Zweiklang - Elin Hansson - E-Book

Zweiklang E-Book

Elin Hansson

0,0
14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit dem Tod seiner Mutter lebt Torleif weit weg von seiner Familie in der Großstadt, wo er das Gefühl hat, endlich er selbst sein zu können. Doch als sein Großvater krank wird, muss Torleif zurückkehren – in sein Heimatdorf, wo seine Begeisterung für Musik als "unmännlich" belächelt wird und "schwul" noch als Schimpfwort gilt. Auch sein Vater und sein Bruder interessieren sich mehr für die Elchjagd als für Torleifs Leidenschaft, die Hardangerfiedel. Nur in der Geigenbauwerkstatt des Großvaters und in der örtlichen Musikschule findet er Zuflucht – bis er auf den japanischen Austauschstudenten Horimyo trifft und all die ungesagten Dinge drohen, an die Oberfläche zu treten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Elin Hansson

Zweiklang

Roman

Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels

Liebe Leser:innen, dieses Buch enthält Elemente, die belastend oder triggernd sein können. Dazu gehören: Tod eines Elternteils, Depression, Erwähnungen eines Suizidversuchs, homophobe Beleidigungen und Gewalt. Bitte gebt beim Lesen auf euch acht.

 

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel

Felefeber bei Cappelen Damm AS, Oslo.

Die Übersetzung wurde gefördert von NORLA,

Norwegian Literature Abroad.

Deutsche Erstausgabe

© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2025

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des § 44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

Copyright © CAPPELEN DAMM AS 2023

Übersetzung: Meike Blatzheim und Sarah Onkels

Lektorat: Leonie Teckenburg

Covergestaltung: Katharina Fuchs

Coverillustration © Rune Markhus 2023

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03880-191-7

 

www.arctis-verlag.com

Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag

Hier findest du eine Playlist

mit Songs aus dem Buch!

Heute Abend heißt es Bingo und Booze. Kim und Rada hocken bereits über den Tafeln und haben die Filzstifte gezückt. Ich lächle vor mich hin. Es ist gewissermaßen zur Tradition geworden, mittwochs bei Kåre abzuhängen und dem Moderator dabei zuzusehen, wie er von Runde zu Runde beschwipster wird. Der Geruch von Waffeln, die sie früher am Tag hier in der Studikneipe servieren, hat sich mit dem Duft von Mango-IPA vermischt. Aus irgendeinem Grund kommt mir dabei eine Tanzmelodie, Knepphalling, in den Sinn. Denn es fühlt sich an, als hüpfe und knistere es in mir, wie eine prickelnde Vorahnung, dass etwas Gutes in der Luft liegt.

»Damit stehen unsere Pläne für die Herbstferien, oder?«, fragt Kim über den Tisch.

Ich nicke.

»Bis Donnerstag bleiben wir im Internat und am letzten Wochenende gibt es mit meiner Mum eine Runde Wellness im Spaorama?«

»Ihr bleibt im Internat«, erklärt Rada und verdreht die Augen. »Ich hab ein einwöchiges Date mit Philip.«

Philip ist ihr gigantischer Norwegischer Waldkater. An Ostern war er sogar noch größer als zu Weihnachten vor knapp zwei Jahren. Radas bosnische Großmutter, Bako, hat sich bei der Feier damals in einem fort über den Kater aufgeregt. Sie fand es absurd, dass er im Haus gefüttert und nicht draußen auf Mäusejagd geschickt wird wie ihre Katzen früher.

Die Lautsprecher knistern, und der Moderator, der heute ein ziemlich überzeugendes Elvis-Kostüm trägt, blickt in die Runde.

»Hallo«, sagt er mit gekünstelt tiefer Stimme.

Rada kichert.

Dann dreht er an der kleinen Trommel und präsentiert die rote Kugel, die herauskommt.

»Werte Damen und Herren, los geht’s. B-12! B wie in Blue Hawaii und Zwölf.«

Rada und Kim fallen über ihre Bingo-Karten her.

Aus den Lautsprechern dringt die samtig weiche Stimme des echten Elvis. In der nächsten Sekunde springt mir die Zwölf unten links in der Ecke ins Auge und ich lasse den Filzstift dorthin schnellen. Vielleicht gewinne heute Abend ja ich? Dabei kommt mir jener Montag in den Herbstferien vor zwei Jahren in den Sinn. Plötzlich saßen nur noch wir in der Schulmensa. Wir sahen uns an und verzogen die Gesichter. Es war das erste Mal, dass ich wieder lachen konnte. Abends dann saßen wir in Kims Zimmer, futterten Chips und sahen uns auf Netflix eine Doku über Dolly Parton an, und ich weiß noch, dass ich mich fühlte, als hätte ich im Lotto gewonnen. Niemanden interessierte es, weshalb ich nicht nach Hause gefahren war. Und auch ich habe sie nie gefragt. Im Prinzip haben wir eine Art Pakt: Der Mist von früher kommt nicht auf den Tisch.

»Du Glückspilz«, sagt Rada und stößt mich mit dem Ellbogen an.

»B-63«, verkündet der Moderator, »B wie in Blue Suede Shoes und 63 für das Jahr, in dem ›ich‹ den Film Viva Las Vegas gedreht habe.«

Treffer, diesmal für Rada und mich. Kim rauft sich die roten Locken.

»Waaah. Ich gewinne bei diesem Scheißspiel einfach nie!«, ruft er.

Rada lacht laut auf und drückt ihn an sich.

»Denk an die Herbstferien. Stell dir vor, wie Torleif und du mit deiner Ma im Wellness-Hotel chillt. Mit ein bisschen Glück findest du noch einen Flirt auf Tinder und schon ist die Welt wieder in Ordnung.«

Das Letzte sagt sie mit einem Hauch von Ironie, den nur ich raushöre. Denn es gibt niemanden auf der Welt, der so oft sein Herz verliert wie Kim. In den zwei Jahren, die ich ihn kenne, war er in alles und jeden verschossen, von einem Kellner auf der Fähre nach Dänemark bis hin zu einem Gletscherguide im Jotunheimen-Nationalpark, der absolut eindeutig hetero war. Selbst in mich hat er sich mal verknallt. Aber wir haben relativ schnell festgestellt, dass das nicht passt.

»Danke, Rada«, sagt er und lächelt wieder.

»B-69, Laaadies«, sagt der Moderator mit lasziver Stimme und nimmt einen großen Schluck von seinem Schirmchendrink.

