Zweite Zeit - Arne Hinz - E-Book

Zweite Zeit E-Book

Arne Hinz

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Beschreibung

Die Ewigkeit steht ihr offen. Ein wenig Übung, dann liegen ferne Zeiten und fremde Orte für Zamira nur kurze Sprünge entfernt. Doch kann sie eingreifen, wenn die Zukunft ein Verhängnis über ihre Nachkommen bringt? Wenn die Ära der Menschheit sich einem frühen Ende zuneigt? Es erscheint unmöglich, denn Zamira ist tot ...

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für euch, die ihr diese Geschichte lest. Und für euch, die ihr zu ihrer Entstehung und Verbreitung beigetragen habt. Ich danke euch.

Inhalt

Transzendenz

Das Herz des blauen Nebels

Höllenfeuer

Wege in der Dunkelheit

Kontinente

Fremdgedanken

Am grauen Felsen

Das Mädchen mit dem schwarzen Zopf

Symbiont

Tintenschimmer

Jodo

Rote Spuren

Weißer Ritter

Treffen zwischen Trümmern

Zweite Zeit

Der alte Geist

Tochter, Vater, Mutter

Der Mann mit dem Koffer

Der Plan

Schlingenstränge

Ewiger Flug

Rosen im Draht

Das Untergrundlager

Diamanthärte

Blumen und Blöcke

Ziljas Traum

Erstkontakt

Die Macht des Wissens

Eingebungen

Der junge Spitzel

Interaktion

Kehrtwende

Entscheidung

Blick nach vorne

Dinge von Leben und Tod

Der nachlässige Kontrolleur

Jenseits der Zäune

Seltsame Zukunft

Hinter den Türen

Zeitenbruch

Grüne Zone

Täuschung

Die letzte Abweichung

Neuzeit

Frühgedanken

Am Ende des Kreises

Das Enkel-Paradoxon

Am Anfang der Schlingen

Transzendenz

Es war ein Sommertag, als Zamira starb. Die Sonne schien hell, der Park um sie herum summte vor Licht und Leben. Bienen schwärmten über Blumenbeete, auf einer Eiche sang eine Amsel. Aus dem Kinderwagen, den Zamira schob, kam ein kleines, lustiges Quieken.

Sie lächelte, als sie sich über das Gestell beugte. Die rundlichen Wangen von Zilja, ihrer Tochter, waren gerötet, die Knopfaugen glänzten. Die Kleine strampelte mit ihren kurzen Beinchen. Zamira kniff die Lippen zusammen und wippte den Wagen scharf zur Seite, womit sie Zilja immer zum Lachen brachte. Der kräftige Arm von Milan, ihrem Mann, schlang sich um ihre Taille; er lachte lauthals mit, ohne sich um die irritierten Blicke der Passanten zu scheren. Das Glück umschloss ihre kleine Familie wie eine Seifenblase.

„Gehen wir durch den Tunnel, Liebling?“

Sie zögerte eine kaum merkliche Sekunde lang, ehe sie sich aufrichtete und mit einem Nicken und einem Kuss Antwort gab. Der Tunnel gehörte zu ihren vertrautesten Wegen, sie hatten ihn viele Male durchquert. Auf der anderen Seite lag ein Supermarkt, in dem man Babybrei kaufen konnte.

Aber als sie kurz darauf die Unterführung erreichten, war der Übergang hart. Der Wechsel von Sonnenschein zu Schatten und Kunstlicht stach schmerzhaft in die Augen. Anstelle des Grüns im Park ragte nun auf der linken Seite eine kahle Betonwand empor. Rechts verlief eine stark befahrene Straße. Beides zusammen ließ den Bürgersteig viel schmaler erscheinen, als er in Wirklichkeit war.

Hier unten lachte Zilja nicht mehr. Ihre weit aufgerissenen Augen fixierten die Tunneldecke, als suchte sie dort nach der Sonne. Milan stieß ein kurzes, trockenes Räuspern aus.

Zamiras Blick hob sich blinzelnd vom Kinderwagen – im selben Moment, als auf der Straße ein Laster heranraste und vor ihren Augen von der Fahrbahn abkam.

Sie schrie.

Vielleicht hätte sie sich noch retten können, aber sie rettete Zilja. Links von ihr gab es eine Nische, eine einzelne Lücke in der Betonwand. Mit einer Armbewegung schleuderte sie ihre Tochter hinein. Ziljas Schmerzensschrei vermischte sich mit dem Quietschen von Bremsen, die viel zu spät griffen.

Der Kinderwagen versperrte den Weg. Die Wände waren zu nahe. Milan warf sich über sie.

Dann waren da Metall, Asphalt, Beton, zerbrechendes Plastik. Ein einziger dunkler Wirbel. Ihr Universum verengte sich zu einem Punkt, der zu klein war. Zamiras Stimme versagte, während die Bremsen den Lastwagen stoppten.

Nur das Schreien von Zilja blieb übrig.

Das Herz des blauen Nebels

Der Aufprall raubte ihr alle Besinnung, aber sie kehrte zurück. Etwas schnitt durch sie hindurch wie ein Messer. Ziljas Schrei, wieso konnte sie ihn noch hören? Ein Schrei, der ihre ganze Welt formte.

Im trüben Tunnellicht entstand eine trübe Wahrnehmung.

Der Lastwagen war schräg auf dem Bürgersteig zum Stehen gekommen: Ein kauerndes Ungeheuer, das seine Beute verschlungen hatte. Sie hörte sein Schnaufen. Entweichende Luft klang scharf wie das Zischen einer Schlange. Hinter dem Laster ragte die Wand auf, massiv und fugenlos wie steingewordene Ewigkeit. Schwarze Lackschmieren zogen sich wie Krallenspuren über die scheinbar unangreifbare Front. Irgendwo hinter dem Lastwagen schrie Zilja, eingekeilt in ihrem Gefängnis, der Mauernische, vor die sich der Auflieger geschoben hatte. Ein zersplitterter Kinderwagen hing zwischen Wand und verschrammter Front des Führerhauses.

Zamira versuchte, sich zu bewegen. Unfasslicherweise gelang es. Im gleichen Moment ergriff ein Drang von ihr Besitz, so mächtig, dass sie Widerstand nicht einmal versuchen konnte. Es brannte in ihr und stieß sie fort von dem Platz, an dem sie gelegen hatte. Sie schnellte in die Höhe, wie es ihr sogar zu ihren gesündesten Zeiten niemals möglich gewesen wäre.

Schwerkraft und Tunneldecke bedeuteten keine Hindernisse. Sie stieß durch Stein und Beton wie durch Luft. Tief unten heulten Sirenen. Autos stauten sich auf der Straße zu beiden Seiten der Unterführung. Ihr Anblick trieb sie empor, weiter und weiter, bis Stadt und Straße zu einem stummen Luftbild verschwammen. Entfernungen schien es kaum noch zu geben. Irgendwann schoben sich Wolken über die Erde. Sie stieg weiter, bis es nichts mehr zu hören und nur noch die Ferne zu sehen gab.

Schließlich, irgendwo jenseits der Erdatmosphäre, kam sie ein wenig zur Ruhe.

Was war sie?

Sie befand sich am Rande des Weltalls, doch sie spürte nicht die Kälte des Orbits, wie zuvor nicht die Hitze der Atmosphäre. Sie verglühte nicht, sie gefror nicht. Sie erstickte nicht im luftleeren Raum. Sie existierte gar nicht.

Und doch – sie nahm wahr. Sie war bei Bewusstsein. Bei einer eigentümlich klaren Art von Bewusstsein. Irgendwie war es weitergegangen.

Zamira drehte den Blick, oder wie immer man diese neue Wahrnehmung nennen sollte. Es fiel überraschend leicht. Sie konnte kraft ihres Willens in eine bestimmte Richtung sehen, wie sie zuvor einen Befehl in Nervenbahnen gesendet und den Kopf gedreht hätte.

Um sie herum endlose Schwärze und die Sonne als weißglühender Ball. Die Erde war ein leuchtendes Wunderwerk inmitten von Nichts. Die Kugelform sah aus wie auf Bildern, die von Raumstationen gesandt wurden. Teile waren von Kleidern aus weißer Watte verhüllt, den Wolken, die sich an vielen Stellen zu dicken Stürmen zusammenballten und anderswo halbe Kontinente freiließen. Die Ozeane spiegelten sich in tiefem Blau. An Land gab es viel Braun, sehr viel Braun … Grüne Flächen waren weit rarer.

Dennoch – der Anblick war wunderschön, wenn auch nicht minder schrecklich. Jener Drang, der sie aus der Unterführung getrieben hatte, riss und zerrte aufs Neue an ihr. Dieser Drang kannte nur eine Richtung, und sie lautete: Fort.

