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Eine arglistige Täuschung. Ein tödlicher Verrat. Eine Liebe, die im Verborgenen überleben muss. München, 1944. Der Krieg legt sich wie ein dunkler Schatten über die Stadt – und über das Leben der achtzehnjährigen Marlene Praysang. Um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu retten, drängen ihre Eltern sie zur Heirat mit dem wohlhabenden Justus von Meulenbach, einem Jugendfreund aus unbeschwerten Tagen. Eine Verbindung, die Sicherheit verspricht. Aber kein Glück. Dann zerreißt ein brennendes Kampfflugzeug den Himmel über dem Familienanwesen. Ein englischer Pilot überlebt den Absturz. Und Marlene trifft eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern wird: Sie versteckt den Feind. Während Bomben auf München fallen und die SS immer näher rückt, beginnt für sie ein gefährliches Spiel. Woche für Woche riskiert Marlene alles, um den verletzten Fremden zu verbergen: vor der SS, vor ihrer Familie und vor ihrem Verlobten. Denn Justus ist nicht der Mann, für den sie ihn gehalten hat. Hinter seinem charmanten Lächeln verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. Als Marlene schließlich die Wahrheit entdeckt, muss sie sich entscheiden: Pflicht oder Liebe. Loyalität oder Verrat. Leben oder Tod. Ein fesselnder historischer Roman über Mut, verbotene Liebe und gefährliche Geheimnisse im Schatten des Krieges.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Eine arglistige Täuschung.
Ein tödlicher Verrat.
Eine Liebe, die im Verborgenen überleben muss.
München, 1944.
Der Krieg legt sich wie ein dunkler Schatten über die Stadt – und über das Leben der achtzehnjährigen Marlene Praysang.
Um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu retten, drängen ihre Eltern sie zur Heirat mit dem wohlhabenden Justus von Meulenbach, einem Jugendfreund aus unbeschwerten Tagen. Eine Verbindung, die Sicherheit verspricht. Aber kein Glück.
Dann zerreißt ein brennendes Kampfflugzeug den Himmel über dem Familienanwesen. Ein englischer Pilot überlebt den Absturz. Und Marlene trifft eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern wird: Sie versteckt den Feind.
Während Bomben auf München fallen und die SS immer näher rückt, beginnt für sie ein gefährliches Spiel. Woche für Woche riskiert Marlene alles, um den verletzten Fremden zu verbergen: vor der SS, vor ihrer Familie und vor ihrem Verlobten. Denn Justus ist nicht der Mann, für den sie ihn gehalten hat. Hinter seinem charmanten Lächeln verbirgt sich ein dunkles Geheimnis.
Als Marlene schließlich die Wahrheit entdeckt, muss sie sich entscheiden: Pflicht oder Liebe. Loyalität oder Verrat. Leben oder Tod.
Ein fesselnder historischer Roman über Mut, verbotene Liebe und gefährliche Geheimnisse im Schatten des Krieges.
Über den kalten Boden krabbeln Asseln, lautlos und unbeirrbar. Sie verschwinden in den Rissen des Betons und tauchen anderswo wieder auf, unbeeindruckt von meiner Anwesenheit. Ich ziehe hastig meine Beine auf die schmale Pritsche und umschlinge sie fest mit meinen Armen. Mein Körper bebt, doch ich zwinge mich, still zu bleiben.
Ich war nicht vorsichtig genug. Dieser Gedanke drängt sich immer wieder unerbittlich und bohrend in mein Bewusstsein. Und nun bin ich hier, eingesperrt in dieser nach Schimmel riechenden, eiskalten Betonhöhle im Wittelsbacher Palais, dem Hauptquartier der Gestapo. Die Verhörräume hier sind Orte systematischer Einschüchterung, Marter und Gewalt gegen Widerstandskämpfer und NS-Gegner. Der Palais ist das berüchtigte Zentrum der Unterdrückung der Geheimen Staatspolizei. Eine Folterfabrik.
Der Gedanke an das, was kommen wird, erscheint mir zugleich unwirklich und erschreckend real. Tröstend wiege ich mich hin und her, während Panik heiß und lähmend durch meinen Magen strömt. In meinem Mund schmecke ich den bitteren Geschmack von Galle. Von Angst.
Dann höre ich Geräusche, zuerst leise und weit entfernt. Ich halte den Atem an. Die Schritte, begleitet von einer fröhlichen Pfeifmelodie, kommen näher. Die Töne hallen fast absurd durch das Betonlabyrinth und verstummen vor meiner Zelle. Ich zucke zusammen, als die Zellentür aufschwingt.
Seine plumpe Gestalt füllt den Türrahmen aus und nimmt mir das wenige Licht, das von draußen hereinfällt. Zwei finstere Augen bohren sich kalt und leer in meine. Seine Mundwinkel sind zu einem dämonischen Grinsen verzogen.
Mit nur drei Schritten ist er bei mir. Seine Hand schließt sich wie ein eiserner Griff um meinen Hals. Ich habe nicht mehr die Kraft, mich zu wehren.
Mein ganzes Leben lang habe ich mich dagegen gewehrt, alt zu sein, als ließe sich die Zeit mit bloßem Willen auf Abstand halten. Es war ein stiller Trotz, den ich mir bewahrt habe. Selbst als die Jahre begannen, sich unaufhaltsam auf meinen Schultern niederzulassen, schichtweise und unerbittlich habe ich daran festgehalten. Noch immer färbe ich mir jeden Monat die Haare kastanienbraun, eine kleine Geste des Widerstands und ein heimliches Abkommen mit meinem Spiegelbild.
Um meinen Geist wach und beweglich zu halten, löse ich täglich ein Rätsel, auch wenn ich mir selbst wohl kaum beweisen muss, dass ich noch da bin. Tägliches Gehirntraining ist in meinem Alter ebenso unverzichtbar wie Bewegung, vielleicht sogar mehr, denn mein Körper verrät mich längst. Doch in letzter Zeit verliert dieser langsam, aber unnachgiebig den Kampf gegen die Zeit, ohne Drama, ohne Hast, aber mit grausamer Konsequenz.
Eine bleierne Ermattung liegt über mir, schwer wie ein Mantel, den ich nicht mehr ablegen kann. Ich bin müde, todmüde. Eine Erschöpfung, die meine Knochen durchdringt und meine Gedanken langsam erstickt.
Für gewöhnlich beginne ich den Tag mit einer heißen Dusche, lasse das Wasser über meinen Rücken laufen und sammle dabei Kraft für die kommenden Stunden, als könnte ich mir für einen Moment meine alte Stärke zurückholen. Heute Morgen jedoch fehlt mir selbst dafür die Energie, sie ist einfach nicht mehr abrufbar. In meinen Pantoffeln schlurfe ich zur Treppe und klammere mich fest am Geländer, fester, als mir lieb ist. Dreizehn Stufen führen nach unten. Dreizehn gewaltige Hürden für eine 93-Jährige, die seit Tagen kaum Schlaf gefunden hat und deren Nächte brüchig geworden sind.
Mein Blick gleitet hinüber zum Treppenlift. Ich zögere kurz und erwäge, ihn ausnahmsweise zu benutzen, ein Zugeständnis, das sich wie eine Niederlage anfühlt. Aber wenn ich stürze und mir die Knochen breche, besteht die reale Gefahr, in ein Altenheim gebracht zu werden, ein Gedanke, der mir den Atem raubt. Ich habe dieses Schicksal bei anderen meines Alters mehr als einmal gesehen, immer aus sicherer Entfernung und mit wachsender Angst. Sie enden in verstaubten Pflegeheimen, in denen es nach Urin riecht, weil das Personal dermaßen überlastet ist, dass es keine Zeit mehr für Menschlichkeit hat, für ein echtes Wort, einen Hauch Zärtlichkeit oder einen liebevollen Blick. Die Bewohner werden hastig versorgt, wenn überhaupt. Nachmittags gibt es einen trockenen Keks zum Kaffee. Eine Geste ohne Trost. Dazu wird eine CD von Michael Bublé aufgelegt, deren sanfte, warme Melodien das Einnicken still und unaufhaltsam beschleunigen. Das Vergessen ist das eigentliche Ziel. Ich hänge zu sehr an meiner Freiheit, an meinem Haus, an meinen Erinnerungen und den Stimmen, die mir in diesen Wänden zuflüstern, um die letzten Jahre meines Lebens auf diese Weise zu verbringen.
Vorsichtig lasse ich mich auf den Sitz des Treppenlifts sinken und umklammere mit meinen faltigen Händen die Armlehnen. Mit einem leisen Summen erwacht die Maschine zum Leben. Möchte sie mich daran erinnern, dass sie noch da ist und verlässlicher als manches Herz? In meinem Haus hat sogar ein Metallgestell eine Seele.
Unten angekommen, hole ich die Zeitung aus dem Briefkasten und schlurfe in die Küche. Jeder Schritt ist bedacht, jeder Schritt ist gezählt. Um der Lethargie entgegenzuwirken, bereite ich mir eine Tasse frischen Ingwertee zu, dessen Schärfe mich wachhalten soll und streiche Feigenmarmelade auf eine Scheibe Toast. Mit meinem Frühstück und der Zeitung lasse ich mich in den Sessel im Erker fallen. Von dort blicke ich seit Jahrzehnten auf den Garten, diesen stillen Zeugen meines Lebens.
Unter der Magnolie liegt ein dichter Teppich aus rotbraunen Herbstblättern, schwer von Vergänglichkeit und stiller Erinnerung; jedes Blatt ist ein Abschied. Der Himmel ist bleigrau und unbeweglich. Ein starker Wind fährt durch die kahl werdenden Zweige und rüttelt auf, was längst müde ist.
