deren verschwenderisches Gesprenkel auf Wangen und Nasenrücken ihrem Gesicht eine aparte Note gab. In einem gepiercten Nasenflügel glitzerte ein jadegrünes Steinchen.

»Sauwetter!«, sagte sie und drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, in dem noch eine Kippe vor sich hin kokelte. »Ich bin viel zu luftig angezogen.«

Der Mann neben ihr blickte auf ihre nackten Füße in den offenen Schuhen und brummelte etwas. Er hatte eine Boxernase und trug eine abgewetzte Lederjacke.

»Haste was gesagt, Bruno?«

»Du hättest ja Strümpfe anziehen können«, wiederholte er.

»Wenn ich Strümpfe anzieh, is der Sommer vorbei.«

»Wenn der Gockel morgens kräht, ist er wahrscheinlich überzeugt, dass er damit den Sonnenaufgang bewirkt.« Er sah sie grinsend von der Seite an.

»Ich will heut ein bisschen nett aussehen«, entgegnete die Rothaarige.

»Dass Frauen immer frieren müssen, um nett auszusehen …«

»Ach, Bruno! Von Frauen verstehst du so viel wie von Computern, nämlich nichts!«

»Einspruch, Silvi«, sagte Bruno, »ich habe Grundkenntnisse auf beiden Gebieten.«

»Für einen Oldie wie dich sind Grundkenntnisse ’n bisschen wenig, findeste nich?«

»Rotznase«, sagte Bruno.

Er war 45 und damit doppelt so alt wie Silvi. Nach seiner ein paar Kämpfe zu spät beendeten Karriere als Berufsboxer war er Privatdetektiv geworden. Sein unzeitgemäß technologiefreies Büro, auf das ein kleines Messingschild – Ermittlungen / Personenschutz, 1. Stock, B. Schmidt – hinwies, befand sich über einer Vorstadt-Kaschemme namens Blaue Ecke. Inhaber der Kneipe war Brunos einstiger Box-Trainer Paul, der ihn während vieler Profijahre durch Höhen und Tiefen, zuletzt nur noch durch Tiefen begleitet hatte. Der alte Paul war Brunos väterlicher Freund, half ihm über finanzielle Engpässe, wenn die Aufträge für seine Detektei mal wieder so rar waren wie weiße Tiger im Spessart, und ließ ihn gelegentlich Bier zapfen, um ihm die Peinlichkeit des Almosenempfangs zu ersparen. Bevor Silvi in der Blauen Ecke ihren Job als Bedienung begonnen hatte, war Paul die wichtigste Bezugsperson in Brunos Leben gewesen. Freilich war Silvi nicht so überlegt und abgeklärt wie Paul, aber sie war clever – und außerdem eine Frau. Sie liebte Bruno, seit er vor anderthalb Jahren bei einem Ermittlungsauftrag ihren Weg gekreuzt hatte. Bruno liebte sie auch, aber nicht so, wie Silvi es sich wünschte. Obwohl sie regelmäßig mit ihm schlief, wenigstens zweimal die Woche, mal in ihrem Ein-Zimmer-Apartment zwei Straßenzüge entfernt von der Blauen Ecke, mal in Brunos Wohnzelle neben seinem Detektivbüro, gelang es ihr nicht, ihn in ein eheähnliches Verhältnis zu ziehen.

Tausendmal hatte Silvi sich gefragt, woran es liegen könnte, dass sie dem abgehalfterten Faustkampf-Gladiator mit Hang zu Cognac und Poesie nicht auf der ganzen Linie genügte. Sie war hübsch, unbestritten, und es fehlte ihr auch keineswegs an Intelligenz, wenngleich sie aus ihrem Abitur herzlich wenig gemacht hatte. Ihr Sex war mitreißend, voller Hingabe und Phantasie. Wo also lag der Hase im Pfeffer? Nun gut, es gab keine gemeinsamen Ziele. Silvi war in ihrem Leben so viel herumgestoßen worden, dass sie sich nach einem Nest sehnte. Und Bruno? Für eine Dauerbeziehung mit Kind, Kabelanschluss und Hollywood-Schaukel im Reihenhausgarten war dieser Mann sicher nicht der geeignete Partner.