Ihre Gedanken beschleunigten sich. Vielleicht gab es dort draußen eine Macht, die sie zu sich rief und ihr bald eine neue Heimat gewähren würde. Ihr blieb ohnehin keine Wahl; es musste ihr Los sein, alles zurückzulassen. Zilja, ihre einzige Tochter, ihrem hoffentlich … hoffentlich bleibendem Leben zu überlassen. Milan … sie durfte nicht daran denken, oder sie würde ihren Verstand einbüßen, wahrscheinlich das Letzte, was ihr noch blieb … Ein wildes Zittern in ihren Gedanken, als würden ihre Sinne oder die Erde erbeben … Sie wollte, sie konnte nicht mitansehen, wie ein kleiner Teil der Welt um sie trauerte und der große Rest in schlichter Gleichgültigkeit seinen Gang weiterging.

Sie drehte sich weg von der Erde, hin zu der schwarzen Ferne und in deren Mitte der glühenden Sonne. Ihr Weg würde irgendwo dort draußen zu einem Ziel führen.

Beschleunigung trug sie fort. Sie schlug einen Bogen um die Sonne, deren Licht sie fürchtete. Mars erkannte sie an der Röte. Anfangs versuchte sie, bekannte Planeten auszumachen, aber aus der Nähe besehen sahen diese ganz anders aus als Illustrationen in Lehrbüchern. Bald verließ sie ohnehin das System.

Die Geschwindigkeit, mit der sie sich fortbewegte, schien nahezu unendlich zu wachsen. Planeten, Sterne, Kometen schossen vorbei. Die Galaxie wurde zu einem Lichterschleier. Schemen und rotierende Schatten wechselten einander ab. Umringt von schwarzer Leere hätte sie aufgeben können, aber sie flog immer weiter. Der endlose Raum schenkte ihr das Gefühl, die Augen schließen zu können.

Irgendwann kam ihr ein Gedanke, der bewirkte, dass sie langsamer wurde. Hätte das Universum ein Ende besessen, einen Rahmen, der seine Weite begrenzte, es hätte sie nicht gewundert, hätte sie ihn erreicht.

Doch es war kein Ende, das sie erreicht hatte. Als die Schemen sich auflösten, die Lichter wieder feste Formen annahmen, schwebte ein bläulicher Gasnebel inmitten der Leere. Sternenlichter durchzogen die Gase wie nie verlöschende Blitze. Wenn es ein Ziel gab, so musste es in diesen Gaswolken liegen.

Zamira schwebte darauf zu, doch ohne erneut an Schnelligkeit zu gewinnen. Sie fühlte wachsende Unsicherheit. Dass sie überhaupt fühlen konnte, bedeutete ein Wunder, dessen sie sich jetzt erst bewusst wurde. Ihr war mehr geblieben als Sehen und Hören. Natürlich, sie besaß keine Glieder, die vor Angst zitterten, keinen Magen, in dem sie nervöses Ziehen spüren könnte, keine Blutbahnen, durch die Unbehagen und Euphorie gleichermaßen flossen. Doch das Zittern in ihren Gedanken konnte in ihre Sinne überfließen, das Ziehen und Zerren klare Momente davontragen, Unbehagen ihre Wahrnehmung dämpfen, und was die Euphorie anging … Es würde dauern, bis sie sie fand. Im Moment schlingerte ihre Wahrnehmung, wechselte ihr Fokus …

Fahrig suchte sie in ihren Gedanken nach jenem so steten Drang, der sie hergeführt hatte. Wohin sollte sie fliegen?

Zahllose Lichter blitzten durch den Nebel. Es waren so viele. Jedes davon hätte sie anziehen können wie ein Elektromagnet.

Doch dort, ein Stück rechter Hand, lag eine Sternenformation, die alle übrigen überstrahlte. Vier Lichter schufen ein Gebilde, das wie ein Herz aussah. Der mittlere Stern, der die beiden gedachten Bögen verband, leuchtete von allen am hellsten.

Aufregung ließ ihre Gedanken anschwellen, wie ein gesteigerter Schlag ihres nicht mehr vorhandenen Herzens. Vor dem Zentrum des hellsten Lichts hatte sie einen Flecken erspäht, einen rundlichen Schatten. Einen Planeten, vermutlich.

Ein Gefühl von Verheißung strömte in ihr Bewusstsein.

Sie überholte einen Asteroiden. Der dunkle Punkt wurde rasend schnell größer, als sie durch Gasschwaden darauf zuschoss, bis sein Schatten das Licht des Sterns teilte. Ihre Geschwindigkeit war so gewaltig, so unbeherrscht, dass sie versehentlich ins Innere des Trabanten hineintauchte.

Von allen Seiten schloss sich graue, feste Masse um sie. Sie konnte die Farbe erahnen, obwohl im Inneren des Steins vollkommene Dunkelheit herrschen musste. Das Grau umgab ihre Sinne nicht anders als Luft. In gewisser Weise war sie der Stein – Stein, der ein Bewusstsein erlangt hatte. Stille, tiefer als in der tiefsten Leere des Alls, lastete auf ihr.

Konnte ihr Bewusstsein im Stein erstarren? Zamira zuckte, sprang weiter. Es bereitete keine Schwierigkeiten. Auf der Tagseite des Planeten brach sie durch seine Oberfläche. Der Fels öffnete sich zum All.

Sie blickte sich um und sah: Nichts.

Obwohl es eine durchaus beachtliche Menge an Nichts war. Alles ringsherum glänzte im Sternenlicht, als hätte man die Welt in Ölfarben getaucht und ein Gemälde daraus erschaffen. Es gab Berge, die tausende Meter hoch aufragten, weit auseinanderstehend, als wagten die Giganten nicht, sich zu berühren. Ihr Felsgestein bildete bizarre Formen und Formationen: Nebeneinander aufgereihte Rundbögen, perfekt geschliffene Kegel und scharfe, fächerförmig zulaufende Berggrate. Sie sahen aus wie vornehm gefaltete Serviettenbündel oder wie Bauwerke einer untergegangenen Zivilisation. Es gab tiefe Täler, steile Hänge und Krater wie von Meteoriteneinschlägen.

Und doch blieb es nichts. Zumindest fand sie nichts, das ihre Hoffnungen stillte. Nichts, das ihr Trost spendete. Nichts, das ihr das Gefühl gab, an irgendein Ziel gelangt zu sein.

Dieser kahle Himmelskörper war bloß ein Fels. Nicht mehr als ein größerer, in seiner Umlaufbahn verharrender Asteroid. Sie erinnerte sich daran, buntere, hellere Farben wahrgenommen zu haben, in einer anderen Galaxie, auf der Erde. Hier sah sie nur Blau, Grau und Schwarz.

Doch vielleicht … vielleicht war ihr eine Macht gegeben, diesen Planeten zu formen. Zamiras Geist pulsierte in wachsender Erregung, während sie bewegungslos über einem Geröllfeld mit kleineren und größeren Steinchen schwebte. Hätte sie nur eines dieser Steinchen in die Höhe bewegen können …

Aber sie besaß keine Hände, die einen Stein hätten umfassen können. Keine Arme, die ihn anheben konnten. Sie verfügte nicht über Einfluss, zumindest nicht hier. Sie konnte sich fortbewegen, sonst nichts. Ihre Umgebung, die lebende, existente Realität, war unumkehrbar von ihr getrennt. Sie blieb ein zur Untätigkeit verdammter Beobachter. Weniger als eine Welle oder ein Windhauch.

Und, wie ihr jäh bewusst wurde: Sie war allein.

Allein mit ihren Gedanken.

Allein mit dem, was sie hörte und sah.

Allein mit tausenden Steinen.

Es konnte nicht wahr sein. Es würde sie in den Wahnsinn treiben.

Erneut lag ihr einziger Ausweg in der Flucht. Doch nirgends wies ein Zeichen den Weg, die Flucht führte blind im Kreis. Schließlich fand sie sich im selben Sternenlicht wieder, dem sie hatte entkommen wollen.

Und sie erinnerte sich. Der Stern war ihr Ziel gewesen. Seinem Licht war sie bis an diesen dunklen Ort des Universums gefolgt. Der Planet war nichts als eine Ablenkung: Ein Trabant, der seine Bahnen in kosmischer Nähe zog.

Die Erkenntnis brachte eine neue Schwere mit sich. Sterne waren nichts als Glut, Flammen und verbrannte Materie. Wenn ihr Weg in einen Stern führte, stand an seinem Ende die Hölle. Strahlend wie ein Leuchtfeuer, lockend wir ein Irrlicht und denjenigen harrend, die sie verdienten.

Anscheinend gehörte sie, Zamira, dazu. Beinahe wehmütig warf sie einen Blick zurück auf die bläulich glänzenden Geröllfelder des Felsplaneten, dessen Konturen sich im Schattenspiel der Gasnebelschwaden laufend neu zeichneten.

Dann erhöhte sie ihre Geschwindigkeit und flog in das Feuer.