Ich gähne. Mein Körper verlangt flehend und eindringlich nach Schlaf, nach dem gnädigen Vergessen. Wenn ich ihm zu dieser Tageszeit nachgebe, verliere ich jedoch meinen Rhythmus und damit ein weiteres Stück Kontrolle. Sie ist alles, was mir geblieben ist. Also schlage ich die Zeitung auf und blättere mechanisch und ohne echtes Interesse durch die Seiten.
Plötzlich bleibt mein Blick an einer Anzeige in der Rubrik „Fundsachen“ hängen. Ich halte den Atem an. Ein Finder bittet den rechtmäßigen Besitzer einer alten Tabakdose, sich zu melden. Meine Augen wandern zu dem kleinen Bild in der Anzeige. Darauf sind zwei alte Schwarz-Weiß-Schnappschüsse zu sehen, unscheinbar, fast beiläufig. Drei Gesichter blicken mir entgegen. Ich kneife die Augen zusammen, schiebe meine Brille zurecht und verschaffe mir so Gewissheit. Spielt mir mein alter Geist jetzt einen Streich, frage ich mich.
Unwillkürlich lege ich die Hand vor den Mund. Tief unter meiner Brust beginnt mein Herz heftig zu pochen, unregelmäßig, fast schmerzhaft, als würde es gegen eine längst verschlossene Tür schlagen. Ich spüre Feuchtigkeit auf meinen Wangen, auf meinen Lippen. Erst nach einem Moment begreife ich, dass es Tränen sind, unaufhaltsam und ungebeten.
Und tief unter der schützenden Rüstung, die ich mir über Jahrzehnte hinweg gegen die Dämonen meiner Vergangenheit Schicht um Schicht sorgfältig und scheinbar unerschütterlich aufgebaut habe, wird mir schmerzhaft bewusst: Ich habe immer gewusst, dass mich meine Geschichte eines Tages einholen würde, zuerst leise, dann mit der Wucht eines längst fälligen Schrittes.
Die strahlende Nachmittagssonne ergießt sich üppig über den gepflegten Rasen des Friedhofs, fast zu verschwenderisch für einen Ort wie diesen, als habe sie sich im Ziel geirrt und weigere sich nun, Zurückhaltung zu üben. Reihen um Reihen von Grabsteinen in allen Formen und Größen ziehen sich durch die Anlage, still nebeneinander, geduldig, ohne Erwartung und ohne Drängen, in einer Zeit jenseits des Vergehens. Die meisten Gräber sind ordentlich geharkt und durch hohe Buchen- und Ligusterhecken voneinander getrennt; dazwischen stehen Rhododendren und dunkelgrüne Eibenhecken. Selbst der Tod wahrt hier die Ordnung einer letzten, stillen Kontrolle.
„Was darf es sein?“
Die ruhige Stimme des Verkäufers am Blumenstand fügt sich nahtlos in die Stille dieses Ortes: gleichmäßig, unaufgeregt, beinahe zeitlos. Auch er fügt sich dem Tempo der Trauer, ein Mann, geschaffen für den Raum zwischen Abschied und Erinnerung, zwischen dem Kommen der Lebenden und dem endgültigen Bleiben der Toten.
„Einen Strauß Sonnenblumen bitte.“
Die Blumen ruhen schwer in meinen Händen. Voller Farbe und mit einer Lebendigkeit, die diesem Ort widerspricht, tragen sie ein Versprechen in sich, das niemand mehr einlösen kann. Am Lageplan bleibe ich stehen, lasse meinen Blick über die Anzeigetafel wandern, obwohl ich den Weg kenne, aber mein Zaudern, das den Weg hinauszögert, ist der leise Versuch, die Zeit zu überlisten.
Wenig später knie ich mich vor dem Grabstein nieder. Der Stein ist kühl, selbst in der Sonne speichert er eine Kälte, die bleibt, unabhängig von der Jahreszeit. Mein Blick gleitet über die Inschrift, jedes Wort ein leiser Stich, klein, aber beharrlich, immer wieder an derselben Stelle.
Jean-Marie Foster.
Geliebter Ehemann, Vater, Bruder.
8. Mai 1958 - 5. Oktober 2005
Heute jährt sich der Tod meines Vaters. Ein Datum, das der Zeit widersteht, unauslöschlich wie eine Narbe. Die Erinnerung an ihn ist brüchig geworden, wie ein altes Foto, das zu oft der Sonne ausgesetzt war. Die Konturen verblassen, das Wesentliche bleibt schemenhaft. Der Klang seiner Stimme, sein Geruch: Beides entzieht sich mir, rinnt mir durch die Finger. Mein Gedächtnis hält behutsam Abstand.
Selbst die Trauer hat an Schärfe verloren. Abgeschliffen und ihrer Zacken beraubt, ist sie handhabbar geworden, ein vertrauter Schmerz mit festem Platz in meinem Leben. Vielleicht stimmt das Klischee tatsächlich, dass die Zeit alle Wunden heilt. Oder sie betäubt sie gerade so weit, dass man weiterleben kann, schwere Zeiten übersteht und funktioniert.
Was bleibt, ist das Schuldgefühl. Still, beharrlich, zuverlässig, unbestechlich. Ein leiser Begleiter. Es sitzt unter meiner Brust wie ein Gewicht, das ich nie ganz ablegen konnte, so aufrecht ich mich auch hielt. Für gewöhnlich schlummert es im Hintergrund, doch manchmal genügt ein Gedanke, ein Geruch, ein Datum und es meldet sich zurück, als wäre es nie fort gewesen.
Ich seufze und fege Herbstblätter vom Grab, kratze etwas Moos weg, stelle die Sonnenblumen in die Vase, in der Hoffnung, auch einen winzigen Teil der Vergangenheit zu ordnen. Ordnung statt Trost, Struktur statt Vergebung. Das Gelb der Blumen wirkt fast trotzig, wie ein stiller Widerspruch gegen das Grau, gegen dieses Endgültige.
Dann mache ich ein Foto und sende es meiner Mutter: Erledigt. Die Grabrechte sind verlängert. Sachlich. Kurz. So wie wir inzwischen miteinander sprechen, vorsichtig, aneinander vorbei, immer darauf bedacht, keine Wunden aufzureißen, die nie richtig verheilt sind.
Sie hatte vorgeschlagen, das Grab räumen zu lassen. Rational, praktisch und typisch für meine Mutter. Obwohl ich selten hierherkomme, konnte ich mich nie dazu durchringen. Solange dieser Ort existiert, existiert auch noch etwas von meinem Vater. Das bilde ich mir zumindest ein. Erinnerung braucht einen festen Platz, einen Anker in der Wirklichkeit.
Mutters Sprachnachricht kommt fast sofort, aber ich höre sie nicht zu Ende. Ich kenne die Worte, den Tonfall, die Bitterkeit, die unterschwellige Anklage. Vierzehn Jahre nach seinem Tod fühlt sie sich noch immer von ihm verlassen. Für sie war sein Selbstmord kein Ende, sondern ein Verrat. Ein Urteil, das sie immer wieder neu fällt und das auch mich jedes Mal trifft, als stünde ich ebenfalls auf der Anklagebank.
Ich sehe auf die Uhr. In anderthalb Stunden werde ich in Grünwald erwartet. Bei Gisbert und Olivia Blankenstein. Im Leben einer anderen, in einer Wirklichkeit, die geschlossener wirkt als meine eigene, stabiler, berechenbarer.
Auf der Autobahn verliert München hinter mir an Kontur. Kilometer um Kilometer gleite ich voran, durchlaufe Stimmungen, lasse eine vergangene Stunde am Grab zurück und nehme sie doch mit.
Meine Freundin Olivia stieß in der dritten Klasse neu zu uns. Es war eine platonische Liebe auf den ersten Blick, diese selbstverständliche Gewissheit aus einer Zeit, in der es noch keine Alternativen gab und Nähe unverlierbar schien. Seitdem sind wir geblieben, was man unzertrennlich nennt. Trotz Entfernungen, Entscheidungen und der leisen Abzweigungen, die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen haben. Heute könnten unsere Leben kaum unterschiedlicher sein.
Olivia besitzt alles, was Stabilität verspricht: einen Ehemann, ein Kind, ein Haus. Dinge von Gewicht, von Dauer, mit Zukunft. Ich habe Bewegung. Geschichten. Und eine Wohnung, so provisorisch wie mein Liebesleben. Nichts davon ist auf Bleiben angelegt. Der nächste Aufbruch steht immer schon im Raum.
Vor ihrer Villa trifft mich der Kontrast jedes Mal neu. Olivias Leben ist weit, hell, aufgeräumt. Meines passt in Kisten, jederzeit bereit zum Weiterziehen, stets zur Flucht geneigt, ohne genau zu wissen, wovor oder für wen.
Mein MINI steht zwischen den teuren Autos wie ein Eindringling: schmutzig, beschädigt, fehl am Platz, wie auch ich mich manchmal fühle: ein Fremdkörper im falschen Film. Der Vorfall von vergangener Woche sitzt mir noch in den Knochen. Die Aggression. Die Steine. Die Erkenntnis, wie schnell man angreifbar wird, wie dünn die Haut der Normalität ist und wie rasch Sicherheit zur Illusion gerinnt.
Ich habe meinen Beruf als Journalistin nie infrage gestellt. Und doch frage ich mich manchmal, wie viel Härte es fordert, um sanft zu bleiben, ohne zu zerbrechen, ohne sich selbst zu verlieren.
Ich tausche Turnschuhe gegen High Heels, eine kleine Verwandlung, wie so oft. Eine Rolle für den Abend. Eine vertraute Maske. Dann gehe ich durch das Haus in den Garten.