»Yes, endlich!«, ruft Kim und zieht mit dem Filzstift einen Kreis.

Der Moderator hebt daraufhin das Glas und prostet uns zu.

Kim zwinkert zurück und nimmt einen Schluck von seinem Bier.

»In der Pause geh ich rüber und frag ihn, ob er tanzen will«, sagt er grinsend.

Wenn ich etwas an Kim bewundere, dann ist es sein Selbstvertrauen. Er hat keine Scheu, sich zu blamieren. Hier in der Stadt würde ich es vielleicht noch hinkriegen, jemanden anzuquatschen, der mir gefällt – wenn es denn wen gäbe –, aber zu Hause ist es undenkbar. Bei dem Gedanken an mein Heimatdorf – ich will den Namen gar nicht in den Mund nehmen, nennen wir es einfach Alt-Säckingen – schüttelt es mich. Abgesehen von Opa, Goffa, wie ich ihn im Dialekt nenne, mit seiner Hardangerfiedelwerkstatt vermisse ich niemanden aus dem Dorf. Mein Herz bebt für einen Moment, als ich an ihn denke. Als hätte ich die Haare am Geigenbogen zu fest gespannt und die hölzerne Stange drohe zu brechen. Ich weiß nicht, wieso, aber in der letzten Woche ist sein Name immerzu aufgetaucht. Ich schüttle den Kopf und versuche, mich auf das Spiel zu konzentrieren. Aber dann kommt es, wie es kommen muss: Jemand am Nachbartisch ruft »Bingo«, lange bevor ich auch nur ein halbes Kästchen voll habe.

Anschließend geht Kim auf die Tanzfläche und fordert den Moderator auf, während Rada und ich zuschauen.

»Hängst du nur mit Philip rum oder leistet euch jemand Gesellschaft?«, frage ich.

Rada schüttelt den Kopf.

Ich weiß, dass sie im Sommer was mit irgendeinem Typen hatte, aber ich hab mich nicht getraut, allzu sehr nachzubohren.

»Und was ist mit dir?«, fragt sie und schaut mich an. »Kleine Affäre mit einem Masseur gefällig? Na, wie wär’s?«

Ich lache. Laut.

»Neeee, ist nicht so mein Ding.«

Wir sehen zu Kim, der die Arme um die Elvis-Kopie geschlungen hat und sich an uns vorbeiwiegt.

»Du wartest auf den Richtigen …?«

»Ja, so etwas in der Richtung«, sage ich.

Sie nickt. Und nimmt einen Schluck Bier.

»Lass dir aber nicht zu viel Zeit«, meint sie und ext ihr Glas. »Du weißt doch, wie es heißt: Du darfst sein, wer du bist, wenn du nicht bist, wer du sein solltest!«

Sie dreht sich um und geht zur Bar. Heieiei, jetzt hat sie ordentlich einen sitzen, denke ich. Das ist die einzige Erklärung dafür, weshalb sie ausgerechnet mit Lebensweisheiten aus alten Schlagern daherkommt. Und wieso sollte ich gerade jetzt etwas mit jemandem anfangen? Wir sind im letzten Jahr in der Oberstufe, ich hab unglaublich viel zu tun und ich MUSS es einfach an die Musikhochschule in Oslo schaffen, keine Diskussion. Ich habe schlichtweg keinen Kopf für etwas anderes als die Geige. Punkt.

In der Nacht träume ich, dass ich an einem Folkemusikk-Wettbewerb teilnehme. Der Klang der Geige jedoch ist neu. Die Töne strömen aus ihr heraus. Fallen. Stürzen. Donnern wie der Helvetesfossen, wenn er im Frühling Schmelzwasser trägt. Die Geige singt wie nie zuvor. Als ich fertig gespielt habe, schaue ich auf sie herab. Sofort erkenne ich, welche Geige ich in der Hand halte. Es ist die Meisterfiedel meines Ururgroßvaters. Die bei Goffa oben auf dem Sekretär liegt, für den Fall, dass er hohen Besuch bekommt.

 

Ich wache auf, weil mein Handy vibriert. Ich seufze. Gerne wäre ich länger in dem Traum geblieben. Doch das Telefon liegt auf dem Boden und brummt in einem fort.

Ich drehe mich um und greife danach.

Es ist Vater.

Scheiße.

Nicht dass wir nicht miteinander sprächen. Oh nein. Wir telefonieren jede Woche. Sonntags am Nachmittag. Vor den Nachrichten. Ganz gleich, ob er auf der Bohrinsel ist oder zu Hause. Um diese Zeit ruft er an. Punkt. Daher weiß ich, dass etwas gewaltig nicht stimmt, wenn er sich jetzt meldet.

»Ja?«, sage ich.

»’s geht um Goffa«, sagt er.

Schon sitze ich kerzengerade im Bett.

Mein Herz pocht wie wild.

»Oh.«

»Tallak hat’n Montag gefunn. Er wollt sich nur schnell die Krag schnappen.«

Montag, denke ich, warum zum Teufel haben sie sich nicht früher gemeldet? Aber ich sage nichts, lausche bloß Vaters monotoner Stimme.

»Zuerst dachten wir, er hätt einen zu viel gehoben. Weißte.«

Ich nicke.

Mein Herzschlag dröhnt.

»Aber er hat so ’nen kirren Eindruck gemacht. Gar nich richtig reagiert. Unn dann hat Tallak ’nen Krankenwagen gerufen.«

Ich schweige.

»War ’n Schlaganfall.«

»Oh«, wiederhole ich.

Mir fällt nichts Vernünftigeres ein, was ich sagen könnte, und ich bin damit beschäftigt, so normal wie möglich zu atmen.

»Zum Glück hamse’n noch rechtzeitig behandeln könn.«

Vater zieht am anderen Ende Schleim aus dem Hals hoch. Er klingt dabei wie ein alter Hahn, der seinen Muskelmagen reinigt. Wieso kann er das nicht machen, bevor er anruft? Echt ekelhaft. Und irgendwie kommt das Geräusch durch das Telefon noch näher, als wenn er am Morgen nach der ersten Kippe über der Küchenspüle steht.

»Und jetzt?«, frage ich.

Denn ich vermute, dass er noch etwas anderes will. Vater ruft nie an, ohne etwas zu wollen.

»Aber jetz will er nach Hause«, sagt er.

Ich warte.