Höllenfeuer

Zamira hatte sich in keiner Hölle gesehen, als sie ins All aufgebrochen war. Sie hatte mit aller nur möglichen Inbrunst für ihre Tochter gesorgt, hatte ihr Leben für sie gegeben: Das Höchste, was eine Mutter, eine Frau, ein Mensch tun konnte.

Sie verdiente ein Paradies.

Als ihr Weg sie vom Felsplaneten ins Sternenfeuer geführt hatte, hatte sie abermals geglaubt, zu verstehen. Sie hatte ihre Tochter gerettet, um sie gleich darauf im Stich zu lassen. Hatte nicht einmal nach ihr gesehen, sondern war geflohen vor ihrem Schmerzensschrei, geflohen bis in eine ferne Nebelgalaxie, nur an sich selbst denkend. Wenn sie schon nichts ausrichten konnte, als die Dinge nur zu beobachten, so musste ihre oberste Pflicht darin bestehen, Zilja zu sehen. Zu sehen, wie sie lebte, weiterlebte, aufwuchs; wie ihr rundes Babygesicht im Antlitz einer Frau aufging … Und das Universum in Bewegung zu versetzen, falls ihr Gefahr drohte. Wer wusste schon, was möglich sein konnte? Sie hatte nichts, gar nichts versucht, außer einen Steinbrocken auf einem toten Felsplaneten zu heben.

Sie verdiente die Hölle.

Und nun? Nun spannen ihre Gedanken sich inmitten von Gleißen und Glühen. Stränge aus Schwarz und Rot durchzogen orangene Glutfelder, strahlend weiße Energieblitze zuckten vorüber, alles in ständigem Fluss, instabil wie ein prasselndes Feuer, das von allen Seiten und aus sich selbst heraus genährt wurde. Zischen, Grollen und Brodeln erinnerten sie daran, dass sie auch hören konnte. Sie befand sich in einem riesigen Fusionsreaktor, dessen Bestandteile sie einst im Naturkundeunterricht gelernt und längst vergessen hatte.

Doch es berührte sie nicht. Im Gegenteil, die zischenden Glutfelder besaßen einen unleugbaren Reiz. Die Hölle, das wären für sie nur Farben und Klänge gewesen.

Dies war keine Hölle. Kein noch so schreckensvoller Bestimmungsort, der sie in seine Klauen gezogen hätte. Dies war einfach nur ein Stern, wie es zahllose gab. In langen Nächten mit Milan hatten sie einst gemeinsam ihre Formationen am Nachthimmel bestaunt.

Ein Paradies gab es ohnehin nicht.

Wahrscheinlich gab es auch keine Bestimmung. Der Drang, der sie angetrieben hatte, hatte kein Ziel gekannt. Nur den verzweifelten Wunsch, sich so weit wie irgend möglich vom Ort ihres Niedergangs zu entfernen. Und als sie wahrhaftig fort gewesen war, als nicht einmal eine Raumstation oder der Anblick der Erde an den Straßentunnel erinnert hatten, da war sie einfach irgendeinem hell leuchtenden Licht gefolgt. Gefunden hatte sie auf dem Planeten nichts außer Leere und Einsamkeit. In letzter Verzweiflung hatte sie sich der vermeintlichen Hölle zugewandt, war auf einem Irrweg ins Feuer geflohen, das sie nicht spüren konnte.

Und die ganze Zeit über …

Sie ahnte die Wahrheit.

Die ganze Zeit über hätte sie bei ihrer Tochter bleiben sollen.

Zamira hatte das Gefühl, in ihrer eigenen Hölle zu brennen.

Wege in der Dunkelheit

Als Zamira das Feuer verließ, waren ihre Sinne halb in Ohnmacht gefangen. Den blauen Nebel und das Sternenzelt dahinter nahm sie verschwommen wahr, wankend. Rechts und links spie der Stern Flammenzungen ins All, wie die Eruptionen eines gewaltigen Vulkans, wenngleich er keine Lava schleuderte. Geräusche wie das Fauchen eines riesigen Tieres verfolgten sie. Eine der Eruptionen fuhr durch sie hindurch, ertränkte ihre Wahrnehmung in rotem Glühen.

Eine rasche Bewegung brachte sie hinaus: Hundert, tausend, hunderttausend Kilometer, sie wusste es nicht. Jedenfalls genügte es, um die Flammenzungen hinter sich zu lassen. Aber der Nebel vor ihr klärte sich nicht um ein Jota.

Wo war sie? Woher kam sie?

Lichter blitzten ihr entgegen. Viele erinnerten unwillkürlich an Ziljas Augen: Kleines, glänzendes Strahlen inmitten tiefschwarzer Pupillen, umringt von blassblauen Gasnebelschwaden – auch Ziljas Augen besaßen um ihr Schwarz herum dieses Blassblau.

Jedes dieser Sternenaugen starrte Zamira an, voll von Entrüstung und Vorwürfen.

Die Bilder kamen mit solcher Wucht, dass ihr der Anblick des Weltalls entglitt. Mit einem Mal schob sie wieder den Kinderwagen. Scheinwerferlicht raste auf sie zu. Sie und Milan wirkten gegen die Front aus Licht und Metall so unbedeutend wie zwei verlorene Gestalten in den Weiten des Kosmos.

Ihr Leben war ein Kollisionskurs gewesen, ohne dass sie davon geahnt hätten. Ihre gesamte Zeit, so schien es jetzt, hatte einzig der Herleitung dieses Unfalls gedient. Was weiter zurücklag, war kaum noch zu greifen, so als hätte der Lastwagen sie mitsamt ihrer bedeutungslosen Vergangenheit ausgelöscht und alles, was sie je getan hatte, negiert.

Nein!

Zamira schrie ihren Widerspruch in Richtung der Sterne. Ein helleres, weicheres Licht durchzuckte ihre Gedanken. Zilja. Ihr Baby war die Antwort, die blieb. Ihr wunderbares Gesicht mit den vielen Rundungen, ihre glänzenden Augen, ihre pausbäckigen Wangen, die Stupsnase … Eine Hand hatte aus dem Wagen hervorgelugt, als habe sie winken wollen … Und am Ende, das war am wichtigsten, hatte sie überlebt …

Zamira kämpfte. Schon zu viel von ihr war in diesem Scheinwerferlicht aufgegangen; sie würde ihm weder ihr Vermächtnis noch ihre Identität überlassen. Vage erinnerte sie sich an einen Tag, der so gewöhnlich begonnen hatte. Verflucht, jenen Tunnel, der unter den Bahngleisen hindurchführte, kannte sie seit ihrer Kindheit! Was hatte auf der entfernten Seite gelegen? Die Supermärkte, dorthin hatten sie gehen wollen … Und vor dem Eingang … die Parkanlage mit einem Teich voller Seerosen. Sie und Milan waren so oft am Wasser entlangspaziert. Ihre Wohnung lag ganz in der Nähe. Auch den Tunnelweg hatten sie häufig genommen, obwohl sie den Bürgersteig zwischen Betonwand und Straße nie wirklich gemocht hatten. Doch hatte sie, Zamira, nicht vor diesem letzten Tunnelgang gezögert, so als hätte sie das nahende Unheil geahnt? …

Einerlei. Sie hatte den Wagen geschoben, Milan den Weg vorgeschlagen, es gab keinen Schuldigen, niemand konnte etwas dafür, außer vielleicht der Lastwagenfahrer …

Und nach dem Unfall, unter dem Laster … Da hatten zwei verrenkte Bündel am Boden gelegen …

Mit äußerster Gewalt riss sie sich aus der Erinnerungsspirale heraus. Es tat wirklich weh, ein Schmerz in ihrer körperlosen Präsenz, so real wie eine Ohrfeige, aber ihre Gedanken klärten sich auf. Gasnebelschwaden offenbarten Sternenmuster, als die Entschlossenheit ihren Sinnen neue Schärfe verlieh. Es gab eine Zukunft, für sie und für Zilja. Sie würde nicht auf ewig in der Leere hängenbleiben. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde zurückfliegen, zu ihrer Tochter. An einen Ort, wo sie hingehörte, ganz einfach.

Nur – welches dieser Sternenlichter würde sie heimführen?

Die blauen Gasschwaden traten zurück in ihre Wahrnehmung. Zamira suchte im Nebel nach einem Punkt, der ihr Orientierung verschaffte. Nicht weit entfernt zeigte sich ein dunkler Schatten vor dem Firmament aus Sternen und Gas. Es musste der Felsplaneten sein. Doch sie wollte nicht dorthin zurückkehren. Dort gab es nur jene Leere. Sie wusste weder, wie schnell er seine Bahnen um seinen Stern zog, noch wie viel Zeit sie im Feuer verbracht hatte.

Alles drehte sich – ein Strudel, in dem ihre gerade erst gefasste Entschlusskraft versank.

