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Zwei neugierige Zwerge begeben sich auf den Weg die Welt zu erkunden. Ihre Reise wird aufregender und gefährlicher als sie es sich je hätten vorstellen können. Um die Magie ihrer Welt und neu gefundene Freunde zu retten müssen sie sie über sich hinauswachsen und einige Vorurteile überwinden. Eine fantasievolle Geschichte über Mut, Freundschaft und Abenteuer beginnt.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Geröll
Kardir
Caleidope
Grolme
Der König
Auf Geht’s
Das Boot
Das Abkommen
Die See
Kalinosch
Legenden
Berian
Der Weg
Der Rat der Ältesten
Heimat
Das Nimmersangtal
Vor langer, langer Zeit machten sich zwei Zwerge auf den Weg, ihre schöne Heimat im Nimmersangtal zu verlassen, um die große, weite Welt zu erkunden. Auf dem Rücken ihrer beiden Minishetties, Mickey und Mini, sah die Welt schon viel größer aus. Frohen Mutes hatten sie Proviant, den leckeren Blaubeerkuchen von Oma Matilda, mitgenommen und bogen rechts am großen Apfelbaum, der war immerhin so hoch, dass noch kein Zwerg es je geschafft hat, die Baumkrone zu sehen, in die Hauptstraße ein. Sie ritten vorbei an Seppels Schneiderei, der die besten Lederhosen im ganzen Nimmerwald und nicht nur in Zwerghausen herstellte und winkten fröhlich der buckligen Bäckerin zu. Schon bald konnten sie das leise Plätschern des Wasserfalls hören, der ihren Aufstieg in den Nimmerwald ankündigte und damit den Beginn ihrer Reise.
Die Sonne schien und sie ritten singend dem Nimmerwald zu. Langsam ging es bergauf. Die kleinen Shetties bewegten sich rasch vorwärts. Sie freuten sich, so einen schönen Ausritt machen zu dürfen. Doch plötzlich hörte die Straße auf. Vor den Zwergen lag eine Geröllhalde, die Schlimmes ahnen ließ.
Ein Erdrutsch! Damit hatten sie nicht gerechnet, wie sollten sie auch. Es war ja niemand in das Tal gekommen, der es ihnen hätte sagen können. Ratlos sahen sie sich um. Mit den Shetties konnten sie nicht über die Geröllhalde, dazu war sie viel zu groß. Sie konnten ja nicht einmal sehen, wo der Weg weiterging. Aber aufgeben wollten sie nicht. Auf gar keinen Fall. Und schon gar nicht so kurz nach dem Beginn ihrer Reise. Sie mussten einen Weg finden, dieses Hindernis zu überwinden.
Nach einer kleinen Stärkung, die Mattis, der etwas verfressene Zwerg, dabei hatte, fiel dem zweiten Zwerg Thea ein, dass es einen kleinen Bergpfad gab, auf dem sie den versperrten Weg umreiten konnten. Es ist zwar ein sehr mühsamer und auch gefährlicher Weg, auf dem schmalen Pfad direkt am Abgrund entlang zu reiten, aber dennoch entschlossen sie sich diesen Weg zu nehmen. Mattis war zwar ein kleiner Angsthase, dennoch ließ er sich von Thea überreden. Sie hatten ja ihren Reiseproviant schon verzehrt und am Ende des schmalen Bergpfads gab es eine Taverne, wo sie ihre Wegzehrung wieder auffrischen könnten. Damit köderte Thea ihren kleinen, molligen Kollegen.
Die Sonne neigte sich schon langsam gen Horizont und die Bäume des Waldes warfen lange Schatten, so dass die Schlucht rechts neben ihnen noch um einiges tiefer wirkte. Mickey stapfte sicheren Schrittes dicht an der sicheren, haltbietenden Wand des Berges an der Schlucht entlang und Mattis trieb sein zu ihm passendes molliges Reittier an, es Mickey und seiner Reiterin gleich zu tun. Doch Mini streikte, tänzelte und bewegte sich gefährlich nahe auf den Abgrund zu. Vielleicht war das doch keine gute Idee gewesen in Sam Weißgamschis und Frodos Fußstapfen zu treten. „Wir sind doch nur Zwerge!“ schnaufte Mattis, als er vergeblich versuchte, sein Ross an die sichere Seite des Berges zu treiben. Wenn er an seinem Bein hinuntersah, schwebte sein Fuß bedrohlich über einem schwarzen Nichts. „Hey! Thea! Warte auf mich!“ rief er seiner Gefährtin zu. Der sich windende Weg versperrte die Sicht und er hoffte nur, dass Theadora, Thea, nicht allzu weit vorangeritten war. Er konnte doch jeder Zeit mit diesem störrischen Esel von Mini abrutschen!
Plötzlich hörte er ein ohrenbetäubendes Poltern nur wenige Meter vor ihm, hinter der nächsten Biegung und einen gellenden Schrei.