»Nur isses so, am Samstag beginnt die Jagdsaison.«

Er lacht verlegen.

Hätte ich mir denken können, als er die Krag, seine Flinte, erwähnt hat.

Vaters Welt dreht sich um die Jagd. Zuerst kommt die Rentierjagd oben auf den Hochebenen Anfang August. Und jetzt die Elchjagd in den Wäldern ums Dorf. Beinahe muss ich lachen. Aber ich reiße mich zusammen. Ich kapiere immer noch nicht, warum er mich angerufen hat.

Also frage ich freiheraus.

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Jemand muss ’n Auge auf’n ham«, sagt Vater. »Sie wollnen nich entlassen, bevor wir wen ham, der sich ummen kümmert, Tøllef.«

Ich zucke zusammen.

So nennt mich kaum mehr jemand, seit ich von dort weg bin. Hier nennen mich alle Torleif, Lehrer*innen wie Mitschüler*innen, mit deutlich hörbarem R und F. Genau wie damals, als ich klein war und sie in der Folkemusikk-Sendung im Radio eines von Goffas Stücken gespielt haben: »… in der Version von Torleif Nystøyl.« Und ich weiß noch, ich war so stolz, dass ich nach ihm benannt bin. Ich, nicht Tallak.

Ich seufze. Weiß, dass ich keine andere Wahl habe.

»’s geht’m schon wieder ganz gut«, redet Vater weiter. »Er ist nur ’n wenig holprig aufn Beinen. Aber sprechen kann er unn ist ganz der Alte. Er hat nach dir gefragt.«

Ich sehe Goffas große graublaue Augen vor mir.

»Wie lange?«, will ich wissen.

Um mich von all den Gedanken abzulenken, die plötzlich in meinem Kopf toben.

»Nur bis Ende der Herbstferien. Morgens unn abends kommt wer vom Pflegedienst. Unn ’ne Tante vonner Gemeinde, so ’ne Ergo-Physio-was-weiß-ich-was. Die kommt montags.«

»Okay«, sage ich. »Aber ich muss erst mit Vegard besprechen, ob ich einfach so abhauen kann. Ich stecke mitten in einem Projekt.«

Das ist gelogen.

Die Projektarbeit über mein Hauptinstrument habe ich gerade erst eingereicht. Auch die fachübergreifende Hausarbeit über Komposition, Musikgeschichte und die Tradition der Hardangerfiedel habe ich ihm gestern geschickt. Aber etwas sträubt sich in mir, das ist bei mir und Vater so. Ihm einfach so seinen Willen zu erfüllen, das bringe ich nicht über mich. Jedenfalls nicht ohne Widerstand. Vielleicht liegt es daran, dass auch ich nie etwas umsonst von ihm bekommen habe. Also nutze ich jeden noch so kleinen Gefallen, um es ihm heimzuzahlen.

»Schreib mir, wennde Bescheid weißt«, entgegnet er kurz. »Ich geh ’ne Runde in’n Wald.«

»Okay«, sage ich. »Bis dann.«

Aber er hat schon aufgelegt.

 

Ich gehe duschen. Mache mir im Zimmer eine Schale Müsli, aber kriege nichts runter. Immer wieder taucht Goffa vor meinem geistigen Auge auf, wie er im Krankenhaus liegt. Goffa, wie er in ein kleines Metallbett gezwängt ist, die Bettdecke wie eine Zwangsjacke um ihn gewickelt. Goffa, wie er barfuß über den Linoleumboden schlurft. Goffa, der am Fenster sitzt und sich nach Hause sehnt. In seiner Werkstatt fühlt er sich am wohlsten. Die Brille auf der Nase, während er mit gekonnter Pinselführung eine Fiedel bemalt. Da gehört er hin.

 

Der Donnerstag beginnt wie immer mit Norwegisch bei Astrid. Kim macht offensichtlich blau, denn sein Platz ist leer. Ich versuche, mich zu konzentrieren, aber die Worte unserer Lehrerin zerlaufen in meinem Kopf zu einem einzigen Brei. Als der Gong endlich zur großen Pause läutet, renne ich in den Park am See, wo wir uns normalerweise treffen. Sie sitzen an der üblichen Stelle und ich lasse mich auf die Picknickdecke fallen.

»Uuuh«, mache ich und lege die Hände an die Schläfen.

»Was ist los?«, fragt Rada.

Kim stupst mich gegen die Schulter.

Ich strecke die Beine aus.

»Goffa hatte einen Schlaganfall«, erzähle ich.

»Oh nein!« Rada berührt mein Bein. »Ist er okay?«

»So weit ja«, sage ich und will mir ein Lächeln abringen. Aber das Ziehen im Bauch hindert mich daran. Es fühlt sich an, als hätte ich mir den Magen verdorben. »Aber mein Vater will, dass ich über die Ferien nach Hause komme und ihm helfe.«

»What?!«, entfährt es Kim und er schiebt die Sonnenbrille hoch. »Und unser Wellness-Wochenende?!«

Daraufhin wird er beinahe von Blicken aus zwei braunen Augen durchbohrt.

»Und du?«, fragt Rada. »Was willst du?«

Sie sieht mir direkt ins Gesicht.

»Keine Ahnung!«, sage ich und stehe auf. »Oder doch. Eigentlich schon. Ich habe mir geschworen, nie wieder in dieses verdammte Drecksloch zurückzugehen.«

»Aber es geht um deinen Goffa«, sagt Kim.

Ich nicke und schaue aufs Wasser. Es liegt vollkommen still da. Nicht die kleinste Bewegung auf der Oberfläche.

»Niemand dort weiß davon«, sage ich leise.

»Hä?«, macht Kim.

Ich drehe mich wieder zu ihnen herum.

»Niemand im Dorf weiß, dass ich queer bin.«

»Oh«, sagt Rada.

»Ich weiß«, sage ich.

»Na, aber hallo!«, schreit Kim förmlich und springt von der Decke auf. »Dann ist das doch die perfekte Gelegenheit, diesen Hillbillys zu zeigen, wer du WIRKLICH bist. The fabulous Torleif Tjønnstaul, ladies and gentlemen.«

»Gentlemen findest du dort eher nicht«, sage ich und lache trocken.

»Mist«, sagt Rada und hält das Handy in die Höhe. »In fünf Minuten beginnt die vierte Stunde.«

Also machen wir uns auf den Weg zurück zur Schule.

