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Seit ihrem sechsten Lebensjahr sind sie unzertrennlich. Spielen zusammen. Fallen die Kellertreppe runter. Erst Oliver, dann Althea. Sie zelten im Garten, schwimmen im Atlantik, betrinken sich an Halloween. Küssen sich das erste Mal unter einem Ahornbaum. Er sie; sie ihn. Im Juni. Und als Oliver das nächste Mal aufwacht, ist es August. Während er schläft, fängt Althea an zu rauchen und färbt sich die Haare. Während er schläft, verändert sich alles zwischen ihnen. Und als er aufwacht, ist nichts mehr wie es einmal war.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
»Was wäre dir lieber? Eine Meile barfuß über Legosteine zu laufen oder dir ein Tattoo innen aufs Augenlid machen zu lassen?«
»Das ist doch beides völlig krank.« Olivers Worte sind vor Müdigkeit verwaschen.
»Darum geht’s ja gerade. Also entscheide dich. Ohne lange nachzudenken.«
Althea gibt sich alle Mühe, Oliver wach zu halten, bis sie bei ihm zu Hause sind. Die Seitenfenster sind heruntergekurbelt, bissige Märzluft peitscht durch den Wagen und lässt Altheas blonde Haare wie ein Paar angriffslustige Flügel um ihr Gesicht flattern. Aus dem Radio tönt schrilles Punkrock-Gejaule. Althea muss schreien, um die Musik zu übertönen, aber Oliver, den Kopf hinten an den Sitz gelehnt, kann trotzdem kaum die Augen offen halten. Altheas Stimme, die winterliche Kälte und das metallische Knirschen der E-Gitarren rücken immer mehr in den Hintergrund und er dämmert weg.
Er denkt an die zarte Haut unter seinen Fußsohlen und verzieht das Gesicht. Eine Meile ist viel zu lang. »Das Tattoo. Ich nehm lieber das Tattoo.«
Altheas Wettlauf gegen die Zeit kann nicht verhindern, was gleich passiert, aber sie fährt trotzdem, als hinge ihr Leben davon ab, die Lippen fest aufeinandergepresst, während sie noch bei Gelb über eine Ampel rast. »Gleich sind wir da«, sagt sie.
»Sei still«, sagt er. »Lass mich schlafen.«
»Willst du mir etwa den Mund verbieten?«
»Und ob ich das will.«
Es spielt ohnehin keine Rolle mehr. In wenigen Minuten wird er eingeschlafen sein, ganz gleich, wo. Am liebsten natürlich zu Hause im Bett, aber der Beifahrersitz im Toyota seiner besten Freundin wäre nun auch nicht das Schlimmste. Vorhin, in der Schule, ist er im Chemielabor eingenickt, in gefährlicher Nähe zum Bunsenbrenner.
»Ich bin so müde«, sagt er.
»Ich weiß.«
»Und du? Was wäre dir lieber?«, fragt Oliver. Das Sprechen fällt ihm schwer, seine Zunge ist dick und unkooperativ.
»Das Tattoo. Ist doch klar.« Althea unterstreicht ihre Worte, indem sie den Fahrer vor ihnen anhupt, der für ihren Geschmack viel zu langsam über die College Road schleicht.
Oliver öffnet den Reißverschluss seiner Jeans, hebt die Hüften vom Sitz und ruckelt so lange hin und her, bis ihm die Hose auf die Knöcheln rutscht. Er trägt seine kirschroten Lieblings-Boxershorts, und ihr Anblick wirkt kurzzeitig erheiternd.
»Stimmt was nicht mit deiner Hose?«, fragt sie.
»Ich will schon mal möglichst viele Hindernisse aus dem Weg räumen«, sagt er.
»Du hättest erst die Schuhe ausziehen sollen.«
»Scheiße.« Er starrt auf seine Hosenbeine hinunter, die an den Fersen seiner Turnschuhe festhängen, und die vor ihm liegende Aufgabe scheint ihm unüberwindlich. Kraftlos strampelt er mit den Füßen, die sich aber nur noch weiter im Jeansstoff verfangen. Er stößt ein verärgertes Grunzen aus.
»Lass es doch einfach«, sagt Althea. »Ich mach das, wenn wir da sind.«
Ihr zuliebe setzt sich Oliver wieder aufrechter hin, stützt den Ellbogen auf die Fensterkante und legt den Kopf in die Hand. »Ich habe auch was für dich.«
»Lass hören.« Althea dreht die Lautstärke runter, damit er nicht über Rocket from the Crypt hinwegschreien muss.
»Was wäre dir lieber …« Sein Kopf kippt nach vorn, aber er richtet ihn gleich wieder auf. »Was wäre dir lieber …« Althea biegt in ihre Straße ein und sein Widerstand schwindet. Gleich liegt er oben unter seinem Federbett und muss nicht mehr kämpfen.
Sie boxt ihn gegen den Arm. »Oliver!«
»Jaja, schon gut.« Sie rollt die Einfahrt vor seinem Haus hinauf. »Eigenhändig einen Hundewelpen umzubringen …«
»Du meinst, erwürgen?«, fragt Althea, während sie den Motor abstellt und ihren Sicherheitsgurt öffnet.
»Egal, von mir aus auch im Eimer ertränken.« Oliver tastet nach dem Verschluss an seinem Gurt.
»Das gefällt mir jetzt schon nicht.«
Althea kommt zu ihm herum und kauert sich vor die offene Tür. Unter der zusammengeschobenen Jeans tastet sie nach seinen Schnürsenkeln, bindet sie auf und zieht ihm die Schuhe aus. Die Hose rutscht ihm ohne weitere Gegenwehr von den Beinen. »Alles klar«, sagt Althea und tätschelt ihm den Knöchel.
Oliver steigt in Socken und Unterhose aus dem Wagen, den Rucksack immer noch über den schwarzen Kapuzenpulli geschnallt. Er taumelt und Althea legt ihm stützend den Arm um die Taille.
»Das Outfit sollten wir uns merken«, sagt sie. »Ein echter Knaller. Allerdings eher was fürs Frühjahr.«
Während sie die Verandastufen hinaufgehen, kramt Oliver den Schlüssel hervor. Auf der anderen Straßenseite fegt Mrs Parker, ihre ältliche Nachbarin, in einem dunkelblauen Stepp-Hausmantel den Gehweg und mustert den hosenlosen Oliver mit unverhülltem Interesse. Seine Hand wackelt vor dem Schlüsselloch, sein Blick verschwimmt und er hört, wie Metall über die abblätternde weiße Türfarbe kratzt. »Guckt sie zu mir rüber?«
»Lass sie doch glotzen, die neugierige Ziege.« Althea entwindet ihm sanft den Schlüssel und schließt selbst auf. »Was ist denn nun meine Alternative? Zu dem Welpen?«
Nebeneinander steigen sie die Treppe hinauf, er stützt sich jetzt schwer auf sie. Sie führt ihn in sein Zimmer, schlägt die Daunendecke zurück und bringt ihn ins Bett. Die Laken gleiten sanft über seine nackten Beine. Als sie noch Kinder waren und Flanellschlafanzüge trugen, haben sie oft im Dunkeln gelegen und so lange mit den Beinen unter der Bettdecke gestrampelt, bis durch die Reibung grüne Funken sprühten. Oliver schmiegt seinen Kopf ins Kissen.