Mattis war starr vor Schreck. Selbst Mini bewegte sich keinen Schritt mehr. Was sollte er nur tun? „THEA!“ Was ist nur passiert? Sie ist abgestürzt! Was soll ich nur machen? Am besten den ZRD (Zwergischer Rettungs-Dienst) benachrichtigen. Aber wie denn? Selbst wenn es gelänge, auf diesem schmalen Pfad umzudrehen - er würde zu lange ins Tal brauchen (bei den Zwergen im Nimmersangtal gibt es noch keine Handys); dann würde jede Hilfe für Thea zu spät kommen. Mattis’ Gedanken schossen wie wild durch seinen Kopf. Wäre er doch im gemütlichen Nimmersangtal geblieben! Aber alles Jammern half jetzt nichts. Er nahm all seinen Mut zusammen und ritt zögernd weiter, Schritt für Schritt. Was würde ihn hinter der Biegung erwarten? Könnte er Thea und ihr Shetty überhaupt ausfindig machen? Die Lage war hoffnungslos! Jeder Schritt vorwärts ließ sein Herz schneller klopfen. Vorsichtig lugte er um den Felsvorsprung. Dann sah er Thea! Und Mickey! Mickey stand dort mit angsterfüllten Augen. Der Pfad war an dieser Stelle nur noch etwa fußbreit und ein Teil fehlte sogar! Thea hing direkt am Abgrund nur noch an einer Baumwurzel und starrte fassungslos und abwesend vor sich hin. Was war nur passiert?
Mattis fühlte einen Moment lang eine merkwürdige Leere in seinem Kopf. Dann hörte er einfach auf zu denken und handelte. „Thea?“ fragte er. Sie schien ihn nicht zu hören. „THEA!?“ fragte er diesmal lauter, eindringlicher. Langsam drehte Thea den Kopf und sah ihn an. „Halt dich fest! Ich komme!“ rief er ihr zu. Langsam und vorsichtig stieg Mattis ab, zwängte sich an der Bergseite an Mini vorbei und band den Zügel an einem kleinen Baum fest, der in einem Felsspalt wurzelte.
Dann drückte er Mini seitwärts gegen den Felsen und befahl ihr „Bleib stehen!“. Als er sich Thea zuwendete, wunderte er sich flüchtig darüber, dass das Tier ihn plötzlich zu verstehen schien und sofort gehorchte.
Auf dem Bauch kroch er vorsichtig zu dem Abbruch. Er hörte noch wie Thea flüsterte: „Schnell, ich kann mich nicht mehr ...“ als er auch schon zugriff und Thea am Handgelenk erwischte. Zum Glück war Thea deutlich leichter als er, außerdem verbargen sich unter seinen Fettschichten ganz ansehnliche Muskelpakete. Er schaffte es tatsächlich, Thea so weit hochzuziehen, dass sie mit der zweiten Hand nach seinem Arm greifen konnte. Er schob sich Stück für Stück zurück und zog Thea langsam über den Rand. Dann half er ihr sich zu setzen und an den Felsen zu lehnen. „Bleib sitzen, ruh dich etwas aus.“ sagte er. “Ich bin gleich zurück“.
Vorsichtig ging er zur Biegung, an der Mini angebunden war. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle, wo er sie verlassen hatte. Er strich ihr über die Nüstern und flüsterte „Braves Tier“. Ein kurzes Schnauben war die Antwort. Dann zog er das Seil aus der Packtasche, wickelte es zweimal um die Baumwurzel und zog das kurze Seilende soweit durch, bis von der Wurzel zwei gleichlange Seilenden herabhingen. Dann ging er wieder zu Thea. Es schien, als hätte sie sich wieder erholt. Als sie aufstand fragte er „Alles klar?“. „Wieso nicht?“ fragte sie zurück. OK, ihr ging es wieder gut. Er war beruhigt. Dann zog er die Seilenden unter seinen Armen hindurch und knüpfte sich mit einem doppelten Palstek einen perfekten Brustgurt.
„Warte“ sagte Thea. „Lass mich das machen. Ich bin leichter und falls ich abrutsche, kannst Du mich besser halten“. Sie hatte Recht. Mattis brauchte dazu nur einen Blick auf die bröckelige Kante zu werfen. Dort wo vor kurzem noch der Weg weitergegangen war, klaffte nun eine gut 1 Meter große Lücke, die der Erdrutsch mitgenommen hatte. Obwohl so ein Zwerg mit seinem Pony ja nun nicht so viel wog, war das doch zu viel gewesen für dieses bröcklige Gestein und der Boden hatte unter Thea und Mickey nachgegeben. Das Pony war wohl vor Schreck auf die andere Seite in Sicherheit gesprungen und hatte dadurch seine kleine Reiterin verloren. Aber zum Glück hatte sie sich ja festhalten können. Nun ist aber so ein Meter in der Zwergenwelt schon eine beachtliche Strecke, wenn man bedenkt, dass die größten Zwerge gerade einmal an die 90 cm reichen… Aber umkehren wollten die beiden auch nicht, also hieß es zur Tat zu schreiten und weitergehen.
Mattis verzurrte das Seilende als Brustgurt bei Thea. Mit neuem Mut und mit Mattis als Absicherung am anderen Seilende, sprang Thea über die Lücke. Es war ganz leicht! Thea stand still und Mattis hörte sie nur etwas leise murmeln. Er fragte nach, was Thea gesagt hatte. Sie sagte nur: „Ach nichts, alles in Ordnung“. Tatsächlich hatte Thea sich etwas geärgert, denn damals, als sie noch für den ZFK (Zwergischer Fünfkampf) trainierte, konnte sie nie aus dem Stand diese Weite springen und jetzt eben war es doch so einfach. Wahrscheinlich lag das an Mattis, der ihr immer und überall den Rücken stärkte und ihr so das nötige Selbstvertrauen gab. Mattis stand immer noch mit fragendem Gesicht auf der anderen Seite und hielt das doppelte Seil mit beiden Händen. Sein Gesicht entspannte sich wieder. Er war froh, dass ihm gerade noch rechtzeitig eingefallen war, vor dem Sprung genügend Seil zu geben. Er mochte sich gar nicht vorstellen was passiert wäre, wenn Thea plötzlich mitten in der Luft von dem Seil abgebremst worden wäre...