 

Zum Glück sind die letzten beiden Stunden am Donnerstag Selbststudium im Hauptinstrument. Ich springe schnell rauf in mein Zimmer und schnappe mir den Geigenkoffer. Die besten Überäume sind belegt, war ja klar, also muss ich mit dem in der Ecke vorliebnehmen, in dem es immer nach Zwiebeln stinkt. Aber heute ist das egal. Ich denke an das, was Vater gesagt hat, als ich die Geige aus dem Koffer nehme. Der Drachenkopf sieht mich prüfend an. Ein Glück, dass Tallak die Flinte holen wollte.

Mein Blick wandert den Geigenhals entlang bis zu der Stelle, wo die Saiten unter dem Drachenkopf befestigt sind. Das Einzige, was eine Hardangerfiedel und ein Gewehr gemeinsam haben, ist das kleine Loch oben in der Spitze. Es sieht dem eckigen Visier der Krag sehr ähnlich. Oder zumindest dem Visier von der, die Goffa im Waffenschrank hinter dem Plumpsklo aufbewahrt. Ich habe sie nur einmal ausprobiert. Tallak hatte Blechbüchsen am Feldrand aufgestellt. Dann habe ich abgedrückt. Ein Schuss. Und noch einer. Nichts, aber rein gar nichts hat mir daran gefallen. Weder der Geruch des Schießpulvers noch der nach feuchtem Lehmboden. Nicht der Ruck in der Schulter. Nicht das Geräusch einer Kugel, die ihr Ziel trifft. Metall auf Metall. Klack-klack. Klack-klack.

Tallak aber machte weiter. Huschte zwischen dem Feldrand und der Flinte hin und her.

Ich ging ins Haus.

Setzte mich an den Ofen. Und lauschte Goffas Spiel. Das leise Klicken von Tallak und der Krag wurde Teil des Stücks.

 

Jetzt stimme ich meine Fiedel, aber die richtigen Töne lassen sich heute nur schwer einfangen. Ich sehe Goffas große graublaue Augen vor mir. Seine warmen Hände. Ach, verdammt. Es geht um Goffa. Ich fische das Handy aus der Jackentasche und suche die Verbindung zum Dorf heraus. In einer halben Stunde geht ein Expressbus.

Ich schlucke.

Lege die Geige in den Koffer zurück.

Laufe aufs Zimmer.

Stopfe alles, was ich an sauberen Klamotten finden kann, in eine Tasche, werfe mir den Geigenkoffer auf den Rücken und spurte mit großen Schritten zur Haltestelle.

Vater antworte ich erst, als ich mit dem Instrumentenkoffer zwischen den Beinen im Bus sitze. Komme um 18.00 Uhr an, schreibe ich. OK. Kann dich um 18.30 Uhr an der Fernfahrerkneipe einsammeln, kommt zurück. Ich schlucke. Lehne mich im Sitz zurück. Fasse an die Ablage über mir, um sicherzugehen, dass die Tasche sicher verstaut ist. Ich rolle meinen Mantel zu einer Kugel zusammen und lege ihn gegen die Scheibe. Der Regen rinnt wie dicke Adern über die Außenseite.

Es vibriert in meiner Tasche.

Kim und Rada haben einen Snap in den Gruppenchat geschickt. Wo bist du? Ich erkenne, dass sie auf Kims Bett sitzen, denn oben auf dem Foto ist ein kleines Stück von Whitney Houstons Bein zu sehen. Und in der linken Ecke schimmert eine goldene Locke von Dolly Parton. Ich lehne den Kopf ans Fenster und mache ein Selfie. On my way back to the dark ages, schreibe ich. Sei einfach du selbst, dann wirst du die Sache schon rocken, schreibt Rada. Kim antwortet mit einem GIF von Patrick Swayze, der sagt: »Nobody puts baby in the corner!« Ich grinse. Danke, schreib ich zurück. Das werde ich brauchen, füge ich gedanklich hinzu, bevor ich die Bon-Iver-Playlist anmache.

 

Der letzte Teil der Busfahrt ist der schönste. Als wir endlich aus dem Kiefernwald heraus sind, ist der Ausblick bombastisch. Von hier oben im Bus hat man eine geniale Sicht. Der Gråfjell vor uns liefert einen richtigen Kitsch-Moment. Leuchtendes Gelb, Rot, Blau. Die Farben sind heftig. Nationalromantik auf Speed. Als wir an Geirs Fernfahrerkneipe einbiegen, fühlt es sich beinahe gut an. Der beißende senfgelbe Anstrich und die weißen Schilder mit roter Aufschrift sind ein Gruß aus der Realität. Tja, willkommen in Alt-Säckingen. Hier ist alles so, wie es immer gewesen ist.

Ich lasse meinen Blick kurz über den Parkplatz schweifen. Vaters Nissan ist nirgends zu sehen. Welch Überraschung. Er schlägt nie zu früh auf. Ich kicke einige Steinchen weg, die sich auf dem Asphalt bei der Bushaltestelle angesammelt haben. Wenn der Regen nicht wäre, würde ich einfach hier draußen warten.

Ich werfe mir die Tasche über die Schulter und gehe in die Kneipe.

»Na, wen hamma denn da?«

Stig-Runes Vater sitzt am selben Tisch, an dem er und die anderen Sozialhilfeschnorrer schon immer gesessen haben. Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Also nicke ich ihnen nur zu. Dann gehe ich zur Theke und bestelle schwarzen Kaffee, obwohl ich eigentlich lieber einen Cappuccino hätte. Die ganze Zeit über spüre ich Arvids Blick auf mir. Ich weiß, dass ich irgendetwas sagen sollte. Das erwarten die Leute, wenn sie einen zwei Jahre nicht gesehen haben.

»Danke«, sage ich, als Geir mir das dampfende Getränk bringt.

»Macht zweiundzwanzig.« Ich bezahle und nehme die Tasse mit beiden Händen.

Wenn man etwas in der Hand hält, spricht es sich viel leichter.

»Geht’s für dich auch wieder auf die Jagd, Arvid?«, frage ich und drehe mich um.

Er schüttelt den Kopf und packt sich an die Lendenwirbelsäule.

»Hab’s mi’m Rücken, weißte?«, sagt er.

Zustimmendes Gemurmel von den anderen am Tisch. Während sie ein Klagelied über all ihre Wehwehchen singen, nutze ich die Zeit, um mich an einen Fenstertisch ein Stück weiter hinten zu setzen. Noch immer keine Spur vom Nissan. Fuck! Jetzt muss ich mich mit diesen Grützköpfen unterhalten.