Möglicherweise, so überlegte sie manchmal, konnte sie ihn auch deshalb nicht fesseln, weil sie kein Geheimnis hatte. Und um jetzt noch eins aufzubauen, war es zu spät. Sie war zu geradeheraus. Frauen, die Bruno faszinierten, hatten eine undurchschaubare Aura. Das belebte die Phantasie, gewiss, aber für wie lange? Langjährige Singles, das hatte Silvi in einer Frauenzeitschrift gelesen, haben meist Vorstellungen, die kaum noch ein Partner erfüllen kann.

Dass sie und Bruno zusammen unterwegs waren, war eher die Ausnahme als die Regel, denn außerhalb von Bett und Bierschenke verbrachten die beiden kaum Zeit miteinander. Es sei denn, dass Bruno sie bei einem Auftrag kurzzeitig als Beobachterin einspannte oder, aus welchen Gründen auch immer, mal ins Netz musste. Dann stellte Silvi, die mit Begriffen wie Cache und Proxy, Outlook Express und Netscape Messenger locker umging, neben Hard- und Software auch ihre Medien-Routine zur Verfügung. Brunos alter PC stand seit zwei Jahren verstaubt und unrepariert in einer Ecke seines Büros.

Silvi hatte Bruno hartnäckig bearbeiten müssen, bis er dem Ausflug ins Saarland zugestimmt hatte. Aus freien Stücken eine Kaserne anzusteuern, wäre ihm, der vor gut fünfundzwanzig Jahren mit viel Verdruss und einer Latte von Disziplinarstrafen seinen Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, normalerweise nicht in den Sinn gekommen. Silvi wollte ihren Bruder besuchen, der als Zeitsoldat bei den Fallschirmjägern gelandet war und sie zu einem so genannten Tag der offenen Tür eingeladen hatte. Er war ihr einziger Verwandter – zumindest der einzige Verwandte, den sie kannte. Ihre Eltern waren früh gestorben. Silvi war in einem Heim groß geworden, ihr Bruder Jens hatte seine Kindheit und Jugend bei Pflegeeltern verbracht. Erst als junge Erwachsene hatten die beiden wieder zueinander gefunden. Doch der Geschwisterliebe hatte die lange Trennung nicht geschadet – eher im Gegenteil.

»Bist du nich auch Fallschirmjäger gewesen?«

»Ja.«

»Offizier?« Silvi griff zum Zigarettenanzünder.

»Quatsch! Nicht mal Gefreiter.«

»Das is aber wenig.«

»Ich hab’s nicht so mit Befehl und Gehorsam.« Bruno öffnete das Seitenfenster, schloss es jedoch gleich wieder, weil Wassertröpfchen hereinsprühten. »Wer lässt sich schon gern Tag für Tag einen fremden Willen überstülpen? Nein, danke!«

»Obde Uniform trägst oder nich – irgendeiner sagt dir doch immer, wasde tun sollst.« Silvi machte eine Handbewegung, als werfe sie etwas über die Schulter.

»Der Ton macht die Musik«, sagte Bruno, »und ich lass mich nun mal nicht gerne anschnauzen.«

»Aber Fallschirmspringen, das is doch was Geiles, stell ich mir vor. Da gehörste doch zur Elite.«

»Elite!« Bruno lachte kurz auf. »So fühlt man sich nicht, wenn man sich von jedem Dödel rumkommandieren lassen muss. Ich hab zweimal im Bau gesessen, insgesamt über einen Monat.«

»Weswegen?«

»Weil ich kein gelehriger Hund war.«

In einer lang gezogenen Kurve kam dem Peugeot ein olivgrüner Mercedes-Geländewagen entgegen. Hinter den beschlagenen Scheiben waren schemenhaft die Gesichter der Männer zu sehen.

»Die haben ja Blaulicht aufm Dach!«, stellte Silvi erstaunt fest.

»Feldjäger«, sagte Bruno. »Das sind besonders liebe Menschen. Die fangen dich ein, wenn du länger wegbleibst, als auf deinem Urlaubsschein eingetragen ist. Ich hatte mal das Vergnügen mit diesen Kettenhunden.«

»Hast du echt nur so ’n Scheiß erlebt damals?«

»Nicht nur. Ein paar schöne Lieder hab ich gelernt. Soll ich dir mal eins vorsingen?« Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, intonierte er mit kratziger Stimme: »Auf Kreta bei Sturm und bei Regen, da steht ein …«

»Wieso auf Kreta?«, unterbrach ihn Silvi.