Thea löste das Seil von ihrer Brust und befestigte es an Mickeys Sattel. Dann führte sie ihr Shetty so weit nach vorn bis sich das Seil straffte.
Doch dann zog ein Schatten über Theadoras pausbäckiges Gesicht: „Was machen wir denn mit Mini?“ fragte sie, „wir können sie doch nicht einfach hier zurücklassen!“ Mini war schon um die Ecke gekommen und stand jetzt dicht hinter Mattis. Wie sollten sie denn das Pony über die Lücke schaffen? Fragend und ratlos schauten sie zu dem kleinen Schecken hinüber.
Mini schnaubte ärgerlich, „Was dachten sich die beiden denn! Sie zurücklassen, pah, so ein kleiner Graben war doch nix für ein ausgewachsenes, stolzes Mini-Shetty!“ Mit ihrem Anlauf stieß Mini Mattis beinahe beiseite und er taumelte, um sein Gleichgewicht zu behalten. Umzufallen wäre vor Thea doch etwas peinlich gewesen oder (die schlimmere Variante) im Abgrund zu verschwinden wäre fatal gewesen. So führte er einen komisch anmutenden Ententanz auf und bekam gar nicht mit, dass er auf einmal alleine auf seiner Seite der Lücke stand. Denn Mini hatte, wie es sich natürlich für ein ausgewachsenes, stolzes Mini-Shetty gehörte, diesen lächerlichen Meter mit Leichtigkeit überwunden. Dass sie sich danach leicht humpelnd zu Mickey verzogen hatte, hatten die beiden Zwerge in ihrer Aufregung gar nicht mitbekommen.
Als Mattis sich endlich gefangen hatte, ging er zum Abgrund. So viel Mut wie das Pony hätte er auch gerne. Für ihn sah die metergroße Lücke schon bedenklich groß aus. Und Zwerge hatten nun mal kurze Beine! Dafür konnte er natürlich nichts! Ja, wenn er ein großer Gnom wäre, die werden immerhin bis zu 1,10m groß! Ja dann wäre das doch überhaupt kein Problem. Aber ein Gnom -? Er verlor sich etwas in Gedanken. Nein ein Gnom wollte er doch nicht sein. Es hieß, sie würden ausschließlich Fleisch essen, - für absolute Herbivore wie die Zwerge nicht auszudenken. Und noch schlimmer: es wurde geflüstert, dass sie besonders gerne Gnomfleisch aßen! Das aber war verboten und so wichen sie auf Zwergenfleisch aus (Zwerge waren ihre nächsten Verwandten). Über Mattis Nacken wanderte eine Gänsehaut und er konnte nicht anders als sich umzudrehen, fast erwartend, einen Gnom zu sehen.
„Nun beeil dich!“ rief Thea, „Wir wollen hier schließlich nicht übernachten!“ Noch immer mit Gänsehaut ergriff Mattis nun das gespannte Seil und hangelte sich über den Abgrund. Erst auf der anderen Seite und hinter Mickey traute er sich wieder zurückzuschauen. Und natürlich waren da keine Gnome, was für ein Dummkopf er doch war. Schnell löste er das Seil von Mickeys Sattel, ließ ein Ende fallen und zog am anderen Ende das Seil komplett zurück. War schon eine gute Idee, das Seil nur um den Baum zu wickeln und doppelt zu führen anstatt zu verknoten! Da zahlten sich die Übungen bei ZTHW (Zwergisches Technisches Hilfswerk) echt aus. Er verstaute das Seil wieder in der Packtasche.
Als dann sein Blick zur Abbruchkante schweifte, musste er lachen. Sie hatten es beide, nein alle vier, auf die andere Seite geschafft! Was für ein Abenteuer! Auch Thea fing an zu lachen und lachend machten sie sich auf, den Rest des schmalen Weges zu erklimmen. Diesmal führten sie ihre mutigen Gefährten allerdings, noch so eine Überraschung brauchten sie ja nun wirklich nicht!
Es wurde auch Zeit! Die Sonne war längst hinter den Bäumen verschwunden und sie mussten die Taverne noch vor Anbruch der Nacht erreichen. Es wäre unverantwortlich, bei Dunkelheit auf diesem gefährlichen Pfad zu übernachten oder weiterzugehen.
Schon kurze Zeit später verbreiterte sich der Pfad etwas, mündete auf einen richtigen Weg und da sahen sie auch schon die Lichter der Taverne. Durch das schwindende Tageslicht klang Stimmengewirr herüber, es schien einige Aufregung zu herrschen.