Sie kannte die Richtung nicht mehr, aus der sie gekommen war. Sie wusste nicht einmal, wie sie ihre Galaxie finden sollte.

Als sie geflohen war, hatte sie einen Rückweg nicht vorgesehen.

Ihre Gedanken formten einen stummen Schrei der Verzweiflung. In einem spontanen Impuls raste sie fort von dem Stern und seinem Planeten, durch Gasnebelschwaden, bis sie sich jenseits davon befand.

Schleier aus Dunkelheit trübten ihre Wahrnehmung. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Kraft fand, zurückzublicken.

Im Nebel entdeckte sie nach einigem Suchen die herzförmige Sternformation. Sie mochte sich auf der richtigen Seite befinden. Aber sie wusste: Schon wenige Grad Abweichung in ihren Bewegungen konnten dazu führen, dass sie die Erde um Lichtjahre verfehlte. Es würde nichts nützen, einfach nur geradeaus zu fliegen.

Obwohl sie früher oft Sterne beobachtet hatte, verstand sie so gut wie nichts von Astronomie oder Navigation. Sie konnte ihr Ziel nicht erreichen.

Trotzdem sprang sie ein weiteres Mal, ohne sich erinnern zu können, selbst den Willen dazu gefasst zu haben, raste mit ungeheurer Geschwindigkeit, bis die Lichter in schwarzen Rotationen aufgingen. Als sie abrupt anhielt, formte sich die Dunkelheit neu, und sie fand sich mitten im Nichts. Einem Nichts, das vollkommener wirkte als in der Einöde des Felsplaneten. Sie hatte dieses Nichts bereits auf ihrem ersten Flug durchquert, es sogar willkommen geheißen.

Der Nebel war verschwunden. Die Stille schien endgültig. Nicht einmal Gasteilchen strichen in dieser Leere umher. Kein Asteroid kreuzte ihre Bahn. In der Ferne bildeten die Lichter Muster: Kugeln, Ellipsen und Spiralen. Sie befand sich irgendwo jenseits von Galaxien.

Etwas drängte Zamira, auf eine ferne, tellerartige Struktur zuzufliegen. Sie lag nicht direkt vor ihr, leuchtete aber im Gegensatz zu den meisten anderen Lichtformationen in den unterschiedlichsten Farben: Dunkelrot, helles Blau, zartes Orange und ein blassgelbes Zentrum.

Verschlechterung ihrer Lage war kaum noch möglich, also bewegte sie sich schon leicht in diese Richtung, ehe sie innehielt. Ein Bild des Sternensystems strich durch ihre Gedanken: Nebelwolken, Asteroidengürtel und kreisende Planeten.

Aber – sie hatte dieses System nie aus der Nähe gesehen. Auch nicht auf dem Hinweg, als sie sowieso zu schnell und zu blind geflogen war.

Folgte sie erneut einer eingebildeten Eingebung, einem vermeintlichen Ziel? Nochmal würde sie sich nicht irreleiten.

Zamira wandte den Blick ab und konzentrierte sich stattdessen auf eine Galaxie, die ihr direkt gegenüber gelegen hatte, als sie die Leere empfangen hatte. Die Galaxie wirkte rund, rund wie ihre Erinnerung an Zilja. Ihr nächster Sprung führte in diese Richtung.

Immer wieder wurde sie so schnell, dass die Lichter verschwammen und sich in jenen unerklärlichen schwarzen Strudel auflösten. Jedes Mal bremste sie sich rasch zurück auf Sichtgeschwindigkeit, um ihre Zielgalaxie nicht zu verfehlen. Jedoch kam das System auf diese Weise kaum näher. Als ihre Geduld aufgebraucht war, beschleunigte sie, bis sie nicht mehr konnte. Anschließend lagen völlig andere Lichterformationen vor ihr. Ein Schwall roten Nebels driftete ziellos durchs All.

Wieder entstand in ihr das Verlangen, zu einem ganz bestimmten Licht zu fliegen; wieder strichen Bilder eines unbekannten Systems durch ihren Sinn. Etwas Fremdes, nicht innerhalb ihrer Gedanken, doch ungeheuer vertraut wie ein verlorenes Körperteil schrie: Dorthin.

Sie schnellte herum, zu Sternengebilden, die ihr auch nichts mehr sagten. Beinahe erwartete sie, irgendwo vor dem Baldachin jemanden zu entdecken, der auf unbekannte Art auf sie einredete.

Natürlich war dort nur Leere. Wurde sie von unsichtbaren Mächten verfolgt? Oder war es Wahnsinn, der zunehmend von ihr Besitz ergriff?

Es war einerlei, denn sie hatte längst jedes Maß und jede Orientierung verloren. Sie war wie ein Fluss ohne Ufer, der keine Richtung kannte und nirgendwohin floss.

Ihre nächsten Sprünge waren an keinem Ziel ausgerichtet. Mal folgte sie ihrer Intuition, mal nicht. Sie begegnete Wundern des Weltalls, die ihr nicht mehr bedeuteten als die Flammenhölle des Sterns, sah einen Gasnebel, der einen schwarzen Pferdekopf bildete, einen anderen mit den leeren Augenhöhlen und der Mundöffnung eines Totenschädels. Eine ringförmige Galaxie schleuderte an zwei Seiten endlose Gasfontänen ins All. Etwas in ihrem Inneren grollte wie ein kosmisches Gewitter. Irgendwann begegnete sie sogar einer Supernova. Brennendes Licht färbte ihr gesamtes Wahrnehmungsfeld weiß. Ein Knall, der sie einst sicherlich taub gemacht hätte, bewirkte nun, dass schiere Lautstärke an ihr vorbeistrich und vorübergehend alle anderen Geräusche überlagerte. Vielleicht sollte sie nach einem Schwarzen Loch suchen und hineinfliegen, vielleicht konnte dessen Schwerkraft sogar ihr körperloses Bewusstsein zerreißen. Zwar würde sie daran scheitern, jemals wieder über ihre Tochter zu wachen, doch immerhin würde dann alles enden.

Noch aber gestattete sie sich weder Aufgabe noch eine Rast. Durch die Supernova schoss sie hindurch wie durch alles andere. Etwas stupste sie vorwärts, und diesmal folgte sie ihm. Was blieb ihr sonst übrig? Ziljas wundervolles Gesicht, Milans und auch ihr eigenes, wie sie gelebt hatte, trieben durch ihre Gedanken.

Vor ihren Sinnen erschien eine leuchtende Spiralstruktur, dann ein Haufen aus Lichtern. Allmählich ließ ihre Kraft nach. Hunger oder Durst empfand sie ebenso wenig wie Atemnot, dennoch musste sie erkennen, dass in jener körperlosen Form der Wahrnehmung, die sie angenommen hatte, Erschöpfung noch existierte. Konnte ihre Kraft irgendwann aufgebraucht sein? Würde sie dann für immer im Nichts stranden?

Ein letzter schwerfälliger Sprung, bei dem Lichter zu Streifen verschwammen, brachte sie überraschend in die Nähe eines Planeten. Sie verharrte einige Zeit jenseits der Oberfläche, bis sie bemerkte, dass der Drang, der sie stets weitergetrieben hatte, verschwunden war.

Vorsichtig besah sich Zamira den Himmelskörper. Er mutete keineswegs an wie ein Hoffnungsspender. Die gesamte Oberfläche – falls es überhaupt eine Oberfläche gab – war in gelblichbrauen Wolken aus gefrorenen Gasen gehüllt. Konturen entstanden nur durch Schatten von fernem Sternenlicht. Eigentümliche Ringe aus Eis- und Gesteinsbrocken schufen eine schräg liegende Achse … Eigentümlich ebenmäßige Ringe, die im Sternenlicht und dem planetaren Schatten in unterschiedlichen Farben leuchteten und ein System konzentrischer Kreise bildeten, abgegrenzt durch zwischenliegende Leerräume, in denen nichts als dunkles All zu erkennen war …

Unwillkürlich wich sie zurück, betrachtete den Planeten aus größerer Entfernung. Die Erkenntnis hatte sich bereits in ihr gebildet, aber entkräftet, wie sie war, konnte sie zunächst nicht danach greifen. Bis ein einziger Name scharf und klar wie Glas durch ihr Bewusstsein schnitt.

Saturn. Das war Saturn. Oder ein vermaledeit ähnlicher Zwilling, den das Universum geschaffen hatte, um ihre Irrwege zu verhöhnen.

Sie wirbelte herum und schwebte auf das Licht des Sterns zu, gebremst, wenn auch noch immer mit kaum vorstellbarer Geschwindigkeit. Als ein roter Planet auftauchte, schluchzte sie in Gedanken vor Glück. Sie schwenkte in eine ungeregelte Bahn um den Stern, wie ein Hund, der um sein Herrchen herumtollte, wie ein Kind, das um einen Weihnachtsbaum tanzte.