Der Garten von Olivia und Gisbert Blankenstein ist so groß wie ein Fußballfeld und wirkt dennoch gezähmt. Vielleicht liegt es am Licht. Die Weite ist entschärft, ihrer Kontur beraubt, jede mögliche Bedrohung ausgetrieben. Stehtische mit strahlend weißen Tischdecken und schwarzen Teelichtern verteilen sich über die Fläche, dazwischen Heizstrahler. Laternen und flackernde Kerzenleuchter tauchen die Dämmerung in ein warmes Gelb, das alles weichzeichnet und für einen Moment glauben lässt, die Welt sei hier genau richtig: rund, abgeschlossen, sicher, frei von Brüchen. Alles wirkt wie aus einem Hochglanzmagazin. Durchdacht. Stilvoll. Perfekt inszeniert. Ein Ort ohne Risse, zumindest ohne sichtbare. Dabei weiß ich, dass Risse selten laut und sichtbar sind.
Neben dem Pool steht eine Bühne für die Band. Schon jetzt ist dort Bewegung, Stimmen, ein erstes Stimmen der Instrumente. Die Gäste haben sich verteilt, sie stehen in kleinen Gruppen, lachen, beugen sich zueinander.
Kellner gleiten zwischen ihnen hindurch, fast geräuschlos. Man bemerkt sie erst, wenn sie wieder verschwunden sind. Sie tragen Tabletts mit Champagner, mit kleinen Häppchen, mit Schalen aus Metall, in denen Austern auf Eissplitter liegen. Alles wirkt aufeinander abgestimmt. Nichts geschieht zufällig. Auch der Genuss folgt einem Plan. Er ist vorbereitet, abgemessen, kontrolliert. Als hätte jemand entschieden, wann Freude zu zeigen ist und in welchem Maß.
Olivia und Gisbert stehen in der Mitte des Gartens und nehmen Glückwünsche entgegen. Dieser Abend gehört ihnen ganz selbstverständlich. Er fügt sich nahtlos in ihr Leben ein, wie eine logische Fortsetzung, eine weitere Bestätigung ihres Gelingens. Olivia trägt ein schwarzes Kleid, das vermutlich ein kleines Vermögen gekostet hat, Gisbert eine beigefarbene Hose mit braun kariertem Sakko. Um seinen Hals ein Satinschal, der ihm das Flair eines selbst ernannten Schlossherrn verleiht, eine Rolle, die er sichtbar genießt.
Ich kichere leise, mehr aus Unsicherheit als aus Belustigung. In meinem grünen Kleid und den Zara-Stiefeln fühle ich mich leicht deplatziert. Der Ton stimmt nicht ganz. Die Sprache auch nicht. Trotzdem gehe ich auf sie zu.
„Delphine! Ma chérie!“ Gisbert breitet die Arme aus und küsst mich auf beide Wangen. Seine Umarmung ist herzlich, routiniert. Nähe aus dem Baukasten, vielfach erprobt.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du Vierzigjähriger.“
„Ja, reib es mir nur unter die Nase.“
Ich überreiche ihm die Flasche Whisky. Auf der Einladung hatte er um Spenden gebeten, doch ich wollte nicht mit leeren Händen kommen. Vielleicht, weil ich mir nie ganz sicher bin, ob meine bloße Anwesenheit genügt. Ob man mich bemerkt, wenn ich nichts beitrage, das man abstellen oder öffnen kann.
„Damit du deinen Kummer hinunterspülen kannst, Gisbert.“
Olivia hakt sich bei mir unter. Ihre Hand liegt vertraut in meiner Armbeuge. Für einen Moment ist alles wie früher. Unbeschwert. Zeitlos. „Schön, dass du da bist, Delphine. Du bleibst doch über Nacht?“
„Ja, gerne.“
„Wunderbar.“ Sie lächelt dieses ruhige, sichere Lächeln, um das ich sie manchmal beneide. Sie weiß, wo sie hingehört. Zweifel scheinen ihr fremd. „Dann können wir uns gemeinsam betrinken.“
Sie reicht mir ein Glas Champagner.
„Auf deinen Vater“, sagt sie und stößt an. „Ich finde es immer noch schade, dass Jean-Maries Todestag genau auf Gisberts Geburtstag fällt.“
Ich hebe mein Glas, halte die Bewegung einen Herzschlag lang fest. „Das macht nichts. An so einem Tag schließe ich mich nicht zu Hause ein.“ Die Worte stehen wie ein Schutzschild zwischen mir und dem, was sie verdecken sollen.
„Olivia, Liebling!“ Eine Dame mit klimpernden Armbändern und einem auffallend faltenfreien Gesicht tritt neben uns. Nur ihr Hals verrät ihr Alter. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem kleinen Jungen, Schatz.“
Während Olivia die Glückwünsche entgegennimmt, lasse ich den Blick über die Gäste wandern. Stimmen, Lachen, das Funkeln der Gläser, alles scheint sich mühelos zu fügen. Ich dagegen treibe langsam aus dem Zentrum hinaus wie eine unsichtbare Strömung, suche nach Anknüpfungspunkten und finde kaum welche. Ein Satellit ohne Umlaufbahn. Bekannte Gesichter sehe ich nicht.
Obwohl Olivia und ich seit der Grundschule befreundet sind, haben wir längst keine gemeinsamen Freundinnen mehr. Unsere Verbindung ist geblieben, fest und vertraut. Alles andere hat sich mit den Jahren leise verschoben.
Nach dem Gymnasium sind wir zusammen in die Wohnung eingezogen, in der ich noch immer lebe. Während ich Journalismus studierte und mir eine Welt suchte, die brannte, entschied sich Olivia für Architektur: Linien, Strukturen, Beständigkeit. Unsere Leben drifteten nicht abrupt auseinander, sondern leise, fast unbemerkt. Wie Kontinente, die sich entfernen, ohne es zu merken, bis die Distanz unübersehbar wird.
Ein Kellner hält uns eine Schale mit Austern hin. Olivia und die alte Dame greifen zu, beinahe gleichzeitig. Ich lehne dankend ab. Schon deshalb, weil ich noch nie eine Auster gegessen habe und heute keinen Bedarf an neuer Unsicherheit verspüre. Nicht an einem Abend, der mir ohnehin fremd und glatt erscheint. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Olivia ihre Auster mit geübter Selbstverständlichkeit schlürft.
Es erstaunt mich immer wieder, wie mühelos sie sich in Gisberts Welt bewegt. Sie muss sich hier nicht erklären. Anpassung bedeutet für sie keinen Verzicht, sondern ein Können. Dieser Ort trägt inzwischen ihre Handschrift ebenso wie die seines Mannes.
Gisbert kommt mit einem Mann im Schlepptau auf mich zu. „Chérie, darf ich dir Egbert vorstellen? Ein alter Freund aus Kirchberg, seit Kurzem auch mein Kollege. Egbert, das ist Delphine.“
Egbert trägt dieselbe nach hinten gekämmte Frisur wie Gisbert, wie so viele „Bertis“ auf dieser Party. Loafer, Hosenträger, ein roter Pullover lässig über die Schultern gelegt. Diese Art von Nachlässigkeit ist hier nicht zufällig. Sie ist gewollt.
„Guten Tag, gnädige Frau. Wie geht es Ihnen?“ Trotz der altmodischen Begrüßung kann er kaum älter als fünfunddreißig sein.
Ich weiß nicht, ob es seine Sprache ist oder der große rote Pickel auf seiner Nasenspitze, doch ein leises Unbehagen regt sich in mir. Ein inneres Zurückweichen. Ein Warnsignal.
„Verzeihen Sie“, sagt er und räuspert sich. „Ich bin etwas abgelenkt von Ihrer Schönheit. Egbert Walheim.“
„Delphine Foster.“ Ich reiche ihm die Hand.
Er nimmt sie, küsst sie. Der Moment dauert einen Takt zu lang.
„Darf ich Sie Delphine nennen?“
„Sicher, denn das ist mein Name.“
„Was machen Sie beruflich?“ In seiner Hand liegt bereits eine Zigarre.
„Ich bin Journalistin beim Münchener Merkur.“
„Ah. Eine rasende Reporterin.“ Er lächelt selbstzufrieden. „Ich bin im Vorstand der MBS-Bank, außerdem investiere ich in Immobilien.“
Mehr sagt er nicht. Oder vielmehr nichts, was mich interessiert. Golf. Ausland. Projekte. Alles fällt in einem Ton, der keinen Widerspruch kennt. Keine Pause. Keine Stille.
Ich nippe an meinem Champagner. Mir fällt auf, dass Egbert meiner Mutter in einer Hinsicht ähnelt: Er spricht, als dürfe es keine Lücken geben. Keine, die man füllen müsste. Und keine, die man aushalten sollte. Keine Stille, die etwas verraten könnte.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich die Dame mit den Armbändern entfernt. Ich fange Olivias Blick auf, halte ihn einen Herzschlag lang fest. Ein stummes Bitten. Ein altes Zeichen.
Sie räuspert sich laut. „Das war meine Nachbarin. Delphine, was ich dich noch fragen wollte…“
Egbert verstummt. Sein Lächeln bleibt stehen wie ein Requisit. Als hätte jemand den Ton abgedreht.
„Hast du schon eine Antwort auf deine Anzeige bekommen? Wegen der Tabakdose mit den Fotos?“
„Nein, bisher nicht.“
„Tabakdose?“ Egbert runzelt die Stirn. Sein Interesse ist bereits verbraucht.
„Ich habe eine alte Kommode gekauft“, erkläre ich. „Mit doppeltem Boden. Darin lagen Fotos. Papa und Mama. August 1940. Ich versuche herauszufinden, wem sie gehören.“
Da ist es wieder, dieses leise Ziehen, wie beim Auffinden der Dose. Die Geschichte hat mich gefunden. Nicht umgekehrt. Sie erhebt Anspruch.
„So findet man also Geschichten“, sagt Egbert.
Ich senke den Blick auf mein Glas. Manche Geschichten wollen nicht gefunden werden. Sie warten. Geduldig. Mitunter gefährlich. Ich frage mich, ob das hier auch der Fall sein wird.
„Nun, Leute, auf einen unterhaltsamen Abend“, ruft Gisbert und hebt sein Glas.