»Im Zweiten Weltkrieg haben deutsche Fallschirmjäger Kreta erobert. Das Lied stammt aus dieser Zeit und ist eigentlich verboten«, sagte Bruno und begann von neuem: »Auf Kreta bei Sturm und bei Regen, da steht ein Fallschirmjäger auf der Wacht. Er denkt ja so gern an die Heimat, da trifft die Feindeskugel ihn bei Nacht.«

»Das reicht!« Silvi schaltete das Radio ein.

»Achtung, jetzt kommt der Refrain!«, begehrte Bruno lautstark gegen Britney Spears auf und sang weiter: »Grüß mir mein Mägdelein, grüß mir mein Mägdelein aus blut’ger Schlacht!«

»Okay, okay«, sagte Silvi beschwichtigend und drehte das Radio leiser, »aber jetzt hörste bitte auf, ja?«

Das Cabrio geriet in die Abgasschwaden eines natogrünen MAN-Zehntonners, der die Steigung hochkroch. Silvi setzte zum Überholen an.

»Du hast dich ja mordsmäßig in Schale geworfen«, sagte Bruno und schnalzte mit der Zunge.

Silvi jagte das Auto mit Vollgas durch den Dieselruß und zog röhrend an dem Transporter vorbei.

»Na, dann mal her mit den jungen Fallschirmjägern!«, stichelte Bruno weiter.

»Bring mich nich auf die Palme!« Silvi klemmte ihre Zigarette zwischen die Lippen und boxte mit zierlicher Faust gegen Brunos Oberschenkel. Sie hatte ihre grünen Augen mit Eyeliner betont, trug ein Rosé-Top mit kesser Schnürung und eine schwarze Dreiviertelhose mit hohen Seitenschlitzen. Ihre schwarze Lederjacke lag auf dem Rücksitz. An Parfum hatte sie nicht gespart.

»Du könntest dir auch mal ’n neues Outfit zulegen, Champ!«

»Hab ich kein Geld zu«, sagte Bruno.

»Willst sagen: keine Lust.«

»Wer zu sich selbst steht, wird unabhängig vom Urteil anderer«, sagte Bruno.

Er stupste sie mit dem Zeigefinger auf die Nase. Sie liebte diese kleine, vertraute Geste, tat aber so, als ärgere sie sich darüber.

»Wart du nur mal ab!«, sagte sie. »Vielleicht gefällt mir ja wirklich einer der Jungs.«

»Muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?« Bruno wirkte zerknirscht.

»Das sollteste grundsätzlich!« Es nervte sie, wenn er sich eifersüchtig gab, denn sie wusste nur zu gut, dass es gespielt war.

Sie blies ihm Rauch ins Gesicht. Er hustete.

»Du mit deiner Qualmerei!«, maulte er. »Wegen dir sterbe ich zwanzig Jahre früher.«

»Is nich so tragisch, Grufti«, sagte sie, »du bist eh schon zu alt, um jung zu sterben.«

Er kniff sie in die Flanke. Das Auto machte einen Schlenker.

»Hör auf, Bruno! Wenn wir mit ’nem Panzer zusammenstoßen, bist du schuld!«

»Die haben hier keine Panzer.«

Über ihnen dröhnte es. Im Tiefflug zog eine Transall vorbei, verschwand hinter einer Waldkuppe und wurde über dem Saartal wieder sichtbar.

»Fahr bitte mal rechts ran, Silvi. Gleich ist es so weit. Absetzhöhe vierhundert. Die Türen des Kotzbombers sind schon auf.«

»Wow«, sagte Silvi und stoppte, »ob Jens da drin is?«

»Fertigmachen … aufstehen … einhaken … überprüfen … vorrücken«, murmelte Bruno erinnerungsversunken. »Hupton. Grünes Licht. Der erste Mann wird abgeschlagen – raus. Glück ab!«

In der Türöffnung der Transall erschien eine Gestalt. Dann fielen die Fallschirmjäger im Sekundentakt wie an einer Perlenkette aus der Maschine. Eine olivgrüne Rundkappe nach der anderen entfaltete sich. Dreißig schwer bepackte Gestalten schwebten vom bleigrauen Himmel.