»Biste jetz doch gekomm, um die Fiedel gegen die Flinte zu tauschen?«, fragt Arvid mit einem verräterischen Funkeln in den Augen.

Wie der Vater, so der Sohn, denke ich. Stig-Rune kann seine Sticheleien ebenfalls nicht lassen. Genau wie eine Wespe hat er ein Gespür dafür, wann er den Stachel in sein Opfer bohren muss.

»Nein«, sage ich. »Goffa hatte einen Schlaganfall.«

Das Wort »Schlaganfall« schmerzt im Ohr wie eine verstimmte Geigensaite. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, es laut auszusprechen. Schlaaag-annn-fall. Es bleibt mir fast wie Kaugummi im Mund kleben.

»Näää, was sagste?« Seine Augen werden groß. Seine Kumpanen hören auf zu palavern.

Ich nicke wieder.

»Ist am Montag passiert«, sage ich. »Vater und ich fahren gleich zum Krankenhaus. Goffa will unbedingt nach Hause.«

»Versteh ich«, sagt Arvid und erntet zustimmendes Nicken vom Rest.

Er kommt rüber und klopft mir auf die Schulter, wie die Kerle das hier so machen.

»Immerhin biste noch ganz der Alte, Tøllef, issoch schön. Unnich zu so ’nem Fatzke verkomm, der nur noch Schwuchtelkaffee mit Schaumhaube trinkt, wie die inner Stadt.«

Ich beiße mir auf die Innenseite der Wange. Ich schmecke Blut. Schwuchtelkaffee. Das Wort ätzt sich in meine Gehörgänge. Ich bin heilfroh, dass Kim nicht da ist. Er wäre ausgetickt. Da sehe ich endlich Vaters roten Nissan auf den Parkplatz einbiegen. Ich kippe den Rest Kaffee runter. Schmeckt nach Schuhsohle. Ich muss mich echt anstrengen, nicht zu kotzen, aber ich verziehe keine Miene.

»Grüß Stiger’n von mir«, sage ich, als ich aufstehe.

Der Spitzname klingt erstaunlich fremd.

Arvid schnaubt abfällig.

Als ich gerade zur Tür hinaus will, ruft er mir hinterher: »Kannst’n Bengel ja mitnehm, wennde inne Stadt zurückfährst! Ich glaub, der könnt mal wieder ’n Weibchen vertragen!«

Die anderen Schnorrer wiehern. Und einer, ich glaube, er heißt Jan-Magne, antwortet, bevor ich etwas sagen kann: »Rednich, Arvid, bestell’m doch einfach ’ne Thailänderin. Guck dir Geir an, seitdem Tran hergezogen ist, hat er manchmal fast so etwas wie’n Lächeln im Gesicht.«

Ich nutze das schallende Gelächter, um mich zu verdrücken.

 

Vater lässt den Motor laufen. Keine Ahnung eigentlich, was ich erwartet hatte. Nicht gerade, dass er das Orchester anheuert, eine Fanfare zu spielen, aber vielleicht, dass er immerhin aussteigen würde? Oder sich wenigstens die Mühe macht, den Kofferraum von innen zu öffnen? Aber hey. Vater ist eben Vater. Er sitzt da in seinem Flanellhemd, die Packung Kippen in der linken Brusttasche, und lauscht gebannt den Radio-Nachrichten. Ich werfe Tasche und Geigenkoffer auf die Rückbank, den Mantel obendrauf. Und setze mich nach vorn.

»Hallo«, sage ich.

»’n Abend«, sagt Vater und zieht die Selbstgedrehte hinterm Ohr hervor. Er steckt sie an, bevor er rückwärts vom Parkplatz rollt.

Das Auto stinkt nach altem Qualm, Motorsägenöl und Harz.

»Wie war’s im Wald?«, frage ich.

»Aaach«, sagt Vater. »Kaum der Rede wert.«

»Oh«, sage ich.

»Birke wirft grad ’ne schöne Stange Geld ab, jetz wo der Strom so teuer ist unn alle plötzlich scharf auf Brennholz sinn. Die Preise für Kiefer sinn im Keller, alle verramschen’s Holz, um die verfluchten Viecher loszuwern.«

Mir fällt ein, dass ich über den Borkenkäferbefall im Sommer einen Artikel gelesen hatte, aktuell sind Kiefernbestände in ganz Nordeuropa betroffen. Aber ich weiß es besser, als ihn zu unterbrechen, wenn er über Brennholz predigt.

 

Seit zweieinhalb Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen. Ich habe einen Knoten im Bauch. Das Blut pocht in meinen Schläfen und Vaters Stimme wird eins mit dem rauschenden Radio.

Ich darf jetzt nicht anfangen zu heulen.

Bloß. Nicht. Heulen.

Nicht jetzt.

Nicht jetzt, wo ich das erste Mal nach zwei Jahren neben Vater im Auto sitze.

Also blinzele ich die Tränen weg. Wir fahren am Schild nach Elgfaret vorbei. Und ich sehe die Spitze von Stig-Runes Haus. Das braune Haus mit dem orangefarbenen Teppichboden im Keller. Auf den ich mich an seinem neunten Geburtstag übergeben habe. Nachdem Magnus mich herausgefordert hatte, den kompletten Geburtstagszug aus Wackelpudding aufzuessen. Das Bild des grünen Haufens auf dem orangefarbenen Teppich hat sich mir eingebrannt.

Mich schüttelt’s, wenn ich dran denke.

Ehe ich michs versehe, sind wir auch schon am Krankenhaus. Wie alles in unserem Ort ist es klein und runtergekommen. Es liegt versteckt in einem Waldstück und klammert sich am Hang fest, als wolle es unbedingt verhindern, auf das restliche Dorf am Fuße des Bergs zuzurutschen. Goffa versinkt fast in dem großen Bett. Er atmet schwer. Ein krummer großer Zeh ragt am Fußende unter der Bettdecke hervor. Er wippt langsam auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Seine großen Hände liegen gefaltet auf der Decke, und wo sich die Adern unter der dünnen Haut entlangschlängeln, wirken sie wie Wurzeln auf einem Waldweg. Er muss eingedöst sein, während er auf uns gewartet hat. Sanft berühre ich seine Hand. Sie ist warm, so als hätte er zu Hause gerade erst den Ofen entfacht.