Etwas in mir ahnt, dass dieser Abend mehr ans Licht bringen wird und dass kein Zurück möglich ist.
Ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Das Klingeln des Telefons hallt durch die Räume, schrill und ungeduldig. Ich lasse es weiterläuten. Der Hörer bleibt auf seiner Gabel, ich bringe es nicht über mich, ihn abzunehmen. Durch einen Schleier aus Tränen starre ich auf die Anzeige. Bilder drängen sich vor, ungefragt, ohne Rücksicht. Erinnerungen, die auch nach fünfundsiebzig Jahren nichts von ihrer Schärfe verloren haben. Gerüche tauchen auf, dicht und plötzlich. Ich sehe ihn vor mir, mit seinem rabenschwarzen Haar und diesem Blick, der sich festsetzt. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich blinzele, atme langsam ein und aus und halte mich an den gleichmäßigen Rhythmus meines Atems, als könnte er mich wieder an diesen Ort zurückholen.
Gut Ahlerich, Freitag, 26. Mai 1944
„Auch heute gibt es wieder kein Fleisch, Henri“, seufzt meine Mutter. In ihrer Stimme liegt jene matte Geduld, die sich einst aus Gewissheiten speiste und nun von Tag zu Tag neu errungen werden muss. Mit bedachten, beinahe feierlichen Bewegungen legt sie zwei sorgfältig geschälte, weich gedämpfte Kartoffeln auf meinen Teller. Sie wirken verloren auf dem Porzellan, wie Relikte aus besseren Zeiten.
„Rindfleisch kostet jetzt dreißig Reichsmark pro Pfund. Selbst ein Stück Speck ist zu einem Luxus geworden.“ Sie hält inne, als müsse sie sich sammeln, bevor sie hinzufügt: „Wo sollen wir das Geld dafür hernehmen?“
Wir sitzen im Wohnzimmer, wie so oft, wenn die Stille der Abwesenheit schwerer wiegt als jede Gesellschaft. Der Raum ist mit jener kultivierten Zurückhaltung eingerichtet, die einmal Wohlstand bedeutete: hohe Fenster, durch die das Licht gefiltert fällt, zartrosa Vorhänge, die den Tag milder erscheinen lassen, zwei Korbsessel am Fenster, das Klavier. Unsere ganze Villa gleicht einer Bühne, sorgfältig erhalten, damit der Anschein nicht bröckelt, obwohl die Wirklichkeit längst feine, unaufhaltsame Risse bekommen hat. Sie dringt durch jede Fuge: in die gedämpften Stimmen, in die behutsamen Handgriffe, in das unerklärliche Gewicht des Bestecks, das sich schwerer anfühlt, als es Metall je sollte.
„Es ist nur eine Frage der Zeit, Sunnyi. Bald finde ich wieder Arbeit“, sagt mein Vater. Seine Zuversicht klingt wie eine Beschwörung, als könne allein ihr Klang die Zukunft ordnen.
„Vielleicht keine Führungsposition mehr, aber mit meinem Hintergrund sollte eine Stelle als Leiter der Buchhaltung machbar sein.“
„Das muss ich erst noch sehen.“
Meine Mutter spießt einen Rosenkohl auf, ohne ihm auch nur einen Blick zu gönnen, als sei er eines weiteren Gedankens nicht würdig. Seit Wochen warte ich auf den richtigen Moment, um meinen Eltern von meinen Plänen zu erzählen. Doch immer kommt etwas dazwischen. Jeder Tag legt eine weitere Schicht Vorsicht über mein Herz, bis meine eigenen Gedanken darin gedämpft klingen, als gehörten sie nicht mehr mir.
Ich räuspere mich. „Ich möchte etwas mit euch besprechen.“
Meine Stimme ist fester, als ich erwartet habe. „Jetzt, wo ich mein Abitur in der Tasche habe, möchte ich Modedesign studieren. Ich habe meine Skizzen an eine Dozentin der Modeschule in München geschickt. Sie meint, ich hätte Talent und es wäre schade, nichts daraus zu machen.“
Mein Vater lächelt. „Das ist wunderbar, mein Schatz. Wir wussten immer, dass du Talent hast, aber es ist schön, das von einer Fachfrau zu hören.“
Ich sehe zu meiner Mutter hinüber. Ihr Blick ruht auf mir, nicht warm, nicht streng. Abwägend.
„Derzeit sind alle Bildungseinrichtungen geschlossen, Marlene.“ Ihr Ton macht klar, dass sie diesen Satz für ausreichend hält.
„Das weiß ich.“ Ich halte meine Stimme ruhig. „Aber eines Tages wird das öffentliche Leben wieder beginnen. Die Lehrerin hat mir eine renommierte Privatschule in München empfohlen. Ich weiß, dass das teuer ist. Aber wenn ich mich jetzt schon einschreibe, kann ich anfangen, sobald die Schule wieder öffnet.“
„Du weißt, wie ich darüber denke.“
Sie legt das Besteck beiseite. „Studieren ist schön, wenn man das Geld dafür hat, aber notwendig ist es nicht.“ Ihr Blick bleibt fest auf mir. „Denk an deine Zukunft als Frau.“
Ich spüre den alten Widerstand in mir aufsteigen, leise, aber beharrlich. In ihren Worten liegt mehr als Sorge. Da ist eine Ordnung, die keinen Widerspruch vorsieht. Sie legt sich um mich, nicht grob, sondern beständig, wie ein Band, das enger gezogen wird, ohne es zu bemerken.
„Ich bin erst achtzehn“, sage ich. „Für Heirat und Kinder habe ich noch Zeit, Mama.“ Ein Hauch Trotz schwingt mit. „Und wenn ich arbeite, kann ich euch auch finanziell unterstützen.“
Stille breitet sich aus. Meine Mutter tupft sich den Mund mit der Serviette ab. Das Schweigen steht zwischen uns wie ein Gegenstand, den niemand beiseiteschiebt. Ich sehe meinen Vater an, suche in seinem Gesicht nach einem Zeichen.
„Nun ja“, sagt er schließlich. „Die Anmeldung ist unverbindlich, nehme ich an?“
„Ja. Bezahlt werden muss erst, wenn die Ausbildung beginnt.“
Er wendet sich meiner Mutter zu. „Was meinst du, Sunnyi? Wir wollen doch, dass unsere Tochter glücklich ist.“
Ein Seufzer entrinnt ihr, kaum mehr als ein Hauch. „Wir müssen abwarten. Solange dieser Krieg andauert…“ Sie lässt den Satz unvollendet im Raum hängen, wo er sich zwischen uns niederlässt wie Staub auf alten Möbeln. „Danach sehen wir weiter.“
In meiner Brust flackert etwas auf, zart, beinahe furchtsam. Kein Ja. Aber auch kein endgültiges Nein. Ein schmaler Grat, auf dem sich Hoffnung bewegen lässt.
„Danke.“ Das Wort kommt leiser als beabsichtigt.
Ich schiebe den Stuhl zurück und höre das vertraute Kratzen des Holzes auf den Dielen. Ich gehe zu meinem Vater hinüber und presse meine Lippen auf seine Wange. Deine Haut ist kühl, trocken. „Ich habe mich heute mit Cora verabredet.“
Mein Vater lächelt, meine Mutter starrt auf ihren Rosenkohl.
Als ich mich abwende, klebt der Nachgeschmack der Kartoffeln noch an meinem Gaumen: mehlig, fade, nach Entbehrung schmeckend. Doch darunter liegt etwas anderes, das sich nicht mit Worten greifen lässt. Der metallische Beigeschmack von Vorsicht. Von Sätzen, die nie ausgesprochen werden dürfen. Von der leisen, beharrlichen Ahnung, dass Warten in Zeiten wie diesen keine Zuflucht ist, sondern nur eine andere Form des Verlusts.
Eine Stunde später stehe ich mit meiner besten Freundin Cora an der Bar des Coco-Klubs, einem der wenigen Orte, an denen der Krieg für einen Moment nicht zu existieren scheint. Die Luft ist schwer von Musik und Rauch, von Parfüm und Schweiß, von dem verzweifelten Wunsch, dass dieser Abend sich anfühlen möge wie früher. Stimmen überlagern einander, Gläser klirren, der Boden vibriert unter den Schritten der Tanzenden. Alles ist in Bewegung und doch der Raum hält den Atem an.
Seit einigen Jahren kommen Cora und ich jeden Freitag hierher. Wir tanzen, bis unsere Füße schmerzen, bis die Musik uns für ein paar Stunden davon überzeugt, dass es so etwas wie Normalität noch gibt. Aber diese Normalität ist dünn geworden, wie Make-up auf müder Haut: Sie hält nur, bis der Alarm da ist und wir in die Schutzräume müssen.
„Siehst du ihn dort?“ Cora beugt sich zu mir und nickt, kaum subtil, in Richtung Tanzfläche. „Der mit dem roten Pullover und der Brille.“
Ich folge ihrem Blick. Ein schlaksiger Junge steht allein am Rand, bewegt sich unbeholfen zur Musik, als lausche er einem Rhythmus, der nur ihm gehört. Ich kenne ihn flüchtig vom Gymnasium. Ewald. Er trägt seinen Namen wie etwas, das er sich nicht ausgesucht hat.