Die Sonne. Was ein Geschenk, diesen Stern Sonne zu nennen! Sie hätte ihn noch tausend Mal umrunden können, aber sie tat es nicht, denn inmitten der Dunkelheit erschien ein blauer Planet.

Kontinente

Jede Erschöpfung war vergessen. Blau und Grün schienen Zamira förmlich anzuspringen. Es gab viel Blau und viel Grün, echtere, lebendigere Farben als in den Weiten des Alls.

Sie stockte, bremste und stoppte noch jenseits der Atmosphäre. So grün hatte sie die Erde nicht in Erinnerung.

Sie wartete darauf, dass die Stücke des Puzzles vor ihr sich an ihre vorgesehenen Stellen bewegten. Doch das geschah nicht. Das Bild bekam keinen Sinn.

Sie erkannte Wasser und sie erkannte Land. Das Land wirkte zusammengedrängt, gleichzeitig gespalten, zerstückelt, wie Bruchstücke einer Tonvase im Augenblick nach dem Hammerschlag, wenn das Gesamtwerk zerschmettert war, die einzelnen Teile aber noch in Begriff waren, sich zu verteilen. Vage erahnte sie Umrisse von Südamerika und Afrika, nahe zusammengepresst wie durch die Hände eines Riesen, der erfolglos die Spaltung der Landmassen zu verhindern versucht hatte. Halb vergessene Begriffe aus dem Schulunterricht schlingerten durch ihren Geist: Pangäa, Gondwana – Urkontinente, Abstraktionen einer Vergangenheit, die für sie nie eine Bedeutung besessen hatte.

Es war nicht möglich. Das war der einzige Gedanke, an den sie sich klammern konnte. Sie konnte nicht in der Vergangenheit gelandet sein, und die Landmassen der Erde konnten sich während ihrer trotz allem kurzen Reise – mochten es Wochen oder gar nur Stunden gewesen sein? – nicht in Richtung ihres ursprünglichen Zustandes zurückbewegt haben. War sie auf einen falschen Saturn hereingefallen und hatte eine falsche Erde erreicht?

Zögernd bewegte sie sich auf die Landmassen zu, nicht zu jenen südamerika-afrika-ähnlichen Gebilden, die sie so irritierten, sondern zur von ihr aus gesehen höherliegenden Hälfte, deren zerklüftete Form nur ganz entfernt an Nordamerika erinnerte. Dabei gelangte sie weiter auf die Tagseite des Planeten.

In den unteren Schichten der Atmosphäre beschleunigte sie wieder ein wenig, sodass sie sich im Nu knapp über der sonnenbeschienenen Oberfläche befand.

Ein Geschöpf stieg von unten her in ihr Sichtfeld. Zamira hätte geschrien, hätte sie noch über eine Stimme verfügt. Das Tierwesen flog so direkt auf sie zu, als hätte es ihre Anwesenheit gespürt. Es bestand beinahe ausschließlich aus Dreiecksstrukturen. Ein langer, gelber, spitz zulaufender Schnabel schoss voraus wie ein Speer seinem Besitzer. Auf dem Kopf saß ein rötlicher, nicht minder spitzer Stachel, das Einzige, was dem Wesen Tiefe verlieh. Die Augen, schon halb Teil des Kopfstachels, blickten starr. Die ledrigen, ebenfalls spitz zulaufenden Schwingen mochten in ihrer Spannweite sieben Meter umfassen. Am hinteren Ende besaß das Wesen lange, todbringende Krallen.

Ein Flugsaurier.

Schrilles Keckern erklang. Noch ehe Zamira zurückzucken konnte, war das Wesen heran und durchstreifte tatsächlich den Zentralpunkt ihrer Wahrnehmung.

Oh Gott, sie konnte sein Körperinneres sehen. Schmale, knöcherne Strukturen, ein flaches Muskelskelett, pulsierende Adern. Dann schoss es weiter und fort.

In ihren Sinnen pulsierte der Schreck wie das Blut in den Adern des Tieres. Ihre Wahrnehmung wurde abwechselnd verschwommen und klar. Es dauerte, bis sie den Blick nach unten richten und Einzelheiten ausmachen konnte.

Dschungelartig verschlungene Wälder. Wilde Wiesen und Flussläufe. Gigantische Körper durchstreiften die Gräser und fraßen Blätter von den höchsten Baumästen.

Dies war kein Zwilling, es war die Erde.

Alles andere war unmöglich.

Aber es war nicht die Erde von ihr, ihrem Mann oder ihrer Tochter.

Noch nicht.

Es war die Erde, lange bevor die Menschheit entstanden war.

Fremdgedanken

Langsam, ohne es zu wollen, sank Zamira zum Boden hinab. Eine große Lichtung inmitten flacher Laubgehölze kam näher und näher. Nicht weit davon entfernt durchschnitt ein Fluss das Gelände. Die Lichtung war wie ein Treffpunkt. Überall raschelte es. Flinke Läufer jagten auf Krallenfüßen über kaum sichtbare Pfade. Eine Herde Sauropoden streifte die Waldränder entlang. Köpfe reckten sich auf zehn Meter langen Hälsen zu freiliegenden Zweigen. Jungtiere, eingerahmt von mütterlichen Kolossen, fraßen die unteren Schichten.

Apatosaurus, Alamosaurus – wieder waren es halb vergessene Begriffe, die ihr Bewusstsein streiften und wieder verschwanden. Sie sank tiefer zwischen die Beine der Giganten, selbst als ein Fuß sie traf und Knochen und Fleisch für einige Momente ihre komplette Wahrnehmung einhüllten. Das Blut rauschte wie ein Wasserfall, aber Zamira bewegte sich nicht. Als der Fuß weiterstampfte, sank sie an die plattgedrückte Stelle im Bodensatz der Gräser und Farne, zwischen denen kleinere Saurier und andere Tiere umherjagten. Erst knapp über dem Erdboden fing sie ihr Sinken ab.

Hier war sie also. Auf der Erde. Gefangen in einer prähistorischen Epoche. Sie hatte versucht, zu Zilja zurückzukehren, doch in einer falschen Galaxie hätte sie sie kaum weiter verfehlen können … Sollte sie warten? Warten für Millionen von Jahren, bis sie irgendwann den Punkt erreicht hätte, an dem sie die Erde verlassen hatte? Um dann erneut in die Vergangenheit gezogen zu werden? Um lange vorher einen zweiten Tod zu sterben, den sie jetzt noch nicht kannte?

War das ihre Hölle?

Es stellten sich Fragen, die nicht zu lösen waren. Angst und ein dumpfes Gefühl von Ausweglosigkeit breiteten sich in ihr aus, ergriffen Besitz von ihren Gedanken, lähmten ihre Bewegungen. Wohin hätte sie auch fliegen können? Sie wusste nicht länger, wohin. Ihre Reise drohte zu enden. Regungslos verharrte ihr Bewusstsein über dem Boden, auch als die Sauropoden-Herde sich in Bewegung setzte und durch ihre Wahrnehmung stampfte, als ein kleiner Jäger kreischend vorbeiflitzte und eine Beute einen verzweifelten Fluchtversuch unternahm.

Würde ihr Bewusstsein erstarren und ihre Bindung zur Welt sich lösen, wenn sie nur lange genug auf der Stelle schweben bliebe?

Das hatte fast nach Hoffnung geklungen!

Zamira erschrak über ihre eigenen Gedanken. Unwillkürlich wich sie zurück. Sie suchte nach der Kraft, die sie durch Galaxien getrieben hatte, schaffte es zumindest, ein Stück mit den Gräsern zu wogen. Im selben Moment bemerkte sie jähe Unruhe, die die Waldlichtung erfasste, wie bei der ersten Böe eines heraufziehenden Sturmes.

Etwas Grundlegendes veränderte sich. Ein mittelgroßer Gigant mit spitzen Hörnern und einem knöchernen Schild im Nacken – ein Triceratops – trampelte vorbei. Kleine Beutetiere und Räuber flohen praktisch Seite an Seite. Die Gräser und Pflanzengewächse erbebten unter mächtigen Schritten.

Trotz ihrer Unsichtbarkeit kostete es Überwindung, die Deckung der Gräser zu verlassen. Sie stieg langsam empor. Erst stand da nur ein muskulöses, gebogenes Bein zwischen hohen Halmen. Dann sah sie den Rumpf und schließlich Zähne.

Vor einer Wand hochaufragender Farne und Sträucher fand sie sich einem riesenhaften Fleischfresser gegenüber.

Der leicht rötliche Kopf wurde gänzlich durch das gewaltige Maul dominiert. Die Zähne darin hatten eine Länge von zwanzig oder dreißig Zentimetern. Die Augen am im Vergleich zur Schnauze deutlich breiteren Hinterkopf blickten starr in ihre Richtung. Fast schon plump wirkte der dickliche, rundliche Oberkörper, nach vorn gebeugt wie der eines Greises. Doch die Beine mit langen Klauenzehen waren unübersehbar für schnelles Laufen geschaffen, und der kräftige Schwanz balancierte den Stand aus.