»Hm«, macht Goffa und sieht sich benommen um.

Eine Hälfte seines Gesichts ist schlaff.

»Hallo«, sage ich.

Die graublauen Augen bleiben fest auf mir haften.

»Tøllef«, sagt er.

Und dann nimmt er meine Hand. Ich habe das Gefühl, dass die Kraft, die mich als Kind immer beeindruckt hat, noch da ist. Er drückt zu, wie es nur Goffa kann. Und dann ist es, als rumpele ein Steinschlag in meinem Inneren in die Tiefe.

Ich schaue zu Boden.

»Willst du was trinken?«, frage ich und räuspere mich.

Ich stehe auf, bevor er antworten kann, und eile auf den Gang. Dort steht ein Wagen mit Sirupwasser und Pappbechern. Ich befülle zwei Stück, während ich schlucke und schlucke. Dann atme ich tief durch, bevor ich wieder zu ihm reingehe. Im ersten Moment sieht es so aus, als würde er schlafen. Vielleicht ist er tot, denke ich plötzlich. Vielleicht ist er gestorben, während ich die Getränke geholt habe! Aber dann zuckt sein Auge. Ich kann sehen, dass er Mühe hat, das rechte Lid zu öffnen.

»Na, na«, sagt er. »Hattest du solchen Durst?«

Er lächelt verschmitzt.

»Äh, nein«, sage ich.

Ich stelle einen Becher auf den Nachttisch.

»Aber ich dachte, du vielleicht.«

Dann wird sein Blick strange.

»Du kommst ganz nach deiner Mutter, Jung«, sagt er. »Du denkst und fühlst mehr als die meisten Menschen.«

Ich bin wie versteinert.

So hat Goffa noch nie gesprochen, ein derart sentimentales Zeug von sich gegeben.

»Das darfst du niemals aufgeben. So zu sein, wie du bist.«

Ich klammere mich an meinem Becher fest, trinke viel zu schnell. Dann gehe ich raus und besorge Nachschub. Vater hat auf dem Flur an einem Tisch Platz genommen und blättert in einem Stapel Zeitungen. Wie durch Zauberhand ist ihm dabei tatsächlich ein Jagd- und Fischereimagazin in die Hände gefallen. Irgendetwas sagt mir, dass er das aus dem Auto mit reingeschmuggelt hat. Der Fernseher an der Wand läuft, aber der Ton ist stumm geschaltet. Vater liest, ohne aufzuschauen.

Ich räuspere mich.

»Ja also«, sage ich. »Nehmen wir ihn einfach mit? Oder müssen wir das erst mit jemandem abklären?«

Vater legt den Zeigefinger auf eine Zeile, bevor er die Zeitschrift zuklappt.

»Da wollt so ’ne Tante vorbeikomm …«

Der Satz bleibt unvollendet. Denn in diesem Moment kommt ein Mann auf uns zugeeilt. Er ist fast so groß wie Vater und stellt sich als Andrea vor.

»Sie sind die Angehörigen von Torleif Nystøyl, richtig?«

Die spanischen S wirken deutlich relaxter als der Typ selbst.

»Wir haben uns mit den zuständigen Stellen in Verbindung gesetzt. Im ersten Monat wird zweimal täglich jemand vom Pflegedienst und einmal pro Woche eine Haushaltshilfe vorbeikommen«, sagt er. »Das Wichtigste, was Sie als Angehörige tun können, ist, Herrn Nystøyl darin zu unterstützen, langsam, aber sicher wieder alltägliche Aufgaben ohne fremde Hilfe verrichten zu können. Alles Weitere wird Frau Løvli Ihnen erklären.«

Er redet so schnell, dass ich ganz nervös werde. Vielleicht wäre es gut, mitzuschreiben, wie in der Schule. Instinktiv fasse ich mir an die Hosentasche, aber darin befinden sich bloß mein Handy und das Portemonnaie. Ich glaube, Andrea sieht die Panik, die sich auf meinem Gesicht breitmacht, denn Sekunden später hält er mir eine Broschüre unter die Nase, auf der steht: Nach dem Schlaganfall zurück nach Hause.

»D-danke«, stottere ich. »Und Frau Løvli ist …?«

»Die Ergotherapeutin«, erklärt Andrea.

Dann gehen wir zu dritt wieder zu Goffa hinein.

Er sieht uns fragend an.

»So, jetzt geht es endlich nach Hause«, verkündet Andrea.

Das lässt sich Goffa nicht zweimal sagen. Er springt förmlich aus dem Bett und steht mit seiner Jacke über der Schulter parat, ehe ich die erste Seite der Broschüre lesen kann. Ein bisschen windschief, wie er dasteht, aber laufen kann er aus eigener Kraft.

Auf dem Heimweg herrscht Stillschweigen im Auto. Draußen ist es so finster, wie es das nur im Herbst ist, bevor der Schnee fällt. Das Einzige, was entlang des Wegs ein wenig Licht spendet, ist die Fahrbahnmarkierung auf der Straße. Die weißen Streifen leuchten wie übergroße Perlmuttstücke, die eine schwarz lackierte Hardangerfiedel säumen.

Als ich zu Hause zur Tür hereinkomme, schlägt mir der Geruch von Eintopf und frisch geduschtem großen Bruder entgegen. Und von etwas anderem Süßlichen, das mich an Mama erinnert. Die Hustenbonbons, die sie früher immer gelutscht hat, denke ich. Bis jetzt habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie es bei uns zu Hause riecht. Als ich klein war, hat es normal gerochen, nach Zuhause halt, bei allen anderen müffelte es komisch. Bei Stig-Rune und seiner Familie zum Beispiel stank es nach altem Filterkaffee. Bei Affe und seiner Mutter hing stets ein lieblicher Geruch nach Katzenpisse und Duftkerzen in der Luft.

Und bei Anne daheim roch es immer leicht nach alten Büchern und Weihnachtstee.

Aber ich weiß es besser, als den Mund aufzumachen. Genau solche Geschichten lassen Vater immer den Blick senken, weil es ihm peinlich ist, einen Sohn zu haben, der nicht so ist wie die anderen Jungs im Dorf.

»Tach«, sagt Tallak.

Er sitzt am Holzofen in der Küche und sieht kaum vom Handy auf. Auf seinem weißen verwaschenen T-Shirt sind Spritzer und seine Haare sind noch nass.