„Er wohnt in meiner Straße“, sagt Cora leise. „Und er hat mir neulich eine entsetzliche Geschichte erzählt.“ Sie schaudert und spannt ihre Schultern an. „Er behauptet, dass Juden, die verhaftet und in Arbeitslager deportiert werden, dort gar nicht arbeiten müssen.“ Ihre Stimme senkt sich weiter. „Sie werden in Räume gepfercht, die wie Duschen aussehen. Aber aus den Köpfen kommt kein Wasser, sondern Gas.“ Sie sieht mich an. „Glaubst du, dass das auch mit Helene passiert ist?“
Bis Anfang letzten Jahres waren Helene, Cora und ich eine Clique gewesen. Dann war Helene plötzlich verschwunden, zusammen mit ihrer ganzen Familie. Die Haustür ihres Hauses ist heute vernagelt. Kein Licht, kein Geräusch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. An ihre großen, dunklen Augen, an ihr Lachen, das den Raum füllte, bevor man sie kommen hörte. Manchmal steht sie mir einen Atemzug lang wieder gegenüber, so deutlich, dass ich glaube, ich müsste nur die Hand nach ihr ausstrecken. Dann ist sie fort. Zurück bleibt eine Leerstelle, hartnäckig, schwer, unerträglich.
Ich dränge das Bild fast gewaltsam zurück. „Nein“, sage ich hastig. „Das sind nur Gerüchte.“ Ich halte mich an den Worten fest. „So etwas Grausames gibt es nicht.“ Der Satz klingt hohl, noch während ich ihn ausspreche. „Ich glaube, sie sind untergetaucht.“
Ich nehme einen Schluck von der trüben Flüssigkeit in meinem Glas, die als Limonade durchgeht. Sie schmeckt dünn und bitter. Neben verdünntem Ersatzbier ist es das Einzige, was es hier gibt. Der Nachgeschmack bleibt an meiner Zunge haften und ich frage mich, wann genau selbst Getränke angefangen haben, nach Angst zu schmecken.
Cora wechselt abrupt das Thema. „Dreh dich jetzt nicht um“, sagt sie, „aber der Graf schaut dich an.“
„Welcher Graf?“
„Justus von Meulenbach.“ Sie kichert leise. „Britta Greven redet mit ihm, aber er sieht nur dich.“
„Arme Britta“, sage ich.
„Ganz und gar nicht. Das Mädchen ist eine Zicke.“ Cora zieht eine Grimasse. „In der Schule hat sie alle gedemütigt, die ihr nicht gewachsen waren. Vor allem Ewald.“ Dann erstarrt sie. „Oh Gott. Justus kommt auf uns zu.“
Noch bevor ich reagieren kann, höre ich seine Stimme dicht neben meinem Ohr. „Hallo, Schönheit.“
Der Klang trifft mich wie eine Berührung. Mein Nacken wird heiß, als hätte jemand eine Hand dort liegen lassen.
Justus von Meulenbach ist drei Jahre älter als ich und der Sohn eines steinreichen Grafen, der nicht nur Land, sondern auch eine Bank besitzt. Unsere Eltern kennen einander seit Jahren. Als Kinder haben wir manchmal zusammen gespielt, doch in den vergangenen Jahren haben wir diese Besuche nicht mehr begleitet. Dieses Unsichtbare zwischen uns fühlt sich heute dichter an, nicht mehr wie Abstand, sondern wie ein Netz, das man erst bemerkt, wenn es sich um die eigene Brust legt.
Justus wendet sich an Cora. „Du heißt Cora, richtig?“
Sein Blick streift sie nur kurz, gleitet weiter. Mein Herz schlägt schneller, ohne dass ich es will. Cora errötet und nickt.
„Darf ich mir Marlene kurz ausleihen?“
Es ist keine Bitte. Das Wort fehlt und mit ihm jede Möglichkeit, sie abzulehnen. Noch bevor Cora antworten kann, winkt er die Bardame herbei und bestellt eine neue Limonade für meine Freundin. Cora nimmt das Glas entgegen, beinahe dankbar. Dann steht Justus vor mir, streckt mir die Hand entgegen und lächelt. Sein Lächeln ist makellos, kontrolliert, aber unter dieser Glätte spüre ich etwas Hartes. Er wirbt nicht. Er nimmt.
„Tanzen?“
„Ich verspreche dir, dass ich dir nicht auf die Zehen treten werde.“
Seine Augen halten meine fest. Ich finde keinen Platz für ein Ausweichen. Cora nimmt mir das Glas aus der Hand, ihre Augen funkeln. Sie nickt in Richtung Tanzfläche, wo die Band gerade zu einem schnellen Stück ansetzt.
Justus führt mich zwischen den Körpern hindurch. Er bewegt sich sicher, als wüsste er immer schon, wohin er gehört. Jeder Schritt sitzt, jede Drehung ist genau. Ich folge ihm, lasse mich führen, doch je müheloser es wirkt, desto mehr spannt sich etwas in mir an.
Dann wird die Musik langsamer. Ein Schleier legt sich über den Raum.
„Darf ich?“
Seine Hand liegt an meinem unteren Rücken, er zieht mich näher zu sich. Die Berührung ist fest, selbstverständlich. Er sieht mich ununterbrochen an, mit einem Blick, der nicht fragt, sondern prüft. Meine Haut sträubt sich mit Gänsehaut gegen ihn, während mein Körper gehorcht. Hinter mir spüre ich die Blicke der anderen Mädchen, heiß und neidisch. Etwas kippt in mir. Der Gedanke, gesehen zu werden wie ein Gegenstand, der seinen Besitzer gefunden hat, brennt.
„Du siehst atemberaubend aus in diesem Kleid“, sagt er.
„Danke.“ Meine Stimme klingt fremd.
Ich frage mich, ob er diese Worte sammelt wie Spielkarten, ob er weiß, wann er sie ausspielt, wann er blufft. Und mir wird klar: Schönheit ist hier eine Währung. Eine, die den Besitzer wechselt. Die Musik übertönt alles. Nur das ungute Gefühl nicht.
Nach dem fünften Lied führt Justus mich zurück zur Bar. Er bestellt neue Getränke. Seine Hand bleibt einen Moment zu lange auf meinem Arm liegen. In dieser Kürze liegt mehr Drohung als in jedem groben Griff. Sie zeigt mir, wie wenig Kraft er braucht, um seinen Willen durchzusetzen.
Er wirft einen Blick auf seine Uhr. „Entschuldige, ich muss leider gehen. Ich habe heute Abend noch andere Verabredungen.“ Er fährt sich durch das dunkle Haar. „Es war mir ein Vergnügen. Darf ich dich nächsten Freitag zum Abendessen abholen?“
„Freitag geht nicht“, sage ich. „Das ist unser fester Clubabend.“
Cora stößt mich in die Seite.
Justus sieht mich an, amüsiert. Für einen flüchtigen Moment huscht ein Schatten über sein Gesicht. Etwas Kaltes berührt mich. „Dann hole ich dich nächsten Freitag um sieben Uhr ab“, sagt er. „Ich freue mich darauf, Schönheit.“
Er küsst mich auf die Wange und verschwindet in der Menge. Sein Duft bleibt zurück, wie ein Versprechen. Die Gefahr liegt nicht in seiner Nähe, sondern in der Sanftheit, mit der er jede Grenze übersieht.
Ich sehe ihm nach. In meiner Brust breitet sich ein Ziehen aus, das nichts mit Sehnsucht zu tun hat. Es schmeckt nach Vorahnung.
„Freitagabend ist unser fester Clubabend“, äfft Cora mich nach, als er außer Sicht ist. Sie lacht laut auf. „Bist du noch ganz bei Trost? Wenn ich Franz-Josef nicht hätte, würde ich es wissen wollen. Am Samstag will ich jedes Detail hören.“
Ich höre sie kaum. Unter der Musik, unter dem Rauch, unter der Wärme der Körper spüre ich eine Bewegung, die niemand anspricht. Eine Welt zieht sich zusammen, Schritt für Schritt, bis selbst ein Freitagabend nicht mehr sicher wirkt, nur noch wie ein letzter heller Fleck, den die Dunkelheit langsam und unaufhaltsam erreicht.
Trotz meiner widersprüchlichen Gefühle warte ich an diesem Freitag kurz vor sieben in unserem Wohnzimmer auf die Ankunft von Justus. Der Raum öffnet sich weit mit seinen hohen Fenstern zum Garten hin. Noch einmal überprüfe ich im Spiegel über dem Kamin meine rot geschminkten Lippen, in dem stillen Versuch, mit einem letzten Blick etwas festzuhalten, das mir bereits zu entgleiten droht.
„Bist du nervös?“ Meine Mutter kommt ins Wohnzimmer und sprüht mir etwas von ihrem Chanel N°5 hinter die Ohren, ein kostbares Ritual, das heute fast feierlich wirkt, denn normalerweise bewahrt sie das Parfüm außerhalb meiner Reichweite auf.
„Nein, Mama.“ Ich bin neugierig auf Justus, aber Nervosität verspüre ich keine. Ich kann nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht ist, ob Gleichgültigkeit nicht gefährlicher sein könnte als jedes Kribbeln, das man Nervosität nennt.
Wir schauen beide auf, im selben Augenblick, in dem ein dunkles Auto mit einem glänzenden Gastank auf dem Dach vor unserer Auffahrt zum Stehen kommt. Ein Anblick, der uns inzwischen vertraut ist, seit Benzin zu etwas Unzuverlässigem geworden ist. Der Motor verstummt, für einen Moment ist da nur die Stille des frühen Abends. Justus steigt aus. Er geht nicht hastig, nicht zögernd, sondern mit jener ruhigen Sicherheit, die keinen Anlass kennt, sich zu beeilen. Sein Anzug sitzt tadellos, dunkel und glatt, als wäre er eigens für diesen Sommer gemacht worden. In seinen Händen trägt er zwei Blumensträuße und nichts an dieser Geste wirkt bemüht.
Meine Mutter öffnet die Haustür noch, bevor er klingelt. Ihr Gesicht hellt sich auf, als hätte sie ihn kommen sehen, lange bevor das Auto um die Ecke bog.
„Justus, wie schön, dich wiederzusehen.“
Er reicht ihr die rosa Nelken, mir die roten Rosen. Währenddessen gleitet sein Blick über mich, langsam, aufmerksam, ohne Hast. Offen und ruhig, um harmlos zu sein. Ich spüre diesen Blick deutlicher als die Blumen in meinen Händen. Erst danach wendet er sich wieder meiner Mutter zu.