Als sie näher kamen, verstummte das Stimmengewirr plötzlich. Alle Blicke richteten sich auf die Neuankömmlinge. Ein älterer Zwerg erhob sich von einer Bank und ging einige Schritte auf sie zu. „Wo kommt ihr denn her?“ fragte er. „Alle Wege in dieser Richtung sind doch verschüttet. Wir sitzen hier seit Tagen fest!“ „Bergrutsche, ja, wissen wir“ entgegnete Thea. „Wir kommen aus dem Nimmersangtal und wären selber fast abgestürzt“ Der ältere Zwerg musterte sie und die Shetties. „Ich habe noch nie gehört, dass jemand das geschafft hat. Ihr müsst erstaunlich viel Mut und ein besondere Form von Glück haben.“ sagte er nachdenklich. „Aber kommt erst einmal herein und stärkt euch. Ihr müsst ja halb verhungert sein!“ Das war Musik in Mattis’ Ohren, er hatte ganz vergessen WIE hungrig er war.
Er wollte schon in die Taverne stürmen; da hielt Thea ihn zurück. „Zuerst müssen wir unsere Tiere versorgen“, sagte sie. Und richtig, die beiden Ponys sahen sehr mitgenommen aus. Jetzt merkten sie auch, dass Minis Bein angeschwollen war. Dass sie es überhaupt noch bis hierhin geschafft hatte! Etwas ratlos standen Mattis und Thea und betrachteten ihre tierischen Gefährten. Dann war es wieder Mattis, der zur Tat schritt (dabei war er unten im Nimmersangtal als etwas träge bekannt). Er ließ sich von dem Wirt ein sauberes Tuch geben, tränkte es in dem kristallklaren kalten Wasser des vorbeifließenden Nimmerbachs und wickelte es geschickt um Minis Bein. Inzwischen hatte Thea schon einen Eimer mit Wasser besorgt. Die Shetties tranken, als ob sie kurz vorm Verdursten gewesen wären. Danach durften sie sich über die Wiese der Taverne hermachen.
Dann konnten auch Mattis und Thea endlich an sich selbst denken. Sie waren nicht nur extrem hungrig, sondern auch sehr erschöpft - und sämtliche Knochen schmerzten. Für Mattis war so viel Bewegung ja sehr ungewohnt. Nachdem sie ausgiebig gegessen hatten (sie waren eingeladen und mussten ihre Erlebnisse immer wieder erzählen) und ihre Shetties in den Stall gebracht hatten, wo diese sich auch sofort zur Ruhe legten, fielen sie in ihre Betten. Mattis konnte sich noch mal kurz darüber wundern, dass sie alle vier hier waren und schon war er eingeschlafen. Thea war schon im Reich der Träume. Sie schliefen einfach nur – sehr lange und fest.
Am nächsten Morgen, es war schon eher Mittag, wurden sie durch aufgeregte Stimmen geweckt. Neue Gäste waren aus Richtung Nimmerwald angekommen. „Unheimlich.....“ „riesig...“ „furchtbar laut...“ waren einige Gesprächsfetzen, die sie mitbekamen. Was war im Nimmerwald bloß los? Und nun schoss es Thea auch durch den Kopf: „Woher kamen nur die Erdrutsche? Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet.“ Beide Zwerge waren auf einmal hellwach.
Mattis hatte immer noch die Gesprächsfetzen im Ohr und diese ließen ihm keine Ruhe. Er wollte nicht aufdringlich wirken, doch erforderte die Gegebenheit mit den Erdrutschen eine besondere Behandlung. Der schüchterne Mattis ging auf einen der Neuankömmlinge zu, von dem er einige Minuten zuvor die Bruchstücke des unüberhörbaren Treibens mitbekommen hatte. Er stellte sich höflich vor: “Hallo, ich bin Mattis“. Da die Neugier um die Ungereimtheiten der Bergrutsche so in Mattis überschäumte, stürzte er gleich mit seinen Fragen los. „Woher kommen diese Erdrutsche? Was war riesig?“
Einer der Neuankömmlinge ergriff das Wort, um zu erzählen, was ihnen widerfahren war. „Wir sind nur auf der Durchreise zur weit entfernten Stadt Oras. Auf unserem Weg durch die Berge haben wir an dem anderen Ende der Schlucht Grolme gesehen, die einige Riesen in Ketten wie Hunde an der Leine führten. Die Grolme führen irgendetwas im Schilde, nur wenn sie wieder einen ihrer hinterlistigen Pläne ausbrüten, trifft man sie in diesem Gebiet. Zum Glück haben sie uns nicht bemerkt! Wir nahmen die Beine in die Hand und flüchteten Hals über Kopf, sogar unsere Waren ließen wir zurück, die wir auf dem Basar in Oras verkaufen wollten.“
Mattis Gesichtszüge verfinsterten sich. In Gedanken versunken, fragte er sich die ganze Zeit, was die Grolme vorhatten. Ganz im Gegensatz zu Thea. Nachdem die beiden Zwerge sich gestärkt hatten und Mattis noch über die Grolme nachdachte, überfiel Thea ein eiskalter Schauer: Mini! Sie hatte sich heute noch gar nicht um das Bein gekümmert! Wie hatte sie das nur vergessen können?! Böse funkelte sie Mattis an „Ich geh zu Mini“ setzte sie ihn mit etwas fauchender Stimme in Kenntnis.