»Oder irgendeinen Menschen mit einem Präzisionsgewehr aus einer Meile Entfernung zu erschießen«, schließt er.
»Dazwischen habe ich die Wahl? Einen Welpen zu ertränken oder einen Fremden zu erschießen, den ich nicht mal sehen kann?« Er spürt ihr Gewicht neben sich auf dem Bett, ihre kühle Hand auf seinem fieberheißen Gesicht, während sie über seine hypothetische Frage nachdenkt. Ihre Stimme klingt amüsiert, aber schon weit entfernt.
»Hmhmm. Was wäre dir …« Nicht mal den Satz kann er noch zu Ende bringen. Wenn er aufwacht – wann immer er aufwacht –, wird es sich so anfühlen, als läge zwischen diesem und dem nächsten Moment nur ein unsicherer Sprung. Und dann kommt wieder diese Panik, im Schlaf etwas Wichtiges versäumt zu haben – eine Abschlussprüfung, eine Geburtstagsfeier, ein Fußballspiel auf der Stürmerposition. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, das ist sicher, denn eigentlich hätte es nicht noch mal passieren dürfen, ist es nun aber doch. Vielleicht müsste er sich stärker dagegen wehren, aber er ist so müde, und es ist einfach herrlich, jetzt hier in seinem Bett zu liegen. Manchmal gibt es nichts Schöneres, als aufzugeben, diese schuldbewusste Erleichterung, gepaart mit einer gesunden Portion von Ihr-könnt-mich-alle-mal, und er würde Althea gern bitten, sich keine Sorgen zu machen, denn jeder braucht irgendein Laster, und das hier ist eben seins.
»Ich sag’s dir, wenn du aufwachst. Merk dir wo wir stehengeblieben sind«, flüstert sie, und dann ist er weg.
Althea bleibt noch bei ihm. Sie dreht sich auf den Rücken und betrachtet die Ansammlung von Plastiksternen oben an der Decke, die allmählich zu leuchten beginnen, während das Tageslicht schwindet und die vertrauten Umrisse von Olivers Zimmer in die Schatten zurückweichen. Der winzige Fernseher hockt oben auf der zerschrammten Holzkommode, seine Antenne steht wie Hasenohren zu beiden Seiten ab, und das rote Stand-by-Lämpchen des Videorekorders glüht gespenstisch. Den selbst gebauten Schreibtisch hat sie Oliver zum letzten Geburtstag geschenkt: eine Sperrholzplatte, mit einer Collage aus den Hüllen seiner Lieblingsplatten beklebt, getragen von zwei Sägeböcken, die Althea auf einer Baustelle in der Innenstadt geklaut hat. Eine Sammlung alter Kino- und Konzertkarten, herausgerissene Seiten aus Altheas Skizzenbuch und einige Fotos von ihnen beiden sind an der riesigen Pinnwand befestigt. Die Fotoserie kennt sie auswendig: das erste Foto mit sechs Jahren, vor dem Weihnachtsbaum bei ihr zu Hause, Oliver noch ganz winzig und in eine Lichterkette gewickelt; das nächste mit neun, auf dem Oliver stolz sein eingegipstes Handgelenk in die Kamera hält, während Althea neidisch am Bildrand steht und schmollt; dann eins mit zwölf, Althea mit einem Paar pinkfarbener Boxhandschuhe an den Fäusten, während Oliver sich schützend die Arme vors Gesicht hält; dann das mit vierzehn, wo sie vor ihrem ersten Schultag an der Highschool auf Altheas Veranda stehen, Althea mit kreuzunglücklicher Miene, Oliver hingegen seltsam begeistert; und das letzte mit sechzehn, betrunken auf einer Halloween-Party, als Sid und Nancy verkleidet, wo sie irgendetwas in die Kamera brüllen.
Wäre er nur fünf Sekunden länger wach geblieben, hätte sie ihm seine Frage beantwortet, obwohl er sich bestimmt schon gedacht hat, dass sie den Welpen verschonen würde. Seit zehn Jahren sind sie nun schon beste Freunde, da kann man den anderen nicht mehr so leicht überraschen. Die Ziffern auf dem Radiowecker stellen sich um und zeigen die nächste Minute an. Althea zählt so gleichmäßig wie möglich bis sechzig – eins, zwei, drei –, ist aber trotzdem als Erste fertig, und mehrere Sekunden kriechen noch dahin, bevor der Wecker zugibt, dass eine weitere Minute vergangen ist. Wie viele müssen noch vergehen, bis er wieder aufwacht?, fragt sie sich. Das letzte Mal waren es zwei Wochen. Da musste man schon verdammt lange zählen.
Ein Tag vergeht, dann noch einer, und noch einer. Jeden Morgen, wenn Althea auf dem Weg zur Schule bei Oliver vorbeikommt, fährt sie etwas langsamer – sie rechnet nicht damit, dass er vor dem Haus auf sie wartet, hofft es aber trotzdem. Nachts kann sie nicht schlafen, und in der Schule fallen ihr die Augen zu, trotz der allgegenwärtigen Thermoskanne Kaffee. Ein Lehrer macht sich über sie lustig, als sie im Unterricht eindöst, und fragt, ob sie sich vielleicht mit Olivers rätselhafter Krankheit angesteckt hat. Ihre Mitschüler kichern, und Althea krümmt sich auf ihrem Stuhl, peinlich berührt von dieser Aufmerksamkeit. Das Mittagessen nimmt sie in ihrem Auto ein, die Beine auf der hinteren Sitzbank ausgestreckt, den Rücken an die Tür gelehnt, als läge sie auf dem Sofa in ihrem Keller, nur dass sie hier aus dem Fenster starrt statt auf den Fernseher. Niemand sucht nach ihr. Nicht, dass sie sonst keine Freunde hätte, aber es sind doch eher Olivers als ihre. Sie findet es ungerecht, dass gerade derjenige, der viel besser dafür gerüstet wäre, ohne den anderen auszukommen, nie dazu gezwungen ist.