„Schön, Sie auch wiederzusehen, Frau Praysang.“
Sie tritt einen Schritt zur Seite. „Ich wünsche euch viel Spaß, ihr jungen Leute. Und Justus, komm doch bald mit deinen Eltern auf einen Drink vorbei.“
„Sehr gern, Frau Praysang.“
Justus tippt an seinen Hut, eine kleine, altmodische Bewegung, die an eine andere Zeit erinnert. Es ist keine Frage, eher eine stille Übereinkunft. Ich nehme seinen Arm, mehr aus Gewohnheit als aus Entschluss, meine Hand ruht auf dem groben Stoff seines Jacketts.
Arm in Arm gehen wir den Gartenweg entlang, unsere Schritte finden einen vertrauten Rhythmus. Der Abend ist mild, die Sonne steht tief und färbt den Himmel in ein blasses Rosa, das sich zwischen den Hecken verfängt. Eine lauwarme Brise trägt den Duft von Rosen und frisch gemähtem Gras heran. Für einen Moment wirkt alles ruhig, beinahe behütet, auf eine Weise, die nicht recht zu dieser Zeit passen will.
Nach kurzer Fahrt hält Justus am Ufer der Isar. Frösche quaken im Schilf, Grillen zirpen im hohen Gras, darüber liegt eine Stille, so geschlossen, als hätte sie sich eigens für diesen Ort gesammelt. Die Landschaft scheint den Atem anzuhalten. Der Krieg rückt in die Ferne. Gerade deshalb erscheint mir diese Ruhe nicht verlässlich, eher wie etwas Geborgtes, das jederzeit zurückgefordert werden kann.
Justus holt einen geflochtenen Korb und eine karierte Decke aus dem Kofferraum, breitet sie sorgfältig auf dem Gras aus und nickt mir zu. Ich setze mich, glätte mein Kleid und lasse den Blick über das Wasser schweifen, das träge und braun vorbeizieht, hier und da von Silber durchzogen.
Justus zieht eine Flasche Rotwein hervor, dazu zwei Kristallgläser. „Aus dem Weinkeller meines Vaters“, sagt er leise. „Ein Château Larose-Trintaudon, 1926.“ Er sieht mich an. „Dein Geburtsjahr, Marlene.“
Die Worte treffen mich unerwartet. Dass er sich daran erinnert, dass er sich diese Mühe gemacht hat, rührt mich mehr, als ich zugeben möchte.
Er öffnet die Flasche mit geübten Bewegungen, kostet einen Schluck, nickt. Alles wirkt kontrolliert, beinahe zeremoniell. Dann schenkt er mir ein. „Santé, Marlene.“
Unsere Gläser berühren sich mit einem leisen Klang. Ich nehme einen Schluck, mehr um die Pause zu füllen. Der Wein ist weich und rund, mit einem Hauch dunkler Beeren. Wärme breitet sich in mir aus, langsam, wohltuend.
„Ein köstlicher Wein“, sage ich schließlich.
Für einen Moment sagen wir nichts. Die Stille legt sich zwischen uns, nicht unangenehm, aber gespannt. Ich höre den Fluss, die Frösche und irgendwo in der Ferne das Lachen von Kindern.
„Weißt du noch“, fragt Justus, „dass wir früher mit unseren Eltern hier gepicknickt haben?“
Die Erinnerung trifft mich. Ich bin wieder ein Kind auf einer bunten Decke, meine Mutter packt Sandwiches aus. „Ich erinnere mich vor allem daran, dass ich dich für einen verwöhnten, nervigen Jungen hielt.“
Er lacht, tief und herzlich. Ich stoße ihn leicht mit der Schulter an. „Ich höre dich noch sagen: ‚Komm mal her, Marlene. Hier am Ufer sitzen kleine Entenküken.‘“
Er lacht lauter, schüttelt den Kopf. „Und ehe ich mich versah, lag ich in meinem Sonntagsanzug in der Isar. Meine Mutter war außer sich, aber ich konnte ihr ja schlecht sagen, dass du mich gestoßen hattest.“
„Du hast mich nicht verraten?“
„Natürlich nicht. Ich wollte nicht, dass du Ärger bekommst. Ich mochte dich, schon damals. Auch wenn du mich für verwöhnt und nervig hieltest.“
Das Geständnis liegt zwischen uns, zart und kostbar. Ich trinke noch einen Schluck und schaue aufs Wasser, wo die letzten Sonnenstrahlen goldene Linien ziehen.
„Du warst verwöhnt und nervig“, sage ich, aber meine Stimme ist sanft. „Aber auch nett. Auf deine Art.“
Wir sitzen da im schwindenden Licht. Um uns herum legt sich die Dämmerung über die Landschaft. Die ersten Sterne werden sichtbar in einem Himmel, der von Rosa zu Violett wechselt, dann zu einem tiefen, samtigen Blau.
Justus schenkt nach. Für diesen einen Abend lasse ich die Zukunft ungewiss sein, lasse den Krieg in der Ferne bleiben und erlaube mir, einfach nur hier zu sein, neben ihm, am Ufer dieses Flusses.
Sein Blick bleibt auf mir ruhen, länger als nötig. „Aber zumindest hatte ich deine Aufmerksamkeit. Das wollte ich schon damals.“
„Dann hoffe ich, dass ich heute Abend in einem trockenen Kleid nach Hause komme.“
„Keine Sorge.“
Sein Lächeln wird schmaler. „Ich habe inzwischen gelernt, dass Frauen solche Taktiken nicht besonders schätzen.“
Ich schenke mir etwas Wein nach und streiche mein Kleid glatt. Es ist eine kleine, beinahe unbedeutende Bewegung, aber sie verschafft mir einen Moment.
Sein Blick folgt mir. „Was sind deine Zukunftspläne, Marlene? Wovon träumst du?“
„Ich möchte an der Modeschule studieren“, sage ich nach kurzem Zögern. „Danach will ich als Modedesignerin arbeiten. In einer großen Stadt, am liebsten im Ausland. Paris, London oder sogar New York.“ Ich halte inne. „Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich etwas von der Welt sehen.“
„Und die Liebe?“ Seine Stimme ist leise geworden. „Wie passt sie in dieses Bild?“
Ich drehe das Glas zwischen meinen Fingern. „Ich kann nur mit einem Mann zusammen sein, dessen Zukunftsträume zu meinen passen. Mit einem, der kein Problem damit hat, dass seine Frau arbeitet.“ Ich sehe ihn nicht an. „Davon gibt es nicht viele.“
Er rückt näher. Sein Duft, kühl, sauber, legt sich neben den Geruch von Gras und Wasser, ohne sich mit ihm zu vermischen. „Ich verstehe dich, Marlene. Träume sind dazu da, verwirklicht zu werden.“ Ein kaum spürbares Zögern. „Ich selbst würde auch am liebsten fortgehen.“
„Wirklich? Sollst du nicht die Nachfolge deines Vaters bei der Bank antreten?“
Er betrachtet seine Fingernägel, sorgfältig gepflegt. „Im Prinzip schon. Aber da ist auch noch mein Bruder Paul.“ Ein Schatten zieht über sein Gesicht. „Und eine Position in der Bankenwelt kann man überall ausfüllen.“
Ich lasse den Blick über das Wasser gleiten. Es plätschert träge, unbeirrt.
„Stell dir vor“, sagt er schließlich, „du und ich in Paris.“ Seine Stimme wird weicher. „Ein Taxi nach Montmartre. Jakobsmuscheln, Ente, Käse. Danach die Pont Neuf.“ Er sieht hinaus über die Felder, auf denen Löwenzahn im letzten Licht steht. Seine Bilder wirken geschlossen, vollständig, als gäbe es darin keine offenen Stellen.
Ich betrachte ihn aus dem Augenwinkel. Die Abendsonne zeichnet seine Konturen scharf nach, die gerade Nase, den vollen Mund, die hohen Wangenknochen. Er ist schön, ohne Zweifel. Und doch spüre ich etwas in mir, ein leises Ziehen, als hätte ich einen Schritt getan, dessen Richtung mir nicht gehört.
Als er sich zu mir beugt, geschieht es ohne Eile. Seine Lippen berühren meine, warm, nach Wein schmeckend. Seine Hand liegt fest an meiner Hüfte, als wüsste sie genau, wohin sie gehört.
Mein Körper reagiert, kurz, unwillkürlich und zieht sich dann nach innen zurück, still, kaum wahrnehmbar.
Justus küsst mich, als hätte er diesen Moment schon lange mit sich getragen, als wüsste er genau, wie viel Nähe ich zulasse. Seine Lippen sind warm vom Wein, seine Hand ruht sicher an meiner Hüfte. Für einen Augenblick gebe ich mich dem Gefühl hin, dass dies genügen könnte.
Doch irgendwo unter dieser Wärme regt sich etwas Unruhiges, so leise, dass es kaum eine Stimme hat. Eher ein Ziehen, wie eine Erinnerung, die man nicht ganz greifen kann, aber auch nicht loswird.
Als er sich löst, bleibt seine Nähe noch einen Augenblick. „Magst du Filme? Dann nehme ich dich morgen Abend mit ins Theater“, sagt er. Seine Stimme lässt keinen Raum für Widerspruch.
Ich nicke. Tief in mir regt sich eine leise Warnung, kaum mehr als ein Flackern, so leise, dass ich es fast überhöre. Und doch weiß ich, dass sie von Anfang an da war.
„Zwei Karten für ‚Sprich bitte nicht von Liebe‘.“
Justus holt seine Brieftasche aus der Innentasche seines Jacketts, eine selbstverständliche Bewegung, ruhig, kontrolliert, von einer Gelassenheit getragen, die keinen Widerspruch kennt, ohne Eile, mit der stillen Vorannahme, dass der Ausgang dieses Gesprächs längst feststeht.