»Biste auch gesprungen … damals?«

»Achtmal. Einmal nachts.«

»War doch bestimmt geil, oder?« Die Zigarette zwischen den Lippen, griff Silvi nach hinten und fingerte ihr Handy aus der Lederjacke. Nachdem sie zweimal verbunden worden war, sprach sie mit ihrem Bruder. »Ach, du bist … nö, ich dachte schon, du wärst in der Maschine gewesen. Da sind eben welche abgesprungen, weißte. – Wo ich bin? Auf der Kasernenzufahrt. ’n Freund von mir is mitgekommen. Bruno. Hab dir schon von ihm erzählt. – An der Wache? Wo isn das? – Ach so, am Tor. Okay, dann bis gleich!«

Auf der Höhe war der Wald gerodet. Wiesen breiteten sich aus. Hinter einem Metallzaun hoben sich vier triste Häuser mit leeren Fenstern aus dem Dunst. Sie gemahnten an ein Kriegsgebiet, an ein verlassenes Balkandorf, unter dessen Dächern keine Menschenseele mehr zu Hause war.

»Dort trainieren sie den Häuserkampf«, beantwortete Bruno Silvis fragenden Blick.

Zwei Soldaten standen auf der Straße. Einer schwenkte eine rote Kelle und dirigierte Silvi auf eine Wiese, wo sich hinter Absperrbändern in langen Kolonnen die Autos der Besucher reihten.

»Ganz schön was los«, sagte Silvi.

»Unbegreiflich«, sagte Bruno.

Das breite Kasernentor aus grau gestrichenem Vierkanteisen stand weit offen und der rot-weiße Schlagbaum zeigte schräg in den Himmel. Vor der Wache, einem Flachbau mit Frontverglasung, wartete Jens. Bruno sah ihn zum ersten Mal. Er war mittelgroß wie Bruno, allerdings nicht so breit in den Schultern. Sein Gesicht wies unverkennbar auf eine enge genetische Verwandtschaft mit Silvi hin. Dass er rothaarig war wie seine Schwester, war nur zu erahnen, denn um das bordeauxrote Barett herum, an Schläfen und Hinterkopf, war er kahl rasiert. Sein dünnes Oberlippenbärtchen jedenfalls war fuchsrot. Auf seinem gefleckten Kampfanzug prangte das Brustabzeichen der Fallschirmjäger mit silbernem Eichenkranz und zeigte an, dass sein Träger mindestens zwanzig Mal gesprungen war. Jens umarmte Silvi und gab ihr einen Kuss. Vor Bruno salutierte er, dann drückte er ihm die Hand.

»Unteroffizier Witorra«, stellte er sich mit gewohnheitsmäßiger Zackigkeit vor, »hab schon viel von Ihnen gehört, Herr Schmidt.«

»Machen wir’s nicht so formell«, sagte Bruno. »Wir können du zueinander sagen, einverstanden?«

»Aber gern! Ich heiße Jens.«

»Weiß ich«, sagte Bruno. »Du willst uns ein starkes Stück Deutschland vorführen?«

»Eins der stärksten!« Jens lachte.

Das Kasernengelände war weitläufig. Schnurgerade verliefen betonierte Straßen zwischen zweistöckigen, mit riesigen Ziffern nummerierten Blocks und großen, tischebenen Freiflächen. Einen Kontrast zu der sachlichen Nüchternheit bildeten die großen Armeezelte und die hier und dort an Schnüren wie Baldachine aufgehängten Fallschirme, unter denen Zivilisten an Biertischen saßen.

»Was wollt ihr zuerst sehen?«, fragte Jens.

»Schlag was vor!«, sagte Silvi.

»Gut, gehen wir da lang!« Jens streckte den Arm aus. »Drüben ist der Sprungturm.«

Er hatte den Schritt eines jungen Landbriefträgers.

»Nich so schnell«, beschwerte sich Silvi, »ich mach hier keinen Gewaltmarsch.«

Nachdem sie ein Dutzend akkurat aufgereihte Militärfahrzeuge und ein graues, zweistöckiges Funktionsgebäude passiert hatten, rückte – anachronistisch wie ein Belagerungsgerüst aus dem Mittelalter – ein dreizehn Meter hoher Holzturm ins Blickfeld.