Zum Glück hatten sich die Stallzwerge schon um die Ponys gekümmert und Mini stand mampfend an ihrem Trog, das rechte Vorderbein entlastend. Thea trat näher und musste feststellen, dass das Bein kein Stückchen besser als gestern aussah, wie konnte es auch. Die Bandage legte sie beiseite. Sie konnte keinerlei Wunde erkennen. Und auch beim Abtasten fiel ihr nichts besonders auf, bis auf die Schwellung natürlich. Thea seufzte, das sah nach einer langen Heilung aus. Ansonsten sah Mini allerdings gut aus, sie hatte gut gefressen und getrunken und sich, so wie ihr Fell aussah, anscheinend auch nachts hingelegt. Nur das Bein machte Thea Sorgen. Behutsam untersuchte sie noch einmal jeden Zentimeter ohne Erfolg. Das sah ganz nach einer Zerrung aus. Also hieß es Kühlen, Kühlen und nochmals Kühlen und vorsichtige Bewegung. Der Nimmerbach war zum Glück ganz nah an der Taverne, so dass sie Mini ihr gutes Halfter überstreifte und sie vorsichtig zum Bach führte.
Erleichtert stellte Thea fest, dass die Lahmheit nicht ganz so schlimm war wie befürchtet. Anderseits, dachte sie, Mini ist ein ganz schön tapferes kleines Wesen, ganz wie sie. Sie kraulte gedankenverloren über Minis Fell, während das Pony mit seinen Vorderbeinen im kühlen Nass stand. Der gestrige Tag kam ihr wie ein Traum vor. Sie hatte Mattis noch nie so tatkräftig und mutig gesehen. Bisher war es immer sie gewesen, die gehandelt hatte. Aber der neue Mattis gefiel ihr. Und seine Schüchternheit schien er auch zu verlieren, er hatte sich heute Morgen ja ganz angeregt mit den anderen Gästen unterhalten…
In Gedanken versunken bemerkte Thea gar nicht, wie sich auf der anderen Seite des Flusses die Äste der Bäume bewegten. Etwas bewegte sich im Schatten des Waldes. Mini spitzte aufmerksam die Ohren. „Was ist denn, Süße?“ fragte Thea und sah in die Richtung, die Minis Aufmerksamkeit beanspruchte. Ganz angespannt blähte das Pony die Nüstern. Trotz Theas wachsender Anspannung musste sie doch feststellen, dass Mini richtig hübsch aussah, wenn sie sich so aufrichtete. Im Wald knackten ein paar Äste, es hörte sich an, als ob etwas Größeres durchs Gehölz wanderte. Vielleicht ein Reh, für einen Hasen war es definitiv zu groß. Thea behielt das andere Ufer genau im Blick. Das „Etwas“ schien sich dem Wasser zu nähern, vielleicht wirklich nur ein Reh oder Hirsch, der durstig war. Doch irgendetwas in Thea und vor allem an Minis Verhalten sagten ihr, das war kein Tier. Mini würde auf einen Pflanzenfresser nicht so aufmerksam reagieren, aber Furcht schien sie auch nicht zu haben. Langsam wurde Thea ungeduldig, sollte das dumme „Etwas“ doch endlich auftauchen, dann wüsste sie wenigstens, was es war. Kurzentschlossen watete sie vorsichtig durch das flache Bächlein, selbst ein Zwerg konnte es gefahrlos überqueren, die tiefste Stelle machte gerade einmal 20 cm aus.
Plötzlich wurden die Äste beiseite geschoben und ein relativ großer felliger Fuß tauchte auf. Thea blieb wie angewurzelt stehen, wenn der Rest des Körpers zu dem Fuß passte, musste es sich um einen Riesen handeln, mindestens 1,30 oder sogar noch größer! Thea war unentschlossen: „Was meinst du?“ fragte sie Mini. Das Pony schnaubte. Wie schon erwähnt, war sie nun wirklich kein Angsthase, schließlich war sie ein waschechtes Mini-Pony! „Nun gut, dann lass uns den Neuankömmling mal begrüßen“ vernahm das Pony, als sich Thea wieder in Richtung des Riesenfußes aufmachte, von dem jetzt auch ein weißliches, dichtbehaartes Bein aufgetaucht war. Schnell folgte nun auch der Rest des Geschöpfes. Erstaunt blieb es vor Thea stehen.
Für eine kleine Ewigkeit standen beide sprachlos voreinander, so als wenn keiner der beiden wusste, was zu tun sei. Dann entblößte der Gnom sein mächtiges Gebiss und stieß einen furchteinflößenden Schrei aus. Thea wich einen Schritt zurück, auch Mini schien langsam doch der Mut zu verlassen. Der Gnom sah die beiden erwartungsvoll an und Thea, schon fast im Begriff das Weite zu suchen, hatte genug Zeit sich zu wundern, dass er sie noch nicht fressen wollte. Immer noch standen die drei abwartend und ratlos voreinander. Mini schnaubte, sie schien sich über diesen merkwürdigen Gnom auch zu wundern.