»War ruhig aufm Hochsitz?«, fragt Vater.

Tallak nickt geistesabwesend.

Goffa schlurft zum Herd und hebt den Deckel vom Zehn-Liter-Topf mit dem Eintopf darin.

»Die letzten Reste Elch vom vorigen Jahr?«, fragt er.

»Och, ’n paar Kilo sinnoch im Eisschrank«, sagt Vater und öffnet die Spülmaschine. Er holt vier tiefe Teller heraus. Zusammen mit vier Löffeln und vier Gläsern.

Dann essen wir.

Es ist so still, dass ich das Ticken der Wanduhr in der Stube hören kann.

Nach dem zweiten Nachschlag sagt Goffa: »Ach, zu Hause ist’s doch am schönsten.«

Ich verstehe es als Wink, dass ich, der Krankenpfleger, mich fertig machen soll, und schlucke den letzten Bissen herunter, bevor ich mir im Flur die Schuhe anziehe.

»Kann ja sein, dass ihr an eurer fancy Schule inner Stadt Kellner habt«, ruft Tallak halb aus der Küche. »Aber hier wandert das Geschirr nich von selbst inne Spülmaschine.«

Ich seufze.

Schlüpfe wieder aus den Schuhen und gehe zurück.

Stelle Schüssel, Löffel und Glas in die Maschine.

»Danke«, sagt Tallak eisern.

Er steht mit dem Rücken zu mir und sieht aufs Handy-Display.

 

Es ist herrlich, an die frische Luft zu kommen. Die Nacht hat sich über den Himmel gelegt. Die Luft ist kristallklar. Ich hatte ganz vergessen, wie viel heller die Sterne hier in den Bergen leuchten als in der Stadt.

»Ja, ja«, sagt Goffa. »Das war ein Tag, was?«

Er macht ein paar unsichere Schritte, dann ergreife ich seinen Arm. Und so gehen wir wie ein altes Ehepaar den Feldweg entlang. Schweigend. Doch die Stille zwischen Goffa und mir ist eine andere als die zwischen Vater, Tallak und mir. Sie hat etwas von dem Samtbezug in einem Geigenkoffer. Es tut gut, dass sie da ist. Zwischen Vater, Tallak und mir klingt sie dagegen wie eine höher gestimmte E-Saite. Immerzu am Kipppunkt.

»Ich hoffe, du musst nicht gleich wieder zurück«, sagt Goffa, während seine Hand auf der Türklinke ruht.

»Nein«, sage ich. »Ich hatte nicht vor, zu gehen, bevor der Pflegedienst da ist.«

Und dann betreten wir das niedrige, holzverkleidete Wohnzimmer.

Die Wärmepumpe gibt einen dumpfen Seufzer von sich, als wir die Küche betreten. Es herrscht tropische Hitze, trotzdem besteht Goffa darauf, dass ich den Ofen einheize. Er schlurft umher und reißt Türen auf. Ich greife nach dem Schürhaken, den er immer im Korb neben dem Blasebalg liegen hat.

Ein Knarzen der Dielen über mir lässt mich vermuten, dass er sich die Treppe bis zum Schlafzimmer im Obergeschoss hochgekämpft haben muss.

Vielleicht sollte ich es ihm hier unten auf dem Sofa gemütlich machen?

So wie er es immer für mich gemacht hat, als ich klein war.

Aber wo zur Hölle hat er das Bettzeug und so verstaut?! Keine Ahnung. Also sitze ich einfach nur da und schaue zu, wie die Flammen nach dem Schürhaken und dem Anmachholz greifen, bis Goffa wieder herunterkommt.

»Soll ich das Sofa ausziehen und es dir herrichten?«, frage ich.

Er winkt mit einer Handbewegung ab.

»Das können doch die vom Pflegedienst erledigen.«

Ich lege ein Scheit in den Ofen.

»Kannst du heute Abend nicht etwas für mich spielen, Tøllef? Es kommt mir wie der perfekte Tag dafür vor.«

Mit seinen graublauen Augen schaut er mich bittend an. Und abermals habe ich das Gefühl, dass eine Lawine in mir hinunterkracht. Ich kann ihn nicht direkt ansehen. Dann würde ich losheulen wie ein Schlosshund. Also stehe ich auf und gehe zur Tür.

»Nein, du brauchst keine Fiedel aus der Werkstatt holen.«

Und da sehe ich, dass er den Koffer mit der Hardangerfiedel meines Ururgroßvaters hochhält. Die Meisterfiedel. Die, mit der mein Ururgroßvater 1890 bei der landesweiten Folkemusikk- und Tanz-Meisterschaft eine Goldmedaille gewonnen hat. Eine Sekunde lang fühlt es sich an, als hätte mein Herz vergessen, dass es schlagen muss, um mich am Leben zu halten. Doch dann fängt es wieder an zu hämmern und mir wird heiß bis zu den Ohrläppchen.

»Aber …«, ist das Einzige, was ich rausbekomme.

Goffa hat sie mich noch nie spielen lassen.

»Jetzt ist es so weit«, brummt er.

Meine Hände zittern, als ich nach der Geige greife. Das Perlmutt am Deckenrand fühlt sich kühl an. Und bereits beim Stimmen der Saiten merke ich, dass diese Geige ein ganz besonderes Instrument ist.

Dann lege ich sie mir an den Hals.

Den Bogen an die Saiten.

Und schließe die Augen.

Kaum zu glauben, dass es Leute auf dieser Welt gibt, die sich lieber eine Büchse an die Schulter legen als eine Hardangerfiedel.

Unser Haus prangt weiß auf der Spitze des steilen Hügels, als ich von Goffa komme. Das Außenlicht der Scheune lässt das alte Haus im Chalet-Stil erstrahlen und wirft Schatten auf die gläserne Veranda und die verschnörkelten Ornamente unter dem Dachfirst. Ich kann Tallak und Vater im Wohnzimmer hören. Aber ich hab keine Energie mehr, mit ihnen zu reden, also gehe ich direkt nach oben in mein Zimmer. Es fühlt sich kleiner an als bei meiner Abreise. Dunkler. Ich ziehe das Handy aus der Tasche. Es ist halb zehn, ich habe zwei Snaps von Kim und einen von Rada. Aber anstatt sie zu beantworten, facetime ich mit Kim.

»Was gibt’s?«, fragt er.

Die roten Locken hüpfen auf seinem Kopf auf und ab, als er sich im Bett aufsetzt.