»Vor diesem Turm haben manche Rekruten mehr Schiss als vor dem scharfen Sprung«, sagte Jens.

»Versteh ich nich«, sagte Silvi, »aus dem Flieger isses doch viel höher.«

»Eben drum«, sagte Jens. »Wenn du auf dem Turm stehst, siehst du von oben jeden Stein und jeden Grashalm. Und dann hast du exakt das Höhengefühl, das dir sagt: Wenn du da runterspringst, bist du platt. Und dann werden die Knie weich. Wir haben am Sprungturm mehr Verweigerungen als im Flugzeug.«

»Was is denn, wenn einer sich nich traut?« Silvi zündete sich eine Zigarette an.

»Nur wer seine Angst überwindet, eignet sich zum Fallschirmjäger«, sagte Jens und griff nach Silvis Zigarette. »Auf dem Kasernengelände herrscht Rauchverbot, Schwesterchen.«

»Du hast sie wohl nich mehr alle!«, protestierte Silvi und entzog ihren Glimmstängel dem brüderlichen Zugriff, indem sie den Arm wegstreckte. »Das Rauchverbot mag ja für euch Kommissköppe gelten, aber nich für Gäste!«

»Die ändert sich nie«, wandte Jens sich achselzuckend an Bruno.

»Ich weiß«, sagte der.

Ein Zug Soldaten marschierte in Dreierreihe auf den Sprungturm zu, unter dem sich die Regenschirme von gut zwei Dutzend Besuchern aneinander drängten. Bis Silvi, Jens und Bruno ankamen, hatten die Fallschirmjäger bereits das Gurtzeug angelegt und trampelten im Laufschritt die Holztreppen hoch. In der Luke der obersten Plattform tauchte der erste Soldat auf und sprang mit geschlossenen Beinen ins Leere. »Hopp-tausend, zweitausend, dreitausend, viertausend«, brüllte er, dann fing ihn ein heftiger Ruck im Stahlseil auf, das im spitzen Winkel etwa achtzig Meter weit zur Erde führte. Schon kam der Nächste. »Hopp-tausend, zweitausend, dreitausend, viertausend.«

»Lernen die zählen?«, fragte Silvi.

»Das können die meisten schon, bevor sie zu uns kommen«, sagte Jens. »Die zählen aus rein gesundheitlichen Gründen. Beim scharfen Sprung muss man bei viertausend den Öffnungsstoß des Fallschirms spüren.«

»Und wenn nich?«

»Dann stimmt was nicht und man muss Reserve ziehen. Das ist das Päckchen, das die Kameraden vorm Bauch haben.«

»Dann is Fallschirmspringen ja doch ein bisschen gefährlich?« Silvi blickte skeptisch.

»Man kann auch mit Messer und Gabel verunglücken«, sagte Jens.

»Ich würd irre gern mal von diesem Turm springen, Jens. Kannste das für mich arrangieren?«

»Menschenskind, Silvi!« Jens sah Bruno Hilfe suchend an. »Die glaubt, die Bundeswehr sei ein Bungee-Club für Adrenalinjunkies.«

»Diese Schwester ersetzt dir drei Brüder«, sagte Bruno.

»Och, bitte, Jens! Sei kein Frosch!« Silvi wickelte ihren ein Jahr älteren Bruder systematisch um den Finger. Als die Laufkatze des letzten Springers übers Stahlseil gesurrt war, hatte sie ihn soweit.

»Also gut, du Nervensäge, ich werd mal mit dem Zugführer sprechen«, sagte Jens.

Der Zugführer war ein kleiner, drahtiger Oberfeldwebel mit mächtigem Asterixschnauzbart.

»Lässt sich machen«, sagte er knapp und begutachtete Silvi von oben bis unten. »Die junge Dame sieht ja gesund aus, was? Kein Knick im Rückgrat und kein künstliches Hüftgelenk, was? Wenn trotzdem was passiert, geht das auf Ihre Kappe, Unteroffizier. Dass das klar ist!«

»Danke, Herr Oberfeld«, sagte Jens und zwängte Silvi in das natogrüne Gurtzeug, das ein Gefreiter für sie ablegte.