„H-Hallo?“ fragte Thea vorsichtig, und ärgerte sich, dass man ihr so deutlich ihr Unbehagen anmerkte. Ob er sie überhaupt verstehen konnte? „H-h-hallo“ kam schüchtern zurück. „Du bist ein Gnom“ stellte Thea etwas ungeschickt fest. „Ja, und du ein Zwerg“ kam ebenso verlegen zurück. Was für eine merkwürdige Situation, waren Gnome nicht dafür bekannt, Zwerge zu fressen? Vielleicht war er ja nicht hungrig? „Du… du wirst mich doch nicht verzaubern oder verwünschen o-o-o-oder sch-sch-schlimmeres?“ kam zitternd von dem Gnom. Thea musste lachen: verzaubern? Der Gnom schien verwirrt. „Natürlich nicht, wenn du mich nicht frisst“ gab sie zurück. „Fressen?“ fragte der Gnom „warum sollte ich dich fressen, ich mag kein Fleisch, meine ganze Familie isst kein Fleisch“. Nun war es an Thea sich zu wundern. „Nicht?“ gab sie mit kugelrunden Augen zurück. Der Gnom lachte, es war ein lautes, absolut ansteckendes Lachen, mehr wie Donnergrollen. Eine Zeitlang standen sie lachend da. Bis der Gnom fragte „Was stimmt nicht mit deinem Pony?“ Verwundert darüber, dass er das so schnell gesehen hatte,obwohl Mini sich kaum bewegt hatte und das Bein vom langsam fließenden Wasser verdeckt war, antwortete sie: „Sie hat sich gestern bei einem Erdrutsch verletzt. Ich kann aber keine Wunde erkennen.“
Der Gnom kam näher: „Darf ich mir das mal ansehen, wir Gnome sind dafür bekannt, wahre Wunder zu bewirken.“ „Dafür seid ihr zwar nicht bekannt,“ meinte Thea, „aber schaden kann’s ja nicht.“. “Wie meinst du das denn“ wollte der Gnom wissen, während er fachmännisch das ganze Pony begutachtete. „Ach, soweit ich weiß, seid ihr Fleischfresser und Kannibalen“. Der Gnom sah sie erstaunt an und hielt eine Weile inne. Dann sah er sich kopfschüttelnd das kranke Bein an. „Übrigens, ich bin Kardir“ stellte er sich vor. „Ich schätze die Kleine hat eine Muskelzerrung.“
„So weit war ich auch schon“ entgegnete Thea. „Und warum zauberst du sie dann nicht gesund?“ fragte der Gnom, aufrichtig verwundert. Thea musste wieder lachen: „Ja, wie denn?“ „Na ja, ihr Zwerge zaubert doch und wenn man nicht aufpasst, ist man ein Baum oder Stein und so lange verdammt bis der Zauberer stirbt.“
Diesmal war es Thea, die in lautes Gelächter ausbrach. „Wir!?“ rief sie aus. „Wir doch nicht, was wir gut können ist kochen und essen“ japste sie. Kardir sah sie kurz zw eifelnd an und stimmte dann in ihr Gelächter mit ein. „Na so was“ keuchte er. Als sie sich beruhigt hatten, half Thea Kräuter zu sammeln, aus denen Kardir eine Paste für Minis Bein machen wollte. Das musste sie unbedingt Mattis erzählen, der würde Augen machen.
Wie aufs Stichwort hörten Kardir und Thea plötzlich eine, auf jeden Fall für Zwerge, laute Stimme so gebieterisch wie möglich: „Halt, lass Thea in Ruhe!“ Die beiden drehten sich verdutzt um. Mattis stand mit einem Stock bewaffnet, zitternd, aber dennoch erstaunlich mutig, vor dem gut einen Kopf größeren Gnom. Noch bevor Thea etwas erwidern konnte, hieb er mit dem Stock kraftvoll auf den verdutzten Kardir ein. „Nicht!“ rief Thea aus „du tust ihm ja weh“ und zerrte Mattis von dem Gnom fort.
„Aber das ist doch...“ fing Mattis an. „Ja, ich weiß, ein Gnom“ sagte Thea. „Ich mache euch mal bekannt“. Sich dem Gnom zuwendend sagte sie „Kardir, dies ist Mattis, mein Gefährte. Er hatte Angst um mich und wollte mich beschützen. Mattis, das ist Kardir. Er ist zwar ein Gnom, aber er isst kein Fleisch und seine ganze Familie auch nicht. Dafür versteht er viel von großen und kleinen Pferden“.
Puh, das hätte leicht eskalieren können, dachte Thea. Zum Glück schien die Situation nun gerettet zu sein. Kardir und Mattis beäugten sich immer noch misstrauisch. „Haust Du immer gleich mit dem Knüppel drauf?“ fragte Kardir während er seinen Kopf abtastete, wo der Stock ihn getroffen hatte. „Nein“ antwortete Mattis. „Eigentlich nie. Tut mir leid, aber eben habe ich richtig Angst um Thea gehabt. Und über euch Gnome haben wir so viele Gruselgeschichten gehört...“.
„Ja, das sagte Thea auch schon. Wir sollen sogar Kannibalen sein. Über euch haben wir gehört, dass ihr zaubern könnt und Gnome in Steine und Bäume verwandelt. Außerdem sollt ihr hinterlistig und gemein sein. Anscheinend ist das alles Unsinn“. Kardir bereitete schnell eine Paste aus den Kräutern und dachte nach.
„Ich würde zu gerne wissen“, sagte er während er die Paste auf Minis Bein auftrug, „woher diese blöden Geschichten über die Zwerge und die Gnome kommen.“
Er stand auf und reckte sich, was ihn noch größer erscheinen ließ. „Gebt dem Pony bis morgen Ruhe. Die Paste muss morgen früh abgewaschen werden. Dann dürfte die Schwellung zurückgegangen sein und das Bein kann vorsichtig wieder belastet werden. Ich muss jetzt gehen“. Er nickte ihnen zu, drehte sich um und verschwand wieder im Unterholz. Seine Geräusche wurden schnell leiser und verstummten dann ganz.