Ich beobachte diesen Mann, der kaum einen halben Kopf größer ist als ich und von schlanker, beinahe hagerer Statur. Dennoch haftet ihm etwas an, das anderen Respekt einflößt und instinktiv zurückweichen lässt. Flair. Selbstbewusstsein. Oder vielleicht ist es etwas anderes: Kein Lärmen, kein Drängen, sondern eine lautlose Dominanz, eine Selbstverständlichkeit, die keinen Raum fordert und ihn dennoch vollständig besetzt. Eine ruhige, unerschütterliche Gewissheit, mit der er anwesend ist, unausweichlich, unverrückbar. Wenn es nicht seine Herkunft ist, dann die Autorität, die er ausstrahlt. Er ist jemand, der sich überall zu Hause fühlt und dem selten widersprochen wird.
„Das geht leider nicht, mein Herr“, antwortet das Mädchen hinter der Kasse. „Der Saal ist voll. Der Film ist ausverkauft.“
Justus’ Lächeln bleibt stehen. Etwas darin zieht sich zusammen, verhärtet sich unmerklich, verliert jede Freundlichkeit. „Das wird schon gehen.“ Er stützt sich mit einem Ellbogen auf den Tresen und sieht sie durchdringend an, ruhig, ohne Druck, gerade deshalb unerbittlich. „Zwei Karten bitte.“
„Es tut mir wirklich leid, mein Herr, wir sind wirklich ausverkauft.“ Das Mädchen sieht hilflos von Justus zu mir, suchend, hoffend, beinahe flehend, als wartete sie auf ein rettendes Eingreifen. Ich will, dass die Situation sich auflöst. Stattdessen zieht sie sich zusammen, verengt sich, lädt sich auf.
Mir wird unbehaglich zumute. Ich spüre ein Ziehen in der Magengegend, dumpf, warnend, beharrlich. „Justus, das macht nichts. Lass uns ein anderes Mal hingehen“, flüstere ich, zu leise, zu spät.
Er reagiert nicht. Oder er entscheidet sich dagegen. Sein Blick bleibt ruhig, unbeirrbar, frei von Zweifel, frei von Rücksicht. „Rufen Sie bitte Johan“, sagt er. „Ihren Chef.“
Noch bevor das Mädchen reagieren kann, schwingen hinter uns zwei hohe Flügeltüren auf. Ein schmaler Mann, Mitte dreißig, mit buschigen Augenbrauen und lichtem Haar betritt ahnungslos und sichtlich überrascht die Lobby, als sei er aus einer anderen Wirklichkeit hereingestolpert, unvorbereitet, schutzlos.
Justus richtet sich auf. „Johan.“ Ein Lächeln. Warm, verbindlich, gefährlich leicht. „Wie schön, dich zu sehen. Ich habe dich gerade gebraucht.“
Er reicht ihm die Hand. Johan ergreift sie hastig. Justus klopft ihm beiläufig auf die Schulter, eine Geste, die Nähe suggeriert und Überlegenheit verrät, freundschaftlich getarnt, präzise gesetzt und führt ihn ein Stück zur Seite.
Außerhalb der Hörweite wird geflüstert. Kurze Sätze, ruhige Worte, mit einer Schärfe darunter, die ich nicht hören muss, um sie zu spüren. Ich sehe, wie Johans Gesichtsausdruck sich verändert, erst zögerlich, dann ergeben, leer, angepasst. Schließlich läuft er im Trab in den Saal. Wenige Augenblicke später kommt er zurück, zwei murrende Theaterbesucher im Schlepptau.
Als sie an uns vorbeigehen, senke ich den Blick. Mir ist, als hätte ich einen Raum betreten, der mir nicht zusteht.
Justus’ Hand liegt plötzlich in meinem Rücken. Nicht fest. Bestimmt. Besitzergreifend, ohne zu fragen. „So machen wir das“, sagt er leise, unmissverständlich, endgültig.
Die deutsche Propagandasendung hat bereits begonnen. Die Bilder flimmern grell über die Leinwand, hart, übersteuert, aggressiv, während mir plötzlich bewusst wird, wie vollkommen still es im Saal ist, eine Stille, die sich in meinem Inneren fortsetzt, sich dort ausbreitet. Die Stimmen aus dem Lautsprecher klingen blechern, fremd, unwirklich laut, als gehörten sie nicht in diese Welt, sondern in meinen Körper, der ihnen ausgeliefert ist.
Ich setze mich auf einen der beiden freien Stühle. Die Sitzfläche fühlt sich noch warm an. Jemand ist eben erst aufgestanden, für uns. Ein Platz, der nicht freiwillig frei wurde. Aus den Augenwinkeln sehe ich Justus an. „Andere Leute wegschicken, um einen Platz zu bekommen…“, beginne ich und breche ab. „Das ist nicht richtig.“ Meine Stimme klingt leiser, brüchiger, als beabsichtigt, fast verschluckt von der Dunkelheit.
„Mach dir keine Sorgen.“ Seine Lippen verziehen sich zu einem schmalen Lächeln, kalt, präzise. „Johan schuldete mir etwas.“ Eine kurze Pause, zu bewusst gesetzt, zu kalkuliert. „Außerdem waren es Nazis, die gehen mussten. Die werden heute Abend wohl ein bisschen Mensch ärgere dich nicht spielen.“
„Nazis?“ Ich schlucke. „Woher weißt du das?“
Für einen Moment fällt jede Leichtigkeit von ihm ab. Etwas Verschlossenes tritt an ihre Stelle, hart, abgeriegelt, unzugänglich. „Man sieht es denen an.“
„Wir hätten einfach ein anderes Mal wiederkommen sollen“, murmele ich.
Mein Protest geht in der Eröffnungsmusik des Films unter, verschluckt, ausgelöscht. Justus reagiert nicht. Er starrt wie gebannt auf die Leinwand, reglos, abgewandt, als habe er die Welt neben sich bereits verlassen.
Wir treten später nach draußen und steigen in den Wagen, die Luft ist kühl, der Himmel bereits gedimmt, ein Übergangszustand, weder Tag noch Nacht. Es ist dämmrig, die Konturen der Stadt beginnen zu verschwimmen. Justus’ Leichtigkeit kehrt zurück, rasch, beinahe abrupt, zu mühelos, zu glatt, um glaubhaft zu sein. Er schwärmt von den Schauspielern, von Kamerafahrten und Projektoren, von Licht, Bewegung und Illusion, mit einer Begeisterung, die nichts berührt. Seine Worte prallen an mir ab, finden keinen Halt, keinen Widerstand, keinen Widerhall. Ich wende den Blick ab und schaue auf die vorbeiziehenden Häuser, deren Fenster dunkel bleiben, verschlossen, abweisend, stumm, eine Reihe von Leben, die sich mir entziehen.
Vor meinem Haus hält er an. Er steigt aus, öffnet mir die Tür, zieht mich an sich, selbstverständlich, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Sein Körper ist warm, vertraut, beunruhigend vertraut, zu nah, zu passend, für jemanden, den ich kaum kenne.
„Du und ich“, sagt er leise, nah an meinem Ohr, mit einer Gewissheit, die keinen Zweifel zulässt. „Ich habe immer gewusst, dass es so kommen würde.“ Seine Worte legen sich um mich nicht sanft, sondern geschlossen, umfassend, wie ein Versprechen oder etwas, das längst beschlossen ist, unabhängig von mir.
Er löst sich ein wenig von mir, gerade so viel, dass ich atmen kann. „Was machst du morgen Nachmittag?“
Ich löse mich aus seiner Umarmung, hastig, abrupt. Mit fahrigen Fingern, die mir nicht ganz gehorchen, suche ich nach meinem Schlüssel. Abstand, sage ich mir, ein stiller Befehl, dringlich, unerklärt, auch wenn ich nicht genau weiß, warum.
„Ich habe mich mit Cora verabredet. Danke für heute Abend. Schlaf gut, Justus.“ Ich küsse ihn flüchtig auf die Wange, eine Geste, die mehr beendet, als sie verspricht.
Bevor er reagieren kann, drehe ich mich um und gehe den Gartenweg hinauf, ohne mich noch einmal umzusehen, getragen von dem seltsamen Gefühl, etwas hinter mir zu lassen oder etwas verloren zu haben, das mir genommen wurde.
Obwohl es mir noch fremd ist, spüre ich dennoch dessen Gewicht.
Vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer ziehe ich die Bürste durch mein braunes Haar. Ich beobachte mich dabei, wie man eine Fremde beobachtet: ihre Bewegungen vertraut und doch ohne Nähe, erkannt, aber nicht verstanden. Die Borsten gleiten durch die Strähnen, bahnen sich immer wieder denselben Weg, gleichmäßig, beinahe zärtlich. Doch Trost liegt nicht in dieser Geste. Nur die Wiederholung und das stumme Fortdauern.
Auf dem Frisiertisch steht ein neuer Strauß roter Rosen, den ich gestern von Justus bekommen habe. Ihr schwerer Duft liegt süßlich und schwer in der Luft und legt sich mir um den Hals. Ich ersticke fast daran, wie an der erdrückenden, alles beherrschenden Nähe dieses Mannes.
Seit unserem ersten Date sind Wochen vergangen. Ich zähle sie nicht, aber manchmal denke ich in Tagen, in Begegnungen, in Pausen dazwischen. Es ist, als dehnte sich die Zeit in beide Richtungen, wenn ich versuche, ihn zu verstehen.
Am Morgen nach dem Kinoabend im Theater schrieb er mir. Kaum Worte, nur ein kurzer Satz, eine Entschuldigung. Später sagte er, er sei enttäuscht gewesen, weil der Abend ins Wasser gefallen sei. Es klang beinahe sachlich, als wolle er einen Irrtum berichtigen. Seine Stimme war ruhig, präzise, von jener kontrollierten Milde, die mehr Distanz schafft, als sie überbrückt. Er sprach von Einsicht, von Bedauern, von Verständnis. Wörter, die richtig wirkten, aber nicht lebendig. Ich hörte sie und wusste, dass er sie übt, innerlich, bevor er sie ausspricht.