»Nich so fest, Jens!«

»Das kann gar nicht fest genug sein!«, beharrte Jens. »Wenn da zu viel Spiel drin ist, kann’s dir die Knochen durchschlagen.«

Ein Soldat stellte seinen Kampfhelm zur Verfügung. Jens setzte ihn seiner Schwester auf den Rotschopf und regulierte den Kinnriemen.

»Ciao, Bruno!« Silvi zwinkerte ihm zu.

»Guck nicht nach unten, sondern auf den Horizont!«, riet Bruno.

Silvi stieg auf den Turm. Oben erwartete sie der Absetzer.

»Seid ihr fest zusammen, du und Silvi?«, fragte Jens.

»Sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich«, sagte Bruno und behielt die Plattform im Auge. »Über kurz oder lang wird sie den Mann fürs Leben finden.«

»Verstehe«, sagte Jens. »Schade.«

Dreizehn Meter über ihren Köpfen trat Silvi an den Rand der Plattform. Ihr Gesicht unter dem Helm schien noch blasser zu sein als sonst.

»Uaah, ist das hoch!«, rief sie – und sprang.

Mit geschlossenen Augen und einem hellen Schrei auf den Lippen fiel sie in die Fangleinen, verlor ihre Riemchenschuhe und schwebte mit gespreizten Beinen unterm Drahtseil baumelnd der Erde entgegen. Jens fing sie auf und hakte sie los, die Fallschirmjäger johlten, die Zuschauer applaudierten und Bruno sammelte ihre Schuhe ein.

»Das war ’n Kick!« Silvi war noch ganz außer sich und atmete hastig. »Irre geil! Mann, das war really stunning.«

»Du kannst dich ja bewerben«, sagte Bruno und betrachtete verstohlen eine Fallschirmjägerin, die sich plaudernd zu den Besuchern gesellt hatte. Sie hatte ein frisches, rotwangiges Bauerngesicht. Hinter ihrem Barett wippte ein kurzer, blonder Pferdeschwanz. Zu Brunos Wehrdienstzeit vor einem Vierteljahrhundert waren Mädchen in Uniform allenfalls eine mit Sexphantasien durchsetzte Utopie gewesen.

Hundert Meter weiter, an den Tischen der Waffenschau, stellte er abermals fest, dass viel Zeit vergangen war, seit er als »Jäger Schmidt« das gelobte Vaterland gegen den Feind im Osten zu verteidigen hatte. Er wog ein Sturmgewehr G 36 in der Hand, ging in Anschlag und zielte auf eine Baumkrone.

»Was bedeutet denn dieser rote Leuchtpunkt?«, fragte er den Hauptgefreiten hinterm Waffentisch.

»Wo der P-p-p-punkt hinzeigt, schlägt das G-g-g-geschoss ein«, erklärte der Hauptgefreite. »Das ist ein Reff-flexvisier. Hauptsächlich ged-d-d-dacht für den N-n-nnahkampf. Man k-k-k-kann beim Zielen beide Augen offen halten.«

»Da kann man doch kaum noch vorbeischießen«, murmelte Bruno, »wenn ich an mein altes G3 von damals denke …, Mann, das ist ein Unterschied wie zwischen einem Steinbeil und einem Laserschwert.«

»Für dich is ein Steinbeil doch schon die Krone der Technik«, flachste Silvi und boxte ihn auf den Oberarm.

»Sei nicht so biestig!«, maßregelte sie ihr Bruder. »Als Privatdetektiv dürfte Bruno ein bisschen mehr Ahnung von Waffen haben als du.«

»Tief in meinem Schreibtisch schläft ein 38er Revolver«, sagte Bruno, »gut geölt, nie benutzt.«

In der Nähe begann eine Militärkapelle Preußens Gloria zu schmettern. Das Geknatter eines landenden Hubschraubers zerlegte die Marschmusik in Tonfetzen.

»Beim Sportplatz steht ein Gästezelt mit Gulaschkanone«, sagte Jens.

»Hoffentlich gibt’s da auch ’nen heißen Ofen«, sagte Silvi fröstelnd.

Die beiden Männer nahmen sie in die Mitte und sie hakte sich ein. Es war ein Stück zu laufen bis zum Sportplatz.