Kardir ließ zwei verwirrte Zwerge zurück. Das alles war einfach zu aufregend für die Bewohner des friedlichen und gemütlichen Nimmersangtals. Der Nimmerberg war so unendlich groß und sie hatten sich nie Gedanken darüber gemacht, was es wohl dahinter gab. Natürlich wusste man, dass es Gnome, Grolme und Riesen gab, aber sie waren doch immer so weit entfernt, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, ihnen jemals zu begegnen. Der Gedanke an Grolme und Riesen in der nächsten Schlucht ließ beide schaudern. Und dann hatten sie auch noch einen waschechten Gnom getroffen. Gnome hatten zwar ein furchterregendes Äußeres, aber sie waren nicht bösartig, wie sie immer gehört hatten – vorausgesetzt Kardir war nicht die Ausnahme von der Regel. Nachdenklich schaute Thea in die Richtung, in die er entschwunden war. Wo er wohl wohnte? Nie hatte sie irgendwo eine Gnombehausung gesehen (und war bisher sehr froh darüber gewesen). Sie wünschte beinahe, Kardir könne sie beide in diesem gefährlichen Gebiet begleiten.
„Wir bringen Mini zurück in den Stall“, unterbrach Mattis ihre Gedanken. „Dann verbringen wir diese Nacht noch in der Taverne. Mit Mini können wir heute sowieso nicht mehr weiter und es ist auch schon viel zu spät. Es wäre auch wichtig, vorher etwas mehr über die Grolme herausfinden und über die Gerüchte über Gnome und Zwerge. Vielleicht ist der ältere Zwerg noch da. – Und dann müssen wir Kardir suchen“, fügte er nachdenklich hinzu. Sie führten Mini zu Mickey in den Stall, streichelten sie und sahen ihnen noch eine Weile beim Fressen zu, in ihre Gedanken vertieft über Grolme, Riesen, Gnome, Erdrutsche und all die Gefahren, die sie bestanden hatten und die ihnen wohl noch bevorstanden. Vielleicht sollten sie so schnell wie möglich in ihre Heimat zurück? Aber nein, das konnten sie nicht. Sie hatten schon auf dem Hinweg große Mühe, die Lücke im Weg zu überwinden. Und für Mini war dieser Weg unmöglich. Außerdem mussten sie herausfinden, was die Grolme vorhatten. Vielleicht war das Nimmersangtal in Gefahr und sie beide waren dazu bestimmt, es zu retten. Wie sollten aber zwei kleine Zwerge das nur anstellen? Vielleicht sollten sie Kardir fragen, ob er sie begleiten wolle? Seine Größe könnte hilfreich werden. Etwas verunsichert, aber voller Tatendrang, kehrten sie in die Taverne zurück.
Vor der Taverne nahm Mattis Thea beiseite und fragte sie, woher sie die Gerüchte um die Gnome kannte. Sie entgegnete ihm, dass die alte Martha immer über die Gnome erzählt habe. Es kam nur ein leises "hhmmm" von Mattis zurück. „Uns hat immer Otto von den Gnomen erzählt“. Thea stieß mit aufgeregt piepsiger Stimme aus: "Das ist der Mann von Martha"! Man konnte fast die Rauchwolke über Mattis Kopf sehen, wie er darüber nachdachte. „Wir werden erstmal den Wirt darüber befragen, aber stürz nicht gleich auf ihn los und bombardier ihn mit Fragen“, sagte Mattis.
Beide gingen in die Taverne. Der Wirt stand alleine an der Theke und zapfte gerade ein zwergisches Starkbier in einen Humpen. Mattis wollte gerade Luft holen, um den Wirt erstmal in ein Gespräch zu verwickeln, da platze Thea von hinten schon mit fünf Fragen auf einmal auf den Wirt zu. Der Wirt stand kurz verdutzt da, so dass der Humpen etwas überlief. „Nun mal langsam, junge Dame“, sagte der Wirt mit einem Lächeln im Gesicht. „Setzt euch erstmal, ich bring euch etwas zu Trinken und werde euch dann eine Geschichte erzählen.“
Aber bevor er erzählen konnte, mischte sich ein alter grauer Zwerg ein. Er hatte erstaunlich ausgeprägte rundliche Wangenknochen und dichte Haare, sowie einen Bart. Sogar die Arme wiesen Haare auf, für einen Zwerg ziemlich viele sogar. „Wisst ihr, laut einer Legende lebten vor langer Zeit, lange vor eurer Geburt, Zwerge und Gnome friedlich zusammen…“ „Ach, hör doch mit den alten Geschichten auf, Griesgram!“ warf ein anderer Zwerg ein und wandte sich ab. Auf die fragenden Blicke von Thea und Mattis hin, setzte Griesgram der Graue seine Geschichte fort: „Um ehrlich zu sein, lebten sie nicht nur friedlich nebeneinander, sie waren eins. Damals gab es noch keine Zwerge und keine Gnome, und keine Grolme. Statt ihrer gab es die Mobbler. Sie lebten in einem wunderschönen Königreich. Vereint mit Einhörnern, Drachen, Elfen, Feen, Zentauren, Pegasi und so weiter.