Nach der Schule fährt sie nach Hause und backt Zitronenschnitten; Backen lenkt sie ab, es erfordert so viel Aufmerksamkeit, dass sie sich endlich ein bisschen entspannen kann. Abends macht sie sich lustlos an die Mathe- und Chemiehausaufgaben, tut immer nur gerade so viel wie unbedingt nötig und schiebt dann rasch die Bücher beiseite, um ihr Skizzenbuch hervorzuholen. Eingehüllt vom Klang der Musik und vom Geruch frisch gespitzter Bleistifte schaltet sie jenen Teil ihres Gehirns ab, der ihr unablässig den schlafenden Oliver zeigt. Wie zum Beweis, dass sie sich auch allein beschäftigen kann, zeichnet sie eifrig vor sich hin, bis sie überzeugt ist, die Zeit vergessen zu haben, und füllt dabei Seite um Seite mit den Dinosauriern, die sie oft in ihren Träumen sieht.
Sie sind schon öfter voneinander getrennt gewesen, aber diesmal fühlt es sich anders an. Nicht wie früher, als sie noch regelmäßig zu Zwangsbesuchen bei ihrer Mutter geschickt wurde, nach Philadelphia, Chicago oder Denver oder an einen der vielen anderen Orte, an denen Alice gewohnt hatte, seit sie aus Wilmington fortgegangen war – in einer stetigen Bewegung nach Westen, wie eine sich langsam ausbreitende Seuche. Auch damals hatte Althea Oliver vermisst, heftig, auf kindliche Art und Weise, sie hatte ihren gemeinsamen Alltag vermisst, ihre Spiele und die ungezwungene Vertrautheit, umso mehr, als sich das Leben von Alice ständig im Umbruch befand, so dass es jedes Mal einen neuen Partner gab, den Althea kennenlernen sollte, neue Freunde, denen sie vorgeführt werden musste, und immer neue Hobbys und Leidenschaften, die sie gutheißen sollte.
Die Veränderung war im letzten Oktober eingetreten, als Garth, Altheas Vater, zu einer Tagung verreist war und Althea auf Olivers Drängen hin eine Party gegeben hatte – ein vergeblicher Versuch, sie zu mehr Geselligkeit zu ermuntern. Den ganzen Tag lang hatte Oliver sämtlichen Plunder von Garth in Noppenfolie gewickelt und auf dem Dachboden verstaut; sie hatten die Perserteppiche zusammengerollt und ins Schlafzimmer geschleppt. Vor allem aber, so beschlossen sie, mussten sie eine Beschäftigung finden, die die Gäste im Garten hielt, damit sie nicht durchs Haus streiften und alles Mögliche stahlen oder kaputt machten. Weshalb sie am Ende ein billiges, aufblasbares Planschbecken mit Götterspeise füllten und auch diese Party in eine Riesensauerei verwandelten. Viele der Mädchen konnten es kaum erwarten, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und in dem Glibberzeug mit Kirscharoma herumzuplanschen. Althea selbst begnügte sich damit, am Beckenrand zu stehen, abgestandenes Bier zu trinken und zu beklagen, dass sie keinen Eintritt verlangt hatten. Weder Bitten und Betteln noch ein steigender Alkoholpegel konnten sie dazu bewegen, in den Ring zu klettern, bis Oliver sie fragte, ob sie wirklich so große Angst vor einem Haufen betrunkener Partymiezen hätte. Das tat seine Wirkung. Sie schlüpfte nur rasch aus ihren Flip-Flops, stieg ins Becken, wo ihr die zermatschte Gelatine zwischen den Zehen hervorquoll, und forderte die Umstehenden zum Kampf; eine Stunde später war sie immer noch ungeschlagen. Als Letzter sprang Oliver selbst in den Pool, um auf sie loszugehen, und sie rangen miteinander, unter dem Sternenhimmel des Südens, ein Knäuel aus klatschnassen Kleidern und glitschigen Leibern, die nach ekelhaft süßem Hustensaft rochen.
Die Wolken kamen wie aus dem Nichts. Ein Blitz; irgendwer sagte »Ach du Schei…«, doch seine Stimme wurde vom Donnergrollen abgeschnitten. Es begann zu schütten und alle rannten ins Haus, darunter auch ein Dutzend Mädchen, die nichts am Leib hatten als ein bisschen Unterwäsche und Götterspeise; Mädchen, die überall kirschrote Fußabdrücke hinterließen, sich auf die Möbel setzten und sich mit Garths monogrammverzierten Handtüchern abtrockneten, bis das Haus der Carters schließlich aussah wie der Schauplatz eines Massenmords. Althea und Oliver blieben im Pool, ließen sich nass regnen und zuckten bei jedem Donnerschlag zusammen. Althea hatte nur ein paar Biere getrunken, gab sich aber betrunkener, als sie war, quasi zur Tarnung, denn während sie zusah, wie das Regenwasser in kleinen rosa Bächen über Olivers Schläfen und Unterarme rann, war ihr etwas Entsetzliches klar geworden: Sie wollte, dass er sie küsste.
Er hatte es nicht getan.
Am nächsten Tag war Oliver nur noch ein Häufchen Elend, das angstvoll zitternd der Rückkehr von Garth entgegensah; während er darum betete, die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen, wollte Althea unbedingt ein morbides Was-wäre-dir-lieber-Spiel spielen: Würdest du lieber zusehen, wie der andere stirbt, oder selbst als Erster sterben, während der andere dir dabei zusehen muss? Stundenlang putzten sie wie besessen. Am Ende hatte Althea ihn nach Hause geschickt, weil er Fieber bekam. Er ging früh zu Bett, wo er dann auch den Großteil der nächsten beiden Wochen verbrachte, und in dieser Zeit war ihr aufgefallen, dass sie ihn anders vermisste als früher. Sie vermisste ihn mit einer Ungeduld und Erwartung, als wären sie mitten im Gespräch unterbrochen worden, gerade als er ihr etwas Wichtiges mitteilen wollte, so dass sie nun gezwungen war, auf den richtigen Moment zu warten, um endlich fragen zu können »Was wolltest du damals sagen?«. Sie vermisste etwas, das noch nicht mal geschehen war und auch erst geschehen konnte, wenn Oliver wieder wach und zurechnungsfähig war und ihr endlich Aufmerksamkeit schenken würde.
Ausgerechnet ihre Mutter hatte diese Veränderung als Erste gespürt und Althea eines Tages am Telefon rundheraus gefragt, ob sie und Oliver miteinander schliefen.