»Wissen in deiner Familie eigentlich alle, dass du …?«

Er reißt die Augen vielsagend auf.

»Oh Lord, fünf Stunden zu Hause and you’re back in the closet?«

Ich schüttle den Kopf und lache.

»… queer bist. Wissen in deiner Familie alle, dass du’s bist?«, frage ich. Leise.

Denn auch wenn ich weiß, dass Vater und Tallak bis zu den Elf-Uhr-Nachrichten unten sitzen werden, habe ich irgendwie das Gefühl, dass sie bestimmte Wörter hören, selbst wenn ich sie nur flüstere.

Diesmal lacht Kim. »Ja«, sagt er. »Ich glaube, das war sogar mein erstes Wort. So von wegen: Kim queer! Einhorn kaufen!«

Ich lache wieder. Diesmal ein wenig lauter. Ich kann’s mir irgendwie vorstellen. Wie Kims Mutter und seine ältere Schwester ein Buch ansehen. Seine Oma sitzt in der Ecke und strickt, während Kim vor ihnen auf dem Teppich kniet und mit Einhörnern spielt. Ich war letztes Weihnachten da. Bei Kim zu Hause in Drammen, auch wenn ich Vater vorgelogen habe, ich wäre wieder bei Rada.

»Ich weiß, dass deine engste Familie eingeweiht ist«, sage ich. »Aber was ist mit deinem Vater?«

Ein Schatten fällt auf sein Gesicht.

»Er hat es nicht verdient, es zu wissen. Wenn man seine Frau mit zwei kleinen Kindern und ’nem Job im Altersheim hängen lässt, ist man ein ziemlicher Arsch.«

Er legt den Kopf in den Nacken.

»Und für solche Leute ist in meinem Rudel kein Platz. Capito?«

Ich nicke. Ich wünschte, mein Rudel wäre mehr wie Kims. In meinem Rudel sind wir alle einsame Wölfe.

»Hey«, sagt Kim ein wenig leiser. »Ist irgendwas passiert?«

Ich schüttle den Kopf.

»Nein«, sage ich. »Mir brummt der Schädel. Irgendwas an diesem Dorf ist komisch. An den Menschen. Dem Haus.«

Kim wird ernst.

»Du weißt, was Dolly über Regenbögen sagt, oder? If you want the rainbow, you gotta put up with the rain.«

Ich ringe mich zu einem Lächeln durch.

»Ja, doch«, sage ich. »Aber wir reden hier von einem konstanten Monsun seit 2004.«

Kim lacht.

»Dann ist es ja gut, dass wir dich im Internat sicher ins Trockene geholt haben.«

Nun wird mir warm ums Herz.

»Danke, Kumpel«, sage ich. »Das war genau das, was ich heute Abend hören musste.«

»Anytime«, sagt er. »Ich bin gern dein Homorakel.«

Jetzt muss ich lachen, so richtig.

Denn selbst wenn ich mit meiner Familie nicht das beste Los gezogen habe, im Freundschaftslotto habe ich haushoch abgeräumt.

In der Nacht träume ich von Mamas Beerdigung. Goffa, Vater, Tallak und ich sitzen im Nissan. Wir haben schwarze Anzüge an, nur deshalb weiß ich überhaupt, dass es die Beerdigung sein muss. Vater entschuldigt sich, dass er seit Mamas Tod kein besonders toller Vater gewesen sei. Er sagt, er wolle versuchen, eine Arbeit im Ort zu finden, damit wir mehr Zeit miteinander verbringen können.

Ist schon in Ordnung, sagen Tallak und ich.

Goffa sagt, dass der ganze Mist mit der Sauferei jetzt ein Ende habe.

Ist schon in Ordnung, sagen wir.

Vater parkt an dem Strand, wo Mama am Neujahrstag immer ein Loch ins Eis gehackt und ein Eisbad genommen hat. Wir stemmen uns gegen den Wind, als wir zum Wasser hinabstapfen. Vater voran mit der Urne. Ich lese das Gedicht vor, das sie immer zum Weinen brachte, wenn wir Vier Hochzeiten und ein Todesfall geguckt haben. Aber anstelle von »he« sage ich »she«. Ich weiß, dass das Mama verärgert hätte, also schicke ich innerlich eine Entschuldigung hinterher.

Die Asche zittert und scheint ungeduldig zu werden, also nimmt Vater den Deckel von der Urne und heult in den Wind hinein: »ICHLIEBEDICH!«

Und heraus fliegt die Asche, in einer Wolke, einer dünnen Wolke, mit Flügeln, kleinen Ascheflügeln, über die Wasseroberfläche, die schimmert wie Öl, und über die weißen Schaumkronen. Und dann ist sie verschwunden.

Da schreien Tallak und ich wie aus einem Mund: »ICHHABDICHLIEB, MAMA, ICHHABDICHLIEB!«

So hätte die Beerdigung sein sollen, denke ich, als ich aufwache. Schön. Wild. Genau wie Mama. Aber so was ist in Alt-Säckingen keine Option. Städter und andere Hippies können sich so was leisten. Aber hier werden alle in derselben Kirche getauft, konfirmiert und beerdigt. Und selbst wenn Mama über die Hochebene hätte fliegen wollen, ist Vater immer noch Vater. Unter keinen verdammten Umständen durfte er aus der Reihe tanzen. Unter keinen verdammten Umständen durfte seine Frau verbrannt werden. Unter keinen verdammten Umständen durfte sie auch in diesem Streit das letzte Wort haben.

Ich seufze.

Ich schaue auf.

Das Poster vom Bon-Iver-Konzert hängt immer noch über dem Bett. Ich spüre einen Stich in meiner Brust. Und denke an jene Nacht im Vega zurück. Wie stolz ich war, so eine coole Mutter zu haben, die ihre Söhne nach Kopenhagen zu einem Konzert mitnimmt. Tallak hat genörgelt, dass wir nicht wie der Rest seiner Clique auf dem Country-Konzert in Treungen waren. Wie immer raffte er gar nichts.

Ich sehe mich um und betrachte das Zimmer im grauen Morgenlicht. Die verstaubten Pokale von meinen vielen Wettbewerben. Der alte Laptop. Die Spiele aus der Grundschule. All die Fotos, die Mama mit der Spiegelreflexkamera von uns gemacht hat, hängen noch immer an der Pinnwand. Das Zimmer fühlt sich noch kleiner an.