Trotzdem ließ ich mich überreden. Wir machten eine Bootsfahrt auf der Isar. Das Licht war weich, das Wasser trug uns zögernd vorwärts. In der Bewegung lag etwas Tröstliches, fast Versöhnliches. Für einen Moment glaubte ich, wir könnten irgendwo ankommen, wo nichts von dem zählt, was uns trennt. Er sah mich an, mit dieser Konzentration, die eher Anspruch war als Zuneigung.
Ich erwiderte seinen Blick nicht. Als er mich küsste, tat ich nichts, um ihn aufzuhalten. Es war einfacher, still zu bleiben, mich nicht zu erinnern, dass ich das nicht wollte.
Letzte Woche nahm er mich zu einem Tanzabend mit. Er führte mich durch den Raum, als müsse er mich der Welt zurückerobern. Seine Hand um meine Taille, fest, sicher. Er stellte mich jedem vor: Das ist meine Freundin.
Jedes Mal, wenn er das sagte, fühlte ich, wie das Wort an meinem Inneren schabte. Es gefiel mir nicht.
Ich lächelte, wie man lächelt, wenn man eine Rolle spielt und beobachtete unser Spiegelbild in der Glaswand des Saals: zwei Menschen im Gleichschritt, doch nicht im selben Rhythmus.
Später, auf dem Heimweg, blieb mir das Geräusch der Musik im Ohr, dumpf und nachhallend. Etwas in mir bewegte sich im Gegentakt, klein und leise, wie ein Ruderschlag gegen den Strom.
„Fräulein Praysang?“
Die schüchterne Stimme von Wilma reißt mich aus meinen Gedanken.
„Komm herein, Wilma.“
Sie steckt den Kopf zur Tür herein. „Guten Morgen, Fräulein Praysang.“
Wilma errötet jedes Mal, als sei Scham ihre zweite Haut. Vielleicht liegt es an ihrer Schüchternheit, vielleicht an der Gewohnheit, übersehen zu werden. Sie lebt seit über einem Jahr bei uns, doch es gelingt mir selten, mit ihr zu sprechen, ohne dass Worte an uns abgleiten. Dabei sind wir im gleichen Alter. Wir beide haben gelernt, still zu sein, nur aus unterschiedlichen Gründen.
„Guten Morgen, Wilma.“
Sie streicht sich eine Strähne des blond melierten Haares hinters Ohr. „Ich habe den Frühstückstisch im Salon gedeckt. Ihre Mutter möchte Sie kurz sprechen.“
„Ich komme gleich.“
Ich ziehe den Morgenmantel aus, schlüpfe in das mintgrüne Kleid mit den weißen Punkten, mein eigenes Design, so leicht, so belanglos plötzlich. Wie ein Überbleibsel einer anderen Version von mir. Einer, die glaubte, alles sei noch möglich.
Ich pudere die Schatten unter den Augen, tusche die Wimpern, lege Farbe auf die Lippen. All das, das tägliche Ritual, ist mehr Tarnung als Gewohnheit. Eine kleine Form von Kontrolle über das, was brüchig bleibt. Bevor ich die Treppe hinuntergehe, halte ich inne und atme tief durch.
Im Salon sitzt meine Mutter bereits am Tisch, tadellos, unbeweglich, wie ein altes Porträt. „Guten Morgen, Liebes. Hast du gut geschlafen?“
„Ja, Mama.“ Eine Lüge, glatt und geübt wie eine Unterschrift. „Wo ist Papa?“
„Im Garten. Schon seit Tagesanbruch.“
Es gibt Tage, an denen ich ihn stundenlang dabei beobachte, wie er Beete umgräbt, zögert, wieder von vorn beginnt. Seit seiner Entlassung ist er in dieser Wiederholung gefangen: säen, jäten, harken, räumen. Als ließe sich durch Ordnung begreifen, was im Inneren zerfällt. Früher war er stellvertretender Direktor in der Fabrik meines Großvaters. Dann kamen die Fehler, die vertuschten Verluste, der Sturz. Großvater entließ ihn mit dem Satz, dass ein Mann, der fiel, nicht zweimal gehalten würde.
Seitdem haben wir Schulden. Und diese merkwürdige Abhängigkeit von den Von Meulenbachs. Eine Schuld, über die niemand spricht. Man spürt sie, wie eine feine Erschütterung unter jeder Geste.
Meine Mutter legt die Serviette vor sich, streicht sie glatt. „Marlene, ich möchte etwas mit dir besprechen.“
Mein Körper wird hellwach. Der Ton bedeutet nichts Gutes. Wilma bringt den Tee, leise, bedächtig. Erst als sich die Tür hinter ihr schließt, nimmt meine Mutter das Gespräch wieder auf.
„Gestern Abend, als du bei Cora warst, waren Justus’ Eltern hier.“ Ihre Stimme ist beherrscht und sachlich, als handle es sich um eine Verwaltungsangelegenheit.
Ich reiße ein Stück Brot ab. „Und?“
„Wir haben über euch gesprochen.“
Ich blicke auf.
Sie hält meinem Blick lange stand. „Über Justus und dich. Über eure Zukunft.“
Das Wort klingt fremd, schwer, fast unverschämt in diesem Raum.
„Woche für Woche überschüttet er mich mit Blumen und Geschenken“, erwidere ich leise. „Er nennt mich seine Freundin, noch bevor ich weiß, ob ich überhaupt etwas fühle. Und jetzt sitzen seine Eltern hier und planen unsere Zukunft?“
„Er sorgt sich um dich, Marlene.“
„Er verplant mich“, entgegne ich.
Ein kurzes Schweigen. Mamas Gesicht bleibt undurchdringlich. „Du kannst froh sein, dass er dich so behandelt,“ sagt sie schließlich. „Du bist nicht einfach. Und Justus ist ein guter Mann. Charmant, verlässlich, klug.“
Ihre Aufzählung klingt wie die Klauseln eines Vertrages, nicht wie Zuneigung.
„Ich bin nicht in ihn verliebt,“ flüstere ich. „Ich werde es ihm heute sagen. Es wäre unfair, länger zu tun als ob…“
„Marlene,“ sagt sie nun mit jenem leisen Unterton, den sie benutzt, wenn etwas unwiderruflich wird. „Justus wird dir heute Nachmittag einen Heiratsantrag machen.“
Für einen Augenblick höre ich nichts. Nur das dumpfe Ticken der Uhr, den Klang von Porzellan auf Holz.
„Was?“
Die Luft im Raum verändert sich, dichter, stickiger.
„Er liebt dich, Kind. Und seine Eltern sind bereit, uns zu helfen.“
„Zu helfen?“ wiederhole ich. „Für meine Hand?“
Sie senkt den Blick. „Wir können die Hypothek nicht mehr halten. Wilma arbeitet ohne Lohn. Dein Vater…“ Sie bricht ab. Dann leiser: „Es ist der einzige Weg.“
Ich sehe hinaus in den Garten. Mein Vater steht zwischen den Rosenbüschen, den Rücken gebückt, als trüge er eine unsichtbare Bürde.
„Und mein Studium, Mama?“, frage ich.
„Das ist im Moment nicht realistisch.“
Ein Windzug löst die Gardine neben dem Fenster. Für einen Moment sehe ich meine Mutter, dass sie sich gegen ihre eigene Entscheidung stemmt und verliert. Ihre Hand liegt auf meiner, ein Reflex, keine Wärme, kein Trost.
Ich nicke, obwohl etwas in mir zu schreien beginnt. Aber das tue ich nicht. Ich habe früh gelernt, dass Schweigen die Form von Haltung ist, die man von uns erwartet.
Meine Eltern haben entschieden.
Justus hat entschieden.
Ich bin ihre Ware.
Über dem Anwesen der Familie von Meulenbach, etwas außerhalb von Grünwald, liegt ein Licht, das zu hell ist, zu entschlossen, fast herausfordernd. Es mildert nichts, tröstet nichts, legt sich über alles wie ein glänzender Schleier aus Unnachgiebigkeit. Für einen Moment scheint die Sonne selbst Teil dieser Inszenierung zu sein. Strahlend, unerbittlich, ohne Schatten.
Familienmitglieder und Freunde stehen in einem Kreis um Justus und seinen Vater, eine geschlossene Form, ohne Lücken, ohne Ausweg. Meine Eltern stehen dicht neben mir. Meine Mutter zupft einen imaginären Fussel von meinem mintgrünen Sommerkleid, beharrlich, konzentriert, als ließe sich durch diese Bewegung mehr ordnen als nur der Stoff, in der stillen Hoffnung, nicht nur den Stoff, sondern auch mich, meine Haltung, meine Zukunft in Ordnung zu bringen.
Justus trägt einen beigen Anzug. Er steht im Mittelpunkt, sicher, geübt, von seiner eigenen Wirkung überzeugt. Seine Rede verläuft in wohlgesetzten Bögen, die Pausen an der richtigen Stelle, die Witze dosiert, das Lächeln präzise. Alles an ihm ist kalkuliert, selbst der Moment, in dem er scheinbar spontan wird. Er spricht mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel duldet, als trägt dieser Augenblick ihm ebenso wie alles, was folgen wird.
„Mein Vater ist noch jung geblieben, aber sein tatsächliches Alter hält er gern vor der Außenwelt geheim. Also, Vater: Herzlichen Glückwunsch zu deinem fünfzigsten Geburtstag!“
Applaus, Gelächter. Ich lache mit, einen Atemzug zu spät, nur ein Schatten von leiser Zustimmung.
Justus’ Mutter Sonja stimmt „Lang soll er leben