»Ich gehe nicht davon aus, dass dein Vater mit dir über Verhütung redet«, hatte sie begonnen, und Althea war ihr sofort mit der Bemerkung ins Wort gefallen, dieses Thema hätten sie in der Schule schon ausführlich behandelt. Doch Alice war nicht zu bremsen gewesen. »Ihr werdet doch wohl nicht mehr ständig beim anderen übernachten, oder? Dafür seid ihr inzwischen zu alt, weißt du; ihr könnt jetzt nicht mehr im selben Bett schlafen wie früher, als ihr klein wart.«
»Bisher konnten wir unsere Hormone gerade noch im Zaum halten.«
»Du solltest dir die Pille verschreiben lassen. Dazu brauchst du nicht mal die Einwilligung deines Vaters.«
»Ich hab doch gerade gesagt, ich habe keinen Sex. Warum sollte ich die Pille nehmen?«, hatte Althea geantwortet.
»Vielleicht würde dann auch dein Busen größer.«
Althea hatte ihrer Mutter nie erzählt, dass sie sich für ihren flachen Busen schämte, und war deshalb umso erstaunter gewesen, dass Alice, obwohl sie seit Monaten nicht mehr miteinander telefoniert hatten, diesen zutiefst persönlichen Kummer sofort erkannt hatte. Vor lauter Verlegenheit hatte Althea den Hörer an Garth weitergereicht, der dann das Gespräch in seinem Arbeitszimmer, hinter verschlossener Tür, zu Ende führte. Mit hochrotem Kopf war er wiederaufgetaucht, hatte sich einen Scotch eingeschenkt und seitdem dafür gesorgt, dass die Kellertür offen blieb, wenn Oliver da war. Die augenscheinliche Überzeugung ihrer Eltern, sie und Oliver würden bereits jetzt oder jedenfalls demnächst miteinander schlafen, hatte zur Folge, dass Althea sich des Nachts nur noch verzweifelter im Bett herumwarf und sich fragte, warum Oliver als Einziger nicht zu bemerken schien, was alle anderen offenbar für Gewissheit hielten.
»Zwischen Oliver und mir passiert überhaupt nichts«, hatte Althea am Telefon protestiert, und im Nachhinein wird ihr klar, dass gerade diese Heftigkeit sie verraten hat.
»Ach, Thea«, hatte Alice gesagt, »hab Geduld.«
Eine Woche später wird Althea von Oliver geweckt. Sie hört ihn im Dunkeln die Kellertreppe hinuntertapsen, erkennt seinen vertrauten Schritt. Garth hat einen tiefen Schlaf, und Oliver schlüpft schon seit Jahren heimlich mit seinem eigenen Schlüssel ins Haus der Carters. Der Uhr zufolge ist es schon fast drei. Oliver setzt sich auf die Sofakante und legt ihr den Arm um die Taille.
»Da bist du ja«, murmelt sie und dreht sich auf den Rücken. Die Decke gleitet zur Seite und ihr T-Shirt rutscht hoch. Er beugt sich vor und beißt ihr sanft in die Schulter, durch den Baumwollstoff spürt sie seine Zähne in ihrer Haut. »Wann bist du aufgewacht?«
»Ich hab Hunger«, sagt er. »Ich will ins Waffle House.«
»Das Waffle House ist ekelhaft.«
»Ich will ins Waffle House.« Olivers Augen sind glasig und verquollen, mit einem zartvioletten Glanz auf den Lidern. Seine eisigen Finger ruhen auf ihrem nackten Knie, und ihr Bein überzieht sich mit einer Gänsehaut.
»Du kannst das Waffle House nicht leiden«, sagt sie.
»Mir egal.«
»Soll ich dir nicht lieber ein Sandwich machen?«
»Es muss das Waffle House sein.« Oliver umschlingt seine Knie, wiegt sich vor und zurück und singt dazu »Waffeln, Waffeln, Waffeln«, mit einer Kleine-Jungen-Stimme, die sie zuletzt von ihm gehört hat, als sie noch Stützräder am Fahrrad hatten. Es war klar, dass er nach diesem zweiten Schub durcheinander sein würde, doch mit dieser eigentümlichen Regression hat sie nicht gerechnet.
»Bist du eben erst aufgewacht? Weiß Nicky Bescheid?«
»Waffeln, Waffeln, Waffeln.« Inzwischen hat er das Wort schon so oft wiederholt, dass es Gefahr läuft, jegliche Bedeutung zu verlieren. Altheas Gänsehaut breitet sich bis zu den Armen aus. Das Sofa erbebt im Takt von Olivers beharrlichem Geschaukel. So hat sie ihn noch nie erlebt, und sie wird alles tun, was er verlangt, wenn er nur mit diesem gruseligen Singsang aufhört.
»Na gut«, sagt sie langsam. »Hör auf mit dem Scheiß und du kriegst deine verdammten Waffeln.«
Sie rutscht vom Sofa herunter und streift sich in einer dunklen Ecke des Kellers ihre Jeans über. »Wie ist es draußen?«, fragt sie.
»Kalt«, antwortet er, aber als sie nach den Autoschlüsseln greifen will, hält er ihren Arm fest. »Lass uns zu Fuß gehen.«
Auf dem Weg zur Hintertür bindet sie ihr Haar mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz zusammen. Als sie damit fertig ist, nimmt er ihre Hand und steckt sie in seine Jackentasche. Er geht auf keine ihrer Fragen ein, doch sie hat ihn so sehr vermisst, dass es ihr vorerst genügt, mit ihm unter den Straßenlaternen entlangzugehen, seine Atemwolken in der Kälte zu sehen und zu spüren, wie sich ihre Daumen in der Tasche seines schwarzen Kapuzenpullovers einen Ringkampf liefern. Die Nacht ist klar und die Luft riecht nach Meer.
Oliver sagt kein Wort. Stattdessen singt er Welcome to the Jungle zweimal von vorn bis hinten durch. Hin und wieder bleibt er stehen, um hingebungsvoll auf seiner Luftgitarre zu spielen, wobei die Sehnen an seinem Hals vor Anstrengung hervortreten.
»Alles okay?«, fragt sie, als er mit dem Dacapo durch ist. Eine blöde, banale Frage, aber sie muss einfach irgendetwas sagen.
»Ich hab Hunger«, antwortet Oliver.
Die Waffle House-Logo besteht aus Buchstaben, die wie riesige Scrabble-Steine aussehen. Drinnen riecht es nach Sirup und Zigaretten. Die meisten der zehn, zwölf anderen Gäste sind LKW-Fahrer und Studenten, alle in ihre eigenen nächtlichen Gespräche vertieft. Althea und Oliver setzen sich nebeneinander in eine Nische, Oliver am Fenster, und legen die Füße auf die Bank gegenüber, die Gummisohlen ihrer Turnschuhe quietschen auf dem Kunstleder. Ihre Beine sind genau gleich lang. In der ersten Hälfte ihrer Highschool-Zeit ist Althea immer die Größere gewesen, doch im Verlauf des letzten Jahres hat Oliver sie eingeholt. Die Jeans, die sie trägt, gehört eigentlich ihm.