»Schaut mal dort, die Mini-Panzer«, sagte Silvi und lenkte die Blicke auf vier kleine Kettenfahrzeuge, die in Reihe standen, »wie Spielzeug!«

»Spielzeug? Ha, von wegen!« Jens lachte kurz auf. »So ein Ding kann ganz schön Feuer spucken. Es ist der Waffenträger Wiesel. Der vordere zum Beispiel ist mit dem Flugabwehrsystem Ozelot bestückt. Das sind vier Stinger-Lenkflugkörper, die mit einem Wärmebildgerät …«

»Deine Begeisterung in Ehren«, stoppte Silvi sein Referat, »aber ich tät jetzt lieber was trinken, als über das Zerstörungspotenzial deiner Truppe zu quatschen.«

Vor dem Gästezelt, das die Ausmaße eines Einfamilienhauses hatte, lief eine Nahkampfvorführung ab. Zwölf Soldaten mit ultrakurz geschorenen Köpfen und grünschwarz bemalten Gesichtern gingen wechselseitig aufeinander los, sprangen tretend in die Höhe und deuteten Schläge mit den Handkanten an. Ein drahtiger Stabsunteroffizier, dessen Gesichtskonturen unter der Tarnschminke verschwammen, gab die Befehle.

»Nicht schlecht, die Jungs«, sagte Bruno.

»Das ist die Gruppe von Stuffz Spicher«, sagte Jens, »die üben sogar nach Dienstschluss.«

»Stuffz – was isn das?«, fragte Silvi.

»Stabsunteroffizier«, erklärte Jens, »ein Rang höher als ich.«

»AGM«, sagte Silvi, »weißte, was das heißt? Abkürzungsgeile Militärs!«

»Das ist hier nun mal so«, verteidigte sich Jens, »wir drücken uns knapp aus. Da wird nicht lange rumgeschwafelt.«

Die Nahkampfvorführung schien beendet, jedenfalls gab Spicher keine Befehle mehr. Er hatte Silvi entdeckt, die einzige attraktive Frau im Publikum, und es war offensichtlich, dass er ihretwegen das Programm änderte. Hatte er sich bislang auf kurz und barsch gebellte Regieanweisungen beschränkt, machte er sich nun zum Hauptdarsteller.

»Waffenloses Ausschalten zweier feindlicher Soldaten«, rief er mit rasselnder Stimme, »Gefreiter Lutz und Gefreiter Reimann, Waffen aufnehmen!«

Mit vorgehaltenen Sturmgewehren simulierten die beiden Gefreiten eine Gefangennahme des Stabsunteroffiziers. Dessen Gegenaktion lief dermaßen schnell ab, dass die Einzelheiten den Zuschauern verborgen blieben. Der eine lag bereits entwaffnet am Boden, als Spicher sich den anderen vornahm, seine Waffe seitlich abfing, ihn mit einem Tritt gegen die Innenseite des Kniegelenks zu Fall brachte und den Kampf mit einem angedeuteten Stampftritt gegen den Hals des Liegenden beendete. Die Zuschauer spendeten Beifall. Spicher suchte Blickkontakt zu Silvi und grinste sie an.

»Kommt, wir gehen Suppe fassen!«, sagte Jens mit einem unruhigen Seitenblick auf seine Schwester.

Im Zelt standen Bänke und Biertische und im Hintergrund dampfte es aus den Kesseln der Feldküche, über die ein Spruchband gespannt war: Ohne Mampf keinKampf! Der Erbseneintopf war eine Spur zu salzig und förderte den Bierverkauf. Nach und nach füllte sich das Zelt. Auch der tarngeschminkte Nahkampftrupp mischte sich unter die Besucher. Spicher war nicht dabei.

Jens hatte seine Schwester im hintersten Winkel zwischen sich und Bruno platziert.

»Wir hocken hier wie die Hühner auf der Stange«, beschwerte sich Silvi, »man kann sich nich mal richtig angucken.«

Gegenüber saß ein hutzeliger Opa mit Schiebermütze, die man im Saarland Batschkapp nennt, neben einem jungen Soldaten, augenscheinlich sein Enkel oder Urenkel, und erzählte ihm beharrlich von Kesselschlachten an Don und Donez und von der großen Kälte in der Kalmückensteppe, die ihn drei Zehen gekostet hatte.