Tyrannosaurus Rex, erkannte Zamira. Selbst wenn er es nicht war, würde sie ihn so nennen.

Von den Zähnen der Kreatur troff das Blut der letzten, erfolgreichen Jagd. Der gesamte Schädel sah aus wie durch fremdes Blut rötlich gefärbt. Der Raubsaurier stand still auf der Stelle. Seine Nüstern blähten sich, während er witterte.

Vielleicht wollte er sie erspüren. Vielleicht konnte er es sogar.

Fressen konnte er sie nicht.

Von jäher Wut gepackt schrie sie dem T-Rex ihre Gedanken entgegen: Du kannst mir nichts tun! Ich gehöre nicht hierher! Ich bin gar nicht hier!

Der Saurier reagierte nicht, natürlich nicht. Ebenso unvermittelt, wie die Wut sie überkommen hatte, fiel sie in sich zusammen. Auch Kleineres als ein T-Rex würde sie ignorieren. Nichts und niemand konnte sie hören. Nichts und niemand würde sie jemals wieder hören.

Denn sie war tot. Sie war gestorben.

Zamira senkte den Blick. Bislang hatte sie diesen Gedanken in all seiner erbarmungslosen Direktheit vermieden. Nun fühlte sie, dass sie sich dieser Wahrheit stellen musste. Vielleicht war es das Blut an den Zähnen der Kreatur, das ihr die Einsicht gewährte … Sie war tot, und sie konnte es akzeptieren, denn sie war für ihre Tochter gestorben. So, wie sie auch für ihren Mann gestorben wäre, wie Milan in seinem Versuch, sie zu retten …

Sie verdrängte die Bilder, klammerte sich an das Jetzt. Das Universum gewährte, wie es schien, ein über den Tod hinausgehendes, sehendes und hörendes Bewusstsein.

Nur hatte vermutlich noch niemand in diesem Zustand einen Fehlflug bis in die Kreidezeit hingelegt.

Sie schaute zur Kopffront des T-Rex und kämpfte gegen das wilde Verlangen, sich in seinen Rachen zu stürzen. Obwohl sie wusste, dass sie dort nichts finden würde als die Innereien des Sauriers und Reste seiner Beutetiere, die in der Speiseröhre festklebten.

Die Titanosaurier von vorhin waren ihr lieber.

Titanosaurier …

Zamira erschauderte, als sie begriff, dass dieser Gedanke nicht von ihr stammte. Eine weitere Eingebung, die aus dem Nichts ihren Geist gestreift hatte. Dieses Wort konnte nicht von ihr kommen, sie kannte es gar nicht.

Sie schnellte herum, weg von dem witternden T-Rex. Abermals blickte sie in ein mit Wildgewächsen und Geschöpfen übergefülltes Nichts.

Sie hörte nur das Rascheln der Gräser und Blätter im Wind und das allgegenwärtige Strolchen im Unterholz und das einsetzende, leise Knurren aus der Kehle des Räubers. Doch erneut drang auch dieses Wort an ihre Sinne, tropfte durch irgendeinen Kanal in ihr Bewusstsein, weder Ton noch geschriebenes Zeichen.

Titanosaurier.

Mit dem Wort verbunden war eine Aufforderung. Etwas forderte sie auf, den Sauropoden, den Titanosauriern, zu folgen.

Sie fühlte eine kribbelige Hoffnung. Diese Eingebungen, die von außen kamen, kannte sie als Bilder unbekannter Galaxien. Von ihnen hatte sie sich, zunächst widerwillig, im All leiten lassen. Schlussendlich hatte sie so zur Erde zurückgefunden, wenn auch in eine vollkommen falsche Zeit. Was sie jetzt spürte, besaß eine andere Form, bildete eher Worte und konkrete Handlungsaufforderungen statt Bildern und Richtungsgebern, wirkte fremdartiger, aber immer noch eigenartig vertraut. Irgendwie ergänzte sich ihre Wahrnehmung dadurch.

Zamira versuchte zu wittern, wie der T-Rex es tat. Sie spürte etwas, wenn auch mit der Unsicherheit eines Babys, das zum ersten Mal seine Augen öffnete und anfing, zu sehen. Hinter den Worten stand eine Quelle. Nicht der Saurier, sondern eine Art von Präsenz, ein unsichtbarer Geist in der Luft. Ein Ballen aus Wahrnehmungen, der nicht eingebildet sein konnte. Er erinnerte viel zu sehr an ihren eigenen Zustand.

War es ein Bewusstsein?

Waren da sogar mehrere? Ein seltsames Gefühl des Verlustes durchfuhr sie.

Was auch immer dort war, es entfernte sich. Seitlich, in Richtung des Flusses. In Richtung der Titanosaurier.

Zamira schoss vorwärts. In dem Moment, als der T-Rex eine Bewegung machte, verschwand sie, der fremden Präsenz folgend, schneller als die Flinksten unter den Jägern, schneller als die Flugsaurier oben am Himmel. Der Triceratops kam gar nicht so riesig daher, als sie geradewegs durch seinen Nackenschild stieß. Weniger als eine Sekunde verging, bis sie die Sauropoden-Herde erreichte, die sich an einer flachen Wasserstelle, etliche Kilometer vom Tyrannosaurus entfernt, gütlich tat.

Ihr Anblick hatte eine beruhigende Wirkung. Die friedlichen Giganten, zwanzig Meter lang, die ihre endlosen Hälse zum Wasser senkten, ihre Jungen umsorgten und Blätter zwischen ihren flachen Zähnen zermalmten … Konnte sie diesen Tieren nicht Millionen von Jahre lang zusehen, wenn die Belohnung darin bestand, am Ende auf Zilja zu treffen?

Aber sie würden aussterben.

Keine Millionen Jahre.

Es war wie ein Aufblicken, bei dem man in ein tröstendes Gesicht schaute. Zamira wusste nun endgültig, dass sie nicht allein war. Die Worte, die sie wahrnahm, überlagerten Bilder und Klänge. Ihr Verständnis für diese Wahrnehmung schärfte sich, wie bei einer Sprache, die man innerhalb von Minuten zu verstehen lernte, weil man sie tief im Inneren schon immer beherrscht hatte.

Sie lauschte mit neu erwachten Sinnen. Als ein Sauropode durch ihre Wahrnehmung stapfte, zuckte sie ein Stück zurück. Sie empfand Scham dabei, in den Körper eines lebendigen Geschöpfes hineinzusehen. Es war eine noch intimere, unangebrachte Form von Nacktheit. Gleichwohl begeisterte sie der Anblick. Wie die Muskeln arbeiteten, wie Blut durch die Adern gepumpt wurde … Wie sich der Fuß weiterbewegte und eine zwanzig Meter lange Mutter zum Vorschein brachte, die ihrem Kalb den Schlamm von der ledrigen Haut leckte.

Keine Millionen Jahre.

Zamira schüttelte sich, dass ihre Wahrnehmung des Erdbodens schwankte. Zilja. Sie war zurückgekehrt, für ihre Tochter. Gab es einen Weg, die Äonen zu umgehen, die sie nun trennten? Heftige Sehnsucht zerrte an ihr. Es waren sehr persönliche Bilder, die dabei durch ihren Geist strichen. Plötzlich kam Angst in ihr auf, ihre Empfindungen könnten für die fremde Präsenz wahrnehmbar sein. Würde sie völlig bloßstehen?

Die Angst vor erneuter Einsamkeit wog schwerer. Mit ihren Gedanken tastete Zamira sich an das andere Bewusstsein heran. Instinktiv spürte sie, schon beim ersten Versuch, eine eindeutige Grenze. Sie besaß keinen Körper mehr, doch da war noch immer ein Innenleben, das von der Außenwelt abgetrennt blieb. In Gedanken zu schweigen war nicht schwieriger als zu sprechen, so wie sie mit ihrer Stimme gesprochen oder geschwiegen hätte. Wobei es durchaus vorkommen konnte, dass man Dinge sagte, die man nicht hatte preisgeben wollen.

Sie dachte laut, merkte aber sofort, dass es ihr schwerfiel, Worte zu gebrauchen wie die andere Präsenz. Ihre Gedanken, gewöhnlich vage Muster im Inneren ihres Geistes, formten sich vielmehr zu Bildern, wie sie sie im All empfangen hatte: Bilder der Sauropoden und ihres eigenen Weges zur Wasserstelle, kombiniert mit einem fragenden Unterton, einem Warum. Natürlich wirkte es grotesk, ausgerechnet nach dem Grund für diesen Treffpunkt zu fragen, doch für eine tiefergehende Öffnung fühlte sie sich noch nicht bereit.