Die Bedienung kommt an ihren Tisch, eine kleine rothaarige Frau mit einer Lücke zwischen den Schneidezähnen, Gesicht und Arme mit Sommersprossen übersät. Sie nimmt ihre Bestellung auf. »Ich bring euch erst mal den Kaffee.«
Oliver starrt Althea voller Panik an und zupft wie ein bettelnder Hund an ihrem Hosenbein. »Ich sterbe vor Hunger.«
»Ich weiß.«
Endlich kommt Olivers Essen, und es kommt immer noch mehr – Pekanwaffeln, Käse-Schinken-Omelett, zwei Sorten Kartoffelpuffer und Maisgrütze. Althea trinkt ihren Kaffee, während er alles in sich hineinschlingt, den Arm schützend um seine Teller gelegt, als könnten sie ihm jeden Moment weggenommen werden. Er isst geräuschvoll, ohne aufzusehen oder sich mit ihr zu unterhalten, und kaut mit offenem Mund auf großen, breiigen Bissen herum. Ein angekautes Stück Waffel fällt auf seinen Teller zurück und landet an der Stelle, wo Ahornsirup und Maisgrütze ineinanderlaufen. Althea unterdrückt ein Würgen und schaut schnell weg, aus dem Fenster, auf den Verkehr, der auf dem Highway vorbeirauscht, und ihr geisterhaftes Spiegelbild starrt aus der Scheibe zurück.
Als Oliver fertig ist, räumt die Kellnerin ab und legt die Rechnung auf den Tisch. Oliver gähnt, offenbar gesättigt, und reckt die Arme über den Kopf. »Mann, bin ich müde.«
»Du hast doch gerade erst eine Woche lang geschlafen.«
Noch während sie ihren Einwand vorbringt, legt er ihr schon den Kopf auf die Schulter. Sein Atem wird tiefer, und Althea erkennt viel zu spät – eine Meile von zu Hause entfernt, ohne Auto und mitten in der Nacht – ihren Irrtum. Es ist noch nicht vorbei, sie hat ihren Oliver noch nicht wieder. Er ist nur kurz aufgewacht, um dieses seltsame Zwischenspiel zu geben, und jetzt gehen gerade wieder die Lichter aus für den zweiten Akt.
Althea schnappt sich die Rechnung vom Tisch. »Komm, wir gehen.«
»Mir gefällt’s hier aber«, sagt er. Er streckt sich auf der Bank aus, legt den Kopf auf ihren Schoß und klemmt die Fäuste unters Kinn.
»Vergiss es. Los, steh auf.«
»Ich hab gesagt, mir gefällt’s hier«, wiederholt er laut und bockig.
Solange Oliver auf ihren Oberschenkeln liegt, kommt sie nicht mal an ihr Portemonnaie heran. »Steh auf«, sagt sie. Die Kellnerin hinter dem Tresen starrt schon zu ihnen herüber.
Er rührt sich noch immer nicht, und so packt Althea ihn am Kragen, zerrt ihn hoch und lehnt ihn gegen die Fensterscheibe.
»Hast du nicht gehört? Ich bin müde!«, nölt er und schlägt ihre Hände weg.
Die Stelle zwischen ihren Schulterblättern zieht sich zusammen, als würde jemand eine Schraube festdrehen. Zu Tode beschämt beobachtet Althea im verschwommenen Spiegelbild der Scheibe die Reaktion der anderen Gäste, deren Gespräche plötzlich verstummen. Die Zigaretten der Studenten qualmen unbeachtet in den Aschern vor sich hin, und ein paar ältere Männer mit Trucker-Caps und Schmerbäuchen stützen ihre breiten Handgelenke auf den Tisch, als wollten sie jeden Moment dazwischengehen. Auf dem Herd hinter dem Tresen brutzeln Bratkartoffeln mit Speck vor sich hin, aber der Koch hat sie vergessen und hält das Pfannenmesser wie eine Waffe vor der fettbespritzten Schürze hoch. Die Jukebox dudelt einen harmlosen Countrysong.
Althea ist ganz zittrig von dem vielen Kaffee. Ihr Körper hat anscheinend die Fähigkeit verloren, seine Temperatur zu regulieren; Hitze breitet sich in ihren Achselhöhlen aus und durchnässt ihr Sweatshirt, doch ihre Hände sind eiskalt und ihr Magen fühlt sich an, als wäre er überhaupt nicht mehr vorhanden. Mit fahrigen Bewegungen holt sie ihr Leinen-Portemonnaie hervor, das mit einem Totenschädel und mehreren, schon in Auflösung befindlichen roten Rosen bestickt ist. Das Geräusch, das der Klettverschluss beim Öffnen verursacht, wirkt in der Stille des Lokals ungeheuer laut. Während sie ihre Dollarscheine abzählt, fangen die Leute an zu tuscheln. Olivers Kopf sinkt auf das rissige rote Kunstleder der Bank zurück.
»Nicht einschlafen«, zischt sie, aber seine Lider flattern und schließen sich. Sie tritt ihn vors Schienbein, heftig, und er fährt hoch, plötzlich wieder hellwach.
»Was soll’n der Scheiß?«, schreit er. Er fuchtelt mit den Armen und wirft den Ketchup und die scharfe Soße um; der Ahornsirup poltert zu Boden und hinterlässt einen zuckerigen Ring auf der Resopalplatte in Holzimitat. Althea hebt das Kännchen hastig auf, doch bevor sie es zurückstellen kann, reißt Oliver es ihr aus der klebrigen Hand und schleudert es quer durchs Lokal. Althea muss hilflos mit ansehen, wie das Gefäß in die offene Küche segelt und mit lautem Scheppern auf dem Grill landet. Plastik verschmort und Sirup verdampft. Der Koch lässt das Pfannenmesser fallen, springt zurück und hebt schützend die Arme, als eine Wolke aus lilaschwarzem Qualm aufsteigt – widerlich süß und giftig. Althea stößt einen leisen Fluch aus und ihr Herz rast wie verrückt in ihrer Brust. Sie lässt den Stapel Scheine auf dem Tisch zurück, packt Oliver am Handgelenk und stürzt mit ihm zum Ausgang, an den Studenten vorbei, von denen sie nur hoffen kann, dass es nicht die ihres Vaters sind. Die LKW-Fahrer lehnen sich wieder in ihre Nischen zurück.