Dann kam Stabsunteroffizier Spicher. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und blickte sich um. Die Tarnfarbe hatte er sich aus dem Gesicht gewaschen und das bordeauxrote Barett mit dem blechernen Stoßadler tief in die Stirn gezogen. Er war das Musterbild eines Fallschirmjägers. Von mittelgroßer Statur, wirkte er durchtrainiert und hart, hatte einen bis weit unter die Mundwinkel reichenden Schnauzbart und ein maskulines Kinn. Als seine hellgrauen Augen Silvi gefunden hatten, grinste er und blinzelte ihr zu. Sie lächelte zurück.

»Lass das!«, zischte Jens.

»Hör mal, Brüderchen, ich arbeite als Kneipenbedienung. Da weiß ich, wie man mit Machos umgeht. Außerdem sieht der Kerl nich schlecht aus.« Mit kokettem Lächeln wandte sie sich Bruno zu. »Oder was meinst du, Champ?«

»Durchaus«, sagte Bruno. »Ich glaube, er hält mich für deinen Vater.«

Spicher zwängte sich zwischen den Sitzbänken durch und kam näher. Auf seine getüpfelte Tarnbluse waren auffallend viele Abzeichen genäht.

»Hallo«, sagte er, Bruno mit einem taxierenden Blick streifend, zu Silvi, »wie hat Ihnen die Nahkampfdemo gefallen?«

»Im Krieg müsste gar nich mehr geschossen werden, wenn’s mehr Männer wie Sie gäbe.« Silvi lächelte entwaffnend.

»Wir sind leider nur eine Hand voll Spezialisten«, sagte Spicher geschmeichelt.

»Ein gut einstudiertes Männerballett«, sagte Jens.

»Soll das ein Witz sein?« Spicher war sofort gereizt.

»Im Ernstfall dürfte der Finger am Abzug ein bisschen schneller sein als Springerstiefel oder Handkanten«, sagte Jens ungerührt. »So mir nichts, dir nichts reißt man niemandem eine entsicherte Schusswaffe aus den Händen.«

Spichers Augen verengten sich. Silvi, die von Berufs wegen ein Gespür für Spannungen und Aggressionsstau hatte, startete ein Ablenkungsmanöver.

»Wieso haben Sie mehr Springerabzeichen an der Jacke als die anderen?«

»Das da ist das deutsche. In Gold. Für über fünfzig Sprünge.« Spicher tippte auf die Embleme darunter. »Das französische. Das belgische.« Er tippte auf ein Abzeichen am Ärmel unterhalb der Schulterklappe. »Das amerikanische.« Er tippte auf die linke Brustseite unterhalb des Namensbändchens. »Das Leistungsabzeichen in Gold.« Sein Zeigefinger wanderte wieder zurück auf die rechte Brustseite und tippte auf ein kleines, grün-silbernes Stoffoval mit Eichenlaub. »Das Einzelkämpferabzeichen!«

»Wow!« Silvi spitzte den Mund.

»Das Tragen von mehr als zwei Springerabzeichen ist eigentlich nicht erlaubt«, sagte Jens.

»Eigentlich«, wiederholte Spicher verächtlich, ohne ihn anzublicken. »Es gibt immer Leute, die sich hinter Vorschriften verstecken. Das sind die Typen, die’s nicht mal schaffen, einen Nagel in ein frisches Brötchen zu schlagen!« Zu Silvi sagte er: »Ich muss los. War nett, Sie kennen zu lernen. Vielleicht sieht man sich mal wieder.«

Bruno bemerkte ein leichtes Zucken in Spichers rechtem Mundwinkel.

»Ein Granatenarschloch!«, machte Jens sich Luft, als Spicher außer Hörweite war.

Der Opa mit der Mütze stockte in seinem Monolog über die Kälte in der Kalmückensteppe. Der Rekrut neben ihm grinste das Zeltdach an. Am Nachbartisch drehte ein Pensionär mit schwarzem Lederhütchen sich um, Maßregelung im Blick, bis seine Ehefrau ihn anstieß.

»Dieser Spicher ist ein Rambo«, sagte Bruno. »So einer müsste bei den Fallschirmjägern doch Karriere machen. Weshalb ist er immer noch Stabsunteroffizier? Der ist doch mindestens fünf Jahre älter als du, Jens.«