Um sich herum spürte sie den Nachhall ihrer Gedanken, wie sie einst den Klang ihrer Stimme gehört hätte …

… Und die fremde Präsenz antwortete. Im Gegensatz zu ihr schien sie keine Notwendigkeit einer vorsichtigen Annäherung zu sehen. Ihre Gedanken brandeten heran wie aufgewühlte Wellen an einem Strand: Ein Schwall aus Eindrücken, der Zamiras frisch erwachte Sinne beinahe betäubte.

Lautlose Worte bildeten sich. Besser am Wasser als vor den Zähnen eines Riesenräubers. Blitzende Erinnerungsfetzen: Zamiras Gedankenschrei, der im Angesicht des T-Rex aus ihr herausbrach. Ich habe dich gehört … Gestrandet … Millionen Jahre … Zamira spürte das Bedauern, das von dem anderen ausging, aber auch tiefe Wärme. Kann dir helfen. Wir sind nicht an Zeiten gebunden. Wirbelnde Schatten und Lichtschemen verdunkelten kurz die Worte. Verlasse die Saurier. Wechsel in deine Zeit. Kann dir helfen.

An dieser Stelle verebbte der Strom. Nur Wärme und Bedauern blieben zurück, wie ein zweigeteiltes Rinnsal – oder eher wie ein breiter, nie versiegender, unterirdischer Fluss, in unergründlichen Tiefen verborgen, aber von nicht geringer Kraft. Zamira spürte mehr dahinter, ein unbedingtes Verlangen, mit ihr zu sprechen, ausgedrückt in der Intensität des Gedankenstroms, aber auch eine unsichtbare Barriere, die weitere Offenbarungen zurückhielt.

Sie versuchte, ihre Sinne zu ordnen. Es war, als müsse sie ihr Selbst aus Bruchstücken neu zusammenfügen. Fremde und eigene Gedanken wirbelten durcheinander. Aus ihrem Inneren sprossen Bilder, die Ballast verdrängten und Wünsche formten: Bilder von Straßen, Häusern, bepflanzten Parks und Menschen, Milliarden von Menschen. Darunter sie selbst, schwarzhaarig, mit tiefbraunem Teint und dunkel funkelnden Augen, so gegensätzlich denen von Zilja.

Das ist meine Zeit, dachte sie und drängte die Bilder wieder und wieder in Richtung des anderen Bewusstseins. Ihr Verlangen, diese Zeit zu erreichen, gipfelte in einem weiteren Gedankenschrei. Schließlich blieb ein einziges Wort, in endloser Schleife: Wie? Wie? Wie?

Die Wärme des anderen Bewusstseins verstärkte sich. Sie stärkte Zamira. Sie gab ihr Vertrauen.

Und dann, mit klaren Worten, unterbrochen von kurzen Erinnerungen, Bildfetzen und Aufforderungen, erklärte die fremde Präsenz es ihr.

Sich durch die Zeit zu bewegen, erwies sich als nicht einmal schwierig. Zamira beschrieb es mit der schnellen Rotation eines Kreisels, den man in zwei verschiedene Richtungen drehen konnte – wenngleich das der Wahrheit kaum nahekam.

Sie hatte bereits Jahrmillionen bereist, unbewusst, indem sie sich im All so stark auf ihre Flucht fixiert hatte, dass räumliche Entfernung nicht ausgereicht, dass sie die Grenzen der Zeit gesprengt hatte. Ihre Unbedarftheit hatte der eines Kleinkindes geglichen, das seine ersten Schritte in die Welt unternahm und dabei tief auf die Nase fiel.

Ihr neues Verständnis hingegen verlieh ihr Kontrolle. Vergangenheit und Zukunft waren bloß Richtungen, die sie verfolgen konnte. Sie verweilte an einer Stelle und bewegte sich doch. Schatten rotierten und Lichter verschwammen. Eine Reise durch die Zeit bedeutete nichts als Geschwindigkeit.

Sie und das fremde Bewusstsein sprangen. Dabei folgte sie seiner Präsenz wie dem Schweif eines Kometen, der sie die Freiheit seiner Bewegungen lehrte. Stets ließen sie nur geringe Zeitspannen hinter sich: Tage oder Wochen. Der T-Rex suchte einen Kampf mit dem Triceratops, wurde verletzt, erlegte aber die Beute. Kurz darauf starb er selbst. Nach einem Sprung zurück, einem rasend schnellen Wirbel voller Schwärze, sah Zamira Beute und Jäger wieder lebendig. Eine Sauropodin legte mehrere Eier, aus denen Kälber schlüpften, die meterweise wuchsen. Dann lagen die Eier wieder im Mutterleib. Am Ende führte das fremde Bewusstsein sie zu einem Tag kurz nach ihrem Aufbruch zurück.

Du kannst es. Zeit wird dich nicht hindern.

Zamiras Gedanken formten den Unterschied zwischen Tagen und Jahrmillionen.

Entfernungen … unwichtig. Du wirst deine Zeit nicht beim ersten Versuch erreichen, so wie du im Raum an falschen Orten herauskommst. Aber jeder Sprung wird dich näherbringen.

Zamira strömte Dankbarkeit aus. Ein weiterer Wunsch bildete sich in ihr. Es war kein Bild, denn ein Bild dazu existierte nicht, jedoch eine umso deutlichere Vorstellung.

Komm mit mir.

Sie wiederholte die Bilder ihrer Zukunft.

Komm mit mir. Lass uns zusammen dorthin fliegen.

Ein gedankliches Kopfschütteln folgte zur Antwort. Der Gedanke war von ungewohnter Schärfe. Sie hatte dieses Nein schon während ihrer gemeinsamen Sprünge erahnt. Das fremde Bewusstsein wollte diese Zeit nicht verlassen, zumindest nicht jetzt, hatte vielleicht Gefallen an ihr gefunden.

Trotzdem konnte sie noch nicht gehen. Es blieb eine Frage, die sie in Worten stellen musste.

Sie fragte: Was bist du?

Gleich darauf schalt sie sich. Sie kannte die Antwort auf diese Frage. Es war eine andere, die sie stellen wollte.

Sie drückte ihre Entschuldigung aus und fragte: Wer bist du?

Bedauern und Wärme entströmten unvermindert dem Fremden. Jetzt meinte sie, darin noch etwas anderes zu spüren: Widerwille. Der Widerwille zurückzubleiben? Widerwille, überhaupt weiter mit ihr zu sprechen? Sie wusste es nicht, und eine Antwort blieb aus.

Schließlich folgte ein einzelnes Wort: Geh.

Zamira wartete ab. Etwas, das sie selbst nicht benennen konnte, gab ihr Hoffnung, noch mehr zu erfahren. Für einige Minuten beobachtete sie stumm die Sauropoden-Herde, die sich gerade zum Schlafen niederließ. Irgendwo im Leib der Mutter steckten die Eier und darin die Kälber, die zur Welt kommen würden.

Geh!, wiederholte das fremde Bewusstsein. Sie hatte den Eindruck, dass es jede weitere Gefühlsregung bewusst unterdrückte. Die Wärme versiegte, Bedauern und Widerwille jedoch blieben, wie etwas, das man bei aller Macht nicht im Zaum halten konnte.

Sie formte ein schwaches Warum?. Bilder, die sie nur zur Hälfte laut denken wollte, drangen nach außen: Bilder aus den Weiten des Alls, vom leeren Felsplaneten und Sternenfeuer inmitten von Gasen.

Bilder einer Einsamkeit, der sie sich nicht erneut aussetzen wollte. Sie mochte sich egoistisch verhalten, aber die Reaktion des anderen fiel heftiger aus, als sie vielleicht befürchtet hatte. Unvermittelt, wortlos, so abrupt, dass Zamiras junge Sinne es kaum mitbekamen, brandete das fremde Bewusstsein davon, nicht durch die Zeit, sondern fort über die Erdoberfläche.

Zamira zögerte einen winzigen Gedankenschlag lang, dann setzte sie ihm nach, ohne auch nur einen letzten Blick auf die Sauropoden zu werfen.

Sie rasten, im Wechsel über Wasser und Land; in ein Gebiet, das dem späteren Europa entsprechen musste. Hier war es dunkel. Der andere wurde langsamer und bewegte sich auf mondbeschienene Wellen zu. Das Wasser erschien seicht, als verberge sich unter den Meeren überflutetes Land.

Noch während dieses kurzen Abschweifens von Zamiras Gedanken verschwand das fremde Bewusstsein. Sie konnte es nicht mehr spüren, auch nicht nach einigen schnellen Ortswechseln und kurzen Zeitsprüngen.

Sie war wieder allein.

Schreck und Schuldgefühle drückten sie unter die Wasseroberfläche. Trübe Wellen schwappten durch ihre Wahrnehmung. Hatte sie den Fremden vertrieben mit ihrer Beharrlichkeit? Er hatte sich nicht mit ihr zusammentun wollen, soviel war offensichtlich gewesen. Warum hatte er ihr dennoch geholfen, den Kontakt zu ihr gesucht, ihr Sprünge durch die Zeit beigebracht? Wollte er, dass sie aus Jahren verschwand, die er als die seinen betrachtete? Zamira glaubte nicht daran, aber sie fand auch keine andere sinnvolle Erklärung.