“ Thea und Mattis sahen einander zweifelnd an. Einhörner und Drachen? Die gab es doch nur in Märchen. „Jaja, zweifelt nur. Aber ich sage euch, diese Welt existierte, sie war voller Magie und Zauber und friedlich. Natürlich gab es hier und da Streitigkeiten, aber nichts Ernstes.“ „Was ist passiert?“ wollte Thea trotz ihrer Zweifel doch wissen. Vielleicht wurde es ja eine nette Geschichte. „Nun ja, einige Mobbler, wurden gierig, sie wollten mehr für sich, sie wollten das Königreich für sich. Die Königsfamilie war ihnen im Weg. Also schmiedeten sie einen hinterhältigen Plan und entführten die zukünftige Königin der Mobbler, die Hüterin der Magie und setzten Gerüchte in die Welt, so dass jede Adelsfamile und jedes Dorf das andere verdächtigte und Kriege entstanden. Je mehr die gierigen Mobbler ihre Intrige ausspannten, umso mehr veränderten sie sich. Ihre Gesichter wurden ganz grau und eingefallen, ihre Zähne fingen an zu faulen und ihre Augen wurden ganz gemein und hohl. Ihr Aussehen wurde genauso hässlich und abstoßend wie ihre Seelen. Auch die Magie verabscheuten sie immer mehr.“
Griesgram der Graue hielt inne, sein Gesicht war traurig, als würde er sich erinnern. „Als der Irrtum bemerkt wurde, war es zu spät, Kriege waren entfacht, sie hatten erbittert gekämpft. Die Kluft war zu tief, um wieder zusammenzukommen oder die Entstehung und Ausbreitung der Grolme aufzuhalten. Oder die Zerstörung des Kristalls…“ Griesgram machte wieder eine Pause, bevor er weitererzählte: „So verfiel das Königreich und die finsteren Gestalten wurden immer mächtiger und mehr. Bis schließlich die Mobbler aufgeben mussten. Sie verstreuten und entzweiten sich immer mehr und es entstanden die Gnome und Zwerge. Die alten Adelsfamilien der Mobbler starben aus oder wurden zu Grolmen. Die Grolme veränderten die Magie so, wie sie sich veränderten und der restliche Zauber verflog. Vereinzelt übriggebliebene Drachen verließen das Land und ließen es schutzlos in den Händen der Grolme. Die verbliebenen Elfen und Feen, die nicht im Kristall waren, verschwanden und ohne diese Hüter der Wälder suchten auch die wenigen Einhörner ihr Glück in der Ferne, vielleicht sogar am anderen Ende des Meeres“
Der Alte ist wohl etwas verwirrt, dachte Thea. Was war das denn für eine Geschichte?
Griesgrams Gesicht sah nun sehr alt aus. Schweigend saßen sie da, bis schließlich Mattis fragte: „Was ist mit der zukünftigen Königin passiert?“ Griesgram blickte ihn leer an, es schien als bräuchte er einige Minuten, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren. „Ich…, ich meine, sie haben die Prinzessin gefunden, aber zu spät, das Unheil war schon über das Land gekommen und die Grolme zu mächtig. Selbst der Rat konnte nicht mehr viel tun.“ Traurig sah er Thea lange an. Und etwas wie Hoffnung schien in seinen Augen zu glitzern. „Du siehst ihr gar nicht mal so unähnlich, mit den azurblauen Augen und deinem goldenen Haar!“ murmelte er. Thea errötete unwilkürlich.
„Also, hab ich das richtig verstanden? Zwerge und Gnome waren mal ein und dasselbe, und Grolme?!?“ fasste Mattis zusammen. „Nicht ganz, sie haben denselben Ursprung. Aber die Mobbler waren mächtig und gütig. Sie konnten zaubern und waren Meister in den Heilkünsten. Doch mit ihnen ist auch der Zauber aus dieser Welt verschwunden.“ „Und woher kommen dann all diese Gerüchte über Gnome und Zwerge?“ Griesgram lachte leise auf „Ihr müsst verstehen, das alles war lange, lange vor eurer Zeit. Viel ist seitdem passiert und viel Zeit vergangen. Auch wenn die Adelsfamilien, und selbst Illidan, ihren Irrtum noch zu Lebzeiten bemerkten und der Rat versuchte gegen zu steuern, der Großteil des Königreiches war gespalten und neue Arten entstanden. Und je weiter sie sich entzweiten, um so mehr Gerüchte entstanden übereinander. Natürlich taten die bösen Zungen und Intriganten nichts, um dem entgegenzuwirken. Je weiter Zwerge und Gnome, und alle anderen, sich entzweiten, umso besser für die entstandenen Grolme.“
Theas Stirn war in Falten gelegt, was für eine wirre Geschichte! Und wer war Illidan? Fragend sah sie zu Mattis. Auch ihm war die Verwirrung und Zweilfel anzusehen.
„Die letzte Prophezeiung, “ fuhr Griesgram unbeirrt fort „die Caleidope die Weise in ihrem Brunnen sah, bevor die Magie verschwand, besagte:
Wenn die alten Geschlechter sich vereinen, Und weder Baum noch Fluss mehr weinen, Dann werden wiedergeboren werden, die Magie und der Zauber hier auf Erden.“