Althea läuft immer weiter, mit so großen, verzweifelten Schritten, dass Oliver kaum hinterherkommt. Jenseits der Hauptstraße wird es langsam hell. Sein Handgelenk immer noch fest im Griff, zerrt sie ihn hinter sich her, im Kielwasser der Scheinwerfer und Abgase vorbeifahrender Autos. Der Verkehrslärm wird schwächer, als sie vom Highway abbiegen und durch die schmalen Vorortstraßen laufen, in denen nur noch ihre scharfen Atemzüge und ihre Gummisohlen auf dem Asphalt zu hören sind. Erst als sie in ihre Straße einbiegen, verlangsamt Althea das Tempo.
Vor Olivers Haus stützt sie die Hände auf die Knie und versucht, wieder zu Atem zu kommen. Ihr Pferdeschwanz hat sich gelöst und das dichte blonde Haar fällt ihr ins Gesicht.
»Warum hast du das gemacht?«, stößt Oliver keuchend hervor. Er klingt wütend.
Durch ihren Vorhang aus Haaren starrt Althea ihn ungläubig an. »Was gemacht?«
»Dieses ganze Theater. Warum hast du das gemacht?« Er schreit jetzt und zieht einen Flunsch.
»Nicht so laut.« Althea richtet sich auf und lässt den Blick über die Häuser ringsherum schweifen, in der Erwartung, gleich irgendwo das Licht angehen und die Nachbarn hinter der Gardine hervorspähen zu sehen.
»Das hättest du nicht tun sollen«, brüllt Oliver.
»Ich habe überhaupt nichts getan. Geh jetzt lieber rein. Du redest eh nur dummes Zeug.« Sie wendet sich ab, doch er packt sie am Handgelenk und zieht sie mit einem Ruck zu sich zurück.
»Warum hast du das getan?«, wiederholt er, mit etwas sanfterer, aber plötzlich auch bedrohlicher Stimme. Der Bewegungsmelder in der Einfahrt tickt weiter vor sich hin.
»Geh rein, Oliver. Und ich geh nach Hause.« Er verstärkt seinen Griff und zieht sie zu sich heran. So müssen die Leute im Waffle House ihn gesehen haben: ein Verrückter, ein gefährlicher Irrer.
»Wo willst du denn hin?«, fragt er. Seine Hand gleitet in den Ärmel ihres Sweatshirts, seine Finger zwirbeln ihre Haut und arbeiten sich unsanft bis zu ihrem Ellbogen vor.
»Hab ich doch gerade gesagt, McKinley. Ich geh nach Hause, verdammt noch mal.«
»Komm schon, Carter. Du weißt doch, ich schlaf nicht gern allein.«
Das grelle Scheinwerferlicht über der Garage strahlt die feinen Härchen auf seinem Hals und seinen Wangen von hinten an, und sein anzügliches Grinsen macht ihr Angst. Der lüsterne Ausdruck auf seinem Gesicht wirkt geradezu grotesk, und sie schämt sich maßlos für ihren Oliver, nicht für diesen Doppelgänger, der sein Gesicht und seine Hände hat, der immer noch ihren Arm umklammert hält. Aber wenn das gar nicht Oliver ist, wer ist es dann? Wer steckt da drin? Mit einem Klicken schaltet sich das Licht in der Einfahrt ab, und Althea wendet sich erneut zum Gehen. Sein Griff wird noch härter und er reißt sie so grob zurück, dass ein heftiger Schmerz durch ihre Schulter schießt.
»Lass mich los!«, schreit sie, ohne noch länger auf die Nachbarn, die Uhrzeit und den heller werdenden Himmel Rücksicht zu nehmen. Ein Müllwagen rumpelt die benachbarte Straße entlang. Oliver gibt sie tatsächlich frei, jedoch viel zu plötzlich. Sie taumelt zurück, als hätte jemand sie gestoßen, und kann ihren Sturz gerade noch abfangen. Oliver streckt ihr die Hand entgegen, doch sie schlägt sie weg, unbeholfen, aber hart genug, dass ihr die Finger brennen.
»Ich bin müde«, sagt er und sackt in die Knie. »So müde.«
»Steh auf«, flüstert sie und versucht ihn vom Boden hochzuzerren. Er wird schlaff, wie ein Demonstrant, der passiven Widerstand leistet, und kippt zur Seite, aber bei ihm ist das keine Absicht. Oliver ist wieder eingeschlafen. Althea lässt ihn sanft zu Boden gleiten, bis er mit der Wange auf dem Gehweg liegt. Er sabbert auf den fleckigen Zement, und sie setzt sich neben ihn, ohne die Kälte zu spüren, die aus den Steinen durch ihre Hose dringt.
Die Haustür öffnet sich und Olivers Mutter, Nicky, erscheint auf der Veranda, und das Flurlicht hinter ihr bildet einen Strahlenkranz um ihr langes braunes Haar.
»Wieso schreit ihr beide euch so ordinär in meinem Vorgarten an?«, fragt sie gereizt, ihre Stimme ein durchdringendes Flüstern. Dann bemerkt sie Olivers Zustand. »Ist er gerade wieder eingeschlafen?«
»Ja.«
Nicky schreitet die Stufen hinab, als stiege sie in das flache Ende eines Schwimmbeckens – vorsichtig, aber voller Anmut, mit einer Hand leicht am Geländer. »Hilf mir, ihn reinzubringen. Ich kann schon die Blicke der Nachbarn auf mir spüren.«
»Wie sollen wir ihn denn tragen? An Händen und Füßen?«
»Wir transportieren doch keine Leiche, Althea. Leg dir seinen Arm über die Schulter.« Sie ziehen Oliver auf die Füße. »Komm schon, Ol, hilf ein bisschen mit.«
Mit einem leisen Grunzen stolpert er vorwärts und entgleitet dabei fast ihrer beidseitigen Umarmung.
»Unglaublich«, murmelt Nicky.
Mit viel Zureden schaffen sie den immer noch schlafenden Oliver ins Haus und legen ihn auf das Sofa. Obwohl Nicky einen Schlafanzug trägt – eine 3/4-Jogginghose und ein langärmeliges Shirt –, hat Althea nicht den Eindruck, als hätte sie geschlafen. Während Nicky ihren Sohn in eine Chenille-Decke hüllt, wartet Althea auf eine Reaktion, irgendein Zeichen, ob sie gehen oder bleiben soll.