Traurig erhob sie sich aus dem Wasser und lauschte eine Weile dem Brausen des Ozeans. Dunkelgraue Meeressäuger tauchten aus dem Wasser auf, sprangen und pflügten durch die Wellen wie Urzeitdelfine.

Die Stille, die jenseits der Ränder ihres Bewusstseins herrschte, diese über das Hörbare hinausgehende Lautlosigkeit – sie lastete jetzt schwerer auf ihr. Der Gedankenaustausch hatte ihr Zusammenhalt und Nähe geschenkt: Etwas, das so viel mehr bedeutete als das Beobachten und Belauschen lebender Dinge, von denen sie alles trennte.

Jetzt umgab sie wieder das Nichts, sie hatte alles verloren.

Andererseits – Zamiras Schleier der Traurigkeit bauschte sich auf, ein Pochen von Aufregung riss immer größere Lücken und übertönte die Stille; es ließ sie vom Wasser emporgleiten …

Andererseits musste es weit mehr geben als nur sie beide. Wenn sie dem Bewusstsein eines anderen Menschen begegnet war, eines Menschen, der schon länger tot war und deshalb ihren Zustand viel besser kannte – dann musste er in diese Zeit geflohen sein, um der Präsenz anderer zu entkommen … Ein Einsiedler bis in den Tod; sie war wohl kaum lebendig genug, um daran etwas zu ändern …

Hier, zu Zeiten der Dinos, mochte sich jenseits der lebenden Welt Leere ausbreiten – ebenso wie in der Ferne des Alls –, aber zu Zeiten der Menschen, auf der Erde … Dort musste Bewusstsein von Milliarden Toten umherstreifen, die sie nun wahrnehmen, mit denen sie sich verständigen, von denen sie noch unendlich viel mehr lernen konnte.

Milliarden.

Und natürlich die lebenden Menschen. Zilja. Hierin bestand das größte Geschenk ihrer neuen Fähigkeiten: Es würde ihr möglich sein, jede einzelne Sekunde des Aufwachsens ihrer Tochter zu verfolgen, jedes ihrer Wunder zu bestaunen und jeden Moment zu übergehen, in dem Zilja nicht beobachtet werden wollte.

Zamira steigerte sich in eine Rotation. Sie hielt sich keinen Augenblick länger auf und sprang durch die Jahre.

Am grauen Felsen

Bald nachdem die Lichtschemen sich legten, erkannte Zamira, dass sie zu kurz gesprungen war. Ein leises Knistern durchdrang eine stille Abenddämmerung. Feine Rauchwirbel stiegen zu ihr empor. Als sie hinabblickte, schaute sie auf eine Gruppe von Menschen. Es waren nicht mehr als die evolutionären Vorläufer der Menschheit, die sie kannte.

Diese Menschen trugen Felle am Körper, grob zusammengenäht mit den Fasern von Pflanzensträngen. Haare und Bärte wucherten ungezähmt. Ketten mit Zähnen und Krallen großer Tiere schmückten die Männer. Speere aus Ästen und gespitzten Steinen lagen griffbereit neben ihren gedrungenen, überaus muskulösen Gestalten. Die Frauen wirkten kaum weniger kräftig. Hände und Oberarme, in denen viele kleine Kinder hielten, hätten professionellen Kraftsportlerinnen Ehre bereitet. In ihre Haare waren Flechten, Gräser und kleine Steinchen eingewebt.

Sie selbst war hoch über der Gruppe herausgekommen, wo einst die Wasseroberfläche gelegen haben musste, an der Kante eines Felsplateaus, zu dessen Fuß sich nunmehr das Lager befand. Der Fels war von auffallend fahler, granitgrauer Farbe. Ringsherum wuchsen Buschwerk und Bäume, die im Wind rauschten. Nirgends fanden sich Spuren weiterer Menschen, noch spürte sie irgendwelche Gedanken eines anderen Bewusstseins.

Zamira richtete ihren Blick wieder nach unten. Dort bildeten Männer wie Frauen einen ehrfürchtigen Kreis um einen einzelnen Stammesbruder. Zuerst hielt sie ihn für einen Häuptling, doch die Bezeichnung Schamane traf es eher. Der vergleichsweise schmale Mann trug einen dicken Pelz, der an verschiedenen Stellen rot eingefärbt war. Um seinen Hals lag eine Kette, an der ein einzelner glänzender Stein baumelte.

Der Schamane kniete über einem Nest aus trockenen Gräsern und schlug im schnellen Rhythmus zwei Steine aufeinander – einen Schieferstein mit einer darin eingefassten, hell glänzenden Innenfläche und einen großen, grob abgeschlagenen Stein, dessen Strukturen fließend anmuteten und an einigen Stellen orangefarbene Muster bildeten. Der Feuermacher schaute kurz nach oben, ein bärtiges, zerfurchtes und vernarbtes Gesicht. Dann widmete er sich wieder seiner Aufgabe. Bei jedem Aufeinanderschlagen der Steine sprangen Funken auf das bereits glimmende und qualmende Nest, und der Kreis der Bewunderer stieß als Echo ein dröhnendes „HO“ aus.

Der Rauch stieg an Zamiras Sinne, ohne dass sie ihn roch. Allmählich gelangte die Erkenntnis zu ihr: Dies war die Steinzeit. Irgendeine Epoche der Steinzeit. Sie beobachtete die Erfindung des Feuers.

Oder nein, nicht dessen Erfindung oder erstmalige Zähmung. Das Ritual, das sich bei den Steinzeitmenschen gebildet hatte, der Kult um den Feuermacher, sprachen dagegen. Ohnehin wäre es ein zu großer Zufall gewesen. Sie beobachtete eine Nutzung des Feuers durch einen Menschenstamm.

Nun entdeckte sie auch zwei ausgenommene Kadaver, die außerhalb des glimmenden Scheins darauf warteten, gebraten zu werden. Und die drei lebenden Wölfe, die aus ihrer erhöhten Sicht zwischen den Bäumen erkennbar waren; die hungrig umherschlichen, sich jedoch nicht näher an den Feuerschein wagten.

Erste Feuerzähmung oder nicht, sie beobachtete einen großen Augenblick in der Menschheitsgeschichte.

Und wenn sie es wollte, konnte sie solange über Jahrhunderte und Kontinente strolchen, bis sie die erstmalige Nutzung des Feuers fand. Sie konnte mehr erfahren als der gelehrteste lebende Historiker.

Zum ersten Mal seit ihrem Tod vergaß sie den Straßentunnel und sogar Zilja. Wärme breitete sich in ihren Sinnen aus; es lag nicht an dem Feuer, die Wärme war in ihr, trotz allem: Ein Gefühl von gespannter Erwartung, von Zufriedenheit mit dem, was war, und Zuversicht bezüglich des Kommenden.

Es erschien unangemessen, auch nur daran zu denken, aber die neue Art ihrer Existenz erinnerte sie plötzlich an Fernsehen – an endloses Fernsehen realer Begebenheiten. Sie hatte Bild und Ton, konnte vor- und zurückspulen, wechselnde Schauplätze betrachten … Viel Zeit vor dem Fernseher hatte sie nie verbracht, aber Geschichten hatte sie immer geliebt, und die Wirklichkeit war spannender, vielschichtiger, bedeutungsvoller als in den Büchern.

Sie konnte die Erfindung des Feuers verfolgen.

Sie konnte zurückspringen und zwanzig Meter lange Sauropoden beobachten.

Sie konnte, wenn sie wollte, den Anbeginn der Zeit ansteuern und die Entstehung des Lebens auf der Erde verstehen lernen – oder die größten Momente der jungen Geschichte durchleben.

Und bei alledem konnte sie anspruchslos über den Dingen schweben.

Der Gedanke ließ sie in die Höhe schnellen. Der Fels wurde Teil eines bewaldeten Berghangs, der in ein Flusstal hineinreichte. Der Berghang wurde Teil eines kleinen, im Mondlicht schwach erkennbaren Gebirges. Zahllose Schatten lagen dort unten, die auf Erkundung warteten, in die sie hineinzoomen oder sie aus der Ferne betrachten konnte: Das Unbekannte, eine grenzenlose Phalanx aus Geheimnissen und Mysterien, ausgestreckt über Äonen. Statt des Kleingebirges hätte sie zu Achttausendern fliegen können, statt des Flusses in einen Tiefseegraben …

Erstmals wurde Zamira wahrhaftig bewusst, dass sie Fliegen gelernt hatte.

Sie schwang sich noch höher empor; imaginäre Flügel trugen sie weiter und weiter, bis das Mondlicht vertraute Kontinentalstrukturen erkennen ließ.