»Es tut mir leid«, sagt sie schließlich. »Er ist zu mir in den Keller gekommen und hat gesagt, er will ins Waffle House. Ich habe nicht kapiert, dass er immer noch … na ja, krank ist, deshalb bin ich mit ihm hingegangen.«
»Manchmal wacht er zwischendurch auf, aber dann benimmt er sich seltsam. Nicht so wie sonst. Ist dir sicher nicht entgangen. Kommst du mit in die Küche? Ich mach uns einen Tee.« Die Küche riecht genau wie Nicky – nach Jasmin, Rosenwasser und Tabak. Mit dem Unterarm schafft sie ein bisschen Platz auf dem Tisch, auf dem überall alte Ausgaben der New York Times und mehrere dieser Gummibälle herumliegen, mit denen sie ihre Hände trainiert. Olivers Kunstwerke aus der Grundschule, wellig und vergilbt, zieren immer noch den Kühlschrank. Alles, was hier zu lange herumsteht, ist von einer Schicht aus Asche und Staub überzogen, wie nach einem Vulkanausbruch. Auf den Fensterbänken, hinter den sonnengebleichten erdbeerfarbenen Gardinen, sind Topfpflanzen und Geckos und Ochsenfrösche aus Ton aufgereiht. Eine rostige Gießkanne steht auf dem Spülbeckenrand, an den Turm aus schmutzigem Geschirr gelehnt. Der Toasterofen ist voller Krümel und dafür berüchtigt, regelmäßig in Flammen aufzugehen. Eine Zigarette glimmt in einem geschnitzten Holzaschenbecher vor sich hin. Nicky ist noch keine vierzig, und obwohl Olivers Vater schon vor mehr als zehn Jahren gestorben ist, hat die Witwenschaft sie nicht altern lassen. Eher scheint sie Nicky in einer extrem verlängerten Postadoleszenz festzuhalten, die von Nikotinsucht, Stimmungsschwankungen und ungeselligem Verhalten gekennzeichnet ist; trotz eines nicht abreißenden Stroms von Verehrern geht Nicky fast nie aus. Und obwohl sie sich über die schweigende Missbilligung der Nachbarn beklagt, scheint sie es manchmal fast schon darauf anzulegen, dass doch mal einer von ihnen rüberkommt und ihr nahelegt, einen Kamm zu benutzen, den Rasen zu mähen oder die Ascher zu leeren. Sollten Althea und Oliver als Kinder auch nur die leiseste Hoffnung gehegt haben, ihre beiden alleinerziehenden Eltern zusammenzubringen, so war sie rasch verflogen angesichts einer so unüberwindlichen Gegensätzlichkeit, dass selbst zwei Achtjährige sie nicht übersehen konnten. Der einzige Besuch, den Nicky empfängt, ist Althea, die immer gern zuhört, wenn Nicky von ihrer lange zurückliegenden Zeit in Manhattan erzählt, als sie in einem Viertel namens Alphabet City wohnte, ihren Lebensunterhalt damit verdiente, Hunde auszuführen, und ihre Kleidung für zwei Dollar das Kilo in einem Secondhandladen weit draußen in Brooklyn kaufte. Hin und wieder kommen Sarah und Jimmy zu Besuch, ihre besten Freunde aus jenem Leben. In diesem hier arbeitet sie tagsüber als Masseurin in einem schicken Spa, wo sie den Reichen von North Carolina ihre Chakren öffnet, und sitzt abends auf der Veranda, den Hörer ans Ohr geklemmt, um stundenlang mit Sarah zu telefonieren.
Althea nippt an ihrem Tee, der nach Rauch schmeckt. Nickys Brustwarzen zeichnen sich unter ihrem dünnen Baumwollshirt ab, und Althea schaut weg.
Nicky zieht an ihrer Zigarette und atmet den Rauch stoßweise wieder aus. »Ich geh morgen noch mal mit ihm zum Arzt – oder vielmehr heute. Auch wenn ich nicht mal weiß, zu welchem ich überhaupt gehen soll. Jedenfalls wird er nicht noch einmal mitten in der Nacht bei dir aufkreuzen.«
Für Althea klingt das nicht gut. Was wäre ihr lieber: dieser Oliver oder gar keiner? Die Antwort ist so offensichtlich, dass sich die Frage im Grunde erübrigt. »Er fände es schrecklich, wenn er sehen könnte, wie er sich heute Nacht benommen hat. Er würde sich furchtbar schämen.«
»Wenn Scham sich am Ende als sein größtes Problem herausstellt, werde ich heilfroh sein. Daran ist noch keiner gestorben, glaub mir.«
Stille breitet sich zwischen ihnen aus, und Althea ist sicher, dass sie jetzt beide das Gleiche tun: überlegen, welche unsichtbaren Krankheiten es gab, die einen Jugendlichen tatsächlich umbringen oder ihm zumindest das Hirn ruinieren konnten. Nach einer Weile schüttelt Nicky den Kopf und drückt ihre Zigarette aus.
»Wir wollen mal nicht zu schwarz sehen«, sagt sie. »Es ist schließlich erst zwei Mal passiert. Und du? Musst du dich nicht langsam für die Schule fertig machen?«
Beim Lauftraining an diesem Nachmittag nimmt Althea ihren Platz an der Startlinie ein und bindet erst ihre Schnürsenkel, dann ihren Pferdeschwanz noch mal strammer. Vier weitere Mädchen aus ihrer Mannschaft stehen versetzt an ihren Startblöcken, und obwohl Althea sie nicht absichtlich ignoriert, unternimmt sie auch keinen Versuch, ein Gespräch mit ihnen anzufangen. Oliver hat sie immer wieder gedrängt, es doch mal mit Lacrosse oder Hockey zu versuchen, weil ihr ein Sport, bei dem man mit einem Schläger auf seine Gegner losgehen darf, sicher Spaß machen würde, aber Taktik und Teamgeist interessieren sie nicht. Ihr langer, schmaler Körper ist für Schnelligkeit wie gemacht, und so bleibt sie beim Laufen. Althea hat keinerlei Bedürfnis, mit anderen im Mannschaftskreis zu stehen.
Schmutzig graue Regenwolken ziehen vom Atlantik herüber und die Luft ist feucht, eine klamme Kälte, die einem in die Knochen kriecht. Althea lässt die Arme kreisen, um die Durchblutung anzuregen, während ihr Blick gleichmütig über die Hürden wandert, die einmal um die ganze Bahn herum aufgebaut sind. Kurzstrecke und Hürdenlauf sind ihre besten Disziplinen – harte, schnelle Rennen, bei denen ihr Gehirn mit einem fast hörbaren Klicken abschaltet.
Die erste Hürde, die sie je übersprungen hat, war eine orange-weiße Absperrschranke, an der sie spätabends mit Oliver in der Stadt vorbeigekommen war. Sie stand verlassen in einer Seitenstraße, obwohl es die Baustelle längst nicht mehr gab. Vielleicht war dem Ganzen eine Wette vorausgegangen, oder eine Herausforderung, vielleicht war auch irgendeine Belohnung in Aussicht gestellt worden, jedenfalls stürmte Althea kurz darauf die Straße hinunter. Mehrere Schritte von der Sperre entfernt, sah sie sich schon mühelos darübersetzen – so, wie man schon beim Abwurf weiß, dass der Pfeil in der Mitte der Dartscheibe landen wird. Und sie schaffte es tatsächlich, mit wehenden Haaren, ohne auf Olivers begeisterten Jubel zu achten.
Heute hat sie nur Training – der erste Wettkampf der Saison findet erst in zwei Wochen statt –, aber sie schaut trotzdem zur Tribüne hinüber, wo Oliver normalerweise sitzt. Er ist nicht da, natürlich nicht, aber in diesem Moment setzt die Trainerin die Pfeife an die Lippen, und Althea kauert sich in die Starthaltung. Ihr Magen zieht sich mit einem Mal schmerzhaft zusammen.
Die Trainerin pfeift und Althea sprintet los, stürmt mit pumpenden Armen und Beinen auf die vorderste Hürde zu, doch zum ersten Mal sieht sie den Sprung nicht voraus, und als sie sich abstößt, spürt sie voller Bestürzung, wie sie mit den Zehen hängenbleibt und die Hürde hinter ihr umfällt. Bei der nächsten Hürde ist sie noch immer mit diesem Fehler beschäftigt, und obwohl sie ohne Zögern abspringt, hat sie ihren Rhythmus verloren und ist plötzlich nur noch Vorletzte. Doch statt schneller zu laufen, nähert sie sich jeder weiteren Hürde mit immer größerer Vorsicht, in der Hoffnung, zumindest ansatzweise ein Gefühl von Sicherheit und Souveränität zurückzugewinnen, was aber nur dazu führt, dass sie über Dinge nachdenkt, die eigentlich kein Nachdenken erfordern, bis sie schließlich als Letzte über die Ziellinie stolpert, glühend vor Scham.
Sie ist schweißgebadet, nicht vom Laufen, sondern vor Anspannung und mühsam unterdrückter Panik. Kein aufmunterndes Lächeln, kein anfeuernder Ruf kommt von den anderen Mädchen, und Althea begreift, dass sie sich mit ihrer abweisenden Art offenbar sämtliche Sympathien verscherzt hat. Niemand lacht sie offen aus oder grinst auch nur versteckt, aber Althea kann sich leicht ausrechnen, dass mindestens eines der vier Mädchen, die jetzt wieder an den Start gehen, sich diebisch über diese unerwartete öffentliche Zurschaustellung kompletter Unfähigkeit freut. Althea ist so sehr mit der Frage beschäftigt, welche von ihnen das sein könnte – sie tendiert zu Mary Beth, die schon seit Jahren in Oliver verknallt ist –, dass es einen Augenblick dauert, bis sie bemerkt, dass die Trainerin nach ihr ruft.
»Carter«, bellt die Trainerin und winkt sie heran.
Folgsam trabt Althea zu ihr hinüber. Sie mag die Trainerin so gern, wie sie jeden mag, der nicht Garth, Oliver oder Nicky heißt und daher zu jenen weiten Teilen der Menschheit zählt, aus denen sich ›der Rest der Welt‹ zusammensetzt. Mittelalt, mit kurzen, grauen Drahthaaren und so hervorstehenden Schlüsselbeinknochen, dass Althea sie fast schon ein bisschen eklig findet, gehört die Trainerin noch nicht jener Lehrer-Generation an, die sich kumpelhaft bei ihren Schülern anbiedert. Niemals würde sie ihnen ihren Vornamen oder sonst irgendein persönliches Detail verraten oder sich auf einen Plausch in der Mädchenumkleide einlassen, noch begegnet sie ihnen mit dieser schlecht verhüllten elterlichen Zuneigung, die in anderen Sportmannschaften immer mehr um sich greift. Dieses beidseitige Desinteresse an den eher emotionalen Aspekten des Schulsports hat zu einem lockeren, burschikosen Umgang zwischen ihnen beigetragen, der Althea mit dem merkwürdigen Stolz erfüllt, selbst von ihrer Trainerin kaum Anerkennung zu brauchen.
»Ja, Ma’am?«, sagt Althea.
»Was war denn gerade los?«
»Ich kann sie nicht mehr sehen.«
»Was, die Hürden?« Die Trainerin schaut verblüfft zur Bahn hinüber, wie um sich zu vergewissern, dass kein dichter Nebel über dem Gelände liegt.
»Nein, Ma’am. Die Bewegung – ich kann den Sprung nicht mehr voraussehen, wie ich das sonst immer tue.«
Die Trainerin nickt sofort. »Du blockierst dich selbst. Du denkst zu viel nach. Das musst du abstellen.«
»Ich kann mich nicht konzentrieren.«
»Du konzentrierst dich zu viel.«
»Ja, Ma’am. Aber wie soll ich das abstellen?«
Die anderen Hürdenläuferinnen haben inzwischen ihre Runde gedreht und sammeln sich wieder am Start, wo sie fröhlich schwatzend auf neue Anweisungen warten. Die übrige Mannschaft hat sich auf der Wiese verteilt und dehnt die Oberschenkelmuskulatur.
»Du musst deinen Geist entspannen. Wie beim Einschlafen, wenn du die Augen zumachst. Nur jetzt im Stehen. Und mit offenen Augen.«
Frustriert denkt Althea an all die schlaflosen Nächte, in denen sie sich im Bett herumwälzt und genau das, was die Trainerin beschreibt, nicht fertigbringt. »Ja, Ma’am.«
Sie trottet zu ihrem Platz an der Startlinie zurück.
Im Startblock kauernd versucht sie, ihren Verstand auszuschalten. Sie starrt auf ihre Finger hinunter, die leicht gespreizt auf dem ziegelroten Boden liegen, und lässt ihren Blick verschwimmen, wie beim Um-die-Wette-Starren mit Oliver, aber ihr Gehirn verweigert den Gehorsam. Irgendetwas ist anders geworden. Sie kann die verlorene Fähigkeit noch spüren wie einen amputierten Körperteil, fühlt den Phantomschmerz, den der Abzug dieser Fähigkeit von der kurzen Liste ihrer Begabungen hinterlässt, und sie weiß mit trotziger Gewissheit, dass sie nie mehr zurückkommen wird.
Die Trainerin pfeift erneut, aber diesmal ignoriert Althea den Pawlow’schen Reflex, vorwärtszustürmen, mit Fäusten, die sich wie Kolben seitlich auf und ab bewegen. Stattdessen schaut sie zu, wie die anderen Mädchen die Bahn umrunden, dreht sich dann um und geht, ohne die Rufe der Trainerin zu beachten, vom Platz.
»Die schlechte Nachricht, Oliver, ist die, dass es zum zweiten Mal passiert ist. Und die gute, dass die Ärzte ansonsten nichts feststellen können«, sagt Nicky.
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